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Full text of "Schumann Gesammelte Schriften 1891 B2 Gustav Jansen"

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©efammelte 6$riften 

über 

Jtttfik unb JÜlttftk 

3tücttcr 33anb. 

Sterte Auflage, 
mit SKadjträgen unb (Srtäuterungen 

,£ flw|toi> 3anfen. 




2)rucf unb 93erIog &on ©rettfopf unb Hörtel 
1891. 



Sitte töedjte, inSbeJonbere ba$ ber Ueberjefcimg, vorbehalten. 



1837. 



1* 



HPiUiam SkxnUk flennett. 



9tad^ oielem ©innen, wie idf) beut Sefer jum Slnfang bc8 Saljre« 
1837 etwa» bieten fönnte, wa8 auty fein SBoljlwolIen für un8 belebe, 
fiel mir neben manchem. ®lüdwunfc§.nid)t8 ein, als bafc idf) i§m gleich 
eine glüdlid&e Snbioibualitat felbft öorftelle. ®8 ift bieS leine 33eetIjo* 
benfd&e, bie jahrelangen Sampf nad& fid) jöge, lein JBerlioj, ber Stuf* 
ftanb pxebtgt mit Jpetbenftimme unb ©Breden unb 33ernid)tung um 
fid) verbreitet, vielmehr ein ftiHer, fdjitaer ®eift, ber, tute e8 and) 
unter if)m tobe, einfam in ber §&§e wie ein ©temenwärter fortarbei* 
tet, bem Kreislauf ber @rfdf)einungen nadfjfpttrt unb ber Statur iljre 
®el)eimniffe ablaufet ©ein 9tame ift ber oben angegebene, fein 
SBaterlanb ba8 ©fjafefpeare», toie audf) fein SBorname ber btcfcS ©idj* 
terä. 3n ber Xfjat, war' es benn ein SBunber, wären ftdfj ©icljt* unb 
Xonlunft jo fremb, bafc jene» fiodfjberü^mte Sanb, wie e3 uns ©f)afe* 
fpeare unb Styron gab, nidfjt audj einen SRufifer Ijerüorbringen fönnte! 
Unb wenn fdfjon burdf) ben Kamen gielb, bann burd^ DnSlow, $ot* 
ter, 33iff>op u. a. ein altes SBorurtljeil wanfenb gemalt wirb, um wie 
mel nod) burdf) biefen Sinnigen, an beffen Sßiege fd^on eine gütige 
SJorfe^ung gewagt. §aben nämlidf) grofce SBäter feiten Äinber erjeugt, 
bie wieber grofj in berfelbeit 2Biffenfd(jaft, berfelben Shtnft, fo finb 
bo<$ bie glüdlidj gu preifen, bie fdjon burd) bie ©eburt an i^r Talent 
gefettet, auf iljren SebenSberuf fjingewiefen finb, glüdlidO alfo 9Rojart, 
§aijbn, SeetljoDen, bereu SSäter fdfjlid&te SKufifer waren. 9Rit ber 
SRild) f dfjon f ogen fie SDhtfif ein, lernten im SJinbeStraume ; beim erften 
erwadjenben 33ewuf$tfein füllten fie fidfj ©lieber ber groften gamilie 
ber Silnftler, in bie Slnbere fidfj oft erft mit Opfern einfaufen müffen. 
©lüdlid^ alfo audf) unjer fiünftlcr, ber wo^I manchmal unter ber 



6 



SBittiam ©ternbate Bennert. 



großen Orgel toenn fic fein SSatcr, ber Organift in ©Ijeffielb in ber 
©raffdfjaft $orffl)ire, fpiette, erftaunt nnb feiig gelaufdjt §aben mag. 
SDiit §änbel, an bem bie ©nglänber nichts verbriefet ate fein beutfdfjer 
Sftame, foH feine anbere Station fo öertraut fein ate bie englifdfje. 
SWan §ört Ujn mit 3lnbad)t in ben Sftrdfjen, fingHljn mit Segeifterung 
bei ben @aftmal>len; ja, ßipinäli erjagte, er l)abe einen Sßoftitton 
$änbelfdf)e Strien blafen §ören. Stuc^ ein weniger glücflidjeS 9laturefl 
I)ätte fid) unter biefer günftigen Umgebung fo naturgemäß unb rein 
entfalten müffen. 2Ba3 eine forgfältige Srjieljung in ber fönigtidjen 
Sttfabemie in ßonbon, ßeljrer toic Cyprian Rottet unb Dr. Srotdj, 
unauSgefefcte eigene ©tubien nod) bajugetljan Ijaben mögen, meiß id) 
nid£)t, unb nur fo öiel, baß bem ©dfjulgefpinft eine fo tjerrlidje $ft)d)e 
entflogen ift, baß man i^rem ging, toie fie fiel) jefct im Setter babet, 
je$t t)on ben 331umen nimmt unb giebt, mit feljnenben ärmen nadfj* 
fliegen mödjte. SBie aber einem fo geflügelten ©eifte bie ©d&otle allein, 
auf ber er geboren, ntdf)t für immer genügen lonnte, fo utodjte er 
fid) tooijl oft nadf) bem ßanbe fernen, roo bie ©rften in ber SKufif, 
SDlojart unb SBeetfjoöen, ba8 ßidfjt ber SGBelt erblidt, unb fo lebt er 
benn feit Äurjem in unferer nädjften 9täl)e, ber ßtebling beS ßonboner 
Sßublicumä, ja ber mufifalifdfje ©tolj ganj SnglanbS. 

Sollte iclj nod) etwas über ben ©Ijarafter feiner ©ompofifionen 
fagen, fo märe e3 xoofyl ba3, baß 3ebem im Stügenblicf bie fpredfjenbe 
SBruberätjnlidfjfeit mit 9Kenbel8fol)n auffaßen wirb, ©iefelbe formen* 
fdfjönljeit, poetifcfje Xiefe unb SHarljeit, ibeale 9fieitit>ctt, berfelbe be* 
feligenbe ©inbrud! nad) außen, unb bennod) ju unterf Reiben, ©iefeä 
fie unterfdjeibenbe Sennjeidjen läßt fidf) in i^rem ©piel nod) leidster 
entbed en als in ber Sompofition. 2)a8 ©piel be8 ©nglänberS ift näm* 
lid) öielleidjt um fo öiel jarter (me^r ©etailarbeit), at8 bag STOenbelS' 
fo^nS energifd&er (meljr 8tu8fül)rung im ©roßen). 3ener fdjattirt nod) 
im ßeifeften fo fcin, toie biefer in ben l)errlid)ften ÄraftfteHen erft 
nodf) redfjt öon neuer Äraft überftromt; wenn un3 Ijier ber öerflärte 
SfoSbrucf einer einzigen ©eftalt bewältigt, fo quellen bort toie au8 
einem Äap^aelfdjen Gimmel Ijunberte oon toonnigen ©ngeteföpfen, 
(SttoaS 8le§nlidf)e$ gilt audj öon i^ren ©ompofitionen. SBenn un8 
9Jienbel3fol)n in pljantaftifdfjen Umriffen ben ganjen milben ©puf eine» 
©ommernadfjtötraumS öorfü^rt, fo ließ fidf) 33ennett lieber burd) bie 
giguren ber „luftigen SBeiber öon SBiubfor" jur SRufil anregen;* 



* (5r f^rteb eine Duöertüre btejcm ©tücf bon S^afcfpeare. [@dj. 1852.] 



@. $ecfer, ^ianoforiejonate. 



7 



wenn jener in einer feiner DutJettüten eine gtofje tieffdjlummetnbe 
9ReeteSpdf)e öot unö ausbreitet, fo weift ber anbete am leiSattimen* 
ben @ee mit bem jittetnben STOonbe barin. 2)aS ßcfetc bringt midj 
gleich auf brei ber IteMidjften 33übet öon Söennett, bie eben nebft jwet 
anbeten feiner SBetfe auä) in 2>eutfdjtanb erf Lienen ftnb; fie ljaben bie 
Ueberf Triften : the Lake, the Millstream unb the Fountain [SBetf 10] 
unb ftnb, was ©olotit, 9tatutwa!jtl)eit, bidfjtetifclje Äuffaffung betrifft, 
waljte ©laube SottainS an SKufif, lebenbe, tönenbe ßanbfc^aften, unb 
namentlich bie lefete untet ben §änben beS ©icljtets öott waljtljaft 
jauberifdjer SBirfung. 

9lod) manches mödfjt' idf) mitteilen, — wie bieS nur Weine @e* 
biegte feien ju 33ennettS größeren SBerfen, wie j. SB. fedf)S ©tympljo* 
nieen, .brei ßtatnerconcerten, Dtdjeftetouöettttten ju ^atifiua, ju ben 
Slajaben :c. gehalten, — wie 'et £änbel auSWenbig weiß, — wie et 
alle SKojattfdjen Opetn auf bem ©latriet fpielt, als fätye man fie leib* 
Ijaftig öot fidE), — bodf) fann iclj i^n felbft gat nidf)t mef)t abgalten, 
bet mit fdfjon feit lange übet bie ©d&ultetn fief)t unb fcljon jum jwei* 
tenmale fragt: Then, what do you write? — 33eftet, fdjjteibe iclj nut 
nod), wtt&teft bu'S! 1 ©ufebiuS. 



®t. Sonate für ba« ^tanoforte (in As), SBerf 10. 

S)et Slang mannet Stauten etweeft oft gleid) öon tootnfyetein gute 
• üReinung. @o bet biefeS ©ompomften, beffen ©onate baS ©tfte, was 
mit bis je|t &on feinet £anb befannt wotben. 2)aS 28ott „$anb* 
wünfe^te idf) etwas betont* 2>ie ©onate fdjeint mit nämtidj butdfjauS 
meljt ein SBetf bet §änbe, beS SBetftanbeS, als beS ©eifteS, bet S3e* 
geiftetung. SBenn idf) mandje ©omponiften unb ©ompofitionen einem 
toetftimmten, abet einem Snfttumente &on fernem Xone toetgleicljen 
möchte, fo anbete wiebet einem attju mattjematifd^ fdfjatf im ©injelnen 
gegen einanbet geftimmten, was beStyalb wiebet im ©anjen nidfjt ju* 
fammenltingen will. S)aS Sefetete bejie^e id) auf bie ©onate; fie ift 
nodf) ju ängfttidj abgemeffen, iljte ©infadfjlieit ift nid£)t bie bet Sfteiftet* 
fcljaft fonbetn bie eines unjugenblid&en ©elbftjwangeS, ein Uebel, 
wotan j. 89. auclj bie ganje 93. SHehtfdje ©d^ule mef)t obet weniget 



8 $er alte Hauptmann. 

leibet unb gelitten ^at. #ter unb ba fte^t matt moljl, wie ber Com* 
ponift fid^ ber Äetten entlebtgen möchte, unb an mandjen 9temim8* 
cenjen, bag er mit SBeetljoöen bertraut ifi; im ©anjen will ftd& aber 
mrgenbs bie feinere ©efangeSblüttye entfalten, bte jur männeren ZtyiU 
nafjme an baS SBerf feffelte. gmmerljin totrb es al« eine emfte 8e* 
ftrebung ber allgemeinen Seadjjtung empfohlen* 2. 



Der alte ^ttqrttuunt.' 

8113 geftern ber ©türm fo müttjenb an meine fjctiftcr fd^lug unb 
flagenbe ßeiber burdjj bie Süfte ju tragen fd&ien, fam mir redjjt jur 
©tunbe bein 83ilb, alter poetifd^er Hauptmann, bor bie ©eele unb 
lief; mid) alles brausen betnetyalben bergeffen. 

©d&on im 3af|re 183* Ijatte ftd&, faum mußten mir wie, in un* 
ferem Steife audfj eine fdf)mädE)tige, mürbige gigur eingefuhben* 9lie* 
manb muffte feinen 9tamen, Sttemanb fragte, moljer er fam, moljin 
er ging: ber „alte Hauptmann" l)ieß er. Dft blieb er modjenlang 
auB, oft fam er täglidf), memt eS SRufif gab, fefcte fidjj bann ftiH, als 
mürbe er mdE)t gefefjen, in eine ®cfe, brttctte ben -ffiopf tief in bie 
$änbe unb braute bann über baS, maS eben gefpielt mar, bie tref* 
fenbften, tteffinnigften ©ebanfen bor. „Sufeb", jagte id), „es fe^lt 
uns gerabe ein iparfner aus 28ill)elm SReifter in unferem mitbber* 
fdjlungenen ßeben, feie mär'S, mir nähmen ben alten ©apxtain bafür 
unb ließen ifyn fein Sncognito?" 

Sange ßeit behielt er es aud). 2>od), fo menig er über ftd> . 
fpradjj, ja mie er audj jebem ®efprädf)e über feine JBerf)ältntffe forg* 
fällig auSmicf), fo fteflte ftdf) naef) allen SRadOridjjten fo biet feft, baß 
er ein $err b. SBrritenbadf), ein aus *fdfjen S)ienften berabfcfjiebeter 
SKilitair mit fo biet SSermögen, als er gerabe brause, unb fo btel 
Siebe ju ben Äünftlero, baß er für fte aud& alles Eingeben fönnte. 
Sßicljttger nodj mar, baß er tfyrits in 9tom unb fionbon, tljeils aud£> 
in $ari8 unb Petersburg gemefen, meiftentljeils ju guß, mo er bie 
berüf)tnteften 3Rufiter fidf) angefefjen uub gehört, baß er felbft SBeetljo* 
benfd&e ©oncerte jum ßntjüdfen fpiele, audf) ©pofirfd&e für bie ^Biotine, 
bie er auf feinen Sßtonberungen inmenbig an ben Slodt angebunben 
mmer bei ftd) Ijatte. UeberbteS male er alle feine greunbe in ein 



$er alte Hauptmann. 



9 



Sttbum, lefc Xf)uc^bibeg, treibe SRatljematif, treibe munberüoße 
Sriefe k. 

Än äßem war etmaS toaljr, tote mir uns bei genauerem Umgang 
überzeugten. 9tur was bte SKufi! betrifft, fo fonnten mir nie etwa» 
öon üjm ju Ijören befommen, big if)n enbttd} gloreftan einmal ju* 
fallig belaufet fjatte unb, nadj §aufe gefommen, uns im SSertrauen 
fagte: „greutidE) fpiel' er unb Ijabe il)n (gloreftan) fe^r um SBerjetljung 
ju bitten für fein Sauften. ©S fei iljm babei bie Shtefbote Dom alten 
ßelter eingefallen, ber eine» SlbenbS mit Kfiamiffo burdj bie Straften 
Stalins fpajierenb in einem §aufe (Slaüier fptelen gehört unb juge* 
Ijört, nadj) einer SBeile aber ©fjamiffo beim ärm genommen unb ge* 
fagt: Äomm, ber mad&t ftdf) feine SDluftf felbft".* Unb natürlich genug, 
baft tf)tn alle fidjere Xed&nif fehlte* SDenn roie fein tiefpoetifd&eS Sfuge 
alle ©rünbe unb $ö^en ber SBeettjobenf d&en SRufif ju erretten üer* 
mochte, fo Ijatte er feine mufilalifd^en ©tubien nidE)t etwa mit einem 
Seljrer unb mit Xonleitetn begonnen, fonbem gleidf) mit bem @poI)r< 
fcfjen Goncert, bie ©efangSfcene gereiften, unb ber legten großen 
B dur*@onate üon 33eetf|Oben. SDian berfidf)erte, ba§ er an biefen bei* 
ben ©tfldten fdf)on gegen je^n 3af(re lang ftubirt. Oft fam er aud) 
freubig unb melbete, „mie eS nun balb ginge, mie i^m bie ©onate 
gef)ordf>en lernte, unb mie mir fie balb ju f)ören befommen foßten* — 
manchmal aber aucij niebergefdfjlagen, „bafc er, oft fdjon auf bem 
©tpfel, mieber ^erunterftürje, unb baft er bodE) nidEjt ablaffen fönne, 
öon Beuern ju öerfudf)en"* 

©ein prafttfd&eS können modf)te alfo mit einem SBorte nicf)t f)odj 
anjufcijlagen fein, befto ^öljer mar es ber ©enuft, ü)n SOiufif f)ören 
ju feljen. Seinem 9Renfdf)en fpiefte id£) lieber unb fd&öner öor al8 
iljm. ©ein 3uf|ören erf)öf)te; id£) fjerrfdjte über i^n, führte i^n, moljin 
idj moflte, unb bennodj fam e8 mir öor, als empfing' idj erft alles 
tjott iljm. SBenn er bann mit einer leifen Maren ©timme ju fprecfjen 
anfing unb über bie f)olje SÖB'ürbe ber Sunft, fo gefeijaf) eS mie aus 
f)öf)erer ©ingebung, fo unperfönltdj, bidf)terifd|) unb maljr. 2)a8 SBort 
„Xabel" fannte er gar nidfjt. SRufcte er gejmungen etmaS Unbebeu* 
tenbeS anhören, fo faf) man iljm an, bafc es für iljn gar ni^t epftire; 
wie in einem ffinb, baS leine ©ünbe fennt, toax in i^m ber ©inn für 
©emeine« nod^ gar nid)t ertoad^t. 

@o war er jahrelang bei uns auS^ unb eingegangen unb immer 



* SBott ben SSorten an: fei it>m babei" 8«?^ aus 1652. 



10 



keltere Slabiermufif. 



wie ein überirbifcijeS gutes SBefen aufgenommen worben, als er t>or 
Äurjem länger als gewöljnlirf) aufcen blieb. 9Bir t)ermutf)eten ü)n auf 
einer größeren gu&reife, n)ie er beren ju jeber SaljreSjeit machte, als 
wir eines StbenbS in ben ß^tungen lefenb feine XobeSanjeige fanben. 
©ufebiuS machte hierauf folgenbe ®rabfd|jrift: 

Unter biefen SBIumen träum' idf}, ein ftitteS ©aitenfpiel; felbft 
uidjt fpieteub, werbe \6) unter ben §änbeu berer, bie rnief) toerftetjen, 
jum rebenben greunb. SBanberer, tff bu t>on mir geljft, üerfuc^e 
mid). 3e meljr 3Rttlje bu bir mit mir nimmft, je fernere klänge will 
icfj bir jurüdgeben. 

WuS ben SBüdjern ber StatubSbünbler.) 



Weitere (Elauiermuftk. 

9Cttögetti&^(te Sonftötfe für baS ^tattofortc t»on berühmten äRciftent 
an* bettt 17. ttttb 18* 3aljrf)!inbert, gefasttntelt t>ott <£. Seifet* 

3n ber fttit, wo fid) alle Söticfe auf einen ber größten ©d&öpfer 
aller 3eiten, 3. ©eb. SBadf), mit öerboppetter ©djärfe rieten, mag eS 
ftdf) wot)I fdE)iden, aud) auf beffen ßeitgenoffen aufmerffam ju machen. 
Äanri fief) freilidfj, was Drgel< unb ©Iat>iercompofition anlangt 9lie* 
manb feines 3al)rf)unbertS mit if)m meffen, ja will mir alles Slnbere, 
gegen feine auSgebxtbeten Sftiefengeftalten gehalten, wie nodfj in ber 
Äinbtjeit begriffen erfreuten, fo bieten einjelne Stimmen jener ßeit 
tyrer ®emtttt)Itd(Iett wegen nod) 3ntereffanteS genug bar, als ba& man 
fie ganj überhören bürfte. 3)ie neuen StuSrufer alter ÜDhtfü üerfetjen 
eS meiftens barin, bafe fie gerabe baS öorfud^en, worin unfere Cor* 
bern atterbingS ftarl waren, was aber aud£) oft mit jebem anfcern 
Kamen als mit bem ber „5Rufi!" belegt werben mufc, b. I). in allen 
SompofitionSgattungen, bie in bie guge unb ben Sanon geboren, unb 
fd£)aben fid) unb ber guten ©adf)e, wenn fie bie .innigeren, pfjantafti* 
fd&eren unb mufifalifdjeren ©rjeugniffe jener 3eit als unbebeutenber 
f)üttenanfefcen. 3)ie ©ammtung, bie bor uns liegt, fcermeibet biefen 
geljter unb bringt uns eine Sfteilje freier, wirfftdjjer Xonftude, bie in 
if)ten naioen fdfjmudlofen Sßenbungen and) nodf) eine anbere als bie 
SSerftanbeSfeite in Stnfprudj nehmen, gür baS 3ntereffantefte galten 
wir bie ©äfce öon Souperin (f 1733), $ulj na u (f 1722) unb 



<L (Stamata, Soncert. 



11 



©. 8iöh m (um 1680]. Der t>on ßouperin $at fogar einen protoen* 
califdjen Anflug unb jarte 2ReIobtc, währenb es einem bei bem fteifen 
Äu^naujd^en Stbagio orbcntlid^ fcf>aurig wirb ; ©♦ SBö^m öoflenbS fefct 
mit einer gefpenftigen Kaprice beut @nbe bie Ärone auf. 12. 



Compoftttousfdian. 

Soucerte für ba$ ^tanoforte mit öeglettnng beS DrdjefterS, 
Mamille 5tamali), Goncert (Amoll)» U)etk 2. 

Stur ein feljr fefter, ja tjarter Sljarafter würbe ben ©influfe einer 
abftoftenben ober anjie^enben Sßerfönlichfeit auf baS Urtheil über beren 
Äunftleiftungen gänjlich verleugnen fomten. 3n bem Orabe baher, 
mie manche SBerfe ju verlieren fcheinen, wenn wir ihre ©chöpfer t>on 
Stngeficht ju 2lngeficf)t fef)en, gewinnen anbere eben burdf) Selanntfein 
mit bem Urheber. 2Ran fommt ben gehlern rafcher auf bie ©pur, 
lernt fie mit ben guten Sigenfcfjaften in eine SSerbinbung bringen unb 
fann fo eljer Reifen unb ratzen. 3ft bieS alles nun in einer Äunft, 
wo, wie in ber unfern, fo üict twm SSortrag abfängt, ber ®ewö^n* 
licheS oft fo fein ju toerbeefen weife, bamit baS Sloftbare um fo mehr 
glänje, fo fann eS nicht wunbem, bafe ich obiges Soncert, nachbem 
ich eS vom Somponiften eEemptartfdE) gut gehört, mit öiel mef)r 3n* 
tereffe betradfjtete, als eS vielleicht fonft ber gaö gewefen. 

2)er junge ÄünfHer, ber tjeute jum erftenmal in biefe fritifdfjen 
$aüen eingeführt wirb,* aus einer gried&ifchen gamilie ftammenb, aber 
ju Sftom geboren, lebte feit früher SinbeSjeit in SßariS. 3)afc ein 
lebhafter ftrebenber ®eift in einer ©tabt, wo bie potitifd&en Häupter 
faum rafd)er Weddeln lönnen als bie fünftlerifchen, noch etwas fdtjwanft, 
unter weiter gähne er feine Sorbeeren holen foH, ob unter ber SluberS 
ober SBerlioj', JMfbrennerS ober SfjopinS, fann ihm Kiemanb jum 
großen SSorwurf machen. 3nbef$ lernte unferer bei SRetcha feinen or< 
bentfichen ©eneralbafc unb ©ontrapunft unb bei Äalfbrenner ein elc* 
ganteS ßlatrierfpiel. 2>amit aber nicht jufrieben fefcte er enbticf) 
im legten Jjjerbfte ben langgefa&ten Sßlan, beutfehe SÄufif auf beut* 
f ehern SBoben ju hören, ins 28erf unb begann feine ©tubien unter 



* „er oerneigt fid)", ftanb in klammern baneben. 



12 



§. $«3, brttteS Soncert. 



meifterlicher Seitung * aufs SReue mit einem gleifj, ber ben franjöftfchen 
9Rufifern fonft nicht eigen fein fott, unb fo mit SBortheil, bafc ftd) 
fpätere Sompofitionen leicht genug Don feinen älteren unterfdfjeiben laffen 
werben. 23 or einigen SBoc^en ging er lieber nach Sßariä jurüdf. 

SDa3 ©oncert, über ba& mir ^eute einiges mitteilen motten, 
©tamatt(3 ftärffteS Sßert, bem Umfang unb bem Snfjalt nadf), fällt, 
mie gefagt, in jene frühere Sßeriobe, mo ber junge Äünftler, noch nidfjt 
redjt miffenb, mem er angehört, oft poetifch jart, oft auch milb mie 
ein Shtnefe in bie ©axten griff, ^öfteren ©efüljlen, bie fidj in ihm aller* 
bingS unb, fd^eint e8, jum erftenmal ju regen anfingen, Suft ju 
machen. ?ß^antafieüoH, mie mir ben ©omponiften fennen, führt er uns 
fo burd) Xäufdjung unb Sßatjrljeit hinburd), bergauf bergab, immer 
atljemloS, baS SRächfte überfpringenb, oft ermfibenb, oft megen fetner 
Xott^eit in SSermunberung fejjenb. 3d) bin überzeugt, baß M — (ber 
9tame be3 unfterblid^en 2Ranne8 ift mir entfallen), ber im SÄojartf djen 
Cdur*Quartett fo öiel gehler, atö ba& S^tXage hat, f)erau3gefunben mit 
ben güften, aus unferm ©oncert an bie 9RiHionen herausbringen fann. 
Sticht gerabe Cluinten unb Dctatoen finb'3, aber barbarifche ÄuSmei* 
jungen, SBorljalte u. bgl. mehr, namentlich im erften ©afc, mo ber 
ßomponift fidj noch nid^t fo ins geuer gerieben unb gefptelt mie 
im legten, unb mo er, menn bie gorm fidf) irgenb etma8 toermtcfeln 
miß, ber @adf)e über furj ober lang mit einem Äraftgriff ein (Snbe 
mad^t. ©o leidet ihm biefe ©ompofitionSmanier früherem gefallen 
fein mag, fo ferner, hoffen mir, fott e8 ihm in ber Sulunft merben, 
bergteidjen hinjufchreiben, ja nur ju benlen. 3)enn mer, mie er, in 
©. S3ach fd^metgen gelernt hat, mirb t>on ber ©ntjücfung mohl auch 
etmaS in bie eigene $h anta ft c m ^ fynübvmä)™™' m * r btö fd^on 
in fpäteren Sompofitionen öon feiner §anb, bie noch n W gebrudft 
finb, offenbar gemorben. 

35a8 ßoncert gäbe feiner fchmadjen mie glänjenben ©eiten megen 
©toff ju ftunbenlangen ©efprächen. ©enügen inbefc biefe &tiltn, un* 
fem greunb ber beutfdjen 2tufmerffamfeit ju empfehlen! 

SR. Schümann, 

f). i|er?, Witts Goncert (Dmoll). tt)cck 87. 

„§erj, mein $ers, marum fo traurig* fang idf) immer beim ©pie* 
len ; breimal im erften ©afc allein fommen con dolore'8 bor, ber 



* 2RenbeI$fof)n$. 



28. @t. Bennert, brtrteS (Soncert. 



13 



espressivo'ä unb smorzando'8 mdf)t ju geben fen. Ueberl)aupt fpan* 
neu aber btc gangen Sßräliminarien fel)r* D moll fd&on, bie 35on 3toan* 
Xonart, ber feltenere 2)retoierteltact, ein leifer Sttnfang, ein Hier ©ei* 
ten hirjeä Xutti — gewtfe fein tieffinnigfteS 2Berf, badete id). Unb 
f o ift e8 auef}- Unfer geflügelter Siebling ^at fidj in ©ifen unb Sßan* 
jer gebüßt unb wenn er fidj manches jur Sftfiftung t>on Sünberen 
borgte, fo leugnet er'3 gar nid)t. ©dalagen wir einmal auf! 3to ber 
©tnleitung fömttcn jwar nur feine bo3f)afteften ©egner, wie grofce 
©eelen bergletdf)en ju aßen Stitttt g^abt fjaben, eine 33erwanbtfdf)aft 
mit ber jum Grmoll*&oncert oon SRofd^eleg, im erften Xl)ema eine 
mit bem £f)opin3 in Fmoll, ©. 6 ©tjft. 5 I. 3 einen äfaflang an 
ÄalfbrennerS DmolhKoncert, ©. 8 ©ijft, 3 X. 3 einen an ©. 2R. 
t>. SBeberfdfjen unb ©. 14 einen an Xfjalbergfcljen ©runbton finben. 
Slber ba$ Slnbante müffen audjj feine greunbe als eine Äpotfjeofe ber 
fftomanje au& bemfelben ßoncert t>on Chopin erflären, bagegen im 
Slnfang be8 $inale8 33eetf(ot>enfd|)e8 ©djerjo (au8 ber jwetten ©tjm* 
Päonie) leidet angebeutet wirb, in ba& baö jwette Xf)ema abermals 
mit einem 6f)0pütfdf)en ©ebanfen einfällt, bem ©♦ 35 ber SJfcarfdf) au$ 
3effonba folgt 3a, bramatifdjjeS Seben Ijineinjubringen, , fteljt ©♦ 31 
oben fogar eine ©teile aus ber neunten ©t)mpf)ome üon 33eetl)ot)en, 
bie $erj boef) gewxfc nid^t fennt, unb ba& gange ©oncert f erliefet ©. 43 
©jjft 4 X. 2 ber ®inf)eit wegen (©. ben Anfang) mit einem ®ange 
aus beffelben 9Jiofcf)ele3' G moll*©oncert. ÄlleS Uebrige aber, gefiele 
man e3, ber ©df)mu<£ bie dfjromattfcf)en perlen, bie fliegenben Sir* 
peggiobanber :c. gehören xtjm grunbetgen. 2ßan fieljt, t>on ben Seften 
Witt er lernen, unb nur etwa bei Äqlfbrenner unb Xfialberg liefe er 
ftdfj auef) ju gelben jWeiten SRangeS fjerab. §alte feine Xapferfeit 
nur an unb au8; wir wollen üjm $erotbe fein, trofc ber allgemein* 
ften mnfifalifd^en 3 ei * u ng/ bie tf)n unb Lünten fd>on längft al8 3Äei< 
fter anerlannt f)at unb $änbet auef), unb ftubire man pdf) baS Soncert 
orbentlief) ein. Sßoju f)at man feine gtnger ? t2. 

Sternüale Bennett, Dritt« Goncctt (Cmoll)* ©erb 9. 

„Sin englif^er Somponift — fein ßompontft", fagte 3emanb &or 
bem ©ewanbfyauäconcerte, worin §r. Sennett üor einigen 2Bod)en ba8 
obige SBerf vortrug. %li es aber vorüber war, wenbete id^ mid^ wie 
fragenb ju i^m: „ein englifc^er ßomponift" — „unb wa^r^aftig ein 
englifdf)er", öollenbete ber ©nglänberfeinb wortfpielenb. SBenige SBorte 
genügen für Ijeute. SufebiuS ^at in ber erften Stummer biefeS SBanbe« 



14 



SB. ©t. »ennett, brttteS Goncert. 



mir fo aus bcr Seele heraus gclefcn unb gefdjrieben, baß id^ jenem 
Umriß nur Sßenigeg ^injupfügen wüßte. 2Baf(rf)aftig — erwägt man, 
baß obiges ©oncert öor fd&on brei Sauren, alfo im neunjeljnten 3a^re 
be8 ßomponiften gefd&rieben ift, fo muß man erftaunen über biefe früt) 
auSgebilbete 5fünftterf)anb, über bie rutjige DiSpofition, über ben 3*** 
fammenljalt beS ®anjen, über ben SGBo^IIaut ber Sprache, bie SReintjeit 
beä ®ebanfen&. 2öünfd)te \ä) Ijödjftena meßeidfjt im erften Saft einige 
fleine ^Breiten weg, fo ift ba3 mbiüibueU. 3m (Sanjen trifft man 
nichts Unwefentßd(e§, nidjtö, wa$ nid&t in inniger SBerwanbtfdjaft jur 
©runbempfinbung fiünbe, unb felbft ba, wo neue Elemente l)injutre* 
ten, flimmern immer nodj jene golbenen gäben t)inburd£), wie fie nur 
eben eine SJieiftertjanb fortzuführen toerfteljt. SBeld^e 2Bof)ltf)at, im 
ewigen SBuft t>on ©d&ülerarbeiten einmal auf ein organifcijeS lebend* 
üofleS <$anje§ ju ftoßen, unb weldje greube, baß eä ba3 Seipjiger 
publicum, fo wenig e3 barauf borbereitet war, rafd( unb freubig ju 
erfennen wußte. Dag Urttjeü be8 SßubltcumS wirb Ijier nämttdf) auf 
eine ganj anbre SBeife als bei anbern SSirtuofen auf bie $robe ge* 
ftcHt. §ier gilt e3 nidjt, eine gertigleit anjuerfennen, eine • ©d£)ule 
ju unterfdfjeiben, mit anbern SJirtuofen Sßaratteten ju jiefjen. 3Ran 
mußte bei unferm Sünftler melmeljr erft ber 33efd)eibeuf(ett, mit ber 
er alles SluffaQenbe üon fid^ wieg, auf bie ©pur fommen, ob fie aud) 
auf einem frönen reichen Soben rulje, ob man Ijier eine üon ben 
felteneren, innigen Sfünftlernaturen t>or fid) tjabe, bie, wenn fie ein* 
mal bem Stußen einen SBItcf in ba3 Seelenleben erlauben, unbefüm* 
mert barum, nur mit fid) ju üerfefjren, in fief) ju leben fd&einen. 9tad£( 
bem erften Saft, einem rein fyrifdjen StüdEe tooü fo fdf)ön menfd)lid)en 
SmpftnbenS, wie man e8 nur in ben beften SRufterwerfen trifft, toar 
man in ber ^auptfad^e, baß e$ fid) l)ier um eine fcorne^mere Slrt toon 
Äünftler tyanble, natürlich im klaren. 5E)od) folgte nidjt jener attge* 
meine au8 ©oben unb DedEe bonnembe SeifaH, wie i§n feefe SSirtuo* 
fen I)erau8f orbern. 2Ran verlangte mefyr, man war fidfjtlidf) gefpannt, 
man wollte ben Snglänber merfen laffen, baß er im Sanbe ber Sftuftf 
wäre. Da begann jene SRomanje in Gmoll, fo einfaef), baß man bie 
SRoten barin jä^len fann. 28enn icf) e3 aud) nid£)t aus ber erften 
Duelle wüßte, baß bem Dichter tyier wä^renb beä ©omponirenS ba3 
85ilb einer 9tadE)twanbterin fcorgefdjwebt t)ätte, fo mußte bodj jebem 
gefüljlöotten §erjen all baS SRüfpenbe, baS eine fold^e Scene Ijat, 
augenblidflic^ überfommen. 811S fürchtete man, bie Xräumerin auf ber 
tyofjen 8i nne i tt wedEen, wagte ba SRiemanb ju at^men, unb wenn bie 



SR. ©d)itmamt, (Soncert ofjne Drctyefter. 



15 



Itjetlnaljme an mancher ©teile fogar gleidfjfam ängftlicij war, fo würbe 
fie burdj bie ©d^ön^eit ber (SrfdOeinung jum reinen Äunftgenufe ge* 
milbert. Unb I)ter trat jener wunberootte Süccorb ein, wo bie SBanb* 
lerin aufter aller ®efaljr, tote auf i^r s 3tu^ebett Eingelagert fd&eint unb 
ruhige 3JlonbeSftral)Ien barüber fliegen. 35iefer glücflicf)e 3ug entfdEjieb 
über ben Äünftler unb man überliefe fid) im legten ©afc ungeftört ber 
ftreube, bie wir t>om SWeifter ju erhalten gewohnt finb, mag er uns 
nun ju ffiampf ober grieben führen. 

$ab' xd) midf) in ben vorigen QtiUn üietleid^t ju feljr hinter baS 
Urteil beS publicum £ geflüchtet, ober wollte boflenbs Semanb ein« 
wenben, id) hätte barin ju Diel (künftiges l)erau8getefeii, fo bin td^ 
aud) bereit, atteS\ was ich über bie Xrefflidjteit be8 ©oncertS berief* 
tet, allein ju oertreten. Denn ju fefjr SRotlj tfjut es, bafe wahrhaft 
mufifalifc^en Äünftlern bie S^ren geftdjert werben, mit benen man 
SBtrtuofen, bie nichts als ihre ginger fjaben, oft fo unbebaut über* 
häuft, unb ba§ man beibe öon einanber trennen lerne. 3a, gab' eS 
nur noch Meie ftünftler, bie in bem ©nute tote ©t 83ennett wtrlten — 
unb SKemanbem bürfte mehr bor ber 3 u ^ un f* unfern Äunft bange 
fein. — 

* 2)a wir bei ben neuften Concerten ftehen, fo toäre ^ier atter« 
bingS ber Drt, auch über ein bei JpaSlinger erfd£)ieneneS fogenannteä 

Concert Sans Orchestre 
ju berieten, baS baS ©chetmenpaar gloreftan unb SufebiuS unter 
bem SRamen beS Unterzeichneten herausgegeben, ©träfe ich fie für 
biefen SRamenraub, bafc ich felbft feine ©Übe über iljr DpuS 14 ber* 
rathe. 3ttbefe fdjetnen mir einige SBorte aus bem Sriefe eines getteb* 
ten 2RetfterS (beffelben, bem eS jugeeignet ift) * ju bebeutenb, afö bafe 
idf) fie gdnj unterbrttdEen fönnte. Darin Reifet eS nämlich unter 8ln* 
berem : 

„3n SJiotiöirung beS Xitel« liefee fid) einiges eimoenben. 2)aS 
Sßerf ^at weniger bie (Srforberniffe eines SoncerteS unb mehr bie 
djarafterifttfehen (Sigenheiten einer großen ©onate, wie 'Wir einige 
Don 3Jeetf)0ben unb SBeber fennen. 3n (Eoncerten ift man (teiber) 
gewohnt, neben ber ©inheit im ©tile einige SRücffichten auf glänjenbe 
Sraoour ober coquettirenbe Sleganj beS ©pieteS genommen ju fef(en, 
welche in biefem SBerfe leinen Sßlafc finben fonnten, ohne es toonbem 



* 3. aRofdjele*. 



16 



Fragmente au$ Seidig. IL 



©tanbpunfte ju entfernen, ben ihm 3t)re 5ß^antafie eingeräumt fyat. 
2>er ©ruft unb bie ßetbenfdjjaft, bte im Oanjen hertföen, ftehen fc^r 
im ©egenfafc mit bem, ma« ein ©oncert*8lubitortum unferer ßeit er* 
»artet. ©3 tottt eine» nidf)t tief erfchttttert werben, unb an* 

bern Xfjeifö fehlt e« ihm an ben gähigtetten unb ber mufüalifchen 
Sßethe, foldje $anra>meen unb gentalifdf)e 33erfd£)tingungen ju toerftehen 
unb aufjufaffen, toie e$ nur ben Dfjren unb bem ®emütt)e möglich 
ift, »eld^e« bezaubert ift in ber fyöljeren @pradje ber Heroen ber 
ßunft. 3n mannen §armomeftthrungen finb 2)iffonanjen gebraust, 
bereu folgenbe Äuflöfung nur einem erfahrenen Dfpre bie $ärte ihre« 
©inbruef« milbern. S)ie SBorljalte unb ©u«penfionen, bereu ©ntwtdfe* 
lung guroeilen erft im gleiten unb britten lacte fidf) erflärt, finb oft 
herbe, obfdfjon gerechtfertigt. Um baburdf) nidf)t geftört ober beleibigt 
ju »erben, mufc man ein erfahrener 2Rnfüer fein, ber im oorau« erräth 
unb erwartet, mie fid) aüe Sßiberfprüdje löfen, nrie ich mir einen 
©taat«minifter benfe, ber mitten im tobenben ©eroimmel eine« $of* 
ball« fein Singe unb £>h r überall gu feffeln fcheint, unb boch e« 
©tmgen üorjugötoeife leiht, bie er biptomatifcf) ju erforfdjen ftrebt :c* 
©o ift e8. SDiad^t euch aber, gloreftan unb ©ufeb, eine« fo 
mohlmollenben Urtivit« baburd) »ürbig, baft ihr auch fünftighin fo 
ftreng gegen euch fetbft feib mie fo manchmal gegen Slnbere. 

Stöbert Schumann. 



Fragmente aus tfetpjuj. II. 

[$>te ©etoanbljauScimcerte. 3fortjefjung.] 

Sil« ich ^ute bie ßettet ber testen jmölf 2tbonnement«concerte 
burchftog unb mir bie Suchftaben manches ber gehörten Sföufifen tooH* 
ftanbig, mele« f)ctib jurüefriefen, ftrebte bie ?ßf)antaftc alle« in ein 
93ilb jufammenjuf äffen, unb un&erfehen« ftanb eine 8lrt bltthenber 
SMüfenberg bor mir, auf bem ich, untcr & cn tißiwxt Xempeln ber alte* 
reu Sßeifter neue Säulengänge, neue Sahnen anlegen fat), jtoifd^en* 
burch, rote SBlumen unb ©djmetterlinge, luftige SBirtuofen unb liebliche 
©ängerinnen: alle« in fo reicher gütte unb 8tb»echfelung burd) 5 
einanber, bafc fich ©etoöljnliche« unb Unbebeutenbere« öon felbft 
überfah. 



Fragmente au$ Seidig. IL 



17 



2Ba« in ber Qnt üon älteren (Sontpofttionen gegeben würbe, ftttbet 
man in ben üorhergehenben Stummem in ber ©hronif notirt. äßanche 
Seute glauben ihr SJtögtichfte« ju tfjun, wenn fte auf „einen äRojart", 
„einen §at)bn" :<:♦ at« auf große äßeifter aufmerffam machen. Ät« ob 
man ba« nicht an ben Sohlen abgef Kliffen ^aben müßte! Sttö ob e« 
fich nicht üon felbft üerftanbe, ob man ihre SRufif nicht in* unb au«* 
wenbig fennen müffe! SRur bie Dmoll*@t)mpf)onie macht ihnen noch 
ju fcfjaffen, unb fie fragen, ob fie benn eigentlich nicht über bie 
©renjen be« Mein *3Renf glichen hinaufginge? — freilief) foö man 
33eetl)Oüen nach QoHm meffen (nach Sönig 2earfcf)en aber gewiß) unb 
ba« ©tubium ber Partitur tf)ut ba« Uebrige. 

35anfbar aber üor allem muß man anerlennen, wie fidf) bie 
©irection, namentlich in biefer ©aifon, angelegen fein liefe, SRanu* 
fertpte weniger ©efamtter, furj Sfteue« üorjufüljren. 3n biefer föinficht 
motten faum bie Sßeltftäbte mit bem flehten Seipjig meffen. Unb 
wenn man fidf) and) in manchem getäufd^t fanb, fo würben boch Ur* 
ttjeüe angeregt, HReinungen feftgeftellt, hier unb ba auch freubige 3lu«* 
fidjten eröffnet, ©o gab e« neue ©tjmphonieen üom Stuttgarter 
SKolique, bom Sapettmeifter ©trauß in Karteruhe, üom 3K.*S). 
§etfd£j in £eibetberg. S)a« publicum ftimmte in feinem Urteil über 
fie faft jufammen, obgleich ohne 3 w "f cI ber erfteren berSSorrang ge* 
bührt 3n allen gefdjicfte Slrbeit, woljlflingenbe 3nftrumentation, 
treue« gehalten an & er a ^ en Sorm, fonft aber nachwei«tich überall 
Slnflänge an 3)agewefene«, in ber üon ©trauß, befonber« im erften 
©a|, f o auffattenb in Xon* unb Xactart, gorm unb Sbee, baß man 
ben ganjen erften ©afc ber heroifdfjen ©^mph^nie wie eine ©eftalt am 
SBaffer abgeriegelt fefjen fann, aber freilich umgeftürjt unb btäffer. 

®anj befonbere Erwähnung gebührt ber üon Sbuarb SRarj* 
fen für großes Drcfjefter inftrumentirten fogenannten Äreufcerfchen 
©onate üon SBeetljoüen, üon ber f<$on §r. Sftitter üon ©etjfrieb in 
biefen blättern gerühmt, wie e« bie mit ungewöhnlicher Snftrument* 
lemttniß, mit Siebe unb ^ß^antafic im SBeethoüenfchen ©eift gefchrie* 
bene Sßartitur üerbient. dagegen fdf)eint mir ber ©ebanfe, ba« im 
Original fehlenbe ©cherjo burch eine« au« ber großen, in einer ganj 
anbern Seben«* unb Sunftepod^e entftanbenen Bdur»@onate ju er* 
fefcen, in fo hohem ©tobe unglüeflich, ja audf) bie Snftrumentation 
biefe« ©afce« im SSergteidE) ju ben anbern fo ungefdfjicft unb wie üon 
einer anbern §anb herrührenb, baß ein orbentticher JBeethoüener bar* 
über eher wttthen al« in bie §eiterfett be« Seipjiger publicum« 

©djuinann, ©ef. ©Triften. II. 2 



18 



gragmente aus Seidig. II. 



einftimmen müßte; bcr bitf)t)rambifcf)e Sluffd^toung im legten ©afc madfjte 
baS üerfef)rte ©tnfd^iebfcl aßerbingS burdEjauS üergeffen. ©eiert fyter* 
mit afle Soncertbirectionen um Äuffüfjrung biefer pradfjtüoflen, ins 
®roße gemalten Kopie ebenfo angegangen tüte um $inweglaffung beS 
©cfferjoS, unb matten fie ficij ben reprobucirenben Gomponiften jum 
Xobfetnb baburdfj. 

SBenn fid} bie neugebracf|ten ©ijmphonieen alfo in siemtich glet* 
d)en Greifen bewegten, fo waren bie neuen Duüertüren if)ter innern 
unb äußern SSerfdfjiebenheit falber um fo merfwürbiger, gtoreftan 
fragte neulich ^clmifd^ genug, ju welkem ©tücf üon ©fjalefpeare 
benn bie meiften Duüertüren getrieben würben* jc. : bei ben wer 
fraglichen wäre jebod) ber 3ßi| nichts weniger als gut aufbringen. 
Sine jur Dper „Der Söefudj im 3rrenl)auS* üon 3. 9tofenf)ain in 
^antfurt N üerrietf( freilich üiel ©tympatljie ju unfern wefttichen 9tad&* 
baren, unb ©chöneS, ©onberbareS unb ®emeineS tocd^felte barin fo 
rafdf), baß man nirgenbs guß faffen fonnte; inbeß seugte fie auch 
üon einem gewanbten Xalent, bem, wenn eS noch SßürbigereS leiften 
fotlte, nur mehr SBadfjfamlett über einen angeborenen 2eicf|tfinn anju» 
ratzen wäre. 3u einem pljantaftifchen SSorfpiel ju KaupadjS „Xodfjter 
ber Suff üon ©poljr ftettte jicfj feine befannte SigentfyümKdjjfeit mehr 
atS je IjerauS, feine elegifdj Hagenben ^Biotinen, feine wie üom §auch 
berührt antlingenben Glarinetten, ber ganje eble, leibenbe ©poljr; im 
®anjen bin ich jeboch nicht flar geworben unb bie Partitur fonnte 
ich mir nicht üerfdjaffen. Um fo genauer fenn' id) bie gegebene Duüer* 
türc üon gerbinanb $UIer, 9tamenS „gernanbo", fpanifd^en &f)a* 
rafterS, ritterlich, burdjweg intereffant, überaus forgfam unb fein 
gearbeitet, nach 33eetf)oüenfcher SBebeutfamfeit ftrebenb, im §auptrht)th* 
muS aber letber SRotc für SRote auf einen (Sebanfen üon granj ©dEjubert 
(aug einem SJiarfdE) utCdur)** fo genau gebaut, baß fie mir (auch im 
©runbeharafter) wie eine größere SluSführung biefeS ©chubertfdfjen 
2KarfdfjeS üorfauu 9Rit nid)t minberer greube habe ich oft „bie iNajaben", 
Duüertüre üon Sßitlia'm ©ternbate SBennett, burdjlefen; ein 
reijenbeS, reich unb ebel ausgeführtes 33tlb, SBenn fie fidE) allerbingS 
an baS ÜJienbelSfohnfche ©eure anlehnt (wie ja auch SUienbelSfohn fich 
an bie Duöertüre jußeonore), ja wenn er alles, was fidf} üon Stnmutf) 

* (Sufeb antwortete gutmütig: „$u föomeo unb 3utte". 2 gloreftan meinte 
aber roofjl „triel ßärm um SRidjtS". [2lnm. ber ft. ßeitlc^r.] 

** SBerf 121 Nr. 1: <^*~^^±±zz 



gragmente au£ Seidig. II. 



19 



mtb SDSeifelid^fcit in SBeber, ©poljt unb 2ßenbel8fof)n finbet, wie ju 
einer Xonflutf) bermifd£)t unb baüon au$ Döllen Sehern reid&t, fo ift 
es eben getftige 33rüberfd(jaft, bie bie SBorjüge Slnberer lebenbig in fidj 
aufgenommen unb fidf) ju eigen gemalt fjat. SJMcije btüljenbe ^oefie 
aber überbieä in bem SBerf, wie innig im ©efang unb jart im 33au, 
weldEj' fdEjöne weiche Snftrumente! ©egen ben Vorwurf einer gemiffen 
9Ronotonie fann man fie inbeß faum in ©djufc nehmen; namentlich 
gleiten fid) bie jwet §ai£pttf)cmag ju biet. 

3ntereffant waren bie einzelnen ©cenen aus gauft öom gürften 
SRabjiwitt. 85ei aller £odjadE)tung für ba3 ©treben be8 erlauchten 
Dilettanten will e3 mir fd&einen, als t^ätte man bem SBerf burd) baS 
allju große ßob tfon SBerlüt au« cfjcr gehabet. S)ie tüirllid^ jänfeerft 
unbeplfticf) inftrumentxrte Dutiertüre fdfjon müßte bem SRufifer bie 
Äugen öffnen, wenn nidf)t bie SBaljl ber äßojartfdEjen guge gteid^ &on 
t>omf)erein bem SBeurtljeiler. SBenn fidj ber Somponift ber Aufgabe 
ber Du&ertüre nidf)t gewacf)fen füllte unb bie gewiß nid&t ju fcerwer* 
fenbe 3bee, ein gauftbrama mit einer guge, ber tieffinnigften gorm 
ber 3Kuftf, ju eröffnen, nidjt auszuführen öermod^te, fo gab e$ bodj 
gewiß nodj anbere,* mefjr gauftfdEjen (S$ara!terS, afö bie t>on SRogart, 
bie bodf) SSiemanb ein SReifterftüdE nennen fann, wenn man anberS 
welche üon SJacf) unb ipänbet fennt. ©er gintritt ber Jparmonüa 3 
unb ber nadf)rinanber aufgebaute Dreillang wirft im Stnfang atterbingS 
eigen unb fdfjauerlidE), in ber ßänge aber gerabeju qualenb, baß man 
ftch wegwünfdjte. Unb bann meine id|j, ift bod^ mit einem einzigen, 
gewiß jwei SDänuten au§f)attenben Cisdur*8lccorb ju wenig [mufifattfdje 
Shmft entwicfelt. 3SieIem ©ingeinen ber fotgenben Stummern fann aber 
TOemanb i^ren eigentümlichen SBerth abbrechen, eine unbefledEte *ßh an * 
tafte, eine fo ju fagen fürftlid£)e ©infatt, eine ®rfinbung8fraft, bie bie 
©adf)e oft an ber SBurjel padt 

SKeu, b. h- erft ^unbert 3at)r alt, war auch ba8 DmolbSon* 
cert für ©labier öon 3.©. 83 aef), bon-SDlenbelSfohn gefpiett unb bom 
berftärften ©aitenquartett begleitet. SBiele8, wa8 mir bei biefem er* 
fjabenen SBerf, wie bei einigen ©cenen aus einer ber ©lucffdjen $pfy* 
genien an ©ebanfen beifam, möchte ich f)ier fagen. ©in 93licf auf ben 
weiten SBeg, ben wir noch jurücfsulegen haben, berhütbert mich baran. 
©ineS fott aber je eher je beffer bie SCBett erfahren, ©ollte fie eS 
>' 

* 95. bie befanntc fünfftimmige in Cismoll qu^ bem SSßo^Ucmpcrirten 
©taüier, ber aufäHigermeije ba^ X^ema bc SKojart^en guge ©egent^ema fjättc 
btenen fönnen. [Sinnt, ber SR. Sritfdjr] 

• 2* 



20 



gragmentc aus Seidig. II. 



wohl glauben, bafc in ben äÄufiffchränfen ber berliner ©ingafabemte, 
lueld^cT ber alte 3elter feine SBibliot^el vermacht, noch wenxgftenS fieben 
folget Soncerte unb aufterbem unzählige anbete 83ad}fd)e (Sompofttio* 
nen im SJtanufcript wohlbehalten aufbewahrt werben? 9tur SBenige 
wiffen eS; ftc liegen aber gewift bort. Ueberljaupt, wär' eS nicht an 
ber fttit unb öon einigem Stufcen, wenn fidf) einmal bie beutfdje Station 
ju einer tiollftänbigen ©ammlung unb Verausgabe fämmtUdjer 
SBerfe öon 83 ad} entfehlöffe? * SKan fottte meinen unb fönnte ihr 
vielleicht bann bie SBorte eines ©adjfunbigen, ber fich ©eite 76 bie* 
feS 33anbeS ber neuen ß^tf^rif* ü& er Mc8 Unternehmen auSläfct, als 
SRotto öoranfefcen. 2)ort Ijei&t eS nämlich: 
„Staft ©ie ©ebaftian S3achS SBerfe herausgeben wollen, tft etwas, 
„was meinem $erjen, baS ganj für bie fyoty grofce Äunft biefeS 
„UröaterS ber Harmonie fd&lägt, redf)t wot)l tf)ut, unb ich balb im 
„Döllen Saufe ju fct)en toünfd^e k."** 
SDtan fc^Iage nur nach! 

Unb jefct ju ben ©ängerinnen unb SSirtuofen, bie biefe nie genug 
ju lobenben Soncerte fcerfch'önerten atS SlrabeSfen. ©etoöf)nIid£|ereS 
übergeh' idf). ®o finb eS benn öon erfteren: $räul. ©rabau, wie 
immer fertig, feft, fünftlerifcf), echt, unb gräul. SB er n er, SRoöijin, 
jung, frifdj an ©timme unb ©eftalt, talentvoll. 85. SßoltqueS 
meifterlid^eS ©piel feines D molMSoncerteS ßemanb meinte, Bmoll 
läge hier näher) ift fdfjon in biefen S3lättern ertoähnt worben, ebenfo 
®t. SBennettS innig mufifatifcheS Seben im Vortrag. StlS Jhmft* 
genttffe erfter Strt bleiben noch ju erwähnen baS E moll*£oncert t>on 
©pohr, üon 3)aöib gefpielt, ^ofaunenöariationen öon S. ®. äßüHer, 
von Queifter geblafen, baS Esdur*6oncert öon 83eetf)Oben unb baS 
in Gmoll von SWenbelSfohn, von SöienbelSf of)n gefpielt, b. h- in 
®rj gegoffen nach f einer SBeife. 

$)en SBefdjlufc beS bieSj ährigen &oncertct)ftuS machte bie neunte 
©tjmphonie von Seetho&en. 3)aS unerhört fdfjnefle Xempo, in 
bem ber erfte ©a| gefpielt würbe, nahm mir gerabeju bie ganje ®nt* 
jücfung, bie man fonft von biefer überfcfjwenglichen Söhtfif ju erf)at* 
ten gewohnt ift 5E)em birigirenben SKeifter gegenüber, ber ©eethoöen 
fennt unb verehrt, wie fo leidet SRiemanb wieber, mag biefer 9luSfpruch 
unbegreiflich f feinen, unb enblidf), wer lönnte h^* entf Reiben als 



* $>er Qtebanfe t>at ftdj jur greube aller ftünftler feitbem »erroirflidjt. [Sdj. 1952.* 
** einem Söriefe 23eetf)oöen3 (üom 15. Qanuar 1S01) an ben Gapellj 
metftcr $ofmeifter, girma #ofmei(ter & ftüljnef {je&t (L g. ^etcrö) in ßeipjig. 



Sertdjt an £, inqutrii in SfagSburg. 



21 



S3eetf)oöen fclbft, bcm bie$ leibenfdjafttidje Xreiben beS Xernpo» unter 
3Sorau8fefcung eines mafellofen Sortragä biettetdjt gcrabc redjt ge» 
toef en ? ©o muft tdE) benn biefe Srfafyrung, roxe fo mandje, ju meinen 
merfmürbigften mufifattfcfien jäf)Ien, unb mit einiger Xrauer, toie fdjon 
allein über ba3 äu&ere ©rfdjeinen be3 §öd|jften ein SKetnung§jmiefpatt 
entfielen lann. 2Bie fid) aber freiließ im Stbagio afle Gimmel auf» 
traten, Seetljoben mic einen auffdimebenben ^eiligen ju empfangen, 
ba mocfjte man tüof)l alte Äleinigfeiten ber SEBett üergeffen unb eine 
Stynung öom SeufeitS bie Stadjblicfenben burdjfd&auern. 



ßeridjt an Jeanquint* in Augsburg 

über 

ben legten futtf^tftorifrfiett Satt Beim «ebactenr ** 

ßteS unb ftaune, ©etiebter! ber Sftebacteur ber „neuften mufifal. 
3eitfdf)rift" pflegt nämüd) atljä^rlic^ menigftenS einmal eine 8trt fünfte 
Iliftorifd^en 83atte§ ju geben: bie ©elabenen benfen tljretroegen, ber 
gurf(8 lächelt aber ganj ^eimli^ baju, ba er fidj baburef) nur be8 
öerbriefclicljen 2)urd£|gef)en3 ber Xanjliteratur überleben, biettetcf)t auef) 
beä ©inbruefä ber SWuftf auf ba« publicum um fo fixerer fein miß — 
mit einem 2Borte, ba er mit bem gefte Äritil, ja bie lebenbigfte be* 
jttjeeft. S)u fottft ben Patron nod) fennen lernen. 3 war waren and) 
mir ©erüd^tc über bie fonberbare, menig tanjlid^e Söhifif, bie mir ate 
feine üRafdf)inen bafelbft abfdf)leifen müffen an ben güften, jugefom* 
men; inbefi toie bürfte ein junger Sftinftler fold)e (Sinlabung aus* 
f plagen? 2Battfaf)rteten mir nidjt im ©cgcntljcil gefdjmücften Opfer* 
tf)ieren gleich unb fdjarenmeife in ben geftfaal? <pat ber Sftebacteur 
etroa leine Xödf)ter, bei benen fidf) mit S8ortf)eiI ju infinuiren, — eine 
ungemein lang, bie üiel recenfiren foH in ber „9teuften", unb bann 
eine jüngere, eigentlich SJiaterin, bie Unfdjulb felbft — 2Häbdjen, 
Seanqmrit, bie ein grenjenlofeS Unheil über midj gebracht! lieber* 
tjaupt aber münfdf)te ic§ bidf) an jenem Sttbenb me^r als je ^cr. Stuf* 
unb abmanbelnbe (Somponiften, jufetienbe fd&öne 3Kütter öon $)itettan* 
tinnen, ber **fc§e ©efanbte mit ©djmefter, SRufifoerleger in Stödten, 



* ©tepfjen Reifer. 



22 



SBeridjt an 3eanquirit in SlugSburg. 



ein paar reiche Sübinnen, an ©äulen angelernte 3)at>tb3bünbler — 
!urj, nur mitäRüf)e lonnte id) burdf) unb jur 9JKtrebactrice ßtmbro- 
fia Ijetfct bie SRiefitt), fic jur erftett *ßoIonaife aufjujiel)en. (Unten 
fannft bu ba3 Xanaprogramm lefen.*) SSict fpradf)en wir jufammen, 
j. 83. id) über ba3 eigentliche Sßefen ber Sßolonaife, unb wie wir uns 
aud) barin als 2)eutfdf)e geigten, bafc wir fclbft im Xanj ben üerfd^ie* 
benartigften SßöKem nadjfu&ten, unb ba& ©traufc in biefer ©tnfid^t 
(unb metteidjt nur in biefer, fcfjaltete Slmbrofia ein) ein wahrer §eilanb, 
unb bafc ber lefcte Xact ber Sßolonaife mit feinem ©df)luf*fatt etwas 
XraurigeS für mief) §abe u. bgl. Seit ber Sroberung üon Sßarfdjau, 
bemerfte meine Xänjerin, tanje aud) idj biefen Xanj immer mit einer 
gurdjt, e3 möchte etwa ein Siofal eintreten mit einem SSerbict — bie 
armen Sßolen! feufjte fie, — meine 83eba fpieft ßf)opin nie o^ne 
Xljrcmen ... (3 dj) SBie ebel ©ie füllen, — unb wie artig metobiöS 
ift audf) bie *ßofonaife biefeS neuen polnifd(jen ßompontften, bie wir 
fo eben tanjen. (©ie) 3n ber Xfyat, ba3 Xrio fpridf)t midEj fef)r an, 
aber wie fetjr ä la Sf)opin! — ©o Ijatte fic benn bie romantifc^e 
®d£)ule jum jweitenmal bei ben paaren tyergejogen, mtd) über foldj)e 
ju erforfdfjen, ÜÄit aller ßiebenäwürbigfeit unb ©djlauljeit »erfuhr 
id), t)ort^ciIf)aftcften (SinbrudE für micij unb lünftige SBerfe au8 bem 
©efpräd&e ju jie^en ; immer läftiger würbe mir'S aber, je meljr fie mid) 
mit i^ren liebefttd&tigen Sugen befdjofc. 3um ®HW enbigte ber Xanj. 
ßaum abgetreten, rief fie mtd( jurüdE unb flüfterte: „bie lefcte Sßolonaife 
öon Et)opin an fo fünftlerifc^er §anb ju feiern, würbe mid)" — midf) 

•* Sait^o rbnung. 

(Srfte StbtljeilMig. 

©rofce patfjettfdje Sßotonaife ton 3. jftotoat otoSfi. SSerf 11. 
SBaljer ton g. d^opin (in Es}. SBerf 18. 
®tcr aJlaaurfen öon 3. »raotoöfi. SBerf 8. 
@ed)3 tterljanbige SBataet ton (S. 8 öl In er. 
©rofee Sßofonatfc ton g. SRieS. SBerf 174. 



3n ber Sßaufe: Bolero ton (£l)o p in. SBerf 19. 

Swettc SÜbtfjeilung. 

3>rei öter^änbige Sßotonaifen ton (£. Prägen. SSerf 15. 
©toger ©ratourttaljer ton Sifjt. Söer! 6. 
SSier Surfen ton <& SBoIff. SBerf 5. 

3»ei ^olonatfcn tion df)opin (Cismoll unb Esmoll). 2Berf 26. [@c^.] 



93erid}t an 3eanquirtt in Augsburg. 



23 



tjlüdlidj machen, fd|loß ich mich oerbeugenb. ©ine ©chladjt war ge* 
Wonnen, aber ber Stoman begann erft. SRein SftächfteS war, 33eba, 
bie jüngere ©djroefter, jum ©hopinfdjeu SBaljer aufjufud&en. SBunber 
nahm es mid), baß mir ber ©ngelsfopf, ben ic^ heute jum erftenmal 
fah, jufagte, ben Xanj nämlich unb überhaupt, ba mir ©ufebiuS 
einen Sttugeublid juoor oerftimmt genug gefagt, fie hätte if)m ihn 1)oty 
erröthenb oerweigert. Äurj, mit mir tanjte fie. ©chwebte unb jubelte 
idj aber je, in biefen Slugenbliden war'S. $war fonnte ich nur einige 
„3a" aus xf)t heroorloden, aber biefe fpradfj fie fo feelenooll, fo fein 
nüancirt in ihren oerfdfjiebenen SSejiehungen, baß id^ immer lauter fort* 
fdjmetterte als SRadjtigatL 33eba, glaub' idj, fd&wiege eher, als baß 
fie ein wiberfprechenbeS Stein über ihre Sippen bringen f önnte : um fo 
unbegreiflicher, Seanquirit, war mir ber Sorb an ©ufeb. 9tlS uns 
nun ©hopinS Äörper unb ©eifter fyebenber SBaljer immer tiefer ein* 
hüllte in feine bunfeln gluthen, unb JBeba immer fchwermüthiger in 
baS ©ebränge blidte, lenfte ich baS ©efpräd) leife auf ©hopin fetbft. 
Jfaum, baß fie ben Kamen gehört, als fie mich jum erftenmal ganj 
anblidte mit großen guten Äugen. „Unb ©te fennen ihn?" 3ch gab 
ju. „Unb ^aben if)tt gehört?" 3h*e ©eftalt warb immer hehrer. „Unb 
haben ihn fpred»en gehört?* Unb wie ich tf) r jefct erjählte, baß es 
fchon ein unvergeßlich SSilb gäbe, ihn wie einen träumenben ©eher 
am ©latrier fifcen ju fehen, unb wie man fich bei feinem ©piele wie 
ber oon ihm erfchaffene Xraum oorfäme, unb wie er bie ^ctllofe ©e* 
wohnheit habe, nach bem ©chluffe jebeS ©tüdeS mit einem %\n%et 
über bie pfeifenbe ©laoiatur h^sufahren, fich gleidjfam mit ©ewalt 
von feinem Xraum loSjumachen, unb wie er fein jarteg Seben fronen 
müffe, — fchmiegte fie fich immer ängftlich s freubiger an mich *n unb. 
wollte mehr unb mehr über ihn wiffen. ©hopin, fd)Bner JperjenS* 
rauber, niemals beneibete ich Weh, abcr * n ^ c f cr SRuuite wahrhaftig 
ftart. 3nt ©runbe aber, 3eanquirit, war ich bumm unb nichts als 
ber Sßinfel, ber ihr baS S3ilb ihres ^eiligen erft recht fußnahe oor bie 
©eele geführt, unb wirflich bumm. „83in ich finbifö", fagte fie am 
©djlußftretto, „wenn ich 3h^en geftehe, baß ich ™ x > ohne ihn je ge* 
fehen ju höben, fein 85ilb gemalt, unb holen will ich'S Sh^en, unb 
jagen ©ie mir, ob ich recht getroffen, — unb ja Sftiemanbem etwas 
baoon*? SBei ben legten SSBortcn fühlte ich ^ ren §änbebrud. ?lm 

Jlbfdfjieb bat ich ft c noc § um cinen ^ an i : $ ättc ' einen me ^ r a ^ 
bie tefcte ©hopinfehe ?ßolonaife unb mit greuben tanje fie mit mir. 
©rlaß mir, SSefter, bir oon meiner Sangenweile währenb ber folgenben 



i 



24 



Seridjt an 3eanquirit in Augsburg. 



Xänje ju erjäljlen. Stbcr eine ©ntbeefung xttadjte idj, bie nttdj 
räd»en foCC an bem boppeljüngigen SRebacteur unb SBaQgeber biefeS 
JlbenbS. Slls idj nämtidj in einem Ijalberleudjteten Siebenjimmer auf* 
unb abging, fiel mein S3licf auf eine Stimmgabel unb ein SBlatt $a* 
pier. 3u meinem ©rftaunen las id) barauf u. 8. : „ÜJiajurfen ton 
S3 r jotoSfi — fomifcf|eS, unHareS, oft plattes ßeug, meljr SRafen* als 
»rufttöne, nidjt ganj unintereffant. — SBatjer üou QUlnzx — etwas 
langweilig unb untanjlidj, aber fleifcig unb eben ju gut als lanj* 
mufif: feinen ton einem Drganiften für ©oßegenl(oc^jeiten gefdfjrie* 
ben* u. f. to. — 35aS 931att toieber Ijtnlegenb entfernte id& mid& unb 
fal) balb burdfj eine 33orl)angfpalte, wie ber Sftebacteur jurüeffam, fid^ 
nieberfefcenb bie Stimmgabel öfters Dom ©dfjlag jum Dljr führte unb 
ruljig fdjrieb. SBar ein Xanjtljeil üorbei, Ijufdfj öffnete er bie ©aß* 
faaltpre, toal)rfcf)einlid) bie vox populi 'ju prüfen, unb fdfjrieb weiter. 
S)er SKann bauerte midj: er recenjtrte. 3m beften.ßaufdfjen hielt mir 
auf einmal 3emanb rücflingS bie Slugen ju. SSeinal) grob würbe idj, 
als id(j im ©djerjmacfyer einen flamänbifcf|en gagottüirtuofen , einen 
Jpro. be SJnapp hinter mir erfannte — ein ®eficf)t, baS wie baS 
offene gelbgefdjrei beS ©canbalS auSfieljt, feiner ©lafce, feine« moral* 
toibrigen SRafeuwurfeS nicht ju gebenfen, ein elenber gingerirer, ber 
mich fjaßf, weil ich itjn einmal in 33rüffel üon Sßeitem fyöxtn laffen, 
ein gagottfttnftler, ber nid^t nebenbei SBioline fpiele ttrie Sßaganini, 
brause ftd(j üor mir ganj unb gar nicht abjuarbeiten ; turj, einen 
ganjen @ljatefpeare ton Schimpfwörtern cntbedE* ich in mir, wenn ich 
nur an i£)n benfe. „SBerjeihung für meinen ©djer^", entfdfjulbigte er 
fid} (er ift beiläufig §auSfreunb im 9lebactionSpalaft unb SlmbrofiaS 
©hawlträger), „aber grl. SSeba fängt fo eben ben SBotero an", ©run* 
beS genug, ihm ben Sftücfen ju fefjren. Du fennft biefe jarte liebe* 
trunfene Eompofition, bieS 93ilb ton füblidjer ©lut^ unb Schüchtern* 
fjeit, üon Eingebung unb ßurücffialtung — unb nun SScba mit fchwär* 
merifcher 2ieblicf>feit am ©laüier, baS SBilb ihres ©etiebten in unb 
üietteidjt am §erjen, mir, mir es ju jeigen . . . gort lief idj beim 
legten ©ebanfeu unb hoffte nur nodj ton ber legten Sßolonaife. S)ie 
Gegebenheiten brängen fidfj jefct ©djlag auf Schlag. 2afc mich eilig 
über ein paar Sßolonaifen hinweggehen (ber ©omponift war felbft ju* 
gegen, ein etwas fadjter, aber angenehmer SDlann wie feine Sßolonaifen) . 
S)en 33rabourwaljer üon ßifjt brofe^ Ämbrofia mefjr, als fie itjn 
üerftanb, unb fdjnnfcte fic^tli^ JSUnx mit SBut^ fönne man fo ein 
Ungeheuer bedingen", fagte i^ t^r ins D^r, „unb fie t^äte ganj gut, 



93erid)t an gcanquirit in SfagSburg. 



25 



baß fie nid&t fdfjonte". ©ie lädfjelte midfj liebenb an. SKocf) waren 
einige SRajurfen übrig big jum Xanj mit SBeba, ber über baS ©djicf* 
fal bcS SlbenbS entleiben follte. Die fdfjönen SWelobieen biefer länge 
»erfolgten midj, als idfj mief) jufäüig wieber üor bem Solang befand 
wohinter ber SRebacteur freifte. Äaum ijatte idfj einige SlugenblidEe ge* 
lugt als mir, gerabe wie öor^in, 3emanb bie Stugen jut)ielt. Site 
id) abermals be Snapp hinter mir fanb, jagte idfj il)m, einen 
SDBife bürfe man faum wieberljolen, feinen aber gewiß niemals. Unb 
ba be Sfrtqpp nidjt üiel Deutfdfj üerfteljt, überfefcte idfj eS tf)m flämifd^ 
noef) einmal mit ben Slugen. „(Sntfdjulbigen ©ie, mon eher", ftotterte 
er, „aber grl. Slmbrofia warten jur Sßolonaife". 3efet aber gewährte 
id& erft meine glimme Sage. 2Bar eS benn nidfjt berfelbe Xanj, ben 
id( S5eba &erfprodf)en? StnbrerfeitS tote würbe mir Slmbrofia je üer* 
jeiljen? SBirb fie nid^t bie SMebeSpfeile, mit benen fie mid) jefet be* 
ftürmt, fpäterf)in in fritifdf)e Aqua Toffana eintunfen, mief) herunter* 
machen nadf) SRotcn ? ©in 931id naef) 93eba, unb id(j ließ ben Sorbeer 
fahren unb griff it)re §anb jum Xanj. greunb, bu weißt, biel ber* 
trag' idj, ©d&merjen wie Champagner, — aber fidf) in foldjer SäRufif 
an foldjer Seite ju ergeben, auf ©traljlenfittigen mit folgern ÜJiäb* 
df)en burdf)S 331au ju fdjweben, — faum I)ielt idj mi<f) bor ©dfjwin* 
bei. SBoljl f)ütete idfj mief) audf), an ©f)opin ju erinnern, bamit fie 
midj nidjt wie einen SSerbredjer aus ber einfamen feiigen Jpöfje fjerab* 
ftürje. ?118 fie mid) aber fragte, ob fie mir baS 85ilb jeigen bürfe, 
griff iä) med^anifd) ju. Das 33ilb war trefflid) gemalt, ber Äopf bis 
auf ben revolutionären ßug um &t)opinS SJiunb beinahe äf)ntid&, bie 
©eftalt ef)er etwas ju groß. Den Äörper etwas jurüefgebogen, be* 
bedte er fidj baS redete Sluge mit ber Jpanb, baS anberc ftarrte füf(n 
in baS Dunfel : im $intergrunbe fpielten SBlifce unb gaben bem ©an* 
jen bie SBeleud&tung. „@ut*, fagte id), öießeidjt etwas fdfjarf, benn 
fie brang in midj, ob mid& baS S3ilb bielleid&t an eine trübe 93ergan* 
gentjeit erinnere. „Stein", antwortete idfj, „eljer an bie ßufunft". §art 
unb ftumm fdjritt idj fort. Slmbrofia, bie oljne länjer neben be Änapp 
fiftenb mit judenben Sippen jugefefien, entfernte fid(j eilig. Äurj bar* 
auf flüfterte be finapp S3eba etwas ins Dl)r; fie warb bleicf) unb 
entfc^ulbigte fidfj, baß fie nid^t weiter tanjen fönne. SKein SBefremben 
fannft bu ermeffen! S)er Slnblicf be ÄnappS gab mir aber meinen 
ganjen §umor wieber; ja, als er naef) Söeenbigung beS 93aHS nicf)t 
weit von mir gegen einen Dritten etwas üon „unanftänbigem SSenef)' 
men gegen bie Xöd^ter beS JpaufeS" fallen ließ, forberte i>) il)n ofjne 



26 



SBeridjt an 3canquirit in Augsburg. 



SBeitereä, natürlich auf ©chufe. S)cnfe bir aber, was ich öon ©ufeb 
Ijbre, ber mich mit geheimnifftollem SESefen in eine SRifdje jieht unb 
erjählt, an feinem Äorb wäre ich ©chulb; ber SBater SRebacteur hätte 
Seba auSbrücflich verboten, mit mir (gloreftan) ju tanjen, ba ich ein 
©rjromantifer, ein 2)reu93iertel*gauft fei, öor bem fid) gu tjüten wie 
üor einer Sifjtfdjen Sompofition, — SBcba uns aber wahrfcheinlidf) 
unferer großen 2lef)nlichteit wegen ucriücc^fclt ;unb ihm ben Äorb ge* 
geben, ber eigentlich mir beftimmt, — baljer ba$ plöfcliche Abtreten 
SöebaS, bie üon be Shtapp nach bem SBiQen beS SBaterS t)pm wahren 
93eftanb ber ©ache unterrichtet worben ic. Unb biefer SRebacteur, 
biefer pljantafielofe 3°Pf^ & c ff en WtiföeS ©timmgabefoerfahren ich ber 
SBelt noc^ einmal aufbeefen will, macht mir auf ber Xreppe noch ben 
Slntrag, bafj ich ü)m etwas für feine ,9leufte* über bie eben gehörten 
Xanjmuftfen liefern möchte, üerfichert mir, baß er mich an fein £auS 
(an Slmbrofia, ber ein ÜJiann fehlt, natürlich, ba fie fcf)on einer ift) 
ju fetten wünfdfje u. bgl. geanquirit, baß ich ih m ett °aS Rumpfe» 
antwortete, wäre ju erwarten gewefen ; bafj ich aber 93ebaS wegen wie 
ein Samm üor ihm ftanb unb nichts fagte, beim Gimmel, öerjeihe ich 
mir nie. Unb boch h at an a ^ m nur ßhopin bie ©cf)ulb. 




ÜRadjfchrift. SBie idj'S üorauSgefehen! — 9lr. 37 ber JReuften* 
enthält eine SRecenfion unfereS Sarnat>alS: „baS wären einmal wie* 
ber ßroiebelmonftra, bei benen man t)or lauter SRitleib nicht jum 
SBeinen fommen fönne, — ©omponiften foHten ihre SBerle boch er f* 
bie Sinie pafftren laffen, ehe fie entftöpfelten, — füllten nicht benfen, 
baß, wenn fie ihren SRuQen t)on ©ebanfen ©djwänjchen anhingen, 
gleich Steunen barauS würben" k. 

NB. 2)e Snapp §at fich in üoriger ÜRacht aus bem ©taube ge* 
macht 4 



* b. f). SB — e— b— a. 



1 S 



SRonboS für Sßionoforte. 



27 



Kontos für ptanoforte. 

ft. 3r. §ecfel, SBergifemeinnidjt, föonbo. SBerf 11. 
ST. g. mof)$ f Stonbo in B. SBerf 3. 

5. Arfurt, 3 letzte SftonboS nad) SJiottoen t>on Silber. SBerf 30. 
„ „ &bfd)ieb t>on Sttagbeburg, SRonbo. SBerf 32. 
Souife garrenc, La grand-möre, töonbo in D. 

2t. ©utmann, £eidjte$ unb brtll. SRonbo. 

g. ©lanj, La tendreßse, djarafterifttfcf)e3 SRonbo. SBerf 2. 

«bete ©ratest, ©rofceä Ütonbo. SBerf 2. 

9t. oon ©crjbcrg, SfrittanieS föonbo. SBerf 11. 

£1). $öl)ler, föonbino über ein X^ema öon ©traufe. SBerf 19. 

„ „ „ „ (So^ola. SBerf 20. 
3. 3r. $obra9n8fi,.SRonbo alla «ßolacca mit Drdjefter. SBerf 6. 
& ftöfjier, Elegantes Dionbo mit Einleitung. SBerf 47. 

D. ©erfe, Einleitung u. Brill, föonbo mit gr. £)r Hefter. SBerf 2fr. 

6. 21. ö. SBinffjter, 2 brillante föonboS. SBerf 45 unb 46. 

E. Ejerntt, ©rofeeS töonbo. SBerf 405. 

g. iRieS, Einleitung unb föonbo alla Zingaresco. SBerf 181. 

6t. ©eller, 9ionbo*©d)erao (in G;. SBerf 8. 

g. E|o£in, föonbeau alla SJlapr (in Fi. SBerf 5. 

3. 2Kofd)ele$, SRonbo über eine fd)ottifd)e SMobie. 

„ „ „ SBritt. Stonbo mit Einl. über ein Xtjema öon $effauer, SB. 94. 

„S$ergi& mein nicf>t! 

$u Süngfing, btn idj meine, 

3u roefcfjem biefeS ßieb Ijier foridjt, 

Um beffen ©lüde id) ju ©ort oft betenb weine, 

Stergifj mein nid)t!" 

3$r irret, ßompomfteniimglinge, toenn iljr meint, idj t)ab' eudf) 
fo eben angefangen, ©er 33er8 ift nur ber Änfang be3 ©ebidjteS, ba£ 
man auf bem Xitelbtatt be3 erften ber obigen Sftonbos t>ottftanbig lefen 
fann, unb ber Eomponift fd&etnt fomit auf eine neue ©attung (ettoa 
„SRonbo mit SBorten") ju beulen, tooju il)m unb uns nur ©lücf ju 
toünfd&en. ÜJian irrt aber nrieberum, toenn man in ber SKufif itfjnlidje 
Sentimentalität ju finben Ijofft; im ©egentf)eil fdJ>rt biefe jo bief unb 
rotljbäcfig toie möglich Ijinterbrein. ©inem orbentlidjen Sftecenfenten 
wirb e3 nidf)t fdfjtoer fallen, feine ©elefpfamfett an bem armen Sünb ju 
jeigen unb feine ttebermadjt; befdfjeibenere t>ergleid(jen fidfj lieber gleich 
SRenfdfjen toie Satorence ©terne, ber eben im S5egriff eine gliege tobt* 
jumadfjen, fie jum genfter Ijinauäliefj mit bem 5Bemerfen, bafe bie 
Sßelt für fie beibe ja grofe genug, ©ntlaffen wir mithin aud) baS 
jtoeite Sftonbo, auä) ba3 britte, ba8 merte unb ba3 fünfte. Sei 9lr. 3 
unb 5 tonnten SKandje, namentlich Äe^rer eintoenben, ba§ fie ja 



28 SRonboS t>on GJutmann, ©ratd)i, ®fanj, fceraberg, $ö^er, $>obrai)n3fi, Stöger. 

offenbar für Äinberljänbe gebaut wären, unb bafc ©ombinirtereS nnb 
XiefereS ba am unrechten Ort :c. 3dfj aber fage: feib nur immer 
hübfeh geiftreich; baS talentvolle Äinb »iß baS, unb fpürt, wo eS 
fehlt, eben fo gut wie wir älteren, mit fo burdjmeg matten ?ßrobucten 
wirb nichts gefBrbert. Daher gefällt mir baS SRonbo von ©utmann, 
baS „\üt fiinber, bie nodt> nicht eine Dctave fpannen fönnen", ge» 
fdjrieben ift; in ihm ift meljr SMobie unb Seben. 

Sie brei folgenben 9lonboS wären ebenfalls am beften ungebrutft 
geblieben. Das von St b et c SB ratest giebt fidf) jwar SDiühe, etwas 
mehr ju fein als gewöhnliche SRonbomufif, unb verrätf) in feinen 
SRemimScenjen (fo in ber (Einleitung an bie Sßregljtera öon SRoffini, 
im erften Xljema an Sielb, im jweiten an SBeberS Stufforberung jum 
Xanj) 33ertrautf)eit mit vieler SDhtfif, wirb aber in ber Sänge immer 
flarer unb langweiliger, beS finbifdhen ©afceS ber Harmonie nicht ju 
erwähnen. SBöüig bebeutungSloS finb bie ©tücfe von ®lanj unb 
9t. vonföerjberg; jwar hat baS lefctere feine fo fchreienben Duinten 
unb Dctaven wie baS erftere, jeugt aber überall öon noch ganj un* 
fidjerer §anb unb öon einem noch wenig gebitbeten Df)i, bort im S3au 
beS ©anjen, hier w ber Harmonie; übrigens ift eS fchwer unb will 
ftubirt fein. §r. Xf). Döfjler giebt mit feinen jwei leiblich ^übfd^ett 
SRonboS abermals ben 93eweiS, wie eS ihm um ben 8tuf)m eines ©jernt) 
beS ßweiten ju thun. SßaS ©traufc unb ©oppola für grofce Äeute, 
gewahrt man erft, wenn man bie Döf)lerfche 3u*h at bagegen fjolt. 
©S ift merfwürbig unb traurig, wie ein fo bebeutenber ©lavierfpieler 
fo wenig als Somponift %vl leiften vermag* SBahrhaftig, junge Sünftler, 
hütet euch vor aßen ©räftnnen unb SSaroneffen, bie ©ompofitionen 
bebicirt haben wollen; wer ein Äünftler werben will, mufj ben ©avatier 
laffen. 

DaS SRonbo von §m. SDobrj^nSf i ift von getieften ^ n 9 crn 
componirt, correct gefdfjrieben, nationell gehalten, in ber gorm etwas 
breit aber in richtigen SBerhältniffen. Sine eigentliche Sbee fudfjt man 
jebodh auf ben vierjehn ©eiten umfonft; Originelles hat fie gar nichts. 
8ln einem Rondeau Elegant von §rn; Sohlet fann man, was baS 
Steuere, bie Xedjnif betrifft, ebenfalls nichts auSfefcen. Ueberatl ver* 
miftt man auch in ihm wie in allen vorigen 3flonboS eigentliche 
ÜRufif, frönen ©efang, feinere S3ilbuug. Ueber fein Xalent hinaus 
fann freilich SKiemanb; aber bie Kräfte bilben, verebeln foQte wenigftenS 
3eber. 3ch tveifj nidfjt, wem mit folgen Gompofitionen gebient ift; 
für Dilettanten ju troefen, für SBirtuofen ju wenig glänjenb, für 



9ionbo$ tum ©erfe, SSitifljler, (Saemty, 9üe3 unb fetter. 29 



äJiufifer ju unintereffant, bieten fie Sitten etwas, beliebigen fie Seinen 
bollftänbig. 

35aS brillante SRonbo beS $rn. D. ©erf c hat ben ^aupttitcl 
„Souvenir de Weimar" unb erinnert an ©ummelS Sßeife, bem eS 
auch jugeeignet ift. 3u ber Sötitte benufct ©err Oerfe ein ruffifdjeS 
Äieb, baS, wenn ich nicht fe£)r irre, aud) üon ©ummet fchon in ein 
größere« SRonbo eingeflößten ift. 35afj er eS einigemal förmlich unb 
in berfetben Xonart bariirt, giebt bem Sftonbo einen neuen Änftridj 
unb muft mit bem Drdjefter jufammen Don SBirfung fein. SMS auf 
bie (Einleitung, mit ber mir bodj ju wenig gefagt fdjeint, ift bie 
Strbcit x>on SEBcrtt)- 3n ber ©antilene ^at fid) ber ©ompomft bieHeid)t 
oor einigen fdiwächlichen SBorhalten, überhaupt oor einem gettriffen 
weitfdjweifigen ©entimentalifiren ju Ritten; in ber freien unbelaufchten 
^^antafie mag man fid) in foldjer Sßeife ergehen, — ber Deffentlid)feit 
gebe man aber nur ©djönfteS unb bieS fo lurj unb energifd) wie 
möglich auSgebrüdt. 

2)ie jwei SftonboS oon ©errn oon 355 in! hier fehen fid) wie 
©efdjwifter ähnlich, b. i. ergeben fid) nirgenbS über bie bürgerlid&fte 
Sßrofa unb wollen eS auch nid)t. SluffaEenbe geiler finb in i^nen fo. 
wenig ju finben als Schönheiten; fo wäre benn biefem in einer mitfc 
leren Sphäre fid) gefaQenben liarmlofen Somponiften nur noch mehr 
©id)tung beffen, was er für ben Drucf beftimmt, anjurathen. 

©r. Ejernij nimmt mit feinem Allegro agitato einen roman* 
tifdjen Stnlauf. Sftur SBenige würben auf if)it als ßomponiften biefeS 
Stüdes ratzen , in einen fo grauen 3ncognitorocf f)at er fid) einge* 
fnöpft. Dringt auch manchmal ber Sllte plöfcltch unb mächtig burdj, 
fo fann einem boch bie SSeränberung , bie in feinem SBefen borge* 
gangen ju fein fd)eint, faum entgegen. 2Sie baS enben wirb, wer 
weifc es ? 3)afe baS SRonbo hü&fdj unb angenehm Hingt, berfteht fid). 

©ben fo fd|Wer wäre baS folgenbe SRonbo als eine Sompofttion 
oon StieS ju erfennen, eine fo gewöhnliche allgemeine $lj*jftognomie 
hat fie. 9ted)net man bem Sitter ben ÜRadjlafe an *ßf)antafie als natür* 
liß an, fo bod) nid)t ben an ©rnft unb glei& als etwas SftüljmlidjeS. 
Äünftterifche ftmdt fönnen es wenigftenS nicht fein, bie einen aner* 
fanntenSKeifter jurSBerbffentlichung fo gar unbebeutenber ©adjen bewegen. 

3m SRonbo oon ©teph en ©eilet begegnen wir enblid) einer 
aus wahrem ©eifte tommenben ©ompofttion, einer echten SJünftlernatur, 
über bereu ©igentt(ümlichfeit beim ©rfdjemeu größerer SBerte bie 
3eitfchrift ausführlicher f preßen wirb. SaSSRonbo, fo Hein eS ift, fprubelt 



30 



StonboS t>on ©fjopin unb Wofc^eleS. 



rcd^t eigentlich üou ®eift unb Sßifc über. Qaxt, naiv, flug, eigen* 
finnig, immer liebenSwürbig, fdjerjt eS wie ein Sinb tyerum, fe|t fidj 
uns auf ben ©djooß, bringt bie wunbertidfjften ©infätte üor, fpringt 
wieber fort — lurj, man muß eS lieb fjaben.* Der Sefer fott alfo 
balb meljr über bie$ ausgezeichnete Xalent erfahren. 

2)a3 SRonbo toon ®l)opin ift metteidjt fcf)on im adfjtjel)nten 3aljre 
gefd£)rieben, aber erft toor Ähtrjem erfdjienen. 35ie große Sugenb be3 
Somponiften ließe fidfj ^öd^ftett^ an einigen tjerwicfelten Stetten, au« 
benen er fidfj nid)t fo fd^nctt tyerauSjufinben weiß, erraten (fo am 
©df)luß ber ©. 6), im Uebrigen ift ba3 SRonbo burd) unb burd) 
Sljopinfd), mithin fdjön, fd^wärmerifd^, öott ®rajie. Sßer il)n noef) 
nidfjt lennt, wirb am beften mit biefem ©tücf ben Änfang madjen. 

3Me jwei SRonboS öon 9Kofdjele$ finb für mittlere Spieler ge* 
fd&rieben. SBer ein SReifter einmal, faffe an, was er Witt: e3 l|at 
atteS ein Änfeljen. S)ie 9lonbo3 ^aben leinen työljeren SBertty als etwa 
Äreibejeid&nungen, wie fie ein SDtaler meljr jur Seluftigung auf Xifd) 
unb SBanb Ijinwirft; verleugnen aber fann fid(j bie äKeifterfd&aft nirgenbS. 
3n biefer 9trt erfreue fidf) 3ebermann ber flehten Silber. 22. 



Variationen für pianoforte. 

3. 9H3te, Xljema mit Variationen. 2Berf 44, 

©. ©. Äulenfamp, VrilL u. leiste Variationen über einen ganbango. SBerf 51. 
3. 9t tief g aber, Variationen über ein Ortgmaltljema. Söerf 32. 
3. ©tocfS, Brill Variationen über ein Steina üon 2htber. 
(£. Haslinger, Vrill Variationen über ein Xtyema t>on Sluber. SBerf 6. 
S. Vötyner, Variationen über ein befannteS Xfyema. SBerf 99. 
2f. X. Guttata!, Variationen über ein XJjenta öon SBolfram. SBerf 11. 
„ Seilte Variationen. SBerf 28. 

„ „ „ Variationen über ein befannteS Xtjema ju 4 #anben. SBerf 29. 

„ „ „ Variationen über ein befannteS X&enta. 333. 33. 

„ „ „ Variationen über ein Xfyetna t>on (Strauß. SBerf 34. 
2B. $aucf, ©r. Variationen über ein Xljcma aus 9lfdE)enbröbel. SBerf 36. 
(£. (Sfternto,. Vritt. Variationen über ein ttalienifdjeS Xf)ema. 3ß. 302. 
©. SL OSborne, Vrill Variationen über ein Xljema üon ^ale'oö. SBerf 21. 

„ „ „ „ 2Keüerbeer.2Ber!24. 
(£. ©tatnatto, VriH. Variationen über ein Drtgtnaltyema. SBerf 3. 
SB. ©toi je, Variationen über ein ruffifd)e3 Xfjenta. SBerf 29. 

Unfterblidf) ift feines ber obigen SBerle, pbfd^ manches. ®8 läme 
nur barauf an ju wiffen, wag bie refp. Somponiften felbft über i^re 



* (£S ift gtoreftan unb (SufebhtS jugeeignet. 



Variationen t>on 9li3le, Äutenfamp, Shtcfgabcr, ©tocfö unb Haslinger. 31 

SBerfe urteilten. Rieften fic fold&e für ewig, fo müßte man fic öon 
if)rer 3bee abzubringen fucf)en; gäben fie aber ladfjenb ju, baß eS ja 
Äleinigfeiten, über bie ni<f)t üiel Sßorte ju üerlieren, fo müßte man 
ifyre 83efd)eibenl)eit loben; benn $acf|g fönnen wir nicf)t in jeber ©tunbe 
fein, obwofjl folcf)e3 wünfd&enSwertl)- 

9lr. 1 unb 2 gehören ber blanfften ®ewöljnlicf|feit an. Jperr 
Äulenfamp fdf)rieb ber SRebaction ber ßeitfcfjrift einmal einen 93rief, 
in bem er fefjr auf fie loSjief)t unb ben jurüdfgefefcten großen SHinftler 
überall burdf)f<f)einen läßt. SBären wir 'feine geinbe, wie fönnten wir 
uns jefct rädfjen! Denn- wer Sompofitionen wie SBerf 51 fyerauSgtebt, 
barf feine anmaßenben 33riefe an bie SRebactionen f djreibeu. Slber woju 
geinbfdjaft? Schreibe er alfo nur nieftt noef) einmal unb äfptlidfj, 
fonft müßten wir ganj anberS mit i^m reben. 

S)ie Variationen beS §nu 9lucf gaber finb Ijübfdj, etwas fabe, 
aber nicf)t um barüber in §arnif<f) ju fommen. Ouinten unb Dctaüen, 
bie greulid£)ften , fönnte man nacfjweifen; — als ob baS bie größten 
©ünben ber SSariationiften wären! S)ie fo gerne üon einer SSerfcfymel* 
jung t)on 35eutfd(j unb 3talienifd& 5 fpredfjen, fönnen if)re Xräume f)ier 
toerwirflidjt pren. 5Ref)mt einen S3aß mit einer Xriolenfigur in ber 
Dectmenlage, fingt baju eine ÜMobie, toerft einige fd&toinbfüd&tige 
Vorhalte hinein, unb bie beutf<f)*italienifcf)e ©djule ift fertig, 

3n §m. ©tod S lernen wir einen ange^enben ©aloncontponiften 
fennen. geljlt iljm nodf) manches an feinfter Xouroüre, fo läßt fidf) 
baS burclj eifriges ©tubium ber ,§erjjcf)en SBerfe ja nadjfjolen, (Sin 
junger Sßartfer, ber mit Ijoljen ^Begriffen üon ber beutfdjen SKufif fjier* 
f)er gefommen unb fiel) weiter bilben wollte, geftanb mir, wie er fidf) 
md&t genug öerwunbern fönne, baß in Deutfc^Ianb Sföufif gebrueft er* 
f<f)iene, bie in granfreief) fdjon wegen SDiangelS an mobiler ©leganj 
nidE|t gefpielt werben würbe. 2)aS ift eben baS UnauSftet)Ii<f)£, ant* 
wortete idfj if)m, biefe gefdfjmacflofe ©olibität, in bie wir unfere ©alon* 
fünfte tauten, gegen welche Jperj ein wahrer ©ngel an SDtufit 2)aß 
wir inbeß unferm ©omponiften nidfjt Unrecht tfjun: — er fann Xa* 
lent Ijaben; wenigftenS fjat baS finale Bewegung unb guten Qu$. 

Sin befannter beutfdfjer ©omponift antwortete einmal auf bie 
grage, wie ifjm eine neue Dper üonSfaber gefalle, bie gerabe in SßariS 
gegeben würbe : „bie Xaglioni tanjt wunberf)übfd)*. Ste^nlic^ würbe 
icf), wollte Semanb mein Urteil über bie Variationen beS §m. 
S. Haslinger, fagen: „bie SEBiener finb ein luftig SSolf Ä . ßoben 
muß man fcf|on, wenn ein heutiger Somponift, ber ein fleineS, 



32 Variationen öon Söhnet, ©fjwatal, £aucf, ©jernt) unb DSborne. 



fd&erjhafteS Xljema üorhat, nicht mit einer (Sinleitung anfangt, als gätt' 
eS bie SRauem üon 3ericf)o umjucomponireu. ©o hält fid^ benn baS 
gange $eft in einer natürlichen fiteren Stimmung, bie fidf) nurinber 
jwetten 33ariation etwas ert)ö^t, bann aber fogar SBerthüolIereS'hertoor< 
bringt. Der Scf)lu& ift überrafcf>enb. 

SDtttten unter ben jungen ©efichtern fiefjt uns auf einmal eine alte 
SRuine an. ©ie grünen Steige, bie fie noch trägt, wolle man ihr 
laffen; fie erjä^lcn üon alten Briten unb grofeen aRenfdjen, bie fie ge* 
fehen. Sticht ohne Xljeilnafjme fann man'S betrauten, 6 

Die 33ariationShefte beS §rn. Shwatal finb faft fämmtlich in* 
ftruetioen Sf)arafterS unb entgälten, weniges Xrocfene abgeregnet, 
allerliebfte Sachen, Stübdhenmufit mödfjt' id) fie nennen. 3KufifaIifd)en 
©ehalt ^at 333. 11 am meiften, unb in biefem wieber bie ©inleitung. 
S3ei ber jweiten SSariation fällt mir baS unleibliche Duinquiliren 
jttrifdjen fleiner unb großer 9lone auf, baS noch üor etlichen Sagten 
ju ben Reinheiten btä XageS gejault würbe. 35er Somponift, fonft 
ja ein gefunber §armonifer, erinnere uns nicht mehr an jene $t\ttn\ 

SBenn man bie SSariationen über ein $h cma aus Slfdfjenbröbel 
bemfelben Somponiften jufd^reiben muß, ber oor fturjem geftorben unb 
ein fdfjäfcbarer Sünftler gewefen fein foll, fo feheint biefe Sompofition 
einer früheren Sßeriobe anzugehören, in ber pdf) noch feine eblere $unft* 
anficht in ihm entwicfelt hatte, ©ie Variationen finb unter jebem ®e* 
fid&tSpunft unbebeutenb unb nicht einmal mit ber 2eicf)tig!eit getrieben, 
bie bie Xritrialität ähnlicher SEBerfe in etwas ttergeffen macht. Jpätte 
man fie lieber ganj unterbrüeft! 

§rn. ©jernh tann man nicht einholen, mit aller fritifchen 
©chneüigfeit. §ätte ich 3fcwbe, nic ^ tg a *3 f°W) e SKufif gab 1 ich ihnen 
ju hören, fie ju vernichten. S5ie gabf)eit biefer SSariationen ift wahr* 
haft remarfabel. 

35ie jwei folgenben ßomponiften finb Schüler Don Salfbrenner 
unb vortreffliche SSirtuofen, ihre SSariationen feine Shtnftwerfe, aber 
elegante Sßarifer SKobearbeiten, unb immer noch erträglicher als biefe 
beutfehen ?ßlumpfäde, bie oben flüchtig berührt würben. ®ut gefpielt 
raüffen bie SSariationen beS §rn. CSborne, SB. 21, in ©ntjücfen 
fefcen; fie fcheinen mit einer gewiffen SelbftgefäHigfeit gefchrieben unb 
haben ben SSorjug, leichter ju fein, als fie Hingen. 3n ben SSariationen 
über ein Xtyma aus ben Hugenotten fommt im ginale mehr als über* 
rafchenb ber Shoral „ein* fefte S3urg" :c. SSleibt ÜJietyerbeer leben, fo 
werben wirS noch von ben Serchen in ber Suft ^örett. 



©tamatt) unb ©tofye, SBoriationen; SebeSco, ^ljantafie. 



33 



33ef onberer, auSgefuci)ter, eigentümlicher finb bie SBariationen Don 
©t amatt) über ein Driginaltljema, baS freitid^ fetbft wie eineSSaria* 
tion fdjeint, übrigens aber toon weufjem, jerfliefjenbem ÄuSbrucf tft. 
Xalent finbet man burd&gängig, in ber jweiten SSariation audf) biet 
©mpfinbung. SDte Dielen oorfommenben Dcta&engänge ^aben ü)ren 
©runb wol)l mehr in ber SSraoour, mit ber fie ber ©omponift fpielt, 
als in einer äft^etifd^ert 5Kott)Wenbigfeit. 

©et)r fdfjfifcenSwerth, wie alles was uns ioon ben Arbeiten beS 
£rn. ©tolje befamtt, finb auch bie oben emähnten Variationen, unb 
jeichnen fi<h burdh intereffantere ©timmenführung, eignen ßttfd^nitt unb 
burd) etwas ©eiftigereS aus, was mannen feiner anberen Kompofi* 
tionen abjugehen fdjien. SBfinfchte ic^ bem Gomponiften etwas, fo wäre 
eS ein Verleger, ber feine SBerfe jettgemäfcer auSftattete. Sin fo graues 
Äleib fdjabet bem erften ©inbruef beim ©urdfjfpielen ungemein. 3n 
ber Sßljantafie f>abe ich mir baS Sßerf aber mögtidfjft fdjön nadfjgefungen 
unb ber beften (Empfehlung Werth gefunben* 22, 



^tjantafieen, Caprtcen für JJianoforte. 

«rf*e SRetlje, 

3. XebeSco, <ßf>antafie über 9ttottoe aus Robert ber XeufeL SBerf 6. 

(£. ©djunfe, ®r. djaraft. Gaprtce über ein 3^ema t>on Sttetyerbeer. SBerf 46. 

3. 9? igle, ©rtttanteS OTegro. 2Bert 45. 

3. ©djmitt, ©r. briH. 9$antafie (Douleur et triomphe). SBerf 225. 

Hommage ä Clara Wieck. Recueil p. 1. Piano. 

D. ©erfe, SImuJement. Söerf 16. 

3. % (£. §artmann, 4 gopricen. 5Berf 18. $eft 1. 

333er weifc, wie Jperr XebeSco mit obiger Sßljantafie in Äeipjig 
wenigftenS in ©rftaunen gefegt, ja wer fogar jener Sjecution felber 
beigewohnt hat, !ann eS bem Sontponiften nicht oerargen, bafc er ein 
befdf)eibeneS: „Ex6eut6e par Tauteur dans ses concerts" auf bem 
gebrueften litelblatt beifügte, lieber gewiffe SMnge fpräc^e man nicht, 
wenn man nicht oft gegen feinen SBitlen baju gejwungen würbe. S03.er 
wirb einem jungen reifenben Äünftter übel wollen; it)m nicht förberlieh 
fein! 9tur baS ,.ex6cut6e" x. hätte ber SSirtuoS weglaffen foUen, 
btefeS ,,ex6cut6e" k. lägt mir feine Stühe unb Saft, oerfolgt mich 
feit einigen Sagen in meine Xräume, oerfe|t mir ben Sttljem. Unb 

<5d)itmann, ®ef. ©Stiften. II. 3 



34 



©labterftücfe fcon (S. ©djmtte, 9ttSle unb 3. Sdjmitt 



bann lefen nur in einigen norbbeutfdjen blättern bon einem Söunber* 
fpieler, bem §annibal ber Dctaüen jc. Sludj bieS möchte fein unb 
üerbtente leine SSiberlegung. Slber bicö ,,ex6cut6e", bie$ einzige 
SBBrt^en 3dj fann nidf)t weiter. 

Uebertjaupt, wer l)at bie ©df)ulb am ©lüde fo üieler junger 60m* 
poniften ? — SWeijerbeer. 3d& jage nid&tö bom unmittelbaren ©influß 
feiner Sßerle auf ben ganjen SRenfdjen, nidfjtö Don bem europäifd)en 
Untoerfalftil, in weldjen fidfj burdfj ^Bearbeitung feiner Xtjemen am 
fidfjerften einjufd&ießen; ganj materiell beute idj nur auf ba8 ®olb, 
ba$ göttliche, baä eifrige 3ünger aus iljm f dalagen/ auf ben SBortfjetl, 
tjinter ben gefcen eine« großen SRanneS fidf) mit in bie Unfterblid&leit 
einfd&muggeln ju fönnen. ©0 auef) §r. ©. ©cf)unle. SRit SBonne 
wätjt er fidj in be3 SReifterS Xönen, reicht üom großen ©efammtein* 
brud nodfj einmal aus buftenben @dfjnap3glä8df)en, fidfj taufenbfad) ju 
beraufdfjen : lurj, üRetjerbeerS tapferfter §erolb ift er. gragt tmd) nicf)t 
genauer, wa$ it)r auf ben 20 ©eiten 2Rufil für meldte befommt gewiß 
gute Slnfänge, üerweljenbe Slaüierfeuf jer, eine äRenge belicater Steinig* 
leiten, bann ba3 2Ret)erbeerfcf|e unb allerliebfte SluSfütjrung, jum 
©dfjluß enblid), worauf idf) längft gepaßt, eine Änbeutung be3 Äuttier* 
fcf>en Choral«. 2)ocIj finb bieS nur Sßorte, SBinle, bie nur fdjwadfj 
wiebergeben, was idj mir bei ben Hugenotten felbft bom Kleiber* 
aussen ber äRäbdjen an big jum Stjoral hinauf gebaut. 5)a^er 
fdfjwelge man nur üon ber Duelle felbft! 

S3einat)e traurig gegen foldje greubenmufit nimmt fidfj eine 
uufd&ulbige Sßolonaife Don £ro. SR i öle au3, ber bie SEBelt inbeß wenig 
lennt, wenn er foldje mit Sßaleftrinafdfjen ©reillängen ju paden meint. 
Da« Xrio allein Ijat etwa« meljr garbe unb angenehmen Sljaralter: 
ba3 Uebrige ergebt fidj in ben gewöljnlid&ften iparmonieen-, bafc ®anje 
f d^eint wie eine ©ompofition auä 93anf)al3 Qtittn. 

Sin ber ^antafie be3 §rn. 3. ©cfjmitt mißfällt mir allein baä 
bombaftifd&e Äu8t|ängefdjilb. SBorum Douleur et Triomphe? SBarum 
Inspiration musicale? Sßarum grande Fantaisie brillante? ®ewiß 
bleibt be8t)alb bie 3Rufil biefelbe: aber warum als altes bemoofteS 
§aupt tt|un, wa$ man beim ©dfjüler belächelt, wenn er in berjetlj* 
lieber ©elbftbegeifterung feine ©Triften mit joWangen S3udjftaben be* 
malt! Unb baß e$ mit bem ©djmerj unb gar mit bem Xriumpl) nidjt 
fo weit t|er ift, merlen gewiß audfj bie, auf welche felbige ©dfjilber 
etwa Don bornf)erein einen (Sinbrud mad(jen. SRennen wir bie ©adfje 
alfo beim SRamen: „Sntrobuction, X^ema unb S3ariationen* unb 



Hommage a Clara Wieck ; Wmufement Don ©crfe. 



35 



urteilen Don biefer §öfje, fo erhalten wir in ber ^antafte ein fet)r 
angenehm IlingenbeS, mit ©efd^tcf nnb ©efdfjmacf gefegtes SWufifftücf 
Doß einnef)menber 9Mobie unb wenn nidjt tiefem bod) anmutfienbem 
Sfjaralter. Sßor SJertiniS ©ompofitionen, mit benen unfer ©omponift 
in Ijarmonifdjer S3el)anblung toic ber beS SnftrumenteS, Diel AefjnlicijeS 
Ijat, jeidjnen fid^ feine burdE) etwas ©eutfdjereS, $anbfeftereS aus, 
wätyrenb man bort freilief) mef)r 9Kobifcij*9teueS antrifft. X)aS Stüdf 
wirb fidj oljne unfer 3utf)un beliebt madjen. 

Scheint eS bod), als hätten bie fämmtlid&en fünf gefdjäfcten ©om* 
poniften ber großen Äünftlerin, ber fie mit ber fünften ber obigen 
SWummern ein SKnbenfen gebraut, ju tief in baS äuge gefef)en, in fo 
romantifdfjer SBeife ergeben fie fidf) ; ja felbft gmei eljrenf efte Drganiften 
fdfjwanften einen Äugenblitf. Sm ©ruft, bie Sammlung ift intereffant. 
©leid) baS erfte Stüd, eine ©aprice Don ©. grand, faßt burdj ßürje, 
griffe, Sfraft unb ©inljeit auf, wäfjtenb fidf) bie 9tt)apfobie Don St* 
§effe unter bem romantifd^en ©influft uod) etwas »erlegen benimmt, 
a6er mit Xalent aus ber Sd)linge jief)t. 5)ie SBifion unferS gefd&äfcten 
Dr. Saniert befenne id& nidf)t ganj ju Derfteljen, ja befenne, baß id) 
fie erft Adagissimo fpielte, als ic§ ju meinem ©rftaunen Presto als 
Xempo fanb: nun war es DoflenbS bunfel ummidf). ©in Meines Un* 
geheuer Don SRomantif l)ält man fidjerlidf) unter ben $änben. X)ie 
Xoccata Don ©. Söller ift auf eine lebenbige gigur gebaut unb Hingt 
rafdE) geftrielt, gut unb brißant. ®af$ im jweiten Xljeil immer bie* 
felben Jparmonieen Dorfommen, faßt etwas auf. ©in Notturno Don 
83. ©. $f)ilipp f fließt; eS ift eine ©opie, aber mit einem Xalent 
gemadfjt, baS mefyr SJiafjrung unb Aufmunterung Derbient, als eS 
Diefleid&t erhalten 1)aL 

8luS bem Slmufement beS §errn ©erfe münfd)te id| nur ben 
SBaljer unb bie Sßolonaife weg, um es als ein gutes empfehlen ju 
fönnen. 2Baf)rf)afttg, man foßte eine befonbere SRebaction für 3Ranu* 
feripte f)onoriren, bie im SSorauS Xob unb öerberben jungen, talent* 
Doflen ©omponiften fd)Würe, wenn fie offenbar Verbotenes mit iljren 
beften ©aben in bie Sßelt einjuf^wärjen trachteten. Dljne jene Stüde, 
bei benen bie Sldfjtung, bie et fid) bei bem Äritüer unb Äünftler er* 
werben mufe, wieber jur ©leid&gültigfeit unb jum Verbrufe Ijerabfäßt: 
welche wert^Doße Sammlung Ijätte eS gegeben! Die anbem Säfce, ein 
3RarfdE>, ein Sdfjerjo, baS freilief) fel)r an baS §ummelfdje in ber Ddur* 
Sonate erinnert, ein SRonbo unb eine SKajurfa gehören ju bem ®e* 
banfenDoflften, baS mir bis jefct Don ben Arbeiten biefeS ©omponiften 

3* 



36 Kapricen öon £artmann; ©onate t>on & ©djubertf). 

ju ®efid)t gelommen. Jpalte er baran feft; bic elegante Sphäre laffe 
er in ©otteS Kamen Slnbereu. 

Die üier Sapricen Don §rn.- 3. (£♦ §artmann finb tooljl 
gearbeitet, üerftänbig, ernft, ja finfter, ©3 fdjeint aber, als tootte er 
beS ©uten ju oiel, afö fiafte er ju lange am ©injelnen; feine 9Kufi! 
fpridf)t nod& nidf)t frei, gleid^i als ob ein Dämpfer barüber läge. 2Bo 
man l|infül)It, gormen unb ©ebanlen, aber — mit einem Sßort lein 
©efang. 3n ber brüten Saprice, bie metobifdfjer »erben «ritt, jeigt 
fidj ba3 am ftärfften: fte t^at rooljl äMobie, fdjtoeift aber untuftig 
unb unfidfjer auf unb nieber; too man redjtS ju fommen glaubt, get)t 
fie ftnfö, wo man in bie liefe, ftrebt fie in bie §öl)e. Die jarte 
melobifdje Stber, bie fid^ in ben SBerfen ber SWeifter burdjbie öer< 
ttndeltften ßab^rint^e ber Harmonie ljinburdjjieljt, f ann freiließ SKiemanb 
mit ©eroalt in fidj bringen; genrifc tafet fidf) aber bur$ fteteä Stuf* 
merlen, ber Harmonie nidf)t eine ju grofee iperrfdfjaft über bie SKelobte 
einzuräumen, biefe &on jener nidjt gänjlic^ unterbrüdfen ju laffen, gar 
mandfjeS erreichen. Darauf fdjjeint mir ber ßomponift achten ju 
müffeu. Sßär' e3, bafe toir mit unferm Statte nid)t ju fpät fämen, 
unb bafc er mit freier leidjter SSruft ba3 3^* verfolge, beffen gliidfticlje 
©rreid&ung mir jeber wahren JBeftrebung üon fo ganzem Jperjen 
gönnen! 22, 

Breite 9kil)e. 

S. ©djubertl), ©r. $f)atttafie in gorm einer ©onate (Souvenir a Beethoven). 
SBerf 30. 

(S. SR. t>. SBeber, ^antafic (Lea Adienx). ftac§gelaffene$ SBerf. 
©. % fjalbera., 3 Notturnos. SBerf 21. 
„. „ „ ©ro&e ^Ijantafte. SQSerf 22. 

SB. Saubert, 93riH. 3mpromj>tu über ein Xljema öon SJlegerbeer. SBerf 25. 
„ „ „ ©rill. $toertiffement (Bacchanale) mit Orcf>efter. SBerf 28. 

©ottte einem ber obigen ©omponiften üor einigen Sfagenbtiden 
baS Kufe D^r fo ftar! geflungen l)aben, bafc er &or fid) felbft f)fttte 
fliegen mögen, fo ift ba$ natürlich; benn idj lieft midf) eben fo gegen 
einen SBefannten au8 : „<5reunb, bu toeifct, ein ganjer 3ean ^aulfdfjer 
Sßalt* üou ©anftmutf) ftedtt in mir; in getoiffen g&tlen aber fönnt' 
idf) benn bod) getroft aus ber $aut fahren. SBir Ratten neultdfj eine 
©tjmpljonie öor, beren öerfaffer fo tapfer jufammengeftof)len, bafj wir 



* in ben „gflegeljatyren" 



fc 3R. tum SBeber, ^ontofte; Balberg, Notturnos. 



37 



uns bic einzelnen ©ä|e redf)t gut jurttcfrufen fonnten, wenn wir fie 
bejeidjneten mit JEroica«@afc, ©ommernad&tStraum'Safc 4 ' k. 3)er 
©tjmpljonift ift aber ein Äinb gegen unferen 33eet$obem>ereWiger .... 
©inb nrir benn ba^in gelommen, baft nur Somponiften, cl>e fie com* 
poniren, erft fragen müffen, ob fie ftniggeS Umgang mit SDienfdjen 
gelefen — baijin, bafe wir fie aufmertfam machen müffen, ba§ man 
in gebtlbeter (Sefellfdjaft bie ©tiefet nidfjt auSjie^en bürfe? Äennen 
fie nidjt ben Anfang beS 8BB© ber erften SStlbung? ©ollen mir fte 
an bie grieddifdjen ©dfjulen erinnern, in melden ben ©dfjülern aus* 
brücftidj gefagt mürbe, bafe fie bie SRetobieen i^rer SBfiter fad&t unb 
ernft nadfjfingen mfifcten unb ,bafe pe fdfjarfe ©dfjtäge befamen, menn 
pe jene äßelobieen burd) ©djnbrfeleien üerjiertidfjen wollten?' Sßerge^t 
pd} bie Unbilbung fo weit, bie erhabenen ®ebanlen eines SJleifterS ju 
betaften? 9tod(j mefjr, wagt pe eS, fie förmig ju beränbern, ju 
rütfen? 2Baljrf)aftig, an i^rer SBere^rung femT idfj fie. §ibfdfjnu* 
E$an*3Rurjad> wäljt pdf) bor einem Älofc im ©taube, Sßeter fneipt 
feinen ©d)afc in ben SSacfen, unb Somponiften fd&rriben Souvenirs k 
Beethoven!* SDlein greunb fagte, idf) äufjere midf) etwas pari. 3df) 
aber gelobte mir Don Steuern, gegen (Semein^eit unb SBerfefirtfjeit, fo* 
lange ein Xropfen SBlutS in mir, anjufämpfen. 

3n ber 5ßf>antafie mit SBeberS Slamen glaubt* idf) mid) etwa» 
öon meinem SBerbrufe erboten ju fönnen; aber fdjon auf ber brüten 
©eite festen mir jebe SRote wie jurufen ju wotten: „idj bin nidjt üon 
SBeber." Unb wenn man mir feine §anbfdf)rift jeigte, ja, ftfinbe er 
felbft aus bem ©rabe auf unb befeuerte, bafe bie ^fjantafie t>on iljm, 
id> fonnf eä nidjt glauben. Die ©etäufdjten tljun uns Ijerjtidf) leib; 
meine moratifd^e Ueberjeugung fann mir aber SKemanb nehmen* SJlan 
wirb uns üieHeidfjt Rapiere üorlegen, niemals aber beweifen fönnen, 
bafc mit ber Seröffentlidjung eines burd&auS fdjalen, auSeinauberfatten* 
ben SJiupIftüdteS, unb trüge es ben Stauten beS »eften an ber ©time, 
irgenb etwa» geförbert ift. 7 

ffleim ©urdjgel)en ber ©ompoptionen mm Balberg war td& 
üou jeljer immer in einer gewiffen ©pannung, nid&t als ob idf) auf 
v ßlatitüben lauerte, fonbem weit er fie immer fo grünblid) vorbereitet, 
bafc man bie lommenbe totyle ©teile jiemtid^ genau üorauSjubeftimmen 
n>ei§. 3n Meineren SompofitionSgattungen, bie feine fo nadfjljaltenbe 
(Energie jur SSoUenbung ertieifdfjen als größere gönnen, pnben fidfj 
fold>e ©teilen natttrlidf) weniger, baljer mir audf) baS SDteifte ber 
fRotturnoS gefallen fyit, wenn man oorweg öon SBielfeitigleit unb 



38 



Balberg, Sßljantafte; Saubert, 3mpromptu. 



©rofeartigfeit ber ©rfinbung abfielt unb bcm ©omponiften eine getoiffe 
©üpdEifeit nidjt als ©d}WädE)e anrennet, ©o finb bic ÜJielobieen ber 
SKotturnoä burd&weg einfd£)meid£)elnb, wenn audE) nidf)t nen unb t>ott* 
fomnten ebel. $)ie im erften fcf(eint mir nur eine SBeränberung t>om 
alten „8tn 8tlej:i3" :c, ift aber fo ju fagen fd&ön inftrumentirt. 9lud) 
ber jweite metobifd&e ©ebante (in Asdur) im ^weiten SRotturno fingt 
redEft gart, fd&teppt aber julefct 8lm beften toiU mir ba3 Xtjema gum 
brüten Notturno gefallen, ba e3 nidf)t fo breit auSeinanber fliefct unb 
f üblicher SKatur ift; in ber gotge (Xact 13 ju 14) tommt tnbefc eine 

gortfd&reitung (gjJJ], bic mir unerträglich — S)ie SRüdEgänge, in 

benen fidE) bie 9Äeifterf)anb am erften funb tf)ut, gefdf)ef)en nodE) nid&t 
mit ber Seid&tigfeit unb 9tatürlidf)feit, Wie wir e3 bei gielb unb ©fjopin 
treffen; tt>ie fid} Xfjalberg überhaupt gu Sefcterem t>ert>ält toic ©art 
SWatjer jum ©rfteren. — X>ie Sßfjantafte SBert 22 beftef)t auä einer 
SRenge fleiner Abteilungen, bie ftdf) um einige ©runbfjarmonieen be* 
wegen, au8 benen fidE) f)ier unb ba audE) redf)t fd£)öne äRelobieen ent* 
wicfeln. ©ie enthält manches 3lnmutf)ige unb Qaxtt, fo fdEjwierig unb 
öoQftimmig fie gefd£)rieben ift ©in mufifalifd£)e3 SBlatt enthielt jfingft 
bei JBefpredf)ung Xfjalbcrgfd^cr ©ompofitionen bie SBemerfung, ba| man 
beim Änfjören freilief) um bie Jpälfte be$ ©enuffeä fäme, wenn man 
bie Äugen jubrüefe, b. f). wenn man fie fidE) merfyänbig gefpielt backte. 
3cf( meine aber, bafc e3 nidEjt gering anjufcfflagen ift, wenn ein ©in* 
jelner Vollbringt, woju fonft jwei geboren* 3)ie$ fönnte atfo bie 
8td£)tung nur erfjöljen. $)aft aber bei Xtjatberg, wie bei $erj unb 
©jerng, ba3 &anb* unb gtngerwerf §auptfadf)e bleibt, unb baft er mit 
glänjenben SKitteln über oft fdfjwädf)lidf)e ©ebanfen ju tauften wet|, 
fönnte ju einem 3wctfcl toerantaffen, wie lange bie SBelt an foldEjer 
medE)anifcf(en SKufif ©efallen finben möchte. 

SJon ben ©ompofitionen, bie burdE) bie Hugenotten ^erüorgerufen 
finb, unb beren uns ber Gimmel nidEjt ju biete fd&enfen wolle, toerbient 
allein bie bon$rn. Xaubert ben Kamen — wenn audE) nidjt Jhmft* 
werf, bodE) ben eine» guten 9Ruftffiücfe$. ©o wenig originell mir ber 
©Ijor „SRataptan" :c. borfommt, ja beinahe wie eine J8red£)ung ber 
©alopabe au8 28itf(elm Xeö, fo fjätte tdf) if)n bodE), wenigftenS ein* 
mal, unberänbert ju f)ören gewünfdf)t, als fo wie tf)n fief) $err Xaubert 
gefefct. 3)ocf| ift ba3 Siebenfache, unb ba«, wa» ber Arbeit SBertl) 
giebt, ber Sau beS ©anjen, worin e3 ben beutfe^en ^ünftlem nun 
SRiemanb juüortfiut. ©er SBerfaffer felbft legt öieHeid^t nur wenig 



Saubert, 93acdjanale. gragmente au$ Seidig. III. 



39 



SBertf) auf fein Jpugenottenftüd ; inbefe würben mir gar nidfjt bagegen 
fein, fd&riebe er auef) in ber Brunft mand)e8 berlei jum S3ortf}eil für 
ba8 publicum wie für feinen eigenen, — für jenes, ba3 toon ber ge* 
biegenen Arbeit ber ©d&ate, worauf & öon feinen ßiebtingSgenüffen 
ju foften befommt, ungleicfj mef)r lernet fann als von ben winbigen 
franjofifc^en (Sjampagnergläfern, — für üjn, ba| er t>on ben gein* 
Reiten be8 ©atonS fo lange für fidf) nüfce, atö e$ einem ernfteren 
©treben leinen Slbbrudf) tynt, wie bennglorefian neulief) in einer anberen 
SBejiefiung meinte: „man müffe mand&eS in fidf} ^ineincomplimentiren, 
um eS nur wieber tyerauäjuprügeln 1 ', wetzen ©pafc wir iljm gern 
gönnen. 

3m S5accf(anate finben wir gerabe fein bacdfjantifdf)e3 Seben, für 
baS bem (Somponiften wof)t audfj ber f)5cf)[te ©cfjwuug ber SSegeifterung 
mangelt, aber ein luftige» (Setage, bem teinc Sßolijei etwa» angaben 
wirb. Die Snftrumente fdfjeinen triel barin ju fagen ju Jjaben, wir 
fönnen e3 leiber nidjjt genau angeben, fe^Ienber Sßartitur falber, Än* 
Hänge an SRenbelSfofin, wol)t audfj an SBeber finben fidjj f)ier unb ba, 
aber in einer Sßeife, bie icf( umgefe^rte $adf)aijmung nennen möd&te, 
inbem mandfjer ©omponift gerabe bem, bem er äfjntidfj wirb, mit allem 
gleifc auSjuweid&en fudf)t, big er i^m in einem nnbelauf dfjten Äugen* 
btief mit bem ganjen Äörper in bie Sfrme fällt. 22. 



/rajmettte ans tfetpjuj. III. 

[$te (Soncerte ber ©efetifdjaft ©uterpe.] 

©3 mag woljt über je^n 3at)re f)er fein, bafc ficf( in einem un* 
fdEjeinbaren fjiefigen ßoeale einige junge SKufiler versammelten, tfjetla 
gute alte SBerfe, t^eil» tfpre eigenen neuften auf jufüfiren, ober audjj fidE) 
unter einanber §ören ju laffen. 8 SRitglieber auf äRitglieber melbeten 
fidj}; nadf) unb nad) verlautete audE) im publicum bavon, X^eilna^me 
unb Sleugierbe trieb SRe^rere t)inein; bie geheime ©efeBföaft befam 
2Rutf>, führte größere äBerfe mit größeren SRitteln auf, gab fidj einen 
Kamen, ©uterpe, wählte einen StuäfdEjul unb in einem anerfannt 
guten äHufifer, §errn ©. ®. SRttller, einen ©irector. ©cfjon im 
SBinter 1835 verlegte bie ©efettfdfjaft i^r Uebung8jimmer in einen 



40 



Fragmente au£ fieipftig. III. 



anftänbigen fdjönen ©aal. * Dafe er immer gebrüeft üod, bezeugte tf)t 
bie toadf)fenbe ©unft bcS publicum» — unb fo gab e« auä) im ber* 
gangenen SBBinter^albjaljre Dom 24. Dctober bis 14. 2Rärj jtoolf 
foldEjer Soucerte, unb trenn man eüoa SHontagS fragte, ob eS StbenbS 
nidf)t irgenb ttaS gäbe, befam man auf edf)t Seipjigerifcf) metftenS jur 
Antwort: ,/S ift (Suterpe*. 3nt ©runbe mufjte fidE) aber bie efjren* 
tuert^e ©cfcUfd^aft ifjre ©oncertabenbe redf)t jufammenborgen, ba bie 
meiften äJtitglieber auä) im Xljeater, in ben ©etoanbfiauS*, ffijtra* unb 
anbern ßoncerten mitfpielen unb eS nur wenige Xage giebt, too es 
nicf(t l)ier unb ba ju tljun gäbe. £iefeS SHi^jtbeftimmtfein eine« eigent* 
Itdfjcn ©oncertabenbs giebt aber bem Snftitut fogar einen leisten Än* 
ftricfj öon poetifdfjer greifet, unb fteljen bie ©utetpiften nun ttrirflicfj 
bor i^ren erleuchteten pulten, fo fpielen fie fo frifdj ju, ba| fie einem 
fogar lieber als irgenb eine fürftlidEje Sapeöe, too SHemanb gueten fott 
mit ben Slugen unb feiig fein in ber SRufif. gur ©adEje! S)ie ur* 
fprünglidje lenbenj beS SBereinS alfo, Stuffüfirung ber beften SBerfe 
ber beften SReifter, bann bon Sompofitionen teuerer (©mf)eimifcf)er 
nrie grember), enblidfj Vortrag t>on ©olo*, audf) ©nfembleftücfen tum 
üRitgliebern unb 9GidE(t*9Witgliebem beS SBereinS, gilt audfj jefet nodj 
fort nur bafc fief) baS ©anje auf eine ^ö^ere Stufe gehoben t)at, bafc 
mit mel)r 2Bal)l öerfa^ren wirb, ©efang ift burcfyauS auSgefdjloffen,** 
roaS manches gegen fiel), aber aucf( baS für ftd^ l)at, bafj fo ber 
SBerein eine beftimmte garbe befommen, ja, ba| er fidj ju feinem SBor* 
tljeil nur im Snftrumentalen befeftigt. 

35ie ÄuSfüljrung ber ©tjmpljonieen unb Duüertüren giebt ber in 
ben ©etoanbljauSconcerten nidf)t triel nadf), natürlich, ba eS meift 3Jht* 
fifer üon baljer finb. ©ptelt man bort mit me^r SRejpect, fo Jjier mit 
me^r Äedfjeit; ftef)t bort berSirector felfenfeft im Xempo, fo gel)t eS 
f)ier in einem SSeetljoöenfd&en ©cfjerjo über Sopf unb §als bem Snbe 
ju, ©eibe 3nftitute finb einanber nüfclidE), beibe öon größtem ffiinflufc 
auf bie üerfd&iebenen ©tänbe ber Qu$(>m. ©etoiffe geiler bürften 
freiließ nie borfommen unb müßten mit einer 8lrt lob beftraft werben; 
fo blies ein Suterpift in ben erften lacten beS ÄUegretto ber fiebenten 
©gmp^onie üon SBeetfjoüen ein berbammieS Cis; bodf) Wollen wir fold&e 
gäHe nectenben Äobolben beimeffen, bie ficf( jufäHig too^l einmal in 
eine $oboeröl)re tJerfrod^en, 9Son ben ©^mp^onieen ber SKeifter gab 



* $a8 alte, ein 3a^rje^nt später abgebrannte Hötel de Pologne. 

; * ftid)t ganj richtig ; ed traten fdjon ^efangfat^en jum Sortrage gefommen. 



gragtnente au8 Seidig. III. 



41 



e8 nun bic in Cmoll, Ddur, bic Sßaftorafe, Fdur unb eine gewiffe 
in Adur bon 33eetljot>en , t>on SJiojart bie in Cdur mit ber guge 
(3upiter), Don $aijbn bie in Es dur, oon ©pofjr bie Sßeilje ber Xöne; 
— öon SRitgliebern ber ©efeöfdfjaft eine ättcre in D dnr unb bic oft 
befprod&ene in Cmoll oon 6. ©♦ SRülIer, eine in Fmoll Dort g. ß. 
©dfjubert; — oon gremben eine in Gmoll oon ®ä!f)ricf(. 3n ben 
Dubertüren war ebenfalls fdf)önfte Äu8Waf)I t>on älteren getroffen, unter 
benen namentlich bie ju ©amori oom pebantifdf}*gematen Äbt SBogter 
ju erwähnen; oon neuften gab e3 weidfje Don Aitern, ©onrab unb oon 
JBetfioj bic ju ben 93el)mricf)tern,* toeld^e lefctere für ein Ungeheuer aus* 
gefdjrieen ift, wäfjrenb idjj in tf|r nicfjts al8 eine naefj gutem Schnitt, 
War gehaltene, im ffiinjelnen nod> unreife Ärbeit eine» franjöfifdjjen 
SÄufifgenieS entbedfen fann,. ba$ jeboefj f)ier unb ba einige 85Ii|e fcf(leu* 
bert tuie SBorlaufer be8 fommenben ©ewitterB,** ba« in feinen ©tjm* 
p^onieen auSbonnert. 3n ben f)eimifcf(en ffiuterpefaal jurüdfetjtenb, fo 
fticf)t freilief) nad> folgen ©onnerwettern ein ©oncertino für $otn 
u. bgf. fd&wädjticJj genug ab, wie wir benn bie Vorträge ber ©oliften 
getroft übergeben fönnen, ba' bie oon gänjlid^ unbefannten nicf)t ber 
Sfrt, baft fie eine ftrenge Ätiltt aushalten fömtten, bie ber befannteren 
(wie Dueifcer, Uf)Iridj, ©rabau) anberweitig genug befannt finb. 
Stamit fei aber nicf)t gemeint, bafc bie (Suterpe bie erften SBerfucfje 
junger SSirtuofen au8fdf)Iief$en foüe, im ©egentljetf fei fie gebeten, biefe 
oorbereitenbe praftifcf(e ©d)ule für öffentliches Auftreten unb ßoncert* 
routine fortbeftefien unb Stilen, bie aufjutreten wünfcfjen, offen fielen 
gu laffen. 

$atte man nun noefj nicf)t genug an ben 32 Soncerten im @e* 
wanbfjauä unb $dtel be fotogne, fo fonnte man fid) ruf)iger in ben 
Quartetten ergeben, bie £r. Soncertmeifter 3)at>ib mit §m, Ufjlricf), 
©renfer unb ELueifter oeranftattet fieiber gab e8 nur bier, bie 
näd^ften äBinter wenigftenS ju oerboppeln wären* 2>te Herren finb 
befannt; namentlich ermatte uns ber Gimmel biefen Soncertmeifter. 

äBenn wir fo mit einigem ©tofj auf brei 3nftitute fe^en, wie fie, 
mit Segeifterung an ben ebelften Sßerfen unfereS SBoIfefc aufgewogen, 
faum eine anbere beutfdf)e ©tabt aufjuweifen f)at, fo wirb fidfj mancfjer 
Sefer gefragt Ijaben, warum bie ßeitfdjnft mit einem SBerid&t über bie 
einjelnen fieiftungen oft fo lange angeftanben. Sefennt e8 ©dfjreiber 

* (Srfte, burd) (©djumcinn toetanlafjte Stiiffü^rung eines 93erltoafdjen SBerfeS 
in $eutfd)tonb. 

** urfprfingtid): „beä fommenben prächtigen ©ettutterS" 



42 



SKuftffeft in 3wi(fau. 



bicfcr Seilen offen, fo ift feine boppclte Stellung als 3tebigent unb 
als SKufifer baran ©dEjulb. 2)en SRufifer intereffirt nur baS ®anje 
unb toon ben ©injelnen nur bie SBebeutenbften; als Sftcbtgent möchte 
er öon allem fprecfyen. 811S 9Jhtfifer müßte er manches üerfdfjweigen, 
was ber SRebigent ber SSoUftänbigleit wegen erwähnen müßte* 2Bo 
aber audj Seit t)ernet)men, alles (Sinjelne grünblid) unb mit 9lu|en 
für bie Äünftler ju befprecfjen! S)enn mit trafen wie: „fjat fidj 
SBeifaQ erworben, fanb Xfjeilnafjme, würbe feljr betlatfdfjt*, wirb nichts 
toom gledf gebraut, alles t>erwafd)en, SRiemanb geehrt, SKeifter unb 
©cf)üler über einen Seiften gefd&Iagen. ©o werben wir audE) fünftig* 
l)in, immer mef)r bie ©adf)e als bie Sßerfon im Äuge, bie Sreigniffe in 
großem ^träumen jufammenfaffen, wo ftcf) baS kleinere toon felbft 
auSfdfieibet unb ein fdfjärfcrcr öbriß beS ®anjen fidj t)erauSftellt — 
ben Sebenben unb Sfcadjfolgenben aber ein erfreuliches Silb ber Sugenb* 
traft unb beS fdfjwungöollen SebenS, bem bie 9ftufifgefcljicf)te unferer 
©tabt fein ät)nlidf)eS an bie ©eite ju fteßen ^at. 



Jtoftkfeli in 3tm&au. 

[ttm 12. guli 1837,] 

Hefter ßapell* unb auberer äReifter", fagte idf) auf ber §infatyrt 
jum geft, Jfjätf idf) boef) nie gebadet, baß biefeS fleine S^idau, 
feiner alpljabetifd&en SluSjeidjnung, eine ber legten ©täbte im ßanna* 
bid)* ju fein, beim §immel öielleic^t bie fedf)fte in ber SBelt ift, bie 
ben SßauluS aufführt, unb nidf)t etwa Ijalb ober jwei ©iebentet, wie 
Serlin, fonbern ganj, wie eS eckten ßwiefauern jiemlidf)." Unb wie 
benn bie ganje ©egenb Reiter unb gefprädEjig ftimmt, fo toollenbs ©inen, 
ber einige Slugenblide gewiß einmal iljr jüngfter 93ewof)ner war, b. t). 
ber in f elbiger geftftabt ju feiner fttit geboren; ba^er man in biefen 
ßeilen toergebenS auf fd&arfe Äritif paffen mag, fonbern auf bie lin* 
befte, t)ingebenbfte, bie je ein SKufiffeft tieranlaßt, was t)iel fagen will. 

Die 2tuffüf)rung gefd^at) atfo jum Seften ber ©anet 3Karienfirdf)e, 
in ber fie aud) ftattfanb. (SineS ber merfwürbigften ©ebäube in 
Saufen, bunfel unb etwas ptyantaftifd) öon 3luSfef)en, ift es, wenn 
audf) nicf)t im reinften ©til gehalten, bodf) t>on einem nidfjt gemeinen 



* b. f). in ©annabidfS 2ef)r&udj ber ©eograpfne 



attufiffeft ut gtoidau. 



43 



äReifter, theilweije oon einem großartigen Sinn erbaut worben. ©in 
Schiff mit Rotten fich in bie Decfe ausweiteten Säulen, ein großer 
Ältarplafc mit Silbern öon SucaS ©ranadf),. auf bem baS Drdjefter auf* 
gerietet mar, rechts unb linfs aflerfjanb ©emälbe unb fachliche ©et* 
tenljeiten, toergolbete ©d^m^arbciten, alte aufbewahrte gähnen aus 
ffiriegöjeiten — alles weniger Übertaben als vielleicht tjernachläffigt 
unb ^ier unb ba wo$l mit mächtiger Spinnewebe überwogen, fo Daß 
eine SluSpufcung unb SBerfcIjönerung ber Äirdfje an ber redeten Qtit 
fdf)eint 2Bie aber ber Drt, wo wir Söiufif hören, öon größtem ©in* 
fluß auf Stimmung unb ©mpfänglichteit ift, fo burfte ich bo8 nicht 
unerwähnt laffen.. 

SSiele Sahre Hegen bajwifchen toon tyxitt big bahin, Wo ber 33e* 
richterftatter in ber nämlichen Äirche eine Aufführung beS „SBeltgerichtS" 
ftehenb accompagnirte am ©latoier unb er mitten im ©etümmel ber 
3nftrumente feine ßeit ^atte ju unterfuchen, wie fich bie SRufif in 
biejen Ratten aufnähme; ^eute aber, faum war ber ©horal begonnen, 
fiel ihm bie ruhige wellenförmige Ausbreitung beS XoneS ganj befon* 
berS auf, unb ich wüßte in ©achfen leine für SRufif günftiger gebaute. 

3)er ^auptfcfjmucf beS gefteS war 2)tqb. SSünau, unter bem 
SRamen ©rabau wohl Allen befannt SSieHeid^t baß hauptfächlich 
ihre ©egenwart SKitwirfenben wie 3uhörem eine Xheilnahme einflößte, 
ohne welche baS ©anje weniger glücf lief) t)on ftatten gegangen wäre» 
3h* jur Seite war ihr 33ruber, §r. ©rabau, Drganift aus Serben 
unweit Söremen, ein fehr gewanbter SDlufifer, ber bie Xenorpartieen 
übernommen h atte / unb ©tte. ?ßilfing, legten SSinter jweite ©on* 
certfängerin in Seipjig. Den SßauluS gab ein Dilettant, in bie anbern 
Sßartieen Ratten fich ebenfalls angefehene Dilettanten unb Dilettan* 
tinnen geseilt. Dirigent war $r. ©antor 85. Sdjjulje, ber gute 
unb fidlere XempoS angab unb für bie 2Rüf)e langen ©inftubirenS 
burch Aufmerffamfeit beS gegen 200 ftarfen SßerfonalS fid) belohnt 
fühlen wirb. 

2öaS SDlab. SBünau fang, war natürlich alles trefflich, namentlich 
bie Arie „Serufalem", bie t>om ßompomften für fie wie befonberS ge* 
fchrieben fcheint ©ine ©teile, bie freilich auch mittelmäßig ausgeführt 
ihre Sßirfung niemals verfehlen fann, bie äKufif nämlich bei ben 
SBorten: „Siehe, ich f e § e & en &intmel offen", fam fo gut h^auS Wie 
irgenb bei ber Aufführung in ßeipjig; ebenfo ber ©hör: „Siehe, wir 
preifen feiig, bie erbulbet". SBorin aber bie Smidauer ber Seipjiger 
üööig gleich! am, wenn nicht fie übertraf, baS war im ©horal : „SBacfjet 



44 



2Buftffeft in Swirfau. 



auf, ruft unö bic Stimme" mit feineu Ijödtft feierlichen 3tt>ifchenfpieten 
ber Xrompeten unb Sßofaunen, wie benn ber bortige ©tabtmufifuä feit 
Sahrjehnten im 9lufe fteht, bie beften SRef fingt läf er ber ©egenb ge* 
bittet ju ^aben. dagegen ^atte ber ©hör ber grauenfiimmen, ba too 
bie Stimme t>om Jpimmet ben Saut anrebet, nid^t bie Sßirtung, bie 
toon biefer eigentE)ütnlidh * f c^aurigen SRufif ju erwarten roar. Stn 
Ue&igen waren bie Qfy'Axt, fief)t man toon ftrengfter Sßräcifion unb 
namentlich öon ©eutlidjfeit ber Shtöfprache ab, too^I eingeübt unb 
immer auf bem $Iafce. 

SSom Sinbrucf auf baS publicum ju reben, ba8 au8 ungefähr 
700 Söpfen, meiftenä gremben, beftanb, fo f Lienen befonberS bie 
einfachen ffihoräle ju ergreifen. 3m Uebrigen fann man fid) benfen, 
bafc triel öon M ©elet>rt^eit ber SRufif, ftrengem ©eneratbafj" unb enb* 
lid> Don ber „großen Äänge" bie SRebe mar, in toelchem lefetem Sßunft 
i^nen auch nicht gerabe ju fciberfprechen, toorüber ju reben aber an 
einen anbem Ort gehört. 

Stach bem Schluß SlbenbS 7 Uhr, holte ber Dirigent 2Renbet3< 
foljnS Söilb au3 feiner nahen SBohnung, ba$ fchneU üon $anb ju 
Jpanb ging, unb man gebachte be3 SKeifterS mit ben haften ßob* 
f prüfen * ©. 



* Urfprüngltch noch folgenber (Schluß : „Xag« barauf war nod) große« (Soncert 
im (Safinofaal, ba« namentlich 9Rab. SBünau unb §r. ©rabau mit feltener ©efälltg* 
feit unterftüfcten. $a« ©anje fajloß natürlich ein Zan&. 

211« id) fynfüfjlte, ob nicht fünftighin ein orbenttidje«, alljährlich $u begeben« 
be« (SrsgebirgifdjeS SRufiffeft ©tanbe fommen fönnte, wa« bei wirfttch nicht un* 
bebeutenben Mitteln, bei ber Sßähe größerer unb tleinerer ©täbte allerbing« möglich 
ju machen, fo fegte man mir bie wenigen SBeweife ber Xfjetlnafjme entgegen, bie 
biefer fianbbejirl bi« je&t für mufifalifche ?(uph rur! 8 en Ö e 8 ei Ö^ 3nbeß läßt fid) 
öom tüchtigen SBillen be« bortigen SRufifbtrector« #rn. ©dm^e unb anberer hoch* 
gefteflter Banner, bie fdjon jum Belingen be« $aulu« beitrugen , erwarten, baß 
biefe Sfophnmg ber Anfang wenigften« oon alljährlich wieberfehrenben Kirchen* 
mufiffeften fein wirb, Wie benn für« ftächfte ba« Requiem öon (Sherubim in An- 
regung gebracht worben. ©o möge fich benn allmählich ganj $)eutfchlanb einem 
engen äRufitöolf«bunb öereinigen, in großen allgemeinen heften geilen feine« fieben«, 
feiner Siebe $u ben erhabenften SBerfen ber SKufif ju geben. 2111er aber, bie eine 
foldje 3«t befdjleunigen helfen, fott mit (Ehren in biefen SBIättem gebaut werben.' 1 



tfirdjenauffüljrima, in Seidig. 



45 



Ätrdjettauffit^rmtg in tfetpjuj. 

3lm 23. 3uli 1837. 

®aS ©oncert, baS §r. 9Ä.*3). ?ßot)lenä vergangenen Sonntag 
ju einem milben ftrotd* in ber XljomaSfird&e toeranftaltet fjatte, war 
burd^ Sßafil, Sefefcung unb 9luSfüf)rung ber ©ompofitionen eines ber 
öorjüglidfjften. 3)ie Dutoertüre jur XauriSfcfien 3pf)igenie fing an 
nnb mag ficf( in ber Äirdfje wol)l präd^ttger als irgenbwo ausnehmen; 
fie tft urfräftig unb toirft ewig gteid^. (Sine Strie aus ber ©djöpfung 
folgte, bie. befannte beS (Sngel ©abriet „3luf ftarfem gütig", fo toott* 
fommen fcf)ön gefungen,** ba| fief) weiter gar nichts barüber fagen 
lafct. §r. ©oncertmeifter 3)atoib ftnette hierauf ben erften ©afc eines 
neuen (SoncertS in Hmoll, aud), baß fid^ barüber nid)ts fagen läfct, 
bis auf einige necfifd&e giguren ber glitten, bie mef)r in ben ßoncert* 
faal getreu, ^ätte es mit bem Soncert feine ©ile gehabt, fo fjätten 
wir meHeii)t ein 39acf(fcfjeS SBiolinconcert ju l)ören Befommen. SBitt* 
gefang, Xerjett unb ©cf)luftcf)or aus ben „3af)reSjeiten" t>on §atjbn 
fcf)loffen ben erften X^cil; eine güöe öon SÄufif. — 2Rit ganj befon* 
berem 3)anf gegen ben Dirigenten müffen wir aber bie Sfaffüfjrung 
ber neuften. SKeffe*** toon ffi^erubini erwähnen, eines ber SBerte, 
toon benen ber Sudftftabe audjj nicfyt einen entfernten Segriff beibringen 
fann. Ulenne man es tyocf)fircf)li(lj, wunberfam, fo finb bieS nod) alles 
feine regten SBorte für ben ©inbruef, ben es im ©anjen, aber befon* 
berS in einjelnen wie aus ben SBolfen flingenben ©teilen mad&t, wo 
es einen fdfjaurig überläuft; ja was felbft weltticfj, curioS, [beinahe 
büljnenartig Hingt, gehört wie ber 2Betf)raudE) jum fatt)olifdf)en ©ere* 
monietl unb wirft auf bie Sßfjantafie, baft man ben ganjen Sßomp eines 
folgen ©otteSbienfteS t>or fiel) ju fjaben glaubt, 8tn fjarmonifdfjer 
Jhmft übertrifft bie SKeffe fogar fein SRequiem in CmolL obgleich bieS 
in anberer 33ejief>ung ofjne ©leiten in ber SBelt baftet)t. S)eS SRerf* 
würbigen unb äJiäcfjtigen enthält aber, wie gefagt, audf) bie SReffe fo 
oiel, baft man fid^ alles ©injelne nur mit ber Partitur, bie idf) leiber 
nocf( nid£)t erlangt, wieber vergegenwärtigen fönnte. SDSic ber einjelne 



* 8 u m SBcftcn ber Abgebrannten in Sc^leij. 
** öon grau Dr. Stoia grege • 
*** ber inerten, in C. 



46 



$>rei)fd)orf, ©tüben. 



Sünftler feine „fdjintett läge" f)at, wo if>m nichts mißlingt fo auch 
bie SRaffe; unb tote an bemfelben SDlorgen fein Siefen ben blauen 
Gimmel brausen ftörte, war auch ber SBortrag ber SDleffe Kar unb 
fc^ön. 2>en 9ln* unb StuSfüljrenben gebührt baher ber lebhaftefte Stauf 
für ben mtlben unb fünftterifchen Qtwd, ben fie bieSmal in feltener 
Bereinigung erreicht höben. 



Ätfibett für k« JKattoforte, 

A. Drei) fdSio ck, 8 ßtawutttuUn in tttoljerfornu tPerk 1. 

SKiemalS ift mir fo leidet geworben, meinen Sefern toon ber SJiufit, 
um bie eS fid) hanbelt, ein beutliches 93itb ju geben, als bieSmal; 
niemals fonnte ich ihnen auch mit fo üiel 3uöerficfjt jurufen, baft fte 
fich fämmtlich i§re ©tüben felbft fchreiben tonnen, wenn fie nur fonft 
woöen. SorauSgefefct wirb, ba| 3eber ben tonifdfjen ©reiflang (popu* 
tarer auSgebrücft : bie 9loten ceg) unb ben ©ominantenaecorb fennt; 
ift er oollenbs big ju einem ttebergang in bie nahen äWotttonarten 
gebieten, fo fann er Unglaubliches ju ©tanbe bringen. §at er biefe 
nun gehörig inne, fo ift baS SKanoeuore: er lege bie §änbe ruhig in 
bie gewötjnlichfte Stccorbenlage, fpringe bann plöfclich im äBaljertact 
mit einer §anb über bie anbere, rechts unb linfs, aus ber §öl?e in 
bie Xiefe, fchreibe fich aöeS auf, fjote ftch (Selb toom SSerleger — unb 
Sompofition toie ffiomponift finb fertig. . SebeS neue SSerbienft mufc 
anerfannt werben, unb fo fpringe unfer, toir ^offen, junger ffiomponift 
nur luftig weiter unb gelegentlich auch einmal in baS S33o^Itcmpcrirtc 
Slabier öon SBadE), bamit er mehr Slccorbe fennen lerne unb auch an * 
berweitigen SKufcenS fyalbtx. SKodf) muft ertoähnt werben, baft fich ber 
SSerfaffer auf bem litel einen „©chüler öon Xomafchef" nennt, ein 
SBeifafc, ben mir lieber megwünfehten, ba man fonft glauben müfcte, 
biefer Xonfefcer habe bem ©tücfe baS Smprimatur ertheilt, was wir 
aber bei ber Sichtung, bie wir biefem grünbtidfjen Xonfefcer fdjulbig 
finb, faum glauben fönnen. 9Jlit einem SBorte: bie (Stüben fetten 
nie in ber äöelt gebrueft, ja nicht einmal aufgefchrieben werben fotlen. 

22. 



<S. SüberS, (gtübcn. 



47 



(Tonrab Cüöers, 12 grofc (Stuben. iDerk 26. 

Der fdfjäfcbare ßomponift btefer im ©üben wenig gefannten Som* 
pofitionen fdfjeint ein Däne ju fein. Der Sobfprudf}, ben wir ihnen 
ju machen höben, gilt inbefc weniger bem Sftefultat ber Seiftung als 
beut Streben. Denn öon allen jwölf (Stäben finb eigentlich nur höch* 
ftenS jwei gelungen, bie in Amoll unb vielleicht bie in Asdur; in 
ben anberen müßte man tueteS anberS ftetten ober ganj wegräumen, 
um fte als üottfommene Slunftgebilbe gelten (äffen ju fönnen. Die 
gönn ift es nämlich, bie bem SBerfaffer überaß ju fd^affen macht. 
SBie gut fich auch bie SRehrjahl ber (Stäben anfehidft, fo bauert es 
nicht lange unb es ift, als weidje ber S3oben unter ben güfeen, unb 
ber Somponift fommt nun auf bie entlegenften Dinge, in wilb*frembe 
Xonarten, neue 9M)i)tt)men, unb nur mit SRühe unb fidEjtftcher Sttngft 
wieber in baS erfte ©teis. 3dE) würbe nicht gerabeju verwerfen, bafe 
ber 9Äittelfafc eines ©tüdS in Gmoll ganj in Esmoll fpiett, wie in 
9fr. 1, ober ber eines aus Emoll in Esdur, wie in 9ir. 3, ober ber 
einer Stäbe aus Gismoll in Ddur, wie in ber fünften; eS fommt 
eben ganj auf baS SBie, auf bie Seid&tigfeit unb SKatürtichfeit ber 93er* 
fnüpfung an, wie mir benn baS ©enie, j. 85. baS SRojartfche, 
nie ftärfer einleuchtet, als wenn aus ber wunberbaren SSBirrc ber 
©armonieen auf einmal plöfctidfj ber erfte ©ebanfe in feiner urfprüng* 
liefen Feinheit wieber jum SBorfchein fommt; bon SBeetfjoüen ganj ju 
f Zweigen. SBie fid) aber ein Segler immer leidster angewöhnen ate 
ablegen läßt, fo fann einem ©omponiften, ber noch Wne bebeutenbe 
©ewalt in ber Harmonie befifct, baS ipiutommen in bie frembe Xonart 
noch leiblich Don ftatten gehen, feiten aber ber SRücftritt. Dies als 
eine ber hetöorfted^enbften Schwächen an mehreren ber (Stäben. 

Um nun auch 33orjüge biefer (Stäben ju nennen, fo ift eS 
bejonberS baS ©treben beS Somponiften, poetifd£)e ©ebilbe berfdEjiebe* 
neu KhörafterS ju geben. ?ßt»antaftifct> im ^öc^ften ©inne finb fie 
ficherlich a & er meiftenS berebt, einige aufgeregt unb brangöoQ. 
Die jweite unb brüte fingen auch te einem breiteren, ebleren Xon, als 
man fonft gerabe in Stäben antrifft, unb ein grajiöferer SHinftter 
hätte bei gleicher (SrfinbungSfraft bann noch Unmutigeres h^* 0 *' 
bringen fönnen. 8lud) im Heineren fdjerjoartigen ©eure gelingt bem 
©omponiften manche, fo SRr. 8, wenn man bie ftarfe SReminiScenj an 
baS ©lödehenthema t>on ^aganini abregnet, SRr. 6 unb 12, bie aber 
nach unb nach in ber Ausführung an Sntereffe vertieren, öorjüglicf} 



48 



S. Balberg, (frühen. 



aber bie lefcte, SRr. 12. — Sßenn man fid^ fd&tiefelidfj fragt ob fidfj 
bic Stäben in gorm unb ®eift benen eines befannten SDieifierg mit 
SBorliebe anfdfjlieften, unb man bieg beweinen mufc, fo mag bieg ju* 
gleidf) ein SBeweig für einige @igentf)fimlidf)feit fein, bie ©tubium, $eit 
unb 9SerE)ältniffe ju nodfj glücflidfjerer ©ntwicfelung gebraut haben 
möchten, 12. 

3. ^halbcrg, 12 Gluti ca. U)crk 26, crßtö $cft. 

SBiele unferer jungen Sßljantafieen* unb ©tüben*ßomponiften §aben 
fidj} in eine ©afcform öerliebt, bie, früher fd&on I)äufig benufct, burdf) 
bie reiben SRittel, bie man t>on Bleuem im ©taüier entbeeft, in Der« 
fcf)iebenen Strien wieber jum 3Sorfdf)ein gelommen ift. SRan tfjeilt 
nämlich irgenb einer Stimme eine leiblich breite SÄelobie ju unb um* 
fdjreibt biefe burch allerhanb Slrpeggien unb fünftlidfje gigurationen 
ber tljr angetjbrigen Äccorbe. SDlad^t man bieg einmal neu unb in* 
tereffant, fo mag eg gelten; bann aber foQte man auch auf Shtbereg 
finnen. 3ch wenigfteng lann folgen ©tücfen nicht mehr SGßcrt^ bei* 
legen alg bem gewöhnlidfjften ßiebe, tüte fie ju ftunberten erfcheinen, 
ßu einem Shinftwerf gehört aber mehr; unb tt>er wiffen will, wag unb 
tute triel, fchlage nur feine ©tüben t>on äRofdfjeleg k. nadfj, wo jebe 
etmag SBefonbereg bejwecft unb buref) öerfd^iebene SKittet wirft. 3n 
jener SBeife gefaßt fidE) namentlich auch X^alberg. Sei einem 8u> 
tuofen, ber fo au&erorbentliche äöirlung burdf) feine Sehanblung beg 
Snftrumentg hervorbringen foll, mu| eg auffallen, baft man in fedjg 
ganjen ©tüben eigentlich auf nidf)tg SReueg trifft. S)ie erfte ber ©tüben 
ift eine Xritterübung, bie jweite gehört ber eben befdEjriebenen ©attung 
an, bie britte miß in einer fetteren gigur* unb Xonart üben, bie 
vierte bejwecft fdfjneHeg Jlnfchlagen ber Sccorbe, bie fünfte gehört eben* 
falls ju ben Slrpeggienetüben , ,in ber legten enblidf) unterftüfct bie 
redete §anb ihre SRelobie.auf eine getoötjnlid^e SBeife, woju bie linfe 
bie SSäffe angiebt. SEÖirfen bie ©tüben alfo, vom ßomponiften gefpiett, 
originell unb überrafdfjenb, fo liegt eg an feiner SBortraggweije, 85ra« 
bour, an 3ta|chhflt beg Xempog (bag ber SKetronomangabe nadfj oft 
unaugfü^rbar fcfjeint) u. bgl.; bie ßompofition an fidf} geigt batoon 
nidE)tg. 2öag bagegen bei fämmtlichen ©tüben angenehm aufföUt, ift, 
bafi fie gar nicht fo übertriebene ©djwierigfeiten bringen, toie SWand^er 
an Sprüngen, Spannungen :c. erwartet fyabtti mag, ja baft bie mei* 
ften im 93ert)ältnifi jum JöeifaH, ber ihrer ^Bewältigung folgen wirb, 
gerabeju leid)t genannt werben müffen. S)enn banfbar, einfdfjmeidielnb, 



». ©t. »ennett, <£tfiben. 



49 



gut in bie ginget unb Dfjrcn faflenb finb fie alle; Ihlberg, ber 
immer mehr ba3 publicum als ben Äünftler oor ben Äugen hat, fäun 
überhaupt nicht anberS mehr fdfjreiben. 3)afc mit foldfjem ÄuSfprudj 
nic^t etwa behauptet wirb, man fotle für ®ttnftler unbequem unb ab* 
ftofcenb componiren, t»erftcf>t ftch; nur bafe ftch ber wahre manchmal 
aus ber weichlichen ©alonluft in ba'$ freie fräftige ©lement hinauf 
fehnt, meine id). S)ie erfte Stttbe auggenommen, bie ju fe^r nach 
©chttlerübung Hingt, möchte idfj fie bafjer alle ©alonetttben feilen, 
äBiener ©tüben, ©tüben für gräfliche Spielerinnen, über bereu Slugen 
man wot)l einen falfdfjen Xon überhört; bagegen ftdfj männliche Spieler 
unb S^araftere weniger lange bei ihnen aufhalten »erben, ©o ein 
3wecf fd£)Itc§t natürlich poetifche 3uftänbe, tote fie un8 ber tieffinnige 
S^opin enthüllt, ebenfo wie bie tüchtige ©olibttät, bie an ßramerä 
(Stäben fo ergöfct, t>on felbft aus, wenn auch oiele ^Beübungen auf 
X^atberg§ eifriges ©tubium ber ßompofittonen be8 ©rfteren fchliefeen 
laffen. 22. 

U)» 3t. ßennett, 6 Gtfttan in Gaprtccnform» Werk 11. 

SDer Sefer weife längft, unb bie 3 c üförift leugnet e3 gar nicht, 
wie fie fidfj unter ben jüngeren ßomponiften eine Herne Schaar oon 
Sieblhtgen auSerlefen, unb wie obiger ©nglänber nicht ber geringfte 
in jener Qofyl ift, ja in gewiffen 3)ingen fie fämmtlich hinter fidE) läfet. 
®r hat, mit einem Sßort, ben geläutertften ©efcfjmacf, ben lebenbigften 
©inn für ba3 Untoerfälfdfjte, ba3 ©djte. Schon frühe f>at if)n fein 
angeborner Äunfioerftanb über ba3 mancherlei bumme 3 CU 9 hinüber 
gehoben, auf ba3 junge mutfjige ©eifter, bie fidfj balb hertoorthun wol< 
len, fo ^äufig oerfallen. . ©r leiftet immer gerabe, wa$ er fann, unb 
ba er eine fd&öne SRatur ift, leiftet er e8 immer fdfjön« 3)ie ©tüben 
finb in leiner 2trt grofee ffirfinbungen. Slber wie er 1)au8f)ätterifdfj ju 
SBerfe gef)t, wie er Hein anfangt nidfjtä oerfäumt, nirgenbs auch ju 
oiel t§ut, immer bie ®raft bat)in ju bringen [weife], oon wo fie am 
meiften wirft, baoon fönnen äße lernen, ba3 finb bie 9Heifteranjeichen, 
bie fich fpäter im fd&önften ©inne erfüllt haben. $)enn man mufe 
wiffen, bafe bie ©tttben fdfjon im achtzehnten Saljre oon ihm componirt 
würben, feit welcher Qtxi fich feine 2Biffenfdf)aft unb ^5f»antaftc um ein 
©rofeeS bereichert höben. 3mmerf)in ftrömeu aber auch f<$ on ^ er 
©ebanfen fo frei unb unget)inbert jum ©nbe, bafe ber Stübenjwecf 
überaß atö ber untergeorbnete erfc^eint, wie natürlich ein Äünftler, 
ber wie er ba$ ©egentheit aHeS mechanifch lobten, burch ©tubium 

6d)umann, @ef. ©Triften. II. 4 



50 & ©erger, (Stuben. 

bon ©tüben etwas mel)r erreicht wiffen toitt als nufclofe gertigfeit* 
©er Xitel befagt ben Snljatt batjer ganj beutlidj ; matt erhält Kapricen 
in ftrengerer gorm, üott jebeSmat anbcrer ©cfywierigfeit ; artige ©enre* 
bilber, burcf) beren SKadfföeid&nung bie §anb 2eidf)tigfeit unb ®rajie 
erlangt. Slm meiften mödjte \6) fie ben älteren Stäben öon SBerger 
bergleidfjen, miewof)l biefe in nodj reiferem äßanneSalter gefdfjrieben 
finb. (Sewtffe 333at)rf)eiten fdjeinen einem fo Mar wie bie ©omte — 
fo traurige Seweife bagegen man im ©injelnen audfj erhält; bafc aber 
bie üDteiften mit bem ©inne beS ©efagten übereinftimmen, bin i<f) bieg* 
mal beinahe überjeugt. ©ie fcf)lagenbfte ber Stüben ift fdjltefcliclj bie 
leftte in Gmoll. 9t. ©. 

Cuimig Äerger, 15 Gtüftcn. Werk 22. 

Unter ben älteren Äünftlern ift es, aufcer äRofcljeleS, namentlich 
S. Serger, ber bem neuen Äuffd&munge ber ßtatriermufif nidf)t müfcig 
jugefet)en tjat. Ueberfaflen tf)n audj einmal alte (Srinnermtgen, fo 
rafft er fidjj bocf) weit öfter in bie §öf)e unb rttljrt fid^. ba eS nodj 
lag ift. 3h ber Xfjat, tton einem fdfjon bejahrten Sünftler, bem im 
S3ertyältnif$ jur fleinen 8tnjaf)l fetner Sßerfe ein fo großer 9tiif ju 
Xfjeil worben, tote titelt leidet irgenb Semanbem, ptte man nad) fa 
langem ©dfjweigen etwas SlnbereS erwartet als fol^e ©tuben, f)ätte 
man ertnartet, baft er fid& rut)ig ergeben würbe im ©trom ber §ar* 
monieen unb fidE) erfreuen am Slnbenfen an ein langes fegenSreid^eS 
Sßirfen. Statt beffen jeigt ftd) uns tjier ein 93licf in ein tiefbewegtes 
ßeben, baS fidf) mit ganjer Sünftrengung auf ber §5f)e ber $t\t 
galten wiß; f)ier unb ba buntle Steuerungen, getjeimnifeöofle 2ln* 
jeidf)en, auf einmal plöfclidEjeS ßufammennetimen ber Äräfte, ®efüf)l 
beS nat)en ©iegeS — alles aber aus einer ecf|t poetifd&en 95ruft font* 
menb unb t>on einem Äünftlerbewufjtfein geleitet, bis auf bie 2lugen* 
bliefe, wo, im tieftigeren ©rang, es ficf( gleidfjfam felbft betäuben 
mödjte. Unb gerabe t)ier offenbart fidE) ber ©id)ter. §ier fteljen bem 
©omponiften feine gormen unb 33erf)ältniffe im SBeg, fümmert if)n 
fein Unterfdjieb jwifdfjen Sllt unb iKeu; t)ter get)t er feine 83af)n.* 
©S ift fo bie ©efjnfucfjt nadfj 9tut)e wie ber ©rang nad) lljaten, was 
bie meiften ber ©tüben cfyaraf terifirt ; ein ßroiefpalt, ber aber ber SWufif 

* 3dj will biete ©teilen genauer beaeidjnen: fie finb in ber erften @tübe nacf> 
bem ©djlufi Inn; in ber f edjften, bie burdjauS e£centrifd), an mehreren Stellen; in 
ber achten auf ber legten (Seite; in ber aetjnten auf ber vierten ©eite; in ber bier* 
je^nten jum ©djlufi; in ber fünfeeljnten an mehreren Orten. [©$.1 



S. 93erger, ©tüben. 



feineSWegS ungünftig ober fremb ift. 2)aburdf) f)at aber and) in ein* 
jelnen bie ßci^nung beS ©anjen etwas ©d&wanfenbeS unb UnfidEjereS 
erhalten, toic man es in SergerS älteren fdjöngeformteu ©tüben nidf)t 
finbet. 3a man rnüfcte es öerjeiljen, wenn Semanb bie beiben ©tüben* 
werfe im umgefefjrten SebenSalter entftanben, b. I). bie früheren, be* 
fannten für fpäter gefcfyrieben als bie jefet erfd&ienenen glaubte. Sßie 
bem fei, beibe forbern jur tjödjften Xfjeilnaljme auf unb uns Siebe 
unb Sldfjtung ab. ©eftelje idfj auc§, baft mir unter ben neuen nament* 
lief) bie trierte unb fünfte an Sbee unb Sfagfütjrung iurüdfjuftetien 
f feinen unb etwas Veraltetes an fidf) haben, fo erhalten wir bodf) aud) 
einige, bie gar nicf)t meljr als ©tüben ju betrauten finb, fonbern in 
bie erfte Klaffe ber Sunftwerfe in ber fleineren ©attung gehören- $)a* 
t)in rechne idf) üor allen bie in D moll für bie linfe §anb allein, . bie 
ein SDieifterftüd an ©rfinbung unb Slrbeit bei fo geringen . SRitteln; 
ü)r junädf)ft bie erfte in Cdur, bie ;groftartig unb burdjauS S3erger 
anget)orig, bie tjalb freunblidfje §a\V traurige in Ddur, unb bie gar 
jarte unb träumerifd^e in As dar. Sludf) bie adfjte ©tübe laffe fiel) 
ÜRiemanb entgegen, wo baS ©d^erjen nadj unb naef) immer mefjr ab* 
nimmt unb uns tjinter ber loSgebunbenen äWaSte enblidj ein ganjeS 
ferner jlidjeS 2)idf)terantlifc anfielt. ©S giebt in Seipjig einen SRufifer,* 
ber mit großem Xalent jur SJitmif ein öom ßadjen jum SBeinen über* 
geljenbeS @efid)t barftettt, bafe man alles felbft nadf)madf)t in feinem 
eigenen. ©twaS Sehnliches fann man bei biefer ©tübe empfinben. 
SKudjj bie jweite unb merjeljnte ©tübe bürfen nicht überfein werben, 
ihres befonbem SßefenS fjalber; namentlich fpinnt fich bie lefctere im* 
mer tiefer unb letfer in fidfj hinein, als ob fie fid) gar nicht mehr 
fef)en laffen wollte. 3)en ©cf(lufj ber ©tüben bilbet enblid) ein ©ei* 
tenftüd jur legten ber älteren ©tüben; gleich wie eine ?luSforberung 
beS ©ompöniften an fich felbft, ob ber ältere Sünftler bem Jüngern 
an ©djjöpferfraft nod) gewachfen ift. SDiuft man baä\ erfte Original 
oorjieljen, fo ^at bodf) auch ber Sßenbant eine fo fdjjöne ©jeentricität, 
baft ber ßwiefpatt, ben wir oben genauer bezeichneten, gerabe jum 
©d)luf$ wie eine 93efiegelung beS ©anjen am ftärtften tjertoortritt. 
Snbeft möge ein freunblidfjer ©eift bem fiünftler noch öfters bie fjeite* 
ren, ladfjenben ©eiten beS SebenS jeigen unb if)n ju neuen SBerfen 
befeelen. Ä. @. 



* Striegel, Trompeter im GJeroanbljau3orci)efter. 



4 ! 



52 



g. SKenbetejofjn, Steber otyne SBorte. 



Mx JJtatiofarte. 

& aRenbelSfoljtt, 6 Siebet oijtte ©orte, drittes $eft. ©erf 38. 

Sßir fcfjideu bcm $efte getroft eine anzeige o^ne SBorte nadE). 
lieber einen SRofenbufdj, ber ringsum bittet unb buftet, über ein Äuge, 
baS gtücflicf) in ben SKonb auffielt, fann Shemanb in ßtoeifel fein, 
bog eS fo ift. 9Son ben älteren Siebem uuterfd&eiben firf) biefe jüng* 
ften nur wenig unb ftctjcn tt)ie jene jwifd^en ©emälbe unb ®ebidf)t, 
baft fidf) teidjt garben unb SBorte unterlegen laffen, fprädfje bie SKuftf 
nictyt tjinlänglicf) für fid^. SBenn fie nun fämmtlidf) Äinber einer blühen* 
ben Sßtiantafie, fo gefcf(iel)t eS bod) xoo\)l ber treuften äJiutter, bafe fie 
belaufet ober unbetimfet eines ober baS onbere beöorjugt unb baft eS 
SBtobere merfen. ©o möd&te id(j glauben, baS jtoeite Äieb unb bann 
baä ®uett am ©cfjluffe feien audj bie Siebtinge beS ®idf)ter3, bann 
audf) ba$ fünfte, ba8 Ieibenfcf)aftlicf)er ift, toenn man fo öon ben feit* 
neren Stallungen eines fcf)önett iperjenS fagen fann. $lm toenigften 
gefällt mir baS t>ierte, obgleich e$ gerabe baS beljaglidfjfte, aber meljr 
profaifcfyer SKatur, me^r nrie auf weisen Riffen als tüte brausen unter 
SJlütfjen unb 9tadf)tigallen ausruft. Seim „3)uett" ift es mir nicf(t 
recfjt, baft bie reiche beutfdf)e ©pradfje fein SBort f>at, um fo ettoaS un* 
gegiert auSjubrücf en ; Siebenbe finb eS aber, bie l)ier reben, leife, trau* 
li<$ unb fidler. 2. 



Äammentmftk. 

S)er gütige fiefer erhält mit bem golgenben ben Anfang einer 
Ueberfidjt ber neuerfd&ienenen Äammermufit. Qu bebauern ift freiließ, 
bafe 9tebactionen nid^t jugleicfj Könige, bie nur ju nnnfen brauchen 
nad) einer Sapelle unb nid&t nötf)ig tjabeu, bie ©timmen im Äreife 
um fid) ju legen unb baS 93efte, alles fidfj t)erauSjufudE)en. SBenn 
©d&reiber biefeS alfo beSljalb mancfjeS im S5etait überfein l)at, fo 
fpridjt er bei benen, toeld^en es gefd^etjen, im borauS um SKad)fidf)t an, 



ftüdfen, $uo$; Hauptmann, ©onaten. 53 

wie fie auf feine rennen fönnen, foöten fie j. 33. ein 33eetf)otoenfd)e8 
Bdur*Xrto u. bgl. getrieben h&ben. SBtr fangen mit ben Duo« an. 

gr. Sfcüdfen, 2 $uo3 in ©onatenform für $fte. tmb concertirenbc SBioftne (ober 

Etoloncetlo ober gtöte). SBerf 13. 
9W. Hauptmann, 3 (Sonaten für $fte. unb SSiotine (B, GunbDmoll). SSerf 23. 
3. @. £artmann, ©r. concertirenbe (Sonate für Sßfte. u. SBioline (tit Gmoll). 

SBer! 8. ♦ 

3. ©enijdjta, @r. (Sonate für $fte. u. SBioloncetto oberSBioline (in A). SBerf 7. 

§r. ®ücf en ift, feinen 2>uoS nach, ein glatter, freunbltcher junger 
SRann, beut man nichts angaben lann, unb fchüttelf S aus ben gin* 
gern» 3n Seid^tigfeit ber gorm unb 9Mobte ftreifen bie Sonaten an 
SleifjigerS Eompofttionen in biefer Urt, ber inbeffen bei SBeitem beffer 
erfinbet unb mehr auswählt. S)ie gorm ift eine alte gewöhnliche: 
Cdur, Gdur, ein wenig Amoll, Cdur; bie SWcIobic {)ält fidj jWifcf)en 
beutfdjer ?ßrofa unb SeHinifc^er SBeichlicfjleit; namentlich Hingen im 
erften ©a£ in 9ir. 2 bie weltberühmten Xriolen aus bem 9Äontecdf)i s 
finale bodf) gu mächtig tjinburd^. S)em ©cherjo fetjlt alle Reinheit 
beS SßifceS, bagegen er fich im fogenannten „ä,la Russe" mit ©efcf)icf 
unb SRatürlichleit auSjubrücfen üerfteljt.- 5)ie Dctaüen auf ©eite 11 
©9ft. 4 finb gehörige unb hoffentlich 2)rudffehler. ßufammengenom* 
men: bie ©onaten werben jungen Talenten Weber mel nüfcen noch 
fdfjaben, jebenfaHS fie unterhalten. 

85ei ben brei folgenben Sonaten befinbe ich mich in einiger SJer* 
tegenheit, weil ihr Somponift früher einige Sonaten für ©lamer unb 
SBioline gefchtieben, mit benen fich bie neueren, meiner 9Äeinung nach, 
nicht wohl meffen fönnen* fiiebt 3emanb Feinheit unb Unöerfälfcht* 
hett ber (Sebanfen, fo glaube man eS oom Referenten, äßeift aber 
3emanb auch alles jurücf, was bie ©acf>e etwas intereffanter machen 
lönnte, fo barf eS ihn nicht wunbern, wenn man fich eben weniger 
bafür intereffirt. 2)aS Oenie fann ber Schönheitsmittel entbehren, 
baS Xalent benufce fie aber äße. ®S ift jene ©implicität ein troefener 
©eitenweg, jur urfprünglichen Slafficität ber §at)bn*SD?ojartf^en $e* 
riobe jurüdjugelangen. Sin bem gröfcem $Reicf)thum ber 2ttittel ber 
neueren ßeit liegt eS aber fidler nicht baft leine jenen ähnliche 9Äeifter . 
entftehen, wohl aber an bereu falfd^er SBenutjung unb bann an fym* 
bert anberen Urfachen; toorjügftch mufc man gleich als SWojart auf 



* ©eftricfjen: ,,3d) möchte fie uidjt matt nennen-, aber pebantifdj unb btö 
jur Sangenweile einfad)." 



54 



©onaten öon .fmrtmamt unb ©entjdjta. 



bie 2BeIt lommen. @o finben wir benn I)ier bie ©onate wie baä 
Snftrument in älteftcr Sßeife behanbelt, unb freiließ ift bic Sompofition 
bc^t)aI6 fo leidet worben, baft fie leibliche (Spielet öom Statt öerftehen. 
SEBoUte ber Somponift aber überhaupt jur SBilbung mittlerer ©eifter 
fdjreiben, fo hätte er lieber ©onatinen gefdjrieben, bie weniger 9laum 
eingenommen unb baffelbe genügt haben würben. 2)ie8 aüe3 ijinbert 
aber nicht ju erflären, bafj bie ©onatett öiel gute SDiufif enthalten. 
63 ift etwas StuSgelernteS, was man überall gewahren fann, eS ift 
ber ruhige glufc ber gormen, bewegt er fidj auch in einem breiten 
unb nicht ju tiefen SJette, bie Sicherheit ber ©rfinbung, fangbare, 
natürliche SDielobie, äu&erfte &orrectt)eit, bie fitf) nur einmal (©onate 2, 
©•11, oorlefcter Xact) eine Keine fiüfjnljeit erlaubt» S)ie fchwung* 
oottfte unter ben brei Hummern fdjeint mir bie brüte, namentlich in 
ber SMitte beS legten ©afceS; auch baS Stnbante bief er Stummer nimmt 
me^r für fich ein. SBäre eS, baß biefe ßeilen ben tüchtigen Äünftler 
aus einer ju ftoifd^en ©leichgültigfeit gegen ben ßeitumfehwung riffen 
unb er fich an ergiebigen SebenS* unb ÄunftqueHen Äraft ju neuen 
SBerten hole: Äenntniffe, SJübung hefifet er genug, 

Die ©onate be$ §m. Jpartmann ift eine Slrbeit, bie einem 
greube bereitet; fie hat nichts SlufierorbentlicheS, aber DrbentücheS 
immer; alle Gräfte Wirten in einer natürlichen Spannung, bafc man 
fich bis jum ©nbe angejogen fühlt J& btö gntereffe wächft öon ©afc 
ju ©afc unb auf ben testen ©eiten geht eS einmal recht muthig unb 
fidjer in bie Jpöfje. ©er erfte ©afe gefällt fich w i*ner fpielenben 2lrt 
beS ©rnfteS, wie wir etwa an §ummetfd)en Sompofittonen gewohnt 
finb. 3n •ber gorm mertt man bie Slbficht nach alter ©efefcmäfcigteit, 
weSfjatb fie auch correct unb bünbig worben, §rei gehen laffen tann 
er fich noc § wid^t. 2)aS ©djerjo ^at Seben, bie SKadjahmungen bartn 
gefdhehen mit SRatürlid^f eit ; öor Slöem gelungen in äMobie unb ©tim* 
menführung ift baS Xrio. 2)aS Slnbante fdjeint mir gu feiner Sänge 
nicht intereffant genug, ift aber brat) unb ehrlich gemeint, ©er lefcte 
©afc nähert fich & em ©^ciralter .ber DnSlowfchen; bem erften Xhema 
wünfehte ich Tne h r ©igenthttmlichfeit unb ©rajie ; befto erfreulicher geht 
eS im aWittelfafc mit feinen gefdjidtten SBenbungen unb 9tachaf)mungen 
oon ftatten, 2)ie beiben legten ©eiten Ehalte ich, wie gefagt, für baS 
greifte unb ©chwungöoHfte in ber ©onate. 

Sange ift mir aber feine Sompöfition oorgefommen, t>on ber ich 
beim erften SÖIicf in baS §eft fo wenig gehalten unb bie ich lta ^ genau* 
erer Prüfung fo liebgewonnen hätte, als bie ©onate oon ©enifdjta, 



2t. §atm, %xio. 55 

tin fo flareS ©emütl) unb Xalent fpricfjt fid) barin aus, ba$ öon einem 
Unterfdjieb jmifdjen ®ut unb ©d)led)t faum ettoaS ju wiffen fd^cint 
unb inftinctmäfctg immer ba3 ©rftere trifft, ©ie ift burdjiauS fyrtfcf), 
«mpfinbungäoofl, glüeftief) in fidj, bafe man feine SBünfdje weiter Ijat: 
ein mufifatifdjeS ©tillleben. 9tur einmal fjätte id| gemodjt, baft ber 
(Somponift ben fyötyern Slufflug fortgefe$t, gu bem er fief) fd)on ange* 
Jfc^idt; es ift auf ber neunzehnten ©eite. ©einem anfprudjlofen ©§a* 
rafter gemäfc fcE>rt er aber gleich öon felbft roieber auf bie grüne, fefte 
@rbe juritcf unb erfreut aud) fo. SRimmt man bie SSioüne jur 33e* 
gleitung, fo würbe man ben fdjönen Xenordjarafter oermiffen, roie er 
bem SSioIoncell eigen; überhaupt fd^eint mir bie ©onate gleich oon 
$au§ aus nur mit KeHo gebaut, ©iner näheren Snttoidelung Bebarf 
ba3 SSerf ntd)t; e3 liegt fo offen *ba, bafe man über feine ©ültigfeit 
feinen ßtoeifel f)aben fann. 81. ©djumamt. 

II. %xio§ unb Duartettc. 

% #alm, ®r. $rio für $fte., Biotine unb Violoncello (in A). SBert 57. 
mXaubert, ©rfteS $rio für $fte v „ „ „ „ f(in F;. SScrf 32. 
„ „ „ (SrfteS Ouartctt f. $fte., Violine, Viota u. VceÜ\ (in Es). SBerf 19. 
& ©djubertl), Quartett für „ „ „ „. „ 2Berf 23. 
<S. ©. Steiniger, drittes gr. Ouartett für $fte., Violine, Viola unb Violon* 
ceEo (in Dmoll). SBer! 108. 

Sin beutlidjereS Seifpiel be8 beftenS SßiflenS nad) f|öf)erem Stuf* 
ffug, bei grünblidjftem geftfifcen auf profaifc^em Soben, roie e3 ba$ 
erfte Xrio oben jeigt, giebt e$ fdjmerlidi auf ber SBelt nodj einmal. 
9Kand)mal, gefte^' id) e3, fam mir ettoaS Sachen an, tote über einen, 
ber mit angefdjnattten ©d)littfd)uf)en fortfjumpelt über miferableä 
Sßftafter, öfter aber eine Slrt Störung über bie ungleiche 33ertf)eilung 
ber ©lüdägüter, unb roie ein fo gleifciger fo gar ntdjtö erhalten aus 
ber §anb ber oberften ©Bttin — einer, ber e3 beffer machen möchte 
al8 SBeetljoöen, als Stile jufammen. 2Baf)rf)aftig, e3 fann faum ein 
curiofereä Xrio geben. SWan finbet Ijier öieleS, grofte Sntentionen 
neben poffierttd>en ©prüngen, Slnmanblungen öon Sleganj bei oofl* 
f ommner Äörperungelenffieit, geheime Slnbeutungen neben offenliegenben 
gabaifen, 83eetf)oöenfd)e unb granj ©djubertfdje öinftüffe neben SBiener 
Sedereien, nur aber ^fjantafie ni^t, nic^t einmal baö, maä biefe regelt, 
©efd^maef. 9lun benfe man fic^ bag äftljetifd^e 9KaI!jeur, ba3 e8 fefet; 
ja, e8 oerfolgt ben Somponiften fo augenfd&einlid), bafe er fogar blinb 
gegen ba§, ©elungenere ift, wie auf ©. 44, bie bod^ gefdjmacfoott 



56 



2B. fcaubert, £rio. 



angeorbnet ift, unb bic er nun gerabe nidf)t wieberljolt, wäl)renb er fonft 
alle« in ben Dominanten nadf)tran$ponirt. Unb benno^ fann man 
bem Xrio nid)t böfc fein. ®8 geftefjt fein Unvermögen ju gutmütig, 
Witt nidjt täufd&en, nidfjt fdjmeicfjeln, nur gebulbet unb in feinem guten 
SBitten anerfannt werben; unb bieS gefcf)ef)e if)m audf), Sie Statur 
müfcte jerberften, wollte fie lauter 33eetf)ovenS gebaren. 2)aS SBcfte 
im Xrio ift übrigens, Bis auf bie SMenge ©cfjnörteleien, baS Slbagio, 
ÜRan felje ficf> baS (Suriofum felbft an. 

Ueber baS Xrio von Xaubert fann man nad| fiuft unb Ueber* 
jeugung reben, ba (ebenfo. wie im vorigen) bie Elavierftimme jugleidf) 
eine Partitur ift; — weniger über baS Quartett, obgleicf) icf) es vom 
©omponiften felbft, aber fdjon vor geraumer fttit vortragen Ijörie, 
5)aS Xrio ftett' idf) benn bei SBeitem fjöfjer in Srbeit, ©rfinbung, 
Originalität, in Slttem, fo flüchtig eS aucf> empfangen unb wieber* 
gegeben fdOeint. ®S ift ein OanjeS unb wirb in allen ©ä|en wie 
burcf) einen inneren Sfttoten jufammengef)alten, wie man eS nur in ben 
befferen SSerfen antrifft. SBenn man in früheren ©ompofitionen von 
Xaubert oft eine frembe Anregung merfen fonnte, vor Slttem bie 3Äen* 
belSf'oljnS, fo ftel)t baS Xrio meljr unter SBeetf|ovenfcf)em unb ©d)u* 
bertfcfjem ©influfj; le|terem fcfjreib* icf> namentlich vielem im erften ©afc 
ju, ber im ganjen Sljarafter wie in einzelnen ©teilen an baS ©cf)u* 
bertfdjje Xrio in Esdur anftingt, obwohl man eS nid&t gerabe SRote 
für 9tote nadjweifen fann ; bagegen im legten @a| viel SeetfjovenfdjeS 
mit einläuft unb im jweiten §auptt^ema aucf) etwas aus ber „äReereS* 
ftitte* ic. von 3RenbelSfof)n. ®an& eigentf)ümlidf) fteljt aber baS Sitte* 
gretto ba, wie benn ber Somponift eine glücflicf)e Slnlage jum ©cfjalfifd^en 
wie jum 2)erb*§umortftifdjfcn f)at, wobei iljm nodj feine grttnblid&en 
fienntniffe ju ftatten, fommen, bafc eS aucf) immer als mufifalifcf>e 
Slrbeit intereffirt. ®8 muß einem burcf>auS besagen biefeS öttegretto, 
pmal es nodf) eine nationale au$(änbifdf)e Färbung ^at unb midf) an 
manches Sieb in 9ÄooreS Irish Melodies, bie gerabe vor mir liegen, 
gemannt. S)aS Slbagio ift von einem gewiffen allgemeinen Kfjarafter, 
wie man manche fd)öne ©efidfjter fdfjon irgenbwo gefefjen ju fjaben 
glaubt. 2)er Jpauptgefang läftt leine tieferen ©puren [jurüd: wäfjrenb 
man itjn aber f)ört, mufe man if)n fd^ön finben; von Sßirfwtg finb 
aud| bie tränmerifd&en wie f)erabträufelnben Slccorbe an mannen 
Stetten ber (Klavierbegleitung. ©twaS, was in allen ©äfcen günftig 
auffällt, finb bie oft plöfclicf>en , aber immer glüdlid) eintretenden 
SRüdgänge ; fo im erften ©a| auf ©.9, im jweiten überall, im brüten 



ß. ©djubertfj, Guartett. 



57 



©. 25, im Ie|ten ©. 34. 2)afc in jebem einzelnen ein entfdjiebener 
®runbton burchftingt, Brauet man bei einem fo weit gebiehenen £om* 
poniften nicht ju bemerfen. — Ueber baä Quartett getraue ich mir, 
tute gefagt, wegen SDiangelS einer Partitur leine ©timmfähigfeit ju. 
S)er (Sinbrucf nach be3 Somponiften ©piel war ein fehr freubiger, aber 
nicht, bafj e3 ben ganjen 2WenfdE)en burchbruitgen, erwärmt hätte, 
woöon ich nur ba$ ©cherjo ausnehme, ba3 il)m immer in neuer SSeife 
gelingt. 3n ben anbern ©äfcen, öerjeih' er mir, feinen mir bie 
ipauptmelobieen ju Anfang be3 erften unb legten ©afce» ju unbebeu* 
tenb als Quartettmufif, unb etwa« f)anbwerfmä§ig mit ber ewigen 
Sfaäbeugung nadf) ber Dominante. 3nt SSeriauf finben ficf> eine SÄenge 
(Slanjfteöen, fräftige unb gefunbe ©ebanfen, wie fie nur eine» treff* 
liehen $ünftler$ würbig fein mögen. SR. Schumann. 

S)a8 Quartett be8 §m. Schubert h ift bie erfte umf angreife 
Slrbeit, bie uns üon biefem oft at§ ausgezeichnetes Xalent genannten 
Somponiften ju ©eficf)t gefommen. 3 um f an & ^ getäufdjt, 
jum Ifjeit jenen SRuf gerechtfertigt* Denn Xalent blirft überall burd), 
bei Sßeitem aber noch nicht bie 2)urd>gebitbetf)eit be$ ©eifteS, ber baS 
9Äeifterwerf erft gerätf). Die Strbeit ift noch ju ungleich: gewöhnliche 
Sachen fielen jwifd^en befferen, atttaftif c^cr e SMomente weisen fchneH 
bIo§ med^anifd^en SluSfüllungen; fein Safc wirft burchgreifenb unb am 
wenigften baS ganje Quartett, nadj einanber gefpielt. SßaS ich ffa 
ba$ 93efte halte, baS Sdjerjo, fd^eint mir, unb nicht allein ber fremben 
Xonart halber, einer anbern vielleicht fpätern Slrbeit entnommen unb 
eingefchaltet. 3tre id| mief), fo bleibt e£ boch intereffant unb bringt 
ßebenbigeS ju SJlarfte. 3n ben anbern Säfcen fommt e$, wie gefagt, 
ju nicht» Sftedjtem, ©ntfeheibenbem; e$ entwidelt fich fein ^b^crer 3 Us 
ftanb bei fonft oft guter ©runblage. ©o wäre mit bem §aupt* 
rl}t)thnui3 im erften Safc, ift er auch oft fcfjon benufct, nodj manches 
ju machen; aber es bleibt beim bloßen SKadjeinanbereinfatten ber Der* 
fchiebenen Suftrumente; eine Sngführung, gar geiftigere Soncentrirung 
beS ©ebanfenS muß man überall öermiffen.* — 9tad) bem fpannenben 
Anfang beS Slnbante hätte man mehr SRefultate erwartet; eS geht bei* 
nahe fpurloS üorbei. SBom ©d£)erjO fprad) ich fdf)on; eS ift geiftreidf). 



* ©eftridjen: ,,©ef)r fdjroadj fdjeint mir namentlich bieGtyifobe ©. 5, @»ft. 5, 
ttrie benn ba$ (£Iat>ier, unb ba8 ©njemble, nic^t fe^r üortfjetfl)aft be^anbclt tft, in» 
bem jenes auf einmal fc^toetgt, bann roieber allein anfangt :c. @ö feljlt ber ©djmelj 
ber ^erbinbung, ber freittd) aua) ba§ ©a^roierigfte jener Sufammenfteflung, bie mir, 
]oü id) e^ frei gefte^en, üon jct)er feine ber glücflta^ften gefc^ienen ift." 



58 



G. ©. teigiger, Ouartett. 



Das Xf)ema beg legten SafeeS, wiewohl an manches anflingenb, muß 
man bennodj frifd| unb ergöfclidj Reißen; baS jlücitc ift eigentümlicher, 
hätte aber vielfach beffer benufet werben fömten, SBtr glauben, ber 
Sompomft get)t etwas nachfidjtig mit feinem Xatente um. So fielen 
®aben fönnte ein frönet ©rfolg nicht ausbleiben. 

DaS Quartett t>on 3tei§tger badjte ich mir fdjon im 33orauS fo, 
wie ich eS gefunben tjabe : fetjr unterf)altenb, anmutf)ig, melobifd), für 
ftünftler ein Spiel, für Dilettanten feine 3Jiüt)e. SJtan muß ein Sa« 
peHmeifter unb in immermährenber fchöner Slngft fein, beim Sompo« 
niren öon reijenben (Gräfinnen überlaufen ?u werben, um fidj bie 
mannen leichfcbriüanten ^artieen ju entfdjutbigen, bie SlleißigerS Som* 
pofitionen als ®unftwerfe nicht entftetten aber bocf> fierabfeften. SEBir 
finb überjeugt, 9teißiger müffe ein SBerf tiefern ©ehalteS, eines, baS 
über bie furje Spanne ber ©egenwart fjinaustöne, fdjreiben fönnen, 
wenn er feine Spieler für baS ©iuftubiren beS Schwierigeren, ©rofteren 
nicht ju oft entfd£)äbigcn wollte burd) gewöhnliche Sßaffagen, bie ihnen 
ben 93etfaü beS SßublicumS fidlem foHen. 2Ber ließe fid) nicht gern 
applaubiren? SRur bleibe auch baS 2ob ber ftrengem, nur auf baS 
©belfte genuteten fititif in (S^ren, unb biefeS mürbe fid)erlich nicht 
fehlen ohne jenes fidjtliche SBeifaHfjerauSforbern. 9Kan finbet benn 
in biefem Quartette fefjr SiebenSwürbigeS unb ©lücflicheS, einen leidsten 
tyrifd&en Schwung, furj alles, was man an 9teißigerS ©ompofitionen 
bereits SBortheilhafteS fennt. Der erfte Safe ift fcfjon bem $erfommen 
nach ber gewtd&ttgere; er befriebigt, lägt nichts ju münden übrig. 
Der befonbere Slnfang beS jweiten XheiteS i)ätte etwas Schöneres, 
$oetifd)ereS erwarten laffen; bie fd^netten ©intritte beS .fmuptrhtythmuS 
erinnern an bie in ber Suptterfomphonie öon SWojart. DaS Sdjerjo 
hat etwas üortf)eiIf)aft SreitereS, als man gewöhnlich finbet, unb 
fpringt beStjalb eigentümlicher heraus. Der (Sefang im Xrio ift fdfjön, 
Wenn auch befannt unb SfiJeberifcf). StwaS ju gebetjnt fdjeint mir baS 
Slnbante ungeachtet feines freunblidjen ©tjarafterS ; einer meiner Spieler 
meinte, ber ©omponift habe eS gewiß in fürjerer ßeit erfunben, als 
man eS fpielen fönne. Das SRonbo tjat feinen tieferen SBertf), fließt 
aber f)eiter unb guter Dinge ab. Daß baS D moll unb noch ein neuer 
9tf)t)tf)muS auf ber ttottefeten Seite erfd&eint, war nicht ju öermutfjen. 
Schwer ift baS Quartett in feiner Stimme feljr. Das Glatrier ^errfc^t 
üor; namentlich bef tagte fich mein SBratfd&ift, baß er faft gar nidjts 
ju tfjun ^abe. Der geehrte ßomponift wolle ihn einmal recht in ben 
Xiefen arbeiten laffen. 9i. S. 



Fragmente au§ Seidig. IV. 



59 



iFragmente ans £etpjtg, IV. 

[$ie Hugenotten.] 

3ft mir'S bod) tjeute tt>ie einem jungen mutagen Ärieger, ber jum 
erftenmal fein ©cf)foert jietjt in einer großen ©acfje! 21(8 ob bieS 
fleine SJetpjig, too einige SBeltfragen fd&on jur Sprache gelommen, 
and) mufilalifc^c fdjlicf)ten foHte, traf e3 fiel), bafe tjier, roa^rfdjeinlid& 
jum erftenmal in ber SBelt neben einanber, bie jtoei nndEjtigften ßom* 
pofitionen ber 3eit jur 3luffttf)rung lamen — bie Hugenotten öon 
9ttetyerbeer unb ber SßauluS öon 9Äeubel3f of)n. SBo l)ier an* 
fangen, too aufhören ! SSon einer 9tebenbul)lerfcf)aft, einer 33e&orju* 
gung be8 Sinen t>or bem Snbem fann l)ier leine Siebe fein. 2)er 
Sefer toeife ju gut, rcetdjem ©treben fid| biefe 33lätter getoeitjt, ju gut, 
bafe, menn t>on 9Äenbel3fol)n bie Siebe ift, leine öon SDtetjerbeer fein 
lann, fo btametral laufen itjre Söege auSeinanber, ju gut, bafe, um 
eine K^arafteriftil Seiber ju erhalten, man nur bem ©inen beijulegen 
brauet, roa£ ber Snbere nicf)t fyat — ba3 Xalent aufgenommen, toaS 
SBeiben gemeinfd&aftlid). Oft möchte man fi^ an bie ©tim greifen, 
ju füllen, ob ba oben alles nodf) im gehörigen ©tanbe, wenn man 
SDte^erbeerS (Srfolge im gefunben mufüatifd&en ©eutfcfjlanb ertoägt, 
unb roie fonft el)renroertl)e Seute, 9Jiufiler felbft, bie übrigens audf) ben 
ftifleren ©iegen 2Jienbel3fof)n8 mit greube jufe^en, t>on feiner 3Jiufil 
jagen, fie toär' ettoaä. SKodj ganj erfüllt üon ben §od&gebilben ber 
©df)röber>2)etment 9 im gibelio ging id£) jurn erftenmal in bie §uge* 
notten. SBer freut ficf> nicfjt auf SReueä, wer fjofft nid)t gern! §atte 
bod| 9iie8 mit eigener §anb gef djrieben, manches in ben Hugenotten 
fei 83eetf)oöenfdf)em an bie ©eite ju ftetten :c.l Unb totö fagten Sin* 
bere, xotö icf)? (Serabeju ftimmte id) gloreftan bei, ber, eine gegen 
bie Dper geballte gauft, bie SBorte fallen tiefe: „im ©roctato ^ättc er 
SRetierbeer nodf) ju ben SJtufilern gejäf)lt, bei Stöbert bem Xeufel §abe 
er gefd^wanft, t>on ben Hugenotten an redjne er tf)n aber geraberoegS 
ju granconis* Seuten." 3Äit weitem SBibertmUen uns ba8 ©anje 



* $er {einer 8"* berühmte (SircuSbirector granconi in SßariS Tratte burd) bie 
mit allem Raffinement üon i£>m in ©cene gefegten „SJlimobramen" bie aufjerorbent* 
Kdjften ©rfolge erhielt, lieber eines biefer ©pectafelftucfe — „L'empereur* — be* 
rietet 93öme in feinen ©riefen au$ Sßarte. (9fr. 16.} 



60 gragmente quS Seidig. IV. 

erfüllte, baß wir nur immer abjuwehren Ratten, lann idf) gar nicht 
fagen; man würbe fd^Iaff unb mübe öom Sterger. Stach öfterem 9fa* 
hören fanb fid^ wohl manches ©ünftigere unb ju Sntfchulbigenbe 
heraus, baS ®nburtf)eil blieb aber baffelbe, unb ich müßte benen, bie 
bie Hugenotten nur üon SBeitem etwa bem gibelio ober Sehnlichem 
an bie Seite ju fefcen Wagten, unaufhörlich jurufen: baß fie nichts 
üon ber ©adf)e öerftänben, nichts, nichts. Sluf eine SBefefjrung übrigens 
Keß' ich mich ntdE)t ein; ba wäre lein gertigwerben. 

@in geiftreidjer SRann t>at SÄufit wie §anblung am Beftcn burch 
baS Urtivit bezeichnet, baß fie entweber im greubenhaufe ober in ber 
flirdje fpielten. Scfj bin fein 9Äoraltft; aber einen guten $roteftanten 
empört'S, fein theuerfteS Sieb auf ben SBrettern abgefdjrieen ju hören, 
empört es, baS btutigfte Drama feiner SReligionSgefchichte ju einer 
SahrmarftSfarce heruntergezogen ju fet)en, @elb unb ©efchrei bamit ju 
erheben, empört bie Dper bon ber Duöertüre an mit ihrer lächerlich* 
gemeinen §eiligfeit bis jum Schluß, nadf) bem wir eheftenS lebenbig 
öerbrannt werben follen.* 2BaS bleibt nach ben Hugenotten übrig, 
als baß man gerabeju auf ber SBühne Verbrecher t)tnrtd^tet unb leichte 
Dirnen jur @djau aufteilt 9Kau überlege fich nur alles, fetje, wo 
\ alles hinausläuft! 3m erften Stet eine ©chwelgerei öon lauter 9Rän* 
nem unb baju, recht raffinirt, nur eine grau, aber üerf ^leiert; im 
jWeiten eine ©d^welgerei oon babenben grauen unb bajwifd^m, mit 
ben SKägeln h^rauSgegraben für bie ^ßarifer, ein 9Äann, aber mit öer* 
bunbenen Stugen. 3m brüten Slct bermifcht fich bie lieberliche Xen* 
benj mit ber heiligen; im öierten wirb bie SBürgerei vorbereitet unb 
im fünften in ber Kirche gewürgt. Schwelgen, morben unb beten, 
t>on weiter nichts. ftetjt in ben Hugenotten: üergebenS würbe man einen 
auSbauernb reinen ©ebaulen, eine wahrhaft chriftlidje (Smpfinbung 
barin fuchen. 9Äet)erbeer nagelt baS H^i au f bie Haut unb fagt: 
„feht, ba ift es, mit H^nben ju greifen." SS ift alles gemacht, alles 
©chein unb QtutyUl Unb nun biefe H c ^ en unb H^binnen — 
jwei, SRarcel unb ©t SBriS, ausgenommen, bie bodh nid^t gar fo elenb 



* 2Ran Iefe nur bic ©cfyfufjäetfen ber Dper: 

Par le fer et l'incendie 

Exterminons la race impie! 

Frappons, poursuivons i'h6r6tique! 

Dien le veut, Dieu veut le sang, 

Oui, Dieu veut le sang! [Sdj.] 



gragmente aus Seipjig. IV. 



61 



jufammenfinlen. (Sin öollfommener franjöfifdjer SBüftling,* 9tet>er8, 
ber Valentine liebt, fie nrieber aufgiebt, bann jur grau nimmt, — 
biefe Valentine felbft, bic Staoul liebt, 9teöer3 ^eirat^et, üjm Siebe 
f^mört** unb fidj julefct an Staoul trauen läßt, — biefer Staoul, ber 
Valentine liebt, ftc ausflögt, fidf) in bic Königin berliebt unb julefct 
Salentine §ur grau erhält, — biefe Königin enbli^, bie Königin alP 
biefer puppen ! Unb bieS lä^t man fi^ alleä gefallen, »eil e$ l)übf^ 
in bie Äugen fallt unb öon $ari$ fommt — unb üjr beutfdjen fitt* 
famen 3Jiäbdf)en galtet eudj nidjt bie Slugen ju? — Unb ber ©rjHuge 
aller ©ompöniften reibt fiefj bie ipänbe üor greuben! SSon ber 9Kuftl 
an fid) ju reben, fo reiften l)ier nrirflicfy feine Silber l)in; jeber Xact 
ift überbaut, über 'jeben ließe fid) etoaS fagen. SBerblüffen ober fi|eln 
ift SReijerbeer« Ijödjfter SBaljlfprttd) unb e3 gelingt il)m audj beim 
3an^agel. 3ßa8 nun jenen eingeflossenen S^oral anlangt, worüber 
bie granjofeu außer fiel) finb, fo geftel)' i<$, brächte mir ein ©djüler 
einen folgen ©ontrapunft, tdj mürbe it)n l|öd>ften8 bitten, er mödjt' 
eS nidjt fcf>led&ter madfjen fünftigl)in. SBie überlegt »fdjaat, tote be* 
fonnen*oberfIäd(jlid>, baß e£ ber 3anJjagel ja merft, wie grobfd>mieb* 
maßig biefeS ewige §ineinf freien SRarcelS „Sin' fefteSJurg* jc. SSiel ma^t 
man bann aus ber ©d&wertermeitje im vierten SCct, 3$ gebe ju, fie 
tyat öiel bramartfd&en Bug, einige frappante geiftretd&e Sßenbungen unb 
namentlidf) ift ber Sf)or öon großer äußerlicher SBirfung; ©ituation, 
©cenerie, Snftrumentation greifen jufammen unb ba ba8 ®räßlid>e 
SRetjerbeerS ©lement ift, fo l)at er l)ier aud) mit geuer unb Siebe ge* 
feffrieben- 33etrad>tet man aber bie ÜRelobie mufifalifcf), was iff 8 als 
eine aufgeftufcte SRarfetllaife? Unb bann, ift'8 benn eine Kunft, mit 
foldjen SRitteln an fo einer ©teile eine SBirfung tyeröorjubringen? 
3$ table nid£)t ba8 Aufbieten aller SRittel am richtigen Drte; man fott 
aber nidjt über §errtid>Ieit freien, wenn ein 2)ufcenb ?ßofaunen, 
Xrompeten, Dpl)itle*iben unb ^unbert im Untfono fingenbe 2Renfd>en 
in einiger Sntfernung gehört »erben fönnen. ©in 3D?et)erbeerfd^e8 
SRaffinement muß id) t^ter erwähnen. Sr lennt ba3 publicum ju gut, 
al8 baß er nidf)t änfe^en foöte, baß ju mel Särm julefct abftumpft. 
Unb wie fing arbeitet er bem entgegen! Sr fefct nad) folgen Sßraffel« 
ftellen gteid> gange Strien mit Segleitung eine« einsigen 3nftrumente3, 



* SSßortc wie ,je ris du Dien de Funivers" etc. finb Äleinigfeitcn im 
Jcjte. [©($.] 

** D'aujonrd'hiii tout mon sang est a voub etc. [©d).] 



62 



Fragmente aus Seidig. V. 



al« ob er jagen wollte: „fef)t, wa« icfj audf) mit SBenigem anfangen 
fann, feljt, ©eutfdje, fet)t!" ©inigen ©fprtt fann man tf)m leiber nidjt 
abfpredfjen. — Stile« (Singeine burcf>jugef)en, wie reichte ba bie fttit 
au«! SRetjerbeer« äußertidjfte Xenbenj, t)öcfjfte 9lic^t*DrtgiitaIität nnb 
Stillofigfeit finb fo befannt wie fein Xalent getieft, ju appretiren, 
glänjenb ju machen, bramatifcf) ju befjanbeln, ju inftrumentiren, wie 
er auef) einen großen SReid(jtf)um an gormen Ijat. 2Rtt leichter 2Rül)e 
fann man Üioffini, SRojart, §irolb, SBeber, SBctüni, fogar ©pof)r, 
furj bie gefammte äRufit nacfjwetfen. 3Ba« itjm aber burdfjau« ange* 
f|ört, ift jener berühmte, fatal meefembe unanftänbige 9U|t)tljmu«, ber 
faft in aßen Xfjemen ber Dper burd^gef)t; icf> fyatte fcf)on angefangen, 
bie ©eiten aufzeichnen, wo er öorfommt (©. 6, 17, 59, 68, 77, 100, 
117), warb'S aber julefct überbrüffig. 3Rand)e« Seffere, auef) einzelne 
eblere unb großartigere Regungen fönnte, wie gefagt, nur ber §aß 
wegleugnen; fo ift 9Rarcel« ©dfjladjtlieb tion SBirfung, fo ba« Sieb 
be« Sßagen tieblid); fo intereffirt ba» SReifte be« britten Stete« burd) 
lebenbig üorgefteHte 33olf«fcenen, fo ber erfte Xljeil be« ©uett« jwifcf>en 
8RarceI unb SBalentine burdf) Ktjarafteriftif, ebenfo ba« ©ejtett, fo ber 
©pottdfjor burcf> fomifdf)e ©ef)anblung, fo im trierten Set bie ©d&wer* 
terweifje burefj größere @igentf)ümlid^feit unb üor Stttem ba« barauf 
fotgenbe $uett jwifcf>en Staoul unb Valentine burdf) mufifalifd£)e Strbeit 

unb gtuß ber ©ebanfen : wa« aber ift ba« alle« gegen bie ©e* 

mein^eit, SSerjerrtf)eit, Unnatur, Unfittticf>feit, Un*3Rufif be« ©anjen? 
Sßaljrljaftig , unb ber §err fei gelobt, wir fielen am ßiel, e« fann 
nid&t ärger fommen., man müßte benn bie 33üf)ne ju einem ©algen 
machen, unb bem äußerften Stngftgefcfjrei eine« oon ber Qtit ge* 
quälten Xatente« folgt im Slugenblicfe [bie Hoffnung, baß e« beffer 
werben muß. 



V. 

SBenben wir .un« mit einigen Sßorten ju einem ©bleren. 

§ier wirft bu jum ©tauben unb jur Hoffnung geftimmt unb lernft 
beine 9Renfcf)en wieber lieben; f|ier ruf)t e« fief) wie unter *ßalmen, 
wenn bu bidf) mübe gefudjjt, unb nun eine blüjjenbe Sanbfdjaft bir ju 



gragmente aus Seidig. V. 



63 



^üfeen liegt. ©S ift ber *ßauluS ein SBerf ber reinften Strt, eines 
beS griebenS unb ber Siebe. S)u Würbeft bir fdjaben unb bem dichter 
welje tf)un, wotlteft bu es nur üon SEBcitcm mit ! §änbelfchen ober 
Sadjfchen toergletcfjen. SBorin fidj alle ßirchenmufif , worin fid) falle 
©otteStempel alle SJlabonnen ber 9Katcr gleidjfehen, barin gleiten fte 
fid>; aber freiließ waren 33ad| unb Jpänbet, ba fic f ^rieben, fdjon 
üRänner, unb SRenbelSfohn fdjrieb beinahe ganj Jüngling * 8llfo baS 
SBerf eines jungen SKeifterS, bem noch ©rajien um bie ©inne fpielen, 
ben nod) ßebeluft unb 3uf unft erfüllen ; nid)t ju vergleichen mit einem 
aus jener ftrengem ßeit, Don einem jener göttlichen SReifter, bie ein 
langes heiliges Üeben hinter fid^, mit ben §äuptern fdjon in bie SBolfen 
fallen. 

S)er ©ang bcr ipanblung, baS Sßieberaufnehmen beS KhoralS, 
ben wir fcfjon in ben alten Oratorien finben, bie Xljeilung beS ßtjorS 
unb ber (Sinjclneu in h^nbelnbe unb betradjtenbe SRaffen unb *ßer* 
fönen, bie ©h^ftere biefer ©injelnen felbft — über bieS toie über 
anberes ift fd)on öielfach in biefen blättern gefprod)en. Sluch baft bie 
ipauptmomente jum 9tad)theil beS ©inbrudS beS ©anjen fcfion in bem 
erften Xljeile bcr §anblung liegen, baß bie Stebenperfon ©tephanuS 
wenn nicht ein Uebergewicht über SßauluS erhält, fo bodj baS 3ntereffe 
an biefem fdjntälert ; baß enblich ©auluS mehr wirft in ber SÄufif als 
©efehrter benn als SBefehrenber, ift ebenfalls ridhtig bemerft worben, 
fo wie, bag baS Oratorium überhaupt fet)r lang ift unb bequem in 
jwei jerfaüen fönnte. Shtjiehenb jum Sunftgcfpräd) ift oor Sltlem 
SKenbetSfohnS bidjterifche Sluffaffung bcr ©rfdjeinung beS §errn; bodh 
meine ich, marl *>erbirbt burdj ©rübeln unb fönnte bamit ben £om« 
poniften nicht ärger beleibigeii als ^icr in einer feiner fd)önften ©r* 
finbungen. 3dj meine, ©ott ber §err fpricht in üielen 3 un 9 e it* unb 
ben SluSerwählten offenbart er ja feinen SBiHen burdj ©ngeld)öre; ich 
meine, ber SRaler brüde bie 9täf)e beS Jp&djften burd) oben aus bem 
Saum beS SMlbeS heröorfchauenbe Sherubf&pfe poetifdjer aus als burch 
baS 83ilb eines ©reifes, baS SreifaltigfeitSjeidjen :c. 3dj wüßte nid)t, 
wie bie Schönheit belcibigen fönnte, wo bie 2Baf)rheit nid>t *u erreichen 
ift. Slud) f)at man behaupten wollen, baß einige Sf) orale im *ßautuS 
burd> ben feltcnen ©cf)tnu<f, mit bem fie SWenbelSfohn umgeben, an 
ihrer ©infalt einbüßten. SSilS ob bie ßhoralmufif nicht eben fo gut 



* 3flenbel$fot)tt toar 25 galjre att, als er ben SßauluS anfing. 



64 



Fragmente auä Seidig. V, 



3eidf)en für ba» freubige Oottoertrauen wie für bie flef)cnbe 83itte Ijabe, 
al» ob jwifdf)en „3Badf)et auf" :c. unb ,,3lu» tiefer 9totf)* :c. lein Unter* 
fdfjieb möglich wäre, at» ob ba» Sunftwerl nidjt anbere 8lnfprttd()e be* 
friebigen muffe al» eine fingenbe ©emeinbe! (Snblidj fyat man ben 
Sßaulu» fogar nid^t einmal al» ein proteftantifdfje» Oratorium, fonbem 
nur al» ©oncertoratorium gelten laffen wollen, wobei ein ®efd&euter 
ben SMittetroeg öorfcf)lug, e» bodf) w proteftantifdE)e» ßoncertoratorium" ju 
nennen. 2Ran fief)t, ©inwenbungen, unb audj begrünbete, laffen ftd) 
machen, unb ber gteifc ber Sritif fott aud) in ®t)reh gehalten werben. 
Dagegen tiergleid^e / man aber, wa» bem Oratorium SRiemanb nehmen 
wirb — aufcer bem innern Äern bie tiefreligiöfe ©efinnung, bie ficf> 
überall au»fprtdE)t, betraute man all ba» 3RufifaIif^*3ReifterIic^* 
(betroffene, biefen t)od)ft eblen Oefang burd&gängig, biefe SSermätjIung 
be» SB orte» mit bem Xon, ber Sprache mit ber SMufif , bafj wir alle» 
wie in leibhaftiger Xiefe erbliden, bie retjenbe ©rupptrung ber ?ßer* 
fönen, bie Slnmutf), bie über ba» ®anje wie t)ingel)aucf)t ift, biefe 
ftrifdEje, biefe» unau»lbfdE)lid}e Solorit in ber Snftrumentation, be» 
oottfommen au»gebitbeten ©ttlc8 r be» meifterlid^en Spielen« mit allen 
formen ber Sefcfunft nidf)t ju gebenfen — man foltte bamit jufrieben 
fein, meine idj. (Sine» nur ^abe tdj ju bemerfen. 3)ie 9Kufif jum 
$aulu» ift im 2)urdf)fd>nitt fo Mar unb populär gehalten, prägt fid& 
fo rafcf) unb für lange ,3eit ein, bafc e» fdjeint, ber ©omponift ^abe 
wäfjrenb be» ©Treibens ganj befonber» barauf gebadjt, auf ba» SBolf 
jtt wtrfen* So fdf)ön biefe« Streben ift, fo würbe eine fold&e Äbfidjt 
fünfttgen ©ompofitionen boclj etwa« bon ber Äraft unb SBegetfterung 
rauben, wie wir e» in ben äBerfen berer finben, bie fidj iljrem großen 
Stoffe rüdftcf)t»lo», otpte ßiel unb Sdjjranle Eingaben. 8\xU%t be* 
beule man, bafc SBeetfiotien einen Sljriftu» am Oelberg gefdE)rieben unb 
aud> eine Missa solemnis, unb glauben wir, bafe, wie ber Süngling 
3)tenbel»fot)n ein Oratorium fdfjrieb, ber SRann au<$ eine» tooHenben 
wirb,* 33t» bal)in begnügen wir un» mit unferm unb lernen unb ge« 
niefcen baöon. 

Unb jefct ju einem Sdjluf$urtf)eil über jmei SRänner unb ifyre 
SBerfe, bie bie Stiftung unb Verwirrung ber Qtit am fdjärfften 
cfjarafteriftren, jtt gelangen. 3dfj t>erad&te biefen äRetyerbeerfdfjen 9lut)m 
au» bem ©runbe meine» §erjen»; feine Hugenotten finb ba» (Sefammt* 
üerjeid^nife aller 2ttängel unb einiger wenigen SBorjüge feiner $t\L 



* 9Renbel$jofjn tyat bie *ßropf>e$eiung erfüllt (<£Iia$). [©d>. 1852] 



$L £>enfelt, SSariattonen. 



65 



Uttb bann — lafct un8 biefen 2)lenbel&fot)n*$aulu3 f)odjad)ten unb 
lieben, er ift bcr $ropt)et einer frönen Bufunft, wo ba$ Sßert ben 
Äüuftler abelt, triebt ber Heine SBcifatt ber ©egenwart: fein SBeg 
füljrt jum ©lücf, jener junt Uebel * . 

Stöbert Schümann. 10 



JKttfettm, 

Unter biefer 3tuffcf)rift erhielten wir toor Shirgem einige Seiträge 
ber ®at>ib8bttnblerfdf)aft mit ber anfrage : ob fie nidjt eine Sammlung 
oon Äbgüffen intereffanterer Sifyfe in ber Beitfd&rift auffteßen unb if)r 
obigen SKamen Beilegen bürfte, ba fie färbte, bafe in ben in bie SJlobe 
gefommenen Sn*gro3*8tecenftoneu manche« überfefjen würbe; bafc fie 
übrigen^ bamit etwa« Slriftolratif^eä nidjt im ©ütne fyabe, fofle bie 
SRebaction nur glauben ic. 2)a3 Äe|te bei Seite getaffen, antworteten 
wir: bie 33ünblerfd&aft foßte nur. 

S)ie Sftebaction. 

1. 

Variationen für ba* $tanoforte Don »botylj $eufe(t. SBerl 1. 

2Rit einiger fjreunbfdjaft mefjr betraute id& bid) oft, mein glo* 
reftan, bafc bu mit gutem ©riff au§ ber ©djaar ber 3üngeren bie 
S5eften f)erau3fül)lteft unb fie juerft in bie 2Belt, b* t. in bie Sritfdjrift 
einfüfjrteft als fünftige SBürben*, wo nidf)t Sorbeerträger. ©onberbar 
waren fie gerabe oon ben öerfd&iebenften 83ötferfcf>aften, fo ©ljopin 
ein Sßole, 33erlioj ein ^ranjofe, SBennett ein (Snglftnber, Slnberer, 
©cringerer nidjt ju gebenfen. 2Bann enblidf), backte id) ba oft traurig, 
Wirb benn audj einmal ein ©eutfdjer fommen! Unb er ift gelommen, 
ein $radjtmenfdj , ber §erj unb Sopf auf ber redeten ©teile §at, 
2lbolpl( ipenfelt, unb id> ftimme ber S)aoib8bünblerin ©ara** bei, 
bafe fie tyn, ben nodE) wenig ©ehrten, il)n, ber faum 2Berf Sin« 
hinter bem Sftücfen tjat, gleidf) ben S3eften ber jungen Äünftterfdfjaft 



* $ier folgten ttoc^ bie (sdjfafiworte : „Unb nie unterschrieb tdj ettoa3 mit fo 
fefter Ueberjengnng aU Ijeute." 

♦* grl. ©opfjie ÄaSfel (nadföerige ®rafin SBolf SBaubiffin) in $re$ben, meiere 
eine (£1)arafteriftil §enjett3 für bie 3eitfef)rift US37, VII, 57) getrieben $atte. 



€ Hamann, ®ef. Stuften. H. 



5 



66 Ä. &enfelt, ©emotionen. 

• 

erntetet 3)u wetfct, gloreftan, öiel fjaben wir am Elaöier jufammen 
ftubirt, gefdfjwelgt in Fingerübungen unb $eett)oöen, beften Xon ju 
erlangen. 2Ba3 idj aber SEBotjUaut, Slangjauber nenne, ift mir notfj 
nie in einem I)öt)ern ®rabe fcorgefommen als in §enfelt3 ©ompofi* 
tionen. £)iefer Sßoljllaut ift aber nur ber S33iebcrljatl einer inneren 
Stebenfcwürbigfeit, bie fid) fo offen unb waljr auäf priest, wie man e$ 
in biefem t>erf)üHten Sarüentanj ber ßeit faum meljr fennt. Sedieren 
SSorjug ^aben wot)t aud^ anbere junge Sfthtftler mit meinem gemein; 
fie fennen aber if)r 3tiftrument ntefft fo genau, wiffen ifjre ©ebanten 
nidfjt fo reijenb tjeraugpfteßen* 3$ fprec^c l)ier nidjt üon ben SSa* 
riationen, in bie man ftc§ pdjftenS üerlieben fann, otjne tiefer gepadt 
ju werben, wa3 fie audf) gar nid|t wollen; aber bei mannen 9Äenfd)en 
läßt fidj, aud| wenn fie noefy erft wenig gejagt ü)r SBefteS nod) nid>t 
gegeigt Ijaben, gleidE) üon üorn^erein auf ein fdf)5ne3 §erj, einen f)ar* 
monifd) gebilbeten (Seift fcf|ltefcen. Unb bann l)örte idf) erft bor Shirjem 
üon Clara Sßtecf wie oon einem greunbe be3 Sompomften eine SRenge 
fleiner Xonftüde, bafc einem öor fiuft bie Xfjränen in bie Äugen treten 
fonnten, fo unmittelbar griffen fie an baS§er$. — Äann id) nun 
über folgen Xugenben eine» &ünftlergeifte§ audj nid£)t bie tiefere 
Sigentfjümtidjleit SSfaberec, wie ben $oc§teibenfcf|aftlid}en (Sf)opin öer* 
geffen, über SBalter ©cott nidfjt Sorb Sfyron, fo bleiben fie bod) ber 
!Kad)af)mung, ber innigften Änerfennung in einer Qtit wert!), wo ein 
fcerjerrenber unb üerjerrter SRe^erbeer wüftet unb ein öerblenbeter §aufe 
iljm äujaudfföt Sabt eudj benn an ben 2tu3fid)ten, bie biefer Sünftler 
erf dOliefct ; bie fd^öne SRatur bringt enblidf) bo<$ burd). ©r aber möge 
fidEj feiner SBebeutung erfreuen unb fortfahren, mit feiner Äunft $reube 
unb ®lüd unter ben 9Renfdjen ju verbreiten. 11 . 

9Zod^ Sine». ®3 würbe neultd) gefragt, ob §enfelt nidjt eine bem 
sßrtnjen 2oui3 gerbinanb öon Sßreufcen t>erwanbte Srf Meinung wäre. 
SlHerbingS, aber fie fallen in umgelegte ß^iten. SRimmt man t)on ber 
SRufif einen romantifd^en unb claffifdjen Sfjarafter an, fo war 
Sßrinj Souig ber SRomantifer ber claffifd>en Sßeriobe, wäl)renb 
§enfelt ber ßtaffifer einer romantifdjen ßeit ift ; unb infofem be* 
rühren fie fidEj. 12 

(SufebiuS. 



©t. geller, gntyrontytuS. 



67 



2 

Stet Stttyrottipttt* für ba$ ^iattofotte öon Steden fetter. 88erf 7. 

Damit aber mein SufebiuS tttd^t ettoa überfd)äume nrie ein f)ofy 
gefd)ttmngener Sßofal, ftetf idj it)tn einen eben fo jungen beulen 
Äünftler gegenüber, Stephen Jpetler, ber bie SSorjüge feinet Sieb* 
lingS jiuar nid)t in fo I)of)em ©rabe tf)eilt, aufcerbem aber 93ielfeitig< 
feit ber ©rfinbung, ^antafie unb SEBtfe bie*güUe fjat. SSor einigen 
Sauren fcf>on fcfyrieb uns ein Unbefannter, er I)ätte gelefen, bie 3)aüibS* 
bünMerfcfyaft wolle fidf) audj elenber 9ftamtfcripte annehmen. JDlan 
fann" — f)iefe eS in jenem SBriefe weiter — „biefen ®ebanfen nid^t 
banfbar genug anerfennen. 3rgenb ein partes SSerteger^erj ober ein 
§erä«$8erleger fann burdj geregte Äritit folfl^er SWanufcripte auf junge 
Xalente aufmerffam gemacht, naef) Sßerbienft in feiner Jpärte beftärtt 
ober günftiger geftimmt werben. — 3n mir, toeretyrte DatubSbünbler, 
fefjen ©te ©inen öon ben SSielen, bie if)re Sompofitionen (soit-disant 
äBerfe) oeröffentlid)t toiffen wollen, aber jugleid^ Sinen toon ben 
SBenigen, bie eS nid&t wünfcf)en, um ftdf) — gebrudt ober geftod^en ju 
feljen, fonbem bc^fjalB, um ftd) beurteilt ju Ij'ören, um Xabel, leljr* 
reiben, ober ©rmuntembeS gu t>ernel)men" k. — 2>er ganje Srief 
uerrtett) einen f>eßen feinen Äopf, SRatoetät unb 83efdf)eibenl)eit ©nblidj 
famen bie SRanufcripte, abermals mit einem SBrief. aus bem idf) midf) 
folgenber ©teile entfinne: „©rofeer 3tdj)tung bürfte idfj mid| fidler er* 
freuen,* wenn idf) mid| S^nen als einen ausgezeichneten ©eljer nnb 
feltenen — ipörer legittmire! 3$ tjabe 33eetf|oöen, idj l)abe©df)ubert 
gefe^en, oft gefeljen unb jwar in Sßien, unb bie befte italienifcfie 
OperngefeHfd&aft bort unb toeldf)e ßufammenftellung, — bie Duartette 
t)on SKojart unb SJeetfjoöen t>on ©djuppanjigl) jc. fpielen unb SBcct* 
tyo&enS ©t)mp!f(onieen üom SBiener Drd^efter aufführen gehört. 3m 
©rnfte, öeret)rtefte 33ünblerfd£)aft, bin id) fein feltener, beglürfter ©et)er, 
fein üom ©rfjtcffat begünftigter ipörer?" ©efte greunbe, — fagte idE) 
meinen — nad) folgen JBrieffteflen ift nichts ju tfjun, als auf bie 
Gompofition jujuftiegeu unb ben SJlann an ber SBurjet fennen ju 
lernen, beffen 9tame ein fo fatales Sßiberfpiet feines SntjaberS* 

3df) bin beS SBorteS „Stomantifer" öon iperjeu öberbrttffig, obwohl 

* SBörttid) in ber Seitfdjrift: „©roßer ttdjtung, bürjte icf> mid) Sfjrer erfreuen" 
— ein offenbare! $rucfüerjc!)en, bafc bie obige (Sonjectur bei Herausgebers ^u Ijeben 
t>erfud)t. 



5* 



68 



Slara SGBtecf, ©otreen. 



ich e» ntcf)t jefjnmal in meinem Geben ausgesprochen habe; unb bodf> 
— wollte ich unfern jungen ©eher turj tituliren, fo h^fe' id) if}tt 
einen, unb welken! SSon jenem üagen, nihiliftifdEjen Unwefen aber, 
wohinter äRandf)e bte SRomantil fuchen, ebenfo wie toon jenem graben 
hinftecffenben aßateriali»mu», worin fich bie franjöfifdjen SReuroman* 
tifer gefallen, weife unfer ©omponift, bem Gimmel fei S)anl, nicht»; 
im ©egentheil empfinbet er meift natürlich, brttcft er fich flug unb 
beutlich au». Dennoch fühlt mau aber noch etwa» im föintergrunb 
fielen beim (Srfaffen feiner ©ompofitionen , ein eigene» anjiehenbe» 
.ßwielicht, mehr morgenröthlich, ba» einen bie übrigen» feften ©eftalten 
in einem fremdartigen ©djem feljen läfet; man fann fo etwa» niemal» 
burch SBorte fdjarf bejeichuen, burch ein SSilb fdEjon eher, unb fo möchte 
ich jenen geiftigen ©d^ein ben fingen Dergleichen, bie man im äRorgen* 
flauer an gewiffen lagen um bie ©cfjattenbilber mancher Äöpfe be* 
merlen Kitt* 3m Uebrigen h ot er gar nichts Uebermenfchliche» al» 
eine fühlenbe ©eele in einem lebenbigen Körper. Dabei führt er aber 
aud^ fein unb forgfam au»; feine formen finb neu, p^antaftifd^ unb 
frei ; er ^at feine Slngft um ba» gertigwerben, wa» immer ein Seichen, 
bafc triel ba ift. 3enen ^tmonifchen Sßohllaut, ber in ber Xfyat bei 
£enfelt fo wohltut, befifct er nicht in bem SKafee; bagegen hat er 
me^r ®eift, üerfteht er ßontrafte ju einer ©inheit ju üerfchmeljen, 
3m ©injelnen ftört mich manche»; er erfticft aber ben Xabel burch eine 
geiftreiche Sßenbung im Sugenblicf. Die» unb Sehnliche» jeidfjnet biefen 
meinen Siebling au»* Ueberfehe ich ou ^ Debication nicht! Da» 
3ufammentreffen ift fonberbar ; bu erinnerft bidEj, ©ufebiu», wir hatten 
einmal etwa» ber SBina au» ben „glegeljahren" jugeeignet; bie SE)cbi* 
cation ber Smpromptu» uennt auch e ^ c 3ean $aulfdE>e £immel»geftalt, 
ßiane ü. groulaty,* — wie wir benn überhaupt mand&e» gemein haben, 
welche» ®eftänbnif$ SRiemanb falfch beuten wolle; e» liegt ju beutli<£ 
ba. ©o empfehf kh euch bie Impromptu», SBahrhaftig, biefe» Xalent 
hat eine ßufunft toor fid}. 13 gloreftan. 

3, 

Soireen für ba* ^tanoforte tum Glara 9Bierf. SBerf 6. 

3htd) ein weiblicher Äopf fotl unfer SRufeum fchmücfen, unb über*» 
haupt, wie fönnte ich box heutigen Xag, al» SSorfeier be» morgenben„ 



* im Xitan. 



Ulaxa SBietf, Soireen. 



69 



ber einer geliebten* Sfinftlerin ba* Seben gab, beffer begeben, al* baß 
tdj mich gerabe in eine ihrer Schöpfungen toerfenfte mit einigem Än» 
t^eil. ©inb fie boch einer fo au*tänbifchen ^antafte entfprungen, 
al* baß ^ier bie bloße Uebung ausreiste, biefe feltfam toerfdEjlungenen 
3lrabe*fen verfolgen ju lönnen, — einem ju tief gegrünbeten ©emüthe, 
al* baß man, wo ba* Sitbliche, ©eftaltenähnliche in ihren ©ompo* 
jttionen mehr in ben Jpintergrunb tritt, ba* trfiumerifche, in fich »er* 
tiefte SBefen auf einmal ju faffen vermöchte* 3)e*hatb werben fte auch 
bie Sfteiften eben fo rafdj wieber weglegen, al* fie fte in bie §anb 
genommen ; ja, e* ift ju glauben, baß orbentliche $ßrei*afabemieen ben 
©oirfen unter ^unbert eingefanbten anbem nicht etwa ben erften 
^ßrei* juertennen fonbem eben ben legten, fo wenig fchwimmen ^ier 
bie perlen unb Sorbeerfränje auf ber gläd>e* Sntmerfjin wär' ich auf 
ba* Urteil ber Sllabemiften mehr at* je gefpannt; benn eine* IfjeiÖ 
toerrathen bie ©oirien boch gewiß Sebent ein fo jarte* überwaüenbe* 
Seben, ba* Dom leifeften §auch bewegt ju werben fdfjeint, unb boch 
auch wieber einen SReidf)thum an ungewöhnlichen Mitteln, einelJßacht, 
bie Mißlicheren, tiefer fpinnenben gäben ber Harmonie ju Gerwinen 
unb au*einanber ju legen, wie man e* nur an erfahrenen ßünfttem, 
an SDlännern gewohnt ift. Ueber ba* ©rftere, bie 3ugenb ber ©om* 
poniftin, pnb wir einig* 2)a* Rubere aber ju würbigen, muß man 
freilich wiffen, wie fie, als SBirtuofin fchon, auf bem §öhenfcheitel ber 
$eit fteht, üon wo au* ihr nicht* verborgen geblieben» 2Bo ©ebaftian 
95ach noch fo tief eingrabt, baß ba* ©rubenü^t in ber Xiefe ju Der* 
löfchen broht, wo SSeetljotoen aufgreift in bie SBolfen mit feiner Zita* 
nenfauft, wa* bie jüngftc ßeit, bie §ölje unb Xiefe vermitteln 
möchte, toor fidf) gebraut §at, toon all biefem weiß bie Äünftlerin 
unb erjählt baüon in lieblicher 3Rgb(henflugheit, ^at aber beS^alb auch 
bie Änforberungen an ftch auf eine SBeife gefteigert, baß einem woht 
bange werben fönnte, wo bie* alle* hinaus foö. Sch vermag nicht 
toorjugreifen mit meinen ©ebanfen hierüber : Vorhang fteht bei foldfjem 
Talente hinter Vorhang unb bie &tit hebt einen nach bem anberen 
hinweg unb immer anber*, al* man üermuthet. Äber baß man einer 
foldjen wunberfamen ©rfcheinung nicht gleichgültig jufehe, baß man 
ihr ©chritt öor Stritt in ihrer geiftigen ©ntwicfelung nachfolge, wäre 



* ©djumamt war fd)on im Oefjeimen mit (Slara berlobt, als er bie« jdjrieb. 
$lm 13. September 1837, (Slara* atyaefmtem ®eburt8tage, bewarb er fidj fdjrift* 
lidj bei SBtetI um bie §anb feiner fcodjter. @r ttmrbe befanntlidj abgenneten. 



70 



2ttenbeI$foljn, $räfabien unb gugen. 



oon Stßen ju ertoarten, bie in unferer benftoürbtgen ©egentoart nidjt 
ein lofeS 3)urdf)einanber beä 3 u f att ^ fonbern bic natürliche, innige 
SSerfnüpfung tiertoanbier ©eifter oon fonft unb jejjt erfennen. 

2Ba3 erhält man alfo in biefen ©oireen? 2Ba8 fpredEjen fic aus, 
toen geljen fie an, unb finb fic ein Stefuttat, ber Slrbeit eines SÄeifterS 
ju oergteidfjen ? ©ie etilen uns benn Diel oon SRufif, unb toie biefe 
bie ©dfjtoärmerei ber Sßoefie hinter fid^ lägt, unb toie man glüdlidf) im 
©d&merj fein fönne unb traurig im ®Iücf, — unb fie gehören benen, 
bie audj otyne ©tatner fetig fein fönnen in SÄufif, benen bas fetjn* 
füd)tige innere ©ingen ba§ §erj forengen mödfjte, Slöen, bie in bie 
getjeimniguoöe Drben3fpradf)e einer feltenen Äünftlergaitung fd)on ein* 
geweift finb. (Snblid), finb fie ein SRefuItat? SBie bie ÄnoSpen finb 
fie'3, ef)e fie bie garbenflügel in offener $rad£)t auSeinanber treiben, 
jur ^Betrachtung feffelnb unb bebeutenb, toie alles, toaS eine 3 u ^ un f t: 
in fic§ birgt* — greilid), bieg nun aüeä Don iljr felbft ju Ijören! 
SGßei§ man bod) felbft nidf)t, toie einem ba oft gefdfjiel)t! Saun man 
fidj ba oft faum benfen, toie fo ettoa£ mit Qtifyxi bargefteßt, aufge* 
fdjrieben toerben fönne! Sft bieS bod( toieber eine if)r angeljörige er* 
ftauntidfje Sunft, über bie fidf) ganje S9üdf)er l)ören liegen! 3df> fage 
„työren" unb bin toeife getoorben. Unferen 3)auibäbünblerfräften mig* 
trauenb baten toir j. 85, neuti^ einen guten Äenner, uns ettoaS über 
bie (Sigentpmlidftfeit beä SBortragS biefer SBirtuofin für bie 3cttf<^rift 
ju fdfjreiben; er oerforadf) e8, unb nadE) jtoei ©eiten Slbljanblung fam'3 
ridjtig am ©djlug: „e8 toäre toünfdfjenätoertl), einmal ettoaä 33egrün* 
beteS über bie SSirtuofität biefer Äünftlerin ju erfahren" :c. SBir 
toiffen, tooran er gef djeitert ift, unb toeäljatb toir audj I)ier abbrechen : 
e8 lägt fidj eben nidjt jebe« in Sudiftaben bringen. 

Stm 12. September 1837. 

gioreftan unb ©ufebiuS. 



4. 

6 ^ralubieu unb ftugctt für ba£ ^ianoforte 
öon Seite ^enbel*f0ljtt-Sartf)0lbt)< ©tri 35. 

Sin ©prubelfopf (er ift jefet in 5ßari3) befinirte ben Segriff 
*%HW? meiftt>in fo: „fie ift ein Xonftücf, too eine ©timme bor ber 
anberen auSreigt — (fuga a fugere) — unb ber Qnfyöxtx bor allen", 



2Renbel$foi)n, SßräluMen uttb gugen. 



71 



weshalb er audj, wenn bergteid^cn in ©oncerten üorfamen, laut ju fpre* 
c^ert unb nodj öfter ju fd&impfen anfing. 3nt ®runbe toerftanb er 
aber wenig üon ber ©adfje unb glidf) nebenbei beut gudfjS in ber gäbet 
b. er fonnte fetbft feine machen, fo fef)r er 1 « fidj audf) l)eimtid) . 
roünfdffte. 2Bie anberS befiniren freilidfj bie, bie'S fönnen, ßantoren, 
abfolöirte 9Kufifftubenten u. bgl. Slädf) biefen fjat „93eett)ot)en nie 
eine guge gefdfjrieben, nodfj fcfjreiben fönnen, felbft 33adf) fidfj greif)eiten 
genommen, über bie man nur bie Stdjfeln juefen fönnte, bie befte 2tn* 
leitung gäbe allein SKarpurg" u. f. w* (Snblidfj, wie anberS beuten 
änbere, idj j. 85*, ber idj ftunbenlang fdfjwelgen tann in Seetljo&enfdjen, 
in SBadfjfdjen unb Jpänbelfdfjen unb beSfialb immer behauptet, man 
fönne, wäfferige, laue, elenbe unb jufammengeflicfte ausgenommen, 
feine mef(r madjen fjeut ju Xage, big mid) enblid) biefe SKenbetSfoljn* 
fdfjen wieber in etwas befdfjwidfjtigt. Drbentlidje gugenmufterreiter 
tauften fidfj inbeft, wenn fie in ifjnen einige öon if)ren alten Ijerrlidfjen 
fünften angebracht glauben, etwa imitationes per augmentationem 
dnplicem, triplicem etc. ober cancricantes motu contrario etc. — 
ebenfo aber audj bie romantifeijen Ueberflieger, wenn fie ungeahnte 
^önifüögel in iljnen ju finben hoffen, bie fidfj Ijier loSgerungen aus 
ber Slfdfje einer alten gorm. §aben fie aber fonft ©inn für gefunbe, 
natürliche SÄufif, fo befommen fie barin f|inlänglidfj. 3dfj Witt nid}t 
blinb loben unb weift redfjt gut, baft $8adj nod| ganj anbere gugen 
gemalt, \a gebietet. Stber ftänbe er jefct aus bem Orabe auf, fo 
würbe er — erftens toielleidfjt etwas um fidj wettern red|tS unb linfS 
über ben SRufifjuftanb im Allgemeinen, bann aber fidj gewift audj 
freuen, baft (Sinjelue wenigftenS noclj S3lumen auf bem gelbe jietien, 
wo er fo riefenarmige (Sidfjenwälber angelegt. SWii einem SB orte, bie 
gugen fjaben biel ©ebaftianfdfjeS unb fönnten ben fdfjarffidEjtigften Sfte* 
bacteur irre machen, wär' es nidf|t ber ©efang, ber feinere ©djmelj, 
woran man bie moberne 3 e ^* tierauSerfennte, unb f)ier unb ba jene 
Meinem 3JtenbelSfof)n eigentümlichen Striae, bie if)n unter ipmtbp 
teit als Somponiften &erratt)en. Stögen Stebacteure baS nun finben 
ober nidfjt, fo bleibt bodfj gewift, baft fie ber ©omponift nid|t jum 
3«tt)ertreib gefdjrieben, fonbern beS^alb, um bie ßla&ierfpieter auf 
jene alte SWeiftetform wieber aufmerffam ju madEjen, fie wieber baran 
ju gewönnen, unb baft er baju bie redeten SRittel wählte, inbem er 
alle jene unglüdflidjen, nidjtSnufcigen ©aftfünfteleien unb imitationes 
mieb unb mef)r baS SRelobifdje ber Santilene üorl)errfdfjen lieft bei 
allem gehalten an ber 93ad)fdEjen gorm, ftet)t if)m audfj ganj äljnlicfj. 



72 



aftenbetejoljn, $rälubien unb gugen. 



Ob aber toießetdjt audj nidf)t bic leitete mit 9lu$en umjugeftalten, 
otyne ba| baburdj bcr Gljarafter bcr guge aufgelöst würbe, ift eine 
§rage, an beren Slntwort fid^ nodjj äRandjer öerfud&en wirb. 83eet!jo* 
t)en rüttelte fdjon baran, war aber anberweitig genug befdfjäftigt unb 
fd&on ju tyodE) oben im SSfoSbau ber kuppeln fo öieler anberer S)ome 
begriffen, als bafe er jur ©runbfteinlegung eines neuen gugengebäubeS 
ßeit gefunben. 3lucf| Sfteidja toerfud&te fidf), beffen ©df)bpfertraft aber 
offenbar ljinter ber guten Stbfidfjt jurucfblieb ; bo<^ finb feine oft curio* 
fen 3been nidjt ganj ju überfein. ^ebenfalls bleibt immer bie bie 
befte guge, bie baS publicum — etwa für einen ©traufjfdjen SBaljer 
$ält, mit anberen SBorten, wo baS lünftlid&e SBurjelwerf wie baS einer 
SBIume überbedt ift, bafe wir nur bie S3Iume feljen. ©o §ielt einmal 
(in 2BaI)rf(eit) ein übrigens nidjt unteiblidffer SRufiffenner eine 33adE>fcl|e 
guge für eine (Stübe üon ßljopin — jur ®l)re beiber; fo fönnte man 
manchem SRäbdjen bie lefcte Partie einer, j. 83. ber jweiten, SJienbelS* 
foljnfc^en $uge [an ber erften würben fie bie ©timmeneintritte ftufcig 
machen) für ein Sieb otyne SBorte ausgeben, unb eS müfcte über bie 
Slnmutl) unb 8Beid)^eit ber ©eftalten ben ceremoniellen Drt unb ben 
toerabfd^euten Flamen toergeffen, wo unb unter bem fie iljm öorgefteHt 
worben. Shtrj, es fmb nid)t allein gugen, mit bem Äopf unb nad) 
bem Sftecept gearbeitet, fonbern SRufifftüde, bem ©eifte entfprungen 
unb nadf) Dtd^terweife ausgeführt. 2Bie bie guge aber ein ebenfo 
glücffidjjeS Drgan für baS SBürbige wie für baS SRuntere unb fiuftige 
abgiebt, fo enthält bie ©ammlung audE> einige in jener furjen, raffen 
2lrt, bereu 33ad> fo mele Eingeworfen mit 2Weifterf)anb. Seber wirb 
fie t t|erauSfinben; biefe namentlich Derartigen ben fertigen geiftreic^en 
Sünftler, ber mit ben geffeln wie mit SBIumengewütben fpielt. SSon 
ben Sßrälubien nod^ ju fpredjen, fo ftetyen bieüeidjt bie meiften, wie 
wo^I auch toiete 83adf)fdE>e, in feinem urfprünglidjen ammen^auge 
mit ben gugen unb fdjeinen biefen erft fpäter üorget)ängt. 3)ie SDielp 
jal)l ber Spieler wirb fie ben gugen üorjiel)en, wie fie benn auch ein* 
jcln gefpielt eine tooüftänbige äöirfung t)interlaffen; namentlich paeft 
baS erfte gleich üon §auS aus unb reifet bis jum ©djlufj mit fid) 
fort» Die anberen felje man felbft nadf). 3)aS SBerf fpridjt für fid£| 
felbft, auch ol>ne ben Slamen beS Somponiften. 

Seanquirit 



gr. (Sijopin, (Stuben. 



73 



5. 

12 «tfibett für ^tauoforte tost ftriebrid) tyvpin. SBerl 25. 

SBic bürfte beim biefer in unferm SJiufeum fehlen, auf ben wir 
fo oft fdf>on gebeutet wie auf einen feltenen ©tern in fpäter Sftadjt* 
ftunbe! 3ßoI)in feine S3a^u ge^t unb fütyrt, wie lange, wie glänjenb 
nodj, wer weife es? ©o oft er fidj aber jeigte, war'S baffetbe tief* 
buntele ®Iüf)en, berfetbe Äern beS £idf)tS, biefelbe ©d^ärfe, bafe iljn 
ljätte ein Sinb tyerauSfinben müffen. Sei biefen (Stäben fommt mir 
nod) ju ftatten, bafe id) fie tneift toon G$opin felbft geprt, unb „feljr 
ä la Chopin fpielt er felbige", ffüfterte mir $Ioreftan babei ins Dtyr* 
S)enfe man fidf), eine SleolStjarfe §ätte alle Tonleitern unb eS würfe 
biefe bie §anb eines ÄünftlerS in atterfjanb ptjantaftifdjjen SBerjierun* 
gen burd&einanber, bodf) fo, bafe immer ein tieferer ©runbton unb eine 
weidfj fortfingenbe t)öl)ere ©timme Ijörbar — unb man Ijat ungefähr 
ein JBilb feines ©pieteS. Äein SBunber aber, bafe uns gerabe bie 
©tücfe bie Kebften geworben, bie wir &on ifjm gehört, unb fo fei ienn 
öor Slöem bie erfte in As dar erwähnt, mel)r ein ©ebidEjt atS eine Stübe. 
9Kan irrt aber, wenn man meint, er Ijatte ba jebe ber Meinen Sftoten 
beutlidf) työren laffen; eS war meljr ein SBogen beS Asdur*2lccorbeS, 
öom ^ßebal f)ier unb ba üon Sleuem in bie §öl)e gehoben; aber burdj 
bie £armomeen Ijinburdj öema^m man in grofeen Tönen SMobie, 
wunberfame, unb nur in ber 2Äitte trat einmal neben jenem §aupt* 
gefang audjj eine Xenorftimme aus ben SKccorben beutlidjer Ijertwr. 
9ta<f| ber Stübe wirb'S* einem wie nadf) einem feigen SMlb, im Traum 
gefeiten, baS man, fcf)on Ijalbwadf), nodf) einmal ertjafdfjen möchte; 
reben liefe fid) wenig barüber unb loben gar nidfjt. ©r fam alsbatb 
jur anbern in Fmoll, ber jweiten im SJud), ebenfalls eine, in ber 
fidf) einem feine ßigentpmlid^feit unöergefelidj einprägt, fo reijenb, 
träumerifdf) unb leife, etwa wie baS ©ingen eines ÄinbeS im ©d&tafe. 
SBieberum fd)5n, aber weniger neu im ßfjarafter als in ber gigur, 
folgte bie in Fdur; tyier galt es meljr, bie Sraüour ju jeigen, bie 
liebenSWürbigfte, unb wir mufeten ben äReifter fetyr barum rühmen. . ♦ 
5Dodf} woju ber befd&reibenben SBorte! ©inb fie bodf) fämmtlidf) Qtu 
d)en ber fütjnen, iljm innewoljnenben ©dfjöpferfraft, wa^afte 3)idf)ter* 
gebübe, im (Singelnen ni^t o^ne Heine gteefen, im ©anjen immerhin 
mächtig unb ergreifend 2Reine aufridjjtigfte SKeinung inbefe ni^t ju 



74 



(S. ©. Füller unb §effe, Stympljomeen. 



oerfdjweigen, fo fdfjeint mir aßerbingS baS Xotalgewidjt ber früheren 
grofcen Sammlung bebeutenber. @S farni bieS aber leinen SBerbadfjt 
etwa auf eine Verringerung oon ßljopinS Äunftnatur ober auf ein 
SRücfroärtSgefommenfein abgeben, ba biefe jefct erfdjienenen jiemtid^ aöe 
mit jenen jug(etd) entftanben unb nur einzelne, benen man audfj itjre 
grbfcere SReifterfd&aft anfielt, tote bie erfte in As unb bie Ie|te praetjt* 
üotte in Cmoll, erft bor ®urjem. 35af$ unfer greunb überhaupt aber 
jefct wenig fdfjafft unb SBerfe größeren Umfangt gar nid|t, ift Ieiber 
audjj wat)r, unb baran mag woljl baS jerftreuenbe SßariS einige ©djulb 
l^aben. Stemmen wir inbefc lieber an, bafj eS nadE) fo fielen ©türmen 
in einer Sünftferbruft aöerbingS einiger SRuIje bebarf, unb ba§ er 
bann oieÜeid|t, neu geftärft, ben ferneren ©onnen jueilen wirb, beren 
uns ber ®eniuS immer neue entpHt. SufebiuS. 



i'ijmpljoniccn. 

(L ©♦ Füller, dritte ©gmptjome ;Cmoir. SBerf 12. 

$effe, dritte Stjmp^onte (Hmoll), für <ßianoforte $u 4 §änben. SBerf 55. 
g. Sacfjner, dritte ©gmp^onie (Dmoll), für ^iemoforte 511 4 §änben oon SSinccnj 
Sadjner. SBerf 41. 

Ueber bie ©tymptjonie oon S. ©. SJtülIer enthält bie 3eitfdf)rift 
bereits einen ausführlichen Äuffaj}, ben toir, ba wir Ujn audf) jefct als 
richtig befinben, na^ufd^Iagen bitten;* fie ift uns immer als fein 
freiefteS unb eigentt)ümlidjfteS SBerf erfdjienen, bem wir glüdEIi^e SKatf)* 
folger oerfprad£)en, bis jejjt umfonft, ba ber tüdjtige äRann feitbem 
nidfjts wieber im @t)mpt)onieenfadf) getrieben, SRit großem Unrecht; 
benn bieS gerabe fdfjeint uns fein Xerrain, aus bem er fidj nidjt üer* 
brängen laffen foHte. SlßeS will Seit — hier jumal, wo bie t)äufige 
SJtamenSoerwedfjfetung ber Verbreitung beS SßerleS aQerbingS Sintrag 
tljut. Sllfo mit frifdjer Shaft wieber an eine neue ©tjmptjonie! 

Die britte ©t)tnpl)onie oon Jpeffe gleicht feinen anbern ©ompo* 
fitionen aufs $aar; man fann faum fafclid£)er unb togifdjer benfen 
als er. ©ineS löft rul)ig unb in befannter SBeife baS Rubere ab bis 
jur §auptcabenj in ber SRitte, wo es wieber 00m Slnfang mit ber 
gewöhnlichen SRobulationSänberung angebt. Sin ein Vergleichen, etwa 



* (Siefje 93b. I, @. 94 ff. [Scf). 1852] 



75 



mit bcn S9eetf|0benfdf)en ©ijmplionieen, ift f)ier nid|t einmal ju beulen; 
ber (Somponift lebt fo in unb oon ©poljr, bafc man, wag man fonft bei 
allen neuen ©tympfjonieen, faum einen Stnftang au 33eetf)Oüen naef)» 
weifen fann. 3m 33efi|j fo trieler äußeren Äunftmittel, an ber fräf* 
tigen Drget aufgewadfjfen unb äWeifter barauf — mit einem äBorte, er 
mu| fid) mit aller ©ewalt öon ber einfeitigen 9Seret)rung biefeS 3J?et* 
fterS loSmadjen, bem felbft gewifc bie ©elbftänbigfeit feines Stüters 
als Gomponift über beffen 8lnf)änglidf)feit an eine äKanier geljt, aus 
ber für bie ©tymptyonie faum etwas ju gewinnen ift. SBaS f>ilft frei* 
lid) alles äufjertidje Stnregen, wo ein ftarfeS ©elbftaufraffen, ein euer* 
gifdjeS 8tnpadfen ber Slunft einmal üon einer anbern Seite geforbert 
Wirb! S)er Äünftler ift uns aber in feiner beutfdjen grünblidfjen 5latur 
ju wertf), als ba| wir iljn nidjt barauf aufmerlfam machen foüten. 
@r* ift nod( jung unb gebe lieber eine §effefdfje Duüertüre als brei 
©pof)r*$effefdf)e ©tympfjonieen; er mufc aus biefem ®efüt)(Seinerlei 
tjerauS, will er fid( 5ßtafe in ber SBeft machen. 

2)aS Urteil unferer ßeitf^rift über SadjnerS ^reisfompljome 
f)at bem fonft wotylwoüenben „SBiener äRufifalifdfjen Slnjeiger", ber 
gerabe ben ©djreiber jenes SlrtifetS* immer mit einer StuSjeitfjnung 
beljanbelte, bie er faum toerbiente, ju einem orbentlidjen ShtSfaü auf 
unfer SBIatt Stnlaft gegeben, Sßäre er nicf)t anonym gefeiten, fo 
fotttc] barauf geantwortet werben; fo aber, unferm ©runbfafc gemäfc, 
nid}t. iKur bagegen üerwaljren wir uns in Äürje, als wären in jenem 
S3eridf)t über bie Stuffüfjrung in Seipjig bie SBiener ßunftridjter ge* 
ringfdjäfcuj angefprodjjen worben. 9Ran ftfjlage nur nad|, ob 'er eine 
©Übe meljr enthält, als was bie Unparteilichkeit fagen fann, wo etwas, 
baS es nid)t toerbient, ungebüf)rlidf) erhoben wirb. SBaS f)ilft ba aßeS 
SSerufen auf bie 2tufnaf)me in SBien, bie übrigens nadf) anbern 33e* 
rieten nichts Weniger als glänjenb gewefen fein foü, was auf bie in 
aftündjen, wo ber Somponift lebt unb felbft birigirt, alles Sluffteifen 
auf baS Urteil beS $rn. ®. SB. ginf, ber immer vermittelt, — bie 
©ijmpt(onie bleibt biefelbe, wie fie Xaufenbe unb wie wir fie gefunben, 
unb bie 3 u hmft foQ'S jeigen. dagegen loben wir uns biefe brüte 
©tympljonie, bie, wie nad) Sean $aul bie SBelt, jwar nid)t bie befte, 
aber bod) eine fefjr gute- ift* SadjnerS eigentümliche SKifdEjung geigt 
fidf) jwar audj in if)r mit all ifjreu ©djwädjen unb S3orjügen, was bie 
fidjere Slnlage, grofce ©reite, bie SluSfüljrung in beutfdjer, bie ©anttlene 



* eben ©cfjumamt. 



76 



$e<fer unb ÜRiäle, Sonaten. 



in italienifdjjer SBeife, bic glänjenbe 3nftrumentation , bic gewöhn* 
liefen 9ftl)t)tf)men, ben corrcctcn ©tit, bie bieten Eluintenjirfelgänge k. 
anlangt, — inbefc ift aQe* in eine glücflid&e Uebereinftimmung ge* 
bracht, bafc man immer in ruhiger Spannung gehalten wirb, unb ba8 
©anje in einer l)of)eren potenjirten Stimmung niebergefd&rieben, fo bafc 
fic uns, was ©dfjwung unb Äeben betrifft, baS SSefte bändet, Was wir 
toon fiadfjner lernten. -Kur ber lefcte ©a£ ermattet an fidO wie anbere, 
trofc aller äufjerlicijen Stnftrengung. Stauer fam e$ xooijl audj, bafc 
ber ©tjmplionie bei einer früheren Sluffü^rung in fieipjig ber SBeifall 
ausblieb, ben fic ber erften ©afce falber im meiften S3ejug toerbient. 
Denn bas Äbagio unb namentlich bie erfte Partie beS @df)erjoS fommen 
an $rifd)e bem erften ©afce nidf|t allein gleidf), fonbern überbieten ü)n 
felbft in tnelen meifterljaften Qtytn. 8Köge if)m alles fo gelingen 
unb er immer baS auSfdEjeiben, üon bem er pdf) als Äünftler felbft 
gefteljen muß, bafc eS feiner nidfjt würbig ift. SBir finb weit entfernt, 
fein Xatent lierabjufefcen, unb wiffen, wo wir Sd&teS feljen, faum 
SBorte, it)m Stnerfennung ju üerfdfjaffen. StöeS Rubere aber lümmert 
uns nidf)t; wir meinen eS aufrichtig mit berÄunft unb^aben eS ftetS 
mit ben SSeften gehalten. Die SRebaction. 12 



Sonaten für Jptanoforte* 

(E. $ecfer, Seilte Sonate. SBcrf 11. 

3. 9H3le, ©r. Sonate &u 4 §änben. SSerf 41. 

21. fi. 6. Srutfdj'et, ©r. Sonate au 4 §änben (in Es . SBcrF 8. 

S. Sdjubertt), Sonate (L'espärance). SBerf 25. 

g. 9tie$, ©r. (52.) Sonate in As). SBerf 175. 

2 rieft, Sonate. Söerf 4. 
SB. St. SBennett, Sonate (Finollt. SBerf 13. 

2Ran fief)t, an neuen ©onaten feljlt eS feineSwegS, obwohl in 
einem anberen ©inn t)inlänglid) — wie benn aud| faft fämmtlid&e oben* 
genannte, bie jwei legten auSgefd&loffen, als SJtadfföügler einer älteren 
ßeit ju betrauten finb. S)ie üon §rn. ©eefer ift jwar augenfd&ein* 
lid^ für Slinbetf)änbe unb <Sföpfe berechnet; inbefc wünfdf)ten wir il>r 
eben beSljalb etwas üon ber großen Srocfentyeit weg, bie wenig ge* 
eignet, baS Heine 93oH jum gleifj aufzumuntern. — Sluf ber jweit« 
genannten ©onate finbet man ben SBeifafc: „componirt in ©icilien, am 
gufce beS Sletna" unb eine paffenbe SSignette, weshalb man wol)t mit 



1 



Xrutfd)ef, ©djubertl) unb föteS, ©onatciu 



77 



©runb auf etwa« geuerfpeienbe« :c. auffegen mag* ©tatt beffen finbet 
man in itjr ba« gewöhnliche 93anl)alfdE)e Xreiben, bcn Warften SSier* 
vierteltact, in bcm fidf) je ein Cdur bewegt, furj eine leiblidfj breite, 
woljlgefefete, fiafontainefdje gamiliengefd&id&te , wie fic ju Jpunberten 
fdf>on gefd&rieben, oljne baß man fic gerabe l)art anlaffen bürfte. — 
©ine jiemlidE) äljnlidf)e Statur fandet fiel) im Somponiften ber folgen* 
ben (Sonate au«; bodE> greift er t)b^er au«, möchte me^r intereffiren 
unb me^r geben, al« feine Gräfte vermögen, bal)er oft Unorbnung unb 
93erlegent)eit im Sßeriobenbau, in ber Harmonie :c«, unb ba« fo auf* 
fattenb, baß e« audfj einem ungeübteren Sltcf nidf|t entgegen wirb. S)ie 
©onate ift vielleicht fein erfter SSerfud^ in biefer ftrengen gorm; er 
nimmt, gewöhnlich ju reben, noch atte Xifdjecfen mit, fann fidf) noch 
nicht bethun* Sabei fehlt e« vorjüglid} an ©efang, an au«gebilbe* 
tem, in bem er fidj burdf) mufterhafte SBorbilber vor äüem verebeln 
muß. ©inen auf ba« S3effere gerichteten 2BiHen, gleiß unb ©org* 
famfeit fann man ihm aber feine«weg« abfpredjen. — 2)ie ©onate be« 
$>m. ©chubertt) ift von freunblidf)em, fyübfdf)em Ion, aber in mög* 
licfjfter $aft Jjintereinanber gefchrieben. 33ernacf)läffigung be« 2)etail« 
haben Wir bisher allen ©ompofttionen bicfcS e"ben fo talentvollen al« 
leichtfertigen ©omponiften vorwerfen* müffen. ©r gehört ju ben 3Wu* 
filem, bie ju jeber Xage«ftuube componiren lönnen, ge^enb unb ftehenb; 
viele« gerätt), bem ©anjen fehlt aber bie eblere mufilalifche 2Beü)e. 

(Sinjelne Stetten be« erften ©afce« in ber ©onate von 9iie« 
fönnten an ^Beethoven erinnern, manche« auch, wa« ein Sob fein foö, 
von ihm felbft gef daneben fein; bie ganje ließe aber, wenn man ben 
Xitel, nicht wüßte, !aum auf ba« SBJerf eine« abgezeichneten äReifter« 
fdEjließen. 6« läuft überall ju viel SDtittetmäßige« unter, unb wo e« 
manchmal in bie fdfjöne §öt)e möchte, wo wir biefen Äünftler früher 
oft angetroffen, finft er furj barauf wieber jurücf, al« hwfl' ihm S3lei 
an ben glügeln. Ueberhaupt fdfjeint. mir bie ©onate in einer un* 
luftigen Stimmung gefchrieben. 3)a« Sarghetto fyat einige jarte ©tel* 
len, aber etwa« 33eraltete« in ber Santilene; baju läßt ber häufige 
Xactwedjfet feinen rechten ®enuß im ßufiörer auffommen. 2)a« Xrio 
im -S^crjo jeidjnet fidfj burdf) etwa« (Sigentpmli^feit mehr au« ; bodf) 
ift aud^ in if)m leine redete ^reube, al« tjätte e« bem ©omponiften 
felbft nidjt gefallen, ba er'« f^rieb. 3m vierten Xact be« jWeiten 
Xl)eile« vermuten wir ©tid^fe^ler; bie Harmonie muß wol)l Asmoll 
bleiben, woju iie redete $anb Des Ces angiebt (ftatt, wie gebrudEt ift, 
Es Des). S)a« ginale Ijat nid^t« §ervorfted^enbe«; ber SKittelfafe in 



78 



§. Srieft, 6onate. 



Ddur fdfjeiut un§ fogar unpaff enb unb arm an SMobie. — ®ie 
Sonate Don Xrieft fannten wir bereits aus bem äÄanufcript, ba8 
mir aud) früher mit einigen SBorten angezeigt.* 3rren Wir ntdjt, fo 
t)at ber befdf)eibene Somponift toerftanben, wa§ wir namentlich am 
erften ©a£e auägefefct, unb einige Sttenberungen vorgenommen, £)b fie 
glütflidf) ftnb, fönnen Wir nidfjt metyr beurteilen, ba un3 bie älteren 
Se&arten entfallen finb; bod) jwetfeln wir, ba unä ber erfte ©afc in 
ber neuen (Seftalt jejjt weniger jufagt als bamalä, bis auf bie jwei 
erften Seiten, bie \\<S) Mar unb lebenbig entfalten ; ba8 golgenbe fd&eint 
uns jerftüdelt; es ift feine Slje ba, lein äRittelpunft, unb fo hinter* 
lägt baS ©tütf einen bunleln, nebelhaften Sinbrud. Sludf) ber Ie|te 
©a|, bem wir früher bie innere unb äußere 2(el)nlidf)fett mit einem 
befannten 83eetl)ot>enfd(jen vorwarfen, fdfjeint uns umgearbeitet. 3m 
jiemlid) leibenfdjaftlidEjen ßtyarafter Ifdfjliefct er fidf) genau bem erften 
an; bod| fef)tt audfj it)m baS fdjöne SBerljältnifc ber XtyiU, unb bieS 
vergeffen ju foUen, reifet er nid)t genug fort mit fidfj. S)ie SReifter* 
§anb erlennt man namentlich an ber Sinfütirung beS jweiten ©eban* 
fenS: er muß erwartet werben unb bennod) überragen; t>ier tommt 
bie SMobie in As ju abftdf)tlid| unb gezwungen, nodj metjr ber ein* 
gewebte 2Rarfd& in Desdur. beffen ©inn man überhaupt nid&t redEjt 
öerfte^t. SSom Somponiften rafdE) unb feurig gefpielt, mufc bie Sonate 
inbefc von SBirfung fein. SBaS ben ©latuerfafc inSbefonbere anlangt, 
fo ratzen wir bem jungen Äünftler, fidf) mit allem Steuen befannt ju 
madjett ; mit letzter 9Küt)e würbe er bann manches wot)Iflingenber 
unb reijenber gefegt tjaben. 

S)te vortreffliche Sonate üon Senn et t führen wir l^cutc nur mit 
bem SJtamen auf, ba fie bie 35a&ib8bünbter in ü)r „SJhtfeum" aufge* 
nommen, wo man balb baS SKa^ere nad&Iefen faun.**- 22. 



* 1836, IV, 6. 12. (£« fjei&t ba: „Obige ©onate öerrätf) toirflicfjen ©eift 
unb, nur roetten, einen jungen SRann, t>on bem ttnr hoffen, baß er fid) bon feinen 
Vorbilbern, 99eeti;oben unb fioetoe, mit ber 3eit Io«macf)en toirb. SBoUte ber Som* 
ponift im erften ©a£ einige« änbern (J. 33. bie fallen SBäffe jur jrücttcn SMobie , 
toenige« ganj foegftreidjen (5. 99. ba« Adur bor bem 9tücfgang in bie aBieber* 
fjolung, fo bliebe etwa« ganj Oute« ftetjen, roa« ber Veröffentlichung burdjau« toertl) 
toäre. Wuti) im 2lbagio büßen einige guufen ; bod) toirb e« in ber 2Kitte ju breit 
unb inhaltlos. $er lefte 6a& märe neu, »enn e? feinen legten au« ber Fnioll* 
6onate öon $8eet!)oben gäbe. @« tfjut un§ feiner ©in^c^citen toegen teib, iJ>m burdjauS 
ba« Smprimatur öerweigem ju müffen. 55er erften Säße falber componire er tiefer 
einen anbem." 

** 55ie SBefprec^ung ift unterblieben. * 



Sßefabori, Secfer unb £reb$, SRonboä. 



79 



Äonbos für JKanoforte* 

9(ntotnette $ejabort, Einleitung unb fRonbo. (Asdur. 

G. $edfer, SRonbo. SBerf 11. 

(S. ftre&S, Einleitung unb SRonbo. SBerf 40. 

3f. 31. 91 ei feig er, 3 9hmbino3. SBerf 22. 

Ä. £>ene, SnmteS föonbo. SBerf 43. 

(L Haslinger, $ie Suftfäiffer, töonbo. Sßerf 11. 

g. SB. ©runb, Einleitung unb SRonbo. SBerf 25. 

2luS bieten ©rünben componirt man: — ber UnfterMidjfeit l)al* 
6er — ober weil gerabe ber glügel offen ftef)t — um ein SRiÖionär ju 
werben — au6) weil greunbe loben — ober weil ©inen ein fdjbneS Sluge 
angeje^en — ober audf) aus gar feinem, ©ef)' idf) redf)t, fo entftanb 
baS erfte ber obigen SRonboS aus bem merten ©runbe, eS tft eine 
boüfommene ©amenarbeit ein 3tut)efiffen, eine SBrieftafdEje : oon üKnfif 
ift nur nebenbei bie SRebe. 2BaS $rn. 2)ecfer jur ©ompofition unb 
Verausgabe feines SRonboS üerantafjt, fdjeint ebenfalls ju erraten; 
feine ©df)üler finb'S. SBaten wir ü)n fdEjou in ber legten ©onatenfdjau, 
nidf)t gar ju troefen ju bociren, fo wieberfiolen wir bieS heute; man 
lann fdffon einmal einen ©eptimenaecorb anbringen unb etwa» Sßtjan* 
tafie; wir leben nidjt met(r toor 30 Saljren. 3)urdf) gewiffe ©ompo* 
niften fei}' id) aber wie burdf) genfterglaS. 2)aS folgenbe SRonbo $at 
fidf) mit aßen Schönheitsmitteln einer ©oquette angetfjan, unb bodf), 
blidft man ihr ins I)erjIofe Sluge, wifdjt man bie ©d^minfe weg, fpriefft 
man DoUenbS mit it)r unb merft, wie bie eine §älfte ber Unterhaltung 
affectirt, bie anbere fab, unb baS ©anje aus Elauren ober Äofcebue 
entlehnt ift, fo berbriefct einen aß' bie gärtlid&feit mit ber fie be* 
ftriefen will, ber nufcloS toerfdjwenbete Sßufc, baS SBornehtnthun bei 
angeborner ©ewöhnlicfjfeit. SHimmt man eS aber mit SRonboS nicht 
fo genau, überfielt man bieS unb jenes, ift man ein geinb öon SRe- 
tobie unb toergifct, baß Rummel auch eins in A gefdfjrieben, fo wüßte 
ich nicht, warum baS SRonbo beS §rn. SrebS nicht bem SBeften an* 
jurei^en wäre, was ©äemt) unb Äalfbrenner in ihrer testen Stützen* 
jeit gefd&rieben, unb warum eS nicht ju empfehlen* — S)er ©omponift 
ber folgenben SRonboS ift nicht ber S)reSbener Sapettmeifter, §cit aber 
manches ß^arafterüerwanbte unb namentlich Sei^tigfeit in (Srfinbung 
hübfeher SÄelobieen mit biefem gemein. Sluf ben erften ©eiten geht 



80 



töeifjtger, ,f>effe, Haslinger unb ©runb, SRonbo*. 



eS bat)er immer fünf öom 3 eu 95 im Verlauf beS ©tüdfeS toerfijjt er 
fiel) aber meiftenS in ben Xonarten, unb fo ift feinS ber SRonboS 
fertig, ein ©anjeS worben. 3- ®- ' m cr f te n lammt baS Dmoll ju 
frül), baS Cdur, wo man Fdur erwartete, baS Fdur (©: 3), wo man 
in Cdur bleiben wollte, baS Adur ebenfalls wenig üorbereitet, üon 
Bdur gar nic^t ju reben, baS beffer ein ganj neues SRonbo angefangen 
tjätte, .@S fdjeint, ber ©omponift Witt ju triel anbringen, einen brittan* 
ten Sßaffagenfafc, eine Santitene, einen äftittelfafc mit Strbeit jc, unb 
fo erbrüdt eins baS anbere in fo lleinem 9taum. ©erabe, was ©ijm* 
metrie ber gorm unb Älar^cit beS Ijarmonifcfjen SSauS betrifft, lann 
er nod} öon feinem SKameuSbruber lernen. 

3)aS SRonbo beS $rn. §effe fdjwanlt jwifdjen ©apriccio*, 9Ra* 
jurfen* unb 9tonbodjaralter unb wirft baljer aud) nidf)t entfdfjieben. 
Offenbar fott eS ein @efettfcf)aft8ftücf fein, bod) Ijab' icf) bem ©ompo* 
niften nie grofce Srfolge im ©aton propliejeit, er f treibt baju ju gut 
unb anbererfeits ju fc^Werfättig. 3m Uebrigen üerfte^t eS fid), bafc 
baS ©tüdf tjarmonifdE) intereffant, gut abgerunbet unb burcijbadfjter ift, 
als jwanjig ber neuften Sßarifer SKobearbeiteu. 

3m SRonbo toon §rn, Haslinger finbet man üiel artige Sin* 
fälle, leidstes, luftiges SBefen, furj, was eS fein fott, eine Suftfaljrt, 
wo Sftiemanb ben Ringer bricht, gefdjweige anbereS. Drbentlidfje muft- 
lalifdf)e ©djriftftetter werben baS ©tücf ju fd&ilbern fud&en unb wie 
(Bdur, 4 / 4 ^öct, Slnbante) baS publicum gefpannt fei unb ber SBatton 
gefüllt werbe, bis er enblicf) (im Allegro con] moto) über bie naefj* 
feljenben Söpfe auffliege, wätyrenb iclj lieber auf ben tyfibfd&en gelenfen 
SBau, leidsten $luft unb bie guten 8i^tl|men aufmerffam madje unb 
mannen doppelten Sontrapunft bafür Eingebe. 

©inen tüdjjtigeu Sünftler, wie §rn. ©runb, erfennt man überall, 
unb wär'S an einzelnen Xacten, wie fie in feinem SRonbo auf ©. 2, 
©9ft* 3, im Stnfang üon ©. 4 ober @. 5, ©gft 3 Don Xact 2 an 
üorfommen. SXbcr baS ganje Sftonbo jeigt bie fefte §anb, ©ebanlen 
unb folibe SBilbung, wie man fo feiten finbet. S)er ©antilene in ber 
3Witte tyätte id) metteidf)t eine beftimmtere Sftelobie gewünfdfjt; im Ue* 
brigen mu§ man eS f<$ön unb gut Reißen. SBarum fd&reibt ber ge» 
fdfjäfcte Somponift fo wenig? 22. 



©äemg, Äftngen&erg unb Söerttm, Sßfjantafieen.' 81 



$i)anta|ueit, (Kapricen ic. für flianoforte. 

«rfte Steide. 

<L ©aerni), $ie ötcr Sa^rc^cttcn; 4 britt. ^antafiecn. 2Ber! 434, 
SB. Älingenberg, $U>erttffement. SBcrf 3. 

©ertini, ®r. bramatifdje «ßfjantafie. SBerf 118. 
§. ftaifbrenner, ®ramatij$e ©cene de Fou), 2Ber! 136. 
S. $ö$ner, ^antafie. SBcrf 48. 
«. Äa^Icrt, 4 Notturno«. SBerf 6. 

®8 gehört ju ben 9teben3arten unb SBifcen geübter SRecenfenten, 
in biefer ober jener neuen Sßljantafte fcfbtge am meiften ju toermiffen. 
Unb bieSmat t)fitten fie einigermaßen SRed&t; benn einen größeren 
Sanirott an ^antafie, at& £r. Sjern^ in feinem neuften ®roß* 
SBerle entwidelt, lanu e* fdf)werfidf) geben* Sßerfc^e man bodjj ben 
gefdjäfcten ©omponiften in SRuIjeftanb unb gebe it)m eine Sßenfion, 
wa^rljaftig er uerbient fie unb würbe nid&t mel)r fdjreiben. @8 ift 
wa§r, er tjat einiges JBerbienft um bie ginger ber 3ugenb unb man 
l)at iljn be8t(alb aud) oft genug belobt. Slber bie SDSelt mit 8t 83 
Süd&em unb SSilberbogen ju überfd)ütten, madf)t nodjj lange feinen 
Sßäbagogen unb SDfcaler, gefdfjweige ©omponiften, unb bie SBelt unb 
§r. ©jemt) foöten ba8 wiffen. greilidj l)at audEj baS ©otb feinen 
guten ßlang unb woöen aud> bie SSerleger leben. SDiöd&ten fid) htbeß 
leitete in Jpinficijt ber neuften 5ßrobuctionen Sjem^ nidfjt oerredfinen; 
eine große Bulunft lag of)nel)in nie in itjnen — feit lange fängt es 
i^nen aber aud> an melobifdjer ©leganj u. bgl. ju fehlen an. 3Rit 
einem SBort, er wirb alt; man ttrirb feiner ©ad&en überbrüffig; man 
gebe iljm eine Sßenfton! 

©ouft pflegten meiftljin bie ©dfjüler iljren ßefjrern SBerle ju bebi* 
ciren; jejjt finbet man'3 f)äufig umgeleljrt, wie aus bem Xitel be8 
SDtoertiffementS oben ju feljen, unb wir finb audf} weit entfernt, ba3 
Salent beä ©omponifteu bei feiner ©djüterin ju toerbäd&tigen ; Wirb 
fie e8 ja o^ne unfern SBtnl erraten I)aben, baß ba8 SBerf nidjt oon 
95eetf)ot)en. SBie bem fei, e8 gehört allein auf ba8 Slaöierpuft ber 
Angefangenen unb faum in eine Seitfd&rift, gefdfjweige bie ftrengfte; 
e3 ift ein Potpourri unb gut gemeint 

Sertini« ^antafie wirb aRandfjem gefallen; er t)at einige, 
©eftet)' id) e8 aud), baß iclj mtdf} nie für einen großen 83eref)rer feiner 

@<fjumann, ©ef. ©Triften. II. 6 



82 



flaffbremter, ©ötjner unb Staffiert, SßJjantafteen. 



füf$Iidf)en, verliebten, fraft* unb faftlofen Schreib* unb ©efütylsweife 
ausgegeben, fo flingt'S boch ^übfc^ genug, ja um nicht ungerecht ju 
fein, fjat er fid) bieSmal offenbar angeftrengt, etwas SBerthvolIereS ju 
fchaffen, feinen ©egenftanb orbentlidj burchjuarbeiten, unb in einjeltten 
Sßartieen (fo ©. 8) gelang es ihm audj. Späteren Shmftforf ehern wirb 
beiläufig bie Slehnlichfeit feinet SBefenS mit Ihlberg nicht entgegen. 

Srgenbwo ift einmal (nicht unpaff enb) Äaltbrenner mit SBol* 
taire verglichen worben, unb in ber 2l)at fönnte man bei obigem „Fou" 
an biefen ©rjfchalf aller ßeiten erinnert »erben. 2Äii einem SBort, 
bie bramatifdfje ©cene ift eine Sßerfiflage auf bie jefeigen jungen Sßarifer 
ßlavierfpieler, bereu einige vielleicht eigenen gingerfafc unb Sompofi* 
tionen ben feinigen vorgejogen, unb amüfant genug. 3rr' ich nicht 
fehr, fo erblicfe ich fo auf ben erften ©eiten ©hopin, bann Sifjt, viel* 
leidet auch öertini, ganj gewifc aber julefct X^atberg; am beften fchetnt 
mir JBertini im jämmerlichen Slbagio (©. 10) abgefcffilbert unb wahr* 
haftig luftig; auch X^alberg unb Sifjt paffiren; was aber erfteren an« 
langt, fo bttrfte eS biefem allerbtngS fchwerer werben, Äalfbrenner ju 
perfifliren, als umgetehrt. 2Bie bem fei, baS ©tücf wirb Stilen, bie eS 
fpielen, Vergnügen machen, am meiften vielleicht ben Sßerfiflirten felbft, 
auf bereu SRad^e man inbefc gefpannt fein fann. 

SSon 2. SBö^ner taucht immer f)in unb wieber etwas auf, wie 
in feiner Sßljantafie, SBerf 48, felbft, bie man in ihrer ßerriffen^eit, 
3)unfelheit unb Öebe nicht- uneben einem ©türm unb Schiffbruch ver* 
gleiten fann. äWan fehe fie fich felbft an, bie groteSte ©efd^maefiofig* 
leit barin, bog 9fo* unb Äufbammen von wiberfpenftigen ©toffen, ein 
©ur^einanber von 2llt unb SKeu, von Schwachheit unb ©eifteStraft, 
wie man feiten jufammen finben wirb ; enblidj ber fürchterlichen 2)rucf» 
fehler ju gebenfen, bie bie SSerwirrung noch mehr verwirren. 83ei ein* 
jelnen ©teilen ber $f)antafie tonnte man aber, wie gefagt, an SJiojart 
als bereu ©dfföpfer beuten, 

3n ben vier SKotturnoS von Äat)Iert finbet mau fpeciellere ®t* 
fühlSjuftänbe als in ben gewöhnlichen SWotturnoS. 2>er flare unb ge* 
wanbte ©chriftfteöer unb ©enter über SKuftl jeigt fich aber als ßom* 
ponift als ein ganj anberer, wie benn ^äuftg , wenn bie allgemeine 
SBtlbung bie befonbere mufifalifche überwiegt, ein SBruch entfteljt. gebe 
Äunft verlangt ein Sieben unb alles Ueberfpringen ber ©djulftufen jeigt 
fich fpäter einmal; ba^er in ben meiften föilettautenarbeiten Unflarljeü 
ber gorm unb Unreinheit in ber Harmonie *c. bei aller frönen 3n* 
tention, wo bem gelernten SDiufiter ein voHfommeneS ÜRufifftütf 



3. $aroni'<£at>afcabo, $artmamt, Kapricen. 



83 



gelungen w&re* SBieteS fdfjemt mir in ben SWotturnoS audfj getünftett 
ober im ÄuSbrudf gefugt unb beSl)alb toerfel)tt Xrofcbem finbet fidf) 
triel 3ntereffanteS; am meiften muftfatifdf)eS (Element fäeint mir baS 
tefcte ©tücf ju enthalten, baS bei nodfj reijenberer Raffung ein attSge* 
jeic&neteS fjätte werben müffen. 21 

3*eite 9iei^e, 

Suite 58aroni*(£at>aIcabo, gweite (Saprice. SBerf 12. 

g. & $artmann, 4 Kapricen. SBer! 18. |>eft 2. 

SB. @t 93enneü, 36fiföen. Söerf 10. 

„ „ „ „ 3 gmpromphiS. SBetf 12. 

„ „ •„ „ 3 SRomanjeit. SBerf 14. 

©er jungen teomponiftin, bie wir oben juerft genannt, einer 
©djjülerin Don SDtojartS ©ofjn, finb wir toon jef)er mit befonberem 
Sntereffe gefolgt; fie Ijat neben Ktara 2Biecf unb 2)etpl)ine §itt*§anblet) 
bie reidtfte mufifatifdfje Stbcr unter benen iljrer ßeitgenoffinnen, bie ficf| 
in bie Deffentlidfjfeit gewagt, babei ©inn für f?form, SBerfjättniffe unb 
Steigerung, unb, was fidfj in if)ren Sompofitionen für ©efang nodfj 
meljr jeigt, toiel ©mpfinbung unb melobifdfjen SluSbrudf. 8tuS ber obigen 
ßaprice wünftfjte idE>, fie unbebingt gelten ju laffen, nur ben langfamen 
©afc weg, ber ju wenig beftimmten ©efang f(at unb fidfj in aßge* 
meinen ©jertujfcljen Sßaffagen üerfladfjt, bie ein* für allemal beffer un* 
gebrudt blieben, dagegen finbet man im anbern [@a|] burd&gfingig 
Seben unb ^Bewegung, frifdtje 9ftyt)tf)men unb in einzelnen ©teilen 
feinere Arbeit, wityrenb anbere nod& fo fetp gefd&äjjte Spielerinnen fidfj 
am liebften in großen S)reiflängen unb umfdfjreibenben ßäufen über bie 
©tatoiatur weg ergeben* ©d&wer ift bie (Saprice übrigen« audfj, fpielt 
fid) aber überaus gut. 2Ran jeid^ne fidfj ben SRamen ber (Somponiftin 
ins ©ebädfjtnifc. 

lieber baS erfte §eft ber Kapricen toon $ro. § artmann war 
bereits früher* bie Sftebe; bieS jweite fann jene» tl)eits anerfennenbe, 
iljeils auSfefcenbe Urteil nur beftätigen. (Sin ernfter unb warmer 
SBiße bei Dielen Äenntniffen jeigt fief) audfj in it)m, ebenfo, ba£ man 
jtodfj überaß ju Diel baS ©erippe fie^t, ba§ nodj nid^t afleS ju einer 
poetifdfjen SBtütJjc gefommen ju fein fcfjeint. 2)ie äRelobieen f)aben 
etwas Steines, bie aM^tfjmen nichts ©ebietenbeS, man möchte überall 



* Seite 36. 

6* 



84 



2B. 6t. ©emtett, Sfiaaen. 



noch mehr. Die» alle» jagen toxi jebodfj nur in SSerücffichtigung eine» 
^ötjeren Xalente», ba» fid^ felber auch ^ö^erc ßiete gefejjt ju haben 
fdjeint; einem ©dfjioachgeift müfcte man bie Kapricen al» ettoa» ©ro&e» 
anrennen. 8uch möchte ich bie ©tücfe nicht „Kapricen" nennen: fie 
finb baju in ber gorm ju bidfjt, manchmal lieberartig abgefdfjloffen ; 
bodfj toirb e» fdfjtoer fein, einen für aße öier paffenben Flamen ju 
finben. 

Ueber SSennett» ©ompofitionen, fein bebeutenbe» latent ^aben 
tiefe SBlätter bereit» an Bielen Orlen fidf) au»gefprocfjen ; namentlich 
gebaute fdfjon Sufebiu» in einem größeren Huffajj* tiefer äufeerft 
feinen ©fijjen, in toe!df)e» 2ob Stle, bie fie Dorn (Somponiften felbft 
gehört, ohne äBeitere» einftimmen müßten. ®» ift .toaf)r, bie $erfon 
beftricft: bodj f feinen mir bie SSorjüge nnb ©d^önljcitcn bief er Silber 
fo tfer&orfpringenb, bafe ich benen, bie, auch ohne öom SSortrag be» 
ßomponiften beftoc^en ju fein, ihnen ba» nicht einräumten, feinen 
großen ®rab öon S3ilbung jufprechen fbnnte. lieber gettriffe Singe 
fottte man fein SBort öerlieren bürfen. Änbrerf eit» ^aben toir SJennett 
auc^ flk fü* rin SJlaturtounber ausgeben unb ihm nur bie Stiren gefiebert 
[wiffen] wollen, bie einem foldfjen SSerein öon Äünftlertugenben gebühren. 
Die ©fijjen fyahtn alfo bie Ueberf Triften : the Lake, the Millstream 
unb the Fountain, ober ,,©ee", „9Rüf)lftrom'' unb „Springbrunnen". 
Unb aerbanfte ihm bie Slunft nicht» als tiefe, fie müßten ihr feinen 
•Kamen erhalten. 8n ßartheit unb SSaiüetät ber Darfteilung fd)einen 
fie mir alle» ju übertreffen, toa» ich Don mufifalifcher (Genremalerei 
fenne, roie er benn, al» echter Dichter, ber SRatur gerabe einige ihrer 
mufifalifchften ©cenen abgelaufdfjt ^at. Ober hättet iljr nie SWufif 
gehört, bie euch be» Äbenb» nach bem jenfeitigen Ufer be» ©ee» h^ s 
überrufen wollte? nie bie jürnenbe, tobenbe, bie bie Sftäber treibt, baf$ 
bie fjunfen fprühen? Stuf toeldfje SBeife bie ©fijgen übrigen» ent* 
ftanben feien, ob Don innen nach aufcen, ober umgefehrt, macht nicht» 
jur ©ache unb üermag SRiemanb ju entfeheiben. Die Somponiften 
ttriffen ba» meift felbft nicht, Sin» toirb fo, ba» Stnbere fo; oft leitet 
ein äufeere» 33ilb toeiter, oft ruft eine Sonfolge toieber jene» h^or. 
SBleibt nur ÜRufif unb felbftänbige äßelobie übrig, grüble man ba 
nicht unb genieße. SRoch öergafc ich ^ti „Springbrunnen»"; toir 
hörten e» am liebften üon ifjrn, feine ganje Didjterfeele ging htowf; 
man f)örte alle» neben fidE), bie» hw^^ftiwmige Sßlaubern unb 



* Seite 5. 



2B. St. Söennett, SmpromptuS unb 9*omait§en. 



85 



^tätfchern; ©djiöer tann e8 titelt beutlicher toor uns fteßen, wenn er 
einmal jagt: 

2ttetn Of>r umtönt ein ^armonieenfluj}, 
$er @prmgquett fallt mit angenehmem föaufdjen, 
$ie Blume neigt fid) $u be$ SBefteä ßujj 
Unb alle SSejen fei)' ia> SBonne tauften. 

$)iefe Seiten wären bie tiefte SRecenfion barüber. 

Sie Smpromptuä finb nicht minber trefflich unb wahre ©e* 
bidjte, obwohl weniger eigentümlich unb an SWenbetöfohnS „Sieber 
ohne SBorte" manchmal erimternb; auch üjre gönnen unb 8fl^t^men 
finb bie anmutljigften , oft faft ju ruhig unb behaglich- Sin großer 
gortfdjtitt jeigt fich aber erft in ben brei 9toman§en, namentlich loa» 
il)re tieferen, manchmal befrembenben t)armonifc^en Kombinationen unb 
grei^eiten, ihren weiteren füljnen 83au betrifft, ©te finb erft oor 
Äurjem gefd)rieben unb fönnen at3 ©b^epunft feine« ©trebenS ange* 
feljen werben. 8tn reifem, auSftrömenbem ©efang gleiten fie feinen 
anbern Sßerfen; namentlich tyirffy auch w ^ ncn bit Söletobic ber 
honett Stimme oor. 2Ba8 fie aber auäjeichnet, ift ihre größere ßeiben* 
f chaf ttichfeit : bie erfte SRomanje ift fogar ^efttg. bie anbere fcheint nur 
ruhiger, in ber testen wallt e8 aber wieber über [Doli fehnfüdjtiger 
Älage. 6iner S^rgtieberung bebürfen fie fo wenig wie ein fd)öne8 
®ebiä)t, bie Siebten werben fie oerftehen. Hfö auf eine eigentümliche 
©djBnheit ber jweiten SRomanje mache ich nur au f ^ en iutmer neu 
harmonifirten Sintritt ber Sßetobie unb auf bie f)crrtid^ tiefen Säffe 
aufmerfjam, wie man benn überhaupt an ben SBaffen feine ßeute erfennt. 

22. 



1838. 




©iwertitren, 

für ^iattofom ju Hier £fint>en eutgertrfjtet. 

3. 2B. ftaltitooba, günfte Duöcrtüre (in D . SBcrf 76. 

9(. &t])e, Qraeüe Duöcrtürc. SBerf 29. 

6. (5. g. SBegfe, Dubertüre jur Oper ftenümorty. 

SS. (St. Eennett, $ie ftajaben. Diwertüre (in D . SScrf 15. 

9ln Äallimo ba höben wir baS erfreuenbe SScijptcI eines fchnell 
jur Stütze unb Stnerfennung gefommenen XalenteS unb baS traurige 
eines ebenfo rafdfjeu SScrbIüt)cn^ unb SBergeffenwerbenS, ©r hatte Diele 
Hoffnungen erweeft, triele erfüllt, ©eine ©ijm^onieen, wenn auch 
natürlich leine SBeethotoenfchen Diabeme, fo bodE) weisen, burchftcf)tigen 
perlen ju Dergleichen, werben fidf) unter feinen SBerfen ber ,3ufunft am 
längften erhalten. 23aS er aber aufeerbem unb namentlich in ber 
le|ten Seit ju Xage braute, war faum mehr als §littergolb, unechter 
©djmucf; wir finb wohl 8lüe barüber ein&erftanben. ©0 auch biefe 
fünfte Duüertüre, ein ^übfe^ed ©tüdf für 2)ilettantenor$efter , nicht 
fd&wer, flingenb inftrumentirt, im ©anjen gewöhnlich unb aus ben 
befannteften Lebensarten sufammengefefct. Der ©omponift wirb ihr 
wohl felbft fein ©ewid£)t beilegen. 

Die Cuöertüre »on 31. l&effe, ein früheres Sßerf biefeS Som* 
poniften, mag fidf) gut jur Eröffnung etwa eines So&ebuefdEjen ©tücfeS 
fchidEen; fie f)at ein altgemeines comfortableS ©efidjt, runbet fidf), wie 
alle Arbeiten &on Jpeffe, fehr glücflid) ab unb ift in guter ©tunbe ge* 
macht. Der alten 8iichtfcf)nur entgegen, nach ber baS jweite $h ema 
nach ber Dominante mufcte, weicht biefeS in ber Duöertüre in eine 
jiemlich entlegene Xonart, nämlich in bie Meine Xerj ber Dominante 



SBegje unb 93eititett, Duüertüren. 



aus. @3 wäre bem, wo fo gefchicft wie ^tcr mobutirt ift, gar nicht» 
angaben; aber bie Xfymai finb eigentlich gar nicht berfdjieben unb 
ba», wa» wir ba» jweite nannten, nur eine geringe SBeränberung be» 
erften, ber Strrangeur müfete benn bie SWelobie, bie jum jweiten ©e* 
banfen fehr wohl gebaut werben fann, im (StatrierauSjug nic^t haben 
anbringen Ibnnen. 

35er ©omponift ber Dubertüre ju Senitwortf) ift al» ein traft* 
unb geiftüotter 9Jtann befannt 2)od> ^ätte ich nach ber ftanblung, 
ber bie Dutoertüre jur Einleitung beftimmt ift, ein p^antaftif djere», 
complicirtere» ©emälbe toermuthet. S» fommt wieber auf ben Streit 
hinau», ob bie Dubertüre ein 33üb be» ©anjen geben ober nur ein* 
fac§ einleiten foH. £u beiberlei finben fich belarattttch SKufter. §ier 
fd^eint lein» öon beiben ^rineipien beobachtet, 3n ber SBieberholung 
beS Hbagio in ber äRttte fönnte man metteidEjt Slmt) SRobfartfdje 8n* 
fpielungen finben, im ©anjen aber §at bie 2Kufif nur einen feftlid&en, 
gaftlichen ©heiter, als ob bie Dper, bie un8 nämlich unbefannt, 
it)ren SWittefyunft im geft auf Äenilwortf) h ätte - Äbgefehen baoon ift 
fie burchtoeg ftar unb gebiegen, üießeicht etwas ju lang unb {ebenfalls, 
wie bie üorige Du&ertüre, in ben beiben §auptthemen ju wenig con* 
traftirenb. 

2)ie ©ennettfehe Duioertüre, bie.SRajaben genannt, würbe fdjon 
früher einmal erwähnt* unb bort als ein „reijenbeS, reich unb ebel aus* 
geführte» SBilb" bezeichnet ; baS ift fie, frifch ^ &tn gebabet unb, 
trofc ihrer ©toffähnlidjteit mit ber SäRenbelSfohnfchen ÜRelufine, ber 
eigenthümlichen ßöfle ^ott, bie wir fchon mehrfach an biefem ntujtfa* 
lifdf)ften afler ©nglänber tyrootfyobtn. ®S gehört wenig ^ßf^antafie 
baju, unb jebe irgenb lebhafte wirb eS Don felbft, wfihrenb beS $bren3 
ber Duöertüre fich aüerhanb fchön »erfchlungene ©ruppen fpielenber, 
babenber SKajaben ju beulen, wie benn bie weichen flöten unb §oboen 
auf umftehenbe SRofenbüfdfje unb lofenbe Xaubenpaare gebeutet werben 
Tonnen ; profaifdfjen Söpfen fann man aber wenigftenS einen jenem 
ähnlichen ©inbrud t)erfprecf)en, ben ©oethe mit feinem „gtfeher" be» 
jweeft, baS ®efüt)I beS ©ommerS nämlich, baS fich in ben äBetten ab* 
fühlen will, fo wohlthuenb unb foiegelhell breitet fich We SRufB bor 
uns aus. Sine gewiffe SKonotonie war ihr inbefc fdjon früher t>or* 
geworfen worben; eS mag bie» auchäumXh ei l in ben bielen Sßarattel* 
(teilen, SBieberhoInngen einjelner $erioben in ber obern unb untern 



* S. 18. 



<S. (Säemg, ®te Schule be3 Srugenfaiete. 



91 



Cctaüe :c. ihren ©runb fyaUn, eine fehr leiste 2trt ber ©eftaltung, 
bie aber, wenn wir fic bei anbem Xonfefcern oft als einen ©djlenbrian 
bejeichnen mttffen, bei unferm weniger eine golge toom SRachlafc ber 
©rfinbung als ein gehalten an gewiffen SieblingSgebanlen unb 2Ben< 
bungen ju nennen ift. 12. 



(ftüben für JJtattoforte. 

<£. (Sgerttt), bte Sdjnle fae* ftttgroftricW ttnb be3 Sortrag* 
mcljrfKmmtger <58*e. 28erl 400. 

©in gugenwert toon Sjerni) ift ein ©reignifc. SBir erlebend noch, 
bafc er ein Oratorium fchreibt,* backte idfj bei mir, mit einiger §aft 
nach bem §efte fahrenb. SJian länn ihm aber bieSmal nichts angaben, 
als bafc er auf einmal beS Outen ju tuet will, ju triel jur Serbm* 
tung claffifchen ©inneS beitragen. 3<h wenigftenS würbe meinen 
©drittem, bie, nadjbem fie jwei ober brei biefer f5 u Ö en gtünblicf) 
ftubirt, nach utehr verlangten, fie ohne ®nabe aus ben Rauben winben, 
nicht etwa, weil bie anbem fdjtedjter, fonbern weil fie eben wie bie 
erften, über biefelbe gorm gemalt finb, unb weif es neben (Sjernij* 
fdjen aud) noch anbere giebt, SSeethoüenfche, Jpänbetfche, ber SBadfjfdfjen 
nicht ju gebenfen. gragt man nun, was man t>on feinen gugen ju 
erwarten f|at, fo mufc man fagen, es finb ffiefeenbe, brillant unb an- 
genehm llingenbe, leidet unb gefdfjidft geformte Älangftüde, bei benen 
er ftdj mehr als gewB^ntic^ juf ammengenommen, wenn aud) auf fie 
nicht immer bie gorberung jene» alten SReifterS paftt, nach bem ber 
„erfte einer guge jwar gut, ber mittlere noch beffer, ber lefcte 
aber vortrefflich fein müffe/ 2)aS, worauf eS anlommt, bleibt nun 
immer ber ©ebanfe, ber fidfj an bie ©pifce fteHt. ®a fudE)t benn Sjern^ 
nicht lange unb nimmt oft gerabejtt Sßaffagen, Xonleitern :c. ju 
XfjemaS. 3n ber SBitte laufen nun freiließ manchmal Xiraben unb 
fogenannte 3iofalien in SÄenge mit unter, inbefe Hingt unb flappt es 
gufammen bis jum ©dfjlufc, wo ftch unter einem Drgelpunft bie 
Stimmen noch in aöerljanb freunblidfj belannten (Sängen burd^freujen. 



* $a$ gef^a^ auefj; Ssernty Ijat au&er öielen Äirdjencompofitionen aud) ein 
angefangenes Oratorium fyinterlaffen. 



92 



Xicferc fünfte, eine Umtefjrwtg beS XljemaS aufgenommen in einigen, 
hat er fonft nicht angebracht, nicht einmal eine Augmentation was 
if)m bie eigentlichen gugenmadjer übel auslegen Werben. SRodEj nwft 
atö charafteriftifdj bemertt »erben, baft er ben ©tünmen nur feiten 
9?ut)e läfet, unb bafe fie meiftenS alle t)ier auf einmal arbeiten. Sei 
SBeitem toert^otter finb bie bie 5 u 9 cn jebeSmal einleitenben Sßrälu* 
bien, ja einige ber Slrt, ba| SHemanb auf ©jernh als ©omponiften 
ratzen würbe, fo bie Stummem 3, 4, 6, 8, 9, wenn auch in ben 
meiften fecunbenlang eine mächtige gabheit hinburdjbricht, wotoon ich 
nur 9ir. 4 ausnehme, in ber bie beffere SRatur einmal bis jum ©chlufc 
burdfjwaltet. ÄlleS gufammengenommen, ©jernijS gugenwerf bleibt als 
Söeitrag jur ©efd)ichte beS SBerfafferS immerhin bemerfenSwerth; im 
ganjen ÄreiS ber (Srfdfjeinungen ift eS als eine unechte, ^albwa^re unb 
gemalte 3Kuftf nicht anjufdjlagen* 

©S ift ^ier ber Drt, auch ber öon $rn. ©jenU} beforgten neuen 
Ausgabe beS SBad^fd^cn äBohltemperirten ©lamerS ju erwähnen* 

ßjerntjS S3erbienft befteht babei in einem 33orwort, in ber Sin* 
gäbe beS gingerfafceS, ber Xempobejeichnung nach SRSIjI unb Stnbeu* 
tungen über ©fjarafter unb Vortrag. ©rftereS ift etwas turj auSge* 
fallen unb flüchtig niebergefchrieben. 3fa bieS SBerf aller SBerfe liefen 
fi(h wohl aüerhanb reiche ©ebanfen fnüpfen. SBaS bie Äpplicatur 
anlangt, fo ift baS ©jernhS gad), auf baS er fid) gut »erficht ; jjeben 
einzelnen ginger höben wir natürlich nicht geprüft. 3n ben Xempo* 
bejeichnungen unb ben Semerfungen über Vortrag im ©anjen JU 5tn» 
fang unb ©djattirung im Verlauf beS ©tücfeS ftimmen wir jiemlich 
jufammen; namentlich pflichten wir in lejjter $infi(fjt bei, ba nichts 
langweiliger unb SBadfjfchem ©inne [fo] juwiber, als bie gugen utonoton 
abjuleiern unb feine gauje SBortragSfunft auf $eröorheben ber ©intritte 
beS §auptgebanfenS ju befchränlen. ©o eine Siegel pa&t für ©chüler. 
S)ie meiften ber 23achfchen fjugen finb aber ©fjarafterftücfe fyofytzt 
Slrt, jum Xheil wahrhaft poetifdje ©ebilbe, beren jebeS feinen eigenen 
SluSbrucf, feine befonberen Sichler unb ©chatten verlangt. S)a reicht 
ein philiftröfeS SRerfenlaffen beS eintretenben XljeinaS noch lange 
nicht aus. 

©in artiges 33ilb Sachs fchutücft ben Xitel; er ftcfjt aus wie ein 
©chulmeifter, ber eine 2Belt ju commanbiren f)at. 12. 



@mc SSifion. 



93 



* (Eine tiiftoit. 



g. X. ©Ijotef, Variationen über ein Stjema aus Sucia üon Sammermoor oon 

fconijetti. SBerf. 24. 
3. Söenebict, $f)aniafie über SWottoe aus ber £)per „Fair Rosamond" öon 

3. »arnett. SBerf 28. 
^antafte unb SBar. für $fte. mit $eg>itung be3 gr. Drdjefter über ein 

£§ema au« Sfcorma öon Söettini. SBerf 90. 
§. 93 er t in i, ®r. ^^antafte über bie oon SRubini in bie Straniera eingelegte (Sa* 

tatine. SBert 113. 

„ „ „ SBriH. Sßfjantafie über X$ema3 a. b. ^oftitton oon Sonjumeau oon 
Slbam. SBerf 116. 

3: Schmitt, Sßfjantafie (ju 4 #änben) über %f)emaä a. b. Hugenotten ö. 2tte»er* 
beer. SBerf 261. 

„ „ „ Sttoertiffement (au 4#bn.) über Steinas a. b. Soiräes mus. ö. SRoffini. 
3. % $iji$, Sßfjant. u. $ar. fju 4 §bn.) über ein $uett a. 0. ö. fcalcmj. 
2Berf 133. 

ßentnergewidf)te an fo teilte Sßaare legen, wer würbe ba8? 3n* 
be{$ verlangt aucfy eine gute ©alon* unb (MegenfyeitSmufif it)re 2M> 
fter, unb foHte idEj ba Semanbem beu v $rei8 jugefte^en, fo war' e§ 
bocty Riebet 83., ber fid^ auf ba3 ©ntjücfen üerfteljt wie irgenb 
einer, in ber Unterhaltung plöfelid(j wie jerftreut abbricht, ein Xerjerot 
aus ber Xafd&e jie^t ftatt be§ XudfjeS, über Sopfwety {tagt unb julefct 
alles in einer ©alopabe weg« unb niebertanjt, StwaS meljr im §in* 
tergrunbe ftefjt obwohl mit bem Sreuj ber ®t)rentegion ge* 

fd&müdft;* feine ©tiwe ift leidet umwöttt, fein S3IidE milb, er befcfywert 
ftcf> über Unbanfbarfeit ber Sßelt bie itym fdfjon fo oiel feiige ©tun* 
ben ju üerbanfen. „2Ba§ wirb nodfj aus bem werben/' flüftert eine 
Dame einer jweiten ins Dfjr, „er l)at orbentlicfje SeibenSfurdjen im 
©eftdfjt betommen." „2lber, trefflidfjfter §err ©f)/', raunt tym Semanb 
in bie Dljren, „in wetdfjem altmobifdfjen ftracf erfdjeinen ©ie! ©udf)en 
©ie fortjufommen! SlHer Slugen fe^ iä) fd&on auf ©ie gerietet.'' 
ÄnberS $err 3- 33., er möd&te fid) toor einigen ßorbä, mit benen er 
eben fpridjt, gerabeju auf bie Srbe nieberlegen unb öerfidjert if)nen, 
nur bei iljm fönnten fie in fo turjer £eit SKufit unb feine ©ompo* 
fitionen teroeu, im Schlafe lettre er ifjnen aße8. Sie SorbS fagen 



* 3n ben öermijd)ten 9iad)rid)ten ftanb 1837, VII, 76 unter „2Iu3äeid)nungen" : 
„#r. $etnridj $erj ^at baS franaöfifc^c Äreuj ber ^renlegion erhalten. (£§ernn 
fott e^eften^ ben ©ofenbanborben erhalten." 



94 



21. $enfett, ©oncert*(£tüben. 



freunblid^ ju. 3n einer ®cfe fifct Jperr ©., fimpel obwohl anftänbig 
gefteibet, ber SBcftc öon Sllen. »SRoffmi ift ein ©enie," meint er, „feine 
©oirien ein SluSbunb &on SiebenSWürbigfeit/ Qultfyt tritt 5ß. ein. 
„@in guter 2Kufifer," pftert man fidf} ju. Sludfj 2)u, mein 83rutu8? 
„2)ie SSerleger woHen'8 nun einmal fo." — Snblidf) jief)t £ ein JBIatt 
au3 ber Xafd)e: „ba3 finb einmal lieber Sftecenfionen in ber 9leuen. Ä — 
„2BaI)rf)aftig, Rängen fottte man fie," meinte ein Ruberer tt)ilb. ß um 
©cfjtufj würbe mel getanjt. * 



12 djarafteriftifdje Soncert*ßtftben. 993er! 2. 

SWan fommt mit SSefpredjung biefer ©tüben recf)t eigentlich als 
fünftes SRab am ©iegeSwagen unb ^intert)er; benn einmat waren fie 
fdjon öor i^rcr SSeröffenttidjung in fo SSieler SSefifc, bafc fie ficf), wäre 
bie SKotenfdfjrift nodfj nidf)t erfunben, wie bie $omerifdfjen ©ebidjte öon 
2Kunb ju SJlunb ober $anb in §anb fortoererbt Ratten; jefct aber, 
nad>bem ifjr ©rfdjeinen befannt, giebt e3 faum einen guten ßlamer* 
fpieler, ber bodf) 3eber fein will, ber fie fid) nidfjt augenblidftidf) Der* 
fc^rieben unb fetbft ftubirt unb geprüft. 9leue ©ebanfen aufjubringen, 
wirb fomit freiließ fdfjwer fein, wie anbererfeitS nichts leidster, ate ba$ 
SBerf gerabel)in fcfjön ju finben; benn e§ ^anbelt ficf) bei if)tn nur 
immer, ba3 Schönere ^eraugjulefen, — &on SWittelgut fann feine 
SRebe fein. 

©o finb wir benn um ein treffliches SBerf reicher unb feiten wer» 
ben wohl bie 9Reinungen über ben 2Bertf| einer ©rfcheinung ftd) fo 
ungeteilt ausbrechen. 2Ran müfcte aber auch t>crgcf)en t>or Unmutf), 
wenn im gemeinen Xreiben unb kennen beS XageS nicht plöfclid} ein» 
mal wieber ein junger §etb hervorträte, ein echter Vertreter tünftleri* 
fcfjer 3ntereffen, frifd) unb mutf)ig feine Safjn bafjinwanbefab. 8ucf) 
barf er fich nicht über ©leid^gültigfeit ber SBelt befdfjweren, fo fef|r 
greift baS wahre Xalent ber ßeit gleich m ^opf unb gufe, unb eS 
finb ifjm tyxtn gefdjehen, beren fid) fein SÖiojart ju fdjämen brauste. 

S)er ©runb nun biefeS raffen 2)urd)bringenS liegt in ber an* 
jiehungSfräftigften Seite fittltrfjcn unb fünfilerifchen ©harafterS — in 



§en|elt, ©oncert*@iübeit. 



95 



ber Siebenamürbigfeit unferS gelben, ©eine ©lieber bewegen fidE) 
frei unb gefällig ; fein ©df(Wert blijjt unb buftet jugleid^, wie man e$ 
oon ben 2)amaäcenerflingen fagt; t)on feinem Raupte wef(t ein glän* 
jenber $etmbufdf). ©o ift er mir, faf) id£| iljn am Slatrier, audfj oft 
wie ein Xroubabour erfcfjienen, ber bie ©emütljer befänftigt in witber, 
burdfjeinanber geworfener geit, fie an bie @infadfjf)ett unb ©ittigfeit 
früherer 3af)rf(unberte maf)nt unb ju neuen Xljaten ruft, unb ba 
ftufcen wofi>l 9Käbdf)en unb 3üuglinge, wie er toon Sieb ju Sieb weiter 
fingt unb faum ju enbigen weiß. 2)abei öermag er aber audf) ben 
leibenfd)aftlicf)eren Staturen ju gefallen : feine ©efänge ftnb ber innig* 
ften Siebe unb Eingebung öoH; aud) baS ©dfjidfal mag feine §änbe 
nid&t au3 bem ©piel laffen unb jwang iljn gteidfjfam jum Vornan* 
tifer, fein ganjeS Sßefen ift in Siebe aufgegangen. 

2Bir ermatten fo in feinem jweiten SSerfe jmölf Siebeagejange, unb 
mit golbener jierlid&er Sufdfjrift fefet er über jeben einjetnen ben 3nf)alt 
feiner ©dfjmerjen unb SBonnen. 35afc er baju franjöfifdje SBorte 
Wählte, mod&te idfj if)tn einigermaßen üerbenfen, ba leine Spraye fo 
reic$ ift an SBorten unb ©prüdfjen ber Siebe als bie beutfdfje, feine fo 
$eQinnige8, Xreueigene», ßartüerljüllteS aufjuweifen Ijat. Subeffen 
mag aud) biefc als dfjarafteriftifdfj gelten, ba ba» ©alante, Kfyeöale* 
regle, fogar äÄanntid&'Äofette, ba» unferm ©imger bei aüer $er§lidj* 
feit eigen, fiel) wo^I nirgenb» beffer ausnimmt als Don frauj&fifdjen 
Sippen. £ier einige jur Sßrobe: 

Pensez im peu ä moi 

Qui pense toujourß ä vons! 

* 

Si oiseau j'^tais, 
A toi je volerais. 

* 

C'est la jeunesse qui a des alles dorees. 



3n folgen unb äljnlid&en Smpfinbungen bewegen fiefj benn audf) 
bie anbem ©tüde, unb e$ mag berlei woljl fd&on geiftooller, tier* 
fteefter, tieffinniger aufcgefprod&en worben fein, fo jum $erjen fpredfjenb, 
unöerftellt unb anmutig aber gewiß nid&t. 2Bir fommen fo bem 
(£f)arafter unfere» gelben nätyer, unb wie einem fotdjen gerabe eine 
Äunjt jufagen müffe, bie Äunft ber $erjen8fpradf)e t)or aßen anbem, 
unfere geliebte SUiufif. $abe man nur ein redfjte» £erj, einige» 



96 



Ä. §en)"elt, Soncert*(£tüben. 



gelernt unb finge bann luftig wie ber SSogel auf ben QtotiQen, unb es 
wirb äWufif, bie toa^rftc herauSfommen. 3BaS tjilft ba alles Stbftd^* 
tetn, Abquälen! 2Bem bie Siebe fehlt, fehlt auch bie ÜJtufit, unb bie 
©lodEe muß in ber greie fdfjweben, fott fie erftingen. 9llfo bie Siebe 
ift unferS ©ängerS Xtyma, unb er macht gar lein §ef)l barauS unb 
fingt* S bis in bie tiefe 9iacf)t. 2)arum hören wir auch nur if)tt immer, 
nur ba«, was gerabe it)n bewegt;* er Witt fonft nichts auger fid), 
nichts StußerorbentlicheS toorftellen; er fingt toon fidE) unb wirmüffen'S 
hören. 

Stlfo hetrfd£)t benn aud) bie SKelobie ber einzelnen Stimme beinahe 
in fämmtlidf)en feiner SiebeSftubien über bie anbern, nicht gerabe ju* 
fälligen aber auch nicht nothwenbigen t)or; ja eS tiefen fidE) Meie t>om 
Änfang bis @nbe einftimmig aufzeichnen unb man würbe ben ©cfjmudt 
ber Harmonie tooft felbft baju finben. S)iefer ®injel*®efang erfcfjeint 
aber fo aus bem Sern ins ®anje gewadfjfen, h at eine folcije güfle im 
einzelnen Xon, wie in ber SDJaffe eine 8iunbung unb SBucht, baß man, 
ohne ju brechen, faum baran ju biegen wagen barf. §inben ficfj bocf) 
felbft in ben SDtelobieengängen guter SDieifter f leine 9iiffe, Sprünge, 
manches SSBibcrtjaarige^ baS ftdfj jum SBorttjcil änbern ließe; in ben 
ganjen ©tüben aber wüßte ich, ^öc^ftcnS jwei bis brei ftcinc ©teilen 
ausgenommen, feine SKote anberS ju rieten, als fie baftet)t. 

Unb hierin ^at feine (Santilene in ber Xf) öt Äehnlidfjfeit mit ber 
®lucfs, wie benn auch 2Biberfprüd)e ber $titm e wi9 e Äe^nlic^» 
feiten aufzeigen fönnten unb, wenn man bem einfach granbiofen @til 
®lucfs ben füf)n labt)rintf)ifchen ©ebaftian 33adf)S entgegen ftellte, man 
im engen SSejirf ber ßlaüiermufif bie flare SBeife §enfeltS ber Der* 
fdjleierten SljopinS gegenüberfefcen müßte. Staunt fei nun aber nid£)t 
auSgefprodfjen, ®fucf h a & c bie SRufif C)öf)er gebraut ober §enfelt ließe 
Sfjopin hinter fidE) jurücf. S)a müßte §enfe(t bie S3ruft üerteugnen, 
an ber er felbft getrunfen, ba müßte man Shopin tttdE^t fennen in fei* 
ner um fo üiel jarteren Schwärmerei, feiner götterteicfjten SBeweglidfj* 
feit, feiner ganjen unenblich feineren Drganifation. 3a, Meie ber 
Jpenfeltfdjen (Stäben würben ohne ben Vorgang @f|optnd gar nicht ba 
fein. 2)ieS beiläufig, um einer Unbanfbarfeit ju begegnen. 

§enfelts reijenbe SDielobieen werben'S aber nun DoHenbS burdf) 
baS heimliche gigurenwerf, i n i> a g er j| cnc tjerftecft; reiche grüßte 

*. Sollte bieje 2(nfid)t bem oben 2(u$gejptocf|enen, wo wir einen Xrouba* 
bour nannten, jn wiberjp redjen feinen, fo 6emer!en wir, ba& fid) jenes 93i(b mefyr 
auf bie 9lrt feinet SBortragS begtefit. [Sdj.] 



föücfbttcf auf bag Sei^^iger SDhift&e&en im SBütter 1837—1838. 



97 



aus grüner 2toä§* unb SÖXättcrfüHc ^crau§qucßenb. Unb fytx müffen 
wir unS namentlich feines forgfamen gleifeeS erfreuen, mit bem er 
(aber uidjt in metobifchem 33etracf)t fonbew im auSfüßenben fyaxmo* 
nifdfjen) bie SBäffe unb üRittetftimmen behanbelt, bie ©ctoiff entjaftig * 
feit, mit ber er afleS anorbnet, baft fiefj baS ©anje öortheilhaft aus* 
nehme unb babei baS ©injelne fidf) fein unb gehörig unterfcheibe. 
Üftamentlidf) ift ihm eine gigur eigen, beren erfte SBurjef ich in ber in 
biefem §efte leiber nicht enthaltenen ©tübe in H dur 16 ju erlennen 
glaube, unb bie er ju wieberholten SKalen anwenbet unb immer äufcerft 
wohlflütgenb, 

§öre man bieg nun aßeS öon if)m fetbft, wenn er fid) ju guter 
©tunbe manchmal ans ©lamer fefct (er behauptet juweilen, er wäre 
ber elenbefte ©pieler), orbentltdj hineinwarf enb in fein Snftrument 
unb ©ins mit il)m werbenb, Ort unb Qtxt toergeffenb, unbefümmert, 
ob Sünftler ober dürften neben ihm fielen, wie er bann mot}I auch 
plöfclich laut auffingt, un&erwüftlich unb [ich fteigemb bis jum ©chlufj* 
aecorb unb bann wieber Don üorn anfangenb, unb man wirb ihn einen 
gottbefeelten ©änger nennen muffen. S)a fühlt , man ben Lutger beS 
©eniuS* 

SWannigfache Setrachtungen liefen fiefj noch an bie ©rfcheinung 
btefeS gelobten fiünftlerS fnüpfen: — bie freubigften, ba er, um ju 
fchaffen, nur bie £anb auf bie Xaften ju legen brauet, — auch einige 
bebenfliche, ba anbererfeits baS Slufenthaltlofe, 3erftreuenbe beS S8ir* 
tuofenlebenS bem l)ö£)crcn gorfdfjen nnb ©Raffen ©intrag tfjut, ju 
bem ©lücf unb tieffte ©infamfeit gehört. ©od) fteht er noch im erften 
©lanj ber 3ugenb, unb fo hoffen wir ihm balb wieber ju begegnen, 
wo wir uns über manches feilte ^urücfgehattene noch beS Seffern 
auSjufprechen gebenfen. Robert ©chumann. 



«ädüüid; auf Das «einiger Ülnftklebett im Winter 1837—1838. 

©inn unb ©efcfjmacf, bie in unfern Slbonnementconcerten oor* 
herrfdjenb, ju beurteilen, brauchen wir nur auf bie 2Baf)l ber aufge* 
führten ©tüdfe, auf bie barin beüorjugten üßeifter gu merfen. Unb, 
wie in ber Drbnung, treffen wir hier am öfteften auf SRojart (17mal), 
t>ann auf 93eetf)Oüen (15mal); ihnen junächft flehen SBeber mit 7, 
£aijbn mit 5 Hummern; jwifchen 3 unb 5 würben oon Cherubim, 

©djumann, ®ef. ©Triften. II. 7 



98 SRücfbticf auf ba$ Seidiger aJhtfttteben im Sinter 1837— 183B. 

©poJjr, Sföenbefäfotin unb Sftoffini getieft; 2mal famen §anbel, SBadj, 
SSogler, ©imarofa, Wlfynl, DnSlom, SWofd^cleS üor; Intal Sßaumann, 
©alieri, 9tigf)ini, geSca, Rummel, ©pontini, -äRarfdfjner u. S(. in. 
Sic befannteren SMfter waren mithin fammtlid^ öertreten nnb bic 
erften am fjäufigften. Stufterbem begegnen mir einigen SRummern neu* 
fter ©omponiften nnb jtoarbrei neuen ©tympljomeen, öon Xägltdf}§* 
bedE, Norbert SBurgmüIler [Cmoll] unb ®äl)ridfj, toon benen ficf> 
bie lefete ben raufdfjenbften SBeifaCt ermarb, obgleich it)r bie ©t)tnpf)onie 
öon £äglidf)$becf nic^t^ nachgab, bie öon Surgmütter aber beibe I)tn* 
ter fid) ließ ; ja fie fc^eint mir beinahe ba8 bebeutenbfte, nobelfte SBerf 
im ©tjmpf)onieenfacJ), ba8 bie jüngere ßeit hervorgebracht, it)rer mufi* 
falifdjen iJiatur, tt>rc§ ungewöhnlich fchön unb fräftig ausgeprägten 
3nftrumentalcharafter3 falber, trofcbem baft fie an ©pohr erinnert, 
aber nicht ttrie eine Sftadfjahmung au8 GfrfinbungSfd&mäche, * fonbern 
baffelbe ebte ©treben be8 SehrerS banfbar verfolgend** S)a§ Xrio beä 
©dfjerjo mag toohl meiftermürbig genannt toerben, toic ber ©d)lufc ber 
ganjen ©gmphonie eine SBoraJjnung be3 XobeS, ber tiefen Süngting 
ju früh t)on un8 genommen. 3n ben S^mpljonieen ber beiben 
anbern Herren fauben ftch viel 33eert)ovenfdf)e SRachflänge bei fonft ge* 
fdf)idfter Arbeit unb 3nftrumentirung. Sin §auptvorjug ber von 
©äJjridf) beftanb in ber Äürje ber einzelnen ©äfce, ba8 Äbagio auS* 
genommen, ba$ nun einmal Seinem meJjr gerätselt tritt. 

95on größter JSebeutung mar ein neuer Sßfalm von 2Keubel8* 
fohn, mit ben SlnfangSmorten: „2Bie ber Jpirfdf) fdjreit nadf) frifchem 
SBaffer", beffen Unterfdjieb von einer frühem geiftlichen SJiufif beffel* 
ben SffieifterS man im ©oncert für bie Slrmen wahrnehmen fonnte, in 
bem ein älterer $falm*** von 9Renbel3fof)n biefem neuem vorgegeben 
mürbe. SSBie un3 nun aKenbetefofjn feit lange fd)on aU bie gebilbetfte 
Äunftnatur uuferer läge gilt, in allen ©attungen, im $irdf)enftil 
wie im ©oncertftil, im Sfyor wie im ßieb gleich etgent^ümli^ unb 
meifterhaft wirfenb, fo glauben mir tf)n namentlidf) in biefem 42ften 
Sßfalm auf ber työdjften ©tufe, bie er al$ ßirchencomponift, bie bie 
neuere Äird^enmufif überhaupt erreicht Ijat. S)ie ©rajie, in ber baä 

* 3 n & cr Sei^^rift unb in ben 6djriften : „(SmJpfinbungSfdjmädje" — bod) 
roof)I ein $rucffel)ler. 

** $on 31, 23urgmüller mar neulich audj ein £eft bei $ofmeifter erföienener 
Steber !)öd)ft lobenb angefünbigt; nadfbem mir fie jeft genauer f ernten gelernt, 
muffen* autf) mir fie ben treffüdjften ber neueren betjä^en. Unb fo ßiner mu&te 
fterben! [Sc*).] 

*** $falm 115 „Non nobis domine". 



SRücf&Ucf auf ba$ geiziger SRufifteben int SBinter 1837—1838. 



99 



§anbtoerf, bie Sunft ber Strbeit, bic foldfjer @tU cr^eifd^t, fid(j t)ier 
offenbart, bie 3artf)eit unb SReinlichteit ber 33ef)anb{ung jebeS Stnjel* 
neu, bie Äraft imb 2fnnerlichfeit ber Staffen, öor SlHem aber, ba toir'3 
nun nidf)t anberS nennen f&nnen, ber (Seift barin — man fte^t'S mit 
greube, toa3 ihm bie SJunft ift, totö fie uns burd) ihn. 

Unb freilich befommen in biefem SSctra^t junge Sünftler, bie ihre 
SBerfe E)icr aufführen laffen, einen gefätjrfidfjen ©tanb, fo fcf|r auch 
immer bie ©irection jur beftmöglichften SluSführung beiträgt, bafc fie 
ftd) e3 faum beffer roünfdjen fönnen. äßir fjaben alfo toon einer neuen 
Dutoertüre [Emoll] üonDr.2. Äleintoächter, ber einzigen, bieunS 
biefer SBinter öon neuen braute,* noch ju fagen, bafj fie ihres freunb* 
liefen S^arafterS, ihrer leichten SBctocgtid^feit falber t)om publicum 
jiemlid) gut aufgenommen ttmrbe, ohne ihr einen größeren ®unfttoerth 
beilegen ju bürfen* 

3)ie£ über bie E)tcr jum erftenmal aufgeführten ©ompofitionen 
junger ftüitftler. Slu&erbem braute un3 eine« ber früheren Soncerte 
jum erftenmal 58eethot>en3 „glorreichen ?tugenblicf", beffen ®nt* 
ftehung befannt ift.** ©8 mag tooht ju ben unvergeßlichen Srlebniffen 
ju rennen fein, bieS SBerf unter SBeethoöenS eigener Seitung, in einem 
benfroürbigen ®efcf)idf)t8augenblicf, in Umgebung ber fjöcfjften $oten* 
taten, ©efanbtfdjaften :c. gehört ju haben, unb auch bie« toeggenom* 
men, tote bei unferer Slufführung, bleibt noch manche Stelle ber 2Rufif, 
bie noch leiblich toirfen roirb nach 3ahrhunberten. Unredjt aber tt)ut 
man, fotd)e ©elegenheitStoerfe großer ffünftter mit ihren anbem @e* 
niuSeingebungen dergleichen p wollen; fytv ift eben ber Stimmer 
be$ flüchtigen unb gefälligen ba3 ©eniale, nrie benn jene fleinen 
©oethefdfjen ©ebidjte t)on SDtoftern, bie bie ©ad)e öerftefjen, tote öon 
i^m felbft gar hoch angefdfjlagen ttmrben. (Sin foIc!je£ SBefen toaltet 
benn audf) in biefer Sompofition, babei eine faft ironifdfje ©reite unb 
Sßracht, bis bann auf einmal in einzelnen 9Komenten ber ganje 9Jtei* 
fter lädjelnb unb in SebenSgrbfce oor unS ftel)t. ©aju nun ein ©e* 
bicht, fo nriberhaarig jum Somponiren toie eine Sßinbarfche §^mne, 
unb man fyat ein fdf)töadf)e§ 93itb, in roetcher SBebrängnife ber Kompc* 
nift fein SBerf ju Snbe gebracht, bafe ihm übrigen« als einem ftarfen 
Patrioten fidherlidf) auch am §erjen gelegen. 



* föedjnen mir ba$ Soncert für bie Sinnen mit, fo mußte man audj bie jum 
Duc de Guise öon DnSlow erwähnen, bie un$ inbefc nur wenig ober gar nidjt 
äugefagt. 

** $ie Kantate würbe 1S14 jum SBiener £ongre{$ componirt. 

7* 



100 föucfbltcf auf ba£ ficipaiflcr SJhifitfeben im Sötntcr 1S37— 1838. 

2Bo uns enbüd) aber wahrhaft SßeueS, Unerhörtes geboten würbe, 
lauter SllteS nämlich, war in einigen ber legten Soncerte, in benen 
uns SDteifter t)on 23ad) big auf Sßeber in chronologischer golge vor* 
geführt würben. (Sin ©lüd ift eS, baß unjere SSorfa^ren nicht etwa 
vorwärts gebretjte I)tftorif^e Goncerte öeranftalten fonnten; bie $anb 
auf§ §erj — toir würben fdjtedjt beftefjen. ©o glüdlid) eS nun 
machte, was man ju ^ören befam, fo wahrhaft mißmutig, was man 
^ier unb ba bar üb er fyömi mußte. 2ltS ob wir Sad) ehrten ba* 
burd), als ob wir mehr Wüßten als bie alte ßeit, traten 9Jtand)e unb 
fanben es cttrioS unb intereffant jugleicf)! Unb bie Senner finb bie 
©d)limmften babei unb lacfjeln, als ob 33adj für fie getrieben — ©r, 
ber uns aiemlid) fammt unb fonberS auf bem Meinen Ringer wiegt — 
©anbei, feftftefjenb wie ber §immel über uns — ©lud nicht minber. 
Unb man I)ört eS, lobt eS unb benft nicht weiter ber @ad)e. SBahr* 
haftig, ich Wty* ^it neue Qtit unb t>er[tcf)e, verehre SKe^erbeer; wer 
mir aber in Ijunbert, was fag' id), in fünfjig 3ah relt t)tftorifd^c &on* 
certe verbürgt in benen eine SKote von 2Ket)erbeer gefpielt wirb, bem 
will ich faflw: ^93^ ift ein ©ott unb ich h a & c m ^ geirrt". 17 

Ueber bie 33ad)fche SRuftt, bie gegeben, läßt fid) wenig fagen; 
man muß fie in ben Rauben höben, ftubiren mbglichft, unb er bleibt 
unergrünblich wie vorher, ©änbel fcheint mir fchon menfd)tid)*erha* 
bener; an ©lud tierwirft man, wie gefagt, bie Strien unb läßt bie 
S^brc paffiren, b. f). man nimmt ber ©tatue eines ©otteS baS etwaige 
Sodengefräufel um bie ©tirn unb lobt nichts als feine ©efjnen, fei* 
neu ©orpuS. 

S33ünfchenS Werth aber wäre eS immerhin, man gäbe alle 3ahre 
fotdje Soncerte unb mehrere jwar; bie ©infältigen lernten babei, bie 
ßlugen lächelten: furj, ber 9Rüdfd)ritt wäre vielleicht ein SBorfdjritt. 

3u erwähnen giebt eS noch, baß biefen brei Männern* als bie 
bebeutenbften nachfolgten, im jweiten Koncert : §at)bn, Naumann, 
ßimarofa, 9ügt)ini, im britten: SJtojart, ©alieri, 2JNf)ul, 
91. Homberg, im vierten: 9lbt SSogler, ^Beethoven unb @. 9Jt. 
v. Sßeber; aus bereit vorgeführten äBerfen wir außer ber 9tbfd)iebS* 
f^mphonie** von £at)bn, einem noch ungebrudten, ^bcfjft ajiojartfdjen 



* Studj war ein Soncert üon Siotü ber $adj*&änbelfdjen Sßeriobe einber* 
leibt ; $r. (Soncertmeifter $abib foielte eS in glücfttdjfter ©tunbe, mit größtem 
»eifafl. l@4J 

** $ie SJhtfifer ;audj unsere; lösten babei, roie befamtt, bie Sinter au§ unb 
gingen fadjte babon; audj Iaa)te s Jtfemanb babei, ba e3 gar nta^t jum Sachen war. [Scf).] 



9iüdbücf auf ba$ Seidiger 2Rufifleben im hinter 18;i7— 1836. 101 



Quartett aus beffen ßaibe, einer Cuüertüre üou 2lbt SSogler, ben 
feine ßeitgenoffen unferer SDieinung nad) bei äßeitem nidfjt fyoef) genug 
gefcljäfct, ls als baS Sutereffantefte eine ©t)mpf)onie t)on 2ÄÄ)ul moll] 
auS}eid£)nen; fo [wenig] unterfdjieben üon beutf^er ©tjmpljonieenweife 
erfdjeint fie uns, babei grünblid) unb geiftreid), wenn audf) nid^t oljne 
SDianter, baß wir fie auswärtigen Drd^eftern nid)t genug empfehlen 
lönnen. 3Äerfroürbig babei war aucJ) bie ?lef)nlidfjfeit beS legten 
©afceS mit bem erften ber C moll*©t)mpf)onie toon 33eetl)ot>en, unb 
ber ©dfjersoS berfelben beiben ®gmpl)omeen, unb jwar fo auffallenb, 
baß !)ier eine SfteminiScenj üon ber einen ober ber anberen ©eite im 
©piel gewefen fein muß; auf welcher, vermag id) nid£(t ju entfdfjeiben, 
ba mir baS ©eburtöjafjr ber 9Kdljulfd£)en nid)t befannt geworben. 19 

3)ieS waren benn unfere trier fjiftorif^en Soncerte, um bie uns ÜJlan* 
dfjer beneiben wolle. 3^ar ließen fief) mit leichter üKüfje StuSftetlungen 
gegen bie Reihenfolge, bie 2Bal)l ber ©tüdEe :c. aufbringen, ließe fid) 
bebeutenbe l)iftorifcf)e ©ele!)rfamleit entwicfeln; nehmen wir banfbar an, 
was uns geboten würbe, {ebenfalls aber mit bem SSunfd), beim 2tn* 
fang nid£)t ftefjen bleiben ju wollen. 

2)aS erfreuenbc 93ilb ju öollenben, fd)ließen wir mit §ert)or* 
t)ebung ber einzelnen Sünftler unb Äiinftlerinnen; mit beren Sßortragen 
bie größeren Drd^efterauffüt)rungen burdjwirft waren. 

Sil« intereffantefte ©rfdjeinung ftel)t äKiß Clara !Kot>ello oben an. 
©ie fam t)on ßonbon aus bem Sheife if)r befreunbeter Sünftlerinnen 
• erften SRangeS ; man läßt fid£( baS wol)l audf) in fieipjig gefallen, ©eit 
3a!)ren t)at mir nichts fo woljlgetf)an als biefe ©timme, bie fid) überall 
fennt unb betjerrfd^t, beS jarteften 2Bot)tlauteS öott, jeber Xon fdfjarf 
begrenjt wie auf einer Xaftatur, biefer ebelfte SSortrag, if>rc ganje ein* 
fadfje befdfjeibene Äunft, bie. nur baS 333erf unb ben Schöpfer glänjen 
läßt. SBorin fie nun in itjrem Slement, in bem fie geboren unb groß 
geworben ift, baS war ipänbel, fo baß fiel) bie Seute öerwunbert frag* 
ten: „3ft baS §änbet? ftann §änbel fo fdjreiben? 3ft baSmöglid)?" 
9Son fol^er Sunft beS SSortragS fann felbft ber ßomponift lernen; 
ba befommt man wieber Sichtung t)or ben barfteDenben ßünftlern, bie 
uns fo oft Saricaturen geben, weil fie ju frül) aus ber ©d)ule ge= 
laufen; t)or foldjer Äunft bricht all baS ©teljenwerf jufammen, worauf 
uns gewöhnliche SSirtuofität über bie ©d)ultern ju feljen glaubt ; f urj, 
2Kiß Klara SKotoeüo ift feine SKalibran, feine ©ontag, fonbem fie ift 
e» t)öd)ft felbft, was fie ift, unb fann'S if)t SRiemanb nefjmen. 

SBor unb nad) if>r wedifelten grl. ©Riegel, SKab. 93ünau*@rabau 



102 föücfbltcf auf ba$ Seliger SRuftffebcn im SBintcr 1S37 — 1838. 

unb 9Rab. Sohanna Schmibt als Solofängerinnen, unb ganj julejjt 
traten nodj grl. Sfagufte SBerner unb grl. 58otgorfcf)ef aus Bresben 
auf. (Srftere, als eine fd^one ©eftalt, war wohl gelitten; bie anbern 
2)amen Ratten freiließ einen großen Siebling beS ^ublicumS, ber uns 
in ©lara SWoüeUo fortgegangen, ju erfe^en, tt>o wir uns bann loben 
müffen, ba wir traten, als wäre nichts gefdjeheu, unb beibe befannte 
immer gern gehörte Sängerinnen mit bem alten JBeifaQ aufnahmen, 
grl. SBerner war uns aus 3)reSben jurüdEgefehrt, wo fie noch ein 
3a^r jugelernt l)at. $rl. SBotgorfd^cf enblidf) h at einen wahren Jpel* 
ben*Sllt, glänjenbe italienifche SRetljobe unb etwas JperauSforbernbeS, 
wie man eS woljl bei Opernfängeriunen finbet ; eS würbe ihr ber erfte 
©rab beS SBeifaßS, ber ftch leidet am Schall erfennen läfet ; eine ärie 
mufete fie wieberholen. 

SSon auswärtigen Sängern befudjte uns nur §r. ©enaft aus 
Sßeimar unb fang eine SBaHabe „Schwerting" mit reifer Drdjefter* 
Begleitung, über ber fich nur eine männliche Stimme aufredet galten 
fann, wie ber Komponift fein Sßerf auch mit geuer unb Seibenfehaft 
barfteUte. 

SBon fremben 3nftrumentalt>irtuofen Ijatte man auf SipinSfi unb 
iiifjt gerechnet, bie j*bocf) ausgeblieben; §enfelt fpielte nur einmal in 
feinem eigenen Soncert. So hörten wir beun beS ©uten unb Schönen 
mancherlei öon ben Äotte aus Bresben, Slagroüe aus Sonbon, 
Soncertmeifter §ubert 9iieS unb ©. Schunfe aus SBerlin, Xf). Sacf 
aus Hamburg, ben jungen Nicolai Schäfer, 3Dt®. Stifter (Soutrabafe), 
Stapler aus ÜÄagbeburg, Üouis Singer aus ßlaustljal, unb in bun* 
ter 9teit)e jwifchenburdf) Vorträge ber Drdjeftermitglieber, unter benen 
bie ber £<p. Clueifter, Ullrich, ©renfer, §einje unb §aafe als bie 
bebeutenbften auszeichnen finb, mit einigem Stolpe julefct noch ber 
öfteren 9Weifterleiftungen ber SKenbelSfohu unb S)aoib fowie ber 
feinften unb fünften aller itünftterinnen, Clara äöiecf, ju gebenlen. 

©he tton ben ©ewanbhauSconcerten auf ein §albjaf)r Slbfdfjieb 
nehmen, motten wir noch erft ihren 40 bis 50 SSertretern im Drehe* 
fter einen ©hrenfranj auffegen. SBir höben feine Soliften wie 33rob 
in SßariS ober Jparper in Sonbon; boch möchten fich felbft faum bieje 
Stäbte eines foldjen 3ufammenfpielS in ber Symphonie rühmen fön* 
nen. Unb bieS liegt in ber Statur ber SSerhältniffe. 2)ie äKuftfer 
bilben fyiet eine gamilie, ^ c täglich fehen, täglich üben; es finb 
immer biefelben, fo bafc fie wohl bie 93eetf)ot»enf^en S^mphonieen 
ohne Notenblatt jptelen fönnten. S)aju nun einen ©oncertmetfter, ber 



mdbüd auf ba3 Seidiger 9Rufif(cBcn im ©ttiter 1837— 183$. 103 

ebenfalls j. 95. bie Partituren be8 Sedieren auäwenbig, einen SMrector, 
ber fte gleichfalte au8* unb inwenbig weife, — unb ber ©hrentranj 
i[t fertig. (Sin befonbereä Statt wünfdjte ich noch bem *ßaufenfcf>läger 
be8 Drcfjeftera (§m. Sßfunbt) ' jugetheilt , ber immer tote 83lifc unb 
Bonner ba unb fertig ift; trefflich fpielt'er fie. 

ßiemlidj baffelbe Drdfjefter, feine jüngeren Söiitglieber wenigftenB, 
finbet man, wie befannt, in ben ©oncerten ber ©efeUfdfjaft ©uterpe 
wieber. Sie 3at)l ihrer ©oncerte war jwölf, wie tjertbmmlid), ba3 
Socal im ©aal beS ipotet be fotogne, ber SHufif übrigeng wenig 
günftig. Referent mu| fidf) aber bei Aufführung ttjrer Seiftungen Iiier 
unb ba auf Referate Dritter bejiehen, ba er nid)t allen Aufführungen 
beigewohnt, ©ine SBergleidfjung ber ßoncertjettet lägt SBeethotoen als 
^ier beoorjugten 9Ketfter erlennen; e8 würben fed^S ©ijmphonieeu von 
ihm gefpielt. ^a^bn fehlt gän^ttc^, wa§ wot)l ein 3 u faß ift; äßojart 
finbet fidf) jweimal, ©pohr einmal. 9leue ©tjmphomeen gab man 
jwei, vom ^Dirigenten ber ©oncerte ß. ©. 2ttüller bie eine [Fdur , 
bie anbere oon SB. ©örgel [Cdur]. Severe foH ni<$t8 Au&erorbent* 
Itcf>e8, fonft aber einen gefdjitften, im Drchefter aufgewogenen 9Jtuftfer 
t>erratf(en haben. 3)ie erftere erwähnten wir fdfjon mit einigen SBorten 
in einer früheren Plummer; fie ift bie vierte be3 ßompouiften unb man 
merft ba$ an ber rafdfjeren geber, bie nicht mehr wie früher an ©in* 
Reinheiten, an Meinen gifl urcn K - hangen bleibt. SBir nannten fie 
auch Reiter ; boef) lommt bie ©timmung vielleicht nidfjt toon innen unb 
forbert etwa mehr jutn SJtaehbenfen über bie §eiter!eit auf. Audf) alä 
wäre ber ßomponift felbft mifctrauifch gegen fein Xalent ber SSuftig* 
feit, untertritt er ftch oft in ben einjelnen ©ä$en burch langfamere 
«3wifd£>enperioben, in ber Art, wie man e8 in Dielen ber fpäteren Ar* 
beiten 93eetl)0t)en8 finbet, bereu ©inbrudE auf unfern ßomponiften 
überhaupt oft jiemlich fühlbar hervortritt, ©igenthümlich ift ba8 3n* 
termejjo im 33ier*33ierteltact an be3 ©cherjoä ©teile. 3m legten ©afc 
geht e8 wnnberlid) unb topf über ; bodf) toermiff ich in ihm ben feine* 
reu SDuft, bie $oefie, bie ben §umor erft lieben&oürbig macht. — 
>8on Duöertüren werben an ben ©uterpe»Abenben meiftenS jwei gege* 
ben; h* er treffen wir auf SBeber, ©Ejerubint u. A. S3on Seethooen 
war e$ namentlich bie in C dur in .if) rer wahrhaft oernichtenben ®e* 
nialität, bereu Aufführung banfenSwertt) ; fie ift bie nämliche, glaub' 
id), au f & ercn Xitel fich Seethooen be§ AuSbrucfä: „gebietet von* 
ftatt be8 „componirt von" bebiente. Aufjerbem eine neue jur Dper 
üleanbro von ß. ®, äRüller, unb bie jum Oratorium „®utenberg* 



104 SRücfMicf auf baS Seidiger SKufifleben im SBinter 1837—1836. 

öou ßoewe, leitete fo oberflächlich wie erftcre fleißig gearbeitet Un* 
ter ben neuen ber ©efettfdjaft jur Aufführung überlaffeuen Duüertüren 
im SWanufcript bemerfen wir, au&er welchen üou 9lot)r (in SRei* 
ningen), ß. Sonrab (in ßeipjig) unb 3. SRüf)Iing (aus SRagbe* 
bürg), als intereffant bie ju ' ©c^iKer^ Räubern" öon ©rnft SBeber 
aus ©targarb, bie wilb unb barbarifdj inftrumentirt, einjelne merf* 
würbige 3nftrumentalfrf|Bn^eiten entfaltet, ber 21rt, bafj fid) ber Som* 
ponift vielleicht felbft üerwunbern mufc, wenn er fie hört; beim eS 
fdjeint mir noch nicht alles aus fünftlertfchem SBewu&tfein gefloffeu. 
SJon SBufung ift namentlich baS jerftücfelt angebrachte Sftäuberlieb 
„(Sin freies Seben", unb üon eigentümlicher SBebeutung ber ©df)lu& 
beS ©anjen auf ber Dominante. Sßon $ariS gefommen, würbe bie 
Duüerture üietleidjt t)on aufmerffameren Dfjren gehört worben fein wie 
bie nun befannte ju ben Francs-Juges toou Serlioj, mit welcher baS 
erfte Soncert eröffnet würbe. 

Unter ben ©olo&orträgen crtjielt man manches SKittetgnt, ba be* 
fanntlich 3eber, ber auftreten will, jugelaffen wirb, (Sinige SluSwaf)! 
wäre bemungeac^tet ju wünfd)en. 2)er erfte SßteiS gebührt ,§ru. 
Uhlrid) mit einem SipinSfifdjen Soncert, irre ich nidf)t, in D dur, beffen 
farmatif^e SEBilbtjcit unfer SBtrtuoS fo ju fagen mehr rjermenfd)lidhte, 
fogar jarter als ber ßomponift felbft fpielte, ber freilidj wieber feine 
anbern ©öttlichfeiten f)at. SBä^renb man in Soncertcompofitionen 
Shtberer t)äufig burd) Gemeinheiten beleibigt wirb, bricht in ßipinSfi* 
fdjen oft etwas tjöchft SKobleS tjinburd^; es ift biefer Unterfd&ieb be* 
merfenSWetth : bort fällt baS ©emeine auf, hier baS (Sble, wiewohl 
fie im ©anjen auf jiemlid) gleicher ßunftlinie ftetjen fbnnen. 

©inen ©djafc öon Äunft boten auch Mefai Söinter bie Quartette 
im Keinen ©aale beS ©ewanbljaufeS, Don ben 2)at)ib, Uhlrid) , 
Queifeer unb ©rabau — an acht Slbenben öierunbjwanjig !Kum* 
mern nämlich, barunter als Softbarfeiten elfter ©rö&e bie in Es dur 
(SBerf 127; unb Cismoll üon Seethoüen, für bereu ©rö&e wir feine 
SBorte aufjufinben üermödfjten. ©ie fdfjeinen mir, nebft einigen 
ren unb Crgelfadjen t)on @eb. 33adf), bie äufcerften ©renken, bie 
menf deiche ftunft unb Sß^antafie bis je&t erreicht; SluSlegung unb 
©rflärung burdf) SBorte fd)eitern Ijter, wie gefagt.* dagegen ergingen 

* $n einem doncertberidjt in ber SBrocfljauSfdjen Mgem. 3tg. fagt Schümann 
einmal über bie legten 23eetf)obenfd)en Quartette: „(£3 ift tr»af)r, jum SSerftänbnijj 
jener faätem 93cetI)Oüen?djen [Quartette] gehört meljr atä bloß 2uft jum §öreu; ber 
empfängli<f)fte, offenste SRufifmenjd) wirb ungeniert öon i^nen ge^cn, wenn er nierjt 



(5. 8. Hlfan, @tübcn. 105 

fidj jwei ganj neue Quartette* üon SERcnbelSf oljn in fo ffön 
menfflifer Sphäre, wie man eS toon iljm als Sünftler wie als 9Äen« 
ffen erwarten fann. Sludj t)ier gebührt if)m bie Sßatme unter ben 
Sritgenoffen, bie iljm nur, wenn er nof lebte, granj Säubert — 
nidjt ftreitig gemalt, — benn alles @igentf)ümlid)e befielt nebenein* 
anber — aber unter allen ber SBürbigfte überreifen müffen. 9lur 
bie SSorjügliffeit eines SßerfeS wie beS in Dmoll üon ©fitbett, 
wie fo meler anberer, fann über ben frühen unb ffmerjlidjfteu lob 
biefeS (Srftgebornen *8eetl)0öenS in etwas tröften; er Ijat in furjer 
3eit geleiftet unb üollenbet, was Sftiemanb öor ü)tn. ©nbtid) treffen 
wir auf in bem feurigen EijfluS auf eine neue ßompofition [inC] 
üon 6. ®. Süi ülter, grünblif, flar, intereffant, t»oü eften Quar* 
tettgefdjmads unb- ber SSeröffentlif ung burf aus wertf). 

©o }iet)en wir benn ben SBorfjang über bie reif belebte ©cene. , 
Streben überall, Äräfte bie gülle, bie 3^ & ie würbigften; — es 
wolle fidj alles in böljerer SSerwanblung wieberholeu! 



(Etirten für JHanoforte. 

<L 35, »ifan, brei grofie <8tftbeu. SBerf 15. 

®er ®eff mad biefeS SKeufranlen ift naf einem flüchtigen 93licf 
in baS $eft ju erfennen unb ff meeft fefjr naf ©ugene @ue unb 
®. ©anb. 2)?au erff ridt r>or folf er Unlunft unb Unnatur. Sifjt 
carifirt wenigftenS mit ®eift; Serlioj geigt trofc aller Serirrungen fyier 
unb ba ein menff lif eS $erj, ift ein SBüftling üoH Sraft unb Sied* 
fjeit; Ijier aber finben wir faft nifts als ©fwäfe unb ptjantafielofe 



tiefe ftenntmfj be3 (SfjarafterS 93eetf)Oüen3 unb beffen fpäterer WuSforadje überhaupt 
mitbringt SDann aber, ift er auf bem SBege baljin, fyat er fie erlangt, fo fann 
aud) bem menfcblidjen (Seifte faum ettoa3 SBunberttwrbigereS geboten toerben als 
jene ©djöpfmtgen, benen in ifjrer tteffinnigen Oeftaltung, ifjrem afle menfdjüdjen 
8a^ungen überfdjtoebenben gbeenffage bon anberer neuerer SKufif gar nitf)t3 unb 
im Uebrigen nur einiges etwa oon Sorb 23toron ober bon 3. $aul$ unb ©oetfje* 
fpätern Sßerfen berglidjen »erben fann. £ier Hegen ©a)ä£e, tjier t)ebe man fie, unb 
gefajä^e e$ unter bem Steigen be3 $ubltcum§, auf baS e3 ja ,in t)öd)ften $ingcir 
nie anfommt; bas SSerbienft bleibt nidjt aus, .unb bem Gtn^elnen gcr)t bod) naa) 
unb nadj bie $>errlicr)feit auf." 

* in Emoll unb Es dar (SSterf 44) 



106 



(£. grauet, Grüben. 



<Semeinl)eit. 2)ie ©tüben tjaben Ueberfdfriften „Aime-moi," ,,le Vent' £ 
unb „Morte" unb jeidfjneu fidf) auf iljren fämmtlidjen 50 ©eitert ba* 
burdf) aus, baft fic nurSßoten ot»ne alle SBortragSbemerfung enthalten; 
bie Kaprice möd)te nid)t getabelt »erben, jumal man ol)nebie$ weiß, 
tüte foldje SJiufif am beften üorjutragen; aber bie innere £eert)eit 
prunft nun aud) nod) mit äußerer, unb roaS bleibt übrig? 3m ,,Aime- 
moi" eine roäfferige franjöfifdje 9Kelobie mit einem SKittelfafc, ber gar 
nid)t jur Ueberfdjrift paßt, im ,,Vent" ein d)romatifcf|eS ©efjeule 
über einen ©ebanfen aus ber A dur*@t)mpt|onie üon 33eetl)ot)en, unb 
im legten ©tüd eine nnbertoärtige Debe, too nid)ts als §otj unb 
©teden unb ©ünberftrid, ba« lefctere nodf) baju au« SBerlioj entlehnt* 
SBir bef^üfeen baS verirrte Xalent, ift nur überhaupt toeld£)eS ba, 
bleibt nur ettoaS SKuftf übrig; too aber jenes eben nodf) jtoetfetljaft 
unb oon biefer nichts ju erbliden als ©djtoarj t)inter ©d)toarj, müffen 
toir uns unmutfjig abtoenben. 

©marb ftrawf, gtuotf ©tttbien« 28erf 1. 

$)aS erfte gebrudte SBerf eines nod) fef)r jungen SüiuftferS, ber 
fid) auf bem Xitel als einen ©djüler 9)ienbelSfot)nS einführt; baS 
leitete lie&e fid) fogar erraten unb an öielen ber ©tüben bie Quelle 
bejeid(nen, an welker ber Stüter melleidjt oljne fein SBiffen unb 
SBoKen gefd^öpft l)at, wie eS im Umgang mit foldj' umftridenbem 
3Äeifter fogar natürlich erfdjeint. ©S finb fomit met)r ©tubien für ben 
Slntor felbft, toie ber SKaler feine ©ntroürfe ja aud) ©tubien nennt, 
als fie eS für Stnbere fein fönnen, bie jtd) lieber gteidf) an baS Dri< 
ginal galten. £ie meifte 83ilbungSfraft unb ®igentl)ümlid(feit fc^eint 
mir in ber erften Kummer beS jroeiten JpefteS unb ber legten beS erften 
ju liegen; jene mufc man gerabeju trefflid) unb gelungen Reißen: im 
legten drittel beS ©afceS gef)t eS fogar, gloreftanifdf) ju reben, „über 
bie ©ädjer*, b. I). ins Ijöljere, feinere ©lement; bie anbere ergebt ftdj 
ebenfalls freier unb felbftänbiger unb t)at Jfraft unb ©aft. 3n ben 
meiften anberen aber üermiffe id( bie ©pi£e, ober, null man, ba ber 
Äünftler überhaupt mefjr in bie Xiefe als in bie §öl)c ftrebt, ben 
©djtoerpunft, ber einen nad)jöge; man ift fertig, ef)e man fid&'S t>er* 
fietjt, eS ift &u nid)tS ©ntfdjeibenbem gefommen, man verlangt meljr 
nqd) ber erften Anlage, bie einen grbfceren Snljatt ertoarten ließ. 3m 
Oanjen mufc aber ber ©ruft ber 3tnfid)t, ber fid) in biefen ©fijjen 
burd&gängig offenbart, bie SJunftmäfcigfeit beS ©afceS, bie Seidjtigfett 



<L <E. 2r. SBeqje, <£tüben. 



107 



bcr Sombination, wie man fie Bei jungen Sünftlern in folgern ©rab 
nur feiten antreffen ttrirb, mit ben freubigften Hoffnungen für bie ßu* 
fünft be3 Somponiften erfüllen, wie fie gewift ein fixeres 3 cu S n i§ 
be8 %lt\%& geben, mit bem er in bie ©efyeimniffe ber tieferen beutfdfjen 
Äunft eingebrungen. Sfttt bem lederen meinen wir uid)t fowof)! bie 
f$uge, bie wir fogar unterbrüdt wünfdfjten, als bie Meinen SBenbungen 
oft (bei SRüdgängen in ben Änfang ic), an benen ba§ ©tubium ber 
SWufter ju erfennen ift, ju beren jpölje fidf} ber junge Äünftler mit 
ber $eit [elbft aufarbeiten möge. 

<£♦ <&. SBetfe, titer Gröben, SBerf 60. 

SSon einem früheren ©tübenwerf beffelben norbbeutfdjen ©ompo* 
niften war fdjon in einem älteren SBanbe ber ßeitfd&rift bie Sftebe unb 
bort be8 ßobeS genug gejagt, ©eftetje id), baft mir baS neue jurüd* 
juftefien fd)eint gegen jenes. 333er bis jur ©igentl)ümlicf(feit burdige* 
brocken, wirb fie nie wteber verleugnen fönnen, wenn er nid)t gerabe* 
ju 3a^re lang feiert; unb fo audj Ijier. 216er über bem einen Sßerf 
waltet mel)r ©egen als über bem anberen, unb biefe 9iu^e unb $u* 
friebenfyeit, bie uns nadf) bem ©enufc beS in SGBcitjc empfangenen ftunft* 
werfe« erfüllt, ift mir bei biefen neuen Xonftücfen nid)t ju Xf)eil wor* 
ben, Süierfwürbig an if)nen erfdf>eint baS Slufleljnen gegen bie enge 
%ovm, batjer fie fid(j oft in baS ©ebiet ber pl)antaftifd>eren Saprice 
verlieren unb nur mifcmutfjig wteber in baS ©leiS einlenfen. ©twaS 
Slel)nIid)eS bemerften wir fdjon bei bem früheren &efte; bod£> gefdjat) 
eS bort nidjt mit Stufopferung ber fronen gorm, bie wir einmal von 
ber ©tübe forbern müffen, unb audj nid&t mit §intanfe|ung eine« 
flar ausgeprägten medf)anifcf)en ßmedeS, wie wir ebenfalls von biefer 
GompofitionSgattung verlangen bürfen. 2Bie beut fei, fo fjabeu biefe 
3Kufifftüde bod) fo viele eigene unb fütjne ßüge aufjuweifen unb un* 
terfd)eiben fid) fdjarf genug von allen anbern ©tüben, ba| fie fidfj 
©pieler, benen es an Senntnife beS ganjen 9teid()rt)umS ber ©attung 
toie an SBielfeitigfeit ber SBilbung liegt, allerbiugS anfetjen müffen. 
93efoitbere 2luS}eid)nung verbient bie le$te; ein büftereS 33ilb, wie baS 
eine« SReifterS, ber feine Seiben burd) Xöne bannen will, großen 
21uSbrudS voH. 

R. ©. 



108 



grcm^ Sdju&ertS le&te (Sompofittonen. 



/ram Huberts Ictjtc €ompo(itioncn. 

2Benn grud)tbarfeit ein §aupitnerfmal beä ®enie3 ift, fo gehört 
granj ©Hubert &u ben größten. Sticht mel ü6er breiig 3af)r alt ge* 
toorben, f)at er junt ©rftaunen mel gefcfjrieben, von bem vielleicht erft 
bie Jpälfte gebrueft tft, ein Xfjeil ijodfj ber SBeröffentlidjung entgegeufie^t, 
ein bei SBeitem größerer Xfjeil aber waljrfdfjcintic!) nie ober naefj langer 
$eit erft in3 publicum f ommen wirb. * 2Iu» ber erften SRubrif £)aben 
fid) woljl feine ßieber am fcfjnellften nnb weiteften verbreitet ; er tjätte 
nadf) unb nad) woljl bie ganje beutle ßiteratur in SRuftf gefegt, unb 
wenn Xelemann verlangt: „ein orbentlidfjer ßomponift muffe ben Xfjor* 
jettel componiren fönnen", fo t)ätte er an ©d&ubert feinen 2Kann ge* 
funben, 2Bo er l)infüf)lte, quoll SRuftf Ijervor: Stefd&ljluS, ftlopftocf, 
fo fpröbe jur Sompofition, gaben nad) unter feinen §änben, wie er 
ben leidfteren Sßeifen 333. 9Jiüller3 u. 91, tfjre tiefften ©eiten abge* 
Wonnen. S)ann finb e§ eine 9Jienge 3nftrumentalfad)en in allen 
gormen unb Slrten: XrioS, SQuartette, ©onaten, SRonboS, Xänje, 
SBariationen, jwei* unb mert)änbig, grofc unb Mein, ber wunberlidiften 
S)inge voü wie ber feltenften ©d)önf)eiten ; bie 3eitfdjrift t)at fte an 
vergebenen Orten genauer d)arafterifirt. 33on ben Sßerfen, bie nod> 
ber 33er5ffentlid)ung entgegenf etyen , werben un£ SKeffen, Ouartette, 
eine grofje §lnjai)I Sieber u. a. genannt. 3to bie lejjte SRubril fallen 
entließ feine größeren Gompofitiouen, mehrere Opern, grofte $ird>en* 
ftüde, viele ©tympljomeen, Ouvertüren u. a., bie im SBefifc ber Srben 
geblieben finb. 3Me sulejjt erfc^ienenen Sompofitiouen ©d)ubert§ Jjaben 
bie Xitet : 

<3rof?e£ $tto für ba£ $tanoforte ju fcier #änben, 923er! 140, 

unb 

3r. Srffubertö oücrlc^te Gompofttton: Stet große Sonaten 
für ba£ ^tauofortc/^ 0 

®3 gab eine. Qtit, wo idj nur ungern über Säubert fpredjen, 
nur SKäcf)ten3 ben Saunten unb Sternen von if)m vorerjäf)(en mögen. 



* (Sine fritifdje GJefammt*9(u$8af>e ber SBerfe 8cfuibert$ crjdjemt je&t bei 
»reitfopf & Härtel. 



gfronj ©djuberte lefcte ßompofitionen. 109 

SBer fcljwärmt nidf)t einmal! (Sntjücft üort biefem neuen ®etft, befjen 
SRei^ttjum mir maß* unb grenjentoS büufte, taub gegen alles, was 
gegen if)n jeugen fönnte, jann id} nichts als auf ihn. 3Rit bem üor* 
rücfenben 2llter, ben wachfenben Stnfprüdjen wirb ber Stete ber Sieb* 
linge fleiner unb fleiner; an uns liegt eS, wie an ihnen* 2Bo wäre 
ber Sföeifter, über ben man fein ganjeS Seben fjinburd) ganj gleich 
bäcf)te! 3ur SBürbigung 33ad)S gehören Erfahrungen, bie bie Sugenb 
nicht ^aben fann; felbft 9JiojartS Sonnent)öh e wirb t)on ihrjuniebrig 
gefehlt; jum SSerftänbniß SJeethoöenS reiben bloß muftfatifche ©tu« 
bien ebenfalls nidjt aus, wie er uns ebenfalls in gettriffen Sahren 
burdf) ein SBerf mehr begeiftert als burdf) baS anbere. So triel ift 
gewiß, baß ftcf) gleiche Sllter immer anziehen, baß bie jugenblicfje 93e* 
geifterung auch am ntctftcn öon ber Sugenb öerftanben wirb, wie bie 
Äraft beS männlichen SöteifterS t)om 2Kann. Schubert wirb fo immer 
ber Siebling ber erfteren Bleiben; er jeigt, was fie will, ein über* 
ftrömenb §erj, füf)ne ©ebanfen, rafcheXhat; erjählt ihr, was fie am 
meiften liebt, öon romantifchen ®efchichten, Gittern, SRäbcfjen unb 
2l6enteuern; auch SB3^ unb §umor mifcht er bei, aber nidf)t fo üiel, 
baß baburd) bit weichere ©runbftimmung getrübt würbe. 2)abei be* 
flügelt er beS Spielers eigene ?ßf>antafic . wie außer 93eetf)oöen fein 
anberer Somponift; baS fieicht*9?a^ahmlid^e mancher feiner Eigenheiten 
toerlodt wohl auch S ur Nachahmung ; taufenb ©ebanfen will man aus* 
führen, bie er nur leichthin angebeutet; fo ift es, fo wirb er nodf) 
lange wirfen. 

SSor jehn Sahren alfo würbe ich Me f e julefet erfchienenen SBerfe 
ohne SBeitereS ben fünften ber SBelt beigebt haben, unb ju ben 
Seiftungen ber (Gegenwart gehalten finb fie niir baS auch ® te 
©ompofüionen toon ©Hubert jäf}le ich fie aber nicht in bie Klaffe, 
wohin ich fr" 1 Quartett in Dmoll für Streidjinftrumente, fein Xrio 
in Esdur,* üiele feiner Keinen ®efang* unb ßlaüierftücfe rechne. 
Namentlich fcheint mir baS 2)uo noch unter Seetho&enfchem ©influß 
entftanben, wie ich e§ bron auch f ür e ^ nc au f ^tö ßlatrier übertragene 
Symphonie hielt, bis mich ba% Driginal*9ttanufcript, ** in bem es üon 
feiner eigenen $anb als „toierhänbige Sonate" bejeichnet ift, eines 
2(nbern überweifen wollte. „2BoHtt Ä fag' ich; bmn noch immer fann 



* $ie ©tjntpfjonie in C toax jur Seit, als Obiges gefd^rieben würbe, nod) 
nidjt Befannt. [Scf). 1852] 

** 3m SBeftfc öon ©fara SBtecf, ber bie gebruefte WuSgabe öon ben Verlegern, 
3)iabeHi & So., getmbmct toax. 



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fjranj Sdjubertö lefcte (SonHJOptionen. 



id) nidf)t t>on meinem ©ebanfen. SSer fo öiel treibt wie ©djubert, 
madjt mit Xiteln am ®nbe nid^t mel geberlefenS, unb fo überfdjrieb 
er fein SBerf in ber (Site üieUeidfjt ©onate, n>ät>renb eS als ©t)mpl)onie 
tu feinem Äopfe fertig ftanb; beS gemeineren (SrunbeS nod) ju er* 
wähnen, ba& fid) ju einer ©onate bodfj immer cJ)cr Herausgeber fanben 
als für eine ©tjmptyonie, in einer Qtit, wo fein 9lame erft betannt 
ju »erben anfing. 2Kit feinem Stil, ber Slrt feiner 33ef)anblung beS 
SlaüierS üertraut, biefeS SBerf mit feinen anbern ©onaten üergleidjenb, 
in benen fid) ber reinfte ßlaöierdiarafter auSfpridjt, lann id) mir eS 
nur als Drdjefterftücf auslegen. 2Kan I)ört ©aiten* unb 83IaSinftru* 
mente, Xutti, einjelne ©oli, Sßauf enwirbel ; bie gro&breite ft)mpl)o* 
nifclje j$om, felbft bie Stnflänge an 33eet^oüenfd)e ©t)mpt)onieeu, wie 
im jweiten ©ajj an baS Slnbante ber jweiten öon SSeet^oüen, im legten 
an ben legten ber Adur*@t)mpl)ome, wie einige blaffere ©teilen, bie 
mir burd& baS Arrangement öerloren ju fjaben fdjeinen, unterftüfcen 
meine 2lnfid)t gleichfalls. ®amit möchte id) baS 2)uo aber gegen ben 
SSorwurf fd&üfcen, ba& es als Klaüierftücf nidfjt immer richtig gebaut 
fei, bafe bem Snftrument etwas jugemut^et wirb, was eS nidjt leiften 
fann, wäfyrenb eS als eine arrangirte ©t)mj>f)onie mit anbern Slugen 
ju betrauten wäre. SWeljmen mir eS fo, unb wir finb um eine ©i)m* 
pfjonie reifer.* 3)ie Slnf länge an 33eett)ot)en erwähnten toir fdjou; 
jetyren toir bod( alle &on feinen ©d)ä|en* 3lber aucf) ot)ne biefen er* 
tjabenen Vorgänger toäre ©dfjubert lein Stnberer geworben; feine ©igen* 
tpmlic^feit würbe Diellei^t nur fpäter burd)gebrodf)en fein, ©o wirb, 
wer einigermaßen ®efül)I unb SBilbung Ijat, 3Jeetl)ot)en unb Schubert 
auf ben erften ©eiten erfennen unb unterf Reiben, ©dfjubert ift ein 
9)läbd)end£)arafter, an Senen gehalten, bei äßettem gefdf)wäfciger, weidf)er 
unb breiter; gegen 3enen cinÄinb, bae forgloS unter ben liefen fpielt. 
So Debatten fidf) biefe ©ijmpl)onieenfäj3e ju benen 33eetl)oüenS unb 
fönnen in ifjrer gnnigfeit gar nidjt anberS als üon ©dfjubert gebaut 
werben. Qtoax bringt aud( er feine Äraftftetlen, bietet aud( er Sötaffen 
auf; bodt) öerfjält eS fid) immer toie SBeib jum Wann, ber befiehlt, 
wo jenes bittet unb überrebet. 2)ieS alles aber nur im Skrgleidfj ju 
53eetl)ot)en; gegen Slnbere ift er nodfj SDiann genug, ja ber tüljnfte unb 
freigeiftigfte ber neueren SJtufifer. 3n biefem Sinne möge man baS 
3)uo jur §anb nehmen. SJlad) ben ©df)önt)eiten braudjt man nid)t ju 
fud)en; fie fommen uns entgegen unb gewinnen, je öfter man fie 



* 3. Soadjim f)at baS $uo tmeber für Ordjefter übertragen. 



J 



gratis ©d}ubert£ legte ©ompofttionen. 



Iii 



betrachtet ; man mufc eS burdjauS lieb gewinnen, biefeS liebenbe Sinter* 
gemütt). ©o fehr gerabe bog Stbagio an SBeet£>ot)en erinnert, fo wüfete 
ich aud) fanm etwa«, wo ©thubert fid^ mehr gejeigt als @r; fo leibhaftig, 
bafe einem wohl bei einzelnen Xacten fein SJtame über bie Sippen 
fthlüpft, nnb bann ^at v S getroffen. 5tud) barin werben wir überein* 
ftimmen, bafc ftdfj baS SBerf öom ?tnfang big jum ©djlufe anf gleicher 
Jpöf)e hält; etwas, was man freiließ immer f orbern müjjte, bie neufte 
ßett aber fo feiten leiftet. deinem SHufiter bürfte ein foldfjeS SBerf 
fremb bleiben, nnb wenn fie manche ©d)öpfung ber Oegenwart uni> 
xrieteS Änbere ber ßufunft ™fy öerftehen, weil ihnen bie ©mftcht ber 
Uebergänge abgebt, fo ift eS ihre ©cfjulb. S)ie neue fogenannte ro* 
mantifdfje @djule ift feineSwegS aus ber ßuft herabgewachfen ; eS f)at 
alles feinen guten ©runb. 

Die ©onaten finb als baS tefcte SBerf ©dfjuberts bezeichnet unb 
merfroürbig genug. SSicIIcic^t bafc anberS urteilen würbe, wem bie 
3«it ber ®ntftef)ung fremb geblieben wäre, — wie ich felbft vielleicht 
fie in eine frühere Sßeriobe beS ÄünftlerS gefegt hätte, unb mir immer 
baS Xrio in Esdur als Schuberts lefete Slrbeit, als fein Sigenthüm* 
lidfjfteS gegolten §at. Uebermenfchlich wäre eS freilich, bafe fid£j immer 
fteigern unb übertreffen fottte, wer wie ©dfjubert fo öiel, unb täglich 
fo öiel componirte, unb fo mögen auch biefe ©onaten in ber Xhat 
bie legten Arbeiten feiner §anb fein. Db er fie auf beut ®ranfen* 
lager gefdfjrieben, ob nicht, fonnte id) nid^t erfahren; aus ber 9Rufit 
felbft fdfjeint man auf baS erftere fchliefcen ju bürfen;* bod) ift auch 
möglich, man fietjt mehr, wo bie Sß^antafic burch baS traurige „Silier* 
lefcte" nun einmal t)om ©ebanfen beS nahen ©Reibens erfüllt ift. SBie 
bem fei, fo fcheinen mir biefe ©onaten auffallenb anberS als feine 
anbew, namentlich burch eine mel größere ©tnfalt ber ©rfinbung, ^ ur( ^ 
ein freiwilliges SRefigniren auf glänjenbe SReuheit, wo er ftd) fonft fo 
Ijohe äfofprüdje ftellt, burch SluSfpinnung t)on gewiffen allgemeinen 
mufilalifchen ®ebanlen, anftatt er fonft *ßeriobe auf ^ßeriobe neue 
gäben öerfnüpft. Öls fönne eS gar fein @nbe f)cfotn, nie verlegen 
um bie golge, immer mufifalifch unb gefangreich riefelt eS üon ©eite 
ju ©eite weiter, hi<* unb ba burch einzelne heftigere Regungen unter* 
brodln, bie fidf) aber fcfjnett wieber beruhigen. Db in biefem Urteile 
fdjon meine ^S^axttaftc burch bie SBorftellung feiner 5tranft)ett verführt 



* $ie Sonaten finb im ©ejrtember 1S2& getrieben, aljo au einer 8eit, too 
(Säubert fränfelte nnb in orstli^er SBefyanblung toax. 9lm 19. ißot-ember ftarb er. 



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3. 9ttofcf>e(e£, Stubten für ^tcmoforte. 



fdfjeint, mufc idf) 3tut)igeren übertaffen. So aber wirften fic auf mid). 
2Bof)lgemutI) unb leicht unb freunblid) fdjliefct er benn and), als fomte 
er XageS barauf wieber t)on Beuern beginnen. ®£ war anberS be* 
ftimmt. SDtit ruhigem Stntlifc f onnte er ber legten 9Äinute entgegen* 
treten» Unb wenn auf feinem Seidjenftein bie äBorte ftef)en, bafc unter 
ifjrn „ein fdjöner 33efi|, aber nodj fernere Hoffnungen** begrabtn 
lägen, fo wollen toir banfbar nur be§ erftereu gebenfen. Sftadfföugrübeln, 
was er nodj erreidfjen fönnen, fü^rt ju nichts. 6r fjat genug getrau, 
unb gepriesen fei, wer wie er geftrebt unb üoUenbet. 

3t. 6. 



3. Motyths, 

Sljaralterifttfdje (Stubten für ba£ ^tanoforte, SBerl 95. 

S)ie fpäteren ©tübenwerfe ber befannteren @tübenfd)reiber fyaben, 
wie uns bie ©rfafjrung fagt, fiel) nid)t bie $unft unb ben ©tnffu§ er* 
ringen fbnnen als tfjre früheren. 93on benen üon ßramer fennen 
nur SBenige, was er außer feinen jwei erften heften geliefert; ebenfo 
t)on benen üon £. Serger, SBetjfe, (S^opin, 31. Schmitt it. Ä. 
S)ie ©rünbe finb tüot)I aufjufinben. ®ineSt!)eitS finb jene fpäteren 
(Sammlungen in 8Birflid£)feit unbebeutenber , benn ber ©omponift er* 
frf)öpft fid) enbttdf) in folcfyer Keinen gorm, ober er bringt SteltereS 
wieber jum SBorfdjein; bann verlangt baS publicum audf) (Steigerung, 
wo feine mefjr ju erreichen; enbtid) burdjfreujen fid) gerabe in biefer 
©attung bie ©rfdfjeiuungen fo tafdj unb öielgeftaltig , baß fidf) nur 
baS ShtSgejeidfinetfte über beut Strome ju galten üermag. Surj, wir 
fef)en auf ben Slatneren bie beiben erften ipefte ber ßramerfdjen, 
ßfyopinfdjen jc. ©tüben weit öfter als bie fpäteren. StudE) biefe neue 
Sammlung t)on 9Jtofdf)eleS wirb bie alte beräumte nidfjt üergeffen 
madfjen, unb foQ es aud) nid)t. 3)er üeretjrte ©omponift fprtdfjt fiefj 
in einem beinat) ju furjen SSorwort über ben Qxoed feiner neuen 
©tüben, über baS, was fie üon ben älteren unterf dfjeibet, felbft aus. 
9Jiedf(anifd()e SluSbilbung ber §anb, bie üielfeittgfte, wirb natürltd) fdfjon 
öorauSgefefct; ebenfo Wüufd)t er Senutnifc feiner älteren ©tüten. 



* SBortc ton ©rtUparaer. 



3. SÄofdjeleS, ©tubicn für panoforte. ' 113 



„2)er ©pieler ift befonberS barauf angewiefen, burdf) feinen 33or* 
trag btejenigen Sftegungen, Seibenfdfjaften itnb ©mpfinbungen auSju* 
brüefeu, bie beut SBerfaffer beim (Betreiben biefer Xonftücfe öorgefdfjwebt 
unb bie er bnrc§ bie d^araJtcrtftif d^cn ÜJlamenSbejeidfjmmgen, bie einem 
jeben ber ©tüdte oorgefefct finb, fotoic burclj bie ben Vortrag bejeiel}* 
nenben Sunftwörter , bie im Saufe beä SßerfeS üorfommen, nur leife 
anbeuten tonnte* :c, 

SJian t)at biefe Ueberfcljriften über SJiufifftüdfe, bie fidE) in neuerer 
3eit wieber üielfai) jeigen, t)ier unb ba getabelt unb gejagt, „eine 
gute Sßufif bebürfe fold^er gingerjeige nidjt", ©ewifc nidfjt: aber fie 
büfjt baburdfj ebenfo wenig etwas üon i^rem Sßertf) ein, unb ber ßom* 
ponift beugt baburrf) offenbarem Vergreifen beS SfjarafterS am ficfjer* 
ften üor, Xljun es bie 2)id(}ter, fudjjen fie ben ©inn beS ganjen ©e* 
bidfjteS in eine Ueberfdfjrift ju üerf)üflen, warum fotten'S nidfjt audjj bie 
üRuftfer? 9lur gefcljelje foldjje Slnbeutung burdf) SBorte finnig unb 
fein; bie SSilbung eines 3Kufifer3 wirb gerabe baran ju erlernten fein. 

©o erhalten wir benu in ben üorliegenben ' @tüben jwötf rf)araf* 
terifttfdfje Silber, beren S3ebeutung burrf) bie Ueberfdfjriften el)er ge* 
wtnnt. SBir fönnen fie naclj if)rem Sn^alt in trier Abteilungen brin* 
gen. 3n ber einen werben uns belannte, unb jwar m^tt)ologifd^e 
Gfjaraftere gef dfjübert; baljin gehören bie mit „3uno" unb ,,Xerpfid(jore" 
Bejeid^neten Sümmern; in ber anbern ©cenen aus bem Seben unb 
nadf) ber Statur: baS „33acct)anal", bie „S3oIfSfeftfcenen" unb „SDtonb* 
nadjt am ©eegeftabe"; in ber britten pftidjjifclje ßuftänbe: „ßorn", 
„SBiberfprudf)", „ßärttidOfeit", „Slngft", „Verfolgung"; in ber Ickten 
<£laffe ftetten fidjj als toerwanbt bar: „Jfinbermärd&en" unb „Xraum", 
3m $efte felbft ftefjen bie ©tüdEe in bunter SJtifdfjung, l)ier unb ba, 
um fie f)intereinanber fpielen ju fönnen, üom ©omponiften burdfj lurje, 
bie Xonarten überleitenbe ,3roifdE)enfpiele üerbunben, bie wir manchmal 
äiefleidjt ausgeführter wünfcf)ten. 

SSCuf bie Stummem ber erften Abteilung möd^te irf) umgefe^rt bie 
©oetfjefcijen SBorte anwenben : „je met)r bu füljlft ein SJtenfcl} ju fein, 
je ä^nlid^er bift bu ben ©öttern". ©erabe in biefen Silbern, bie ben 
Flamen jweier $)immlifd^en tragen, erfdjjeint bie ^antafie beS SJünft* 
lerS gefeffelt; gerabe in biefen üermiff tc!j Seben unb SBärme ber 
3Äufif. 2Die formen finb fdf)ön unb rtdjtig, bie ©fjaraftere mit benen 
ber 2Jit)tf)otogie in Uebereinftimmung ju bringen; im ©anjen aber 
fcliefen bie ©tüdfe lalt wie ©tatuen unb wirfen unter allen am wenig* 
ften, wie icf) wieberfjolt an mir wie an Slnbern erfahren, dagegen 

©djumann, @ef. ©Stiften. II. 8 



114 



3- SKofäeteS, ©tobten für ^tanoforte. 



i)at bie 3Äufif 9Kacf|t unb SKittel, bcr $f)antafte Silber jujufüliren, 
wie fic uns burdf) btc Ueberfcfyriften ber anbern Stöttjeilung näi)er be* 
jeidf>net werben. £>a3 „93acdf(anal" ift ein grtcd^tfd^c« claffifdf)e3 unb 
f)at einen fc^r d(jarafterifttfdt)en ©runbton. 3to ben „SBolf Sf eftfee* 
nen" rollt ber Somponift ein lebenbigeS (Semälbe auf, in baS ify 
metteidf(t audfj einen äJlanbotinenfpieler f)ineinwünfdf(te, tdfj meine als 
©egenfa| ju bem tnelftimmigen S)urd^einanber eine leifer gehaltene 
ßantilene. 5Da» ©tücf ift ber intereffanteften ßüge tiott. SBaS man 
t)on ber „SRonbnadjt am ©ccgcftabc" ju erwarten fytt, fagt bie 
SRufif am beften. SDic Xonart ift As dur unb baS ©tüd fieljt fid> 
fdfjon romantifdf) an. Sennett f)at in feinen ©fisjen, in ber mit .,the 
Lake'* überfdf)riebenen, etwas fef)r 8M)nlidf)eS gegeben. 

Unter ben Stummem, bie uns pfe<$ifdje ßuftänbe malen, mödjf 
idfj bem „SBiberfprudf)" ben SßreiS juertennen. Die leid&te, fidlere 
3eid)nung, ber StuSbrudE beS feinen ©potteS, ber biefe 9Ruftf df>araf* 
teriftrt, unb in mufifalifdfjem 33etradE)t bie geiftreidfje fjarmonifcfye SSer* 
mebung machen fie ju einer ber auSgejeicijnetften unb wirtungS&oUften 
ber ©ammtung. Sbenfo ift bie mit „Qoxn" überfd&rtebene ein oortreff* 
lidf>eS 3Jtufifftü<f, obgleich id) in feinen Stjaralter eine eblere 9legung, 
metjr Winnen ©tolj, energifd&eS 2luflef)nen legen möchte unb es in biefem 
©inn vorgetragen wfinfdfjte. S)ie Stummern „8ärttidf>!eit" unb„Ser* 
f öf) nung" finb mef)r geiftreief) gebadet als gemütljlidf) ; in teuerer f)errf<f|t 
jebodf> ein befonberS fdfjbner ^optaut, 3)aS mit „Stngft" überfctjriebene 
©tücf, baS Xcfete beS $efteS, erfüllt alles, was bie Ueberfc^rift fagt. 

(SS bleiben nodj baS „Sinbermärdfjen" unb ber „Xraum" 
übrig, bie mir als bie jarteften unb poetifcf)ften ber ©ammlung gelten. 
§ier, wo fie ins Ueberfinnlid^e, in baS ©eifterreidf) Ijinüberfpielt, übt 
bie SKuftf it)re üolle ©ewalt. Siamentlidf) ift baS Äinbermärd&en ein 
t)öd(}ft ergöfclid&eS 33ilb, in glüdtlidfjfter ©tunbe erfunben, äufeerft fau* 
ber unb nett ausgeführt; feine Stote barf f)ier anberS fielen; auc£ 
bie Ueberfdfjrift trifft ben Geratter ber SKufil aufs ©enaufte. 3m 
„Xraum* fliegt es anfangs bunfel auf unb nieber: man weife, wie 
bie 9Rufif träumen, wie man in it)r träumen fann; erft in ber SRitte 
ringt fid& ein entfd^Ioffenerer ©ebanfe loS; bann öerfd&winbet alle$> 
wieber in baS erfte leife 2)unfel. 

SSon ben früheren (Stüben unterf Reiben fid} biefe neuen atlerbingS; 
fünfje^n 3<rf)re, bie wäljrenb* beS 9lieberfd^reibenS jener üerfloffen. 



* feit bem SRieberjdjrei&en (?) 



(Srfter Duartett*2Rorgen. 



115 



machen wot)l einen Unterfdf)ieb. 3)er Stil ift womöglich gebrungener, 
bie Harmonie combinirter, gewählter, überall t)err^t mehr ber ®e* 
banfe öor, währenb bie älteren, tüte natürlich, ben SSorjug größerer 
Sugenb, lebhafterer ©mpfinbung tiorauS haben. 3njwifchen ^at ber 
Eomponift auch manche 3Äittel ber neuften ©chule nidf)t untierfucljt 
gelaffen, wie benn auch oon ty m romantifdf)en gärbung in feinen 
©ebanfen h^r unb ba burchfehimmert ©in tiortrefflidjer SÜinftler jeigt 
er fich h^ wie bort. SR. ©. 



(Erfter Änartett-iWdrjen. 21 

3. 3. SSerfjutft, Quartett für 2 Stoimeit, ©ratfdje unb Violoncello (Asdur), 
9Banufcrtyt. 

& Sj)of)r, 33rittantcjg Quartett (Adur), 3Berf 93, 
Seopolb gua)3, Quartett (Cmöll), SBerf 10. 

„©ab es ©d^uppaitgifll)fc^c, giebt es ©oüibfd^c Quartette, warum 
nicht auch — ", bachte ich 6ei wir unb bat mir ein Äteeblatt jufam« 
inen. „®S ift noch ™fy Ian 9 c eröffnete ich biefem, „bafc £at)bn, 
SRojart unb nodj Siner lebten, bie Quartette gef djrieben : f oUten folche 
93üter fo wenig würbige (Snfel hwtertaffen, biefe gar nichts üon jenen 
gelernt höben? Unb fönnte man nicht nachfühlen, ob ein neues (Senie 
ugenbwo unter ber ßnoSpe, baS nur ber Berührung bebürfe? 9Rit 
einem SBorte, SSerehrtefte, bie Snftrumente ftehen bereit unb beS bleuen 
giebt es mancherlei, baS gefpielt werben fönnte in unferer erften 
SRatinie/ Unb ohne üiel SebenfenS, wie es bügetfeften 3Äufifern 
jiemttch, fafcen fie an ben Sßulten. (Sern berichte ich, «ttcr welchen 
SBetfen uns ber SKorgen Derftoffen, wenn aud) nid)t im fritifd^en 
Sctpibarftil, fonbern in leichter SBeife ben erften Sinbrudf fefthaltenb, 
ben jene auf mich, jugleich mit SEBahrnehmung beffen, ben fie auf bie 
Duartettiften felbft gemalt, ba ich einen einfadjen glttd) eines 9Rufi* 
ferS oft h&h er önfdhtage als ganje Slefthetifen. 

S3on einem Quartett üon §rn. 3. 3- 33erf)ulft bürfte man 
eigentlich nid£)ts öerrathen, ba eS eben noch mm aug t> er Sßerfftatt, 
noch SäRanufcrijrt unb baju baS erfte ift, *baS ber Somponift gefdjrie* 
ben. Snbefj ba bie 3 u * un ft manches Erfreuliche öon biefem jun* 
gen Äünftler üerfprechen barf, fein SKame über furj unb lang boch ber 

8* 



116 



©rfier &uartett*3ftorgcn. 



Dcff entlief ei t verfallen wirb, fo fei er vorläufig als ein STOufifer t)on 
33eruf eingeführt, bem feine ©eburt als §oüänber ein jweiteS Sntereffe 
üerlei^t. @o fcficn wir in neuer Qüt aus allen SSölIerfd^aften junge 
Talente Iierüorftetgen: aus Siufjlanb berietet man t)on®tinfa; Sßolen 
gab uns Chopin; in Sennett hat ©nglanb einen SBertreter, in Serltoj 
granfreidf); ßifjt als Ungar ift befannt; in Belgien wirb tion §anfenS 
als öon einem bebeutenben Xalente gefprocljen; in Statten bringt jeber 
grühling welche, bie ber Sßinter lieber üerweht; enblidj fommt aud) 
|>ollanb, baS uns fonft nur SDtater fanbte, obwohl auch üan 93ree 
u. Ä. fid^ befannt gemalt. 

2) aS Quartett unferS §ot(änberS geigte nichts üom ^ß^tegma, 
baS man feinen SanbSleuten toorwirft, fonbern im ©egentheil lebhaftes 
mufifatifcheS SKaturetl, baS fid^ freiließ in einer fo fchwierigen gegebe* 
nen gorm noch mit ÜÄiüje in ben ©chranfen ju galten hatte. Srfreu* 
lief) toar, bafe gerabe ber ©a|, in bem fid) baS ©afein innerer ÜDtuftf 
am beutlichften befunbet, baS Slbagio, ber gelungenfte beS Quartetts 
war. Stuf folgern SBege fortgehenb wirb fich ber junge Sünftter 
Sfraft unb 2eidf)tigfeit erringen; gegen ftarlen 3rrthum fdfjüfct ihn fo* 
gar ein großer Snftinct beS 9tid(}tigen unb ®efe|mäf$igen, unb fo wäre 
nur noch auf größere Sßrägnanj, auf Erhebung unb SBerebtung beS 
©ebanfenS ju achten, was freiließ weniger @adf)e beS guten SBittenS 
als beS guten ©eifteS. 

3) aS Quartett fpielte fich hierauf ein neues tion ©pohr fcor, in 
bem uns mit ben erften Xacten ber befannte SReifter entgegentritt. 
2Bir famen fchnetl überein, bafe h* cr m & ÖU f glänjenbeS ^eröortreten 
beS erften Spielers als auf funftreidfje SSerwebung ber SBiere gefe^en 
war. 3Äan fann nidfjtS bagegen fyobtn, wo es offenbar fo unb nicht 
anberS fein fotl, unb es begiebt fidfj biefe Quartettweife toon felbft ber 
hohem Slnfprüdfje. gormen, SSenbungen, SDtobulationen, SMobieen* 
falte waren ebenfalls bie oft gehörten ©pohrS, fo ba| es fcljien, bic 
Quartettiften unterhielten fich öom SBer! wie üon einem befannten 
©egenftanb. (Sin ©cherjo fehlt, baS überhaupt nicht beS SßeifterS 
©tärfe, wie benu baS ©anje einen bef baulichen, wenn man fo fagen 
fann, bibaftifchen ©harafter hat. $m 9tonbo feffelt ein feljr artiges 
Xhema, bem man nur ein fich mehr marfirenbeS jweiteS entgegenge* 
fteöt wünfehte. ©ine S3emerfung brängt fich mir tyvc uodfj auf unb 
jwar burch einen Vorwurf eines ber Duartettfpieler üeranlafjt. Sunge 
Slünftler, bie immer SKeueS, womöglich ©sceutrifd^eS wollen, fragen 
jene flüchtigen, fo fdfjnell empfangenen wie üoHenbeten SBerfe auSge* 



(Srficr Duartett*2Äorgen. 



117 



bübeter äßeifter meiftenS ju gering an unb irren in iljrer Sßeinung, 
baß fie es eben fo machen fönnen. @S bleibt immer nodjj ber Unter* 
fd^ieb jwifdfjen 3Äeifter nnb 3ünger. 3ene eilig Eingeworfenen Slamer* 
fouaten SBeetljoöenS, nod) meljr SäRojartS, bereifen in if)rer f)imm* 
lifdfjen Seidjtigfeit in eben bem ®rabe bie -äKeifterfdjaft als iljre tiefe* 
ren Offenbarungen; baS fertige SDieiftertalent jeigt fidf) eben barin, 
baß e8 bie fiel} im Seginn beS äBerfeS gezogenen Sinien nur lofe um* 
fpielt, wäljrenb baS jüngere ungebilbete, wo es bo<f( audf) tiom SBoben 
ber ®ewöl)nlicf)feit ausgebt, bie ©eile immer fjöljer anfpannt unb fo 
oft tierungtücft. 2)ieS auf baS Quartett oon ©pol)r anjuwenben, fo 
benfe man fidf) nur ben Warnen beS Somponiften unb feine berühmte* 
ren Seiftungen weg, unb eS bleibt nocf) immer ein in gorm, ©afc unb 
©rfinbung meifterljafteS, baS fidf) nod) tjimmelweit öon bem eines 
SSielfdfjreiberS ober Stüters unterfdfjeibet. Unb baS ift ber Sofjn ber 
burdf) gleiß unb ©tubten gewonnenen SDieifterfdfjaft, baß fie fidj bis 
ins t)of)e älter ergiebig geigt lüäljrenb beim leidf)tfinnigen Xalent baS 
SSerfäumniß ber ©df)ule bodf) einmal burd^bric^t. - 

SSon großem 3ntereffe für uns Sitte war ein toor ungefähr einem 
3a^r erfdf)ieneneS Quartett Don 2. $ud)S. 25er ßomponift lebt in 
Petersburg als Pfleger ber ebleren Shtnft im engeren Eirlel, allgemein 
gefd&afct als Selker beS ©afceS, als beffen S3el)errfdf)er er fiel) nun audf) 
praftifdf) erweift. 3)aS Quartett ift nid)t fo üerwidelt, baß man mit 
ber Partitur in ber §anb, bie uns tiergönnt war, es nidfjt nad) Sin* 
mal*8lnt)ören in feinen §öl)en unb Xiefen überfein fönnte, unb aud) 
ofjnebieS müßte bie ©igentpmlid^feit in gorm unb ®ef)alt barin in 
bie Slugen fpringen* Stm eljeften möchte man an OnSlow als baS 
SSorbilb beS ßomponiften benfen ; bodf) blicft audfj ©tubium ber weiter 
jurücfliegenben SJunft, ber S3adjfd)en, wie ber neuften 93eetf)obenS l)in* 
burd(). ®S ift, im ©egenfafc ju bem befdjjriebenen ©pot)rfdf)eu, ein 
wahres Quartett, wo 3eber etwas p fagen l)at, ein oft wirflidfj fd&ön, 
oft fonberbar unb unflarer tierwobeneS ®efprädf) tion tiier 2Jienfd)en, 
wo baS gortfpinnen ber gäben anjief)t wie in ben SHufterwerfen ber 
legten Sßeriobe. 3)aS Sßadenbe, 9iact)l)altenbe 93eetf)oüenfe§cn ®eban* 
lenS finbet man eben nid&t oft, unb barin ftef)t aud) baS Quartett 
jurüd ; im Uebrigen aber intereffirt es bis auf einjelne mattere Xacte 
burdf)weg burdfj feinen feltenen @rnft unb feine auSgebilbete Äraft im 
Stil. 3n ber gorm erfd)eint es uns ebenfalls gut unb namentlidf) 
in ber ®igue unb bem legten ©afce pifant. 2>ie ®igue gehört frei* 
lid) gar nidf)t in baS Quartett, was idfj fogar befeuern fann, ba baS 



118 



tfroeiter Cuattctt*3Rotöcn. 



3Jtanufcript ein ganj anbereS ©ßerjo enthält, baS wol)I auß mtfyx 
ju ben anbern ©äfcen pafct, atlerbingS aber auß weniger intcreffant 
ift als jene; boß entftanb burß biefe SSeränberung baS anbere Uebel, 
bafj bie ®igue in B dur fpielt, wißrenb ber folgenbe (lefcte) ©afc in 
Cmoll: eine Xonfolge, bie tß in einer gorm, beren Strenge eben 
ifyre @ßönl)eit, nißt billigen fönnte. 3m Stnbante ift, naß Strt 
eines befannten $aijbnfßen Quartetts, ber neue ruffifße SBoffSgefang 
(öon Söoff) eingeflößten unb tiariirt. äßan weift, wie folß grembeS 
nur feiten in ben eigenen Sbeengang paffen will, unb f o l)ätte iß auß 
lieber ein SBerf geliefert, baS iß ganj mein nennen lönnte, als wo 
wenigftenS bie tjö^ere firitif ben patriotifßen 33ejug nißt anerfennen 
!ann. 3nbefj mag ber gefßäfcte 2Rann, wie wir työren, noß manßeS 
iljm allein anget)örige Quartettwert in SBorratl) J)aben, mit beffen 
SSeröffentlißung er bie greunbe eßter Quartettmufif balbigft erfreuen 
woüe- «. ©. 



Zweiter (Quartett borgen* 

<L $ecfer, Quartett (Cmoll), SBcrf 14. 

(L ©. föeijnger, Cuartett fAdur), SSerf 111, 9h:. 1. 

£. ßtjerubini, ©rftcS Cuartett (Es dur). 

SSergleiß' iß bie Oefißter manßeS bie ©ewanb^auStreppen l)in* 
auffteigenben unb jitteroben ÜÄufiferS, ber etwa ein ©olo tiorjutragen, 
mit benen meiner Quartettftneler, fo fßienen mir lefctere um vieles 
benetbenSwerßer, ba unfer Quartett jugleiß fein eigenes publicum ift, 
folgliß nißt bie geringfte Slngft jeigte, obwohl einem tior bem genfter 
laufßenben Sinbe unb einer l)ereinfßmetternben Siaßtigaö baS $u* 
^bren feineSWegS geftört würbe, äRit orbentlißer Segeifterung ftimmte 
man alfo fßon, fiß hierauf in ein neues aus Serlin getommeneS 
Quartett öon §errn (L S)eder ju ftürjen, baS in ber Xöat paffenb 
genug für folße ©timmung; burßauS abfüljlenber SKatur nämliß. 
SBaS fott man über ein Sßerf fagen, in bem fiß fißerliß Vorliebe für 
eblere äRufter unb ©treben naß Xüßtigem auSfprißt unb baS bennoß 
fo wenig wirft, bafe man einen © traufc um fein Xalent beneiben müßte, 
ber'S aus ben Slermeln fßüttelt unb baS ©olb bafür in bie Xafße. 
©oK man tabeln? ben Gompontften Iränfen, ber fein äRöglißfteS 
getrau? ©oH mau loben, wo man fiß gefielen mufc, leine reßte 



3toeitct Guartett*3Äorgen. 



119 



^reube gehabt ju tjaben? ©oll man tion weiterem ßompontren ab* 
ratzen? 3)er ©ompomft fäme bann nicf)t weiter, ©oll man if)tn ju* 
reben, me^r &u fd&reiben? @r ift nidf)t reidf) genug unb würbe eS l)anb* 
werlSmäfcig treiben, ©o mödjten wir benn Sitten, bie, oljne Dom 
©eniuS befeelt ju fein, nun einmal compomren, tt)ren Sifer für bie 
gute ©adf)e ber ftuttft betätigen wollen, ben 9lat^ geben, fleißig fort 
ju fd&reiben, aber mit ber Sitte, nid)t alles audf) bruefen ju laffen. 9lo<f) 
e^er gefybrten bie 3*ttljümer eines großen XalenteS ber SBelt an, Don 
benen man fogar lernen unb nfifcen fann: btofce ©tubien aber, erfte 
SBerfudffe behalte man in feinen trier glüdlidf)en SBänben. ©tubien im 
Cluartettftil möc^t' id) benn aud) baS Duartett biefeS Eompontften 
nennen. 2ftandf>eS gerät!) iljm: er l)at ben ©til, ben ©Jjarafter ber 
merftimmigen ÜÄufif richtig erlannt; aber baS ©anje ift troden, ffelett* 
artig ; eS fet(lt ber ©djwung, baS fieben. S)er Anfang beS BuartettS 
ift gut unb fdfjarf gejeid^net unb mad)t Hoffnungen; babei bleibt eS 
aber audjj; fd^on baS jweite %f)tma ftic^t ab unb erfdjeint uns arm. 
Sie Verarbeitung im 9Kittelfa| mit Umfetyrung beS Xl)emaS mag nid&t 
getabelt werben, obwohl man Ujr nodf| ÜÄülifamfeit anmerft, bagegen 
ber SRütfgang in ben ©runbton leidet unb glüdlid) gelingt, aud) ber 
©dfjlufj beS erften ©ajjeS nur ju toben ift. äRan rnufc eben alle« 
@ute nodfj l)erauSfud)en. 2)aS Slbagio l)at biefelbe Xrodentjeit; baljin* 
gegen wir im ©djerjo meljr SebenSelemente, einjetne fel)r artige 3 U ' 
fammenftettungen unb SBiberf daläge antreffen, worauf fid) baS Xrio, 
namentlich bei ber SBieber^olung, fef)r gut aufnimmt. 35aS ginale 
enbliclj fyat biefelben SBorjüge unb SäKängel, bie wir an ben erften 
©äfcen bemerften, fd^einbar audfj etwas meljr Seben, was bie rafdfjere 
©ewegung mit fid) bringt, unb ebenfalls gute (Sinjeln^eiten, nichts 
aber, was uns inniger ftimmte, was uns rührte ober freubiger machte* 
SSerftanb unb guter SBitte behalten bie Dberfymb; baS $erj ge^t leer 
aus. Sßie nun aber jeber junge ©omponift, ber ftdfj in einer ber 
fdEjwterigften ©attungen öerfud)t, mit SuSjeid^nung ju befjanbeln, fo 
fönnen wir it)m audO biefe feineSwegS tierfagen, unb fo fdfjreibe er 
inutljig weiter unb ergebe ftd) t)ietleid£(t toorijer einmal ein 3al)r im 
frönen Statten ober fonft wo, bamit ber ^antafie freubige Silber 
jugefül)rt werben, bamit, was jefct nur SJlätter unb Steige, fpä* cr 
emdj S3lumen unb grüßte trage. 

SlSbalb gelangten wir ju einer neuen ßrfdfjeinung in ber mufifa* 
lifd&en Siteratur, ju einem Duartett Dom Capellmeifter SReifciger, 
unb jwar bem erften, baS er ebirt. SS erfreut unb reijt fdjon, einen 



120 



3tt>etter Ouartett^orgcn. 



fertig geglaubten, in gewiffe gormen eingetriebenen Eomponiften 
etwas SfabereS unb Schwereres angreifen &u fef)en. äJlan fdjafft nie 
frijdjer, als wo man eine ®attung ju cultiöiren anfangt. SlnbererfeitS 
hat freiließ jeber neue SBerfudfj in einer Dörfer rtid^t geübten gorm, unb 
würbe er auch toon einem SKeiftertalent unternommen, feine Schwierig* 
feiten, ©o fehen wir Cherubim an ber ©tymphonie fcheitern, fo hat 
felbft 93eetf)Oüen, wie wir in ben jüngft angejeigten 9Rittt)eiIungen fcon 
Dr. SBegeler lefen, mehrmals ju feinem erften Quartett anfefcen müffen, 
inbem aus bem einen begonnenen ein Xrio, aus bem anbern ein Quin* 
tett entftanben. Unb fo wirb uns auch meleS in biefem erften Quartett 
üon Stetiger (bie häufige adjtelbegleitung in ber jweiten Sioline unb 
83ratfd)e, gewiffe Drchefterft>nfopen :c.) an ben routinirten ©efang* unb 
ßlatuercomponiften gemahnen; was wir aber fonft an ihm SiebenS* 
würbiges lernten, giebt er auch ^ier aus öoßen §änben : runbe gormen, 
lebhafte SRf)^tt)men, wof)tHingenbe ÜMobieen, jwifcf)enburcfj freilich 
üiet DftgeljörteS, meleS, was an ©pohr (gleich ber Stnfang), an QnS* 
low (baS %xxo im ©cherjo), an Seetljoüen (ber ßwifdjenfafc in Edur 
in ber erften §alfte beS erften ©afceS), an SRojart (ber Cisnioll* Saft 
im 3tbagio) unb an anbereS erinnert. Sinen großen Criginalwerth 
mag id) bemnadj bem Quartett nid)t beilegen ober if)m ein langes 
Seben üerfpred)en; eS ift ein Quartett jur Unterhaltung guter ®itet* 
tauten, bie noch üoüauf ju tf)un h&ben, wo ber ftüuftler üom gad) 
mit einem Ueberblicf f d)on bie ganje ©eite ^eruntergelefen ; ein Quartett 
bei fettem Äerjenglang unter frönen grauen anjuhören, wäfjrenb wirf' 
liehe SBcet^oüener bie XIjür üerfdhliefcen unb in jebem einjelnen Xact 
fdfjwelgen unb faugen. 2)ie einjelnen ©äfce anzuführen, fo möchte 
id) bem ©cherjo ben SSorjug geben, namentlich bem fünften bis achten 
Xact im Xrio; if)m junäc^ft bem erften @afc, wenn er eine fidfj'S we= 
niger bequem madjenbe gorm unb einen weniger matten ©d)lu§ I)ätte. 
®aS Stbagio fd^eint mir ju flach ju feiner breite. 2)aS 9tonbo ift 
aber burdjauS gewöhnlich; fo würbe j. 33. Sluber auch Quartette 
machen. 

SSir fchloffen mit bem erften ber fd)on feit geraumer Qdt erfcljte* 
nenen Quartette üon ©tjerubini, über bie fich felbft unter guten 
äJiufifem 2ReinungSjWiefpaIt erhoben. (St betrifft wohl md)t bie 
grage, ob biefe Strbeiten üon einem ÜÄeifter ber Stunft herrühren, wo* 
rüber fein ßweifel auffommen fann, fonbern ob baS ber rechte Quar* 
tettftil, ben wir lieben, ben wir als muftergültig anerfannt haben. 
3Ran E|at fich einmal an bie Strt ber brei befannten beutfehen ÜKeifter 



3t»eitcr Duartett*3ttorgen. 



121 



gewöhnt unb in geregter Slnerfennung aucl) DnSlow unb jutefct 
9JienbeISfoI)n, als bie ©puren Scncr weiter üerfolgenb, in ben ilreis 
aufgenommen* Sefct fommt nun ©fjerubini, ein in ber f)ödf)ften Äunft* 
ariftofratic unb in feinen eigenen $unftanfidf)ten ergrauter Äünftler, er, 
ber noc^ jefet im t)ödf|ften Sllter als ^armonifer ber SJlitwelt ber über* 
legenfte, ber feine, gelehrte, intereffante Italiener, bem in feiner ftrengen 
3lbgefcljloffenf)eit unb ©tjarafterftärfe idj manchmal ©ante Dergleichen 
möchte. ®efte^ idfj, bafj audf) midf), als idfj biefeS Quartett jum erften* 
mal f)örte, namentlich nadf> ben jwei erften ©äfcen ein grofteS Unbe* 
Ziagen überfiel; baS war nid)t baS ©wartete; tiieleS festen mir opero* 
mäfctg, überlaben, anbereS wieber Heinlidfj, leer unb eigenfinnig; es 
modjte bei mir bie Ungebulb ber 3ugenb fein, bie ben Sinn in ben 
oft wunberlid&en Sieben beS ©reifet nidjt gleidf) ju beuten wufcte; benn 
anbererfeitS fpürte icf) freiließ ben gebietenben SKeifter unb jwar bis 
in bie gu§fpi|en Ijinab. 3)ann folgten aber baS @ct)er$o mit feinem 
fdjwärmerifdf)eu fpantfdfjen Xljema, baS aufcerorbentliclje Xrio, unb ju* 
lefct baS ginale, baS wie ein 2)iamant, wie man eS wenbet, nadf) 
aßen Seiten gunfen wirft, unb nun war lein ßweifel, wer baS 
Quartett gefcfjrteben unb ob eS feines äJieifterS würbig. ©ewtfc wirb 
eS SSielen wie mir ergeben; man muf$ fidf) mit bem befonbern ©eifte 
biefeS, feines QuartettftilS erft befreunben; eS ift nicfyt bie trauliche 
SRutterfpradje, in ber wir angerebet werben, eS ift ein tiomefymer 
ÄuSlänber, ber ju uns fprid)t: je mel)r wir ifyn Derftefyen lernen, je 
Ijötyer müffen wir ü)n achten. S)iefe Slnbeutungen, bie nur einen 
fdiwadjen Segriff üon ber ©igentf)ttmlidt)feit biefeS SßerfeS geben, mögen 
beutfdje Quartettjirfel aufmerffam machen. Qnm SBortrag gehört üiel, 
getjbren Äünftter. 3n einem Stnfaüe üon 9tebacteur*Uebermutlj wünfcf>te 
idj mir SSaittot (an ben ©f)erubini l)auptfädf)tic§ gebadfjt ju tjaben fd^eint*) 
an bie erfte, fiiptnSfi an bie jweite SBioline, 3JienbelSfof)n an bie 
Sratfdfje (fein ipauptinftrument, Drgel unb ©laöier ausgenommen) unb 
SKaj 33of)rer ober grifc Summer an baS SBiolonceö. 3nbe§ banfte 
id)'S nod) freunbtief) genug meinen Quartettiften, bie jum ©djlufc iah 
bigft wieberjufommen unb fidfj wie mi<f> mit ben anbern Quartetten 
©IjerubiniS befannt ju ma^en unter fief) befäloffen, wo bann ber 
fief er neue äWittljeilungen ju erwarten t)at. 9t. @. 



* bem bie Cuartette autf) genribmet ftnb 



122 



dritter £tuartett*2Korgen. 



Brüter Oluartctt-iltorgcn, 

SB. $. Veit, 8»eite^ CLuartett für 2 Violinen, Vratfdje unb Violoncello (Edur), 
SBerf 5. 

3- @. ©obolctoSfi, $rio für s $ianoforte, SSiolinc unb Violoncello (Asdur;, 
Sttanufcript. 

Seopolb 3udj3, Cuintett für 2 Violinen, 2 Vratfdjen unb Violoncello (Esdur, 
SSerf 11. 

Unfere brittc 3 u f ammen] f un f t erhielt burdE) Xljeifaaljme eine« 
Elameriften unb 23ratf djifteu , bie jur Sluffü^rung eines StatriertrioS 
unb eines Quintetts n&t^ig waren, einen gang befonbem ©lanj. Unb 
nidfjt of)ne meine Orünbe brang idj auf foldfje Äbwedfjfelung. SBtll 
bodj auä) ber ©enuß beS ©d&önen fein 3Äaß, tote tdO mid) bettu 
leidster entfd)üeßen möchte, eine ©trauß*Sannerfd)e 33attmufil*9tadfjt ju 
burd)Ieben als eine, wo nichts als 33eetljoöenfd)e ©tjmpljonieen auf* 
geführt würben, wo uns bie Xöne julefct wunbfaugen müßten. Studj 
jum Slnljören allein breier Quartette gehört griffe, wenn ntdjt befon« 
bere Xfjeilna^me an ber Sompofttion. ßomponiften pflegen fd>on nadf> 
bem erften fortzugeben, SRecenfenten nad) bem jweiten; braoe 2)ilettanteu 
allein galten etwa baS britte aus, wie mir einmal einer erjagte, baß 
er, einftmalS ein SSiertetja^r oon aller SDtufif abgefdjmtten, im §eiß* 
junger nadfj 9ftufif in ber ©tabt, bie ü)n befriebigen fonnte, brei 
Xage öom äJiorgen bis Sbenb Quartette gefpielt; „freiließ/ fügte er 
t)inju, „ftriele er felbft ein wenig, jweite SSioline nämtidfj." — Unb fo 
beftanb id) barauf, baß wir audj bem Quartette SBerwanbteS mit ins 
©piet jie^en motten; ja man lann ntd)t wiffen, ob nidfjt, umgefe^rt 
wie in ber befannten ^aijbnfcljen ©gmpl)ome, nact) unb nadf) Snftru* 
ment nad) 3nftrument Jjinjutritt, ob nid£|t aus bem Keinen Kleeblatt 
ein ganzes jur ©^mp^onie gerüfteteS Drc^cftcr ljerauSwädftft. 83e* 
gnügen wir uns oor ber §anb, jumal wir beute ben fiefer mit einigen 
erfreulichen Sleuigleiten befannt ju machen ^aben. 

Sinige beutfdje ©täbte jeidjnen ftdj baburdfj aus, baß fte nur 
wenig oon iljren einljeimifd)en Xalenten wiffen wollen; anbere loben 
bloß, wenn eS gegen anbere ©täbte fidfj jufammenjurotten gilt; britte 
enblidO wiffen oon ben latenten if)rer ©öl)ne unb Xödfjter nidf)t genug 
ju reben. $u ben lederen gehört oielleidfjt Sßrag; man lefe einen 
93erid)t aus biefer ©tabt, welken man wolle, fo finbet man ber 



dritter Ouartett'SRorgen. 



123 



eingebornen Äünftler immer mit ber größten Sichtung, mit wahrhaft 
mütterlicher Söcgciftcrung gebaut, ©emife wirb man fo auch bem oben 
juerft angeführten SRamen begegnet fein» Unb wie fchon ba» gelb, 
auf bem ftch ber junge ßomponift bereit» mehrmals gegeigt, einen 33e* 
wei» feines feltneren Streben» im SBorau» abgiebt, fo Ijbrte idf), wie 
man überhaupt jebe» foßte, auch biefe» SRufifwerf mit günftigftem 
SSorurt^eiL $)ie Partitur liefe mich ba» ©eftriunft noch leidster burd}< 
blicfen, um fo mehr, ba fie äufeerft fauber tion einer gebilbeten 3Jtu* 
filerfjanb gefcljrieben war. 

6» toc^t nun buref) ba» ganje Duartett ein fetterer unb gufrie* 
bener Xon ; tiefe unb trübe Erfahrungen f feinen bem jungen Slünftler 
fremb geblieben ju fein; er ftef)t noch im Slufgang be» Sebent bie 
SRufif ift ihm eine treue greunbin; ein leidster ©lanj liegt über bem 
SBerfe. 2tn 33au jeidfjnet e» fich burdfj nicht» Sefonbere» au», nicht 
burch Kühnheit ober Sieuheit; e» ift aber regelrecht unb anfeheinenb 
mit fchon melgeübter §anb ju @nbe gebraut. S)ie $armoniefüh*ung 
be» ©anjen, wie bie einjelne ber Stimmen mufe man üorjüglich loben; 
correcter, flarer unb reinlicher wirb feiten ein fünfte» Dpu» getrieben. 
Slu» ber Slrt, toie ber ©omponift bie ©aiteninftrumente behanbelt, er* 
giebt fiel}, bafe er fie genau fennt unb felbft Diel gefpielt hat. Äefem, 
benen ba» SBerf nicht jur §anb ift, möchte ich * al» ber Dn»lowfdf|en 
öuartettweife am nächften ftehenb dfjarafterifiren; einjelne ©poljrfche 
äfattänge finb ©emeingut geworben; frembartiger faßen einige Stuberfche 
(Sänge auf. Slm meiften woflte mir, neben bem ©d&erjo, ber erfte 
©a| gufagen, in welchem mir nur ber SRüdgang in ber 9Ritte ju 
weitfdfjweifig, ju wenig intereffant erfcheiut, au6) ba» noch ju erwähnen, 
bafe in ber toorhergehenben Verarbeitung fchon einmal bie Doßtommene 
9Roßtonart (Emoll) berührt wirb, eine Jparmoniefolge, bie man in ben 
SJtufterwerfen faft burd^gängig t>ermieben finbet. ®och finb ba» wenig 
ober gar nicht ftörenbe (Sinjelheiten , bie bei ber überwiegenben ©üte 
be» ganjen ©afce» faum in Slnfchlag gu bringen finb» ®a» Slbagio 
woßte mir fchon etwa» eintönig werben, al» gerabe jur rechten ßeit 
ber Eomponift ben §auptgefang im öeränberten, aufregenben ©harafter 
brachte; bie» entfdf)ieb für ben ®a$. ®er erfte Xt>eil be» ©cherjo» ift 
ejeeßent, funftöoß unb mit gletfe abgearbeitet; ba» Xrio etwa» weich* 
lidjer. ©er le|te @a| mochte mich a m toenigften befriebigen. 3d) 
weife, auch bie beften ÜKeifter fdfjliefeen ähnlich, ich meine in luftiger 
SRonboweife- §ätte xä) aber ein SBerf mit ßraft unb (Srnft angefafet, 
fo wünfd£)te ich & auc § i m ähnlichen Sinn gefchloffen unb nicht mit 



124 



dritter £luartetfc=SJtorgen. 



einem Sftonbo, beffen Xfjema tjier jumal ftarf an ein befannteS öon 
äuber erinnert. 3n ber äWitte fudfjt ber Gomponift burd) einige fugirte 
©tücfe ju intereffiren (wo if»tx ftrengfte Xfieoretifer auf bie faljeijen 
©intritte beS GomeS aufmerffam machen würben), aber auclj bieder Strt 
ber Slrbeü, bie fiel} nidjjt bis über bie erften Cluinteneintritte f)inauS* 
wagt unb f)bdt)ftenS Dilettanten in ein gelehrtes Staunen Derfefcen will, 
tjab' id) niemals große Sebeutung abgewinnen fönnen. §übfd(j bleibt 
ber ©afc bemungeadt)tet, ja öffentlich gefpielt, wirb gerabe er gefallen. 
Unb fo ftrebe ber Gomponift fort unb fort, fudje fidf) wof)l auä) neue 
Salinen; er f)at baS ©einige gelernt unb wirb aud) auf größerem 
Äampfplafce mit ©l)ren befielen. 

Das 9Wd£)fte, was wir fpielten, War baS oben genannte £rio öon 
3« $• @- ©obolewsfi, unb f)ier muß fidO ber ßefer ganj auf uns 
fcerlaffen, ba es nodf) Sßanufcript. Malier nur baS SBenige: eS ließe 
fid) üiel barüber fagen. Der Gomponift lebt im Horben an ber 
9JteereSfüfte* unb feine SÄufif jeugt baüon. Das Xrio ift anberä als 
alle anberu, eigen in gorm unb ©eift, üotl tiefer üRelobie; eS wiH 
oft gehört fein unb gut gefpielt. Dennocf) öermag eS feine Xotal* 
wirfung Ijerüoräubringen, wie mir baS ®anje aud) in einer StrifiS ent* 
ftanben fdEjeint, in einem Sampf jwifd^en alter unb neuer äßuftfbenf* 
weife. Wuä) ift ber Gomponift auf bem Glatrier nidfjt auf feinem 3n* 
ftrumente unb fdjreibt „unbanfbar" genug, wie mein Glaüierift meinte, 
lieber bie ganje Xalentt)öt)e beS Gomponiften nad) bem einjigen Irio 
ab juurtt)eilen , wäre üoreilig, jumal eS anä) fdjon tior längerer Qcit 
gef dfjrieben, feitbem er üieleS ©rößere (fo ein Cratorium „ßajaruS", 
Gantaten u. a.) ju Sage geförbert. ** Doppelte Sichtung bem Sfritifer, 
als welker er uns bis jefct am öfteften begegnet, baß er aud) ein 
Dieter ift. 

3Rit greuben gingen wir alsbalb an baS Duintett üon 2. gudjS, 
tion beffen Gompofitionen wir fdjon am erften üuartettmorgen fennen 
gelernt unb bereits in ber ßeitfcfjrift berietet. 3n baS Detail oermag 
idj leiber nidf)t einzugehen, ba mir feine Partitur jur $anb unb feit 
jenem SRorgen ber Sluffüfyrung bis jefct einige Qdt öerfloffen, fo baß 
nur nodfj ber allgemeine Ginbrucf, bie Weitere Stimmung, in bie eS 
uns öerfefcte, geblieben ift. 9Jian follte faum glauben, wie bie einzige 
tjinjufommenbe SJratjdfje bie 2Birfung ber ©aiteninftrumeute, wie fie 

* 3n Königsberg. 

** Seit biejer 3cit l)at er ficf> namentlich als bramatijdjer Gomponift Tanten 
gemacht, [Scf>. 1852.] 



Vierter unb fünfter £}uartett*3Roröen. 



125 



fidfj im Quartett au&ert, auf einmal tieränbert, wie ber ©fjarafter beS 
Quintetts ein ganj anberer ift als ber beS Quartett«. S)ie SDlittcI* 
tinten l)aben meljr Slraft unb fieben; bie einzelnen ©timmen wirfen 
mef)r als üßaffen jufammen; Ijat man im Quartett öier einjelne 
2Wenfcf)en gehört, fo glaubt man jefct eine SBerfammlung t>or fid) ju 
fjaben. §ier fann fidf| nun ein tüchtiger §armonifer, als ben mir ben 
Komponisten fennen, naclj §erjenSluft ergeben unb bie ©timmen in* 
unb auSeinanberminben unb jeigen, was er fann. S)ie ©ä$e finb 
einer wie ber anbere üortrefflidj , baS ©djerjo namentlich unb bann 
ber erfte ©a|. Sßom (Sinjetnen wirb man überrafct)t, als ob man aus 
bem 9ftunbe eines fd&lidfjtgefletbeten 83ürgerSmanneS plö$lidf) einen SBerS 
üon ©octf)c ober ©dritter l)örte; man fal) eS meinem fortbraufenben 
Quintett an, wie it)tn bie ©adEje gefiel, mit ber man fid> allermärts 
befannt machen motte. 

2)enf id) nun freiließ an bie Ijödifte ärt ber 9ftufif, wie fie uns 
33ad£| unb Seetfjoüen in einjelnen ©cf)Bpfungen gegeben, fpredjj' idO üon 
feltenen ©eelenjuftänben , bie mir ber Äünftler offenbaren fott, Der* 
lang' icf), bafc er midj mit jebem feiner SBerle einen ©djritt weiter 
fütjre im ©eifterreidfj ber Sunft, üerlang' icf) mit einem Sßorte poetifd&e 
Xiefe unb Sleufjeit überall, im ©injelnen wie im ©anjen: fo müfcte 
id() lange fudjen, unb aud) feines ber erwähnten, ber meiften erfdfjei* 
nenben SBerte genügten mir. 3)a Nörten wir in ben folgenben Quar* 
tett*3Rorgen mehrere« üon ber üßufif eines jungen äJianneS, üon ber 
mir fdf)ien, fie fäme juweüen aus lebenbiger ©eniuStiefe; bod) forbert 
biefer SluSfprud) &ielfacf)e @infd)ränfung, woüon, wie über bie ganje 
Srfdjeütung, in einem ber nädEtften SBlätter. 

SR. ©. 



Werter unb fünfter ffiuarteü-JIorgen. 

£. $trfd)b adj, Cuartette (in Emoll, B unb D; unb Ouintett (Cmoll). 2Ranufcrtyt. 

©o Met fid) au§ biefen me^r geheimen 2Rufiffi|ungen für bie 
Deff entlief eit fdfjicft, mag l)ier in Sürje folgen. ©eijeim nenn' idfj 
fie, weil barin nur SKanufcripte eines als Somponift gänjlid^ unbe- 
kannten jungen SKufiferS, ^ermann §irf ctjbad), gefptelt würben. 
2tlS ©dfjriftfteßer l)at berfelbe burdf) baS Sorbringenbe unb Siede feiner 
Slnficliten, wie er fie in einigen Stuffäfeen ber 3*itfd)rift auSgefproeljeu, 



126 Vierter unb fünfter Quartett* SKorgen. 

gewifc fdfjon bie Slufmerffamfett beS ßeferS auf fid^ gcletttt. 2)urch 
foldfje SluSfprüche gereijt, mufjte ich wof)l baS Stuftcrorbeutlid^ftc Don 
ihm als ©omponiften forbern fönnen, wenn idf) mich auch gletdj tion 
vornherein auf SerftanbeScalcuIationen gefaxt machte* 9ttd)t ohne tiefe 
Xfjcilua^me gebenf id) feiner ©ompofitionen unb möchte mich in ber 
©rinnerung ftunbenlang hineinöertiefen, beut Sefer bation öorjufprechen. 
SMettek^t audj, baft baS £>oppelgängerifche feiner SompofitionSrichtung 
mit meiner eigenen (bie SBelt fennt fie fchwerlid)) gerabe mich für feine 
Sßufif empfänglich matten, fie mir rafdf) enthüllten, ©o öiel weife 
id) aber, baft es ba§ bebeutenbfte ©treben, baS ich unter jüngeren 
Xalenten feit lange angetroffen. S)ie SBorte fudfjen'S Vergeblich, wie 
feine 3Jhtfif geftaltet ift, was aQeS fie f djitbert; feine äRufif ift felbft 
Spraye, wie etwa bie SBlumen ju uns fpredEjen, wie fid) Sugen bie 
ge^eimnifetiottften 2ßärd)en erjäfjlen, wie tterwanbte ©eifter über glädjen 
2anbe3 mit einanber tierfehren fönnen; ©eelenfprache, wahrfteS 9Jiufif * 
•leben. ©3 waren brei grofje Duartette unb ein Quintett, bie wir 
Nörten, fämmtlid) mit ©teilen au8 ®oetlje3 gauft überfchrieben,* mehr 
jum ©djmucf al§ jur ©rftäruug, ba bie äRufif an fidfj beutlich genug; 
ein feljnfüchtigeS ©rängen war'S, ein Stufen wie nach SRettung, ein 
itnmerwährenbeä gortftürjen, unb bajwifchen feiige ©eftalten, golbene 
SDiatten unb rofige Slbenbwoßen ; ich möchte nicht gern ju mel fagen : 
aber ber ©omponift fd&ien mir in 2lugenblicfen oft felbft jener ©chwarj« 
fünftler $auft, wie er uns fein Seben in fdfjwebenben Umriffen ber 
^h^ntafie tiorüberführt. Stufterbem fah i(h toon ihm eine Ouvertüre 



* $ie 9ttotto3 finb: 

1, jum Emoll* Quartett: 

„(£3 möchte fein §unb fo länger leben!" 
„3<fj grü&e bidj, bu einzige Sßfjiole, 
$>ie id) mit Stnbadjt nun herunterhole, 
3n bir Dere^r' icf) Etenftfjennufc unb Shtnft." 

2, jum Bdur* Quartett: 

„D tönet fort, it)r fügen $immelslieber ! 

$)ie Streute quillt, bie (Srbe $at mid) nrieber!" 

3, jum Cmoll* Quintett: 

„$)em Semmel roeif)' id) mid), bem fdjmeralidjften (Senufc, 

Verliebtem $af$, erquiefenbem Verbruß. 

Wtin Vufen, ber Dom SBiffenSbrang geseilt ift, 

Sott feinen ©dfjmerjen funftig fid) öerfdjließen, 

Unb toaS ber ganzen aRenfdföeit jugct^eilt ift, 

Söitt ic^ m meinem innern Selbft genießen." 



SStcrtcr unb fünfter £luartett*üJtorgen. 



127 



ju Jpamlet, eine große ©tjmphwie in meiert ©äfcen, eine jweite bis 
in bic SUlitte öorgerücfte, bie in einem Slthem fjiutereinanber fortgeben 
fott, fämmtlich gleich p^antaftij^i, lebenSfräftig, in ben formen ab* 
weidfjenb oon aßen bisher befannten, wenn ich SBerlioj aufnehme, mit 
einzelnen Drchefterfteöen , wie man fic nur üon S3cet^ot3cn ju t)5ren 
gewohnt, wenn et gegen bie ganje SEBelt ju gelbe jiehen unb fie vernichten 
möchte. Unb jefct fommt mein „äber". SBie bei elfter Betrachtung 
unä oft Silber junger genie&otler Sßaler burch bie ©roßheit ber ©om* 
pojttion (auch ber äußerlichen), burch SRei^um unb äBahrhett be8 
©oloritö k. völlig einnehmen, baß wir nur ftaunen unb ba3 einjelne 
galfd^e, ^Bezeichnete :c. überfeinen, fo auch hier. 93eim jweitenmal 
Änhören fingen mich fchon einjelne ©teilen ju quälen an, ©teilen, in 
benen, ich will nidfjt fagen, gegen bie erften SRegeln ber ©chule, fon* 
bern gerabeju gegen baä ®el)ör, gegen bie natürlichen ©efefee ber §ar* 
moniefolgen gefünbigt war. $)al)in jähle ich nicht fowohl Duinten *c. 
atö gewiffe Sluägänge be8 33affe8, 2tu8Weidf(ungen, wie. wir fie oft von 
SBeniggeübten anhören müffen. ©oldf(e8 wollte nun auch meinen 3Äu* 
fifern nicht in ben ßopf. ©8 giebt nämlich ein gewiffeS §erfömmlich* 
SReifterlicheS (bei ©abenjen it.), ba8 von ber Statur anbefohlen fcheint, 
unb e$ grünbet fich barauf ein gewiffer mufifalifdjer h^uSbacfener 
SSerftanb, ber ben äJlufifern von Sßrofeffion faft bur^gängig eigen. 
SSerftößt ber junge ©omponift gegen biefen, unb wäre er noch geift* 
reich, fo foll er nur fehen, wie fidf) jene vor ihm jurücf jiehen, ihn gar 
nicht wie ju ben Shrifleu gehörenb betrachten. SBoher nun biefer 
SJiangel an feinem ©eljör, an richtiger §armonieführung bei übrigens 
fo großer ÜBegabtheit, — ob ber ßomponift vielleicht erft fpät auf fein 
Xalent aufmerffam, ju früh ber ©chule entnommen worben, — ob er 
in feiner ©ebanfenfüHe, im S3eherrfchtwerben von einer meiftenS fehr 
tiefen, finnigen Jpauptmelobie ber h°h en ©timme bie anbern nicht 
gleichseitig erfinbet, ober ob ba8 ©ehörorgan wirf lieh fehlerhaft, — 
ift eine eben fo große grage, als ob bem noch abzuhelfen fei. 3)ie 
SBelt bef ommt vielleicht nichts von biefen Arbeiten ju fehen ; wenigftenS 
würbe ich, aufrichtig gefragt, ihre Verausgabe nur mit Sitte mancher 
Slenberung, ber SluSfcheibung ganzer ©äfce geftatten. 22 2)ieS fei benn 
bem ßompomften anheim gefteltt. £ier galt eS nur auf ein Xalent 
aufmerffam ju machen, bem ich feines ber neuern mir befannten an 
bie ©eite ju fefcen wüßte, beffen ben tiefften ©eelenfräften entsprungene 
SKufif mich oft im Snnerften ergriffen. 23 9t. ©. 



A. 



128 



©elfter üuartett*äßorgetL 



Sedier Quartett -Jtorgen. 

üeon be ©aittt*£ubin, ©rfteä gro&eS Quintett für 2 Colinen, 2 SBratjdjett unb 

»toloncett (Es dar). S&erf 38. 
& (Sljerubini, StoeiteS Ouartett für 2 SStoImen, SBratfc^c u. SStoIoncetf (Cdur). 

2)en erftgenannten ßomponiften Ijalte idfj audfj nadj feiner ÜDhtftf 
für einen ©migrirten, für einen, ber fein SBaterlanb, fei'3 nun frei* 
willig ober gejwungen, t>erlaffen, fidfj ein neues SBaterlanb gefudE>t unb 
üon beffen ©itten unb ©pradjje angenommen, ©ein Quintett ift ein 
©emifdE) üon franjöfifdf)em unb beutfdfjem ©eblüt, nidjjt unaljuIidE) ber 
9Rufe SJte^erbeerä, ber freiließ t>on aßen europäifdjen Stationen borgt 
ju feinem ßunftwerfe, t)on bem man gar nidijt wiffen fann, was er 
alles mitbringt wenn er, a^nlid) toic SRittcr ©pontini ßompofitionä* 
Äunftreifen uadE| ©nglanb, bergleid^en etwa ju ben S5ufdE|männern un< 
ternimmt, fidfj ju neuen Schöpfungen ju begeiftern unb Slnbere burdE) 
felbige. 3dfj aber lobe mir meine Sßutterfpradje, rein gefprocfyen, jeben 
SluSbrucfS fat)ig, fräftig unb flangüoQ, wenn iä) beStjalb audfj ben 
eingewanberten SluSlänber, tote @t. ßubin, nidjjt freiten mag, ber 
itjrer nodE| nidfjt üottfommen mädfjttg, unb im ©egentljeil fdf)on fein 
©treben ef)re. SBon einem erfyebenben XotaleinbrudE hinterließ fomit 
ba3 Duintett nidfjts ; man würbe Ijin* unb tyergejogen, f onnte nirgenbs 
guft faffen. Slm meiften auffatlenb jeigt fief) ber SJtangel an Drigi* 
nalerfinbung ; was uns inniger ergreifen f oll, fdjjeint mir entfernt ober 
läftt fidf) wenigftenS auf SSorbilber jurücf führen; unb wo ber Sompo* 
nift fidfj felbft giebt, wirb er üag unb allgemein, ©o ift gleidfj ber 
Slnfang im ©runb ber ber Gr moll*@t)m}rf)ome t)on SKojart; fo liegt 
bem erften Xtyema be§ legten ©afceS ein 3toffinifdE)er ©ebanfe (au3 
XeH), fo bem jtnetten ein S3eetf)oüenfdf)er (au§ ber A dur*©tjmpt)ouie) 
jum ©runbe. 3m ©djjerjo wüfcte idfj feine Duelle nadfjjuweifen ; e8 
ift aber audfj nidfjt bebeutenb. 3m Slbagio würbe mir aber am mei* 
ften flar, woran e§ bem Somponiften gebricht; fytx, wo ber SKeifter 
ben SBorratf) unb $eidfjtf)um inneren Sebent am erften aufbeefen fann, 
fal) e8 traurig ftiü aus. Slnbererfeitö befunbet ba3 Duintett eine 
leidste fdfjnette geber, gormenfinn unb Jparmonieenfenutnifc. Suimer^in 
war mir, nacfjbem x6) es geljört, ju SDtutlje, al§ foHt' idfj augrufen: 
„Wufif, SRufil, gebt mir Stuft!!* 



©edjfter üuartett*2ftorgen. 



129 



2)aS näc^fte Söiufffftücf traf unS fomit in etwas erfälteter @tim< 
tnung; aber als fcon ber §anb ©fyerubiniS umftriefte eS uns, bafc wir 
fcJjnett beS üorf)ergegangenen »ergaben* @S fdf)eint mir bieS jweite 
Duartett lange toor bem erften berfelben Sammlung gefefirieben unb 
triefleidE|t gar bie ©tjmpljonie, bie, wenn idEj nidjtirre, bei ityrer erften 
$luffüf)ruug in SBien fo wenig gefiel, bafc fie ®£)erubini nidf)t t)cröffcnt* 
tid&te unb fie fpäter in ein Quartett umgewanbelt {jaben folt. ©o ift 
benn tuetteidEjt ber umgefeljrte geiler entftanben: Wang bie SDtufif 
nämtief) als ©tjmpljonie ju quartettartig, fo ftingt fie als Duartett ju 
famp^oniftifclj, wie ict) benn aller fold&er UmfdEimeljung abljolb bin, 
was mir wie ein SSerge^en gegen bie göttlidfje erfte ©ingebung fcor* 
fommt. 2)en früheren Urfprung möcf)t' icf) am Unöerjierteren erfen* 
neu, baS K^erubiniS ältere ©ompofitionen toor feinen neueren aus* 
jeicfynet. greilid^ bin idf) gefdf)Iagen, träte ber SReifter felbft t)eran unb 
jagte : „$)u irrft, greunb: beibe Quartette finb jur nämüdfjen ßeit 
gefd(jrieben unb urfprüngtief) nichts SlnbereS als Duartette." Unb fo 
fann, was idf) bemerft, nur S3ermutf)ung bleiben unb foQ Slnbere jum 
Ueberbenfen anreihen. 24 Sm Uebrigen ergebt fidf) audfj biefe Arbeit 
fyod) genug über bie $al)l ber XageSerfdtjeinungen , über alles, toaS 
unS oon^ßaris aus jugefcf)icft wirb, unb ©ner, ber nicf)t lange 3at)re 
Ijintereinauber gefd^rieben, gelernt unb gebadjt, toirb fo etwas audE) nie 
51t ©tanbe bringen fönnen. ©iujelne troefnere Xactreitjen, ©teilen, 
wo nur ber SBerftanb gearbeitet, finben fidE) wie in ben meiften SSerfeu 
(EljerubutiS fo auef) l)ier, felbft aber audfj bann nodf) etwas 3ntereffan* 
teS, fei'S im ©afc, eine contrapunftifdfje geinl)eit, eine SRac§aI)mung; 
etwas, was ju benfen giebt. SReiften Schwung unb meifterlid&eS 
Seben tragen woljl baS @df)erjo unb ber fefcte ©afc in fidE). 35aS Slbagio 
l)at einen f)öd(jft eigentümlichen A moll*©l)arafter, etwas Sftomanjen* 
artiges, ^rotoencalif dfjeS ; bei öfterem 3lnf}ören erfdE)liefjt es fidE) meljr 
unb met)r in feinen Steijen: ber ©dfjlufc baüon ift ber Slrt, bafc man 
wieber toie üon Steuern aufju^ord^en anfängt unb bodfj baS Snbe nalje 
toeift. 3nt erften ©afc treffen wir Slnflänge an 33eetf)OüenS Bdur* 
©t)tnpt)onie, eine Slad^a^mung jwifd&en fflratfd^e unb SBioline, wie in 
jener ©tjmpfyonie eine jwifdjen $agott unb Klarinette, unb bei bem 
§aupt*9Hücfgang in ber SKitte biefelbe gigur, wie au bemfelben Ort 
in bem nämlichen ©afc ber ©^mptjonie üon S5cett)ot)en. 3m S^aral* 
ter finb bie ©äfce aber fo üerfdEjieben, ba^ bie Ste^ntid^feit nur Sßenigen 
auffallen wirb. 

3um ©c^Iufe biefeS SDhtfif'SKorgenS matten wir unS an ein im 

S^iimanit, ©ef. ©Triften. II. 9 



130 



3. 3fr. ttttl, Sellen; 3. SBtetfjorSfy, Notturno«. 



SWanufcript jugefcf)idEte3 Duartett. 2)ie crft ernftl>aftcn ©efidjter naf)* 
men nacf) unb nacf) einen Shtäbrucf üon Sronie an, bis enblidE) alles 
in ein forttoäljrenbeä Sid&ern geriet^ nnb fämmtlidjje SJtuftfer mit 
fpringenben Sogen ju fpieten fcfiienen. ©in ®oüatf) üon einem tytylu 
fter ftarrtc uns an aus bem Quartett. Sßir tottfcten bem Somponiften, 
ber übrigens fein Sßerf nacf) Kräften auSftaffirt, nidf)t3 ju ratzen unb 
banfen fd^ie&Iicf) für ben guten §umor, in ben er bie ©efeflfdjaft 



f)ljantaftccn, Kapricen it. für J)ianoforte. 

dritte Mttyt. 

3. fr. fitttl, Scdjs 3öi)Utn. flerk 2. 

Sbtjße ift f)ier im weiteren ©inne aU Steinbilb ju nehmen; ba§ 
^ßaftorale tritt nur in ben teueren einigermaßen f)erüor. 9lm meiften 
fjat fidfj ber ©omponift felbft gefcfiabet, buref) feine UeberfdEjriften näm* 
lief), bie auf poetifcf)e 3 u ftänbe vorbereiten (Xroft im ©Reiben ; 2ln 
ber ©renje ber §eimatf) :c), aber ba§ Xatent ift f)ier offenbar hinter 
ber 3tbficf)t jurücfgeblieben. ©ttoaS *ßrofaifcf)ere3 fann e3 nidf)t leidet 
geben, toenn beStjalb auefj ba8 ©treben nacf) ©f)arafteriftif nidjt t)cr* 
fannt werben fofl. 93ießeicfjt bafc ber ©ompouift auf bem ©tarier nicfjt 
auf feinem redjten gelbe, bap er mefjr in ber Stirpe, auf ber Drgef 
ju Jpaufe ift ju weitem StuSfprud) midfj audf) bie faft angftlic^e ©or* 
rectfjeit unb @infad)f)eit üerantafet, wogegen mir ©serntj ein 2orb Styron 
an Süljnljeit erfeljeinen fönnte. Quinten unb Dctaüen fudjt man alfo 
in ben Sbtjflen üergeblidf), aber freiließ aud) nid)t, was jene geiler* 
lofigfeit üergeffen madf)t: ©cfjtoung, Seben, ©efanglebeu. 

3oftpl) Graf von UHtlljorskt}, Drei ttotturnos, Werk 2. 

S)en Sfjopinfdfjen wie aus ben Singen gefdjnitten, aber wof)I* 
tfjuenb jart unb üott anmutiger, oft fetjr ebler Sftelobie. 3df) toüfcte 
feinen ©beimann, ber beffere, aber mannen 9Kann t)on gadf), ber feine 
äf)nlidf)en fdfjreiben fönnte, 2)a8 Xalent fdfjeint offenbar, toenn auef) 
fein f)0d(jeigentl)ümlicf|e3, ba3 fid) in fo ftreng gejogener gorm freiließ 



6. g. 9ttd)ter, ©djerjo; 3. 93aronM£aba(ca&6, <ßf)antafteen. 131 



auß gar nißt jeigen fonntc; aber bcr ßomponift üerfuße fiß jur 
$robe auß in einer weniger fentimentalen ©atiung, wo bie *ßl)antafie 
met)r auagreifen fann, unb eS wirb ifyn glüefen, ba iljm bie toorjüg* 
liße Senntnifc feinet SnftrumenteS oljnet)in ju ftatten fommt. 3nt 
erften unb legten ber SRotturnoS finb, naß SBorgang mancher ßfjopin* 
fßen, bewegtere SRittelfä&e eingeflößten, bie, oft fßon bei ©tjopin 
fßwäßer als feine erften Srfinbungen, auß l)ier meljr aufhalten als 
fortgeben; eS ift, als würben bie fßönm ruhigen ©afferfringel, benen 
wir mit SSergnügen naßgefetjen, plöjjliß unterbroßen, bafe fie ber 
831icf nißt tne^r fefttyalten fann; baljer auß baS jweite Notturno, 
baS in gleißer Bewegung bis jum ©ßlufc fortgebt, bie tneifte SBir* 
fung maßen wirb, wenigftenS auf miß gemaßt f)at. 3m erften fällt 
bie grofte Sleljnlißfeit ber SMobie mit einem SBeberfßen SKotiü (in 
ber 3ubelout)ertüre) auf. $)aS le&te Ijat einige fetjr jarte Sßenbungen 
unb einen äufterft grajiöfen ©ßlufc, wie ßn irgenb Sfjopin Ijinju* 
tjaußen toerfteljt. Steffen fonftige Äräufeleien unb ©aufeteien übrigens 
nißt naßjumaßen, tljut ber Somponift wol)l; ßljopin bezaubert ba* 
mit, an Slnbern finb fie nißt auslüfteten. 

* «. i. ÄtdM*r, *4cr;o. tt)crk 6. 

(Sine ©opie naß SKenbelSfo^n, alfo naß gutem SKufter gearbei* 
tet unb wol(l geraßen. 3n ber %oxm Ijatte ber Somponift bei einiger 
Slenberung etwas (SigeneS bringen fönnen, wenn er nämliß ben SDtit* 
telgefang, ber freiliß auß burßauS 9KenbeISfof)nfß, üor ber §aupt* 
Wieberljolung beS SlnfangS, aber in Cis moll ober E dur gebraßt l)ätte, 
fo bafc Anfang unb ®nbe beS flüßtigen ©ßerjoS bie fanfte ©antilene 
wie in ber 2Kitte eingefßloffen gelten. S)oß es ift auß wie eS ba* 
ftel)t nißt ungefßicft unb unfommetrifß unb baS ©anje £>at einen 
leißten natürlißen glufc. 2>aS ©tücf, fo fleht eS ift, täfct auf ein 
glücflißeS Xalent fßliefeen, baS mit ber ßeit, burß ©tubium unb 
©elbftfritif fiß meQeißt auß fetbftänbtgen 2Beg breßen wirb. 

3n 1 it Barjutt-GaoaUaM, Dritte Gajrct«, tötrk 18. 
„ „ „ Jbanta|tt, Merk 19. 

(Sinige SSorliebe für Sßalbergfße gorm unb 83eltinifße üMo* 
bieenweife abgereßnet, jeißnen fiß auß biefe ©tücfe, wie alles aus 
ber geber ber ßomponiftin, burß mele gut mufifaltfße Qü$t aus. 
©er weibliße Sfjarafter verleugnet fiß babei nirgenbs. (Sine gewiffe, 

9* 



132 



Sompofttionen üon ficopolb ©djefer. 



aber nicht ermübenbe ©efprädjigfeit, ein offenes darlegen aller ihrer 
©ebanfen, ein 9li$t4ertig*tt)erben*fönnen mit allem, was fic auf bem 
Jperjen ^at, finb 3 eu 9 en baüon. 2lm erfreulichen fallt auf, bafe bie 
Gomponiftin, wo fie fich in gefährlichere Jparmoniegänge verliert, nid)t 
jurüdweicht unb ängft üor bem Ausgang befommt, fonbem fidler fort* 
fchreitet unb üoüenbet. ©ine Ijelfenbe §anb fpür' idj in feinem ber 
©tücfe; eS fd^eint alles Strbeit unb ©gentium ber (Somponiftin , bis 
auf bie fleinen 9Kängel ber Orthographie. Die SBerfafferin, früher in 
Semberg unb Schülerin üon üRojartS ©ohn, lebt jefct in SBien. 

SR. ©. 



ftompofttioncn oon feopolb Siefen 

Der Dieter beS „SaienbreüierS", f o Meter pljantaftifchen SRoüellen* 
gebilbe, erfdEjeint heute jum .erftenmal in biefen ^Blättern, unb nicht wie 
ein bittenber Dilettant etwa mit einem §efte ßieber, fonbem wie ber 
SBeften einer, gleich mit SBerfen ber ftrengften Sunftgattung. @S finb 
bieS eine grofce ©onate für Sßianoforte ju t)ier Jpänben [Sßerf 30] 
unb ein SSaterunfer [Sßerf 27], als Doppelcanon für üier &höre 
bearbeitet. Der Dieter nennt fid) felbft in einem vertrauten ©d)rei* 
ben einen ©d^üler ©atieris („üon bem er ttriffe, was er wiffe Ä ) unb 
weiter h^auf einen ©lucfS. Dafc legerer fein fiiebting, würbe idf) 
aus ber ©onate erraten fyo&ai, unb hätte jener für baS ©laüier ge* 
fcijrieben, fo unb nicht anberS müfcte baS Hingen unb wirfen. @S ift 
eine Sraft unb ein Äern ber Harmonie, im S^araftcr eine $uü)t unb 
©htbarfeit, wie man fie irgenb an ben beften 2Keiftern beS üorigen 
3ahrf)unbertS fennt: bagegen wir freilief), üon ber $eit unb ihrem mäch* 
tigen ®eniuS SBeetljoüen fortgehoben, jefct grbfcere Sinfprüche an bie 
©onate machen; ja es fcheint, als wäre 93eetf)oüen bem Dieter, als 
er bie ©onate fchrieb, nodh üerhüöt gewefen; nur im legten ©afce 
bricht plöfclich u nb i um SSerwunbern ein romantifcher ©treif in bie 
freunbliche ©emüthli^feit, etwa wie ein SBotfenfdhatten in ein ruljen* 
beS, üom SDlonbe beleuchtetes Dorf. 2Kan wirb bie ©teile im Äugen* 
blidt hcrauSfinben. Der ©a| ift übrigens ber fraft* unb fd)tt)ung* 
reidjfte. 3m Slbagio trifft man mehr ÜJiojartfchen (Seift; (Styarafter, 
üMobie unb SSegleitungSformen, alles weift barauf hin; einige feltenerc 



Xrcmmbüb am 9. September 9Tbenb§. 



133 



Xacte l)eben fidf) auclj Ijier l)ert)or. ©benfo tüchtig unb als Äunft* 
aufgäbe t)on 93ebeutung ift baS „SBaterunfer. 2Ran fönnte eS, glaub* 
idf), aud) einem guten SWufiffopf für ein ÄirdEjenftücf aus ber blütjenb* 
ften ßeit ber alten 3taltener ausgeben, eS müfcte jenen benn baS 
SEBoljllautenbere unb Stnmutljigere beS ©ajjeS ftufcig tnadjen. Die bei* 
ben ©anonS burdjfomnen fid) barin fo leidet, natürlich unb fd&ön, ba§ 
man bie $unft faum l)erauSl)ört, unb bann ift eS baS SBalpe. Studj 
in ber Sbee mag baS ©tüd auSgejeid&net toerben; eS fd^eint mir mcf)t 
unbid&terifdj, bie Staffen fid) in folcfjer SBeife bem §ödf)ften junjenben 
ju t)Bren; audE| ift unfer ®ebet xoofyt auf biefe SBeife nod(j nirgenbS 
aufgefaßt* Das ®anje mag leife gehalten, babei aber baS tt)o^tbe* 
badete „Con anima" ju Anfang beS ©IjorS nid&t außer 8l<f(t gelaffen 
»erben. Die Stimmen finb meifterlict) ftrenge geführt, toenn idj) an* 
berS genau fal), fogar bis auf ben Unterfd^ieb ber großen unb Meinen 
©tufen. ©S Ware nid^t allein im Sntereffe für einen fo feltenen ®aft 
unb aus Sßtetat gegen ein befranstes Didjterljaupt, als audf) jur ttmfc 
ren ©rbauung, baß baS SSaterunfer bei einem beutfdjen großen SRufif* 
fefte jur Stuffüfjrung fäme, ba es oljnef)in feiner 2eid)tigfeit, ©ang* 
barfeit unb Siürje falber ofjne große groben tooflfommen ^injufteQen 
ift. Stuf Seite 5, ©jft. 2, Xact 1 ftel)t im 93aß f ftatt as; eS ift 
tooljl nichts letzter, als in einem ©anon einen Drucffel)ler ju finben. 

9iun ftaune man nod), ju toerneljmen, baß berfelbe geehrte SDtann 
auclj jttjölf große ©tympfjonieen für Drdjefter gefcfjrieben Ijat unb 
bcif Deffentlidjjfeit ju übergeben beabfid&tigt. Der erfte großartige ©afc 
einer toon itynen liegt im ©latrierauSjug üor mir. ®erabe Ijier im 
Drdfjefter fdjeint er in feinem ©lement. ®efunbe $armonif, beutfcfje 
2Ränntid(jfeit unb Xüdjjtigfeit in SluSbrucf unb ®efinnung Ijerrfdjen 
auefj l)tcr üor. 

SR. Schümann. 



Snmntbito am 9. September ^benbs. 

Soncert t>on <£. SB* 25 

SSon Dben gefommen ein ©ngelsfinb 
Slm glügel fifct unb auf Sieber finnt, 
Unb tote eS in bie Xaften greift, 
3m 3 a uberringe vorüber fctyioeift 



134 



g. (Stjopin, Smprom^tu. 



©eftalt an ©eftalt 
Unb Silb nadfj S3itb, 
(Srlfönig alt 
Unb üRignou milb, 
Unb trofciger SRitter 
3m Sßaffenflitter, 
Unb fnieenbe Sftonne 
3n StnbadEjtioonne. 

5Die SDtenfdfjen, bie g fjörteu, bie t)aben getobt, 
8113 ioär'3 eine ©ängerin Ijodjgelobt; 
2)a3 Sngelsfinb aber unüeroeilt 
ßurüdE in feine ipeimatt) eilt. 

fr u. ®. 



Mt piattoforte. 

i. (Tl) o pin,- f) Impromptu (As dar)» tttrh 29. 
„ „ 4 Äafurchs. tötrh 30. 
„ „ Sdjcrjo (Bmoll). Werk 3L 

©tjopin fann fdfjon gar nidjts tnelir fd(jreiben, wo man nidfjf im 
fiebenten, achten Xacte ausrufen mü&te: w ba3 ift üon ifjm!" 2Kan t^at 
ba3 Spanier genannt unb gefagt, er fctyreite nicf|t üortoärts. 27 ?lber 
man foHte banf barer fein. 3ft e8 benn nid&t biefelbe originelle ftraft, 
bie euc§ fdEjon aus feinen erften Sßerfen fo nmnberbar entgegenleudEj* 
tet, im erften Slugenbticf eudE) üernrirrt gemalt, fpäter eudf) entjücft 
t)at? Unb wenn er eudfj eine Steide ber feltenftcn ©djöpfungen gcge* 
ben, unb itjr il)n leichter üerfteljt, verlangt iljr if)n auf einmal anberä? 
2)a£ Ijiefce einen fflaum umliefen, weil er eudfj jä^rlid^ biefelben gritd£)te 
ttrieberbringt. ©3 finb aber bei iljm nidfjt einmal biefelben, ber Stamm 
lüotjl ber nämlidEje, bie grüdfjte aber in ©efdjmacf unb 2Sud)3 bie öer* 
fdfjiebenartigften. ©o roüfcte idj obigem Smpromptu, fo wenig e8 
im ganjen Umfreiä feiner SBerfe ju bebeuten fjat, faum eine anbere 
ßljopinfd^e Eompofition ju t)ergleidE|en ; e$ ift ttrieberum f o fein in ber 
gorm, eine Santileue ju Anfang unb ©nbe üon reijenbem Figuren* 
werf eingefdjloffen, fo ein eigentliches Smpromptu, nichts meljr unb 



g. <£l)ojHn, ©djerao unb SttajurefS; g. ©djubert, $ier gntyrontytuS. 135 

nichts weniger, bafc ihm nichts SlnbereS fetner Eompofition an bie 
©exte ju [teilen. $)aS ©cherjo erinnert in feinem leibenfdfjaftlicheu 
©^arofter fdjon mehr an feinen Vorgänger : immerhin bleibt eS ein 
hödEtft feffelnbes ©tücf, nid&t uneben einem Sorb 93tjronfchen OebidEjt 
ju dergleichen, fo jart, fo fecf, fo liebe* wie fcerachtungSüott. %üx Sitte 
pafct baS freiließ nicht. 3)ie SDtafuref ^at ©hopin gleichfalls jur 
Meinen Sunftform emporgehoben; fo Meie er getrieben, fo gleiten 
fidj nur wenige. Srgenb einen poetifchen ßug, etwas SReueS in ber 
gorm ober im SluSbrucf Ijat faft jebc. ©0 ift eS in ber jweiten ber 
obengenannten baS Streben ber H molI*Xonart nach Fis moll, wie fie 
benn audE| (man merft eS faum) in Fis fdE|tief$t; in ber brüten baS 
©chwanfen ber Xonarten jwifchen weiter unb I^rter, bis enblidjj bie 
große Xerj gewinnt; fo in ber legten, bie jebodfj eine matte ©trophe 
(auf ©.13) t>at, ber plöfclidje @d|luf$ mit ben Quinten, über bie bie 
beutfdEjen Kantoren bie $änbe über bie Äöpfe jitfautmenfd)Iagen werben, 
©ine SBemerfung beiläufig: bie toerfdEjiebenen 3^italter f)bren auch toer< 
fd^ieben. 3n ben beften SirdEjenwerfen ber alten Italiener finbet man 
Quintenfortfdjreituugen, fie müffen ihnen alfo nicht fd^lcd^t gettungen 
haben. S3ei 93ad& unb §änbel fommen ebenfalls weld^e üor, bodfj in 
gebrochener SBeife unb überhaupt feiten; bie grofee Sunft ber ©tim» 
mentoerflechtung mieb alle Sßarattelgänge. Sn ber üRojartjd^en ^eriobe 
üerfdEiwinben fie gänjlich. 9lun trabten bie großen Xfjeorettfer hinter* 
her unb »erboten fie bei XobeSftrafe, bis wieber SJeethoöen auftrat 
unb bie fdjönften Quinten einfließen lieft, namentlich in cfjromatifcher 
golge. 9iun fott natürlich fo ein chromatifdfjer Quintengang, wirb er 
etwa ä^önjig Xacte lang fortgefefct, nicht als etwas XrefflidEjeS fon* 
bern als etwas äufcerft Schlechtes ausgezeichnet werben, gleichfalls fott 
man bergleidEjen aber auch nicht eiujeln aus bem ©anjen herausheben, 
fonbern in SBejug jum SBorhergehenben, im ßufammenhang hören/ 

f. Sdpibcrt, Wer 3mproaiptn9. Werk 142. 

Sr hätte eS nodE| erleben fönnen, wie man ihn jefct feiert; eS 
hätte ihn jum ipbchften begeiftern müffen. SKun er fdfjon lange ruht, 



* 311$ ©eleg bafür war noa) ber ©djluß ber Cismoll*2Äa$urfa (mit ber be* 
rannten Ouintenfette) abgebrudt unb hinzugefügt: „Unb fo feto mir gegrüßt, liebe 
Quinten! $em Stüter ftreidjen wir weg, wa$ jdjülerfjaft; bem fäwärmerifdjen 
Jüngling ljören wir gern gu unb öom SReifter laffen wir un$ gar alle* gefallen, 
wa^ jd)ön flingt unb fingt." 2 " 5 



136 



8f. «Säubert, 3Stcr SmpromptuS. 



wollen wir forgfam fammeln unb aufzeichnen, was er uns tjintcrlaf* 
fen; eS ift nichts barunter, was nicht üon feinem ©eift jeugte, nur 
wenigen äöerfen ift baS ©iegel ihres SSerfafferS fo flar aufgebrüeft als 
ben feinigen. So ftüftert eS benn in ben jwei erften 3mpromptuS 
auf alten Seiten „granj Säubert - ; wie wir ihn fennen in feiner un* 
erfdjöpflichen Saune, wie er uns reijt unb taufet unb wieber feffelt, 
finben wir ihn wieber. $)odj glaub' id) faum, baß ©chubert biefe 
©äfce wirflich „3mpromptuS" übertrieben; ber erfte ift fo offenbar 
ber erfte ©a| einer ©onate, fo tooMommen auögcfütjrt unb abge* 
fdf)loffen, baß gar lein 3 we ^ auffommen fann. 3)aS jweite 3m* 
promptu {(alte ich für ben zweiten ©aj} berfelben ©onate; in Xonart 
unb Sharafter fd£)tießt eS fid) bem erften htapp an. 2Bo bie Schluß* 
fä|e ^ingefommen, ob ©Hubert bie ©onate toottenbet ober nicht, müß* 
ten feine greunbe wiffen; man lönnte metteid^t baS vierte Smpromptu 
als baS finale betrauten, boefj fpridEjt, wenn auch bie Xonart bafür, 
bie glüd^tigfeit in ber ganzen Äntage beinahe bagegen. (SS ftnb bieS 
alfo SBermuthungen, bie nur eine einfielt in bie Driginalmanufcripte 
aufflären Wnnte* §ür gering tjatte ich fie nicht; eS fommt jwar 
wenig auf Xitel unb Ueberfd&riften an; anbererfettS ift aber eine ©ona* 
tenarbeit eine fo fdf)öne Qivc im SBerffranj eines (Somponiften, baß id) 
@djubert gern ju feinen Dielen nod) eine anbieten möchte, ja jwanjig. 
SBaS baS britte 3mpromptu anlangt, fo tjätte td) eS faum für eine 
©dj)ubertfdf)e Slrbeit, ^öd^ftenS für eine aus feiner Sfrtabenjeit gehalten; 
eS finb wenig ober gar nicht ausgezeichnete Variationen über ein af)n* 
lid&eS* Xhema. ©rfinbung unb ^^antafte fehlen ihnen gänjtidj, 
worin fidfj Säubert gerabe auch im SSariationSgenre an anbern Drten 
fo f<f(öpferifch gezeigt, ©o fpiele man benn bie jwei erften 3m* 
promptuS hinter einanber, fdjjließe ihnen, um lebhaft ju enben, baS 
inerte an, unb man ljat, wenn auch leine üollftänbige ©onate, fo eine 
fdjjöne ©rinuerung an ifjn mehr. Sennt man feine SBeife fdjon, fo 
bebarf eS faft nur einmaligen 2)urchfpielenS, fie üoüfommen inne ju 
haben. 3m erften ©afc ift eS ber teilte fi^atttaftif c^e Sinai jwi* 
fd^en ben melobifd)en 9tuf)eftetlen, was uns in Schlummer wiegen 
mödjjte; baS ©anje ift in einer teibenben ©tuube gefd^affen, wie im 
SJiachbenfen an Vergangenes. S)er jweite ©afc h at c ^ nen me h r befdjau* 
liefen ©harafter, ™ btt 2lrt, wie eS öiel toon ©(hubert giebt; anberS 
ber britte (baS üierte Smpromptu), fchmoßenb, aber leife unb gut: 



* ärtntidjeS (?) 



»erlioj. 



137 



man fann e3 laum vergreifen; S3eetf)ot)en3 „S3Butf> über bcn toerlorneu 
©rofd&en", ein fef)r läd&erlidjeS, wenig befannte« ©tüd, fiel mir mandj* 
mal batet ein» 

($3 ift f)ier audE| paffenbe ©elegentjeit, ber üon granj Sif jt für 
Klarier bearbeiteten granj ©d^ubertfdEjen Sieber ju erwähnen, bie tnele 
X^eilna^me Im publicum gefnnben. Sßon Sifjt üorgetragen, f ollen fie 
toon großer Sßirfung fein, anbere al§ 9fteifterf)änbe werben fidEj Der* 
geblicfj mit itjnen bemühen; fie finb trieöeidf)t baä ©cf)Werfte, wa§ für 
Slamer ejiftirt, unb ein SBifctger meinte, „man mitöjte boef) eine erleidE)* 
terte Sluägabe berfetben üeranftatten, wo er nur neugierig, was bann 
^erauäfäme, unb ob wieber baS edf)te ©d&ubertfdjje Sieb?" SKanc^mal 
nidjt: Sifjt §at üeränbert unb juget^an; wie er e$ gemadjt, jeugt üon 
ber gewaltigen Slrt feines ©piete, feiner Sluffaffung: Slnbere wer* 
ben wieber anberS meinen» ©8 läuft auf bie alte grage IjmauS, ob 
fidfj ber barftellenbe Ättnftler über ben fdEjaffenben fteöen, ob er beffen 
iStefe nadj SßiHfür für umgeftalten bttrfe. 5£)ic Antwort ift leicht : 
einen SäppifdEien lachen wir auä, wenn er eS fdjjledEjt mad)t, einem 
®eiftreicf)en geftatten wir'3, wenn er ben ©inn be3 Originale nid)t 
etwa gerabeju jerftört* 3n ber ©d&ute beS ßlatrierfpiefö bejeid^net 
biefe Strt ber ^Bearbeitung ein befonbereS ßapitel. 

SR. ©. 



Serlioj tf)ut fefjr Unrecht, fo wenig toon feinen Sompofitionen in 
3)rudE ju geben, ober fidEj nicfjt einmal ju einer Steife naefj $)eutfd)Ianb 
entf fließen ju fönnen ** §at er audt) ba3 Ungtüd, nodj juweilen mit 
SBiriot üerwed&fett gu werben, mit bem er bodfj fo wenig Sle^nlid^feit 
t)at wie SKocfturtlefuppe mit Simonabe, — fo weife man bennod) f)ier 
unb ba ©enauereS über if)n, unb *ßaganini ift nid£)t fein einziger 93c* 
wunberer, obwohl gewifc nidjt ber fdf)tedEjtefte. 2)ie JJieue ßeitfd^rift 
für äRufif" war bie erfte, bie wiebetfjolt auf tf)n aufmerffam madfjte, 



* £ier ift geftrietyen: „Unb baöon fann bei einem SJhififer wie Sifet feine 
8tebe fein." — Spätere £ieber*Uebertragungen beffelben gefielen (Schümann übrigens 
nid)t; feine eigenen Sieber ttmnfdjte er »enigftenS „of>ne Pfeffer unb Qutfyat a la 
ßifet". (»rief an föeinecfe b. 30. 3uni 1848.) 

** @r tjat beibeS inbefc getfjan. [@$. 1852.] 29 



138 



Söcrltoj. 



Setpgtg bie crftc ©tobt, wo eine ©ompofition öon if)tn jur HuffiHpung 
tarn. war bie Du&ertüre ju ben Francs-Juges, eine 3ugenbarbet* 
mit allen jenen %tf)ltvn, bie im ©efolge eines füllen Sßerfeä finb. 
S)ie Du&ertüre würbe bann auef) in anbern ©täbten, wie SBeimar, 
93remen, irr' id) nidjt, auef) in ^Berlin gegeben. 3n SBBiett tätigt man 
barüber. SBien ift aber auä) bie ©tabt, — wo 83eetf)o&en lebte, unb 
e3 giebt wof)l feinen Drt auf ber SBelt, wo \o wenig Don 33eetf)0öen 
gejpiett unb geforocfien würbe ate in Sßien. 2Kan fürchtet fief) bort 
toor allem SReuen, wa3 über ben alten ©djlenbrian ljinanSgelit; man 
Witt bort auef) in ber 9Wufif feine Sletoolution. 30 

31- 



1839. 



J 



3nm netten 3a\)x 1839. 



<So lögen benn neun SBänbe toor unä unb in ifjnen ein getreues 
SBitb menfd£|ttcf)en .©trebenS überhaupt. 9Bie ein junger ©taat f>at 
eine junge geitfdfjrift i^rc ©dfjwanfungen, wie jener fid& einen ©runb 
aufeubauen, ©egner ju überwinben, greunbe ju gewinnen, fid() nadf) 
innen unb auften ju bef eftigen. SJteift jüngere SKufifer waren e$, bie 
ftcf) im Slnfang toerbunben Ratten, jeber mit ©ifc unb ©timme, mit 
gleichem Stnttfeit. 2Kan blättere in bem erften SBanbe ber 3 e *tfd!jrift 
nad£), ba3 fröt)tidE|e, fräftige fieben barin wirb nod) jefct Slnttfeil er* 
werfen ; auef) 88erfet)en lamen öor, wie fie ja im @ef olge atter jugenb* 
liefen Unternehmungen. 3eber fteuerte eben bei, wag er Ijatte. S)er 
©toff fdjien bamata enbtoS; man war fidE) eines ebten ©trebenS be* 
wufct; wer nidf)t mitwollte, würbe mit f ortgeriffen ; neue ©ötterbitber 
fottten aufgeteilt, auätäubifcJte ©öfcen niebergeriffen werben; man 
arbeitete Xag unb SKadfjt. ©3 war ba8 3beat einer großen Äünftter* 
brüberfd&aft jur aSer^errüd^ung beutfdfjer tieffinniger ßunft, ba3 wot(I 
3ebem ate baä tyerrlicf)fte Qid feine« Streben« t)orteudf)ten mochte. 
Unb wie benn bie 3ettfcf)rift überhaupt ju günftiger ©tunbe unter 
günftigen Umftänben unternommen würbe, einmal weit man be8 
©dfjnecfengangeS ber alten mufifalifdjeu Sfritif überbrüffig war unb 
weit wirftidt) neue ®rfdf)eütungen am Äunft^immet aufwiegen, bann 
weit bie Seitförift im @ct)oo& toon 5)eutf djtanb , in einer t)on jet)er 
berühmten Söiufifftabt entfprang unb ber 3ufatt gerabe mehrere junge 
gteidfjgefinute Äünftter bereinigt t)ielt, fo griff ba3 Statt audfj rafdfj 
um fid> unb verbreitete fidf) nadE| aßen ©egenben Ijin. Slber wie fo 
oft, wo bie 9Renfd£|en nodf) fo feft jufamment)alten unb unzertrennlich 
fd^einen, trennt fie auf einmal ba8 plöfctich t)rct)ortretenbe ©dE|icffaI. 



142 



3um neuen 3af>r 1839. 



©elbft ber Xob forbertc ein Dpfer; in Subwig ©dfjunfe ftarb uns 
einer bei tfieuerften nnb fcurtgftcn ©enoffen. Slnbere Umftänbe motten 
bie erften SJanbe nod) loderer. 2)aS fd^önc ©ebäube fd&wanfte. Sie 
9teboction tarn bamalS* in bie §änbe eines Singigen, er gefteljt eS, 
gegen feinen ßebenSplan, ber junädtft auf $uSbilbung eigener Sunft* 
anläge ausging. ?tber bie SBerJjältntffc brängten, bie ©Eiftettj ber 
ßeitfdjjrift ftanb auf bem ©piele. 2td^t Sanbe haben fid) feitbem ge< 
folgt; wir ^offen, eS ift eine Xenbenj in il)nen fid^tbar worben. - • 
Söiögen fid| im SBorbergrunbe üerfd)iebene Slnfidfjten Ijerumtummeln, 
bie ©r^ebung beutfd&en ©inneS burd) beutfd^e ftunft, gefdiat) fie nun 
buref) §inweifung auf ältere grofee SDtufter ober burdj S5et)orjugung 
jüngerer Xalente, — jene @rl)ebung mag no6) jefct als baS ßiel 
unferer~33eftrebungen angefeljen »erben. S)en rotten gaben, ber biefen 
©ebanfen fortfpinnt, fönnte man allenfalls in ber ®efd)idjte ber 5Da* * 
mbsbünbler »erfolgen, eines wenn audfj nur pljantaftifd) auftretenben 
SunbeS, beffen SKitgtieber weniger buref) äufeere Slbjeidjen als burd^ 
eine innere SleljnlidEjfeit fief) erfennen laffen. ©inen $)amm k gegen 
bie 9Kittelmäf$igfeit auswerfen, burdfj baS SBort wie burdE) bie Xf)at, 
werben fie auef) fünftig^in trachten. ®efd(jal) bieS früher oft auf un* 
geftümere Slrt, fo wolle man bagegen bie warme SBegeifterung in bie 
©dEjale legen, mit ber baS Sd)t*Xalentt)otle, @d&t*Mnftlerifdje an 
jeber ©teile auSgejeid&net würbe. 9Bir f cfjreiben ja ni<f(t, bie Kauf* 
leute retdE) ju machen, wir fd)reiben, ben Ättnftler ju eljren. 2Bie bem 
fei, bie in ben legten Sauren nodfj immer wad&fenbe Verbreitung ber 
ßeitfd^rift ift [nur [ein SöeWeiS, ba& fie in i^rer Strenge gegen aus* 
länbifdjeS SJiadjwerl, in iljrem SEBoljlwollen gegen bie fyötyi ftrebenben 
ber jüngern Äünftler, wie in iljrem (Snt^ufiaSmuS für alles, was uns 
bie SBorgctt an SKeifterlidEjem überliefert, bie ©efinnung Sßieler aus* 
fpridf)t, unb bafc fie fic$ ein publicum gebilbet E)at. Siefen alten 
®runbfä|en getreu treten wir am heutigen $efttage, wenn nidf)t in 
baS jeljnte 3af)r, fo bod£) in ben je^nten fflanb jober in baS fedtfte 
3af)r unferer ©Eiftenj, für baS ^erfömmlidEi furj jugemeffene Sllter einer 
SeitfdEjrift fdfjon immer einer filbernen Subelfeier toergleidE)bar, wo man 
fic$ beS Ueberftanbenen gemütl)lidf) erinnert, bem Seüorfteijenben mut^ig 
entgegenfief)t Söiit einigem ©d^merj füge jd) fjinju, bafc idj meine 
Orüfee ju biefem geft jum erftenmal aus weiter gerne einfenben mufe, 
aus DefterreidE|S prächtiger ^auptftabt Oberen freunblid)e 83ewot)ner 

* Sanitär 1835. 



SftofdjeleS tmb 9Kenbel3jirfm, (Soncerte. 



143 



tooljl audfj nodfj länger ju feffeln vermöchten. 31 ©orgfamen greunbeS* 
Ijänbett anvertraut, get)t bie 3eitfdfjrift inbefc it)ren ungeftörten ©ang. 
§ier aber, unter großen ÜJialjntfngen, too uns bie ©Ratten ber größten 
beutfdfjen SKeifter umfdfjtoeben, möchte nodE) mancher ©ebanfe nidfjt un* 
wertl) einer StuSfpradfje t)ier vor StHem aufleimen, ©ine 3eit herauf 
ju befd)toören, bie jener vergangenen au Xfjatfräftigleit gleidfjfäme, 
vermögen blofce ©orte nid)t, unb bie 3eiten ftnb audj anbere getoorben 
unb verlangen SlnbereS. S)en Äünftler aber mandfjmal beweiben an 
jene ÜJieifter ju erinnern, mag unvertoefyrt bleiben, unb tommen toir 
itynen nidjjt an Gräften gleidfj, fo tooQen toir iljnen toenigftenS ntdjt 
im Streben nadfjfteijen. Unb fomit fei SlQen ein glücftidjeS neues 
3a^r jugerufen! 3t. ©. 



Coitcerte für |)iattoforte. 

3* Mofätks, Siebentes (patl) etiles) Gotteerf (Cmoll), IDerk 93. 
f. MtnUtyobn Bartholin, Jmeües donettt (Dmoll)» Werk 40» 

2)ie Slaviermuftf bübet in ber neueren ©efdfjidfjte ber SRufif einen 
wichtigen Stbfdfjnitf; in it)r jeigte fid^ am erften baS Stufbämmern eines 
neuen SJRufifgeniuS* S)ie bebeutenbften Talente ber ©egemoart ftnb 
Slavierfpieler; eine SBemerfung, bie man audfj an älteren Spodjen ge* 
mad&t. 93ac^ unb ipanbel, üttojart unb 93eetf)oven waren am Klavier 
aufgetoadOfen, unb ähnlich ben 33ilbl)auern, bie it)re ©tatuen erft im 
kleinen, in weiterer SJiaffe mobeHiren, mögen fidf) jene öfters auf 
bem Slavier fKjjirt t)aben, toaS fie bann im ©röteren, mit jördjefter* 
SRaffe ausarbeiteten* 2>aS gnftrument felbft tyat ftd) feitbem in ^o^em 
©rabe vervottfommnet. ÜJKt ber immer fortfd&reitenben SRedjanif beS 
©lavterftnels , mit bem füljneren Stuffdfuomtg, ben bie Sompofition 
burd) 93eetf)oven natym, toudjS au<f| baS 3nftrument an Umfang unb 
33ebeutung, unb fommt es nod) bat)in (wie id) glaube), bafc man an 
U)m, tote bei ber Orgel, ein $ebat in Stmoenbung bringt, fo ent* 
ftetjen bem ßomponiften neue 3luSftd)ten, * unb ftd(j immer metyr vom 



* SSon ber SSerbtnbung beS DrgefyebatS mit bem (Slatuer öerfpradj (Schumann 
ftety tuet; er ertoarb in ben bier^iger Qaljren felbft einen Sßebalflügel unb compo* 
nirte meljrereS bafür. TOgemeinen Eingang ijaben bie Qnftrumente bisher nidjt 
gefimben. 



144 



attofdjeteä unb SRenbelSjotyn, (Soncerte. 



unterftüfcenben Crcfyefter loSmadjenb, wirb er fidf) bann nod) reifer, 
üotlftimmiger unb felbftänbiger ju bewegen wiffen. 2)iefe Trennung 
üon bem Drdfjefter fefjen wir fd)on feit länger vorbereitet: ber @ljm* 
ptjonie jum Xrofc will baS neuere ©laüierfpiel nur burd) feine eigenen 
Sölittel fjerrfd)en, unb hierin mag ber ©runb ju fudfjen fein, warum 
bie lefcte Qtit fo wenig Slaüierconcerte , überhaupt wenig Original* 
compofitionen mit Begleitung f)erüorgebrad)t. ®ie 3eitfdf)rift Ijat feit 
ifjrem ©ntfte^en fo jiemlidE) üon allen (Slaüierconcerten berietet; eS 
mögen auf bie vergangenen 3af)te faum 16 big 17 fommen, eine Keine 
$aljl im SBergleidf) ju früher. @o fefjr üeränbem fid) bie fttittn, 
unb wa^ fonft als eine SBereid^erung ber Snftrumentalf ormen , als 
eine widjtige Srfinbung angefefjen würbe, giebt man neuerbingS frei* 
willig auf. ©id^erlid) müfcte man eS einen SSerluft tjeifjen, fäme baS 
(Slaüierconcert mit Drdfjefter ganj aufcer Sraud); anbererfeitS fönnen 
wir ben Slaüierfpielern faum wiberfprecfjen , wenn fie fagen: „wir 
^aben Slnberer 83eit)ülfe nidfjt nötf)ig, unfer Suftrument wirft allein 
am üollftänbigften". Unb fo müffen wir getroft ben ©eniuS abwarten, 
ber uns in neuer glänjenber SBeife jeigt, wie baS Drd)efter mit bem 
Glaüier ju üerbinben fei, baft ber am ©tarier £errfd(jenbe ben Sfteid)* 
tf)um feines 3nftrumentS unb feiner Sfunft entfalten fönne, wäljrenb 
baS Drdjefter babei mef)r als baS blofte 3ufef)en f)abe unb mit feinen 
mannigfaltigen (Sf)arafteren bie ©cene funftüotler burdjmebe. StneS 
aber fönnten wir billig üon ben jüngeren Somponiften verlangen: bafc 
fie uns als (Srfafc für jene ernfte unb würbige ©oncertform ernfte unb 
würbige ©oloftüde gäben, feine Kapricen, feine SBariationen, fonbem 
fd)ön abgefd)loffene djarafterüolle SUlegrofäjje, bie man allenfalls jur 
Sröffnung eines SoncerteS fpielen fönnte. 33iS batjin werben wir 
aber nodj oft nad) jenen älteren Eompofitionen greifen müffen, bie ein 
Goncert in funftwürbigfter Sßeife ju eröffnen, beS JfünftlerS ©ebiegen* 
f)eit am ftcfyerften ju erproben geeignet finb : nadf) jenen trefflichen üon 
üftojart unb 83eetf)0üen, ober will man einmal im auSgewäf)lteren 
Äreife eines nod) ju wenig gewürbigten großen SKanneS Slntlifc jeigen, 
nadf) einem üon ©ebaftian 83adf), ober will man enblid) SReueS ju 
©eljör bringen, nad£) jenen, in weldjen bie alte ©pur, namentlich bie 
33eetl)Oüenfd)e , mit ©lüd unb ®efcf)id weiter üerfolgt ift. Unter bie 
festeren jät)len wir mit ber gehörigen Sinfdfjränfung jwei unlängft er* 
fd£)ienene (Soncerte üon 3- äftofdjjeleS unb g. 9IienbetSfof)n 33ar* 
tljolbtj. S3on beiben Äünftlern war in ber ßeitfdfrift fo oft bie 
5Rebe, bafe wir uns furj faffen fömten. 



äßofdjereS unb 2Renbel3ioljn, ßonczrte. 



145 



3n 9Kojd^cIe§ Ijabcn wir baS feltnere Seiltet eines SJRufiferS, 
ber, obfdjon in älteren 3af)ren unb noch jefct unabläfftg mit bem 
©tubium alter SJReifter Bcfd^äftigt , auch ben ®ang ber neueren Sr* 
fcheinungen bcobad^tct unb oon ihren gortfd)ritten benufct i)at. Sßte 
er nun jene Sinflüffe mit ber ihm angebornen ©igenthümlichfeit be* 
herrfdfjt, fo cntfte^t aus fotdjer ÜJiifchung oon Slltem, Steuern unb 
Sigenem ein Sßerf, eben tote eS baS neunte Koncert ift, ftar unb fdfjarf 
in ben gormen, im Sljarafter bem SRomantifchen ' fid) nähernb, unb 
wieberum originell, wie man ben ßomponiften fennt. 3)a& toir nid}t 
ju fein fpalten — baS Soncert oerrätt) überall feinen ÜJieifter; aber 
alles t)at feine S31ütf)e, unb ber einft baS GmolbSoncert fd&rieb, ber 
ift er nicht mef)r, wof)l aber immer ber fleißige, treffliche Sünftler, 
ber feine üRüf)e fcheut, fein Sßerf ben beften gleich ju machen. Stuf 
Popularität toerjidfjtet er bieSmal gleich oon oorntjerein; baS ßoncert 
heifjt patCietifd^ unb ift eS; was fümmern fid(j unter 100 Sßirtuofen 
99 barum! ®aS Sibweichenbe in ber gorm oon anbern unb ÜJiofcheleS' 
eigenen früheren ©oncerten wirb 3ebem im Slugenblicf auffallen. S)er 
erfte ©afc fd^reitet raf d) oorwärtS , bie Xutti finb fürjer als gewöhn* 
lidj, baS Drd^efter greift überall mit ein; ber jweite mit feinen lang* 
fameren $wifchenfpielen fdjeint mir mübfamer gefunben, er leitet ben 
legten ein, ber ben pattjetifd^en ©harafter beS erften in leibenfehaft* 
Itdjerer ^Bewegung wieber aufnimmt. 9Red)amfdf} fd)Wierig möchten 
wir baS Soncert im SBergteidf) ju anbern neuern nid)t nennen: baS 
gigurenwerf ift forgfältig ausgemärt, aber auch oon mäßigen Spielern 
nach einigem ©tubium ju bewältigen ; jufammen mit bem Drchefter er* 
forbert es aber oon beiben Seiten größte Slufmerffamfeit, genaue 
Äenutnifc ber Partitur, unb fo oorgetragen wirb eS in feiner fünft* 
Döllen ©ebanfenoerwebung in h*>h cm ®tabe intereffiren, wie wir uns 
mit Stuten baran erinnern, als SJRofcheleS eS in Seipjig fpiette. 

(Sinen befonberen S)anf üotiren wir neueren ßoncertf dfjreibern, 
bafc fie uns gum Sd(jlu& nid)t mehr mit Xrißern, namentlich mit 
Dctaüfpringern langweiten. S)ie alte ©abenj, in bie bie alten SBir* 
tuofen an 93rat>our einpaeften, was irgenb möglich, beruht auf einem 
Weit tüchtigeren ©ebanfen unb wäre vielleicht nodt) jefct mit ©lücf ju 
benufcen. Sollte nicht auch btö ©df)erjo, wie eS uns oon ber ©tjm* 
pfionie unb Sonate her geläufig, mit SBirfung im Soncert anzubringen 
fein? (SS müfcte einen artigen SJampf mit ben einjelnen Stimmen beS 
ötchefterS geben, bie gorm beS ganjen SoncertS aber eine fleitft 
$leuberung erleiben. äRenbelSfoljn bürfte eS oor Stilen gelingen. 

Schumann, @ef. Triften. II. 10 



146 SKofdjefeS unb 2Benbetöfofyt, (Soncerte. 

SBtr ^abcn über be3 lederen jweiteg ©oncert ju berieten. SBat)t* 
haftig, noch immer ift er ber nämliche, noch immer wanbelt er feinen 
alten fröhlichen Stritt; ba3 Säbeln um bie Sippen t)at SWiemank 
fchöner als er. SBtrtuofen werben beim Soncerte ihre ungeheuren %tt* 
tigfeiten nur mit SÄü^e anbringen fönnen: er giebt iljnen beinahe nichts 
ju thun, was fic nicht fdjon hunbertmal gemalt unb gefpielt. Oft 
^aben wir Don ihnen biefe Slage gehört, ©ie fyabtn etwas Stecht; 
©elegenheit, bie 33raoour ju jeigen burd) SReu^eit unb ©lanj ber 
Sßaffagen, fotC t)om Soncerte nicht auSgefdfjloffen bleiben. ÜJiufifaber 
geht über atteS, unb ber uns biefe immer unb am reidjften giebt, bem 
gebührt auch immer unfer C|öc^fted Sob. äRufit aber ift ber SluSflufj 
eines frönen ©emütheS; unbetümmert ob eS im Sfagefidfjt toon §un* 
berten, ob e$ für ftdf) im ©titten fluttet; immer aber fei eS baS fd^5ne 
©emütt), baS fid) auSfpred)e. ®a^er wirfen aud} SJtenbelSfohnS Som* 
pofitionen fo unwiberftehlid), wenn er fie felbft fpielt ; bie Ringer finb 
nur Präger, bie ebeufo gut öerbeeft fein fönnten; baS D^r fott allein 
aufnehmen unb baS §erj bann entfd^eiben. 3d) benfe mir oft, äRojart 
müfcte fo gefpielt haben, ©ebtttjrt ättenbelsfohn fo baS Sob, bafc er 
uns immer foldje üRufit ju $6un giebt, fo motten wir beS^al6 
gar nicht leugnen, bafc er eS oft in einem Sßerfe flüchtiger, in 
bem anbern nadf)brücflicher tf)ut. ©o gel) ort auch bxtZ Soncert ju 
feinen flüchtigften (Srjeugniffen. 3d) müfjte mich fehr irren, wenn er eS 
nicht in wenig Xagen, metteicht ©tunben gefdfjrieBen. (SS ift, als 
toenn man an einem 83aum fdfjüttelt, bie reife, füfje %TVLä)t fällt ohne 
SBeitereS h eca &- 3R an rotrb fragen, wie eS fich ju feinem erften ßoncert 
oerhalte. ®S ift baffelbe unb nicht baffelbe; baffelbe ift eS, weil eS 
toon einem ausgelernten SDieifter, nicht baffelbe, weil eS jehn 3ah rc 
fpäter gefchrieben ift. ©ebaftian 83ad) fieht an ber ^armonieführung. 
hier unb ba herauf. SRelobie, gorm, Suftrumentation im Üebrigen 
finb SJienbelSfohnS Sigenthum. ©o freue man fich & er flüchtigen heiteren 
©abe; fie gleicht ganj einem jener Söerte, wie wir manche oon älteren 
SWeiftern fennen, wenn fie oon ihren größeren Schöpfungen ausruhten. 
Unfer jüngerer wirb fichertidfj nid)t oergeffen, wie jene bann oft plöfc* 
lidf} mit etwas 3Jiäcf)tigem h^ortraten, unb baS Dinoll-Soncert öon 
SDtojart, baS in Gdur oon 93eethooen ift uns ein 93eweiS baoon. 

91. ©chumann. 



H. £eniett, Stuben. 



147 



(Stöben für JJianoforte. 

Ä. f) ci! feit , 12 «tö&w (Etndes de Salon), ttertt 5. 

». Säubert, 12 €tfi*tiu Werk 40. 

3. Balberg, 12 tmtn. IDerft 26, 3meitcs Ijcft. 

Unfere lefcte ©tübenfehau ging bis Sunt oorigen 3ah rcg - @S 
fdjeint bic Stübe f)at einen neuen ÄreiS burdfjtaufen, unb es tooße 
nun eine längere Sftu^ejeit eintreten. SBir begrüßen bieg als ein gutes 
3eidf)en. Qtoax glaubt jebe ßeit t>on ftch, fie ftänbe auf bem ©ipfel 
(tote eS umgelehrt ju aßen 3eiten Seute gegeben, bie über SBerfafl ber 
Äunft gellagt) ; t>on ber Statrieretübe fann man inbeß mit einigem 
©runb mehr als unfere SBorfahren annehmen, fie t)abe bie pdjfte 
§öh e erreicht. S)ie Xonleitern finb nach aßen Sfttdfjtungen hin gerlegt, 
ju aßen erbenllichen giguren üertnüpft, bie ginger unb $änbe in aße 
möglichen ßagen gebracht 2C. *, gehe man nun nicht toeiter, too es nur 
auf ©ptfcfinbtgletten hinauslaufen muß, unb toenbe fidf) loieber ju 
größeren, weniger jum SDlechanifchen oerleitenben unb bie 83rat)our jur 
©chau tragenben ftunftformen. SSor lauter ©tubien oerfäumte man 
am ®nbe bie SKeifterfdjaft. SBie unenblich groß ift baS SReidj ber 
gormen; toaS giebt es noch ba auszubeuten unb ju tfjun auf 3ö^ s 
hunberte lang! SSor Slflem möchten toir baS bem mufitreichen $en* 
feit jurufen. ©einen erften ©tüben, bie bie SBelt burchflogen, rafch 
wie eine ©iegeSnad&richt, f)at er jtoci neuere $efte nad^gef d^teft : Etu- 
des de Salon, jioölf an ber ßaljl. 2Ran muß §enfelt gehört haben, 
um eS nie loieber ju oergeffen; toie ein Blumenflor buften mich biefe 
©tücfe nodfj aus ber ©rinnerung an; ja feine SSirtuofennatur umftrieft 
uns fo mit ihren SReijen, baß toir auefj toaS er t>on Stnbern baju 
geliehen, als fein eigen betrachten unb nichts beulen unb t>or Slugen 
haben als it)n. ©o lönnte man, tote in ben erften heften, fo 
in biefen eine SÄenge SfjopinfcheS nachtoeifen; §enfelt felbft wirb eS 
jugeben; aber eS toerfchmiljt fich biefe frembe SBeimifchung fo loohl in 
ber ganjen Sßerfönltchleit, baß eS lleinlicher toäre, fie ju tabeln, als 
fie ju begeben. 2hxdj bejieht fich biefe Slehnlichfeit mit ShopinS SBeife 
mehr auf SleußerlidjeS, auf gigur; in ber ^auptfadje, ber üMobie, 
ift er fo felbftänbig als irgenb einer unb hätte eher ®runb, oon fei* 
neu Schäden ju üerfdjenlen als ju entlehnen, ©df)öne SJRelobie, in 

10* 



148 



N 2l. ftenjclt, (Stübcn. 



fdjöne formen gefaßt, jeichnet bemt auch bic Stücfe biefer jweiten 
Sammlung aus. 3ch wüßte mich barüber noch jefct nicht anberS aus* 
jufpredjen als in einem früheren Stuffafe über §enfelt, beffen man 
fidE) trietleicht auch entfinnen wirb; er ift unb bleibt §enfelt. 3n 
etwas nur unterfcheiben ftd^ biefe julefct erfdf)ienenen Sebent im Stegen* 
blidE auffällig: in ben Ueberfdjriften, bie auf objectiüere mufifalifd£)e 
ßuftänbe f fließen taffen; wir finben t)icr einen „Slfenreigen", ein 
„Slüe 2Raria*, einen „£>ejentanj", „2)anflieb nach ©türm" :c, wäljrenb 
bie alten eine 9fteil)e Siebeslieber ober (wie fie SBebel nannte) (Sonette 
[waren]. ipenfeltS Itjrifche SRatur verleugnet fid£) jwar babei nirgenbS; 
eS ift aber bod£) ein ßeidjjen, baß er toorwärtS will, unb totr fommen 
hier auf ben 3uxu\ jurücf, ben wir oben an £enfelt ergeben ließen: 
fich üon ben ©tüben überhaupt weg unb ju teeren ©attungen ju 
wenben, jur Sonate, jum Soncerte, ober eigene größere ju fc^affen. 
333er fid(j immer in benfelben gormen unb 33erJ)äItniffen bewegt, wirb 
julefct SRanierift ober $f)itifter; es ift bem ftünftler nichts fctjäblicher 
als langet Ausruhen in bequemer gorm; in älteren 3aljren nimmt 
bie Schaffenskraft ohnehin ab, unb bann ift'S ju fpät, unb manches 
treffliche Talent gewahrt bann erft, baß eS feine Aufgabe nur jur 
£>älfte gelbft. Sin anberer 2Beg aber, üorwärts ju tommen, fid) ju 
neuer Schöpfung ju bereitem, ift ber, anbere große 3nbimbualitäten 
gu ftubiren* 9Jfan führt wohl j. SB. SKojart als einen ©egenbeweis 
biefeS SafceS an unb fagt, ein ©enie ^abe baS nid)t nöthig unb über- 
haupt nid)t8 ; aber wer fagt uns, was SKojart geliefert wenn er 
j. SB. ©ebaftian SBach in feiner ganjen ©röße gelaunt hätte? 2Bie 
ihn fdfjon §at)bn anfpannte, um wie Diel mehr müßte eS ein Sadf)! 
9Kan fann nicht alles aus eigener Xiefe herauf befd£)Wören* SBie lange 
bilbete bie ßeit an ber guge herum! ©oH ber fiünftler erft alles an 
fidf} felbft burdfjmachen unb &erfudf)en, unb fommt er nicht fdf)neller 
jum $kl, wenn er baS üorhanbene 93efte ftubirt, nad)bilbet, bis er 
fidf} gorm unb ©eift unterthan gemacht? Slber auch ^ SWeifter ber 
©egenwart muß er lernten, &om erften bis jum legten, alfo auch 8- SB- 
Strauß, als in feiner SBeife einen ^öd^ften StuSbrucf feiner $eit. 2Ber 
bieS toerfäumt, wirb über feine Stellung jur ©egenwart, über ben 
Umfang feines XalentS ewig im Unflaren bleiben, bis er julefct nicht 
mehr nadf)!ommen fann, ber 3Eelt nur SSeralteteS, bereits SlbgethaneS 
bietenb. Sich alfo im Schwange mit ber ßeit ju erhalten, alles fen* 
nen ju lernen, baS fenuenswertf), möcht' ich gerabe Jpenfelt jurufen, 
feinem ergiebigen Xalent neue Auspfiffe ju üerfchaffen. ®S ift wahr, 



20. Zaubert, (£tüben. 



149 



er tyat uns fo oft mit feinen Siebeggefängen ergoßt, unb eS fdf)eint 
unbanfbar, Semanbem, ber uns einen Strang 33lumen bringt, bamit 
ju antworten, ba& er unä lieber ettoa einen gefeffelten ßöwen fyätte 
bringen f ollen. Stber &erfud)e er fidf) nur aud) an bem ßöwen; e3 
giebt fo wenige Kräftige ; bie wenigen bürfen nidjt raften, er bringe 
ben ßöwen! 3tnmerf)tn bleiben aud) biefe (Stüben, wa8 fie finb unb 
enthalten Wieberum fo t»iel SfteijenbeS, ®uftige§, bafe fie überaß ge* 
fallen müffen unb in jebem 2eben8alter, wie icf) benn wirflief) Slhtber 
nie aufmerffamer juf)ören gefe^en alä bei feiner SWufif. Slm liebend 
würbigften jeigt er fid) aucfj bieSmal in ber ©pf)äre, wo wir it)n 
fd)on tängft als SJteifterfänger fennen, wie im v „Siebe3lieb" unb in ber 
„SRomanje*. StudEi ba8 „Sfoe 9Raria" muft man liebgewinnen; f)ier ift 
bag 33eifptel, wie eine gutgewäfjlte Ueberfdjrift bie SBirfung ber üftufif 
Ijebt* £)f)ne jene Ueberfcfjrift würbe e3 üon ben SKeiften wie eine 
(Stübe üon Eramer abgezielt worben fein, mit bereu einer (irr' id) 
nuf)t, in Cismoll) fie aud) tnel Stc^nlidEpfcit f(at. SBei einem Jfoe 
2J£aria" benft fid(j aber audf) ber ^rofaifdje etwa3 unb nimmt ftdf| ju* 
fammen. SBeniger paffenb fc^eint mir bie Ueberfdf)rift „Eroioa"; bie 
SDhtfif ftef)t f)ier Ijinter bem 5Berft>rod)enen jurüd. „(Slfenreigen* unb 
„JpeEentanj" gehören wof)l einer früheren ßeit an; in if)nen f)errfdf)t 
Sf)opin3 (Sinflufc am auffaHenbften toor, aud) in ben blofe mit „(Stöbe* 
überfdfjriebenen ©tüden; bodf) madjt bie in Adur einen fcfjr lieb lief) 
erfrifd&enben (Sinbrud. S)er „9tädfjtlidje ©eifterjug" ift fdfjwertidf) toom 
93latt ju fielen, bodfj meifterf)aft gefpielt Don großer SBirfung, auf 
ber jweiten ©rite befommt er burcfj neuen 9ll)t(tf)mu8 einen neuen 
©djwung ; nocf) erinnere idf) mid) ber tiefen Safenoten, wie fie §enfelt 
anpadte;» e3 war üon befyaglicf) urfräftiger SBirfung. 

©ine anbere üielfadj intereffante (Stübenfammlung, feine erfte, f)at 
SB. Xaubert unlängft , geliefert. 9Jlef)r al§ alle feine früheren SBerfe 
jeigt biefeS feine SSertrautf)eit mit ben neuem ®ompofition3rid)tungen ; 
e§ enthält üiel (Sigeneä, bocf) aud(j, wa£ idf) um beS erfteren willen 
unterbrüdt wünfdjte, tnele3 Slngeeignete. SBarum benn gerabe jwölf 
(Stäben immer? Um wie triel reiner würbe unä bie (Sigentf)ümlidf)feit 
be§ ©omponiften entgegentreten, f)ätte er nur ba8 3tu3gejeicf)netfte, 
if)tn 2tnget)örige gegeben; um wie met f)öf)er gälte mir eine ©amm* 
lung. bie etwa nur au§ ber „Sibelle", Unbine", „Unter ®t)preffen", ber 
„Sanjonette", bem „©eifterreigen", bem „93ulfan" beftänbe! 2)ie anbern 



* $ie Ueberjcfyrift rüljrt t>on fteferftein fjer. 



150 



@. Balberg, etübcn. 



ftnb wof)l gute Uebungen, aber jum X^cil unter aHju offenbar frem* 
ben ©inftöffen entftanben, jum Xtjcil fdjwädfjer als Sompofition Don 
Xaubert überhaupt, ©o üerwunbert midf) baS „Slotturno", wo er ftd) 
in eine ©efüljlsweife f)ineinbenft, in ber tf)m nichts gelingen fann, 
weil fie if(m t)on 9iatur toerfagt ift, id) meine baS fein ©dfjwärme« 
rifdfje, wie es ®t)opinS Clement, ©o auch baS Sßaftorale, baS an* 
fprudjloS fein will nnb eS bodf) nidjt ift baS Alla Turca, baS bod) 
ju leidet erfunben jc. ©inem ©dfjwädfjeren als iljm mü&te man aud) 
biefe Stüde aK gute ßeiftungen loben, benn bafc fie gefdfjtcft gefügt, 
gut in ber Harmonie ftnb, t>erftet(t fich toon felbft; mit biefem Sobe 
toürbe er ftdfj aber gewtfc nidfjt begnügen, ber fd)on fo SluSgejeidjneteS 
geleiftet. Sin um fo aufrichtigeres joüen wir ihm benn, wie gefagt, 
für bie Hummern, bie wir oben anführten, ©o fdfflagenb, baß man 
gerabeju auf ben ©omponiften fdfjwören f Bunte, ift jwar leine; aber 
er t(at fdfjon befannte ©eftalten unb ßuftänbe in intereffanter befon* 
berer SBeife nadjgefdjaffen, unb bieS genügt fd)on in einer ßeit, wo 
fidfj bie SBenigften !aum über bie gewöhnüchften gormein unb SRebenS* 
arten ju ergeben vermögen. Sllfo ©h rc tyw fß* f^ne „Unbtne", bie 
in einem jarten ßeib jarte ©ebanfen birgt, für baS »Unter Stjpreffen", 
baS ein ©ebteht feiner würbig, für bie „ÄibeHe*, bie flimmert unb 
flattert, unb für toieleS Stnbere. ®ie „Ganjonette" ift für bie linfe 
$anb allein; fdjon einigemal führte idf) gloreftanS SBtfe an, ber beim 
anhören fotd)er ©tüde bie redete Jpanb im ©eifte be8 Somponiften, 
ber'S aber im ©oncerte fchwerlid) wagen barf, fetjr in bie Xafdje ftedt. 
Slber baS ©tüd ift finnig unb jart, unb man paßt auf, nichts ju 
berlieren. ©benfo beim „©eifterretgen", obgleich bie garben ju fol* 
d)em SBilb fdfjon oft gebraust. 2Äan ftef)t aus bem Sngefüljtten, wie 
9Serfd^iebeneS unb üttanntdjfattigeS neben einanber geftettt ift. Der 
Xitel toerftmdfjt ein fpater folgenbeS ipeft. äRBchte eS bem ©omponi* 
ften gelingen wie bie fd)önere &alfte biefer Sammlung. SBir finb ihm 
immer mit Xheilnahme gefolgt. 

Ueber baS jweite ipeft ber ©tüben öon X^atberg ift fchlimm 
urteilen, wenn man fie etwa furj [tjor^er] öon iljm fetbft gehört. Sludj 
beläme man bie fämmtftdfje beutfdfje unb auswärtige 3Ääbd^cnf(^aft auf 
ben Sladen, wollte man tabeln; man würbe nur mit mitleibigem Sä* 
dfjeln angehört werben in feinen Äunftbetradfjtungen, man würbe als 
ber l)ämifdf)fte unb abgefeimtefte Stecenfent auSgefdfjrieen werben. 33er* 
bient er bod) auch bie Äränje alle, mit benen man ihn aller Orten 
überf fürtet ! 2Bie fpielt er, wie laufet man, wie bonnert ber ©aal, 



aRenbelSfofytS ,$auM u in SBiett. 



151 



toenn er geenbet! Die ©tfiben ftnb Äinber feine« ©IficfeS, feine» 

9ftuljme3, unb baft wir e8 nidjt öergeffen, feines gleifteS ; benn er I>at 

unauägefefct ftubirt, fennt wofjl äße ©omponiften, t)at alleö mit großer 

SBirtuofität in fief) aufgenommen. äJian Ijör' if)n öeetljoöen fpiclctt, 

Düffel, ©f)opin, über alle breitet er ben ü)tn eigentümlichen ®Ianj 

feines ©piefö ; er brauet nur ber Anregung burdf) frembe 9Jiuftt, um 

feine mufifalifc^e SRatur in aßet $rad}t ju entfalten. Äudfj beftfet er 

felbft eine gewiffe Strt oon ÜRctobie, etwa tote bie ber Staliener, öon 

adfjt ju adjt Xacten auSruljenb, mit gewiffen &u$toeidfjuugen k., unb 

toie er fie bann oerlegt üerboppeft, fie umftnnnt mit neuen Älang* 

ftguren, er madfjt es' in feiner SBetfe, oft fiberrafdfjenb, blenbenb unb 

tjinreiftenb. Damit ift aber audfj alles gefagt, unb gewtft würbe er 

fetbft am erften ablehnen, wenn man feine ©ompofitionen gar mit bem* 

felben Ulamen belegen wollte wie bie S3eett)ooenfdf}en, alfo mit bem « 

oon Shinftwerfen jc. Dem groften Raufen ben Unterfdjteb jWifdjen 

©ompofition unb Konglomerat, jwtfdjen SWeifterleben unb ©d&ein* 1 

leben k. betbringen ju fönnen, biefeS ©ebanfenS wollen wir un$ nur 

entfd^Iagen- Stbcr bie ßünftler müffen e3 wiffen, unb metjr nodfj märe 

über biefen ©egenftanb ju fagen, fät)en mir nidjt eben bie 8Räbcf)en* 

fd&aft auf bie Sftebaction einbringen; alfo nur ba3 nodfj: er ift ein 

Oott, wenn er am Slaoier fifct. ©. 



iWenbeUfolftw „flattUw" in Wxtn. 

Wu* emem »riefe Dom 2. Wlfai. 

©nblidfj ljat man $ier „?ßaulu8" gegeben, bie gröftte äJiufifftabt 
U)eutfd)lanb3 iljn jule|t* Daft 2Renbel3foljn$ ©ompofitionen bisher 
T)ier nur wenig ©ingang gefunben, t(ängt ju tief mit bem t)iefigen in* 
nern SRufifleben jufammen, als baft'icf) bie Xljatfadje einjeln IjerauS' 
reiften lönnte, auf bie idfj aber wieber jurüdEjutommen beule. Sorber 
ipanb alfo nur biefeS: Der SEBiener ift im Allgemeinen äufterft mift* 
trauifdfj gegen auglänbifdfje muftfalifdfje ©röften (etwa italienifc^e aus* 
genommen) ; f)at man it)n aber einmal gepaeft, fo !ann man Ujn bre* 
f)en unb wenben, rool)in man Witt, er weift fidj bann faum toor Sob 
$u laffen unb umarmt unaufhörlich ©obamt giebt e8 l)ter eine ffilique, 



152 



SRenbelSfofniS „SßcmluS" in SBien. 



bic 5 0rt f e fe un 9 berfelben, bie früher ben 2)on Suan unb bie Duüer* 
tärc ju ßeonore augpfiff, eine Elique, bie meint, 2Renbel3fof)n com* 
ponire nur, bamit fie'S nid)t toerftef)en foßen, bic meint, feinen 9luf)m 
aufhalten ju fönneu burdj ©teefen ünb Heugabeln, eine (Slique mit 
einem ©orte fo ärmlid), fo unroiffenb, fo unfähig in Urtfjeil unb 
Seiftung tote irgenb eine in glad)fenfiugen.* 3merge au $ btc Sßelt 
ju fdjaffen, braudjt es nun gerabe feiner apoftolijdjjen SBttfce, wie fie 
$aulu3 wirft; fie oerfriedfjen fid) ofjneljin, fafct fie ber Siebte irgenb 
emftfjaft ins Sluge.' Slber ber $autu8 tfjat größere Sßuuber. SBie 
ein greubenfeuer jüubete biefe fortlaufenbe Äette toon ©djönffetten in 
ber SSerjammlung. ®a§ t^atte man nityt erwarfet, biefen 9fteidjtf)um, 
biefe 2Ketfterfraft, unb oor Slßem nidfjt biefen melobifcfien 3auber ; ja 
afe idj jum ©d^Iu§ ba3 publicum überfcf)äfcte, war e§ fo t?oQjät)tig 
ba wie im Slnfang, unb man muß SBien fennen, um ju wiffen, wa3 
ba3 fjeifct: SBien unb ein bretftünbigeS Oratorium t)aben biSljer in 
fcf)led)ter 6t)e gelebt; aber ber $aulu3 braebte e8 ju ©tanbe. SBaä 
fofl idf) toeiter fagen? — jjebe Plummer fcfylug, brei mußten burdjauS 
wiebert)oIt werben,** jum ©d()tuf3 fummarifd^er SSeifaß. ®er alte 
©tyrowefc meinte, w ba8 wäre feines Srad)ten3 ba§ größte SBerf ber 
neuen 3 e ü"; bzt alte ©etjfrieb, »fo etwas f)ab' er nicf)t nodj in fei* 
nen alten Xagen ju erleben gehofft". Äurj, ber ©teg war paffabel. 
Sebenft man nun, bafc bie äuffüljrung na<$ jwet £)rdf)efterproben oor 
ftd) ging, fo mufc man t>or ber SSirtuofität ber SBtener aßen Sftejpect 
Ijaben. S)ie ©arfteflung war im Sinjelnen nodf) feine ooflenbete unb 
fonnte e£ nid^t fein; aber toie man f)ter einen ßljor fingt, aus aßen 
SeibeSfräften , bafc man ifjn eljer ju befänftigen fjätte als anzufeuern, 
ba§ finbet man in SJiorbbeutfdjlanb nur feiten, wo man fidj fjinter bie 
Notenblätter toerpaßifabirt unb nur frot) ift, nid)t gerabeju umju* 
toerfen. §ierin ift SBien einzig, man gebe ifjm nur ju fingen, unb 
eS fd&mettert luftig wie aus einer ©anarienf)ecfe. $)ie ©olopartieen 
würben jwar nid)t oon ben befannten erften SMotabilitäten ber ©tabt 
vertreten, bod) ^inreid^enb gut; einzelne, wie ber Söafj, fogar auäge* 
jeidf)net. 32 SBie idf) fdjon getrieben , gefdfjat) bie Sluffü^rung auf 
SSeranlaffung ber ©efeßfdfjaft ber SRuftffreunbe, biefeS pdjft et)ren* 
werben SBereinö, ber in neuerer ßeit ein fe^r frifdEieS Seben entwidEelt. 
Sefonbere ©rwät)nung öerbiente wo^l audf) §r. Dr. ©bler t?on 



* ^uobcj*5ürftent^um in Scan Sßaulg ^eäperug. 
** 9ir. 8, 25 unb 35. 



de »uO. 



153 



©onnleitf)ner, burdf) beffen raftlofe 33emüt)ungen jumal bie Sluffül}rung 
gelang; benn man glaubt taum, wag Ijier baju gehört, ein Drd)efter 
öon 100 Äöpfen jufammenjubringen, wäljrenb übrigeng bei met)r ßu* 
fammenljaltung unb 93ef)errfcfjung ber Strafte leicht 1000 unb mefjr ing 
gelb geftettt werben fönnten* ©jre alfo aßen benen, bie bieg äöerf, 
bieg Suwel ber ©egenwart, i^rer unb beg SBerfeg würbig, mit fo 
großer ßuft unb Siebe ben Diepgen jaljlreidjen unb eckten $unftmeufd)en 
jur ©d&au geftettt. 2)ie grudfjt, aud£> für bie SJiaffe, wirb nidf)t a«g* 
bleiben unb bag „3ßadE)et auf* in mancher ©eele wieberljatten. ©d&on 
fpricljt man auef) öon einer jweiten unb britten Sfaffütjrung* 

SR, ©dfjumann. 



* ©le «tili. 

((Sorrefponbena&eridjt aus SBien.) 

Die 33utt gab big jefct jtoei Soncerte; bag erfte war bag glän* 
jenbfte im gangen SBinter, ber große SReboutenfaal faft brücfenb ge* 
füllt, bag Drdjefter bag befte, bie Erwartung bie gefpanntefte. (Sr 
fpielte toie Die 83utt. Sitte S8ergletd)e fdjeitern. ©r bringt faft lauter 
üfteueg, unb ift eg nid)t immer fcfjön, fo bodE) intereffant. Stlg 93e* 
ljerrfd)er feineg 3nftrumenteg alg Snftrument ftet)t er meiner 9Reinung 
nad(j aber wenig ft eng Sßaganini gleidE). Stttg Eontponift erfdjeint er 
fdtjwädjer, madf)t mandfjeg, wag ein dreißiger fdjon hinter fidEp t)aben 
fottte; idf) müßte nur wieberfjolen, wag bie ®orn unb Xrut)n 
geifttoott in biefer ßeitfdjrift barüber gefdf)rieben. gür bie SBiener 
paßt er ntcf)t ; fängt er an ju ergreifen, baß man atljemlog, fo fpringt 
er plöfclid) in bie §öt)e mit einem 3tiß über bie ©aiten weg; ba 
fdjüttelt ber SBiener ben ®opf unb weiß nidf)t, wag er baüon benfen 
fott. *ßaganini tt)at bag auef), aber alg Staliener unb la<f)enb; bei 
Die Söutt ift eg frampfartig. @r coquettirt etwag mit feinem 9Rufif* 
fc&merj. ©eine ßufunft liegt if)tn irietteidjt felbft im ©unfein, lieber 
bie Bielen lahmen Urttjeile linfg unb redjtg fann er fidEp aber getroft 
tjinwegfefcen. ®r ift unb bleibt neben ^aganini ber ©rfte. 

[1839, X, 152.] 



154 



$te „£eufclgromantifer". 



i 



(Soncert om 30. SRoöember 1840 in Seidig.) 

Unter ftürmifd£)em SBeifaü gab §r. Die S3uH geftern Slbenb t)ter 
ein ßoncert. 311s 93trtuoS mödfjte er uadf) SßaganiuiS Eingang unbe* 
jroeifelt als ber ©rfte anjufef)en fein; SinjelneS torie baS metftimmige 
©piel gehört if)m ganj eigentümlich. SBie er mit bem ©dfjnne* 
rigften nur fpielt, fo weift er bodf) audf) bie tiefern ©atten beS ^erjenS 
ju treffen; fo im Äbagio toon äRojart, baS er Bis auf SßenigeS 
ungef d)müdf t , einfach unb beutfdf) innig vortrug. SRamentlidf) biefem 
©tüdEe folgte ber feurigfte SBeifatL 3 ur öoflfommenen SBürbigung 
feiner aufcerorbentlidfjen SBirtuofennatur gehört mehrmaliges £ören, ju 
bem uns auf baS erroünfdfjtefte burd) beS ÄünftlerS Stuftreten im 
l)iefigen Sweater ©elegen^eit gegeben ift. 

[©rodfljauSfdje beutfdje öligem. StgJ 



Die „fcettfeUrwatttiker", 

SBo ftedfen nur bie XeufelSromaniiter? S)er alte gute Sftufttbirector 
ajiofetoiuS in SBreSlau erflärt fid) plöfelidf) als i^ren entfdjjiebenften 
©egner; aud) bie 2tttgem. mufü. ßeitung wittert bereu immer. SBo 
ftedfen fie aber nur? ©inb eS tueüeidfjt 2RenbelSfol(n, Eljoptn, SBennett, 
filier, Jpenfelt, Xaubert? 2BaS $aben bie alten Herren gegen biefe 
einjutoenben ? (Selten i^nen SSanljal, Sßletyel, ober $erj unb §ünten 
me^r? §at man aber jene unb anbere nidjt gemeint, fo brüefe man 
fidf) bod) beutlidf)er aus. Sprint man enblid) gar Don einer „Dual 
unb ÜJiarter biefer mufifalifdfjen UebergangSperiobe*, fo giebt eS S)anl* 
bare unb 2Beitfidf)tige genug, bie anberer Sfteinung. SWan $öre bodfj 
auf, alles burdfjeinanber ju mengen unb wegen beffen, toaS in ben 
ßompofitionen ber beutfd^*franjbfifdE)en ©d(jule, toie in Serlioj, ßifjt :c. 
tabelnStoertl) erfdjeinen mag, baS ©treben ber Jüngern beutfdjjen ©om* 
poniften ju üerbädf)tigen. 85et)agt eudfj aber aud^ biefeS nid^t, fo gebt 
uns bodf) felbft Sßerfe, if)r alten §erren, — Sßerfe, SBerfe! 33 



(Sonaten für ba$ ©laoter. 



155 



Sonaten für Us (Hautet. 

©3 ift lange Ijer, baft wir über bic ßeiftungen im @onatenfa<f) 
gefd&wiegen. SBon aufjerorbentlidfjen Ijaben wir aud^ Ijeute nidfjt ju 
berieten. 3mmerf)üt erfreut es, im bunten ©ewirr ber SWobe* unb 
3errbilber aud) einmal einigen jener e^renfeften ©efidf)ter ju begegnen, 
wie fte, fonft an ber lageSorbnung, jefct ju ben SluSnaljmen gehören, 
©onberbar, bafc es einmal meift Unbefanntere finb, bie ©onaten 
fdjreiben: fobann, bafc gerabe bie älteren nodf) unter uns lebenben 
©omponiften , bie in ber ©onatenbtütfjejeit aufgewadfjfen, unb t)on 
benen als bie bebeutenbften freilief) nur ßramer unb SWofdfjeleS ju 
nennen wären, biefe ©attung am wenigften gepflegt. * SBaS bie erfteren, 
tneift junge Äünftler, jum ©dfjreiben anregt, ift leidet ju erraten ; eS 
giebt feine würbigere, §orm , burd) bie fie ftd) bei ber leeren Äritif 
einführen unb gefällig mad&en Ibnnten ; bie meiften ©onaten biefer Slrt 
finb baf)er audf) nur als eine Ärt ©peeimina, als gormftubien ju be« 
ttadfjten; aus innerm ftarfen Drang werben fie fdfjwerlidj geboren* 
©dfjreiben aber bie älteren ©omponiften feine mef)r, fo müffen fie eben* 
falls i^re ®rünbe baju t)dben, bie ju erraten wir Sebem überlaffen. 

auf äJiojartfd&em 2Sege war eS namentlich §ummel, ber rüftig 
fortbaute, unb beffen Fismoll*©onate allein feinen tarnen fiberleben 
würbe; auf JBeet^oöenfc^em aber öor SlHen granj ©djubert, ber neues 
Xerrain fucljte unb gewann, üiieS arbeitete ju fernen. Söerger gab 
einjelneS SSorjügtidtje, ofyne burdfoubringen , ebenfo DnSlow; am feu* 
rigften unb f^ticUften wirfte &. 2R. toon SBeber, ber ftdfj eigenen ©til 
gegrünbet, namentlich auf üjm bauen mehrere ber jüngeren weiter/ 
©o ftanb e8 öor jef)n S^ren um bie ©onate, fo ftetyt eS nodf) jefet. 
©in je Ine fdjöne Srf Meinungen biefer ©attung werben fid&erlidf) tjier 
unb ba jum SSorfd^cin f ommen unb finb eS f dfjon ; im Uebrigen aber, 
fdjeint eS, §at bie gorm ifjren SebenSfreiS burd&laufen , unb bieS ift 
ja in ber Drbnung ber Dinge, unb wir foüen nid)t 3al)rt)unberte lang 
baffelbe wieber^olen unb audf) auf SleueS bebaut fein. Sllfo fdjretbe 
man ©onaten ober ^antafieen (was liegt am tarnen!), nur öergeffe 



* 3n Jöcjuß auf ©romer nidjt jutreffenb, ber über 100 (Slatnerf onaten »er* 
öffentliche. 



156 



3. e. ftelbe unb <S. fr SBüfing, Sonaten. 



man babet bie Süiufif nidjt, unb ba3 anbete erficht öon eurem guten 
©eniuä. 

SSon Sonaten nodf) wenig befannter (Somponiften liegen eine üon 
3. (E. Selbe [SBerf 12, t>ietf)änbig], brei üon g. 6. SBilfing 
[SBerf 1] unb eine üon SB. (5. ©dfjolj [SBerf 19, Fmoll] t>or mir; 
fie ftct)cn f)ier in ber SRei^c ifjrer SSebeutung. 

• * Die ©o.uate öon Äelbe fprid^t für ben gleifc unb ben guten 
SBiQen be8 Somponiften. SBie immer, jeigt fidfj audf) in iljr im Slbagio 
bie Srfinbung8fcf)mäd)e am fütjlbarften. Slnf länge fehlen ebenfalls 
nidfjt, unb wie ber Gompouift bem Anfang ber Subelou&ertüre t>on 
Sßeber nocf) fo forgfältig auSjuwetdfjen fucf)t, fp fällt er if)m, wenn 
aud) erft im Sttbagio, im üoHenbeten Edur mit ganjer Äörperfdf)Were 
in bie Slrme; ebenfo ift baS £f)ema be§ legten ©afceS eine SBerfefcuug 
be3 erften aus 33eetf)0t)eng Cmoll*Soncert unb bergt. mef)r. 3m 
Uebrigen ftrebt er nadf) guter gorm unb reiner Harmonie; mit einem 
SBorte, t)at man bie erfte ©ette geljbrt, fo fann man bei einigem mu* 
fifalifd^en ©djjarffinn baS golgenbe erraten. 

Die brei ©onaten &on SBilfing finb bem oerftorbenen trefflichen 
2. SSerger jugeeignet, ber, öietleicf)t be3 ßomponiften 9Jteifter, über* 
Ijaupt nicfjt ofjne @inffufc auf fein SBerf gewefen ju fein fd)eint Die 
©onaten f)aben fd)öne SSorjüge unb berbienen all baS 2ob, wie man 
e$ jungen ftrebfamen SRufifern aufmuntemb fo gern jufpridfjt. ©trebe 
ber Somponift nun weiter unb wage aud) einmal einen füf)ueren 
Anlauf. Die ©onaten getjen nidf)t weit über bie Sßrofa eine« ftißen 
©tubirftübdjjenS f)inau£ : id) fei)* ben ©omponifteu orbentlid) fifeen unb 
fd^reiben unb i)eimtidf} tjtn unb wieber an eine fleine Unfterblid)feit 
benfen; nun neljme er audjj größere Sinbrücfe in fid) auf, fei eS burd) 
©tubien in *8ad) unb 33eetf)ot)en, burcfj anregenbe Seetüre, buref) öf* 
'teren §inau$bticf in bie reidjje ©dfjöpfung. @idf)ertidf) wirb er nod) 
SBebeutenbereS teiften, wie mir au3 feinem SBerf audf) ©inn für Ijbljere 
Suftrumentalmufif f)ert>orjugef)en fdjeint. 3n ber @infacf)f)eit gef)' er 
aber uicf)t weiter, befdf)ränfe unb befcfjneibe fief) nid)t ju triel; e3 ift 
oft gar ju naeft, was er fjinfteQt. Dodj foU ba$ nur eine SBarnung 
fein, fein Vorwurf. De§ ßomponiften gefunber ©inn wirb if)n ba$ 
3iel nidfjt ju weit fudjen laffen.* 



* @r Ijat e3 gefunben. ©in „De profundis" für bierfadjen (5f)or mit Crdjcfter, 
in Meiern S^re erfc^ienen, gehört ben größten unb gewaltigften 9Äeiftcrtt)erfen, 
bie unjere geit J>eröorgebrad)t. (3ujaf öon 1853.) [Sc^.; 



SB. <S. <5djoIs, ©onate. 



157 



(Sntfchiebener, ettcrgifc^er tritt bcr ©omponift ber lefctangeführten 
©onate auf; feine ©abe ift banfenSwertl). ©trengfte Slritif fänbe frei* 
lidfj auch an ihr auSjufefcen, unb erlaubte eS ber 9iaum, fo wäre ge* 
rabe biefe üon einem eblen ©treben jeugenbe ©onate einer foldjeu 
würbig. ©dfjritt üor Stritt wollten mir bann bem in ihr waltenben 
©eifte folgen, fehen, wo er auf fdjöner ©pur fear, wo er auf Abwege 
geriet!), wo er fie üermieb. ©oldje Slrt ber Jhritif fann tdoI)I bem 
(Somponiften angenehm unb nüfclidf) werben ; aber forbern barf fie 9lie* 
manb üon einem 931att, wo im fdjmalen 5Raum üon allen Bebeutenben 
<5rfd)einungen 9tedf)enfd)aft gegeben werben fotl. 

3)ie ©onate weift birect auf S. 9W. th Sßeber; wer fennt fie 
nicht, SGBeberS fdjwärmerifche, oft Mnftidj reijenbe ©onatenbid^tungeni 
Slber eS ift leine fchwächliche Stbhangigfeit, in ber ber neuere Eompo* 
nift jum SWeifter ftcfjt , fonbern nur ein ©treben nach berfetben 2Bir* 
fung, freilief) üon nid^t fo großen Gräften unterftüfct. Smpfinbung, 
oft feurige, fpridjt faft überall aus biefer ©onate; fo fdjön auSfingenbe 
©teilen, toie gleich bie erfte ßantilene im erften ©ajj, fommen ju 
feiten üor, als bafc toir fie nicht mit greuben bemerten faßten ; ebenfo 
glüeflich geflieht ber ipauptrücfgang in ber 9Ritte beS ©afceS, bie 
©teile, bie immer unb ewig baS SDierfmal gewonnener §errfdf)aft über 
bie gorm bleiben wirb. Slnbere ©teilen beffelben ©ajjeS, wo mir bie 
Bewegung unterbrochen fdjeint (jum erftenmal @. 5 ju Slnfang), wollen 
mir weniger jufagen, ebenfo baS plöfcliche Dmoll (©. 9), um nadfj F 
ju fommen, baS leicht üermieben werben fonnte. Stuch ben ©djluß 
wünfdjte ich fchwerer. S)aS Slbagio eutfpricht bem Xon im erften 
Safe, ftet)t aber an SBirfung nach; eS fet)tt it)m ein befonberS nach« 
brüdfticher ©ebanfe, wie it»n bie SDleifter ber Sunft oft noch jum @d£)lufe 
hütfefcen, etwas, was uns noch auf ben 2Seg &u benfen giebt; wir 
finb fertig unb ber Somponift war eS auch* 2lm wenigften geglüeft 
fdjeint mir baS ©dfjerjo, wie benn baS 2t)rtfd)e im ©omponiften über* 
wiegenb ift. 3m legten ©afc treffen wir auf ein feljr anjiehenbeS, 
lebensvolles SRittetthema ; aus ben 9toten ber Sntrobuction hätte fidf| 
aber in guter ©tunbe noch mehr herausbringen laffen. Snblidj 
wünfd£)ten wir auch biefem ©afc einen gewichtigem @d£)luf$. SllleS 
jufammengenommen, ber Somponift i(at offenbar Xalent, ©djule, 83il* 
bung, h&h eT *3 ©treben; bilben fid) fo bie Gräfte in fdjönem SBerein 
immer mehr, fo fyabzn wir noch XüdfjtigeS üon ihm ju hoffen. — 

SBon ©onaten befannterer üftuftfer ^»aben wir eine ju t)ier §änben 
öon Heinrich 35orn [SSerf 29 in D] in 9tiga, unb eine üon 



158 



$orn, öierf)änbige (Sonate. 



j 
I 



2Renbel3fol)n »artljolb^ [SBSerf 45, Bdur] für ^ßtattofortc unb 
aSioIoncefl ju nennen, So ernft, ja faft Spoljrifd} weidj fidj bie erfte 
antttnbigt, fo !ann ftc im »eitern SBertauf bodO ben fpöttifdjen 3 U 8> 
ben wir fd)on öfter« an 2)orn3 ©ompofitionen bemerkten, auf leine 
SBeife öerfjeimlidfjen ; 55amen unb Stecenfenten bie feinften Sdjmeidfje* 
leien ju fagen unb inwenbig ju bitten unb ju bonnern, »er weift, 
ob ba3 3emanb in ber 3Jtufit fo gut wieberjugeben oermag als unfer 
oereljrter ßomponift. SSiefleidjt ift bem Stanbpunlte, oon bem feine 
intereffanten SBerfe ju beurteilen, aud) nodfj öon tieferer Seite beiju« 
fommen. 33ereit3 in reiferen Sauren unb fonft trielfeitig gebilbet, 
audf) übrigens mit ben literarifdjen unb !ünftlertfd)en SRidfjtungen beS 
XageS vertraut, wibmete er fid) ber SDlufif gerabe in jener fdfjlaffen 
Sßeriobe 1820—1830, wo bie eine $älfte ber mufüalifdfjen SBelt nodfj 
über S3eetf)0öen nadfjfann, wätyrenb bie anbere in ben Xag fjineinlebte, 
wo nur ber einjige ©eutfdje ©. 9R. oon Sßeber bem einbringenben 
lodern Staliener SRoffini mit 2Küf)e baS ®Ieicl)gewidf|t ^ielt. Slm 
Slamer fing bamalä ©jernt) au3 SBien feine Heine pfetfenbe 
(Stimme ju ergeben an, in 3RitteIbeutfdt)lanb afjmte man Sßeber 
nadf); nur in S3erlin war ber guten SKufif ein eifenf efter 2e^r* 
ftut)l gegrünbet burdf) ben alten Qdttt, bem jur Seite, obwof)! mit 
anbern Xenbenjen, audj 83ernl)arb Älein unb Subwig ÜBerger auf bie 
Sugenb wirften, ©inen Sprößling jener $t\t \t^ta wir in S)orn, 
neben bem fidj faft gleidfoeitig audj 9Renbetefo^n entwidtelte, in fpäte* 
rer ßeit alle feine 9Ritfdjüler überflügelnd 2)ie Sßege biefer beiben 
talentoollften jener Schule trennten fidj aber batb beuttidj genug. 
aWenbelgfofin, in glüdlidfjen 2eben3öerl)ältniffen lebenb, fonnte fidj 
ruf)ig ausraufen unb auf Hären, toä^renb 2)orn, frü^eitig in bie 
praftifdje ©arriere geworfen, bodj audfj bem publicum groben feiner 
Äunft vorlegen foflte. So fetjen wir balb Dpern oon iljm aufgeführt, 
fo triel mir erinnerlidfj, fämmtlidj oon großen Anlagen unb gertig* 
leiten jeugenb. Slber baS publicum aermodfjte er bennodjj nidjt ju 
gewinnen, unb je mefjr er bieS burdj ftarle unb raufdjenbe SDlittel ju 
erreichen ftrebte, je mel)r, fd^eint e8, entfernte er fidj t)on fidj felbft, 
unb ^ier mag burdj 93ergleidf|ung feiner immerhin bebeutenben Sei* 
ftungen mit ber leidfjten italienifdjen SBaare, über bie bie SBett 2Bun* 
berbinge fd&rie, eine 3Jtif$ftimmung in feinem 3mtern eingetreten fein; 
üon Ijier an jeigt fidfj audj ber fatirifc^e 3ug in feiner 2Rufif. 233aS 
man gelernt, was man weift, lann unS SJtiemanb nehmen; aber baft 
wir mit greube, mit ®Iüd arbeiten, baju müffen bie gütigen ©ötter 



g. 2RenbeI$fol)n, $ioloncell*©onate. 



159 



i^rcn SJeiftanb öerletl)en. Sßäre 3)orn bamals bcr jerftreuenben unb 
gcfä£)rlt<^cn Xljeatercarriere t>ieUeid)t entjogen worben (er war SRufit* 
bircctor) unb tyätte fidf) pflegen unb abwarten tönnen, wer weift, was 
er ber beutfdfjen Dper für ein Reifer geworben. SSegnügen wir uns 
inbefe mit bem, was er uns gegeben; eS bleibt nodj öiel ©enftoür* 
bigeS übrig* 9iamentlidfj ljat er auSgejeidfjnete Sieber ber oerfd^iebenften 
Ärt gefd&rieben, wie fie bem beutfdjen Flamen nur jur Sljre gereichen 
lönnen; aud) t>ou feinen ©latrierfadjen finbet man in ber 3eitfdf)rift 
baS Sebeutenbfte befprod)en. ßineS feiner umfangreichen ©lamer* 
ftücfe ift bie erwähnte ©onate. SDlan finbet t>iel in if)r; ja eS fyätte 
fid) bei Sefeitigung einzelner ©teilen leidet eine ©^mpljonie aus iljr 
bilben laffen fönnen. 9Kan finbet in iljr ftavttö unb ÄüfjneS, einfaches 
unb JhmftreidjeS, bie ©ontrafte aud) mit geübter Jpanb ju fdfjöner 
gorm fcerfdfjmotjen, alles aber mit jenem ironifdfjen Säbeln begleitet, 
baS uns im Äugenblid, wo wir uns iljm Eingaben, wieber eislalt 
überfdfjüttet, unb baS ift'S, was bie SBenigften an ber ©onate Der* 
fielen werben, am wenigften bie liebenSWürbigen ßeferinnen, bie ru^ig 
fortgefcjjautelt fein wollen ofyne fatirifd)e Störung. SebenfaflS fetye 
man fidfj bie ©onate aller Drten an: wer itjre geheimere SSebeutung 
nid&t öerftet)t, ttirb, wenn er fid) aud& bloft ans rein SRufifalifdje Ijält, 
nodj genug ©rgöjjlidfjeS -in iljr finben, wie namentlich baS ©dt)erjo 
gum ßäd^eln jwingt nnb ebenfo baS oft wiberfpenftige ginale, wo idj 
mir aud) baS 55urd)freujen ber §änbe im beften ©inne ju erflaren 
getraue, ©dfjliejftid^ aber bie Sitte, ber Somponift mödjte uns balb 
eine ©t)tnpl)onie geben; eS würben biefe Seilen bann if)ren $md er* 
reicht l)aben. 

83etrad}ten wir nun SDienbetSf of)n8 Sßerf einen 3lugenblid! 
2tud^ il)m fpielt ein ßädjeln um ben SJiunb, aber eS ift baS ber greube 
an feiner Äunft, beS ruhigen ©elbftgenügenS im engen Äreife; ein 
wol)ttf)uenber Slnblidt, biefer innere SBoljlftanb, biefer f5 r i e ^ en / ^ e f e 
©eelengrajie überall ! Die ©onate ift eine feiner legten Arbeiten ; öer* 
mbdfjf idfj bodf), o^ne tteinlidj gefcfjolten ju werben, ben Unterfd)ieb 
iwifdfjen jefct unb früher in feinen SBerfen mit SBorten anjugeben! 
@S fd&eint mir aöeS nodfj mcf)r ÜRufil werben ju wollen, alles nodj 
oerfeinerter, öerftärter, — wenn man eS nidE)t fatfdj beuten wolle : 
STCojartifdjer. 3m erften Slufblüljen feiner Sugenb arbeitete er tljeit* 
weife nod) unter ber Segeifterung S3ad)8 unb 33eetl)ot>enS, obwpfyl 
bereits äReifter ber gorm unb beS SunftfafceS. 3n ben Ouvertüren 
lehnte er fidjj an frembe 2>idf)tungen an ober fcf)Bpfte aus ber Statur ; 



160 



Scarlatti unb 93adj, ©tabiertoerfe. 



unb tf)at er e£ auef) immer als ÜRufifer unb Sinter, fo erhoben fidj 
bod(j fiter unb ba Stimmen gegen biefe Stiftung, Wenn fie feine aus* 
fdjliefclidje geworben. ®ie Sonate ift aber Wieberum reinfte, burd) 
fid} f etb ft gültige SRufif, eine Sonate fo fdjön, flar unb eigentl)üm* 
lief), wie fie irgenb je aus großen Sünftlerljcinben tjeröorgegangen, im 
Sefonbem, wenn man Witt, eine ©onate für feinfte gamilienjirfel, 
am beften etwa nadO einigen ©oetl)efd£)en ober Sorb Styronfdfjen ®e< 
bidfjten ju genießen. Ueber gorm unb Stil nodf) me^r ju fagen, 
fcf)enfe man ber ß^tf^^ft ; man finbet atteS in ber ©onate beffer unb 
nadfjbrücflid£)er. 

SRodfj liegen jwei Sonaten jweier bebeutenber t)erftorbener ®ünft< 
ter öor mir, audj jweier ©egenfäfce, wie fie laum fd£)roffer ju einer 
unb berfelben Qtit geboren Werben !onnten, bie fid) wof)l audj) Weber 
perfönlid), nod) als ÜRufiter bei iljren Sebjeiten gefannt ^aben. 3>er 
eine, ber SRufifmenfdj ber neuften geit t)or Sitten, ber anbere ber geniale 
Äeljrer, beffen Schüler fämmtlidfj mit fo großer S3ewunberung Don iljm 
ju erjagen wiffen; ber eine immer mit öotten §änben gebenb, ber 
anbere jebe SRote auf bie ©olbwage legenb; jener warm, fmnlicij, 
p^antafieöott, biefer troefen, oft ftreng, Stoüer. SBotte fie aber SJtte* 
manb nadj biefen ©onaten beurteilen: fie gehören nidfjt in bie erfte 
Steide i^rer Seiftungen; immerhin gönnen fie uns einen reichen SBlirf 
in iljr SnnereS; tljre tarnen f<f)ließli<f): ^ranj Schubert* unb 
»ern^arb Siein** 9t. ©. 



Weitere (Elamermultk. 

Somentco ©carlatti. — 3f. Sri. »adj. 

(Sine SRenge intereffanter älterer Sompofitionen liegt uns in neuen 
©ruefen toor. Haslinger in SBien bringt uns 2)omeuico ©car* 
tattis Glatrierwerfe*** in einjelnen Äieferungen fdjön auSgeftattet. 2>ie 
erften trier enthalten 33 meift rafdje Säfce, bie uns ein getreues SBilb 



. * ©rofee ©onate. (Amoll) SSerf 143. 
** ©onate &u trier £>änben <au$ bem s #adjlaf3). [SdjJ 
*** ©ämmttt^e SBerfe für ba$ ^Sionoforte. — 2Kit SBesetdjnimg be$ gingerja&e* 
i>on G. Ggerntt. [6cf).p 



®omentco ©carlatti unb 3. ©. $ad), (SUuriermufif. 



161 



x>on ©carlattiS ©dfjreibweife geben, ©carlatti ^at mel SluSgejeichue* 
teS, was ihn öor feinen 3 e ^9 cno ff en fcnntlidj macht. 2)ie fo ju fagen 
geharnifchte Drbnung 33ad)fdjen 3beengange8 ift in ihm nicht ju finben; 
er ift bei SBettem geljaltlofer, flüchtiger, rtjapfobifcher; man hat ju 
thun, ihm immer ju folgen, fo fdjnett verwebt unb löft er bie gäben; 
fein ©til ift im SBerhältnifj feiner Seit !urj, gefallig unb pifant. ©ine 
fo bebeutenbe ©teile nun feine SBerfe in ber Siteratur ber Klarier* 
compofitton einnehmen, baburch, baß fie für üjre 3 e ^ öiel SKeueS ent* 
halten, bafc baS Snftrument in ihnen öielfeitig benufct erfdjeint, enb* 
lieh baburch, baß namentlich bie linfe jpanb felbftänbiger auftritt, als 
es bis ba^in gefchehen, fo wollen wir uns nur gefteljen, baft uns auch 
toieleS baran nicht mehr behagen lann unb nicht mehr behagen fotl. 
SSie fönnte fidh ein folcheS XonftüdE mit bem eines unferer befferen 
(Somponiften nur meffen fönnen! SBie ift bie gorm noch ungefdE)icft, 
bie üMobie noch unauSgebilbet, bie SÄobulation bef darauf t ! Sftun gar 
im SBergleidfj ju Sadf)! SS ift, tote ein geiftreidjer ©omponift* fcfjon 
bei einer SSergleidfjung jtoif^en ©manuel unb ©ebaftian S3adj fagte: 
„als wenn ein ,8roerg unter bie liefen fäme". ©emungeachtet bürfen 
aber bem echten ßlatrierfünftler bie £ort)ph äen & er öerfchiebenen ©cfju* 
len nicht unbefannt bleiben, namentlich ©carlatti nidjt, ber bie Äunft 
beS ©latrierfptelS offenbar auf eine höhere ©tufe gebracht. Sftur fpiele 
man nicht ju mel hintereinanber, ba bie ©tücfe fich in ^Bewegung unb 
©hcitalter öiel gleichen; fparfam aber unb jur rechten ©tunbe heröor» 
geholt, werben fie ihre frifche Sßirfung noch jefet auf ben ipörer äußern* 
2>ie Sammlung bürfte übrigens eine anfehnlidje werben unb bis ju 
30 heften anfd^wellen. Sine ältere, jebodj nicht t)oHftänbige SluSgabe, 
ebenfalls in SBien erfcfjienen, ift üergriffen unb wenig fauber. $>rn. 
<£jernt)S Qufyat befteht in beigefügtem gtngerfa|. 3m ©runbe wiffen 
toir nicht, was bamit bejwecft ift, ebenfo wenig wie mit einer ginger* 
bejeichnung über 33adjfchen ©ompofitiouen. 

SSon ©ebaftian S3adfj lacht uns mehrereS an. 2)er fcfjon 
früher in ber 3eitfdf)rift ausgekrochene Söunfch, man mödfjte balb an 
*tne OefammtauSgabe feiner SBerfe beulen, fdjeiut wenigftenS für feine 
Glainercompofitionen grucf)t getragen ju h^ben. SBir müffen eS ber 
girma £. g. Meters bauten, bafe fie baS große Unternehmen rüftig 
betreibt. S)en fcfjon in ber ßeitfd^rift erwähnten jwei erften Xheilen, 
bie einen neuen ÄbbrudE beS wofjttemperirten ElatrietS enthielten, finb 



* 3RenbeUfoljn. 

e^umann, ©ff. ©Stiften. II. 



11 



162 



3. ©. 93ad), 6:iot)iermuitf. 



bis jefct jioei neue gefolgt. S)er eine enthält bie befannte „Äunft ber 
§uge"* big auf jtoei gugen für jtoei ©tariere öollftänbig, unb jum 
@df)luf3 jtüei gugen aus bem w mufitalifd)en Dpfer\ ©iner ©inrief)' 
tung beS $rn. ©jernty nadj fofl nämlicf) ein §eft immer aus ©tüden 
berfelben ©attung befielen, alfo eines nur aus ©tüdfen für ein Sla« 
mer, baS anbere aus toeld£)en für jtoei jc. 5Me ®intl)eilimg fdjeint 
uns aber nicf)t fe^r tieffinnig unb überbieS toeber für Käufer noi) für 
93erleger öortf)eiIljaft, für jenen nicf)t, ba er ettoaS ßücfenljafteS be* 
f ommt, für biefen nidjt, toeil er eben beSt)alb nur toentg einzelne §efte 
abfegen toirb. 3m Uebrigen öerbient bie SluSgabe beS forgfältigen 
©tid^eS unb ber guten ©orrectur falber DoHfommenfte ©mpfeljlung. 
<$el)Ier bleiben leiber immer fteljen. 2BaS nun ben 3nljalt ber „Äuttft 
ber 5uge" anlangt, fo ift befannt, bafc fie aus einer Steide gugen, 
auef) einigen ©anonS über ein unb baffelbe Xljema befielt S)aS Xljema 
felbft fdjeint für trielfeitige Verarbeitung nid)t gefcf)idtt unb namentlich 
in fidfj fetber !eine ©ngfüljrungen ju entsaften; S8ad^ benufcte eS bafjer 
auf anbere SBeife ju SBerfeljrungen, übereinanber geftettten SSerengun* 
gen unb ©rtneiterungen :c. Dft brof)t es faft Äünftelei ju derben, 
tnaS er unternimmt; fo erhalten toir jtnei in aßen trier Stimmen ju 
rjerfeljrenbe $ugen: e ™ c äufeerft fd^toierige SSufgabe, too einem bie 
Slugen übergeben. 2)aS ®rftauntidf)e f)at er aus bem Xljema fjerauS* 
gebilbet, unb toer trjeif$, ob baS SBerf nid)t meljr als erft ber Änfang 
beS 9tiefengebäubeS war, ba ber göttliche SReifter, ttrie man toiffen ttnfl, 
barüber ju ®rabe gegangen ; es tyat mid) bie tefete $uge, bie imt>ot(en* 
bet, unt)ermutf)et abbricht, immer ergreifen tollen; eS ift, als war 
er, ber immer fd)affenbe SRiefe, mitten in feiner Arbeit geftorben. 

£)er vierte Xf)eil biefer neuen StuSgabe bringt eine Sammlung** 
einzelner foftbarer Stüde, barunter fecf)S bis jefct ungebrudfte, bie bie 
SerlagS^anblung, tüte wir bermutljen, ber ©üte beS §rn. § auf er 
ju öerbanten f)at. 9hr. 12—18 finb bem Emoll*§efte ber unter bem 
Xitel „Exercices" fcf)on früf)erf)in bei SßeterS erfd^ienenen „(Suiten" 
entlehnt. Sßon befonberem 3ntereffe, ben gemütlichen äReifter ganj 
bejeidjnenb, ift baS StüdE Sftr. 10 „Sluf bie ©utfernung eines febr 
teuren S3ruberS" mit üerfdjiebenen Ueberf driften, toie j. 95. „9fbftf)ieb 
ber greunbe, ba eS nun einmal nicf)t anberS fein fann." S)ic anbern 
ber mitgeteilten ungebmeften ©tücfe finb feljr bebeutenb unb fdjeinen 
mir ganj edfjt. 



* L'art de la Fugue etc. (Oeuvres complets. Livr. 3.} 

* Compositions pour le Piano etc. Oeuvres complets. Livr. 4.) [Sd}.) 



3. ©. 33ad)/ Sfotucrmufif. 



163 



SBSir toünfcheu bem Unternehmen raffen g° rt 9 an 9- Sin reid)* 
lieber ®etoinn fann nicht ausbleiben. 93acf)S SQSerte ftnb ein (Sctpital 
für alle Qtittn. Sicher im ©inne ber SBerlagShanblung fpredjen totr 
hier bie Sitte aus, baß Sitte, bie im SSefife oon nodj ungebrueften 
93ad)iamS ftnb, burdj 3 u f en & un 9 &n bit 33erIagShanblung bem SRatio* 
nalunternehmen förberlid) fein möchten. 9tocf) manches mag Jjier unb 
ba vergraben liegen* Vielleicht baß fid) ein Verleger aud) ju einer 
gleichförmigen SluSgabe ber ©efang* unb Äirchencompofitionen bon 
Sadj entfd)ließt, bamit toir enblidj eine Ucberftd^t über biefe ©djäfce 
befommen, tote fie fein 83olf ber ©rbe aufjutoeifen hat. 

Sinen Anfang mit Verausgabe ber ßlaöierconcerte* oon 
SBadj fyat $r. ÄHftner mit bem hodjberühmten in Dmoll gemalt; eS ift 
baffelbe, baS SRenbetSfohn oor einigen 3a^ren in ßeipjig öffentlich 
hören ließ, jum großen ©ntjüden ber ©injelnen, an bem jeboch bie SJtaffe 
leinen Xtjeit ju nehmen fd)ien. S)aS ßoncert ift ber größten SKeifterftüde 
eines, namentlich ber ©d)luß beS erften SafceS öon einem ©djtoung, 
ttrie er etwa Seethooen jum ©djluß beS erften ber D moll*@i)mpt)onie 
gegtüdt. ®S bleibt toahr, toaS fttlttx gefügt : „Diefer Setpjiger ©an* 
tor ift eine unbegreifliche (Srfdjeinung ber ®ottt)eit*.** 

3lm |errli(^ften, am lü^nften, in feinem Urelemente erfdjeint er 
aber nun ein» für allemal an feiner Orgel. §ier !ennt er toeber 
9Kaß noch 3**1 unb arbeitet auf Sat)rf)unberte h^^uS. Sßir haben 
hier einer neuen Ausgabe öon fed)S früher bei Sftiebl in Sffiien fchon 
erschienenen Sßrälubien unb gugen ju ertoähnen, bie Haslinger 
neu aufgelegt.*** SDen Drganiften toerben fie befannt fein: 9tr. 4 ift 
baS tounberöolle *ßrälubium in Cmoll. 

Äußer in S)eutj^lanb toirb nur noch in Snglanb für Verbreitung 
Sadhfcher 2Ber!e ettoaS gethan; 35 eS lagen uns neulich mehrere bei 
©onöentrty unb §ollier fet)r gut gebruefte ipefte oor, bie toir ber 33e* 
adjtung beutfeher SSerlagSljanblungen jur SSergleidfjnahme empfehlen. 
3n SDeutfchlanb ift eS tooljl $>err $aufer, ber bie oottftänbigfte 
Sammlung oon S3ad)S SBerfen aufjmoeifen hat (Seit lange beschäftigt er 
ftdj mit Drbnung eines fyftematifdjen SatalogeS fämmtlicher gebruefter 



* Concerto per il Cembalo etc. Partitura Nr. 1. — (£3 mögen, mit <£itt* 
fdjluß öon einigen für jwei unb brei ©labiere, etma 12 öorljanben jein. §r. #aufer 
befifci fie fämmtlidj. [@djj 

** SBortgetreu: „eine ©rföeinung ©otteS: Aar, bodj unerflärbttr." 
*** ^rätubien unb gugen für Orgel ober ^ianoforte mit Sßebat. [<Sd).] 

11* 



164 



äff. Eergfon, SWoptfcn. 



wie üjm be!annter in äRanufcript uorljanbener Sßerfe. S)er immer 
wadfjfenben £al)l ber 9ScreI)rcr 33adf)3 würbe e3 gewifc willfommen fein, 
wenn ber Katalog veröffentlicht würbe. 

9i. 6- 



J^antafteen, Kapricen *c. für flianoforte. 



Mityati Bergfott, Wer Jlajnrbtn. tPtrb 1. 



Die fcorliegenben SÄajurlen ^at Sljopm auf beut ©ewiffen. SBir 
wollen fie nidfjt fyart anlaffen; fie verraten eine ec^t nationale Sßlji)* 
fiqgnomie, Diel Siebe ju Chopin, jur 3Kufif, überhaupt triel Sugenb. 
SDemtodfj fyätten fie nimmp:mel)r gebrudt werben foÖen. 53er ©c^üter 
fpuft ju beutlidj barin. ®ewifc wirb ben ©omponiften ber 2)rud fpater 
einmal gereuen, obwohl junge SRu^mbürftige un3 im Snnern bieg nie* 
mal8 jugeben mögen. Sßon mandjen fingen ift S^opin in neuerer 
ßeit ja felbft jurüdtgelommen. SKun aber fommen bie 9lacf)al)mer, tote 
immer, erft einige Saljre fymterbrein, unb wir müffen nun bie un£ 
fdfjon veralteten wunberlid&en G§opin*©cf)nörIeleien, fo reijenb fie oft 
am Original, nodf) einmal anhören, f ollen' 3 gar al& etwa« SKeueS ^in* 
nehmen. Slber wir wiffen fo gut wie bie Somponiften felbft, wag 
fie übrigen^ mit befter Slbfidfjt gefto^len unb was bann nodj übrig 
bleibt. 2öa3 unfer junger Sßofe nadj folgern $)ebut nodfj leiften wirb, 
ift nidfjt ju beftimmen. SSor StUetn werbe er älter ; bann wirb er aud) 
iiefjtnnigleiten wie: 

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5B. 5U!an unb £>. Gramer, eioöicrftücfc. 165 

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u. a. nid^t mef)r f)infdf)reiben fönnen. 3)ie ©teile ift übrigens bie 
toflfte in ben SDiajurfen, unb baS anbete Wirfltd) beffer. 

Valentin aikan, 3ed)s ^ttrakUrlßifdje StüAe. flerk 16. 

SDer Sompontft gehört ju ben Ultra» ber franjöfifdfjen SRoman* 
tüer unb copirt SSerlioj auf bem Sßianoforte. ©eine üorlefete ©df)öpfung 
(Stäben) fuhren wir feiner $eit etwas ftarf an; fie ift uns nodj jefet 
in ber ©rinnerung fürcf)terltcf|. 3)ie fecf)S ßtjarafterftüde finb fanfte* 
rer ©itte im ®anjen unb fagen unS t>tcl metjr ju. SBaS man fcf)on 
in feinem franjöfifdjen SBörterbucf) finbet, baS ®emüt§, fetjlt aud) 
ben franjöfifcfjen ßompofitionen, wie eben aud) ber oorüegenben, 
$>agegen treffen wir auf eine Sßcrfiftage ber Dpernmufif in 9tr. 6 
(L'Opera), tote fie faum beffer gemalt werben fann. Stud^ bie„2Bin* 
temad)t" ift dfjarafteriftif d) , ein fe^neibenber groft wef)t barauS. S)en 
®egenfafc „bie 2faif)lingSnad|t 4 ' erwarteten wir wärmer unb buftiger, 
tnbefe Hingt fie artig genug. S)aS ©tüd „La Päque" wünfdjten wir 
als etwas platt ganj aus ber ©ammlung entfernt; baS mit „les 
Moissonneurs" überfdjriebene wirft bagegen frifdj unb lieblicf), wie 
fianbluft nadf) ©tabtluft. 2)ie „©erenabe" ljebt fid) gleichfalls nidfjt 
über if)ren ©tanbpunft unb wirb baljer gefallen. S3ortragSbejeidf)nun* 
gen fehlen faft gänjlid). @S fjat mel für unb gegen fidj. Sm Ueb* 
rigen mag ber Eompomft ein intereffanter Spieler fein unb fidO woljl 
auf bie Seltneren Sffecte beS 3nftrumentS öerftefjen. 2tlö ©omponiften 
würben iljn nur ftrengfte ©tubien vorwärts bringen fönnen. ®r Oer* 
fallt fonft immermef)r ins Steufterlidje* 

J). Gramer, Mantajte mit Variationen über Ülojartif^e Fernas. tyerk 7. 
„ „ Komaniifdje 3been. tterk 10. 

8fa ber 5ßf)antafie ift nidfjts ju oerwunbern, als bafc fie öom 
ßomponiften feftgef)alten unb auf gef ^rieben würbe; fie gleicht ganj 
einer jener Sntpromfationen, wie wir fie t>on jungen Gta&ierfpielern 
in gefettigen ßirfeln oft anhören müffen. fiommt nodj bie 3 e ^* *m* 
mal, — bie wof)I namentlich oon ben Verlegern öerwünfdfjt werben 



166 



3. fr Sutten. N 



möchte, weil jeber ©pieler ba jugleidfj fein eigener Drucfer unb 93er* 
leger würbe, — bie 3 C ^ nämlid), too am 3nftrutnent angebrachte 
Gopirmafd)inen baS ©efpielte ^eimlidj nadf)fcf)rieben, fo werben foldje 
5ßljantafieen ju SRittionen auftauten- 2)er 33eifafc „über äRojartifd^e 
Xtymtö" beftadE) midf} jwar von vornherein unb icf) hoffte auf fünft* 
lerifc^e SBerfnüpfung; eS ergebt fid& aber nichts über baS SJiittel* 
mäßige, unb ber Eotnpontft §at es fidf} gar ju leidet gemalt. 5)ie 
„romantifdjen Sbeen" ^aben ein pt)ere» ßiel. „empfinbungen nad) 
einem SSatt* — „@t)mpatf)etifdje klänge" — unb „©rufte an bie §ei* 
matfi" finb fie überfdfjrieben. Sine leidet verbinbenbe unb abfdfjliefcenbe 
§anb mad)t ftcf) audjj in itjnen bemerfbar, audf) gute Senntnife be§ 
Snftrumentg. 9tomantifdE)e3 ift aber wenig barin. 3)er ßomponift 
fdf)eint jung unb nidE>t oljne Xalent; mög' er beibeS nüfeen. 

3ot). irlcbr. füll, 3tc&* 35i)Uett. Weck 1. 

6in fpätereä 3bt)Henl)eft beffelben ßomponiften haben wir bereits 
früher in ber 3eitfd£)rift erwähnt, ©cf)on bamals {tieften wir uns an 
ber SBejeidfjming „Sbtytte", bie immer auf 2änblidf)e3, §irtenmäftige$ :c. 
vorbereitet; wie bort ift aber auch ^ier baS SBort im weiteften griedEji* 
fcf)en ©inne als „Silbchen" genommen, unb bie Stummem fbnnten 
ebenfo gut SmpromptuS ober anberS fjeißen. Stuf eine richtige S5e* 
nennung feiner SHnber ljat aber ber SDlufifer ebenfo ju fef)cn wie jeber 
anbere Sünftler; eine falfrfje fann bei aller Oüte ber SDhtfif fogar Der* 
ftimmen, eine treffenbe aber bie $reube am SBerftanbntft um vieles er* 
höhen. Xomafd^e! in *ßrag braute juerft „Sb^llen", in benen aud), 
irr' idj nidf)t, ber länbliche Xon vorwaltet. §r. Äittl hat bei Xomafdtjef 
gelentt; vielleicht glaubte er feinen Sehrer burdt) SBieberaufnahme beS 
XitelS ju erfreuen, was fidf) in biefer §infidf)t nur loben läßt. SBie 
bie ^auptüberfdfjrift, fo trifft auch bie Ueberfd^riften ber einjelneu 
Sümmern ber SSorwurf, baft fie jum gnhalt ber äftufif nur wenig 
paffen ober ifjn ju hodj angeben. 2Ran fefje gleich baS eifte befte: 



Vivace. 




gr. ©urgmüHcr, Sßijantafte. 



167 



SBer bcnlt ba an eine Amour exauce, wie eS ber ßomponift betitelt, 
ba eä ebenfo gut unb beffer Xrinflieb, ftanjtteb ober §opfer fielen 
tönnte. 2)affelbe gilt t)on ben meiften ber anbero Stüde. 2)ie Ueber* 
Triften aber weggebadfjt, enthält bie§ erfte SSerl SSorjüge, wie man 
fie in erften gern fielet nnb feiten erhält: aufcer bem Streben nad) 
(Sinfadjljeit unb 9£atürti(f)Iett eine correcte unb gefunbe Harmonie, 
überhaupt einen beutfd^en grünblidfjen Sinn, an ben gtalien unb 
grantreidj üjre S3erfül)rung8fünfte öergebtid) t>erfd)Wenben würben. 
(Sin eigenes Unglücf »erfolgt aber ben ©omponiften oft jum ©cf)Iu& 
ber X^eile; e& fet)ft nämlich ^äufig etwas im 9U)t)t§mu3, ober fdjeint 
ettoaö ju Diel, fo in 9lr. 2 jwei Xacte öor bem Fine, in 9tr. 3 ebenfo, 
in 9lr. 4 ebenfo :c. 2)er ßomponift wirb nicht jur redeten ßeit fertig. 
SBot)I treffen wir manchmal in SKeifterwerlen auf fdjeinbar geftörte 
fft^t^men (bie fidf) aber jur ©ecunbe wieber ausgleiten), unb ber 
Äüljnheit oerjei^en wir wotjl gar ben Sprung, wie benn baS ©enie 
immerhin neben Sbgrünben läuft mit ®emfenfid)erf)eit; anberS aber 
ift eS ^ier, unb gefteigerte Uebung wirb bem Jüngern Xalent ben 
©djritt ftärfen unb eS bie ßicle in immer fürjeren Räumen erreichen 
laffen. 

£ t. 6 nr 9 mit litt, yijantafte an feinen fetunfc Ciftt. (Reveriees fantastiques). tt. 41. 

SBo ber s Jtame Sifjt fteljt, fieht man gleich auf SRiefenarbeit auf. 
S)ieS ift inbeft ^ier nicht ber gatl, obwohl ber SBerfaffer, ber bisher 
meift nur Seichtes, ©ilettantenfoft unb StrrangirteS geliefert, über feine 
gewöljnttd&e Sphäre hwauggegriffen unb wirHidfj audfj SebeutenbereS 
geleiftet. 3)aS ©tüdt ^at einen leidsten glücflidjen glufj unb nament* 
lidh einen fehr wirfungSöollen äRittelgebanfen in ber Xenorftimme; 
ber Stnfang erinnert fet)r an ben jur ©urijanthenouoertüre, wie baS 
©artje an SBeberS feuerfprühenbe SlHegrofäfee. 2Röge ber SSerfaffer 
fid) ganj wieber jur Driginalcompofition ^inwenben; jum Strrangiren 
bleibt noch immer ßeit Db er übrigens ein SSerwanbter beS Norbert 
33urgmüHer, beS früh geftorbenen geweiften jungen ©ängerS, wiffen 
wir nicht;* bie Flamen finb fidf) gleich, mod^f eS auch baS Streben 
fernerhin! 



* @r toax Norberts ©ruber. 



168 3- 9iowafoto$ft, ^olenaifen; 3. ©d)mttt, $$antafieen. 



3. ttoroakoroski, 3mti polonatfcn. ttUrk 14. 

23a8 neuerbingS Don polnifc^en ßompofitionen aufgetaucht, läßt 
fid) me§r ober weniger auf ßljopin jurüdfü^ren. 2)urdfj iljn ^at *ßotett 
©ifc unb ©timme erhalten im großen mufifaüfdfjen SBölferbunb ; politifdj 
üernidE)tct, wirb e8 triefleicf)t nodj lange in unferer Sunft fortblüljen. 
Sludj in ben obigen Sßolonaifen ift ®f)opin8 ©inftuft ju fpüren, nirgenbS 
aber, baft man bem unbefannteren SRamen einen SBorwurf barauS machen 
lönnte. 3)er erften s ßolonaife toünfd^tc id£) nid)tö als eine äljnlidfje 
jweite; wät)renb biefe faft nur au$ $ufc unb glitter, obwohl golbe* 
nem raufc^enben, jufammengefefct ift, wet)t un$ aus jener ein fanfter 
melancf)oltfcf)er Qfyaratttx entgegen, ein ftd) teife t)ert)üüenber ©tf&merj, 
beffen Sfabtidt fogar noch inniger ju rühren vermag als (Sf)opin3 
offener btutenber; fie fagt mir faft burdjgangig ju. (Sine einjige un* 
reinliche Harmonie fiel mir auf; Stufmerffame werben fie leidjt finben 
auf ©eite 7. 5Me$ einjige Keine ©tüdt mad)t uns ben ©omponiften 
lieb unb wertf). 

Jacques ädjntitt, pijantafte. tttelt 268. 

„ „ DU intMagfr; pfyantafit. tPerk 280. 

3)e8 Somponiften freunblid)e3 latent fpricf)t fidf) audj in biefen 
©tücfen au3; SacqueS Schmitt bleibt 3acque8 ©djmitt, für ©dfjrift* 
fteöer ein wenig einträglicher Somponift, ba man julefet nid)t mefyr 
weift, wa8 über it)n fagen. grappiren * ann e * nen * n & er ^cintafic 
t)öd^ftenS bie erfte ©eite, bie tnic eine SBioloncetlftimme ausfielt mit 
iljrem einjigen ©Aftern; fpäter tritt aber bie redete $anb fyniu, unb 
bann geljt eS in ^eiteren gewöfjnlidjen SMobteen auf unb nieber. 
Soben mufc man, toie immer, baä ©ptelgered)te feiner Schreibart; bic 
ginger fönnen faum fehlen im gingerfafe. S)ie „gudjäjagb" t^eilt 
biefelben SBorjüge. Wlfyul mit feinen Xreiböorfdjlägen lommt nod) in 
aßen 3agbftücfen jum 23orfd)ein, auch tyzt. £>af$ wir feine befonberc 
33efdE)reibung ber 3agb jwifc^en ben ßinien lefen müffen, ift ebenfalls 
gut; man errät!) audj otynebieä aUeS. Sine ©emfen* ober Söwenjagb 
bermiffen wir nodfj in ben Katalogen. 2Bir bitten barum. Siidjt im- 
mer SBilbpret! 



©. Balberg, Notturno. 



169 



3. Balberg, ttoltumo (in E). Werk 28. 

„ „ Andante (in Des). Werk 32. 

„ „ Mantafic über (Birmas aus ftoffwte ittofe*. tt)trk 33. 
$1). Dotier, ttotturno (in Des). Werk 24. 
3. ßoffntjain, Dtcr ttomanjen. Werk 14. 

„ „ ftouianje (Morceau de Salon). Werk 15. 

3fm fdjlimmften aber ift jenen Beuten Don SBdt beijufommen, 
bie uns burdj ^ijflic^feit gleich Don Vornherein jur <pöflicf|Ieit gu 
jwingen wiffen, bie uns einen etwaigen Xabel mit einer SSerbeugung 
von ben Sippen wegnehmen, ja bie uns entfdflüpfen, wenn wir es 
verfuchen, ihnen tiefer auf ben ©runb ju gehen. 2Bie fie im Seben, 
an ben Jgöfen, in ben ©alonS gelten unb feftfteljen, fo finb fie auch 
nicht auä ber Sunft Wegjubannen, ©inb fie vollenbS, wie ZfyaU 
berg, burdf) ©eburt fdf)on ber Äriftofratte ober, wie DB hier, ber 
Diplomatie Verwanbt, fo werben fie um fo früher burdfjbringen, fidf) 
Warnen machen, unb beS ßobpreifenS ift bann überall !ein ®nbe. 
freilich in einjelnen SRinuten, namentlich fpäterer 3al|re, wo ber 
2Beihrau<h nicht mehr wirfen will, wo auch bie ßeiber an ©efdfjmeibig* 
leit verlieren, mag felbft biefe t)om ©efcfjidt 83egünftigten manchmal 
ein ©ehnen nach bem Seffern überfallen, oft audf) vielleicht 9teue über 
bie rafdj verflogene 3ugenb. ©in fytyuctä Streben will bann wieber 
bie glttgel rühren, ein neuer 9Jiutft fie §eben; fie wollen naditjolen, 
wa3 fie verfäumt, unb wieber gut machen. Dft gelingt es, oft ift es 
ju fpät. 3n fold^er ©eljnfucht nach ber eckten Jpeimatl) ber Äunft, 
bie nun einmal in ben ©alonS ber ©roften unb SReidfjen nicht ju finben 
ift, mag benn vielleicht auch jenes oben juerft aufgeführte Notturno 
entftanben fein; öfter regt fidj wohl audf) in iljtn ber ßiteffeitSgeift : 
immerhin jeugt aber baS ©anje von einer ebleren Sftegung, als man 
fonft an ben ©alontrirtuofen lennt; es ift eines ber beften ©tücfe t>on 
Z$a(6erg. 

Siner ßompofition auf ben ©runb ju fommen, entWeibe man fie 
Dörfer aßen ©d^mudfeS. Dann erft jetgt fidf), ob fie wirflidf) fdffön 
geformt, bann erft, was Üftatur ift, was bie Sunft baju that. Unb 
bleibt bann noch ein fd&öner ©efang übrig, trägt iljn auch eine ge* 
funbe, eble Harmonie, fo ^at ber Somponift gewonnen unb verbient 
unferen 33eifall. Diefe gorberuug fcheint fo einfach, unb wie feiten 
wirb i^r boch ©enüge geleiftet! Das Notturno nun, feiner äußeren 
jufätligen Sieije entfleibet unb auf feine ©runbjttge jurüefgeführt, wirb 



170 



©. Xfjaföerg, ftnbante unb 9Woie3*$l)antafte. 



aud) bann nod) aaf^ ©cfätttgfte Wirten. SCBcrben aud) an einzelnen 
©teilen bie SMobieenfäben loderer, fo jerreiften fie bod) nid)t gerabeju, 
wie e3 ben äReiften geflieht, wenn 5ß^antafie unb ©mpfinbung aus* 
gelten »ollen, — unb biefe natürliche metobifdje Gattung macht uns 
bas ©tüd, ba8 aud) intereffaute 3^if^ e npartieen enthält, t»or Bielen 
anbern Xfjalbergfd^en Web , unb toirb eä aud) Stnbern, namentlich 
Samen. 

Sßeniger geglücft ift it)m baS Sin baute; bie ipauptmelobie fc^ctnt 
mir trocfen unb fcclcnto^ e3 ift eine 9Mobie, wie fie fid) bie ginger 
jufammenfefcen auf bem Slaoier nach langem vergeblichen 3RüIjen; 
baä §erj h a * feinen Xfjeil baran. $)a§ ©tüd fd)eint ju t>erjd)iebeuen 
Seiten entftanben, umgeänbert, aufgefrifdjt, unb ift bodh nicht fertig 
worben. Daju fpielt e3 fid) fd)wer unb entfd)äbigt für bie angewanbte 
SDiühe wot)l f aum ; ich ätt>eifle^ ob bieS Slnbante ben SSirtuof en, ber e3 
fchrieb, überleben wirb. 

35ie ^ß^arttafie über XtymaZ au3 SIRofeä noch ju ermahnen, 
fo ift fie befanntlid) einer ber Xriumpbfäfee Ihatterg», mit ber er 
aller Drten gefd)tagen, namentlich burd) bie auf* unb nieberfliegenben 
Slrpeggien am Schluß wo fid) ber ©pieler ju üerboppeln fd)eint, ba3 
Snftrument ein neueä gebären möchte, 2)ie ^ß^antafie ift in einer 
glüdlid(en ©aloninfpiratton gefdjrieben unb giebt bem SSirtuojen alle 
SKittet unb SBaffen in bie ipanb, fich fein publicum ju erobern, woju 
beifpieteweife gehören : ein feffelnber, jum Stufhorchen fpannenber Sin* 
fang, 33irtuofen*Äraftftetlen, anmuthige ttaltenifdje äMobieen, reijenbe 
3tt)ifd^enfäfee unb fanftere StuSruhpläfcc — unb nun ein ©d)lu& wie 
eben in befagter $h anta fa- ® te ^ bann ber SRaeftro vom Sßiano auf, 
fo will fid} baä publicum laum aufrieben geben unb labet il)n fdjreienb 
noch einmal jum SJUeberfefcen ein: — biefelbe ftürmi{d)e SBirfung. 
233er fähe nidjt gern ein entt)ufia3mirte3 publicum, unb bann h^t bie 
^ßfiantafie aud) wirflid) werth&otlere ©teilen, benen wohl aud) ber 
Senner minutenlang mit SSergnügen julaufdjt. Schon bie ©teigerung 
nerräth ben ©ewanbten unb Erfahrenen, unb ba$ ©injelne, wie ge* 
fagt, wäre eines größeren Sunftganjen würbig. Safte man alfo aud) 
foldje ©tüde gelten ata ba3, was fie finb, unb enblid), vergleicht man 
einen folgen ßoncertfajj mit welchen au3 frühem Betten, bie auf 
gleiche SBirfung berechnet Waren, fo fönnen wir uns noch immer ®lüd 
wünfd)en, baft aud) in ber ©alonmufif an bie ©teile gänjlidjer Un* 
frud)tbarfeit unb 3nl)altlofigfeit, wie fie fich 8- 83. in ®elinef, fpäter 
in (Sjernty jeigt, ein SbeenöollereS, mehr fünftlertfd) GombinirenbeS 



Stöger, Notturno; 9fto?eTttjaht, Sftomattjen; ©djtoenfe, 9ttärjdje u. $müfement. 171 

getreten ift, unb in biefer befferen Slrt ber ©alonmuftf mag benn aud) 
Xf)alberg als äftatabor betrachtet »erben. 

SBtr fügten oben nodfj ein SRotturuo t>on 35 ö^Ier bei, toeil biefer 
SBirtuoS auf jiemtidj gleite ©rfolge ^injielt tote Xtjalberg. ©ein 
SHotturno ift fernem tote eS tool)l eljebem ber Xroubabour feiner Dame 
braute, nadf)bem er mit ÄebenSgefafjr über §ecfen unb ÜRauern gefegt, 
fonbern eine ©alonliebeSerflärung, füg unb falt tote baS @is, baS 
baju oerfd&Iucft totrb. Daft eS aus Desdur ge^t, toar t>orauSjufel)en; 
es ift mit einem SBorte djarmant, atterliebft. 

Slud) $>rn. 9iofenl)ain treffen toir feit ßurjem öfter, als uns 
lieb ift in ben ©alonS. SSteHeid|t gefaßt er fidfj felbft nidf)t barin, 
unb toie fe^It audfj feinen galanten SBerfudjen nötiger feinfter Schnitt 
unb überhaupt baS torne^me SRidfjtSfagenbe, mit bem fid) in leeren 
3irfeln ju betoegen! Slber trofcbem l)aben tt)eber bie trier Stomanjen, 
nod) bie einjelne SRomanje etwa« ju bebeuten unb fdfjeinen mir un* 
gtücflidE)e 33ermel)rungen ber ©alonmufif, SSom guten 3Jtufi!er, ben 
toir fonft in SRojenljain fd)äfcen ju müffen glaubten, fpürt man Ijödf)* 
ftenS nur in ber legten SRomanje in As, unb audf) toieber nidjjt, ba 
fie uidfjt einmal fdf)ön gerunbet. Sft baS aber bie Sitbung, bie^ßaris 
unb Äonbon geben, fo bleibt lieber fein ju §aufe, beutfdje SRufifer, 
ober galtet euef) bort toentgfienS oon jenen ßompofitionSfubelfüdjen 
entfernt, too ber Sorbeer ju nichts gebraust totrb, als abgeftanbene 
®eridE)te bamit ju toürjen. (Sin ßünftler . toie SRofenffain fotlte fid) 
nic^t ju folgen Slrbeiten ^ergeben; eS fe^lt if)tn fogar, toie toir glau* 
ben, baS Xalent jum offenbar @d)tecf)ten, baS inbeß, toie bie 33ei* 
fpiele lehren, jene ©roftftäbte in betounbernStoürbiger ©diuelligfeit aus* 
jubilben totffen, f)at ber Sünftler ntcf)t ?td^t auf fidj. 

<£. Sdjroenhe, Drei Matfät ju vict ^anben. Wtrk 50. 
„ „ Änrnftmwt. Werk 55. 

Der Somponift gehört einer oon jeljer gearteten ÜRufiferfamtlie 
an. 3rr' itf) nicfjt, fo oerfudfjte audj er fein ©lücf längere 3eit ™ 
SßariS, baS fidfj jeboef) oergebenS an iljm ju glätten unb oerfeinern 
bemühte; er ift als ber et)rlid)e Ijanbfefte Deutfdje toiebergefommen, 
tote er gegangen ift (totr meinend immer mufifaltfdf)), unb fo erblicfen 
wir iljn namentlich im 9lmüfement, baS in ber ßlat)ier*5Warfd^tonart 
Esdur gefdjrieben ift unb freiließ nur toenig enthalt, toaS nid&t audf) 
fcfion oon Slnbetn auf biefelbe SBeife gefagt toorben toäre; im (Srunbe 



172 



<S. 9ttarEfen, (Slaöierftiufe. 



I 



finb e$ SBariationen oljne Xtiema, eine tiariirte §armoniefotge mit 
wieberfeljrenben 9?efrain§. ?tfö einen fetjr üerfd^iebenen jeigt fidf) ber* 
felbe Somponift in ben brei SBlätfdjen unb t>erfucf)t granj ©Hubert* 
fdf)en glug; cg *) at a & cr mit foldfjen 93erfucf)en für ben, ber 

fonft nur auf breiter fixerer 2Ätttelftra&e ju get)en gewohnt. Witt 
einem SSorte, es ift leine SJtatur in biefen SJiärfdfjen, unb e3 läfct fiel) 
öicleö in ber SBelt nad&mad&en, nur nid&t ba3 9iomantifd)e. 3n Quin* 
ten aber, tote ©eite 14 ©ijft. 3, jud)' er ba§ SKomantifd&e nid)t, ba$ 
gerabe im reinften, feinften SBoIjflaut befielt. 2Jiadf)t ber SReifter eine 
§lu3nat)me, fo wirb er ju verantworten wiffen, woju bem fd^toäd^eren 
Xalente bie ©ränbe fetjlen. Damit fotl aber, wie gefagt, ber gleifc 
unb ba3 Streben be3 lenntni^ooüen Somponiften, ber in biefem SBerfe 
offenbar auf Jpöt)ere3 ausging, feüteSwegS oerlanut fein. 

<f. Matten, Drei 3mpromptii0 für Me Unke $an&. tötrk 33. 
„ „ Urti StüAe (Pikees fugitives). tterk 31. 

Se mefjr bie merljanbigen Stüde aus ber heutigen ßlaöierlitera* 
tur fdfjwinben, je metyr einfyäubige tauten auf, was dfjarafteriftifdj 
genug ift S)er 3^f^^ift Stnfidjt über biefe Gompofitton8art wirb 
al§ befannt oorauggefefct.* Sigene Sompofitionen für biefen $weä 
bruefen ju laffen, — finb fie nidjt, wie einige öon Subwig Serger, ber 
au§gejeicf)netften 3lrt, — öerlotynt fidf) wot)I faum ber SRülje. Ijat 
etwas Xragifomifd(jeä, faft Unnatürliches, eine einjige §anb fidfj ab* 
müfyen ju fel)en, wo ein iJlieberbrucf ber anbern im SSfagenblicf er(etdf)* 
tern würbe; man neunte 33. fotdje Xacte wie 







F 


















V 




^ — fcj — ± — - — j 







* 93ei drtoäfjnung ber (£. 9GB. ®reulid)fcf)en Grüben für bie Unfe #anb fagte 
©djiimann (1836, V, 18) : „3ft e3 audj nic^t fo fetyltmm, als toenn man auf einem 
gufc tanken lernen wollte, fo tyat e3 immer ettoaS ®omi{d)e3 unb fo ju fagen (£tn* 
faltiges, wenn bie rechte #anb mü&ig aujefjen muß unb gleidjfam 3U fagen fdjeint: 
,i$ brauste nur Jjinjuttypen unb bu braudjteft biä) ni^t fo abzumartern'. $odj 
fann bie Qbee auSnaljmSnjeife in ©diufc genommen »erben. $)abei fällt mir 



8. ©echter, ©tubien. 



173 



unb ftefle ein gcfd^cibtcS Äinb neben baS Slamer, ob eS nicht ausrufen 
wirb: „warum nimmst bu baS nicht mit ber anbern §anb?" SSoju 
fid) unnötig jum 3m>atiben machen? 3)oth genug! 2)ie Smpromp* 
tuS ^aben ihre ©ntftehung wof)l auch einer äußeren Anregung ju 
banfen, ber SBefanntfchaft beS ©omponiften mit §m. ©retjfchocf, ber eine 
ber ftärtften linfen gäufte befifcen fofl, unb nennen fich auch auf bem 
Xitel als ein bem genannten SSirtuofen bargebrachtes Hommage 
2BaS nun mit fo befcfjränften SRitteln geleiftet werben fann, finben 
wir nadh SWöglichfeit erfüllt, obgleich bie Ärbeit einen jiemlich gele* 
gentltcljen, flüchtigen Slnftrich ^at, namentli(§ bie guge, bie weit unter 
ber bekannten eint)änbigen &on SJalfbrenner fteht, unb bo<$ war eS 
gerabe ^ier, wo fich ber ßomponift in feiner Äunft jeigen fonnte. 3n 
ben Piftces fugitives tritt fein Xalent aber bei SBeitem entfd^iebener 
unb eigentümlicher tjcröor; fie haben ©inn unb ©^araftcr^ wenn id^ 
mich auch m ^ rinjelnen ^Beübungen, 2Mobieenfätten :c. nicht befreun* 
ben fann. Stuf mehr Stbel ber ÜRelobie fcheint mir ber Somponift öor 
Slßem Sicht geben ju muffen; auch Üferin Wfft fich felbft bei geringe* 
rem SSefifc biefer föftlichen ®abe nodh manches burdf) $leift erreichen. 
Driginett unb trofc beS wiberfpenftigen 5 /s*^9thmu8 öon nicht un* 
freunblicher SBirlung ift baS lefcte ©tfief; ffize jeigt fidfj eine ^itmo* 
riftifche Siber, bie auf reichere ©cf)ä$e hiugubeuten fcheint. 

Simon Scdjtcr, 3u)ölf contrapanktifdjc Stubicn. Weck 02. 

(Sin merfwürbigeS §eftlein, baS man bei toerbeeftem Xitelblatt 
tüofjl für eine Reliquie aus einem früheren 3af)rhunbert galten fönnte, 
too beriet gelehrte Spielereien an ber XageSorbnung waren. Sieben 
einjelnem Sarocfen enthält eS auch manches ©innige unb ©emüth* 
liehe; ju ben ©tüden leitetet Strt jähr ich ^ e ü& er einen fich immer 
lüieberholenben Cantus firmus gefegten, ju benen ber erfteren ben in 
allen mer ©timmen fich m $ nac § toergröfeemben Sanon, ber 
wahrhaft greulich flingt. 83eetf)ot)en fagt irgenbwo, „baft man fich 
eljebem mit berlei ßalculationen ben Sopf jerbrodhen fydbt, bit 
SEBelt aber flüger geworben fei", unb er hat in ber gauptfache 9iecf)t, 



ber ©ebanfe eine* bebeutenben (Somponiften ein, ber meinte, ,bafc e$ il)m immer 
fpa&ffaft toorgefommett, menn fidj Sioltnüirtuofen §toet= unb breiftimmig abplagten, 
tüötjrenb bie Drdjeftranten, bie Violine in ben $änben, ruljig baftänben*. 9htt ift'd 
(unb itidjt allein im ftfang) ein eben fo groger Untertrieb, menn 6iner boppel* 
ftimmig ftnelt, als »enn jfoet einftimmig." 



174 3. 3- SSerljuIft, SB. (St. «ennett utib $. ©crlioj, öubertihm 

wie immer* 3nbc§ öerfudfje fid£) bcr ©tubirenbe auclj in folgen Stuf* 
gaben, wenn jie aud) nid£)t mel)r SBertl) l)aben als jene öor 3&f)rf)ttn* 
betten einmal gebräudfjlid&en ®ebid£)te, bie auf bem Rapier irgeub eine 
gigur, ein Äreu}, einen Slltar u. bgl. barftetten mußten; man lernt 
aber baburd) fief) in engen ©dfjranfen bewegen, mit fargen SDlitteln 
auäfommen müffen, unb bieg fommt un« bann immer auf eine ober 
bie anbere SQSctfc tuieber ju gute. 3c früher man fief) in folgen 
SHinfteleien gertigfeit ju üerfdfjaffen fud£)t, je beffer wirb e3 fein; in 
älteren 3alpen erworben, herleitet fie oft ju einer Ueberfdljftfeung il)re3 
3Bertl)e3, wie man benn auf alles im fpäteren SUter ©eternte fief) ba£ 
SReifte einjubüben geneigt ift. — §r* ©imon ©echter ift befanntlicfj 
einer ber grünblid^ften Xljeoretifer SßienS unb ein fo gewiffenfjafter 
(Sontrapunftift, bafj man etwa in einem Sanon faum nadjfeljen möchte, 
ob fief} bie SnteröaHe ftreng folgen, ba er baS ©egentfjeil für ba§ 
größte 33ergel)en galten würbe. Quinten gar würben faum mit einem 
gaMenauge ju entbeefen fein; bod) fiel mir namentlich im britten ©tücf 
eine Strt öermiebener Dctatoen auf, bie, nid&t triet anberS als wirflicf)e 
Dctatoen flingenb, fid) gerabe in biefem ©tücfe fo oft wieberljoten, 
baß man fie für abficfjtlidfj galten möef)te. 9Kan fel)e felbft nadf) ; baS 
ipeft bleibt in unferer $eit ein artiges Suriofum, weldfjeS baS fcfjon 
öom Xitet erweefte Sntereffe in jeber Slrt befriebigt. 

«• ©. 



(EoncertoutJertüren für Orrfyeßer* 

3* 3. «erljttlfiL — ©♦ Sterttbale »erntet — »erlioj. 

35er 3 u fatt t) at °& en Dörnen aneinanbergereiljt, bereu Xrä* 
ger als SRepräfentanten wenigftenS ber jüngern Äünfttergeneration 
breier toerfdfjiebener Stationen betrachtet werben fönnen, ber tjottäubi* 
fd£)en, englifdjen unb franjöfifd&en. 2)er 9ßame beS teueren ift be* 
fannt, ber jweite fängt an fief) (Settung ju machen, wie auef) ber erfte 
fdjon an grembartigfeit verloren burd) öftere ©rwäfjnung, namentlid) 
fcfjon in unferer ßeitfdEjrift. 3Jlan mag fie fief) fämmtfief) merfen; fie 
Werben, wie wir glauben, in ber ©efdjicfjte ber SDlufil jener ßänber 
mit ber tyit S3ebeutung erlangen* 



3f. $Bccf)ulft, Dubertüre ju „GtySbredjt öon Slmftel". j 75 

S)ic Duöertüren, öon benen f)ier berichtet werben fofl, I)abe icf) 
leiber md)t öom Drdfjefter gehört. SJafür entfcfjcibigt unb befähigt 
miclj t>iedetc^t jum Urteil eine jtemlid&e S3ertrautl)eit mit ben meiften 
ber anberen SGBerfc wie mit ben $erföntid£)!eiten ber Komponisten fetbft, 
wenigftenS mit ben jwei erstgenannten. Serlioj t>crfprid^t üon Satyr 
ju 3at)r, nadfj S)eutfcf)tanb ju fommen, uns mit feiner 2Äufif befann* 
ter ju madfjen; einftweilen ^at er uns eine neue Duöertüre getieft, 
bie öon feiner merfwürbigen 9tidf)tung neues 3eugnijj giebt. 

§oQanb, bisher nur burd) feine SRater berühmt, ^at ftdj in neue* 
rer $t\t audj burdfj regen ©inn für SDtufif auSgeieid&net. ©rofcen 
(Sinffafe barauf mag bie ©efellfctyaft jur SBef brberung ber Xon* 
fünft gehabt haben, bie fidjj burdE) baS ganje ßanb in fjunbert 3^«* 
gen verbreitet unb neben beutfdjer SDlufif audf) eintyeimifctye ju förbern 
ftdj jum ßiel gefegt. 2)er Komponift, bon bem wir fpredjjen, ift ein 
©djüfcling jener ©efeüfdljaft; irr' idf) nidljt, fo erhielt er bei mehreren 
SBettfämpfen ben $reis in ber (Sompofition. @r lebt im ÄugenbKdt 
unter uns, t>at ftd£) im testen SBinter burdl) Seitung ber Soncerte ber 
©uterpegefeflfdfjaft audf) als Dirigent guten SRamen erworben. 3«iem 
nieberlänbifdtyen SSereine öerbanfen wir audf) bie Verausgabe einiger 
öon SBertyutftS Sompofitionen ; ein ftirdljenftücf unb eine Duöertüre 
finb bereits in ber 3eitfd£)rift angejetgt unb fieröorgeljoben Worben aK 
Arbeiten eines entfd^ieben gfücflid£)en XalenteS. ©ine neue Duüertüre 
liegt uns eben öor;* fie ift jur ©röffmtng beS befannten ^ottänbifd^en 
XrauerfpielS „@t)Sbred)t üon Stmftel" getrieben, ju bem 93erf)ulft 
aud(j SntreacteS gefegt Die Duöertüre, in Seipjig jum öftern gehört, 
Ijat biet gefallen unb muft eS; fie ift eine Dutoertüre für Sllte, für 
baS publicum, ben SJhtfifer, ben Jlritifer, unb Ijätt fidl) auf jener 
©tufe allgemein gültiger 93itbung, bie fief) bei ber SDlaffe Ächtung, bei 
bem Sünftter Xfjeitnatyme ju erwedfen berfteljt. 93on ben Slippen, wie 
fie fidE) oft anbern jiüngern Sünfttern entgegenfteöen, öon SBerfudfjun* 
gen unb 33erfüf)rungen tyat ein freunblidfjer ©eift ben Komponiften 
bisher entfernt gehalten; er lennt feinen SBeg unb wagt nidjjts, wo 
tfjm ber ©rfotg nidjt gewtfe wäre. Senntnife beS 2RafjeS feiner Äraft, 
biefe Äraft fdijon auf erfreulicher §ölje, babei Sebtyaftigfeit unb Reiter* 
fett jeid£)nen biefen ganj ungewöhnlichen §oflänber als SKenfdEjen aus, 
wenn man fiel) ityn nadf) feinen mufifaßfd^en Seiftungen conftruiren 



* Ouvertüre en Ut Minenr ä grand Orchestre etc., publiee par la So- 
ci6t6 des Pays-Bas pour l'encouragement de Tart musical. ß6).] 



176 



St. SBcmiett, Duöcrtüre „2>ie äBalbitymMe". 



wollte. Sltö SKufifer inSbejonbere wohnt it)tn jener 3nftrumentationS* 
inftinet imte, bec gar nid^t mehr unter jweien ju wählen t)at, fonbern 
gleich baS Süchtige trifft; am liebften gefällt er fid) in ättaffen, bie 
er wot)l ju orbnen unb ju bewegen toerfteht, obwohl er auch auf baS 
detail ein aufmerffameS Singe ljat; neue, ungemBhnlidjje SBirfungen 
erjielt er nicht; gute SRufter &or ben Stegen, arbeitet er auf fcfyon 
allgemeinere, überall anerfannte unb immer wof)lthuenbe hin. SDie 
Duoertüre ift inbefc fchon einige Sa^re alt unb fann nicht als tefcteS 
9tefultat feines StrebenS betrautet werben. Xalente feiner Slrt rüden 
jwar nidf)t fchneU vorwärts aber mit befto fixerem ©dritten; gteifc, 
^Beobachtung, Umgang mit SReiftern, öffentliche Aufmunterung fötber* 
ten ebenfalls unb fo ift gar fein Bwetfel, bafc ber junge ©tamm üon 
3at)r ju 3&h r immer reifere unb reifere grudfjt abfegt; mit ben SBur* 
jeln fdjon nach beutfeher ©rbe fjerübertreibenb, wirb fich nach unb nach 
auch ber 93Iürf)enübetf)ang nach bem ßanbe ^inwenben, baS fo öielen 
großen Xonbid|tem Utafjrung unb Sraft gegeben, unb ähnlich, wie 
wir in ber Did^ttunft SluSlänber wie Deljlenfchläger, ©hamiffo u. H. 
als bie Unfrigen betrauten, bürfen wir aud} iljn als (S^renmitglieb 
beutfdjer Siunftbrüberfchaft begrüben, beren $at)l fich immer meh* 
ren möge. 

Slud) SBennett gebort Ijierfyer, nur bafc er fidf) gleich &on toorn* 
herein mehr abfonbert als Snglänber, unb, wie wir etwa Jpänbel mm 
(Snglanb als einen ber Unfrigen reclamiren, bie ©nglänber fpäter 
83ennett als einen ihnen allein 2htgef)örigen jurüdforbern bürften, — 
womit übrigens feineSwegS ein SBergleich jwif d)en §änbel unb 83ennett 
auSgefprochen fein foH. 3)ie jüngfte Duüertüre t>on 83ennett ^at ben 
SJlamen „bie SBalbntjmphe", * baS einjig 9lii)tglüdlidf)e, f cheint mir, was 
fie an fich h at - 3d£) weifc, man fann ben Gomponiften burdj nichts 
mehr fränfen als burdf) ShtSfteHungen an bem tarnen feines SinbeS, 
ba er nach feiner ätteinung ja am beften wiffen mufc, was er gewollt, 
unb man f bunte fi<h, bafc er gerabe auf „SBalbn^mphe" fiel, auch 
burdf) feine ältere Ouvertüre »bie üftajaben" erflären, ber er ein ©eiten* 
ftüd geben wollte; fdjlagenb aber unb bem SSBerfe günftig ift bie Ueber* 
fdfjrift feinenfaüs. S)idf)terifch ift es wof)l, eine ®runbftimmung buref) 
ein biefer üerroanbteS ©injelwefen ju beliehnen, wie uns aus Säften* 
betefohnS „SÄelufine" bie 3af>rtaufenb alte 9iomantif beS fiebenS unter 



* Oubertüre für grofeeS £)rcf}efter ju öier $änben eingerichtet öon SB. St 93. 
SBerf 2o. [Scf>.] 



St. Bennert, Cubertüre rf 3)tc SSalbmjm^e". 



177 



bem SBafferfpieget auftauten möchte; im einzelnen gaH aber paßt eS 
nidf)t, unb idf) würbe bie attgemeine SBejeichnung „Ouvertüre pastorale" 
ober etwas Slc^nlid^cö toorgejogen fabelt. 2)iefe Siebenfache bei Seite, 
bie inbefe, wie gejagt, ber 28trfung gu Ungunften gereift, tybt fich 
bie Cuoertüre in ihrem wunberjarten, fdf)lanfen ©lieberbau hod) genug 
über aubere ifjrcr ©chweftem, atfjmet reinfteS, tyettfteä 2>id£)terlebeu- 
©er SlamerauSjug giebt weift nur ein ^albeö Urteil; inbefc, f)brte 
i<h t)on SBerftänbtgen, bei biefer Ouvertüre nicht Sennett ift ©lamer* 
fpieler öorjugSweife, unb wie getieft unb wahlerifcf) er auch mit ben 
3nftrumenten umzugehen öerfteljt, fein SieblingSinftrument fieht boch 
aus feinen Crcheftercompofitionen Ifttaut, unb enblidf), etwas ©chöneS 
wirft auch in toerfleinerter ©eftalt, ein fdf)öner ©ebanfe auch au8 
ÄinbeSmunb. 

Die Cutoertüre ift reijenb; in ber Xfjat wüfjt' icf), ©poljr unb 
SÄenbelSfohn aufgenommen, leinen noch lebenben ßomponiften, ber, 
was Sieblidfjfeit unb 3 art ^ e ^ b& Kolorits anlangt, ben Sßinfel fo in 
ber ©ewalt ^ätte wie Sennett 3luch bafj er gerabe jenen beiben 
Älünftlern manches abgelaugt, .will fiel) f)ier über ber SReifterlichfeit 
beS ©anjen öergeffen, unb eS fdjeint mir, er t)abe toorljer nodfj nie« 
mala fich fo felbft gegeben als in biefem SBerte. 2Ran prüfe lact 
nac^ Xact, welch' jarteS, fefteS ©efpinnft toom Sfafang bis jum Schlug ! 
9lnftatt baft aus ben ©rjeugniffen Slnberer f>anbbrcite Süden tyxtiox* 
flaffen, wie fdfjüe&t fich tjicr aßeS eng unb innig aneinanber! 25och 
hat man ber Duoertüre einen Vorwurf gemacht, ben ber großen S3reite; 
er trifft mehr ober weniger alle SBennettfchen ßompofitionen; es ift 
feine Strt fo, er t?oHenbet bis ins fletnfte detail. Sind) wieberholt er 
oft baffelbe, unb jwar SRote für Sftote nach bem Slbfchlufj beS SRittel* 
f afceS. 3nbefc toerfuche man ju änbem, ohne ju bef chäbigen : eS wirb 
nicht gehen ; er ift tein Schüler, bem mit 3Sorfcf)lägen ju nüfcen ; was 
er gebaut, fteht feft unb nicht ju üerrücfen. 

®S liegt auger 93ennettS naito innigem ©ichterdfjarafter unb ber 
ihm entfprechenben Stiftung, große ipebel unb Äräfte in Bewegung 
ju fejjen; $runf unb ^radjt finb ihm fremb; wo er mit feiner 5ßh ans 
tafie am liebften weilt etwa am einfamen ©eegeftabe ober im heimlidh 
grünen SBalb, ba greift man nicht nach s £ofaunen unb Raufen, fein 
eiitfam ©litcf ju fchilbern. 9lef)me man ihn alfo wie er ift, nicht was 
er gar nicht fein möchte, als ©dfjöpfer einer neuen @pod£)e, ober als 
einen unjubänbigenben gelben, fonbern als einen innigen, wahrhaften 
dichter, ber unbetümmert um ein paar gefdjwenfte §üte mehr ober 

6 dju mann, ®cf. Stuften. II. 12 



173 



©crüoj, Cuberrüre ju „SSaoerleto". 



toeniger feinen ftiDen SBeg fjingeljt, an beffen Ausgange iljn wenn aad> 
fein Xriumpl)magen ermartet, fo bod& öon banfenber §anb ein $eild)en* 
frans, ben tl)m (SufebiuS hiermit aufgefegt Mafien mitt. 

Slnbere SMnje fud^t 33erIioj, biefer mütljenbe SJacdfjant, ber 
©d£)reden ber $l)ilifter, iljnen ein jottigeS Ungeheuer geltenb mit ge- 
fräßigen Stegen. 8lber mo erbliden wir il)n l)eute? 21m htifternben 
ßamin, in einem fdfjottifdjen §errent)aufe, nnter Sägern, §unben unb 
lad&enben Sanbfräuleinä. Eine Dutoertüre ju — „SBaüerlet)"* liegt 
t)or mir, 511 jenem SB. ©cotttfdjften Sftoman, in feiner reijenben Sang* 
meiligfeit, feiner romantifd&en griffe, feiner edfjt cnglifcfjen Sßräge mir 
xidä) immer ber liebfte aller neueren Romane be§ Stuälaube». £>aju 
nun fdfirieb SBerlioj eine SWufif. 2Ran nrirb fragen, ju welkem Sa* 
pitel, toeld^er ©cene, tueöt)atb , ju welchem 3med? Denn ftritifer 
motten immer gern toiffen, tua§ iljnen bie Somponiften felbft nidfjt 
fagen tonnen, unb Äritiler üerftef)cn oft laum ben jefjnten Xtjeil üon 
bem, mag fie befpredfjen. §immel, mann enblidf) mirb bie Qtit fommen, 
mo man un§ nidf)t meljr fragt, mag mir gemottt mit unfern göttlichen 
Gompofttionen ; fud^t bie Duinten unb lafet unä in Stulje! ©intgen 
2luffd)luf$ inbefj giebt bieämal ba3 2Äotto auf bem Xitelblatt ber 
Cutoertüre : 

DreamB of love and Lady's charuis 
Give place to honour and to arms. 

3)ie8 füljrt fd)on nöljer auf bie ©pur; münfdfjf icl> bodf) im 
2tugenblid nidjtä, als ein Drcfjefter ftimmte bie Duüertüre au unb bie 
gefammte 2eferfdf)aft fäfee Ijerum, alles mit eigenen Slugen jit prüfen. 
@in £etdf)teä mär' e$ mir, bie Ouvertüre ju fdf)ilbern, fei'8 auf poetifd>e 
Sßeife burdf) Slbbrud ber Silber, bie fie in mir mannigfaltig angeregt, 
fei'ä burd) ßerglieberung be» 2Kedf)aniämu3 im SBerfe. SBeibe Slrten, 
9Kufif ju toerbeutlidfjen, fyabm etmaä für fidf), bie erfte menigftenS ben 
üDtangel an Xrotfenl)ett, in bie bie jmeite motjl ober übel faßt. 2Äit 
einem SBorte, 33erliojfdf)e SWufif muß gehört merben; felbft ber Sin* 
blief ber Partitur reid)t nid)t fyn, mie man fidf) aud) toergebenS müljen 
mürbe, fie fidf) auf bem Klarier ju üerfinnlidjen. Oft finb e§ gerabeju 
nur @df)all* unb ßfangmirfungen, eigen Eingeworfene 2lccorbHumpen, 
bie ben 3luSfd)Iag geben, oft fonberbare Umhüllungen, bie fidf) audf 
baä geübte Df)t nad) bloßem Stnblid ber SJtoten auf bem Rapier nidjt 



* Grande Ouvertüre de Waverley etc. Oe. 1. Partition. Paris, chez 
Richanlt. [Sd).] 



§. 33erlto5, SDuoertüre ju „SBaüerfeg". 



179 



beutlidj üorjuftellen Vermag. ®et)t man ben einzelnen ©ebanfen 
auf ben ®runb, fo fd)einen fie, für fich betrachtet, oft gewöhnlich, 
fogar trimal. 3)aS ©anje aber übt einen unwiberftehlidjen 9tet^ 
auf mic^ au3, trojj be£ melen SSeleibigenbeu unb einem beutf djeu 
Ctjr Ungewohnten. 83erIioj h at ' ™ J e ^ em f e ^ cr SBScrfc anberS 
gejeigt fid) in jebem auf aubereS (Sebiet gewagt; man weift nid)t, 
ob man itjn ein ©enie ober einen mufifalifd)en Abenteurer nennen 
f od : nrie ein SBetterftrahl leudjtet er, aber auef) einen ©djtoefel* 
geftanl fjinterläfet er; fteflt gro&e ©äfce unb aSal)rf)eiten fyn unb 
fällt balb barauf in fcfjülerfjafteS ©cfalle. ©inem, ber nod) 
nicht über bie erften Anfänge mufifalifdjer Silbuug unb ©mpfin* 
Dung hinaus ift (unb bie 9WcIjrjat>l ift nid)t barüber hinaus;, muß 
er gerabeju als ein SUarr erfd)einen, fo namentlich ben SRufifern üon 
sßrofeffion, bie fich neun 3 el S) nte ^ Sebent im ®ewöf)nlichfteu be* 
wegen, * boppelt ihnen, ba er Dinge jumutf)et, wie Sftiemanb üor ihm. 
S)arum ba§ Sträuben gegen feine ßompofitionen, barum Bergenen 
3ahre, ehe fid) eine bis jur Klarheit einer toottfornmenen Aufführung 
burdjfdjlägt. S)ie Dw>ertüre ju SBaoerlet) wirb fich leidster 
Skhn machen. Sßa&erlety unb bie gigur beS gelben finb belannt, baä 
SJtotto im 93efonbern fprid&t öon „ben träumen ber Siebe, benen ber 
9tuhm ber Stoffen Sßtafc gemacht".** 2Ba3 fann beutlicher fein? ®S 
ift ju wünfd)en, bafe bie Dutoertüre in 2)eutfdjlanb gebrueft unb ju 
©ehör gebraut wirb ; fd)aben fönnte feine ÜRufif nur einem fchwachen 
Xalent, baä burd) beffere auch vorwärts gebraut wirb. 9tod) 
erwähn* ich; Mi. tnerfwürbig genug, bie Duüertüre einige entfernte 
Stehnlichfeit mit ber ju 3Kenbel£fohn» „SDteereSftille" hat wie auch eine 
SBemerfung öon 93erIioj auf bem Xitelblatt ber mit SBerf 1 bejeichneten 
Cuttertüte nicht ju überfehen ift, bafc er nämlich fein früher*** gebrudteS 
Söerf 1 (acht ©cenen aus gauft) üernid^tet h^be unb bie SBaüerlety» 
Cu&ertüre als erfteS SBerf angefehen wünfdje. SBer aber ftcljt uns ba* 
für, baft ihn baS jweite SBerf t fpäter einmal auch nicht mehr anmuthet? 
STffo eile mau, baS SBerf fennen ju lernen, baS tro| atterSugenbfchwächen 
bodj an ©rö§e unb Sigenthümlidjfeit ber ©rfinbung baS §ertoorragenbfte, 
n>aS un§ baS granfenlanb an 3nftrumeutalmuft! neuerbingS gebraut. 36 
. _ SR. Schumann. 

* Oft fjab' id) e3 erfahren muffen, baß unter ben 9Jhtfifem dorn $anbtt>erf 
bic metfte 33omtrtf)eit anzutreffen; anbererfeits fefflt ifjnen eine gettnfje Xüdjtigfeit 
nicf>t leicht. [@dj.] 

** ©enauer überfefct: „bie bem SRufjm ber Söaffen $Ia& gemocht". 
*** 1S29 

12* 



180 



SNeuc Stjmpfjontecn. 



tteite Sijmpljonicen für ©rdjeftcr. 



©. $ret)er, @rftc (Sam^ontc (Dmoll). SBerf 16. Partitur. 

(L ©. 91 et feiger, ©rfte ©nntpfyome (in Es), für ^ßtanof orte 4 §anben ein* 

gerietet. SBerf 120. 
Ur. Satfjner, ©edjfte ©ömjrfjonie (in D). SGBer! 56. Sßarttrur. 

SBenn ber SDeutfd£)e t>on ©tjmpljonieen fpridf)t, fo fpridf)t er oou 
33eetf)otoen: bie beibeu Sftamen gelten if)m für eine» unb unjertrenn* 
lief), finb feine greube, fein ©tolj. SBte Statten fein SReapcI f>at, ber 
granjofe feine SRetooIution, ber Snglänber feine ©dfjifffatyrt jc, fo ber 
3)eutfcf)e feine S8eetf)0öenfdf)en ©tympfjonieen; über 2Jeetf)ot>en öergißt 
er, baß er feine große 2Äalerfd)ule aufjuweifen f)at, mit iljm tyat er 
im ©eift bie @cf)ladf)ten wieber gewonnen, bie if)tn Napoleon abge- 
nommen; if)u wagt er felbft ©fjafefpeare gleich ju fteßen. SQEJic nnn 
bie Schöpfungen biefe8 SKeifterS mit unferm 3nnerften Dermalen, 
einige fogar ber ftmpf)ouifd£)en populär geworben finb, fo foüte man 
meinen, fie müßten aucf) tiefe ©puren ^interlaffen l)aben, bie fid) bodf) 
am erften in ben SSerfen gleicher ©attung ber nädjftfolgenben Sßeriobe 
jeigen würben. $)em ift nidjt fo* Sfaflänge finben wir wof)l, — 
fonberbar aber meiften» nur an bie früheren ©tympljonieen 83eet£)Ot)en3, 
als ob jebe einzelne eine gewiffe $eit brauste, efje fie üerfianben unb 
nadfjgeatjmt würbe, — Slnf länge nur ju titele unb ftarfe; Slufredjt* 
Gattung ober 33ef)errfdE)ung aber ber großartigen ^oim, wo @cf)tag 
auf ©dfjlag bie 3been wed^felnb erfd£)einen unb bodf) burdEj ein inneres" 
geiftigeä Söanb verfettet, mit einigen Ausnahmen nur feiten. £>ie 
neueren ©t>mpf)onieen üerfladjen fidf) jum größten Xfjeil in ben Duöer* 
türenftil hinein, bie erften ©ä|e namentlich; bie langfamen finb nur 
ba, weit fie nicf)t fehlen bürfen; bie ©cherjoa Ijaben nur ben Sftamen 
baoon; bie legten ©äfce wiffen nid>t mef)r, wa8 bie bongen enthalten. 
(Sin ^cinomen warb un» in 33 er Ii oj "öerfünbigt. SKan weiß in 
©eutfd£)lanb im Allgemeinen f o gut wie nid£)t3 &on iljm ; wag über i§n 
burdf) §örenfagen befannt würbe, fdjjien bie Deutfd^en etjer abjufcfyrecfen, 
unb fo wirb wof)l noch eine ßeit üergeljen, ef)e man it)n grünblid) 
fennen lernt. ©ewißlidE) aber wirb er ntd)t umfonft gearbeitet haben ; 
eS fommt feine ©rfdjeinung allein. £)ie nächfte ßuhinft fdfjon wirb 
e3 teuren. $u erwähnen Ware auch nodfj granj ©dfjubert; aber 



181 



auch feine Seiftungen im ©tjmphonieenfadf) finb noch nicht öffentlich 
geworben. Sin bebeutenbeS Beiden öom ©tanb ber Xalente gab bie 
SSiener SßreiSaufgabe. 2)ian mag fagen, was man wolle : 5ßreiSauf* 
gaben fönnen nur fruchten, fdfjaben nimmer, unb man fennt bie 3 eu 9^ s 
frafte wenig, wenn man meint fte fteigerten fidf) nicht burdfj Anregung, 
fei'S auch eine profaifdje. Jpätte man bodf) jum SBerfudf), atS -äftojart, 
§atjbn unb Seetho&en lebten, einen $reiS auf eine ©tjtnphonie aus* 
gefdjrieben unb etwa einen öon jenen fdfjweren felteuen diamanten, 
wie fie fidf) in faiferlidjjen unb föniglid^en ©chäfcen befinben, als 93e* 
lohnung toerfprocf)en, ich wette, bie 9Jieifter würben fich waefer ju* 
fammengenommen fyabtn. Slber freilich, wer hatte ba rieten f ollen? 
2)odfj genug! Der Srfolg jener *ßreiSaufgabe ift befannt, unb erjäljlt 
man fidf) auef), ber bamals ©efrönte habe, fdjon ehe er feine ©tjm* 
Päonie begonnen, ben SßreiS fo gut wie in ber Xafd)e gehabt (heim* 
lieh glaubt eS jeber Koncurrent), fo müffen wir bodj bef ernten, wie 
jefct bie ®adjen ftehen, b. h- nachbem wir auch viele ber anbern ein* 
gefanbten SB.erfe gehört haben, t> erb teufe Sachner ben $reiS, unb 
jwei ber heute gu befpredfjenben ©ijmphonieen, bie ftd) ebenfalls fdfjon 
auf bem Sßiener 2BahfpIa| eingefunden, betätigen bieS von Beuern. 
(Sinen günftigen (Sinbrucf macht eS gleich von vornherein, baß eine 
biefer ©timphonieen, öon K. ®. Sßretjer, in Partitur erfdf)ienen. 2)er 
ßomponift, in Sßien ju §aufe, ^af fich bort namentlich burch einige 
beliebt geworbene Sieber befannt gemacht; Sßien gleicht fymn anbern 
großen ©täbten, baß ein gtücflicher SBurf in fo fleinem ©eure genfigt, 
für einen bebeutenben Komponiften gehalten ju werben ; wer am meiften 
getauft wirb, ift ber (Srfte. @o fam eS benn wohl, baß fich c ™e 
SBerlagShanblnng gum S)rucf ber 5ßartitur entfdfjloß, jener ©attung 
foftbaret unb gefährlidher Sabenhüter, bie bie Verleger faum gefchenft 
haben wollen, ©o liegt benn eine flar unb correct geftochene Partitur 
öor unä. 

SBenige Seiten genügen, um in ihr einen vorwärts ftrebenben 
jungen ßomponiften ju erfennen, ber fidf) anfangs in ber großen un= 
gewohnten $orm etwas ängftlich benimmt, im SSerlauf aber Sicherheit 
unb 3Wuth gewinnt, doppelt muß man fein Streben anerkennen, ba 
er gerabe in einer ©tabt fich tttljrt, too bem ©oliben, (Srnften, gar 
bem Siefen im Durdfjfchnttt km wenig Aufmunterung ju Xt)cil wirb, 
wo man im Allgemeinen fehr nach ben erften Sinbrüden erhebt ober 
abfpricht, unb wo baS ganje Urteil meift auf bie SBorte hütauSläuft : 
„eS hat angefprodjen" ober „eS h at nicht angefprodjen"; fo f^ß & 



182 



j. 95. nadf) ber 9luffüf)rung beä 6f)riftu§ am Detberge, nadf) her be3 
gibelio: „e§ E)at nidfyt angefprodEjeu" , unb bamit war bie ®ad|e abge* 
tfjatt. $)ie ©tjmpljonie nun, öfter in 2Sien gefpieft, t)at angefprod^en, 
fogar imponirt burdf) ben Stnfttid^ tion gelehrter 2)urcf)fül)rung, bcn fie 
oft jeigt. $)er (Somponift wirb un§ nur üerftefjen, wenn er biefe $eit* 
fcijrift aus metjr al§ auä biefer Stummer fennt, wenn er weifc, öon 
wo fie au§gef)t, welche SKeifter if)r al8 t)öd)fte gelten, welche Stnfprüdje 
fie gerabe an eine @tjmpf)onie madf)t, unb wie fie mit einem SBorte 
etwas farg im £obe, weil wir SRufiter I)ier untereinanber finb. ®e* 
rabe jenes fogenannte „Arbeiten" toerrätf) ben erften SSerfud^, unb reb* 
Iid)e Slnfänger tfjun ba meift beS ®uten ju mel. 9ll£ ob ber 
ganje Sontrapunlt wieber au3gefdf)Wifct werben müfete, wirb un8 bann 
üon SEcitem mit gugenanfängen gebroljt (meiftenS in raffelnben SBiolonS), 
erhalten wir brei, tricr unb mefjr Steinas über einanber geftedt, was 
wir t)erauSf)ören fotlen, unb sutefet merfen wir'S bem Sompouiften boef) 
an, wie er frotj ift, nicf)t aüju ungefdjidt wieber in bie Jpaupttonart 
gefommen ju fein. @d)reiber biefeS weift bteS aus ber beften, aus 
ber eigenen ©rfaf)rung. 5d) Will bem Somponiften feinen gleif3 nidjt 
üorwerfen; bodj wer mir, audfj mit einem feinen SDteifterofjr einer, bie 
Äunft öon ©. 1 S— 22 f)erauSt)ört, bem finb Sadf)fdt)e Sabtjrintlje wafyre 
ßwimfnäule, baS fotl man bleiben laffen, Unb enblid), trag ift bie 2Bir* 
fung baüon? greititf) auefi Söiojart arbeitete unb gar SJeetljoüen, aber 
aus welken Stoffen, an welchen ©teilen, aus welken ©rünben, unb 
alles wie im ©d^erj unb Spiel! ©ewift mußten audfj fie über Serfudfje 
tjinweg; aber fürö blofee Sluge unb Rapier fdjrteben fie niemals. 2öünfdf)te 
id) bodfj, ein junger (Somponift gäbe uns einmal eine leidste, luftige 
@tjmpl)onie, eine in 2)ur, of)ne ^ofaunen unb boppelte Börner; aber 
freitidE) , bann ift eS nod) fdfjwerer , unb nur wer bie SRaffen ju be< 
fjerrfdjcn üerfteljt, faun mit iljnen fpielen. Jpalte man uns aber wegen 
beS eben ©efagteu in S^nft nidfjt etwa t>or, wir wünfdjten feine 
Arbeit ju fetjen; gerabe bie tieffinnigfte ; nur nid)t, baft fie um 
if)rer felbft etwas gelten foÜ, ba^ wir fie bei ben gäben f)erau3äiel)en 
follen. ®Iud§ SluSfprud), „nicf|t§ ju fd^reibeu, wa§ nid|t ©ffect 
mad^e", ift, im redjten ©inne genommen, eine ber gotbenften Regeln, 
ba§ wa^re ©c^cimni§ be§ 3Keifter§. Verfolgen wir nun aud) ben 
ßomponiften bis in ba§ 3nnere feiner ©ebanfen, fo enthüllt fid^ un8 
in feiner ©tjmp^onie, aufser jener Suft am Arbeiten, ein burdf)au3 
offener, wofjlmeinenber unb gefitteter Stjarafter; er giebt fid^ ganj wie 
er ift, üerfdjweigt aud) ©ewbljnlidjeä mä)i, wo e§ it)m ju Sinn fommt, 



ober toerfucfjt es ju bemänteln; audf) ftrebt er feinen SanbSleuten ju 
gefallen, ofyne beö^alb gerate in italienifdje SBeife überschlagen. 3m 
erften ©afe t)at er fidj anfangs, wie eS fcheint, noch nicht juredfjt ge* 
feffen; er rücft unb rücft unb fommt nicht au« ber Xonart; bann 
aber nimmt biefer ©ajj, bis auf ben Äampf ber brei £f)ema3 unb 
trojj bed Gompouiften, ber eigentlich etwas GrufttjaftefteS geben wollte, 
ben gellen, Haren Sllang an, ber mit ber DorjugSweife melobtfdjen 
Stiftung ber Anlagen beS Gomponiften in GinHang fteljt 2)aS Stbagio 
ift nur bie ^ortfejjung batoon, frieblicher SRatur, unb fein ©lücf, bafc 
eS furj ift, was überhaupt ber entfdfjeibenbe SSorjug aller ©äfee, ben 
man bei fonftigen jungen ©tjmphoniecomponiften meifthin ju üermiffeu 
pflegt. 2)aS ©cherjo fdfjeint mir ber gelungenfte %tyU ber Symphonie, 
bie SieutiniScenj an bie ljeroifrf)e oon 33eetl)ot>en nicht üerftimmenb, 
baS Xrio aber namentlich am ©chlufj be§ erften X1)t\t§> mit ber fanften 
SluSbeugung ins C befonberS anmutljig. $)er le|te ©a£ enbltd) ift 
ber gewanbtefte, wo fich bie ©ebanfen am fdjneflften ineinauber fügen 
unb ablöfen. Snt X^emaerfennt man ben SGßiener; feine 93erfcf)ränfung 
in baS jrocitc I^ema Ijinein mag artig genug Hingen« SRofalien, tuic 
fie pufig I)icr anjutreffen, wünfcf)ten wir weniger. Sfteue 3nftrumental* 
effecte enthält bie ©tjmphonie wohl leine ; bie äWaffenjufammenfteüung 
erfcf)eint aber gefcfjicft gemalt, nrie baS Dbligate im Gljarafter ber 
3nftrumente ^ertjortrctenb. S)ie Harmonie ift jiemlich fräftig unb rein. 37 
2Bir rufen bem Gomponiften ein munteres Vorwärts ju. „3>er §immel 
fommt nicht ju uns ^erab; eS fei benn, bajs wir ju il)m hinauf« 
flimmen". 

Ueber bie ©tympljonie üon Steiniger, feine erfte, üon if)m eben* 
fattS jur SBiener ^reisbewerbung eingefchicft, läftt fid) faum etwas 
fagen, was fid) nicht Seber über biefen Gomponiften fdfjon felbft gefagt; 
fie ift, wie feine anbern SSerfe, burdfjauS Kar unb einfdfjmeichelnb unb 
oon fo Heiner, nieblidtjer gorm, bafe man fie eher eine Sonate für 
Drcfyefter nennen möchte. 3m erften @a| ermatten wir nadf) einer furjen, 
herfömmtich pathetifcfjen Ginleitung }u Anfang eines jener SiolinthemaS 
in raffen giguren, wie fie namentlich ©pofyr eigen, tjierauf ein jarteS, 
leidfjteS ©efangtfjema, in ber SKitte ein furjeS 3 u 9 at °/ & em m ^ fettig 
SSeränberung bie XranSpofition beS erften SDrittelS fich anfdfjliefjt. 3m 
SIbagio jeigt fich ber liebliche Ciebercomponift, ber namentlich mit 
23IaSinftrumenten wohl ju wirlen üerftetjt; es ift fetner eigentlichen 
Statur entfprungen unb gilt uns für ben beften ©afc ber ©gmphonie. 
^DaS ©djjerjo fjätt fid^ in Grfinbung unb Slrbeit mit bem SSorf)ergei)enben 



184 3- Sadjner, ©edjfte 8gmpt}onie. 



auf jiemlidj gleicher Sinie, bem entfpred&enb ein munteres finale 
folgt im ßweimertel. 35enfe man fid) baju bic gute Crcheftertonart 
Esclur, wie auch eine 3nftrumentirung, fo wohlflingenb unb gewanbt, 
wie man fie erwarten barf üon einem geübten ßapeümeifter, unb man 
hat ein bürftigeS SBilb ber ©tymphonie. äRicf) für meinen Xljeil ftörten 
nur bie häufigen unb ftarfen SReminiScenjen, oft ber 9iebengebanfen, — 
fo bafc, wollte man auSjufcheiben anfangen, bie ©tymptjome wof)l Bis 
auf bie ipälfte jufammenfaUen würbe, ©o erfennen wir auf ber erften 
©ehe gleich S5eetf)ot)en (Xact 12), im SSHegro gleich ©poljr (bis Xact 9), 
furj barauf auch ÜKenbelSfohn; buref) ben lefctern wirb Steiniger auf 
eine befannte gnge üon Sadf) gebraut, * bereu Xhema einen ber ipaupt* 
Pfeiler ber Symphonie bilbet; im Stbagio fehlen birecte Stuf länge; im 
©d^erjo tritt uns bagegen fowoljl Seet^oüen wie auch ©poljr wieber 
entgegen unb jwar, bafc es auch einem oberflächlichen ©tymphonieen* 
fenner auffallen muf$; jener, im jweiten Xt)eil, btefer im Xrio, baS 
einen ber wirfungStooüften t)on ©pot)r benufcteu 3uftrumentaleffecte 
nachahmt, desgleichen fönnte man im ginate bei ben ©ecunbenetn* 
tritten an ÜRojart, wie fpäter fogar an ben alten 2)effauer 2Harfd| 
benlen ; bodf) fiegt t)ier ber ßomponift über bie fremben ©inflüffe, unb 
wir nehmen Don it>m wie öon einem gebifbeten, routinirten SRann 3tb* 
fdfjieb, ber uns eine Sßeile fetjr artig unterhalten, bem wir eS aber 
fd)tau angemerft, bafe nidf)t aßeS fein ®ebanfeneigentt)um, was er uns 
toorgefefct, beffen einne^menbe ^erföntichfeit aber julefct überwiegt bafc 
wir uns feiner gern erinnern, if)m öfter gu begegnen wünfehen. 2)ie 
©t)mpI)onie hört fich auch m ßlaüier gut an unb fpielt fidf) leicht. 

©S liegt uns noch eine neue ©tjmphonie üon fiadjuer toor, feine 
fedErfte, ein ausgezeichnetes SBerf, baS uns feine sßreisftjmphonie boppelt 
aufwiegt. Sludf) toon btefem Eomponiften war in ber ßeitfehrift fcfjon 
fo oft bie fftebe, bafc wir uns furj faffen fönnen. SSaS uns bieSmal 



* Söad). 



SReifeiger. 



[S«W 



g. 2ad)\wc, Seifte Styntyfjonte. 



185 



wafjre Sldfjtung &or 2ad)ner einflößt , ift baS fid>tlidfje Streben, feine 
früheren Stiftungen ju überbieten unb jwar in ber beften Sßeife, bei: 
männliche ©ruft, mit beut er ber Aufgabe, ein großes ftjmpljonifcfyeS 
SSilb barjuftellen , genügen will, bie 2uft unb Siebe an ber @arf)e. 
Sßenn nun 2acf)ner unter allen fübbeutfdjen Somponiften gewiß ber 
talent* unb femttnißreicf)fte ift, fo muß eben jenes unermübete $or< 
wärtSftreben um fo mel)r ausgezeichnet werben, jumal in biefen ^Blättern, 
bie gerabe itjn, als ber ^Begabten einen, mit ftrengfter Strenge immer 
beurteilt unb jwar aus ber beften Slbfidfjt, bamit ijjn baS übertriebene 
2ob fübbeutfctyer Slätter, naef) benen bie SKeifter wahrhaft auf ben 
Säumen ju wadfjfen fd£)eineh, nicf)t üorfrülj arbeitsfdfjeu unb eitel madfje. 
2BaS ^ilft alles 3ureben, baß wir große ÜKänner finb; was atteS 
§eben guter greunbe auf ©tetjen hinauf, auf benen mir uns otjne 
jene uidf)t fjatten fönnen? 2Bie SBiele ^aben fdjon büßen müffen, bie 
fidf) oor ber tyit Ijulbigen ließen! SRur bem nu|t baS 2ob, ber ben 
Xabel ju fcfjäfeen öerfte^t b. ()♦ ber trofcbem unbeleibigt nid)t nadf)läßt 
in feinen ©tubien, ber fidf) aud) nicf)t egoiftifcf) in fid) abfließt, fon* 
bem fidf) audf) ben ©inn für frembe 2ßetfterfdf)aft lebenbig erfjält, uub 
jold)er bleibt lange jung unb bei Gräften; unb einen folgen ttünftler 
glauben wir audf) in 2adfjner ju erlernten, bem eine 3tuSieidf)nung 
wiberfaljren, über bie er fo toiel bittere Dinge t)at Ijören müffen, wo* 
rauf er fidf) nun rädf)t auf bie fd)önfte SBeife — burdf) ein beffereS 
SSerf, wie es biefe fedfjfte Symphonie ift im SBergteid) jur gefrönten. 
©S ^errfrf)t in biefer ©tympfjonie eine SDleifterorbnung unb Ätartjeit, 
eine 2eidjtigfeit , ein SBoIjllaut, fie ift mit einem SBort fo reif unb 
ausgetragen, baß wir barum bem ©omponiften getroft einen $lafc in 
ber 9?al)e feines 2ieblingSt>orbitbeS, granj Säubert, anmeifen fönnen, 
bem er, wenn an SBielfeitigfeit ber ©rfinbung nadfjfteljenb, an Xatent 
jur 3nftrumentation jum wenigften gteidfjf ommt. Durdf)gef dalagen, als 
fte in Seipjig aufgeführt mürbe, f)at jwar aud) biefe @t)tnpl)onie nid)t, 
worüber fid) inbeß ber ßomponift beruhigen fann, ba uns S9eetf)ooen 
unb jutefct 2RenbelSfof)n üerwö^nt, neben benen fid) nur aufregt ju 
Ratten unb ef)rent>oll erwähnt ju werben, allein fdf)on nidfjt unrüfjmlid) 
fdjeint, unb bann §at baS publicum wie ber ©injetne feine üer* 
wünfdf)ten läge, Xage ber SKigräne, wo if)m nichts red)t ju madf>en, 
wo nid)t burct)jubringen ift burdf) baS geö, finb es nidf)t gerabe 33eet* 
f|0toenfcf)e SBlifce, mit benen if)m beigufommen. Dann aber trifft aud) 
biefe ©t)mptjonie ber alte Vorwurf ber Söreite ber SluSf üljrung ; 
2ad)ner t>erftef)t nid)t immer jur guten ßeit abjubredjen , in Sßeife 



186 



Norbert SBurgmüüer. 



geiftreidjer SRänner, bie un§ wol)l gar mit einem SStfc ju ipauS 
fdfjiden, in ber SBeife wie oft 83eethot)en, baß fidf) baä publicum fragt: 
„was wollte ber 9)?ann eigentlich — aber 9Sed^t hat er gewiß"; folche 
©d)Iüffe laffe fid} ßad)ner t)on feinem guten ®eift manchmal einflüftern. 
35em publicum muß manchmal imponirt werben, e§ ftettt fid^ im 
Stugenblid gleich, jobalb man e$ iljm ju bequem macht; wirft i^m 
aber ber Somponift ju $eiten einen Stein fyn, ober gar an ben Sopf, 
bann bucfen fie äffe gleichzeitig nieber unb fürchten ftd) unb loben be* 
beutenb nach bem ©d)luß. @o SBeethoöen an einzelnen ©teilen; jebet 
barf'8 freilief) nicht, ßefe bod) ßachner in Swift, in Sorb Styron, in 
Sean *ßaul, id) glaube, e$ nüfct ihm, er würbe Sur je lernen; er muß 
gewiffenlofer werben, er barf feine fdfjönen ©ebanfen nicht ju lang 
wieberf)olen, fie nicht bis auf ben legten Xropfen auäpreffen, fonbem 
anbere untermtfehen, neue, immer fd£)önere. Sltteä wie bei Söeethotoen! 
©o fommen wir benn immer auf biefen ©öttlicf)en jurüdE unb wüßten 
tjeutc nid£)t3 weiter ju fagen, als baß Sadjner auf bem Sßfab fort* 
f freiten möge nadfj bem Sbeal einer mobemen ©tjmphonie, bie unä 
uadf) SeettjoüenS Jpinfcheiben in neuer gorm auf aufteilen befd^ieben ift. 
@ä lebe bie beutfd^e Symphonie unb blüh' unb gebeilje t>on Beuern! 

12. 



ttorbert ßurgmüller. 

9tad) granj Schuberts frühzeitigem Xob fonnte leiner fdjmerj< 
lidjer treffen als ber SöurgmüllerS. Stnftatt baß baS ©djidfat einmal 
in jenen äRittelmäßigfeiten beeimireu follte, wie fie fdjarenweife herum* 
lagern, nimmt e£ uns bie beften getbfjerreutalente felbft weg, granj 
Schubert fah fich jwar nod) bei feinen Sebjeiten gepriefen; Surgmül* 
ler aber genoß faum ber Anfänge einer öffentlichen Stnerfemtung unb 
war nur einem Meinen Steife befannt unb biefem vielleicht noch mehr 
als ein „curiofer" ÜDJenfch wie als äWufifer.* So ift eS benn ^flidjt, 
wenigftenS bem Xobten bie Sf)ren S u «säßen, bie wir bem Sebenben, 
vielleicht nicht ohne fein $Berfdf)ulben, nicht erjeigen fonnten. 



* 9SgI. einen Mufjajj öon Sntntermann in 33anb VIII, 8, 27 ber 3eit* 
fdjttft. [Scf).] 



Norbert ©urgmutter. 



187 



3mar fenneu tt>ir nur weniges üon if)m: eine ©tjmpfjonie, bie, 
nur einmal an uns tiorübergegangeu, nod) in ber ©rinncrung mit 
greube erfüllt, ein §eft Sieber [2Berf 3], baS bie geitfdjrift fd)on früher 
befprodf)en unb erhoben, eine ©onate, eine 9tf)apfobie unb wieber ein 
£eft fiteber, bie brei testen erft t>or bürgern erfd&ienen. S)ie8 Sffienige 
aber reidjt f)in, bie gütle toon Straft, bie nun gebrochen, auf baS 
Snnigfte betrauern $u müffen. ©ein Xalent t|at fotcfje leudjtenben 
SBorjiige, bafe über beffen S)afein nur einem SSlinben S^ft* au f* 
f ommen f önnte ; felbft bie 2Kaffe, glaub' id(j, mürbe er fpäter jur $ln* 
erfennung gelungen, ber 3teidf)tt)um feiner SDfelobieen müfete fie ge* 
padt tjabeit, wenn fie audj bie waljrfjaft fünftlerifd)e Bearbeitung ber 
Xfjeite nid)t ju würbigen üerftanben f)ätte. 

2Bie S8eetf)ot)en, am beutfdjen s Jtf)eine geboren, nafyn er üieUeidjt 
frü^jeitig üon feinen reijenben Umgebungen in fidfj auf ; möglich, ba| 
aud) baS rege Äunftleben im naf)en 2)üffelborf nicfyt of)ne ©influfe auf 
itjn mar. ©päter fefjen mir if)n in Gaffel. 3)er ©influf$ ©poljrS, 
bei bem er fjier ftubirte, wiewof)! er nid)t ju üerfemten, erfd^eint in* 
bc§ in bem uns Sefannten nur als ein leifer 9tad)f)all ; bie ©d)üler* 
fcfjaft ift bereits ber ©elbftänbigfeit gewidfjen; ©pofjr felbft Ijat ifjn 
fidjer in biefem Sinne ber Sefjre entlaffen unb, nrie man fagt, mit 
frönen Hoffnungen feiner jufünftigeu 33ebeutung. Stud^ Hauptmann, 
ber ebenfo grünblidje als fein fdjaffenbe Xoufefcer, barf nidjt uner* 
wäfjnt bleiben, bei bem 83urgmüßer gleicher SBeife gelernt.* 3n fol* 
dE)er Äraft ber ©elbftänbigfeit jeigt er fid) nun namentlich in ber 
SRfjapfobie [SBerf 13, in D] ; fie jaf)lt nur fedjS Seiten, aber ben ©in* 
brud möcf)t' idf) beinahe ber erften SBirfung beS (Soettjefdjen ©rlfönigS 
dergleichen. Sßeldf)' meifterlid&eS ®ebilbe, wie in einem SKoment ge* 
bad)t, entworfen unb tootlenbet, unb mit wie wenig 9lufwaub, wie 
befdjeiben üotlenbet! S)er Sßljantafie beS SDiufiferS auf ben ©runb 
feiert ju wollen, ift gefcifyrlid); bei ber 9if)apfobie fdf)eiut eS mir aber 
gewifc, bafc nodf) etwas im ©piele, bafc ber SUJufif öielleidjt eine be* 
fonbere SSeranlaffung jum ©runbe liegt, ein ®ebidf)t, ein 83ilb, ein 
SebenSereignife. ©inem £)id)ter, ber gut 9Jtufif toerftänbe, möd)te bie 
Deutung am leidjteften gelingen. 2Bie bem fei, bie 9tf)apfobie wirft 

* Hauptmann nennt SBurgmüller einen „Iang|d)mädjtigen, füllen Sftenjdjen mit 
meiern Talent" Briefe an Käufer II, 245). 33. jdjrieb feilt Fis moll * Soncert 
(Söerf 1) nod) in Gaffel; „er fyat irofjl ein Saljr baran gearbeitet, weil er bie meifte 
3eit [ÄrattHjeit fjalber] nic^t^ tfjun fonnte, — nnb e^ Hingt, als tüär'^ in @tnem 
gemadjt." 9TOenbelSfo^ii ?piette eö einmal in Xüffclborf au^ bem 9Jlamijcript. 



188 



Norbert S3urgmüHcr. 



gleich einer ®rf djeinung aus anberer SBelt ; bett Slugen nidjt trauenb, 
fefjen nur nod) lange um uns, wenn fie fdjon entfcfywunben. 

Die Sonate [Sßert 8, Fmoll], i[t ein nidjt minber treffftd)eS 
SBcrf. Der einzige Vorwurf, ben if»r ber anfprud)üotle SRufifer ma* 
djen bürfte, wäre bie SBiebertjolung beS jweiten XtjemaS im jweiten 
Xfjeile, wie fie fidj in ber ©onate, im erften unb legten ©afce, finbet; 
fo auSbrudS&ofl ber (Sefang ift, fo müfcte boclj an biefer ©teile bie 
$t)antafie einen anbem , f üf)neren SBeg fidf) Breden. Das SRadjen ift 
freilief) immer fdjwerer als baS SRatfjeu t)tntcrt)er* 3m Uebrigen loctjt 
burd) ben ganjen erften] ©a| eine fo fdfjöne, fräftige Seibenfcfyaft, unb 
ber Didfjter erfdfjeint trofebem barin feiner Aufregung fo feljr SDteifter, 
bafc er ebenfo rüf)rt wie beruhigt; idf) weifc nid)t, in welchem Stlter 
bie ©onate gefdfjrieben, idf) mödfjte fie aber für auf bem SBenbepunft 
tiom SünglingS* jum 9JianneSatter entftanben galten, wo fo biete 
Xräume 2t6fdjieb öon uns nehmen, um ber SBirHid^feit *ßlafc ju 
machen. Die folgenben <$ä£e tragen benfetben DoppeldEjarafter üon 
SRefignation unb Sebemutf), obwohl idf) nidfjt leugne, uad) folgern erften 
@afc im legten etwas XicfereS an Kombination erwartet ju tjaben. 
Dod) genügt bem 28ot)tmollenben and) baS ®egebene. 

Das jüngft erfdjienene Siebcrfjeft [Sßerf 6] giebt bem früheren an 
9leidf)tt)um unb ©cf)alt nidjtS nadf). Die Xefte finb mit feinem Stoge 
IjerauSgefunben, bie 3uftänbe ber melandjolifcljen, aufgeregten SRatur 
beS XonfefcerS tierwanbt: „wer nie fein S3rob mit Xfjränen afe" 
(©oettje) — ,,t) eil glühen bie Sterne im bunflen Stau" (©tiegttfc) — 
„idfj fd)teidf)' umtjer, betäubt unb ftumm" flßlaten) — „wunbeS 
£erj, !)ör' auf ju Hägen" (3. ©djopenfjauer; — „idf) reit' ins 
finftre Saitb Ijinein" 'Ut)lanb). Sittel finben wir f)ier, was 
wir üon einem Sieb forbem bürfen: poetifd^e Sluffaffung, belebtes 
Detail, gtüdlid)eS SSerfjältnife beS (SefangeS jum 3nftrument, überall 
S33af)I unb ©infidfjt unb warmes Seben. §tm wenigften fanu id) 
mid) inbefc mit bem ©oet^efd^cn ©ebidf)t einüerftanben erflären; bie 
gigur, wiewohl fie fief) burdf) ben §arfenfpieler beuten ließe, fdjeint 
mir ju äufterlid), ju jufätlig, unb baS jarte Seben beS ©ebidjteS ju 
übertönen. 99et granj Säubert erfdE)ien bies geftljattcn einer gigur 
baS ganje Sieb tjinburd) als etwas 9teueS; junge Siebercomponiften 
finb bor ber ÜJfanier fefjr ju warnen. Xiefern UrfprungS finb aber 
bie anbem Sieber, unb namentlich trifft baS lefcte unmittelbar, ba§ 
eS meifterlidjer üottfüfjrt faum gebaut werben fann. 

Der SBerleger, ber noef) mehrere Eompofitionen üou S3urgmüIIer 



91 SMmerS, (Stöben. 



189 



im SBefijj tyat, möge rafd^ an if)tet SBeröffentlic^ixnfl arbeiten laffen ; 
er wirb e8 nidfjt bereuen §aben. 38 SBerleger f(Jjeinen mir auef) oft 
wiegifd&er; unwiffenb, was ©lütf unb ßufatt bringen, werfen fieiljre 
SRefee aus, unb e$ fängt fidE) attertjanb großes unb Heine» ©efinbel, 
bis benn einmal ba3 fdjwere ©ewi(Jjt einen feltenen ©aft t>er^ci§t unb 
ber gifc^er hocherfreut einen foftbaren ©dfjafc au» ber Xiefe jieljt. @iit 
folcf|er glücflidjer 3ug war SBurgmüller. 

12. 



Glitten für pianoforte. 

8t äBillmerS, 6 ©tüben. SBerf 1. 

93. ©. $f)iüpp, 12 (Stuben unb cfjarafteriftifäje (Stüde (Songe et v6rit6). SScrf 23. 
3. ffiojenfjatn. 12 $arafteriftifd)e Grüben. SSerl 17. 
fr ftallbrenner, 25 gro|e ©tiibetu Söerl 145. 
fr St fät, 12 ©tüben. SBert 1. 
„ 12 große Stäben. 

2)ie ßeitfd^rift ^at feit itjrer (Sntfteljung ber Elameretübe immer 
befonbere Slufmerffamfeit gefc^enft, weil fich in i^r bie gortfd^ritte ber 
Äunft be» ßlamerfpielg, wenn audj mefjr ber 2Äecf|anif, am fdfjnetlften 
jeigen; fo finb im Verlauf ber 3afyre gegen 30 ©ammlungen befpro* 
iljen worben. 3n unferer legten @tübenfd)au (im tiorigen SUtärj) 
äußerten wir bie Hoffnung, eä werbe nad) fo meiern ftraftaufwanb, 
wie man an bie ®tübe gefejjt, einmal ein längerer ©tiltftanb eintreten. 
2Bir irrten; „notre malheur, le voici, nous avons trop d'esprit", 
fagte neulich ein SEtann ber frangöfifdjen ©eputirtenfammer, obwohl 
im politifcf)en ©inne; in unferm Reifet eS: „unfer Unglücf ift, wir 
nriffen mit unferer gertigfeit nicht wohin unb fönnen'3 nicht laffen, 
ba3 ©tübenfehreiben". 

(Sine SJienge neuer ipefte legen wir benn bem Sefer in furjen 
©dfjattenriffen oor. 

2)er Somponift ber juerft genannten Sammlung ift bem S3ericf)t* 
erftatter wohl befannt 39 Sßon Oeburt ein $äne,* frühjeitig jur 
SDiufif Ifingejogen, fam ber junge SßiltmerS ju Rummel nach SSeimar. 
9Ran weife, wie jpummel feine ©fixier unterrichtete ; er lie| nur feiten 
üon anbern Somponiften fpieten. 3)er neuen SBeife beS SlamerfpielS 



* Stubotyl) 28ittmer3 ift SBcrlin geboten. 



) 



190 



fö. SBiflmerS, Grüben. 



abtjolb, namentlich bem ©ebraudlje be3 $ebafö, baä gerabe in jüngfter 
ßeit ju fo grofjer SBebeutung unb mit fo großem Steckte gelangt, un* 
terfagte e3 §ummel wohl gar, ftdj teueres anjitfeljen. Sinftroeilen 
hatte fidf) aber außerhalb SBeimar mancherlei ereignet, ©^opin war 
erftanben unb neben if)m eine 9Jtenge bebeutenber Xalente. 55er Xricb 
jum SKeuen lag in ber ganjen ßeit. S^opin aber bemächtigte fid) am 
fdfineßften ber ®emütf)er; feine Stäben, faft fämmtlich äBerfe eines 
aufcerorbentlichen ©eifteä, Hangen balb überall in ©eutfdjlanb wieber 
unb werben e§ noch lange, ba fie ber allgemeinen Silbuug weit t»or* 
au£ unb, wären fie baä nicht, weil fie wahrhaft ©enialeS enthalten, 
baS aller ßeiteu ©eltung ^at. ©o tarnen auch unferm jungen Sünft* 
ler bie Stäben in bie §änbe, unb wie Verbotenes am fünften fdjmedt, 
fo fdjwelgte er nach Gräften in ben ^ß^antafieen be§ neuerfchienenen 
SKeifterS. Salb fet)en wir SSißmerS inbefc in gr. ©d)neiber3 3)?ufif* 
fd)ute als einen ihrer fleiftigften Söglinge namentlich mit Sompofition 
befdf)äftigt ; eS fyattt fö ne ©cfa^r mit ihm : Umwege macht wohl Seber, 
aber baft SßillmerS lange auf Slbwegen hätte üeiweilen fönnen, h™* 
berte feine Don ©runb aus tüchtige Statur. Sr fdjrieb triet unb mit 
grofcer fieidfjtigfeit, meiftenS ohne Snftrument: ba£ lejjtere immer ein 
Reichen Don einem Haren inneren äJtufifauge. @o braute er binnen 
furjer $eit einc ©ammlung oon wohl 20 Stäben fertig unb frug 
bei mir an, ob er fie bruefen laffen fönne. 3<h antwortete ihm, er 
möge fie jwei 3<*h re hinlegen unb bann jufehen, was ihm noef) batjon 
gefiele. 3Me jwei Sahre finb beinahe oergangen, unb in bem nun 
gebrudten §efte finben fich nur oier tion jenen früheren ©täden. 
SHafdfje Sinftcht in baS SäKangelljafte unb Slufgeben beS oon $au$ auä 
äftif$Iungenen bleibt ftetS ein 3 e ^ en gefunben XalenteS. SS beburfte 
unferm jungen Sänftler gegenüber nur eines SßiufeS unb er legte bas 
3Serfef)lte bei Seite, währenb er auch Wieberum fein ©elungenere» ju 
oerthetbigen wufcte. 3fd) führe biefe Singetnt)eiten an, weil fie unferm 
SloMjen jur Sljre gereichen; möchte er fid) immer jene rechte 93efdjei* 
benheit bewahren, bie ebenfo gegen äRutt)lofigfcit wie gegen ©elbft* 
Überfettung fchüfct. 

SBaS nun bie fo entftanbene ©ammlung anlangt, fo wirb fie fich 
baS ßob be$ ÄennerS in meler §infidf)t ju erwerben wiffen. 3n 95e* 
tradjt ber großen Sugenb beS Somponiften* müftte er fie fogar aufeer* 
gewöhnlich nennen. SS jeigt fich in ihr bei jiemlid) bebeutenbem 



* ©t fear bamals 18 3af>re alt. 



\ 
i 



93. <S. tyfytxpp, (Stuben. 



191 



§armoniereid)tf|um unb fdfjon gemanbter SBänbigung bcr %otm aucf) 
überall ein Streben nadf> Stil, nadj Sintjeit unb Soncentratton be3 
©ebanfenS, SlnbererfeitS freiließ t^eilt er e§ mit anbem jungen Som* 
poniften, baß er nodf) nichts eigentf)itmlid)e3 SWetobijc^cg ju geben 
bermag, ma3 immer erft fpätere 3af)re unb fef)r attmäfylicfj bringen, 
unb baß er im SSertjcUtniß jum @ef)alt feiner Seiftung ju fdEjmierig 
fefct. S)en Sinfluß ßf)opin3 ermähnte id) fcfjon; bei ifjm ift bie 
©cfjmierigfeit nur SDiittet, unb mo er bie fdfjnrierigften gebraucht, ba 
ift audj bie Sßirfung banadj. ©roße 2Rittel, große äöirfung, großer 
©eljalt — freilief) mo bieg fidfj jufammen finbet, ift ber Äünftler aucf) 
unfereS 9tatf)e3 nid)t meljr bebürftig ; bei Sf)Opin finben mir aflerbingfc 
bie brei oft vereint. @inen anbem unb Jüngern ©influß f)at Jpenfelt 
auf unfern ßomponiften geäußert; bie britte unb fechte ©tübe jeugen 
baüon. 2)aß er fidj inbeß langer in btefem ©eure bemegen foHte, 
glauben mir faum, — e§ ift eine 9lrt ^Blumenmalerei, in ber fief) ba3 
erfinbung8reicf)ere Xalent unmikjtid) auf bie Qtit gefallen !ann; am 
Original lieben mir fie unb f)aben e3 öfters auägefprodEjen ; ber junge 
ftüuftler madje fidj aber Io3 batoon unb laff ' ein ©ebiet, auf meldjem 
nur bem 3uerft*$ommenben Ätänje blütjen. 2)aß er trofcbem immer 
auf §erau3bilbung ber in Ujm moljnenben SMobie mit gleiß be* 
badjt fei, üerftef)t ftdfj öon felbft. SRtt Xf)eilnat)me f)aben mir be3 
jungen @tübenl)etbcn gebadet; balb fyoffen mir if)m aud) auf anbem 
itnb pfjeren Sßegen ju begegnen ; bei feinem Xalent, aud) jur Drdje* 
ftercompofition, mirb er immer SßürbigereS teiften, moju mir ifjm im 
üorauS unfern beften fritifd^en ©egen beriefen. 

,,Songe et verite^ Ijeißt bie gmettgenannte Stübenfammlung, 
ma§ fief) allenfalls mit „3BaI)rf)eit unb ©idfjtung" überfein ließe. 5)en 
©runb ju biefer Jpauptüberfdjrift finbet man in ben Ueberjdjrifteu ber 
einjelnen ©tücfe,, bie tf)eil§ pftjdjifdje guftänbe, tljeils Sftaturfcenen 
barfteßen fotlen. SSiel greunblidjeS enthält ba$ §eft, unb ber SScr* 
leger Ijat e8 in biefem ©inne auSgeftattet. Sßaä bie Ueberfdjriften 
anlangt, fo ptte fidf) ber ©omponift beffer juüor an §rn. SRettftab in 
SSerlin gemenbet, ber fie 33. an §enfett billigt, an Stnbern nidE)t,* 
obwohl ot)ne ©rünbe. Seidjter unb anberS beuten mir. 2öa8 ift'S 
benn fo 33ermunberlid|e3, menn gute greitnbe jufammenfifcen, ber Som* 
jponift ifynen tiorfpielt, unb lefeterer mie üon einem Std^tftraJjl getrof* 
fen, pt5|Iid^ aufruft: „Äömtte man nid^t bem ober jenem ©tücf eine 



* 33. an ©d)umamt in jetnen Äinberfceneiu 



192 



3. Stojenfyain, (Stuben. 



treffliche UeberfdEjrift geben, unb würbe nicht baS CpuS unbefdjreib* 
lidfj baburdj gewinnen ?" nnb ber Gomponift jubelt unb übertreibt 
mit großen SJuchftaben bie betreffenben ©tücfe. 2luS einem tieferen 
Orunbe finb wol)l aud) bie üorliegenben Ueberfdfjriften nicht Ijerjulei* 
ten, bie ÜJiufif war eher ba als ber Xitel itnb erfüllt in flüchtiger 
SBeife, wag biefer anbeutet. 3lm rein mufifalifcheu Xljeit beS SßerfeS 
hätte man manches ju loben, manches auSjufefcen ; ju loben ba« meift 
Ijetter SRelobifche, wie es fid} namentlich in beu „les Rivaux", „Fln- 
nocence", „le Troubadour" benannten öorfinbet; ju tabeln manche* 
an ber gorm, bie fidE) noch nicf|t immer flar unb feft genug abrun* 
bet, wie auch bie oft beleibigenben 2luSmeidfjungen in entlegene Xon* 
arten (fo in ber erften öou C dnr nach D dur, in ber fünften oon 
Amoll nach Hmoll, in ber zwölften t>on Gmoll nadj Bmoll). 
Ginigen Hummern üerfuchte ber Gomponift auch einen contrapunftifchen 
StnftridE) ju geben, in benen fid) inbefe ber Langel an tiefften ©tubien 
am meifteu üerrätt). 3m ©anjen aber gewähren bie Gtüben eine an* 
genehme Unterhaltung unb mögen als gut bürgerliche Sfoft ejeentri* 
fd^en ftunftjüngew wot)l einmal beigegeben werben. 

©er 9iame beS Gomponiften ber brittgenannten Sammlung — 
3. 9lofenl)ain— fam fdfjon öfters in ber Seitfchrift t>or. SJlament* 
Itdj erwähnte fie tobenb fdjon oor 3af)ren eine» XrioS uub fprach 
babei Hoffnungen aus, bie fein neues SBerl — außer jwei Dpern ba* 
bebeuteubfte, was er feitbem gefchrieben — jum Xheil erfüllt, jum 
Xheil täufdjt. ©etäufdfjt fict>t man fid), wenn man in ben (Stüben, 
im Vergleich ju früher, mehr ÜReifterfdf>aft im Xechnifchen, mehr Safc<- 
reintjeit unb gormenreidjthum ju fiuben hofft; aubererfeits erfreut eS, 
ben Gomponiften nach bebeutenberer Gharafteriftif ringenb ju fehen, 
fid} überhaupt ber tieferen poetifdien Dichtung neuerer Xonbichter an* 
jdjliefcenb. S)en Sefer gleich in baS SSerf einzuführen, mögen bie 
Ueberfdjriften ber einjelnen Gtüben hier ftehen ; wir fiuben eine „Glegie", 
einen „2)ialog", „©djifferftänbchen", ein „2ieb", ein ©tüdf „©eereife" 
überfd^rieben, jum Schluß einen ,,©t)lphentanj", außerbem fecf)S 9tum* 
mern ohne Ueberfdjriften. GS fommt mir bei ihrer Slnjeige ju ftat* 
ten, fie färnrntlicf) noch m ®cbäd)tni§ ju höben burd) ben lebenbigen 
SSortrag beS Gomponiften felbft. S)enn wie. man auch eine Gompo* 
fitton mit Xheilnahme aufjufaffen bemüht ift unb fidt) in il)r SnnerfteS 
hinein ju benfen, fo lebt baS äöerf bod) noch 9 an i anberS unter ben 
Rauben beS ©d)öpferS felbft auf, unb wäre bie Säusführung fogar 
eine mangelhafte, was inbejg in uuferm gaße nidf)t ju fageu, ba ber 



3. SRojenfjatn, ©tüben. 



193 



Gomponift gar wot)l auf bcn Xaften ju $>aufe. So gewann nament* 
Itdj bie lefcte auf bem Rapier faft bürftig ausfehenbe (Stübe, ber „Styl* 
Phentanj", in ber SSortragSWeife be8 Xonfe|er8 burdfj bie befonberen 
Sicht* unb Sdfjatteneffecte, wie fie nur ein Spieler, ber öiel unb lange 
ftubirt, ^eröorjubringen öermag; fo auch ber „®ialog", in bem fich 
abwedfjfelnb unb wifcig f)ot|c unb tiefe Stimmen beantworten. ®8 finb 
biefe jwei SKummero meüeidjt bie effectöottften ber Sammlung, 2)odj 
jeigt fich jiemlich in allen eine gefdfjäftige ^Ijantafie, wenn auch im 
©anjen mehr betannten SSorbilbern nadjringenb als eigenen neuen 
ging t>erfucf|enb. Unb f)ier mögen wohl auch bie SebenStoerhättniffe 
beS ÄünftlerS in ©rwägung gejogen werben, ber, noch jiemlich juug 
unb noch nicht jur abgefdfjloffenen Sigentpmlidjfeit gelangt, t)or einigen 
Sauren feinen alten Sßohn* unb Stubienort granffurt mit SßariS toer* 
taufd)te, bem großen §eerb ber öerfd^iebenften Parteien unb ihrer 
Führer, wo ein SKeuling, ber überbieS ein leicht nadjahmenbeS Xalent 
beftfct, boppelt auf fidE) achten muß, fidE) feine urfprünglidfje SKatur ju 
bewahren. 2Bemt baher in einigen Stücfen ber Sammlung eine ältere 
©dfjule, namentlich ba3 ©tubium üon fRic^ unb 3JiofdE|ele8 nidf)t ju 
öerfennen ift, fo fpridEjt fidf) in anbern bie 83etanntfchaft mit anbem 
ÜReiftem be3 XageS fo beutlich aus, baß man bie Stüde biefer ober 
jener Oattung fogar öerfd^iebenen ßomponiften jufdfjreiben möchte. 
Unb ^ier fann man uidfjtö al8 bem Eomponiften jurufen, fidE) feines 
ßieleS !Iar bewußt ju werben, bamit, was (SigenthümlicheS öon £)5^crcr 
$anb in ihn gelegt, fidE) nicht noch mehr jerftreue unb oerwerfe, wie 
bieS j. 95. bei SJRetjerbeer ber gaH, ber, ein eigentlicher SRepräfentant 
feiner SRation, ohne §eimatf) unb SSaterlanb, nach unb nach öon 
allen 3S51fern ju feiner Äunft geliehen» StudE) unfer junger Som* 
ponift gehört biefer flugen, fopfheHen Kation an, bie in ber ®e* 
fcf)idE)te ber neueren 3Kufi! einen fo bebeutenben ©influß gewonnen, 
hoffen wir, baß er ihren S3efferen nacheifere, baß er fein Xalent 
itidfjt bem SBeifaH ber SRenge aufopfere, baß er beutfdE) unb tüchtig 
bleibe, immer lernenb, beobadfjtenb unb wieber aus fich heraus 
fchaffenb. 

SBieleS wäre noch über biefe ©tübenfammlung ju fagen, nament* 
lid) bie oben gemachte Slnbeutung ju befräftigen, baß fich ber ßompo* 
itift noch me hr &er ©afeteiuheit bis ins ßleinfte 1)intin befleißigen, auch 
nicht ablaffen möge, feinen ©tücfen mehr SRuubung ju geben, ©enüge 
baS, auf bie Sammlung als auf eine intereffantere aufmerffam ju 
machen, bie überbieS bem ©roßmeifter Cherubim gewibmet ift unb 

©djumann, ©ef. ©flrtftnt. II. 13 



194 3r- ftalfbretmer, (Stüben. 

fcfyon beStjalb ju einem ftrengeren Urtf)eil aufforbert, tote wir es mit 
beut beften SBiHen auSgefprodfjen. 

Ueber bie neuen Stäben oon Äa Hb rennet (Etudes de style 
et de perfectionnement composees pour servir de complement k 
la Methode etc.) etwas bent SBerfe Srfpriefelid&eS ju feigen, wirb mir 
fdjwer. SBin idfj gereist burdj bie ©agen, bie audjj bis ju uns ge» 
brungen: bafc nämlidf) Salfbrenner fidj gerabe immer feiner neufteit 
Sompofitionen am meiften rüljme, baft er feine eigenen Stäben orbent* 
tidj ftubire, wie ein ©ctyüler oon fid} felbft, — machte gerabe bie& 
meine Neugier rege, — aber \6) gefiele, bie Stäben fjaben midfj waljr* 
Ijaft melandjoIifdE) geftimmt. Sßljantafie, wo bift bu, (Sebanfeu, wo 
feib if>r, mochte id) auf jeber ©eite ausrufen. Äeine äntwort. gaft 
nichts als troefene gormein, Anfänge, Ueberbleibfel; baS 93ilb einer 
alt unb fofett geworbenen ©dEjönen. Dies aber ift baS SooS aller 
Äünftler, bie tfjre Äunft nur an if)r 3nftrument Rängen. @ie er* 
göfeen, fo lange fie jung finb, fo lange fie SfteueS unb immer ®län* 
jenbereS an gertigleit ju geben oermögen. Sinftwetlen aber taudjen 
jüngere Xalente auf; was ehemals bewunberte gertigteit war, ift nun 
Sinberfpiel für alle geworben* 3ene aber, an 33eifatt gewöhnt, fön* 
nen nidfjt meljr oljne tt)n leben, tooüen if)n erzwingen; aber feine §anb 
rüf)rt fidEj ob ber 83emüf)ungen, unb bie SDtenge belächelt, was fie 
fonft anftaunte. 

Äalfbrenner tjat, wie er felbft erjagt, einen großen Xf)eil feines 
SebenS ber med)anifdjen äuSbilbung feiner §änbe gewibmet; einen 
33eetf)oben müfete baS ftören im Somponiren, gefdEjweige benn baS 
fdjwadjere latent. Unb bann fommt eben im älter gum SBorfdjein, 
was 3ugenbreij oormals ju oerbedEen oerftanb: ber SJtanget an tiefe* 
rer oielfeitiger Senntnifc, bie SBernadEjtäffigung ber ©tubien großer 
SSorbilber. könnte man fidf) einen ©ebaftian 95ad^, einen SBeetljoöen 
pliantafieloS benfen, fie Wärben im greiferen älter nod) immer 3n* 
tereffanteS genug ju Xage geförbert f)aben, weil fie eben ftubirt, etwas 
gelernt fjatten. S)ie aber nichts gelernt, mögen bis in ein gewiffeS 
älter t)in mandj' änmutf)igeS. Ijeroorbringen fönnen; bann aber fe^lt 
eS itjnen an Jfraft, bie änfprüd£)e ju erfüllen, bie man an ben 9Jfann 
ftellt, unb alle unnatürlichen äRittet, bieS ju oerljeimttdjen, geigen bie 
Stöfee nur um fo beleibigenber. Sßoju nun biefe Stäben ? 55odE| ntdjt 
für ben Äünftler, ben Somponiften, bie beriet nur ju burdfjftiegen 
brauchen, es auf ewige ßeiten bei Seite ju legen! äber audf) nidjt 
für SSirtuofen unb ©tubirenbe: für jene nid)t, ba itjnen fdjwerlidEj in 



g. Sifet, (Stuben, 



195 



ben ©tüben etwas SReueS geboten wirb, für biefe nid)t, bie in frühe* 
ren Äattbrennerfdfjen ©tüben weit beffer unb bünbiger haben fönnen, 
was biefe neuen in wenig toeranberten SRebenSarten nur fümmerlich 
wieberholen. 2)afc unter 25 ©tüden fich bennoch manches Artigere 
beftnbe, fann man wot)l glauben; ber Jtunft ift aber nur mit bem 
3Reifterf)aften gebient; wer bieS nicht überaß unb ju jeber #eit ju 
geben toermag, I)at auch auf ben Kamen eine» wahren ÄünftlerS leinen 
Snfprud), unb üon äffen biefen ©tüben ift feine einjige meifterljaft, 
b. !)♦ grofc in ©rfinbung unb Ausführung. 3)a lagt uns lieber un* 
fem alten ehrlichen ©ramer ^eröor^olen, unfern feingebilbeten SÄofclje* 
le», unfern phantafiereidfjen ©tiopin. ßum ©tubium mittelmäßiger 
©ompofttionen haben wir leine 3eit. 

©S bleibt un» noch übrig, über bie jwei Sammlungen ©tüben 
t>on Sif jt ju berieten, bie wir in ber Ueberfdjrift genauer bezeichnet, 
unb wir fönnen ben Sefer gleich mit einer ©ntbedung befannt machen, 
bie bie Xt)eitnaf)me für jene ©tübenwerfe nur fteigem wirb. SEBir 
führten nämlich eine bei §ofmeifter, auf bem Xitel mit SEBerf 1 als 
eine „travail de la jeunesse" bezeichnete, unb eine bei Haslinger 
unter ber Suffdjrift „grandes Etudes 44 erfchienene Sammlung auf. 
©ei genauerer ©urdjfidfjt ergiebt fich benn, baß bie meiften Stüde ber 
teueren nur Umarbeitungen jenes 3ugenbwerfeS finb, baS fdfjon üor 
öielen, vielleicht 20 3af)ten in Styon erfreuen, ber unbefannten 33er* 
tagSfirma wegen balb öerfchollen, jefct üom beutfehen SSerleger wieber 
öorgefudjt unb neu gebrueft worben ift. Kann man mithin bie neue, 
übrigen» öon Haslinger wahrhaft foftbar auSgeftattete Sammlung fein 
eigentliche« Driginalwer! nennen, fo wirb fie fidjer unb gerabe jene« 
UmftanbeS t»alber bem ©latrierfpieler t>om %aä), ber fie mit ber erften 
ÄuSgabe ju Dergleichen ©elegenheit ^at, ein boppelteS Sntereffe ge* 
wahren müffen. 9lu3 ber SSergleid^ung ergiebt fi<$ nämlich für» ©rfte 
ber Unterfdfjieb jwif^en fonftiger unb jefciger ©lamerfpielweife, unb 
wie bie neuere an 3lei(fjtf)um ber SDlittcI zugenommen, an ®tanj unb 
pfiffe jene überall ju überbieten fudjt, wäfjrenb anbererfeits freiließ 
bie urfprünglid^e SRatoetät, wie fie bem erften 3ugenbergufc inne 
wohnte, in ber Jeggen ©eftalt beS SBerfeS faft gänzlich unterbrüdt 
erfdjeint. ©obann giebt auch bie neue Bearbeitung einen SRaßftab 
für beS SfünftlerS jefeige gange gefteigerte 2)enf* unb ©efüf}l8weife, 
geftattet uns felbft einen 33lid in fein geheimeres ©eifteSleben, wo wir 
freiließ oft fdfjwanfen, ob wir ben Shtaben nicht mefjr beneiben foffen 
als ben SKann, ber ju feinem ^rieben gelangen ju fönnen fdfjeint. 

13* 



196 



g. Sifot, (Mben. 



Ueber 2ifjt3 Xalent jur Sompofition weidjen bie Urteile über* 
fjaupt fo fefjr öon einanber ab, baß ein (Eingeben in bic widjtigften 
Sßomente, wo er jene£ öerfdjiebenjeitig jur Srfdjeinung gebraut, fjier 
nicf)t am unrechten Drte ftefyt. ©djwierig wirb bieg babnrdj gemalt, 
baß in $>infidjt ber Dpu3jaf)len auf Sifjtö ßompofitionen eine waf)r* 
fjafte ©onfufion f)errfc£}t, baß auf ben meiften gar feine angegeben ift, 
fo baß man bte Qüt f wo fie erfdjienen, nur bermutl)en fann. SBie 
bem fei, baß wir eä mit einem ungewöfinlidjen, öielfadj bewegten unb 
bewegenben ©eifte ju tfjun fyaben, gef)t au3 allen f)ert>or. ©ein eige* 
ne8 Seben ftef)t in feiner Sßufif. grüj öom SSaterlanbe fortgenommen, 
mitten in bie Aufregungen einer großen ©tabt geworfen, als Äinb 
unb Jfrtabe fdjon bemunbert, jeigt er fidj audj in feinen älteren &om* 
pofitionen oft fe^nfudjtSüotter, wie nadj feiner beutfdjen fteimatf) üer* 
langenb, ober friöoler t)om leisten franjöfifdjen SBefen übernimmt. 
3u anf)altenben ©tubien in ber Sompofitton fdjeiut er feine SRutje, 
üielleidjt auef) feinen if)m gewadjfenen SReifter gefunben ju f)aben; 
befto mefjr ftubirte er als 33irtuo3, wie benn lebhafte mufifalifd)e !Ra* 
turen ben fdjnetlberebten Xon bem trodEnen Arbeiten auf bem Sßapier 
oorjie^en. 33radjte er e§ nun als Spieler auf eine erftaunlidje §öf)e, 
fo war bodj ber Somponift jurücfgeblieben, unb f)ier wirb immer ein 
9Jlißberf)ältmß entfielen, ba3 fidj auffaÄenb audj bis in feine legten 
SBerfe fortgerückt f)at. Anbere ©rfdjeinungen ftadjetten ben jungen 
Äünftler noef) auf anbere Sßeife. Äußerbem baß er öon ben 3beeu 
ber SRomantif ber franjöfifdjen Siteratur, unter beren ®ortypf)äen er 
lebte, in bie äRufif übertragen wollte, warb er burdj ben plöfclicf) 
fommenben Sßaganini gereijt, auf feinem 3nftrumente nodj weiter ju 
getjen unb baS Aeußerfte ju toerfudjen. ©o fetyen wir if)n (j. 83. in 
feinen Apparitions) in ben trübften Sßljantafieen fjerumgrübeln unb bis 
jur S51afirtf)eit inbifferent, wctfjrenb er fidj anbererfeits wieber in ben 
auSgelaffenften SSirtuofenfünften erging, fpottenb unb bis jur falben 
Xottfjeit öerwegen. S)er AnblidE (SjopinS, fcf)eint eS, braute it)n juerft 
wieber jur SSefinnung. Sljopin f)at bodj formen; unter ben wunber* 
liefen ©ebilben feiner 2Rufif jiel)t fidj boef) immer ber rofige gaben 
einer SJielobie fort, SRun aber war eS wol ju fpät für ben außer* 
orbentlidjen SSirtuofen, wag er als ßomponift üerfäumt, nact^ufiolen. 
©idj trietleidjt felbft nidjt mef)r afö foldjer genügenb, fing er au, fid) 
ju anbern ßomponiften ju flüdjten, fie mit feiner Äunft ju oerfdjönen, 
ju S3eett)0öen unb granj ©djubert, beren SBerfe er fo feurig für 
fein gnftrument ju übertragen wußte; ober er fudjte fidj, im Drange 



5. fitjst, etüben. 



197 



SigeneS geben, feine älteren Sachen bor, fic fidfj öon Beuern aus* 
jufdfjmüdfen unb mit bem $omp neugewonnener SSirtuofität ju um* 
geben. 

Stemme man baS 83orftet)enbe als eine Slnfidfjt, als einen 33erfud), 
ben unbeutlidEjen, oft unterbrochenen ©ang, ben Sifet als ©omponift 
genommen, ficf| burdfj fein überwiegenbeS SSirtuofengenie ju erflären. 
©afc Sifjt aber bei feiner eminenten mufifalifdjen 9latur, wenn er bie* 
felbe ßeit, bie er bem 3nftrument unb anbern SDteiftern, fo ber Eom* 
pofition unb fief) felbft gettributet I)ätte, aud) ein bebeutenber Gomponift 
geworben wäre, glaub' idfj gewiß. 2BaS wir t>on ü)m nod) ju erwar* 
ten fjaben, läßt fid) nur mutmaßen. 2)ie ©unft feinet SSaterlanbeS 
fid£) ju erwerben, müßte er freiließ öor Wim jur §eiterfeit, jur Sin* 
fad^eit jurücffef)ren, wie fie fidj fo wotyltfjuenb in jenen älteren ®tü* 
ben auSfpridEjt, müßte er mit feinen ©ompofitionen etyer ben umgeleg- 
ten Sßroceß, ben ber ©rleid£)terung anftatt ber ©rfdEjwerung fcorneljmen. 
Snbeß öergeffen wir nidfjt, baß er eben ©tüben geben wollte, unb 
baß fidO t)ier bie neu compticirte ©d£)Wierigleit ber ©ompofition burd) 
ben $md entfdfjulbigt, ber eben auf Ueberwinbung ber größten ausgebt. 

5)em Sefer nun baS Urteil über bie oorliegenben ©tüben, tf|re 
urfprünglid&e ©eftalt unb bie Strt ber Bearbeitung ju erleichtern, mö* 
gen t)ier einige Anfänge ftetjen: 



Sflx. 1 fonft: 




2)iefelbe jefet: 

Sva— -- 




Sva 



198 



5. Sifjt, mim. 
SRr. 5 fonft: 



§ 



etc. 




9ir. 9 fonft: 



rwtr if r 



|? co» leggerezza. 



etc. 



P 



©iefelbe je|t: 



^ ten. 



etc. 



2Ran fief)t bic 2teI)nHd)feit unb ben Unterfdjieb. 3)ie ®runb* 
ftünmungen bcr Slnfänge finb meiftenä biefelben geblieben, nur üon 
reiferen giguren umfangen, ftrofcenber in ber Harmonie, aQe^ ftarfer 
aufgetragen; im Verlauf ber ©tücfe finben fid) aber in ber neuen 



3f. Sifet, etübcit 



199 



Ausgabe fo öiele «bweidfjungen , bafe ba« Original oft gang in ben 
^tntergrunb tritt, ©o tyat bie gweite ©tübe in A moll eine Sßenge ßu* 
fäfce, einen neuen ©d)lufc erhalten. 3n ber britten (in F dur) ift bie 
ältere ©tübe nodfj weniger gu erfennen, bie Bewegung eine anbere 
toorben, eine SMobie I)ingugefommen, wie benn baS gange ©tücf in 
t)er ^Bearbeitung (big auf ben trivialeren Sßittelfafc in A dur) an 3n* 
tereffe gugenommen. 3n ber vierten (D moll) ^at er über bie gigur 
beS erften Originals ebenfalls äRelobie aufgebaut, einen beruljigenben 
URittetfafe eingefd£)altet unb gum ©c^tu§ jener SWelobie neue 93eglei< 
tungen gegeben. Sine totale Umwanblung tyat bie fünfte erfahren x. 
©ang neu finb nun bie folgenben brei unb ber Sänge nadj wof)t bie 
größten ©tüben, bie eS giebt, feine nämtid) unter 10 Seiten, ©ine 
Äritif nad> gewöhnlicher Sßeife über fie aufteilen gu motten, Quinten 
unb Duerftänbe etwa herauSgufudfjen unb gu öerbeffern, wäre ein un* 
nüfceS 93emüf)en. $ören muß man fold>e Gompofitionen, fie finb 
mit ben Rauben beut 3nftrument abgerungen, fie müffen uns burd) 
fie auf iljm entgegen Hingen. Unb aud) fef)en mufc man ben ßom* 
poniften; benn wie ber Stnbltcf jcber SBirtuofität ergebt unb ftärft, fo 
erft jener unmittelbare, wo wir ben ©omponiften felber mit feinem 
Snftrumente ringen, eS bänbigen, eS jebem feiner Saute gef)ord)en feiern 
©3 ftnb watjre ©türm* unb ©rau8<©tüben, ©tüben für t)5c^ftcnS get)n 
ober gwölf auf biefer Sßelt;* fdjwädjere ©pieler würben mit ihnen 
nur Sachen erregen. 9tm meiften finb fie einigen jener Sßagamnifdjen 
für ^Biotine öerwanbt, von benen Sifgt neuerbingS aud) welche für 
baS Sßianoforte gu übertragen beabfid>tigt.** 2)ie nun folgenben Sftum* 
mern ber neuen StuSgabe ftüfeen fidf) wieberum auf bie ältere. !Rr. 9 
Ijat eine ©inleitung erhalten unb im Verlauf maudE)' intereffanten Sufa|. 
IJtr. 10 erfcijeint ebenfalls breiter ausgeführt unb freiließ um baS ßehn* 
fache fdfjwieriger. 3n 9tr. 11 wirb ber §auptgebanfe : 

AUegretto con tnolf espressione. 



















et« 









* 6ie finb (£Iara SBiecf gemibmet. 

** Öortgelaffene Slnmerfung : „SRef. öerjudjte bereite baffelbe in gtoei cor fdjon 
längerer Seit crfdjienenen #eften." 



200 



g. Stfet,. (Rüben. 



folgenbermafeen tranaponirt : 









N^ 1 


*• 








m 


h" r — 1 




tc. 


dolce. 




'■rill lt^4=d 





3m SSerfofg ber neuen ®tübe tritt eine neue gigur fjtnju ü& er 
einen etwag platten ©ebanfen, bagegen ber SHittelgefang reijenb unb 
an 9Jielobie ba3 Snnigfte, was bie ganje ©ammlung enthält, genannt 
werben mufe. 2)ie erwähnte gigur tritt bann nodf) einmal in größten 
Elaöiermaffen auf* 

SRr. 12 enblidj ift ebenfalls eine Umarbeitung ber legten ©tübe 
ber älteren Strbeit unb bie urfprünglidE) in A U Xact gefegte SJRelobie 
in 6 /s umbrochen ; fte bietet eine SJlenge ber fdjwterigften SSegleitungä* 
arten, man weife oft nidjt, wo bie ginger {(ernennten. 3)ie Sümmern 
6, 8 unb 11 ber §ofmeifterfdf)en Ausgabe finb in ber neuen über* 
gangen (an beren ©teile jene brei neuen getreten) ; öieBeic^t bringt 
fie Sifet nodfj in folgenben heften, ba er bodj tt»ot)l ben gangen Sretö 
ber Xonarten bearbeiten will. 

SBie wir fagten, man mufe alles bicö öon einem SKeifter, wo 
möglich t)on Sifjt felbft f)ören. 33iele$ würbe un$ freiließ aud) bann 
nod) beleibigen, ütctcS, wo er au£ allen Sflanben unb SBanben tjerauS* 
ge^t too bie erreichte Sßirfung bod^ nid)t genug für bie geopferte 
©d)önt)eit entfdfjäbigt. Stbcr mit Verlangen feljen wir feiner 8tnfunft 
entgegen, bie er un8 ben nädfjften äöinter jugefagt.* ©erabe mit bie* 
fen (Stüben f)at er bei feiner legten Sln»efen£)ctt in Sßien fo erftaun* 
tief) gewirft, ©rofce SBirfungen fefcen aber immer audf) grofee Urfadfjen 



* $ie neue Settf^rtft Jjatte bereite unterm 8. guni 1838 folgenbe (Sinlabung 
an Sifet, ber bamalS in SBien mar, erloffen: 

„9ln §rn. granj Sifat 

9luf ein S3Iott metyr ober tueniger im fiorbeerfranj fommt e3 einem ©tegge* 
moljnten nidjt an. Snbefj müßte man bie 93efdjeibenljeit be$ fjelb^erm tabeln, ber 
ben 9tuf>m feiner Siege nur auf einen einigen Ort befdjränfte, §r. Stfet ift fo 
nalje an s Jtorb*$eutfa)lanb ; er lomme ju un§! 9Jltt offenen Straten wirb man ifm 
empfangen unb feftljalten, fo lang e3 Siebe unb 93etounberung oermögen. 

$ie3 im tarnen unferer greunbe unb bitter. 

gtoreftan unb @ufebiuS." 



S. Singer unb 3. (£. ftartmann, Sßtanoforteftficfe. 



201 



üorauS, unb ein publicum läfct ftdfj nidE|t umfonft entljufiaSmiren. 
©0 Bereite man fidfj burdj vorläufige Durdjfidfjt ber beiben Sammlun* 
gen auf ben Äünftter toor; bie befte Ärttif wirb er bann felbft geben 
am ©latrier. 

SR. ®. 



Jtyaitta|teett, dapmtn it. für JHattoforte. 

((Berufe.) 

* 2. Singer, @ed)3 Stüde. SBerf 1. 

Die Stüde Reiften „pteces m&odieuses", woburdj iljr 3nf)alt 
auf baS 33efte angegeben ift. 811S tüdjtigen Spieler erwähnte bie fttit* 
fdf)rift ben jungen Sfünftler bei toerfdfjiebenen ©etegenljeiten, aud> als 
©omponiften mufc fie iljm SBeifatt fdfjenfen. ®r tennt fidf) unb will 
nidjt mef>r gelten, als er ift. So giebt er ftd) einfadE), fdf)lidE|t unb 
traulid), o^ne beSljalb etwa» Sßufe ju öerfd)mäl)en, als ging' es Sonn* 
tagS jur iftrdfje, ©inmal nur, im britten Stüd, öerfudjt er fid£j audfj . 
im $eroifdE)eren unb nid^t mit Unglüd, fällt aber balb nrieber in baS 
anfprudfjlofe SBefen jurüd, baS it)tn mel)r §erjen gewinnen wirb als 
feine füfjneren SroberungSpläne. Süngern Spielern nüfcen bie Meinen 
Stüde im SBefonbern burdfj ben claüiergeredjten ©afc, ber überall ben 
gut unb grünbtidf) gebilbeten Spieler befunbet; gum ©tubium fd^wie* 
rigerer ©afce ät)nlidE)er Strt (wie etwa ber 2JienbelSfof|nfdf)en Sieber 
ot)ne SBorte) mögen biefe ^eiteren SMobieen am beften üorbilben unb 
toerbienen in biefem Sinn allgemeiner betannt ju werben. 

3. $. @. ^artmann, 3*ei djarafierifKfd)e ©tütfe. SBerf 25. 

De« frönen ©trebenS biefeS Somponiften, eines Danen, fjaben 
wir fd)on mehrmals gebaut. Diefe neuerfdjienenen Stüde geigen 
einen großen gortfdfjritt, namentlich im §armonifd)en, weniger im 
2Relobifd)en. 3n i^r SnnereS gu bringen, möge man fie fidfj aber 
öfter unb gu öerfd^iebenen ßeiten fpielen unb antjören. Der ßompo* 
nift fudjt unb gräbt tief unb bringt oft SBefremblic^eS l)ert)or. (Senauer 
betrautet finbet fid) aber in ben groteSlen S3erfd£)lingungen ein $u* 
fammenliang, wie er nur ber funftgeübteren §anb gelingt. ?luS oollem 



202 



tl Xre^djocf, Sieb oljne SBortc. 



^etjen gu fingen, eä frei I»erau8braufen gu laffen, öerinag er nidfjt; 
eä wadfjt überall ber SBerftanb. §at aber ber Sompontft, wie e3 
fc^cint, manches feinen ©tubien in ©. 2Ä. öon SBeber, trielleidfjt aud) 
in 2Renbel8foI)n ju öerbanfen, fo lerne er aud) öon if)nen no<$ freier 
ju fingen, bann wirb er aud£| allgemeiner wirfen. ©idjer fjaben toir 
nodfj tue! Xrefflid)e3 t>on tf)m ju erwarten ; unter bem „wir* meine idfj 
bie Sßufifer. 2)itettanten werben il)m wenig ©efdjmacf abgewinnen; 
für biefe fcfjreibt er ju com^Iictrt unb bejieljungSöolI, Staliener unb 
3talienifirte würben if)n gar für einen Barbaren erflären. 2)ie ©tücfe 
finb beibe gleidf) intereffant unb fpieleu in fef)r öerfdfjiebener ©ptjäre. 
SJiamentlidj wiü mir ba8 legte gufagen in feinem grüblerifd>en Der* 
langenben ©f)aratter, afä tyätte fidf) itym ein Ijolbeä *ßl)antafiebilb 
genagt, ba3 er nidfjt ju faffen toermödjte. 2)od) aud) ba$ erfte ^at 
feinen SBertf). 2)ie ©tücfe finb fetjr ber fftebe wertt). 

91. $re*»fdjoif, Souvenir, Sieb irijite Statte. SBerf 4. 

©er Somponift ift als Slaüierfpieler ju Stuf unb Flamen gefönt* 
men unb toerbient e8. Site ©ompontft liegt er nodj in ber erften SSer* 
puppung: ber Schmetterling ftet)t nod> ju erwarten, ©ein Sieb of)ne 
SBorte ift meljr eine Stübe, t>on freunblidfjer SBirfung, ba3 ©anje aber 
beinahe bürftig aneinanber gefegt. SSerfud^e in fdfjwierigeren ©ompo* 
fition^arten müßten if)n üorwartö bringen. Sludj bafc er nid)t t>or 
bem Snftrument fcfjreibe, meljr aus innen IjerauS ju geftalten fudfje, 
möchten wir ü)m ratfjen. ®8 läuft nod) alles ju fet)t auf gigur, 
©ffect unb gingerwerf f)inau8. 2)er Somponift wirb bieg üerfteljen, 
wenn er g. 93. ein äf)nlid£)e8 ©tücf t>on 3Jienbetefot)n jur §anb nimmt 
unb üergteicf|t, wie l)ier atteS Sebcn unb ©eele ahntet, wie funfttwll 
leidet e3 fidf) jum ©anjen abrunbet. 2ßit SBorten läßt fiefj ba8 fd)We* 
rer jeigen als am Elamer. 2Kel)r über be8 jungen Äünftlerä Stnlage 
unb flticfjtung ju fagen, wirb erft nadf) einem größeren SBerfe möglidE) 
fein, ju bem er fidfj balb Äraft unb ßeit fammeln wolle. 

SKodfj liegt uns eine Spenge fürjerer 2Jiufitftü<fe üon SB. Xaubert, 
9t. §enfelt, SB. ©ternbale SSennett unb Stjopin, t)ier ber 
bebeutenbften ber jüngeren ßlaüiercomponiften, t)or, über beren Xalent, 
93ilbung unb Stiftung f^on öfter in biefen blättern bie Siebe war, 
fo bafc wir uns türjer faffen tönnen im Sobe. 



SB. Xaubert, Erinnerungen an (sdjottlanb unb SJMnnelteber. 203 

SSott SB. Xaubert juerft „(grinnerungen an ©d£)ottlanb" [SBerf 30], 
ad)t Sßljantafieen ober Sßj^antafieftüde, bie un3 in if)rer foliben, edf)t 
beulen Sßräge, toic grüneres beffelben XonfefcerS, ganj befonberS 
erlabt. Die ©runbjüge feines mufifatifdf)en ©IjarafterS, Derbheit unb 
Smtigfeit, oft ju einem gemütpdjen Junior gepaart, finben toir audj 
in biefen SReifebilbern triebet. Steifen finb nun jtoar unter allen 
Äünftlern loo^I bem SRufifer am toenigften erfpriefelidj ju feiner Äunft, 
— bem Sinter fdjon mel)r, bem 9Mer am meiften; — unfere groften 
Somponiften tjaben immer ftitt an ein unb berfelben ©teile gekauft, 
fo 33adf), $at)bn, 33eetl)ODen, obtooljl ein 83lid in bie Sltyen ober nadE) 
©icilien Ijinfiber audE) biefen nichts gefdjabet l)aben möchte, ©iner 
tReife burdj bie fdjottifdEjen §odjlanbe, bie SB. Xaubert Dor einigen 
Saften gemalt, Derbanlen toir benn audE) obige ©dE)ilberungen, unb 
finb fie nidjt an Drt unb ©teile entftanben, fo bodj burdE) lebenbigeS 
SlufdEjauen jener romantifcfyen ©egenben treuer unb materifdE>er getoor* 
ben. SDian empfängt in ber Sammlung meljr al§ man erwartet, nidjt 
blofje Sin«' unb 9tad£)flänge, 93ertoebung fdf|ottifdE>er SRelobieen ober 
üariationSmäfcige Slrbeit, fonbern eine Sfteilje bem ©omponiften für Doli 
anjuredjnenber SRufifftüde, originelle ©cenen unb ©enrebilber, fämmt* 
Iidj bie Sßljantafie auf ba8 2lnmutl)igfte feffelnb unb unterljaltenb. 
Stückiges ©urdjifpielen reidjt auä) l)ier nid^t t)in jum SBerftäubnifc, 
unb ift bie SRufif nidf)t fd£)toierig ober tief, fo ttriH fie bod^ in iljrem 
befonberen fiocalton ftubirt fein: bann aber wirb man mit ©rgöfcen 
oft unb lange bei ben ©tüden Derweilen. 2ludj SuriofereS, Abenteuer* 
Itd&eä läuft mit unter, nirgenbS aber auf Soften ber 3JhtfiI. 2Rit 
einem SBorte, ber ©omponift Ijat in guter ©tunbe gefd&rieben unb 
ttjirlt, was er will. 

3n „fed&S 9JKnneliebern" [SBerl 45] beffelben Sünftlerä treffen toir 
ebenfalls auf Diel greunblid&eS, toie e3 nur einem toirllidj mufifali* 
fdjen ©emütl) entftrömen fann. 2Kenbel3fof)n unb feine Sieber ol)ne 
SBorte ftetjen aber Ijier ju na^e, als bafc man nidE)t ju SSergleic^en 
aufgeforbert toerben müfcte. 2)odj unterfdjeiben fidj bie Xaubertfdfjen, 
toie fd^on burdE) bie 3nbiDibualität be3 ©omponiften, fo burc^ bie flei< 
nere gorm, ba3 rein fiiebermäfjige ; in ©rfinbung, 9leut)eit, SBertf) 
ber 2tu3fül)rung lönnen fie fid} freiließ mit benen Don SKenbelSfoljn 
nidjt meffen. 2)a3 $eft fprid&t nur Don Xreue unb ßiebe« S)ie 2Kot* 
to3 über ben einjelnen ©tüden finb toolji angebradE)t unb aus ©t)afe* 
fpeare, Ul)lanb unb SB. 9Küüer entletjttt. S)a§ frifd^efte unb ebelfte 
an ©mpfinbung toill mir ba§ erfte fd^einen, fo oft e8 aud^ in ber 



204 



». £enfelt u. SB. ©t. Eetmett, ©(oüierftücfc 



melobxfchen gührung an 9Jtenbel3fohn erinnert. 3)ie anbem fielen 
fömmtlich gegen biefcS erfte jurüd 3fr einem Stücf ju öier §änben 
läfct fidf> auch mit ber (beliebten fchwärmen, fpielt fie ©latuer; „in ber 
Dämmerung" ift e§ überfdfjrieben; boch fyattt ich e§ für profaifcher. 
3m Uebrigen fpridjt bie SWufif ben einfachen beutfdjen Spruch ber 
ganjen Sammlung- „Seine ßuft ohn' treues Sieben" öoUfommen aus. 

2tn Slbolph ipenfelt haben wir nid£)t3 jn bef lagen, aU bafc er 
nnS fo feiten (Gelegenheit giebt, über if)n ju fprecijen. SSieHei^t, bafj 
er uns balb ans bem Sftorben jurüdttommt mit größeren 33eweifen fei* 
ne3 gleifjeS, wie e§ toon feinem frifd&en Xalent jn erwarten ftetyt. 
günf fleinere Stüde finb in biefer Qzit erf Lienen: ein Ijalbtoeg geüb* 
te3 Stuge müfcte fie fdjjon an ber lieblichen Drbnung im SKotengebälf 
afe Stüde feiner ©ompofition erlernten; gehört, finb fie fanm fet)I ju 
ratljen. 2lm meiften fönnte man metteicht bei einem ©dfjerjo* 
[Sßerf 9] fdf)wanfen, baä einen Drd^efterd^arafter ^at ober auch einen 
SRittelfafc einer Sonate gegeben hätte ; e§ ift feljr einfach, eroft, tyaxat* 
teriftifdf). ßebenbiger wirft ein Pens6e fugitive [Sßerf 8] in beinahe 
SBeberfd^em ßf)arafter, ben wir ju einem Sonatenfchlnfjfafc auSge* 
fponnen wünfcf)ten. (Sine f leine SR o man je [SBcrf 10] in Bmoll er* 
innert in ihrer leifen flagenben SBeife an Stehnlicheä öon §enfelt, wie 
er benn ein ben fjrauenherjen fcorjüglid} gefährlicher Somponift. 9Son 
jwei Notturno 8 [2Ber! 6] möchte ich nnr baS jweite fo fytifyn, ba§ 
ber ©omponift noch aufeerbem la Fontaine genannt — nicht ganj tref* 
fenb, toie mich bünft; als SKufifftücf flingt e3 reijenb. 2)aS erfte: 
,Sdjmerj im ®lücf" ift mir noch au§ bem Spiel be§ Somponiften im 
©ebächtnift; es ^interlä^t einen gemifdfjten Sinbrucf, ba3 Schwanlen 
barin jwifdfjen Seib nnb greub' malt'S; e§ neigt fid) Weber jum einen 
noch jnm anbern. ©er ßomponift fühlte baS felbft, wie eä wenig* 
ftenä baS franjöfifche SKotto au§fpridf)t. Sftodj eine $rage: tot* finb 
fo reich an bentfehen 2iebe3fprüdf)en, warum fo gemüthlofe fransö* 
fifche? - 

©ternbale SBennett f)at un8 in „three Diversions" für $iano* 
forte jn oier §änben [SBerf 17] anf ba8 Snnigfte ergöfet. 2)ie3 finb 
auch *Wnc formen, aber welche Reinheit im (Sinjelnen bennodf), wie 
fünftterhaft ba§ @anje, unb barin nnterfdfjeibet fich ber h&h ere Äünft* 
ler üom mittleren, baf$ er auch f^ nc fieinften Arbeiten mit ßiebe unb 
Sorgfalt beljanbelt, währenb fie ber anbere liebertich Einwirft unb 



* 6cf)umann getoibmet. 



233. ©t. tteimett u. ©Ijoptn, Slamerftücfc. 



205 



meint, baS $eug öerbiene eS nid}t beffer, unb er fdjüttele bergleidf)en 
aus ben Sttermeln. 3n ber Zfyat roüfcte ich aufcer SRenbelSfohn feinen 
ber lebeuben ©ompontften, ber mit fo toenigem Slufroanb fo toiel ju 
fagen, ber ein ©tüd fo anjuorbnen unb abjurunben, ber mit einem 
SBorte fotd^c Diversions ju fdjreiben toüfcte. SledereS unb ©eiftreidSje« 
res giebt eS toohl, 3 arterc§ SKettereS faum. ©ine SiebenSttmr* 
bigfeit ift über bie ©tüde auSgegoffen, bie nur bie roheften Jpänbe &u 
©Rauben machen fönnten, eine gütte ber föftlidjften Stnmutt) in ben 
einfadjften ^Bewegungen, überall Sßoefie unb Unfchutb. Steint eS 
bod), als ftünbe biefe auSlänbifche fettene Sßunberblume gerabe jefct 
in ihrer buftigften S31ütf)e; ba eile man, fie ju betrauten. S)aS 8luS* 
lanb giebt uns ohnehin fo wenig: Statten treibt nur Schmetterlings* 
ftaub herüber, unb am ttmnberfamen 33erlioj fdf>reden bie fnotigen 
Slu&ttmdjfe. Slber jener (Snglänber ift unter allen gremben ber beut* 
f d)en X^eilna^me am würbigften, ein geborner SÜünftler, wiefelbft 
3)eutfd)lanb wenige aufjuweifen. 8luf feine ßompofition jurüdjufom* 
men, fo ttjut nichts leib baran, als bafc eS noch jweier $änbe bebarf, 
fie ju genießen. SBietteid^t liefen fich bie Stüde gefchtdt auch für nur 
jwet umfefcen ; baS erfte ift fogar in biefer ©eftalt entftanben unb nur 
arrangirt. 

83et SBeitem größer angelegt ift SBerf 16 öon 23 en nett [^an* 
tafie in A dur] unb gehört nur feinem Xitel nach in biefe Meine SBerf* 
fdjau. SBie eine ©onate verfällt eS in wer lange, ganj ausgeführte 
©ä|e, bie fid} gegenfeitig bebingen. 2)och fdjliefct ber lefcte nicht 
eigentlich ab, wie er auch früher als bie anbern gefdjrieben. SBßtr 
• müßten junt ßobe ber ?ß!^antafic nur wieberholen, was wir über SBerf 
17 gefagt, wenn jene ihrer Slnlage nach auch auf anberm ©ebiete 
fpielt, bei SBeitem complicirter, fcfjwieriger unb anfpruch&oller ift. Sin 
fronen SMobieen ift fie überreich, unb eS fd)mettert barin tote aus 
9tad}tigaHenbüfchen. 2tudf) an ben SSennett eigenen Jparmoniewenbun* 
gen läfct fich ber dichter errathen. SDer ©tjarafter ift in ben brei 
erften ©äfeen überwiegenb Itjrifcf), ber lefcte erhebt fidf) bramatifcher 
unb regt bie ?ß^antafte am ftärfften auf: SWufifer, 3Kaler unb ^5oct 
finben fytx ©toff. 3 U ü) m StarfteHung paffen nur wirflidfje SMnft* 
ler, Dilettanten mürben fidj fchwerltch ^ er aus jufinb en Hüffen, wenig* 
ftenS bie SRehqatyL 40 

3Jon neuen Eompofitionen 5h opiuS fyobtn wir, aufter einem 
igeft SKajurfen unb brei 2Bal}ern, eine merfwürbige ©ammlung öou 
Hkälubien ju erwähnen. 6r geftaltet fich immer lichter unb leichter, 



206 Camilla Riegel. 

) 

— ober ift'S ©etoöhnung an feine SBeife? — ©o toerben bie SRajur* 
fen [SBerf 33] im Slugenblid anmuthen unb feinen uns populärer 
als bie früheren; öor allen müffen bie brei SBaljer [SBerf 34] <jefal* 
ten, anbern ©chlageS als bie gewöhnlichen unb in ber Slrt, tote fie 
nur einem Stjopin beifommen fönnen, wenn er in baS Xanjgemenge, 
baS er eben t)ebt burdj fein 33orfpielen, groftfünftlerifch hineinfielt 
unb anbere S)inge benfenb, als toaS ba getankt ttrirb. ©in fo fluten* 
beS Seben betoegt fidj barin, baft fie nrirflid} im Xanjfalon improm* 
firt ju fein fcheinen. S)ie Sßrätubien [SBerf 28] Bezeichnete ich a ^ 
merfioürbig. ®efteh' icf), bafc ich ^ f* e anberS badjte unb toie feine 
©tiiben im größten ©til geführt. Seinahe baS ®egentt)eil; eS finb 
©fijjen, ©tttbenanfänge, ober nritt man, Ruinen, einjetne Slblerfittige, 
alles bunt unb toilb burch einanber. SCber mit feiner Sßerlenfdjrift 
fteht in jebem ber ©tttde: „griebridj Qfyopixt fchrieb'S"; man erfennt 
ihn in ben Raufen am heftigen Slthmen. Sr ift unb bleibt ber fühnfte 
unb ftoljefte ©idjtergeift ber ßeit- Stuch SfranfeS, fieberhaftes, 2lb* 
ftofcenbeS enthält baS §eft; fo fudje Seber, toaS ihm frommt, unb 
bleibe nur ber ?ß^iliftet: toeg. SBaS ift ein $hüif* er? 

@in f)of)ler $arm 

$on gura)t unb Hoffnung aufgefüllt, 
$)a& ©ott erbarm! 

©djliefjen toir befänftigenber mit bem fcf)ön ©chitlerfchen : 

Seiten ©efefc, baS mit ehernem ©tab ben Sträubenben lenfet, 
Dir nidjt gilt'«. SBaS bu tfjuft, nm* bir gefällt, ift ©efefc. 

SR. ©. 



Camilla fliege!* 
i. 

auf bem ©oncertjettel ber 2Rab. ©arntHa ^le^el prangten ©om* 
pofitionen neben einanber, bie auf bie toürbigfte Dichtung ber Äitaffc 
lerin fcf)tief$en ließen. 2)aS G moll*©oncert öon 9ttenbeISfohn hatten 
toir öor Äurjem oon 2RenbetSfot)n felbft gehört. ©3 toar intereffant, 
baS ©piel ber lebhaften granjöfin mit bem beS SWeifterS ju üerglei* 
chen; ben legten @afc nahm fie fogar fchnetter. 3m Uebrigen mag 



(SamiUa $Iet)el 



207 



ber Somponift mit bcr immer muftfalifdjen Stuffaffung fidler etnöer* 
ftanben getoefen fein, bis auf einjelne ©efangftetten, bie toir einfacher, 
. innerlicher, toentger affectoott gefptelt toünfchten. Anberg als anbete 
ßlaoiertnrtuofen, bie gar lein ganjeS ßoncert mehr öffentlich ju ©ef)ör 
ju bringen toagen, gab un8 SKab. Sßletjel fogar ein jtoeiteS, ba3 ©on* 
certftüd öön SBeber, ba8 gerabe heute ein boppelteS Sutereffe bot, ba 
es, ber Vorgänger be8 ßoncert» Don äWenbetefohn, an öielen Stetten 
in bie Sßfjantafie be8, toic er'« fdf)rieb, noch jungen ÄünftterS öerfüh* 
terifd) ^ineingefpielt ^aben mag, fich übrigen» in S^rit unb Reinheit 
be$ Ausbaues mit bem jüngern SBerfe tooljl faum meffen fann. SDtab. 
Sßletjel trug e3 äufcerft glücflidj oor unb mit berfetben warmen Sei* 
benfehaft, mit ber fie alle 3Äufif aufeufaffen fcheint. So Ijatte fic^ 
auc^ w publicum balb jene freubige, mittheilenbe Stimmung oerbrei* 
tet, tote fie nur nach ©enufc unb SBedjfeltoirfung üon SReiftertoerf unb 
2Reifterfpiel auflommen fann. SSon bem Stücf, mit bem bie Slünft* 
lerin ben reiben SDlufilabenb fchlofc, toünfchten toir ba3 ©leiche fagen 
ju fönneu, bod) blieb hier ba§ ©efehief be8 fchaffenben XalenteS hin* 
ter bem auäfibenben offenbar jurücf; e8 toar eine ©ompofition ber 
SBirtuofin, in ber toir, felbft toaS au8 X^emen üon SBeber baju ge* 
nommen toar, fcfjöner gefegt unb bearbeitet toünfdjten. SDod^ toar 
gerabe hier ber Seif all fo raufdjenb, ba§ fie toieberholen muftte. 

2Rab. ?ßlct)cf giebt nächften ©onnabenb noch ein jtoeiteä ©oncert 
unb reift bann über ©reiben unb SBien nach granfreid) jurfief. 2)ie 
hödhft intereffante grau toirb überall burd) i^r Spiel erfreuen, unb 
mehr als ba3, burch ihre SSorliebe für ba8 ©belfte ihrer Äunft ju 
beffen Serbreitung mittoirfen. 

[Setpjig, ben 28ften Dct. 1839.] 12. 

II. 

S)ie Seiftungen fd^ienen burch ben (5nthufia3mu$ ju toachfen unb 
biefer mit jenen* S)ie genialtfdje grau hatte fdh'ön gewählt: baS C moll* 
©oncert oon Seethooen unb „Dberonä ß^erhorn" Rummel, unb 
im gefttigen Äbonnementconcert ba3 Eoncert in E moll oon ffalfbren* 
ner unb jum Sdf)lufj baS ßoncertftücf oon SBeber toieberholt. Sfalf* 
fcrenner toar früher eine Qtxt lang ihr Sehrer, baher bie SBahl; fie 
fpielte e3 tyn, *°ie mcm ungefähr ein in jungen Salden gelerntes 
©ebid&t fpäter einmal toie jum SSergnügen ftch öorfpricht; bie ootten* 
bete Schule toar in ber SKeifterin aufgegangen* 2m Koncert t>on 



208 



(Erinnerung an eine grrcuubiri. 



23eett)otoen traten anbere Seiten itjrer mufifalifdjen Statut öor; fie trug 
eä toürbig, oljne get)t, im beutfdjen ©imte öor, ba& un3 bie SKufif 
nrie ein 83ilb anfprad), tt>ät)renb e$ in ber Sßtjantafie öon Rummel wie 
aus luftigem ®eifterreidj ju un§ Ijerabflang. Dag ©oncert öon SBeber 
jog einen freubigen Slufftanb nadO fidO ; e8 flogen Slumen unb Jtranje 
auf bie ©id&terin. 2>a3 publicum fdftoärmte. „©8 ift met)r Sßoefie 
in biefer grau als in je^n XtjalbergS", fagte Semanb. S)ie Setoegung 
wahrte nodj lange. 2>ie feine, blumenljafte ©eftalt ber Sfünftlerin, iljr 
finbli^eS SBernetgen, als ob ü)r biefer SBeifaH nidjt gebühre, nodEj 
met)r, toa$ fte XiefereS burdf> i^re Äunft offenbarte, torirb bie @rinne« 
rung nodf) in bie Brunft »erfolgen. 2Rit ben innigften 2Bünfd)en 
fel)en nrir ber fd&eibenben Äünftlerin nadf), ba§ fte Dom ®lücf, mit bem 
fie fo SSiele erfüllt, audj an fid} felbft erfahren möge! 

[Seipjig, ben 8ten Sftot).] gl. 



(Erinnerung an eine iteuntom 

(3*on (gujebiuS.) 

— Sm Sfünftterfreife, ber fidf) im Anfang be3 Sa^reS 1834 in 
unferer ©tabt ju bilben anfing, na^m Henriette SBoigt, unfere 
jüngft entfd^lafene greunbin, eine befonbere ©teQung ein; eä fei ifyrer 
mit einigen SBorten in biefen blättern gebadet, bie jenem Vereine itjre 
©ntfte^ung toerbanfen, an benen bie §ingefd}iebene ba3 leb^aftefte 3n< 
tereffe natjm. 2)ie3 tjauptfädfjlid} burdj Subnrig ©djunfeä, itjreS Sei)* 
rer3 unb greunbeä, äJtitarirfung. S3i3 jur JBefanntfdjaft mit biefejn 
teuren Sttnftler toar Henriette SSoigt toorjug&oeife ber älteren @<$ute 
juget^an. (Sine ©djülerin toon Suburig Serger in 83erlin, fpielte fie 
befonberS beffen ßompofitionen mit begeisterter SBorliebe, aufjerbem nur 
üon 33eett)otoen. Sßir wußten ba$, unb toie nun gloreftan fogenannte 
„93eetl)ot)enerinnen" nur mit 2Küt)e anfprecfien fann, fo toä(jrte e3 lange, 
et)e er, jugleidf) mit ©d^unfe, ein SSer^ältnifc anfnüpfte, ba8 fpäter 
eine 9Jienge fo frcunblicf>cr Srlebniffe jur %ol$t tjatte. 41 9?ur einen 
©dE)ritt in x\)x §au3 getfyan, unb ber SÜünftler füllte fid) l^eimifd^ 
barin. 9lufget)cmgt toaren über bem glügel bie SSilbniffe ber beften 
SDieifter, eine auägett)ät)lte mufifalifd^e S3ibliotl)eI ftanb jur Verfügung ; 



Erinnerung an eine greunbin. 209 

ber SHufifer, festen e3, xoax §err int §au8, bic SWufif bie oberfte 
©öttin; mit einem 2Bort, SGßirt^ unb SBirtljin fafjen an ben Äugen 
ab, toa§ 2Kufifer§ SBünff e fein motten. 3n biefem ©inne tPtrb 
nof mancher fremb nnb unbefannt ipergefommene be$ gastfreien $jau* 
fe3 gebenlcn. ©f unle wohnte fif balb ein; burf if)n nmrbe Hen- 
riette auc^ auf bie neueren Stiftungen aufmerffam, bie naf 33eefo* 
Den§ unb 2Beber§ Xob fif geltenb gemalt, ©o nmrbe tjranj ©f u* 
bert vorgenommen, unb üerftc^t e3 Semanb, mufifaliff e ©tjmpafieen 
anjufaf en, fo ift er e8 burf feine Dierl)änbigen ßompofitionen, bie 
ff neller als SBorte bie ©emittier jufämmenfüf)ren. daneben maren 
8Renbel§fot|n unb Eljopin aufgetauft; ber SReifterjauber be3 erfteren 
Ijatte bie grau bis jur 3Seret)rung eingenommen, fcäljrenb fie bie 
Gompofttionen be3 anbern lieber fpielen t)örte al§ felbft fpielte. Sin 
anberer f)of geff äfcter ®aft be8 §aufe8 toar §ofratt) SRof tifc, ber fif 
gern Don ber greunbin Dom Seben unb Sßeben ber jungem ftfiuftler 
erjagten, Don it)ren Seiftungen fif burf it)r ©piel unterrif ten liefe. 
SDaju ftanb fie mit Dielen namhaften Sünftlern in lebhaftem Sriefmef * 
ftl, bafe auf ber ÄuSmärtigen mit Xtyeilnatyme gebaf t mürbe. 35ie* 
fem regen Seben ttmrbe leiber unb ju frülj gerabe ber entrüeft, ber e3 
jum größten Xljeil IjerDorgerufen. Subnug ©f unfeS ßranf^eit naljm 
im SSerlauf beS 3at)re£ 1834 eine immer brotjenbere ©eftalt an. (Sine 
treuere Pflegerin fonnte er nif t leif t finben als unfere greunbin, 
unb fönnten SOtenff ent)änbe ben Xob abtoenben, fo müßten e3 if)re 
t>ermof t fjaben, au3 benen er Xroft unb Srmutfjiguug bis jum Ickten 
Stfemjuge empfing. Sr ftarb, jung, als ßünftler Dor feinem ßiel, 
aber unDergeffen unb geliebt Don 33ielen> ©eitbem Ilopfte toot)t nof 
manf er anbere Äünftler an ba$ befannte gaftfreunblif e §au8 an, 
bilbeten fif neue 3$ert)ältniffe; ju fotf innigem unb bebeutenbem 
©anjen toollte fif aber feines me^r geftalten; bie jerriffene ©aite 
flang nof lange naf. Salb fünf 3at)re fpäter ftarb bie geeunbin 
an berfelben Sfranffjeit, jener Derjefirenben, bie bie SKatur bem Siefen* 
ben fo gütig ju Derbergen toeifc, bafe er Don Xag ju Xag an Gräften 
^ujune^men glaubt, unb fo feltfam täuff te fif bie Äranfe — bie bof 
eines XageS Don ben trübften 2lt)nungen ergriffen würbe — , bafe fie 
fif eben beSljalb, unb weil ©f nunbfüf tige nur feiten an Xob glau* 
Ben, gerabe mit jenen Stauungen ju neuen Sebent Öffnungen tröftete. 
S3i8 jum legten Stugenblicfe behielt fie aber biefelbe Siebe jur 2Kufif, 
biefelbe aufopfernbe Slnfjänglif feit au fre SDleifter unb jeigte eS in 
fo Keinen 3ügen, »ie bafe fie oft felbft SBlmnen unb prüfte einfaufte, 

© u m a n n , ©ef . ©cfitif ten. N. 1 4 



210 



(Erinnerung an eine greunbin. 



fic einem toereljrten Äünftler 42 Ijeimlid) ober offen jujufd&idEen. 
©o liefj fic nodj oft SdjunfeS ®rab befransen, auf bem fie fdjon 
t>ort)er einen ©enfftein $atte fefcen laffen* So fteuerte fie überall bei, 
wo es SDiufif unb SHufifer galt, woju iljr äußere günftige SSerfjätt* 
niffe unb ein itjren SieblingSgebanfen nirgenbs weljrenber (Satte freunb* 
lid> jur Seite ftanben. 

SSorjüglid^e Sorgfalt öerwenbete fie auf itjr Älbum; es war iljr 
XljeuerfteS, baS fie nicf|t für Suweten Eingegeben t)ätte; audj fhtben 
fi$ faft alle ausgezeichneten ÜRufifcr ber ®egenwart barin.* SKit un* 
gewöhnlicher Seidjtigfett unb Änmutl} fd&rieb fie audfj SBrtcf c ; biefe 
unb bie Antworten barauf geben eine intereffante Sammlung, aus ber 
wir inbeft, ba fie meift nqd) ju nahe ßuftänbe berühren, etwa» mit* 
juttieilen toerhinbert werben. 3u ihren Xagebüdhern wechfelt Sßrofa 
unb gebunbene SRebe, meiftenS auf Jlunft unb ftünftler SSejüglidheS 
auSfore<henb. 3h r ®eift raftete feiten, etwas wenigftenS mufite jeben 
Xag faft ber geliebten SDtufif getrau werben. 2)abei war fie mufter* 
hafte §auSfrau unb SRutter. 

3h* ©latrierfpiel Ijatte bie SSorjüge, bie £. SergerS Schule eigen ; 
fie fptelte correct, jierlich, gern, bodf) nicht ohne Äengftli^feit, wenn 
äReijrere jut)örten. S)en ®runbfäfcen ihrer Schule l)ing fie lange unb 
mit Strenge an, fo bafc fie 3. 83. nur mit 8Rüf)e jum (gebrauche be& 
belebenben SßebalS ju bewegen war. SKie aber Nörten wir jemals eine 
fdjtechte ©ompofition toon ihr fpielen, nie auch munterte fie Schlechtes 
auf; als 2Birtf)in t>iellei<ht genötigt, es Einnehmen ju müffen, jog 
fie bann lieber öor ju f^weigen, trofc aller Slufmerffamfeit für bie 
sßerfon beS ÄünftlerS im Uebrigen. 

SHod) im SBinter 1836 machte tf)r ß. S3erger bie $reube, fie ju 
befugen unb in ihrem §aufe ju wohnen. S)er Slnmelbebrief möge 
hier als charafteriftifdj eine Stelle- finben. 

Bresben, ben 24. Dctober 1836. 

äRein teures, befteS Settdjen, nach langem 5luffdE)ub erfd^eint enb* 
tid^ ber ^rüfungStag auch für Sie! Sehen Sie it)m mit ruhiger df)rift* 
lieber (Srgebung entgegen; ntemanb fanu feinem Sd^tcEfale entgegen. — 



* ©djutnann f)at fidj auf originelle STrt barin t-erenrigt: er jog nur ein 
grofceS — =c: über eine gange ©eite unb fdjrieb feinen tarnen unb ba$ Saturn 
(22. Dctober 1836) barunter. $uf bie oer&mnberte 2frage ber (Eigentümerin nad> 
ber S3ebeutung be3 S^enS Ijatte er lädjelnb ermibert: ba$ fotte nur ba3 Sfatoadrten 
üjrer gfreunbfdjaft bebeuten. — 9God) in ben tefcten Xagen ii^reg Sebent gab ©dju* 
mann i^r einen Söewetö feiner $eref)rung bura^ bie SBibmung ber Gmoll*©onate. 



(Erinnerung an eine greunbin. 



211 



Stocfj in biefer SBodje, etwa ©onnerftag, greitag, wirb plö^Itd^ 
jemanb bei 3§nen anpochen unb um einige Xage unb SHädjte Verberge 
unb Ijomöopat^ifdje Slefcung bitten, ber SÜldjenjettel ift nidjt fdjtmertg: 
„Suppe unb $Ieifdj"! — ©ein Xreiben ober S8ort)aben: näd)ft einigen 
männlichen 33efannten unb greunben, bie grauen SBoigt unb Sipfia 
ju fetjen. Sann möchte er einige feiner eigenen Äinber — übel* ober 
tooI)Igeratf)ene — bort öerfaufen.* ?tu$ gefefcmäfjiger ober toilber 
6f)e — r fie finb jiemlidj, ja manche unjiemtidi {jerangewadjfen unb 
fotten iljren Sßeg unter ben SDtenfdjen nun fetBft finben lernen. Sin 
paar ba&on füt)rt er mit fi<§, bie übrigen werben im ©ade öerfauft, 
ober mit ber befannten toeilanb 2Ründf)eberger %f)oxt eule** erf dalagen ! 

SRun, liebe» Settd&en, färbten Sie fid^ nidfjt. Seffer, Sie, 3i)r 
lieber $err unb §au8üoigt nebft f$rl. lodjter*** freuen fid> einiger* 
ma|en im SSorauä auf ben SBefucf) gljreS alten greunbe» unb rufen 
freunblid) unb mut^ig ifjm entgegen: iperein! herein! lieber guter 
greunb! ©ei'n ©ie uns fierjlid) toittfommen unb nehmen ©ie mit 
einfachen, füllen ßeuten toorlieb, ©ie befter, alter 

greunb Serger aus Stalin. 

6r ging feiner ©djttterin nur wenige SRonate öorauS, im gebruar 
biefeS 3al)re3. ®3 finbet fidj in Henrietten» Xagebüdjero ein ©ebtd^t 
über ben XobeSfaH, unb barin fotgenbe ©teile: 

3mmerbar fünb' idj mit Suft, roa§ ®u uns als ftenfmat gelaffen, 

SBaS $u begeiftert fdjufft, toaS 3)u, ein ftünftler, uns gabft. 
&öljeren ©trebenS erfüllt, blieb fremb $ir ba3 9ttebre, ©emeine, 

SBaS aus ber ©ruft $tr quoll, maljnt an bie beffere Seit, 
9Bo nod) bie ^eilige föunft, oerebelnb bie ^erjen ber Spenge, 

!Kid)t nwr burdj äu&eren ©lang (Sänger unb §örer oerbanb. 
©djmeralia) erfüllt uns ba3 Sitb, audj $u jur 9tul)e gegangen, 

Qmter ber 2Benigen noa), bie ba gefäjüfcet iljr SRedjt + 

9lm 24. gebruar 1839. 

Jöeffer al§ id) toermag, djarafterifirt fie fidj felbft innren Xagebüdjem : 
31 . Sfuguft 1836. — 3d? fann mir nidjt Reifen — id) fe^e baS jefcige 
Xreiben unb ©Raffen ber SJiuftf nur atä eine S)urd|gang3periobe an 

* Sterger fc^to^ mit ffr. £ofmeifter roegen Verausgabe feiner fämmtl. SBerfe ab. 
** 3m fcfjortueg be3 ©tabtdjenä attündjeberg («ßroöinj ©ranbenburg) ift als 
SBafjijeidjen eine Äeule abgebilbet, barunter fte^t ber 93er3: 
SBer feinen ftinbern giebt baS SSrob 
Unb felbft im Stlter leibet 3lot% 
S)en fcf>Iag' man mit ber ßeule tobt. 
*** $)ie Heine Ottilie, nod> nitt^t ein 3a^r alt, ^atfjfinb bon fRoc^lt^ unb 
Ttenbei^n — foäter §rrau Dr. ©enfet. 

+ (Sin paar Keine Wenberungen be3 Original rühren öon ©c^umanng £anb ^er. 

14* 



212 



Gmtmerung an eine fjreunbin. 



l2lu8naf)men laffe icf) gelten), worauf fidf) nodf> SBeffcreö unb Klareres ent* 
nudeln mufe — eä ift ein Kämpfen unb fingen, aber ber Sieg liegt tuot)t 
nodj toeit. 

10. ©eptr. 1836. — Sßarum erlernt man tjeut ju Xage fo Diele 
©prägen? roat)rlid}, um mit Dielen gungen biefelbengabaifen jureben — 
wenn bod| 3eber erft feine 3Kutterfpradf)e richtig fpräcfje unb fdjriebe! 

13. September. — ©eftern toar ©t)opin t)ier unb fpielte eine t)albe 
©tunbe auf meinem glügel — Sßljantafie unb neue Stuben Don fidj — 
tntereffanter 2Kenfd&, nodf) intereff anter es ©piel — es griff mid£) feltfam 
an. £)ie Ueberreijung feiner p^antaftifd^en Slrt unb Sßeife t^eilt fidE) 
bem ©dfjarföörenben mit: xä) t)ielt orbentlid^ ben 9ttt)em an mid). 
33enmnbern3ttmrbig ift bie 2eid|)tigfeit, mit ber biefe fammtenen ginger 
über bie Xaften gleiten, fliegen möcfjt' idE) fagen. ©r f>at mtc^ ent* 
jüdt, idf) lann e3 ntd)t leugnen, auf eine äßeife, bie mir bis jefct nod) 
fremb tnar. 3Ba3 midE) freute, mar feine linbtidie, natürliche Slrt, bie 
er im 83enet|men ttrie im ©piele geigte. 

10. Dct. — ©onberbar, n>ie mand&er §ang, ber fid} fdfjon in ber 
Äinb^eit offenbart, bis in fpäte Sa^re an unä haften bleibt, fo auef) 
ba3 ©egentljeil — jeglidf)e§ Sßiberftreben. — SSon jefter füllte idf) §tb* 
neigung gegen alle ©eittänjergefd^id^ten, SBereiterfünfte u. bgt. — fo 
$at fidfj biefe Slnfidfjt ganj unbemufet in bie Sunft tyinübergefd&lidjen, 
unb toenn id^ audf) für ben Slugenblid midf) jum ©taunen t)inrei§en 
laffe, fo fet)rt balb mein angebomer SBibenoitle jurüd. — SJlur feine 
©eiltänjereien in ber SRufit — nrie loirb bie§ §eiligtf)um baburdfj pro* 
fanirt. — Künftelei ift ja leine Äunft — nrie oft mirb ba3 ijeut 
ju Xage Dertoedjfelt. Sittel muft bie Statur jur ©runbtage t)aben: 
wenn auef) bie jüngere, weiter ftrebenbe ©djraefter, bie Kunft, t)öt)er 
t)inauf in geiftige ©pt)äre treibt, bie ©runblage t)at fie bodf) Don ber 
älteren ©djtoefter — benn gäbe e3 oljne Sftatur tt>at)re Kunft, of)ne 
@ott eine SBelt? unb bodf) toirb biefe met)r angeftaunt unb ber ©ott 
oft barüber Dergeffcn! 

20. Dct. — SBeldfje reine greube genoß id) t)eute burdf) ben 931idf 
in eine au8gejeidf)nete, Jjod^gebilbctc ©eele: — idf) lag einen Stuffafc 
üon 9Jiofcf)eleä über Schümanns ©onate — er ift ein SKeifterftüd tooller 
©infidfjt, Klarheit — er trifft immer ba8 S33aljre unb fagt uns burd) 
ein paar SBorte baö Doßftänbigfte Urtfjeil. — 2Sie loo^l ttjut e3, foldf)e 
golbene grüßte ju erblicfen in einer Seit, too ba3 geiftige Dbft meift 
unreif abgenommen mirb. — 3Jiofd}ele§, Ijätte er midf) gefetfen, t)ätte 
mi6) um meine greube über feine SBorte beneiben müffen* 



©rimterung an eine grotnbin. 



213 



21. Dctober. — SGBie pafcte feilte be3 8Htt>atcrS §atjbn f oftbare 
B dur*©tjmpf)onie ju 9Jtofdf)ete3 Stuffafc — bicfc @onnenf!arf)eit ! — 
§immtifd&er Sßotyttaut liegt in biefen klängen, bic nid£)t8 toon Sebent 
überbrufc mcrfcit laffen, bic nid)t§ erzeugen als groljfinn, ßuft am 
Dafein, finblidf>e greube über SlHeS, uttb — toeldO ein SBerbienft fjat 
er baburdfj nodf) um bie jefcige Qtit, &M e franfl^afte ©pod&e in ber 
SRufif, loo man fo fetten innerlich befriebigt wirb. 

3. 9loo. — §eute fptelte SRenbefäfofyt ba3 Gdur*©oncert oon 
SBeet^ooen mit einer $Keifterfdjaft unb 93ottenbung, bie ÄQe Ijinrifj. — 
3cf) fjatte einen ©enufc lote feiten im Seben unb idt) faft ba, ot)ne ju 
ahnten, of)ne ein ®ßeb ju rühren, au$ gurdfjt oor Störung* — 3)ie 
Ängft nun, na<$ bem (Snbe mit ben Seuten fpred^en ju müffen, fd&iefe 
Urteile unb JBemertungen ju Ijören! — id> mufcte ben ©aal Derlaffen 
unb in bie frtfdje Suft. 

20. gebr. 1837. — Wie betete idj ba3 SBaterunfer frommer als 
f)eute, öor bem SBcttc meines ÄinbeS fnieenb, mit einer gnbrunft, als 
toare e& ©Ott felbft, oor bem idj in SBfobadjt nieberfänfe- 

11. 3uni. — 3$ begreife nidf)t, toie fo üiete SDtütter (unb idf) 
erfahre e8 tagfidE) im fieben] if)re Äinber fortfd&icfen fönnen, um freier 
ju att)men — idE) atljme nur frei, wenn mein Sinb bei mir ift, fonft 
täfct e3 mir nirgenbs SRu^e — unb toie lann man ftd|j beS (SenuffeS 
berauben, e8 fo lange unb fo oft als nur mögüdO ju fetyen? 

13. SKärj 1838. — 3Renbei8fol)n3 SßautuS ift ein SRormaltoerf, 
unb wirb eine feiner Sompofitionen if)n unfterblid^ mad^en, fo ift e3, 
bünft midf), bieS Oratorium. 3d} fagte e8 balb nad) ben erften Sßro* 
ben, bie idE) mitfang, ba mir alles barauä gleidf) fo Mar in Df)r unb 
§erj brang, unb jefct beftätigt e§ bie Sfufnatyme, bie biefe ©dfjöpfung 
überaß finbet. SBie glüdHdj wir, bie wir e8 unter be3 2Reifter$ eigener 
Seitung Ijören unb ausführen bürfen! 

12. Slpril. — SBJeldf) eine traurige ©mpfinbung e3 allemal in mir 
jurüdläfjt, eine SBirtuofenf amilie ju §ören! — SBenn ba$ ganje 
Sieben eine« SRenfcIjen nur auf SJledjanif gerietet ift, fo toirb fc^on 
baS S)afein be8 ®eifteS fd^toer toergeubet! — Sftun $öre man bie Sei* 
ftungen fotdfjer öon frfil) an jur SRufif gepeitfdE)ten Äinber, biefeä 
unreife ober überreife SBefen — ad|j mir ift babei fo bange ju SRutlje — 
ic^ möchte biefe armen ®efd£|öpfe auf anbere Sahnen bringen, id^ fann 
fie nic^t betounbem, nur beftagen. 

25. SlpriL — 5Rad^ unb nadf) ift es mir gleid^güttig geworben, 
toaS bie SBelt bentt unb fagt. — SBon mir benfen bie Seute, id^ fpiele 



214 



Erinnerung an eine greunbin. 



ungeheuer mel unb lebe meinen £iebling3befchäftigungen , wäljrenb in 
SEBirftichleit 2Bod)en öergeljen, ohne ben ^lixqti ju öffnen, bafj idj 
fpiele, tefe unb fottft etwas treibe, als — biefeS fdt)reibe in einer ßeit, 
wo Slnbere fd&lafen, ruhen ober bie eble ßeit * n ®efeBfd)aften ju* 
bringen, — ba8 ift aber ber Unterfcf)ieb be3 emporftrebenben SDienfdjen, 
ba§ er benft unb wacht, auch währenb er niebere Arbeiten öerridjtei, 
ba§ er fortfdfjreitet unter allen 9Scrt)äItniffen — aber biefeä gort* 
f erretten fönnen bie fieute nicht begreifen unb meinen, nur im 
©tubiren liege baS SBeiterfommen — es liegt ganj wo anbers, 
fonft fäme au3 fo fielen ftubirenben köpfen nid^t fo mel ©troh unb 
Jpotj f^auS. 

15, September. — §eute fangen wir ben Sßaulu» in erleud^tetet 
Sftrdfje. — 3df) ^abe nun in biefem tote im Dorigen 3a^re äße Sßroben 
mitgemacht unb fenne baS SBerf jiemlich in* unb au$wenbig, bennodj 
weift idE) feinen ähnlichen ©inbruef — biefe ©rofte unb (Erhabenheit 
unb bie$ tiefe innige ©efüt)l — man wirb burch unb burch befeligt— 
DI biegreube, unter feiner Seitung biefeS SBerl ju fingen, in feine 
Änfic^ten einzugehen! 

22. ©eptbr. — §eute war i<h in einem fiaben, too baB SReufte 
ber ÜJieffe ju fetjen war in ungeheurer j$ü\lt unb nur Sßufcfachen ! — 
S)iefe SRenfd^en alle bie ba tauften, biefe SKenge bie ba oerfauften, 
ein drängen unb Xreiben gum SBahnfinn! Sitte liefen burdjeinanber 
unb SSiele verloren faft ihren Äopf über baä, was fie barauf fefcen 
wollten. — @3 brangte [ich wir unwilllürlich eine Ztyam in» Äuge, 
mir fiel §immel unb Srbe fo f deiner auf« §erj — ich badjte: biefe 
Slnftrengungen alle, woju? warum? — um ju leben bod) nicht? 
nein, um fich baS fieben auSjufchmüden! — D t>or allen tftnfttityn 
Stumen werben am (Snbe bie Seute bie unfereS ©djöpferS nicht met)r 
anfehen — ich muffte fort. 

2)a8 Xagebudj für 1839 enthält nichts als bie einzigen ahnungä* 
fchweren Sßorte: 

3. Januar 1839. — SJiit welch' bangen, bewegten ©efühlen be< 
grüfte ich ba8 neue Saljr — toa3 wirb e3 mir bringen, greube ober 
Xrauer? — SBerbe ich am ©d£)luffe beffelben noch ^ er weilen auf ber 
Srbe? — SRuth unb ©tanbhaftigfeit ! — ®ott hilft mir gewifc, fo 
ober fo!* 



* $tn 15. October beffelben %ofyx& befdjloß Henriette SBotgt ifjre irbifdjc 
Saufba^n — 30 3afjre alt. 



£. fiacombe, ©onate. 



215 



Sonaten für flianoforte, 

& ßacombe, «ßljcmtaftifcfje ©onate (Fmoll). SBerf 1. 

©t. £etler, ©onate (Dmoll). SBcrf 9. 

g. SB. (SJrunb, ©ro&e Monate (Gmoll). SBerf 27. 

ßnabe, Säugling unb SRann fönnen faum meljr Don einanber 
uerfdOieben fein als obige Sonatenwerfe, unb wüfcf idj nid^t jufällig, 
t>af$ iljre SBerfaffer totrfltd^ in folgern Stlterücr£)ättnt§ ju cinanber 
fielen, fo müßten eS tfyre Strbcitcn Derratljen. Unter bem Jhtaben Der* 
ftelje man aber feinen beutfd&en, fonbern einen franjöfifdfjen, einen Don 
jenen frü^mut^igen, wie man fie in Sßarifer (Smeuten wol)t manchmal 
Sarricaben errieten fietyt, bie in einer Stnwanblung Don ßebenSüber* 
tauft bie 23affe wol)l gegen fidO felbft anlegten, — ober mufifalifdf) 
beutlidjer, ein Serliojianer, ber aud^ baS ©einige beitragen will jur 
franjöfifc^en SRomantil, mit Diel Eourage unb einiger Sßljantafie be< 
gabt ein lebhafter, intereffanter, nie verlegener Surfte. 2)afc er fidj 
gerabe auf bie Sonate geworfen, eine SJiufifart, bie in granfreief) nur 
mitleibig belächelt, in ©eutfdjlanb felbft laum mef)r als gebulbet wirb, 
ift wot)l au§ feinem längeren Slufent^alt in ©eutfdjlanb l)erjufdf)rei* 
ben, wo er fid) fdjon Dor %cfywx als ctaDierfpielenbeS ßinb SRamen 
machte, unb feitbem ift er als Spieler bebeutenb Dorgefdjritten. ©eine 
©onate erinnere xi) mid) von iljm felbft gehört ju ^aben in einem 
<£oncert in SBien; er fpielte fie Ijödjft fertig, mit glänjenbem 2tnfd£)lag 
unb golbrein. SBien l)atte aufcer Xfjalberg faum einen, ber i^m im 
©piel t)ätte bie ©pifce bieten fönnen. S)ie Eompofition würbe bamals 
faft einftimmig Dom publicum baljin gefteQt, wo fie f)ütgef)Brt, als 
«in nidjt talentlofer SSerfudj, ber nur unter ben §änben eines guten 
©pielerS, beS Eomponiften felbft, bis jum ©djtuf3 ju genießen, xoaf)* 
tenb er unter anbem mitleibloS ju ®rabe getragen worben wäre« ©o 
ift** mit ©djülerarbeiten, unb man madje bie Sßrobe. (Sin fdjledf)ter. 
€laDiercomponift gebe feine SRadfje einem fdjlec^ten SlaDierfpieler, ein 
Drdjeftercomponift fie einer ungefdjicften SDtaffe, fo treten bie ©djwfU 
djen erft redjt fd^reienb §erauS, waljrenb anbererfeitS eine SJieiftercom* 
^Option aud& Don ©tämper^änben nic^t ganj tobt ju machen. Xrojj 
ber SKängel ber jungen ©onate bürfen wir aber beS ©omponifteu fei* 
teueres Streben, aus bem ©anjen ju formen, willig anerfennen. SBaS 
fid) XrioialereS in il)r finbet, ift junäd^ft einem 9JiifjDerftef)en beS 



216 



8t. fetter, ©onotc. 



neuern fogenannten fymphoniftifchen ©laüierftitS unb 'Spiels juju* 
fc^reiben* 2)aS Slaüier fott in feiner Sßeife, mit feinen SWittetn 9Kaf* 
fen anwenben bürfen, ©timmend>araftere toorfüljren unb fann es, nur 
aber nicht, bafj es tote ein arrangirteS Drcheftertuttt ausfielt, Xremo* 
loS in beiben ipänben, §örnergange u, bgl. Solche Stetten ausge- 
nommen, enthalt bie Sonate auch manche wertvollere, fo gleich ber 
natürliche igauptgefang im erften Ztyil, wie benn überhaupt bie erften 
Seiten ®ang unb ^Bewegung haben, bis auf ben (Sintritt beS äRittel* 
tfjeilS unb beffen Fortführung, jene Stette in ber Sonate unb Stym* 
Päonie, wo ber Schüler meiftenS toerunglüeft. 2)aS Stnbante ift fchwadf) ; 
auch in it)m herrföt jener unnötig auf baS Klarier übertragene 
Dnheftercharafter; nicht minber im Sdfjerjo, boch weniger bürftig. 
SluHänge an SSeetljotoenfche Sljmphonieen finben fi<h, toie in ber gan* 
jen Sonate, fo namentlich im Scherjo. S)er lefete Safe ift franjö* 
fifdf>, Sluberifch, Straufjifch ober wie man will, am Schlufj mit %f)aU 
bergfehen Sprüngen, bie wenig in eine Sonate paffen, bis julefet alles 
in Sfiaucfj unb flammen aufgebt unb öom Spectalel, wie nach bem 
galten beS S3orf)angeS, faum mehr übrig bleibt als ber Schwefelgeruch 
nach einem Xheatertoetter. Sn Summa, ber Eomponift rette fich öor 
bem überf)anbnef|menben SSirtuofen burch 3fleif$ unb Stubien in ber 
ßompofition ; ohne Stüter gewefen ju fein, ift noch leiner ein SKeifter 
geworben, unb ift ber SKeifter ja felbft wieber nur ein t^ö^erer ßef)r* 
ling, unb ber 33eethoöenf<hen Sonate in Bdur, ber eütjig* großen, 
gingen 31 anbere S3eetf)otoenfche toorauS. 

gängt freilich 3*manb fo an wie Stephen geller,* beffen 
Sonate wir als bie Arbeit eines SünglingS bezeichneten, fo erlaffen 
wir ihm einige öon ben 31; er wirb fdfjon mit ber jehnten SDteifter* 
hafteS ju geben* wiffen. Dh ne ^ SBorte, in biefer erften Sonate 
fteeft fo öiel SRutterwife, bafc wir uns öor fünftigen fürchten bürfen, 
fo t>iel genialifcheS 93lut, bafe man eine jicmltd^e SReihe Sßarifer ©om* 
poniften auf bie S)auer bamit toerfeljen fönnte. So lünbigt fich nur 
• ein wirflicheS latent an unb forbert ben Scharffimt ber Stitil heraus, 
bafj fie ihm nur beifommen möchte, wenn fie Suft hätte. 3cf) wü^te 
ÄdijilleSferfen; aber ber ©omponift ift aufeer ein guter Sfampfer, wie 
ber griechifche Jpelb, auch e w 9 ut ^r Säufer; im Äugenblicfe, wo man 
ihm beifpringen will, ergreift er tad&enb bie glucht, im nächften 3Äo* 
ment fidE) wieber fampf fertig ju jeigen; er ift ein fchlauer ©omponift. 



* ©rft fett feinem SGBerf 9 nannte er fidj Stephen ftatt Stefan. 



©t. ©eller, ©onate. 



217 



ber jebem Xabel mit einem befferen ®ebanlen ju&otfommt als bem 
erwarteten, mehr Don ben ©rajien geliebt als ihnen folgenb, unb feine 
Sonate ein rechter SBorwurf für orbentlidje SRecenfenten, bie eS immer 
erft hinterher fagen, wie etwas nicht fein fott. Stlfo jeigt fidj Stephen 
fetter in feiner Sonate. 3Ran wirb fragen, wer, wo ift er? — 
worauf bie furje Antwort : er ift ein gebomer Ungar, reifte fdjon als 
halbes SBunberünb, lebte unb bietete bann in SlugSburg unb toerlief 
fich fpäter leiber nach SßariS, S)ie ©onate lenn' ich fc^on feit einigen 
3af)ren im SJianufcript. S)er ©omponift fdf)icfte fie mir in viertel* 
jährlichen Äbfäfcen ju, nicht ber Spannung wegen, fonbem weil er, 
wie er fidf) ausbräche, tangfam brüte unb mit mel 3*itoerluft, unb 
„was eine ©onate überhaupt mehr wäre als teuerer?" — ©o liegt 
fie nun fertig ba, baS geflügelte ®inb einer feltenen ?ß^antafie mit 
feinem etaffifef) * romanttfehen 2)oppelgefi<ht unb ber vorgehaltenen 
humoriftifchen SDlaSfe. 833er etwas liebt, glaubt eS auch am beften ju 
toerfteljen, unb in einem toon 33eett)ot>en wieberflingenben ©oncertfaale 
ftehen oft ©ujjenbe t)on Sünglingen, feiig im Jperjen, von benen jeber 
für fid) benft: „fo wie ich toerfteljt it)n bo<h 9tiemanb\ 3m beften 
©inne getrau* ich mir benn bie ©onate ju erftären als ein ©tüdC aus 
bem Seben beS ©omponiften felber, baS er wiffenb ober unwiffenb in 
feine Jhmft überfefcte, ein ©tüd mit fo Diel innerem SRonbfd^ein unb 
SRadjtigaUjauber, wie eS nur ber Sugenb ju f Raffen möglich, in baS 
tooht auc^ oft eine 3ean Sßaulfche ©atyrhanb ^eingreift, bamit eS 
ftch nicht ju weit entferne Dom gemeinen SebenSmarft. 3rr' ich nWht 
fo wollte eS ber ßomponift fogar einer gean Sßaulfdjen Sßerfon bebi* 
ciren, ber Siane toon groulat); ein ®ebanfe, ben ihm mancher anbere 
Debicator fetjr Derbenfen möchte, ba baS äßäbchen fd£)on längft ge* 
ftorben, unb überbieS ja nur in einem Such-* Silber ßiane hätte bie 
©onate Derftanben, wenn auch m ^ Seihilfe ©iebenläfeS, ber j[a felbft 
einen „©dhwanjftern", ein @£trab!att, eingefchaltet im ©djerjo. 3)ie 
©onate möge benn ihren Sauf antreten burd) biefe profaifdje SCBelt. 
©puren wirb fie überall jurüdlaffen. S)ie Sllten werben bie *ßerüden 
fchütteln, Drganiften über gugenlofigfeit forden unb glachfenfingen* 
fche §ofrätt)e fragen, ob baS auch ad majorem Dei gloriam** com* 
ponirt wäre, was ja £wed ber äßufil, unb SSerbienft nebenbei? — 
(Sinftweilen halte fich ber jugcnblid^e £)idjter brat) beieinanber, laffe 

* 3m Xitan. 

** SBatylforudj be3 ©. Sdjiflingfdjen „Eeutföen üRattonafoeretnS" unb ber 
„3a$rbfid)et" beffelben. 



218 



g. 38. ©runb, ©onate. 



bie Sßeltftabt DergebenS um fid^ tofen unb toben unb fe^re balb mit 
boppeltem Sftctd^tf)umc tyim. Unb bringt er un3 bann feine je^nte 
©onate mit, wollen wir i^m freubig biefe ßeilen Dorsten, wo wir 
auf tfjn als auf einen ber wifeigften unb talent&ollften mit fronen 
Hoffnungen tjingetoiefen. 

bleibt uns nodj bie britte ©onate übrig, öon SB* ©runb 
nämlidj; ©runb genug, toie gloreftan wortfpielt, etwas 2Bertt)e3 unb 
XüdjtigeS ju erwarten, £ut ab toor bem erften ©afc! @r gilt mir 
bie ganje ©onate; in iljm ift 2Beil)e, ©djwung unb ?ßt)antafic; bie 
anbern fteljen jurücf. ©S giebt eine ähnlich geformte ©onate Don 
SSeetljotoen, eine ber wunberüoUften, wo bem füljn leibenfdjaftlidjen 
erften ©afc (in Emoll) ein einfacher ariofer (in Edur) nadjfotgt* 
unb bamit f erliefet. Site t)on ©runb ift äfynlidj angelegt; aber jur 
©rfinbung beS erften ©afceS fielen, toie gefagt, bie anbern ju btafc 
baneben. SBieQeidjt, ba§ biefe erft fpätere 3 e ^ iwd) SSoQenbung beS 
erften gefdjrieben finb, wo bann fommt, ba§ ber ©omponift nicf)t meljr 
in ber urfprünglidjen ©timmung fortzufahren weift. S5enn fo fein 
raüt>lt bie ^fjantafie beS SKufiferS, baft, einmal bie ©pur oerloren 
ober Don ber ßeit augefdjüttet, fie fpäter nur burdf) gtücflidjjen 
in f eltenem Stugenblicl wieber aufgefunben wirb ; barum wirb aud) ein 
unterbrochenes, bei ©eite gelegtes Sßerf nur feiten ein fertiget; lieber 
fange ber ©omponift ein neues an, entfcf)lage fid} ber ©timmung 
ganj. Sßär' eS aber mit ber ©onate t>on ©runb nid&t fo, wie idj 
uermutlje, fo müftte man ben 9tbftanb beS erften ©afceS Don ben 
anbern für einen 9£ad)laf3 an fd)öpferifcf)er Äraft anfefjen: ein 83or* 
Wurf, ber ungleich mehr fdjmerjen würbe* ©enug, ber erfte ©a$ 
reicht ^in, bem Somponiften unfere Sichtung jujufpredfjen. 2)ie Xon* 
art beS ©afeeS ift Gmoll, jene SiebtingStonart ber SKufifer, aus ber 
fd)on manches SÄeifterwerf hervorgegangen: ber ©tjorafter bem Sei* 
wort entfpredjenb,** baS wir im Anfang beS SluffafceS Dergleidjweife 
auSfprachen. 3)er wfirbtge, Dielleicht ju anfprud&loS jurüdtretenbe 
SKann möge weniger fparfam fein mit SSeröffentlichung feiner Sßerte; 
ber Xt)eilnal)me ber SBeften fei er Derfidfjert 12. 



* SBcrl 90. 

** nämltcf) „mannhaft". 



JUhtfifoerein $u ftyrifc. 



219 



Der StaM- ttnb ttottmutnal -ütnftkotretn ja JUjrt^ 

ßufiige Gegebenheit* toon glorefian. 

3)aS ©tabtdjen Sfyrifc jeicfjnete ftdf> Don jeljer burdf> Siebe jur 
3RuftI auö. Sßie eS ganje ©df>adj fpielenbe Dörfer giebt, anbete, bie 
tt)t oottftänbigeS Xljeater Ijaben, fo fdjien Jfyrifc tote ein grofeeS $auS 
eines ©tabtmufiftyerrn, too aus jebem genfter jur Xag* unb !Jiadf>tjeit 
t>erfdjiebene 3nftrumente herunter — unb hinauf Hingen. SSom 
(£antor bis jum 9tad&ttoädf>ter ^erab toar alles muftfalifdfj. $ber man 
irrt, toenn man glaubt, bic Harmonie toäre in ^ri| ju £aufe ge* 
toefen. ©djon lange Ratten fidf> in iljrem ©djoofee geheime Parteien 
gcbilbet; ja tjatten fid} nicf)t oor ber Xpre beS 9ftegimentSobertambourS 
gteffer (eines offenen SftomantiferS) in ber SßatpurgiSnadjt ganje 
©ruppen blafenber unb ftreidf)enber 3lnl)änger geftettt, um mit itjrem 
<£t|ef jum §aufe beS DberbalgentreterS Sniff (ber als Oberhaupt ber 
anbern Sßartei ju betrauten) ju gießen, f elbigem bie „83et)mridf>ter< 
ouöertitre" u. a. hoffen aufjufitf)ren, toäf)renb Äniff bie jutn „ßalif 
Don SBagbab" anftimmen liefe jur @egentoel)r! ©ine greuliche SWufif 
toar'S, ein Äampf beS Steuen unb Sitten; baS ganje föjrifc go^r. 
Stber baS 2Bidf>tigfte fommt nod) unb bie ©adjen tourbeu fcertoidelter. 
2Bem in Sfyrijj toäre nid&t ber ju allen XageSftunben auf ben ©äffen 
fidf)tbare grifeur Sippe befannt, Sippe, ber 3anitfdjar, ber alle 3n* 
ftrumente fpielte unb jebeS fcfiledjt. Sippe, berSafont unb §unberte 
in $aris frifirt unb julefct auf bem ©dfjub t>on ba in feine §eimatl) 
jurüdEtranSpottirt tourbe, ber burdf>triebenfte äBinbbeutel, ber grefferS 
Xodjjter bie ßour madjjte, toa^renb er beim Äniff fcerfidjerte: er tootte 
alle grefferfd^en SRomantifer fengen unb brennen, toie fte'S fcerbienten. 
3m ©runb beS §erjenS aber fcfyimpfte er eben über alles unb toottte 
nid)tS, als auf ben ©d&ultern ber fämpfenben Parteien fidO felbft jum 
SDiuftfbictator in 5ft)rifc emporfdjtoingen unb julefct grefferS f)ttbfdf)e 
©abine heimführen. Äijrij}, toie toarft bu t)erblenbet, als bu ben 
SBorten aus bem im ®ijri|er 3Bocf)enbtatt mit @. ©. unterzeichneten 
Slrtifel ©lauben beimafeeft, ber folgenbermafeen lautete: „X)ie SKufif, 
bie bodf) fein fott bie Harmonie beS @toig*©d}önen, bie bie 83anbe 
jtoifdjen ©Ott* unb 3Jlenfdf)l)eit nur nodj f efter Inüpfen fott, fjat in 

* ©ie fyatte einen famboftjdjen öejug ben bamoltgen 3uftänben einer be* 
rühmten 2Hufifftabt. [<S$. 1852.] 



220 



SRuftfoerein p Styri^ 



bicfer guten Stabt noch unlängft ju ben bebauerlidjften Stuftritten ge* . 
führt, könnte man ähnlichen SBorfätten nicht fteuern burdj ^Bereinigung 
fämmtlicher hiefigen Stabilitäten, uub foHte eine foldje nicht burefj eine 
förmliche Sonftituirung eines »Sftjrifcer ©tabt* unb ©ommunatmufif* 
t>ereinS« am leid^tcften ju erreichen fein, toic ja äf>nlt<^e Vereine es 
in allen **fcf)en Staaten giebt? ffönnte man nicht ju gleicher $eit 
auch ©hrenmitgtieber (bie correfponbirenben öerfteljen fich ohnehin) 
ernennen laffen unb würbe nicht unfer trefflicher ^Bürgermeister $aul* 
fufc geneigt fein, baS Sßrotectorat biefeS SBereinS ju übernehmen?" 

3Kit Sippe ftanb eS aber folgenbermafcen, fchledf)t nämlich- ©r 
^atte triel ©Bulben unb wenig Sftmben; er mufteirte, trrie er friftrte, 
im ^öd^ften ©rab oberflächlich, obgleich baS erftere mit mehr gleifc, 
baS jtoeite mit mehr Xalent; er ^at ßeit feines Sebent immer jtoifchen 
Xon* unb §aarfünftter gefchwanft. 3Kit aller Äraft Hämmerte er fich 
nun an bie SDlufif, ba fich bie Sityrifeer §aarföpfe unb Sßerüden feinen 
haarfünftlerifdjen §änben entjogen; ja er tjerfidjerte, Den fchönften 
XituSfopf t>ernachläffige er über ber SWojartf^en XituSmufif. ©ah 
man ihn aber je auf ben ©äffen fliegen, baft bie ©önfeheerben in bie 
§bhe flogen, fo gefdfjah eS ben Xag nach ber Sttnjeige im äBochenbtatt. 
SBon §auS ju §auS rannte er, bie Statuten beS Sommunal&ereinS in 
ber Xafcfje unb brohte mit S^renmitgliebf d^aft ; ja felbft bu, wfirbigfter 
Saulfufc, fdjwanfteft einen Slugenblid unb gabft f^munjelnb nach 
unb Sippe'n bie Sßerttde überbieS jum grifiren hin; mit ihm noch 
anbre Sßerüden. Schon jubelte Sippe; ja er h*fete, was er fonnte, 
grefferS unb ÄniffS Parteien noch roüthenber auf einanber, Dom 
Äampf für fidj ©ewinn ju jiehen. lieber ßtjrifc lag eS fcfjwer wie 
©ewitterwotfen ; alles pfiff unb blies unb ftridf) toic wahnfinnig burdj* 
einanber. 3Äitten im Aufruhr erfdjoll eS: „wo ift Sippe? ber ©lenbe! 
ber äBinbbeutel! ber SßrahlhanS!" 33ei berSaterne erfannte man ihn, 
unb hier falle ber Schleier über bie Scene. Selten würbe wohl ein 
SRenfch fo übereinftimmenb burchgeprügelt. 9tÖc 3nftrumente würben 
auf Sippe gefpielt, bie ftornbläfer bliefen ihm in bie Df)ren, bie 
SSioliniften geigten burdf) feinen 3Kunb, an feinen güfcen fingen 
jwei Heine Sßaufanten, bis greffer, burdf> feinen Sieg befriebigt, jum 
Stbjug blies. — 

SBährenb beS ©etümmelS famen ein paar 3)at>ibSbünbler jum 
%f)oxt hinausgefahren, bie bie Parteien burchfehnitten. §atbtobt trug 
man Sippe in bie SSorftabt, wo er wohnte, wäljrenb ftdfj jene noch 
ladf>enb aufjeidjneten, was man eben gelefen. — 43 



1840. 



Jtar «röfftmng bes Jaljw* 1840. 



T)ie Beitfdjrift beginnt mit bcm heutigen Xage ü)r jtoölfteS ©e* 
mefter. ©ebanfeu aller Slrt fd^üejscn fid} an folgen Slbfdjnitt, SBünfdje 
unb Hoffnungen werben an i^m laut; aud^ üerjet^t man fid} gern an 
bem frönen geft. 3nt Äampf ber äReinungen, felbft mit fämpfenb 
unb meinenb, t)aben; wir an bem ®inen feft gehalten: fcor ättem 
beutle Slunft jn l)egen unb ju pflegen. Unerfdjütterlidf) fte^t and) in 
unS bie Stnfidjt, bafe roxi nodf) leine&oegS am ©nbe untrer Sunft 
ftnb, bafe nodf) mel p tljun übrig bleibt bafc Xalente unter un8 leben, 
bie uns in unfern Hoffnungen auf eine neue reidje SBIütljenjett ber 
SRufif beftärfen, unb ba§ nodfj größere erfd)einen werben. Dtjne foldfje 
Hoffnungen — toaS toär all ba8 ©predjen unb ©Raffen nüfc ? 2ßaS 
nüfcte e$, eine Äunft ju treiben, in ber man nid)t$ meljr ju erreichen 
ftd) getraute? 3)ie9tnbern aber, bie fid) fräftiger füllen, bie ftdf) für 
mef)r galten als pompejanifdfje Arbeiter, bie über bem ©ud&en nad) 
alten Sßalaften unb Xempeln nicf)t bie ffiraft unb $eit verloren, felbft 
neue aufbauen ju lernen, — möchten fid) am fjeutigen Xage bie $änbe 
reiben ju neuen großen SBerfen. 3)er toärmften Sttnerfennung unferer* 
feitä fönnen fie fid} üerftd&ert galten.* 



* ©eftridjener @($luß: „bleibe mt3 ba$ Vertrauen biefer wie aller n><rf>r* 
fyxften fäinftfer aud) biefeS 3a|r wie alle ffinfttgen!" 



224 



$ie bier Cuöertüren $u Sibelio. — 



,f>. 20. ©rnft. 



Die »ter ©ttnertören ja JtMio. 

SJlit golbner ©dfjrift fottte eS gebrudEt werben, was baS Seipjiger 
Drdfjefter am Ickten 3)onnerftag ausgeführt: fämmtlidfje Dier 
DuDertüren ju gibelio nacheinanber. 2)anf euch, Sßiener 
Don 1805, baß euch bic erfte nicht anfpradj, bis S5cctt)0ücn in gött* 
liebem Sngrimme eine nach ber anbern ^ertoorwüljlte. 3ft er mir je 
gewaltig erfdf>ienen, fo an jenem Slbenb, wo tt)ir iljn beffer als je in 
feiner SBerfftatt — bilbenb, Derwerfenb, abänbernb — immer glütjcnb 
unb \)t\% bei feiner Sürbeit belauften tonnten- Slm riefigften jeigte 
er fich wohl beim jweiten Slnlauf. 3)ie erfte DuDertüre wollte nicht 
gefallen; tjalt, badete er, bei ber jweiten foö euch baS SJenfen vergehen, 
— unb fefcte fich Don Beuern an bie Ärbeit unb ließ baS erfdfjütternbe 
Drama an fid> üorübergeljen unb fang bie großen Seiben unb bie 
große greube feiner ©eliebten noch einmal; fie ift bämonifch, biefe 
jweite, im ©injelnen woljl nodj fü^ner als bie britte, bie befannte 
große in Cdur. S)enn auch jene genügte iljm nidfjt, baß er fie wieber 
bei Seite legte unb nur einzelne ©tücfe beibehielt, aus benen er, ibe* 
ru^igter fcljon unb fünftlerifcher, jene britte formte, ©päter folgte 
noch jene leichtere unb populäre in Edur, bie man getob^utid^ im 
X^eater jur (Sröffnung l)brt.* 

S)aS ift baS große 93ier*DuDertürenwerf; ä^nlid^ wie bie Statur 
bilbet, fefjen wir in ihm juerft baS 2BurjeIgefledE)t, aus bem fich in ber 
jweiten ber riefige Stamm h*bt, feine 8lrme linfs unb rechts aus* 
breitet, unb julefet mit leichterem 331ütl)engebüfcf)e fdf)ließt. 

gl. 



4. ^- GntfL 

Die SOBorte Don 33erlioj, ©ruft werbe wie Sßaganini einmal bie 
Sßelt Don fidfj reben machen, fangen an in ©rfüüung ju gehen. %ä) 
habe bie großen SBiolinfpteler ber neueren ßeit faft alle gehört, Don 



* Schumann befanb fidj mit feinen dritflenoffen [ m g^um über bie Seit* 
folge ber Cubertüren. 9k. 1 ift 1807, 9fr. 2 1805, 9fr. 3 1806, 9fr. 4 1814 ent* 
ftanben. Sßgl, Mnmerfung 51. 



$. SS. Srnft. 



225 



SipinSli an bis ju Sßrume ^crab. 3cbcr fanb feinen begeifterten 9ln* 
bang im publicum. 3ener hielt eS mit SipinSfi: baS 3utpofante feiner 
Snbtoibnalität fällt auf, man brauet nur ein paar feiner großen Xöne 
gehört ju haben. Slnbere fchwärmten über SBieujtempS, ben genialften 
ber jungen ÜReifter, ber fchon je$t fo hoch ftef)t, bafc man nicht ohne 
*ine geheime gurdjt an feine benfen möchte. Die S9utt gab 

uns ju ratzen, wie ein tiefftnnigeS Sftäthfel, mit bem man nicht fertig 
»erben fann, namentlich er fanb ©egner — , unb fo t)aben 93iriot, 
6. SKüHer, äRolique, 3)aüib, Sßrume jeber fein befonbereS publicum 
für fid}, jeber feinen ©djilbträger in ber föritit Slber ©rnft t)erftcf>t 
eS, ahntidfj wie Sßaganini, allen Parteien ju genügen, alle für fid} ge* 
»innen ju fönnen, wenn er will, wie er benn auch, mit allen ©chulen 
oertraut, jur trietfeitigften ©igenthümlidjfeit burdfjgebrodfjen. 2luch an 
ünpromfatorifdjer Staft, ber reijenbften am SBirtuofen, fte^t er Sßaga* 
nini nahe, unb tjier mag fein früherer häufiger Umgang mit Sßaganini 
auf ihn gewirft haben, ©ruft ift aus 93riinn gebürtig, fam fehr 
jung nach SBien auf baS ßonferüatorium , lernte bann Sßaganini 
fennen unb machte 1830 feinen erften StuSflug nad) bem SRtjein jur 
felben $t\t, a ^ auc *) Sßaganini bort war. ©eine aufcerorbentliche 
SSirtuofität, obwohl fie offenbar nodfj manches öon SßaganiniS Slrt an 
fid) ^atte, machte fchon bamals Suffehen. 3m jugenblidfjen lieber* 
mutfje wohl gab er auch immer gerabe in ben ©täbten ßoncerte, wo 
Sßaganini furj Dörfer gefpielt t^attc. ÜJiit greuben erinnere idfj mich 
jener ©oncerte in einigen SRheinftäbtcn, wo er wie ein SlpoH bie §ei* 
belberger SÄufenfdjaft in bie nahen ©täbte fid) nadfjjog. ©ein Warnt 
war allgemein befannt. hierauf hörte man lange nichts t)on ihm; er 
war nach SßariS gegangen, wo eS $t\t ttfttt, nur angehört ju werben. 
UnauSgefefcte ©tubien brachten ihn öorwärtS, ber ©influfc SßaganiniS 
fdjroanb nach unb nad}, bis wir benn feinen SJJamen in ben legten 
Sahren wieber auftauchen fehen unb ben erften in SßariS beigefellt. 
©ein alter SSunfdj, fein SSaterlanb wieber einmal ju fehen, namentlich 
feiner §eiinatf) S3eweife feiner fortgebieljenen -Keifterfdjaft ju geben, 
machte wieber in ihm auf. Sftachbem er im vorigen Sßinter noch 
ipoüanb bereift unb bort in wenigen SOionaten 60—70 Soncertc ge* 
gefcen, ging er nad) furjem Aufenthalt in $aris ftracfS nach ©eutfdj* 
lanb. ©in echter, feiner Sunft fixerer Sünftler, ^atte er eS *>erfdjmä£)t, 
feine Steife toorauS öerfünben ju taffen, ©o trat er, *>on äftarfd)ner 
t)eranlaf$t, juerft in Jpanno&er auf, bann in meten ©oncerten in §am* 
iurg unb ben nahen Drten. @o fyabm roir ihn auch fytv 9*hört, 

Sd)utnann, @ef. Sdjriftcn. II. 15 



I 
I 



226 



g. Sttenbeföfoljn, @erenabe unb 2tHegro. 



beinahe unvorbereitet 2)er ©aal war nid)t über&ott; aber baB publicum 
festen §um boppetten angewadjfen, fo jubelnb erfdjotl ber SBetfatt. 
$>a§ ©lanj* unb *ßrad)tftü<f be3 SlbenbS waren wot)l bie URatyfeber* 
fdf)en SSariationen , bic er in reijenber Saune mit eigenen burd&mebte 
unb mit einer Eabenj fdjlofc, wie wir fie nur t>on Sßagantni gehört, 
wenn er in t)umorifttf$em Uebermutt>e alle ßauberfünfte feinet 83ogen& 
walten tieft. S)er SBcifatI banad) ging über ba$ gewöhnliche 9Ra& 
norbbeutfd)er 33egeifterung hinaus, unb wären Äränje in SScrettfc^aft 
gewefen, in ©djaaren wären fie auf ben 2Keifter geflogen. 3)ie8 ftef)t 
if)m nodj fpäter einmal beüor, wenn er aud), als ÜJtenfd^ ber befdjet* 
benfte unb meljr ftiH unb in ftd) gefe^rt, fid| bem entjiefjen wollte. 
3Sir t)ören il)n nodj einmal, nächften SRontag. S)ie glug* unb ©ifen* 
bafjn f)at il)n auf einige Xage in bte nat)e föauptftabt entführt. Samt 
aber, — läfct er gar feinen „ßamatml t)on Sßenebig* fyötm, — benfen 
wir nod) mehr öon ihm ju berieten, * bem, fdjeint e8, jener berühmte 
italiemf<f)e ßauberer, bei feinem Stbfdjieb toon ber Äunftwelt, ba3 ©e* 
heimnifc feiner Sunft anvertraut ju ^aben fdjeint, ben ÜReiftern jur 
SSergteidjung, ben Süngem jur Sftadjeiferung , Stilen jum §od}Qenuj$. 
2lm 14. ganuar. 12. 



ttottcertßitdie nttb Äoncerte für JUanoforte 

mit Segleitititg bc3 Ordjefter*. 

5. 9ftenbel£io$n SBartfjolbö, ©erenabe u. Slllegro. (Hmoll it. Ddur). 953.43. 
SB. Sternbale S3ennett, $ierte£ (Soncert Fmoll). SBert 19. 
3. §umme(, SefcteS Soncert (Fdur). 9lad)gelaffene$ SBerf. 

33ei bem erften ©tücf fommt e8 mir gu ftatten, bag ich e§ öom 
SDfcifter felbft gehört in einer feiner glücflidjften Stimmungen. 44 3>ie 

* (Srnft fpielte in feinem feiten ©oncert, am 27. Januar, ben (£amaöal. 
Schümann berichtete barüber: „(Sr hielte if>n julejt — nmgefe^rt ber 3- Sßaulfdjen 
föegel, naef) ber SSirtuofen if)r SBirfungSöoUfteS juerft bringen füllten. $er (Sin* 
bruef war ergöfclid) über bie Sttafjen. Sßaganini Ijat baffelbe Sfyema (o cara mia 
mamaj äljnftcf) bartirt. (S& maren gegen 30 SSariationen über ein acf)t Xacte langet 
£f)ema, bunt djarafteriftifd), fdjalfiftf) unb geiftreidj, ©utffaftenbüber mit ben am 
metften üorfommenben ©eftalten be3 $ottd)inel3 unb ber (£ofombtne. %a$ ^u* 
blicum lachte oft Ijell auf. $)er Beifall mar ftürmija), obwohl man im Uebrtgcn am 
Mbeub nia^t in befter Söhififtaune frf|ien". 



2B. St. SBemtett, Goncert. 227 

SlaDierftimme läfct nur bic §älfte ber SRetje afjnen, bie es mit bem 
Drdjefter jufammen in ganjer tjüQc erfdjliefct. 2Ba8 man Don ü)m 
ju erwarten Ijat, beulet ber Xitel an : eine ©erenabe, eine 9(benbmufif , 
ber ein frifdjeS, gefunbeS 9lttegro folgt. SBem bie erfte jugebadjjt ift 
— wer weift e$! ©iner ©eliebten nid)t, baju fd^cint fie nidjt §eim* 
lid) unb Derftoljlen genug ; auef) ttic^t einem großen 2Äann, baju feljlt 
x\)T alles ; idj) bente mir, bem Slbenb fclftft ift fie bargebradjt, ein ®rufc 
an baS 2)afein, ben iin fdjöner äRonbabenb Dietleidjt im X)idf)ter ge* 
weeft, unb wci§ man DoUenbS, baft biefer gerabe in ©ebaftian 93adj3 
£antor*@tübdjen fc^cn fann Don feinem aus, fo erflärt fidfj baä ©tücf 
um fo leichter. SBoju Diel SBortc über folcfye SKufif? ©ie ©rajie 
ju {erlegen, ba$ 9Äonblic!)t wiegen ju wollen, wag nfifct e3! 38er 
XidjterS ©prad&e Derftef)t, wirb aueff biefe Derfteljen, unb wenn neulidj) 
irgenbwo Don Sena au$ berietet würbe, e3 fef)le bem SWenbetefoljn* 
fd)en $l)antafiefc!}Wung juweilen an ber regten §öl)e, — ei fo ^äug' 
bidj auf, 2ieberfnirp8 Don 3ena,* wenn bir bie fdjöne @rbe ju niebrig 
Dorfommt. 

2>a3 Soncert Don SBennett f)ab' idj leiber nid&t Don iljm felbft 
gehört, wie überhaupt nid)t mit Drdf)efter. SWein SluSfprudfj fagt unb 
lobt ba^er Dielletd)t eljer ju wenig afö ju Diel. SJiettei^t, ba& SBennett 
bie Drdjefterpartieen nod) öfter Ijätte anbeuten ober audf) fie bem 
©laDierfpieler mitfpielbar madjen fönnen. Die Eomponiften, bie i^r 
SBerf im ®opf haben, Derlangen f)ier meiftenS ju Diel, unb ©pieler, 
bie bie fel)lenben 3nftrumente etwa burdf| SJlitfingen erfeien tonnten, 
giebt e£ eben audf| wenige, ©ie gorm be8 Soncertä ift bie alte brei* 
fähige, bie Xonart Fmoll, ber ß^arafter jum (Srnft geneigt, nidjjt 
büfter. SSine freunblidfje SSarcarole leitet ben erften ©a| jum legten; 
fie namentlich l)at, wie id) ^öre, bem Soncerte bie §erjen gewonnen, 
al§ e3 ber (Somponift ^ier in Äeipjig fpielte. 3ui anbem Sinne, als 
ber Sßifc Don anbern ©omponiften behauptet, fpielt ba8 SB äff er in 
93ennettS ßompofttionen eine Hauptrolle, atö ob ftdf) auefj hierin ber 
(Snglänber nidjt Derleugnen tonnte, ©einen gelungenen äBerfen : ber 
DuDertäre ju ben Sftajaben, ben meifterljänbigen ©fi^en — „ber See", 
.ber SßalbbadO", „bie gontaine" — fd^liefet fid& jene SSarcarole an, bie 
mit bem Drdjefter jufammen Don reijenber SBirfung fein mu§. S)ie 
anbern ©äfce bieten nid^tö SReue« in i^rer ©eftaltung, ober beffer ge* 
fagt, fie fud^en ba§ SKeue nid^t im Sluffaßenben jonbem etjer im 

* (5. ©anrf. 45 

15* 



228 



3. 9t. §ummel, JßefcteS (Soncert. 



Slnfpruchlofen; fo läfjt Sknnett am ©djlujj bcr ©oli, wo in aubcm 
goncerten Xritler über dritter ftürjen, ben Xriüer unterbrechen unb 
Ictfc verhallen, als wenn er ba3 S3eifattgeflatfcf)e fclbft hinbern wolle; 
fo ift e3 im ganzen ßoncerte nirgenbS auf SBraöour unb SBeifatt ab* 
gefehen: uur bie ßompofition foQ fid} seigen, bie SBirtuofität be§ 
©piete ift Siebenfache, wirb toorauSgefefct. 9teue medjanifche Sombi* 
nationen, gingeraufgaben finbet man alfo in ihr nid£}t, wenn fie 
auch jur Ausführung immerhin fd)on bebeutenbe, mehr mufifalifche 
als fingerfertige äReifterfdjaft erfordert, bie fid) bem Drchefter fyet 
unterjuorbnen, bort e3 ju beljerrfchen üerftc^t. ©d)öne äRetobieen 
finbet man bie ^ütle, bie gorinen finb reijenb unb fliefceub tote immer 
in 83ennett3 ßompofitionen. 3)er tefcte @afc wirb, gegen beä ©ompo* 
ntften 3nbimbualität, ^umoriftif d^cr ; feine fyrifdje Slatur bricht aber 
auch h* er julefet burdfj. 25ie8 möge als Stnbeutung genügen. 33ennett§ 
SJtame h at ^ on f° 9 uten Älawg in ©eutfchlanb,* baß e£ für echte 
ßtatrierfpteter nur ber Anregung bebarf, bafe baS ©oncert ba ift. ©r 
fdjaffe unb Wirte noch lange jum Segelt wahrer ftunft! 

9loch war in ber Stuffdjrift ein Goncert Don £u mm et angemerft, 
vielleicht baS Ie|jte, was er gef djrieben ; er l)at beffen SSeröffentlidjung 
nicht erlebt. Sluch h* er genügt ber SKame, im voraus ju wiffen, wa§ 
man ju erwarten Sltö ein SQSerf au$ feiner SBtüthenjeit, ber ba$ 
Amoll*ßoncert, bie Fismoll*@onate u« a. entfprungen, barf man e§ 
freilich nicht anfefjen, wirb e§ auch SKieinanb betrachten. Stltcr unb 
Äinbheit berühren fidf) fo oft im Seben wie in ber Siunft. ©o ift ba8 
ßoncert auch feine ©teigerung ber früheren, jonbern eher ein SRücfgang 
ju ben älteften, anfprudjloä, abgefchtoffen im Greife feiner Sbeen, an 
9Jtelobie faft fimpet, im $affagenwerf fo jierlich unb reinlich,, wie man 
e§ an Rummel fennt. 9ieaction wirb e$ fomit feine hervorbringen, 
bie allgemeine muf. Seitung mag fagen, was fie will. 2)ie Sruft beS 
SünftlerS gieren ja auch fo viel wohlerworbene Drben, bafc e8 faum 
nötf)ig, if)ro Tteue anhängen ju wollen; unbeholfener (Sifer macht eher 
verbäcf>tig. Stuf anbere nachgelaffene Sßerfe be3 verfcljiebenen Sföeifter* 
wirb bie ßeitfdfjrift in ber gotge jurücffommen. 12. 



* föeßftab fanntc bte jum Sluguft 1841 no$ mdjtS toon SBennett. m$ er 
bann bret SBerfe bcffelbcn befpradj, madjtc Schümann bap bie SBetnerfung: „3)ie 
3ri3 be$ $rn. SRctlftab fängt jefct auf 3S. St. 93ennett al$ auf einen fioffnungö* 
Dollen ©ompontften aufmerfiam ju machen an. S3et unö unb an auberu Crten 
gilt er fa^on fett jed)£S Sauren ate SKetfter". (1841, XV, 14$.) 



3r. ©djubert, 8t)mpl)ome. 



229 



Die Cdur-£i)mpl)ome Dort irunj Jrtjubert. 

Der SWufifer, ber jum crftcnmal Sßien befucf)t, mag fid) mof»! 
eine Sßeite lang an bem feftlichen SRaufdjen in ben ©tragen ergöjjen 
fönnen unb oft unb oertounbemb immer oor bem ©tept)an§tt)urme 
ftehen geblieben fein; balb aber toirb er baran erinnert, tote untoeit 
ber ©tabt ein $ird$of liegt, iljm toidjtiger als aHe3, toaä bie ©tabt 
fonft an ©ehenStoürbigem §at, too jtoei ber §errlidjften feiner Äunft 
nur toenige ©dritte t>on einanber ruhen* ©o mag benn, trrie idj, 
fdf>on mancher junge ättufifer balb nach ben erften geräufchooßen Xagen 
hinauSgetoanbert fein jum Sßähringer SHrdjhof, auf jenen ©räbem ein 
931umenopfer nieberjulegen, unb toär' eS ein toilber SRofenftraud), tote 
. id) ihn an 83eethot>en8 ©rab tjingepffanjt fanb. granj Schuberts . 
Sdu^eftatte toar ungefchmüdt. ©o toar eubtid) ein feiger Sßunfch 
meines Sebent in ©rfüttung gegangen, unb idf> betrachtete mir lange 
bie beiben ^eiligen ©räber, beinahe ben (Sinen beneibenb, irr* idj nid)t, 
einen ©rafen Dbonnel, ber jioifd^en beiben mitten innen liegt. 46 Sinem 
großen SDiann jum erftenmat ins SSfogeficht ju fdfjauen, feine §anb ju 
faffen, gehört tootjl ju 3ebe3 erfehnteften Stugenblicfen. 2ßar eä mir 
nidf}t oergbnnt, jene beiben Sünftler im Seben begrüben ju bürfen, 
bie ich am haften öerefjre unter ben neueren Äünftlem, fo hätte idj 
nadf) jenem ©räberbefudfj fo gern toenigften8 3emanben jur Seite ge* 
habt, ber einem oon ihnen näher geftanben, unb am liebften, badjte 
ich mir, einen ihrer S3rüber. ©3 fiel mir ein auf bem ßuhauferoege, 
bafc ja Schuberts 33ruber, gerbinanb, noch lebe, auf ben er, toie idj 
ttmfcte, grofce Stüde gehalten. SSalb fudfjte ich it)n auf unb fanb ihn 
feinem SBruber ätjnlidfj, tote mir nach ber Säfte fdfjien, bie neben 
©Huberts ©rabe ftetjt, mehr Hein, aber Iräftig gebaut, @I)rlid^feit toie 
SRufif gleiche! im SluSbrud be§ ®efid)t3. ®r fannte mich aus meiner 
SBere^rung für feinen SBruber, toie id) fie oft öffentlich auSgefprodjen, 
unb erjäf)Ite unb jeigte mir öieleS, tooüon aud) früher unter ber lieber* 
fd^rift „^Reliquien" mit feiner 33etoitIigung in ber ßeitfdprift* mitge* 
theilt tourbe. Sulefct Ke& w mich aud) oon ben Sdjäjjen fef)en, bie 
fid) noc^ öon S ran S Sd(ubert$ Sompofitionen in feinen §änben be* 
finben. 3)er 9leid)tf)um, ber tyte aufgehäuft lag, machte mich 



* 1839, X, 37. es maren «riefe unb ©ebicfjte bort grana (Säubert. 



230 



g. Sdjubert, St)mJ)f)ottie. 



freubefdjauemb ; wo juerft hingreifen, wo aufhören! Unter anbern wies 
er mir bie Partituren mehrerer ©tjmphonieen, öon benen öiete noch gar 
nicht gehört worben finb, ja oft üorgeuommen, als ju fdjwierig unb 
fdjwülftig jurücf gelegt würben. 3Äan muß SBien fennen, bie eignen 
ßoncertöerhältniffe, bie ©d)Wierigfeiten, bie SÖiittel ju größeren Stuf* 
führungen jufammenjufügen, um eS ju öerjeit>en, baß man ba, wo 
Säubert gelebt unb gewirft, außer feinen Siebem t)on feinen größeren 
3nftrumentalroerfen wenig ober gar nichts ju hören befommt. 335er 
weiß, tüte lange auch bie ©tjmphonie, öon ber wir heute fpredjen, 
t>erftäubt unb im ©unfel liegen geblieben wäre, Ijätte id) mich nicht 
balb mit gerbinanb ©d£)ubert öerftänbigt, fie nach Seipjig ju fd)iden 
an bie 2)irectiou ber ©ewanbljauSconcerte ober an ben Äünftler fetbft, 
ber fie leitet,* beffen feinem SBItrfe ja faum bie fd)üd)tem auffnoS« 
penbe ©djönheit entgeht, gefdjweigc benn fo offenfunbige, meifterljaft 
ftra^lenbe. ©o ging eS in Erfüllung. 5Die ©tjmphonie fam in Seipjig 
an, würbe gehört, toerftanben, wieber gehört unb freubig, beinahe all* 
gemein bewunbert. SMe tätige SSerlagShanblung SBreitfopf unb Härtel 
faufte SBerf unb Eigentum an fiel), unb fo liegt fie nun fertig in ben 
Stimmen toor uns unb metleid)t auch balb in Partitur/* wie wir es 
ju 9lufc unb grommen ber SSJelt wünfdjteu. 

©ag' idf) eS gletdj offen: wer biefe ©gmpljonie nicht fennt, fennt 
noch wenig öon ©chubert, unb bieS mag nach bem, was ©chubert 
bereite ber Äunft gefdjenft, aüerbingS als ein faum glaubliches £ob 
angefe^en werben» @S ift fo oft unb jum Serbruß ber ßomponiften 
gefagt worben, „nach 33eethot)en abjufteljen toon fijmphoniftifchen 
Plänen", unb jum Xljeil auch wahr, baß außer einjetnen bebeutenberen 
Drd&eftetwerfen, bie aber immer mehr jur Seurttjeilung bcS SMIbungs* 
gangeS ihrer Componiften t)on Sntereffe waren, einen entfdjiebcnen 
©influß aber auf bie SJtaffe wie auf baS gortfdjreiten ber ©attung 
nicht übten, baS meifte Slnbere nur mattes ©piegelgebilb SBeethoüen* 
fdf)er SBeifeu waren, jener lahmen langweiligen ©tjmphonieenmacher 
nicht ju gebenfen, bie Puber unb perüefe t)on Jpaljbn unb SKojart 
paffabet nadfouf Ratten bie Kraft Ratten, aber ohne bie baju gehörigen 
ftöpfe. SBerlioj gebort granfreidE) an unb wirb nur als intereffanter 
StuSlänber unb Xollfopf juweilen genannt. S33ie idf) geahnt unb ge* 
hofft l)atte, unb äRandjer Dielleicht mit mir, baß Säubert, ber formenfeft, 



* SRenbcfefofm. 

** $te Partitur erjdjien m«). 



g. ©djubett, (stjntyljome. 



231 



pjjantaftereidf) unb metfeitig ficff fdjon in fo Dielen anbeten ©at* 
langen gegeigt, audj bie ©gmpljonie öon feiner ©eite paclcn, bafc tr 
bie ©teile treffen würbe, Don ber ü)r nnb burdj fie ber äRaffe beigu* 
fommen, ift nun in tjerrlidjfter SBeife eingetroffen, ©ewifc l)at er audfj 
nid)t barem gebadjt, bie neunte ©tjmpljonie öon 93cctf|ot)cn fortfefcen 
ju wollen, fonbem, ein fleifjigfter Sftinftter, fdjuf er uuau8gefe|t aus 
fid> tjeraug, eine ©tymp^onie nadE) ber anbern, unb bafc jefct bie SBelt 
gleidfj feine fiebente gu feljen befommt, ot)ne ber gntwidelung gugefetjen 
ju Ijaben unb iljre SSorgängerinnen gu fennen, ift meHeidf>t ba8 Sin* 
jige, was bei itjrer SBeröffenttidjung leib ttjun fönnte, wa$ aud) felbft 
gum 9Jii&Derfte§en be$ SBerfeS Stntafc geben wirb. SBiettcid^t bafj aud) 
t)on ben anbem balb ber Stiegel gegogen wirb; bie fleinfte barunter 
wirb nodj immer tf)re Errang ©d^ubertfd^e SSebeutung Ijaben; ja bie 
SBiener ©tymp§oniemau«fd)reiber Ratten ben Sorbeer, ber it)nen nötljig 
war, gar nidjt fo weit gu fudfjen brausen, ba er fiebenfad) in gerbi* 
nanb ©d)ubert§ ©tubirftäbd^en in einer SSorftabt SBienS übereinanber 
lag. §ier war einmal ein würbiger iftang gu toerfdjenfen. ©o ift'3 

oft: fpridfjt man in SBien g. 83. Don ,* fo wiffen fie beB $rei* 

fenä i^reS granj Säubert lein 6nb&; finb fie aber unter fid), fo gilt 
itjnen weber ber (Sine nodj ber änbere etwaä 33efonbere3. SBie bem 
fei, erlaben wir un3 nun an ber gütte ©eifte§, bie aus biefem foft* 
baren SBerfe quillt. ift waljr, bieg SBien mit feinem Stefans* 
tfjurrn, feinen frönen grauen, feinem öffentlichen ©epränge, unb wie 
c£ Don ber $)onau mit ungültigen SSänbem umgürtet, ftd) in bie 
blü^enbe Sbene ^inftreeft, bie nadj unb nad) gu immer ^ö^erem 
©ebirge auffteigt, bieg SBien mit aß feinen Erinnerungen an bie 
größten beutfdfjen äReifter mufc ber Sßtjantafie beB SÄufiferg ein frudjt* 
bares ©rbreief) fein. Dft wenn id) eä t)on ben ©ebirgS^o^en be* 
trachtete, fam mir' 8 in ben ©inn, wie nadfj jener fernen Älpenretfje 
wof)l mandfjmal 93eetljoüen3 Sluge unftät f)inübergefd)weift, wie äRogart 
träumerifdj oft ben Sauf ber ©onau, bie überall in 33ufd) unb SBalb 
gu &erfdf>wimmen fdjeint, verfolgt f)aben mag unb SBater §a^bn wol)l 
oft ben ©tepl)an8tf)urm fidj befcljaut, ben Äopf fd&üttelnb über fo 
fdjminblige §ö^e. 3)ie Silber ber 3)onau, beB @tepl)an3tf)urm$ unb 
beä fernen SltpengebirgS gufammengebrängt unb mit einem leifen fatf)o* 
lifdjen SBei^raud&buft fibergogen, unb man ljat eines toon SBien, unb 
ftetjt nun öoßenbä bie reigenbe 2anbfdf)aft lebenbig toor nn8, fo werben 



* 3RenbeI$jofjn.*" 



232 



woI)l cwd) ©aiten rege, bie fonft nimmer in uns angef fangen Ijaben 
würben. 33ei ber ©tjmplionie üon ©datiert, bem ließen, Mü^enben^ 
romantifdfjen 2eben barin, taudfjt mir f)eute bie ©tabt beutlidfjer atä 
je wieber auf, toirb es mir wieber redjt flar, wie gerabe in biefer 
Umgebung fotd^e SGBcrte geboren werben fönneu. 3dj wifl nid)t öer* 
fudfjen, ber ©gntpfionie eine $olie ju geben, bie toerfcfjiebeneu Sebent* 
alter wählen ju toerfrf(ieben in iljren £ejt* unb SSilberunterlagen, unb 
ber ad^tje^njätirige Süngling f)ört oft eine 2Beltbegebenf)eit aus einer 
SRufif heraus, wo ber 2Jtann nur ein 2anbe8ereigniß fieljt, wäljrenb 
ber SÄufifer Weber an ba3 (Sine noclj an ba8 Slnbere gebaut f)at unb 
eben nur feine befte 3Jhtfit gab, bie er auf bem §erjen Ijattc. ?lber 
baß bie Slußenwelt, wie fie Ijeute ftraljlt, morgen bunfelt, oft Ijinein* 
greift in ba$ 3«nere beg SMd)ter3 unb SJtufiferS, baS wofle man nur 
aud) glauben, unb baß in biefer ©ijmpljonie mef)r als bloßer fdfjoner 
®efang, mef)r als bloße3 Seib unb greub', wie e§ bie SRufif fdjon 
fjunbertfältig anSgef proben, verborgen liegt, ja baß fie un§ in eine 
Sftegion füfjrt, wo wir öorljer gewefen ju fein un3 nirgenbä erinnern 
fönnen, bicS jujugeben, f)öre man fotdf)e ©tjmpljonie. Jpier ift, außer 
meifterlicf)er mufifaltfdf>er Xedfjnif -ber ©ompofitton, nodf)2eben in aßen 
gafern, Kolorit bis in bie feinfte Slbftufung, SBebeutung überall, 
fdf>ärffter Sluäbrudt be8 ©injelnen, unb über ba$ ©anje enblicf) eine 
Sftomantit auSgegoffen, wie man fie f<f)on anberäwoljer an granj. 
©djubert fennt Unb biefe fjimmlifcfje Sänge ber ©tjntpljonie, wie 
ein biefer Vornan in fcier S3änben etwa öon Sean Sßaul, ber audfj nie* 
mal8 enbigen fann unb auä ben beften ©rünben jwar, um aud) ben 
s Sefer hinterher nad&fd&affen ju laffen* SBie erlabt bieS, bieg ©efül)t 
öon 9teidjtf)um überaß, wä^renb man bei Slnberen immer ba3 ©nbe 
fürchten muß unb fo oft betrübt wirb, getäufdE)t ju werben. @8 wäre 
unbegreiflich wo auf einmal ©dfjubert biefe fpielenbe, glänjenbe älieifter* 
fd&aft, mit bem Drd^efter umjuget)en, hergenommen Ijätte, wüßte man 
eben nidfjt, baß ber ©^mp^onie fecf)8 anbere Dorauägegangen waren, 
unb baß er fie in reiffter äKanneSfraft fd&rieb.* @in außerorbentlidjeä 
Xalent muß e$ immer genannt werben, baß er, ber fo wenig t>on 
feinen 3nftrumentalwerfen bei feinen Sebjeiten getjört, ju foldjer eigen* 
ttjümlidjen 33ef)anbtung ber 3toftrumente wie ber 9Raffe be$ Drdf)efter£ 
gelangte, bie oft wie 3Jienfd£)enftimmeu unb ©fjor bur^einanberfpredjen* 
2)iefe 9teljnlidjfeit mit bem ©timmorgan Ijabe id), außer in öielem 



* Stuf ber^artiturfte^t„gjiärä 1828"; im SRoöemberbarauf ftarb Sdju&ert. L (Sd).J 



ft. 6d)u6ert, Sgmpfyome. 233 

?$eet£)obenfcf)ett, nirgend fo täufdfjenb unb überrafdfienb angetroffen; es 
ift baS Umgefef)rte ber 9Jiet)erbeerfd(jett 83ef)anblung ber ©ingftimme. 
®ie ööflige Unabf)ängigfeit, in ber bie ©tympfjonie p benen Seetfjo&enS 
ftef)t, ift ein anbereS Qtityn ifjreS männlichen UrfprnngS. §ier felje man, 
wie ridjtig unb weife ©djuberts ©eniuS fidf) offenbart. S)ie grotesfen 
formen, bie füfjnen 93erf)ättniffe nadjjuafjmen, wie wir fie in 83eetf)o* 
aenS fpätern Sßerfeu antreffen, üermeibet er im SBewufctfein feiner be* 
fdjeibeneren Sräfte; er giebt uns ein SBerf in anmutt)t)oHfter $orm 
unb trofcbem in neu&erfdjlungener Sßeife, nirgenbS ju weit oom 
ÜRtttetpunft wegfüfjrenb, immer wieber ju if)m jurücffefjrenb. ©o mufe 
eS Sebent erf<$einen, ber bie ©ijmpljonte ficf| öfters betrautet. 3m 
Anfange wofyC wirb baS ©tänjenbe, SReue ber Snftrumentation, bie 
SBeite unb SBreite ber $orm, ber reijenbe SBedjfel beS @efüf)lIebenS, 
bie ganje neue SBelt, in bie wir berfefct werben, ben unb jenen Der* 
wirren, wie ja jeber erfte Änblicf üon Ungewohntem; aber auef) bann 
bleibt xtoti) immer baS tjolbe Öefüljl etwa wie nadj einem vorüber* 
gegangenen 9Jiärcf)en* unb $auberfpiel; man füfjlt überaß, ber ßom* 
ponift war feiner ©efdjidfjte Sfteifter, unb ber 3ufammenf)ang wirb bir 
mit ber &dt tüofjt auef) ftar werben. Riefen SinbrucE ber ©icf)erf)eit 
giebt gteic§ bie prunff)aft romantifdje Einleitung, obwof)t fytx nocf( 
alles gefjeimnifjüotl berpöt fdjeint. ©änjttd} neu ift aud) ber Ueber* 
gang bon ba in baS SCttegro ; baS Xempo fdjeint fic§ gar nidjt ju 
änbern, wir finb angelanbet, wiffen nief)t wie. S)ie einjelnen ©äfce 
jit jergliebern, bringt Weber uns nocf| Zubern greube; man müfjte 
bie ganje ©t)mpf)onie abfdjreiben , Dom no&eöiftifdjen ©f)arafter, ber 
fie bur<f)Wet)t, einen 93egriff ju geben. ÜRur oom jweiten ©afce, ber v 
mit fo gar rüljrenben ©timmen ju uns fpridjt, mag td) nid}t of)ne ein 
SBort fdjeiben. 3n if»m finbet fief) audf) eine ©teile, ba wo ein §orn 
wie aus ber gerne ruft, baS fd^eint mir aus anberer ©pf)äre fjerab* 
gelommen ju fein. §ier laufet auc§ afleS, als ob ein ^immlifd^er 
©aft im Drd^efter herumfdjticije. 

®ie @t)mpf)onie f)at benn unter uns gewirft, wie nadj ben SBeet* 
fjo&enfdjen feine uod). föünftter unb Shtnftfreunbe vereinigten fidj ju 
ifjrem greife, unb vom Süieifier, ber fie auf baS ©orgfättigfte ein* 
ftubirt, bafc eS prächtig ju oernefjmen war, f)örte id) einige SBorte 
f preisen, bie id) ©djubert f)ätte bringen mögen, als mefleid(jt f)ödf)fte 
greubenbotfd^aft für tf)n. Sa^re werben mefleidjt t)ingel)en, e^e fie fid) 
in Deutfc^Ianb ^eimifd^ gemalt fjat; ba§ fie üergeffen, überfein werbe, 
ift fein Sangen ba; fie trägt ben ewigen Sugenbfeim in fief). 



234 



3frcmä Sifet. 



©o f)at bcnn mein ©räberbefudf), bcr mid} an einen Serwanbten 
t>e$ ©efchiebenen erinnerte, mir einen jweiten Sohn gebraut. 25en 
erften. erhielt ich fd&on an jenem Xage felbft; idj fanb auf 93eetho&en3 
<Srab — eine ©taf)lfeber, bie ich mir tfjeuer aufbewahrt. 9iur bei 
feftlicher Gelegenheit , wie heute, nehm' ic£> ftc in Sraudj: mög' ihr 
$lngenehmeä entftoffen fein! ™ ~« 



£xan) «ißt- 
i. 

ÜRotf) angeftrengt Don einer 9teif)e üon fcd^S Soncerteu, bie er in 
^ßrag währenb eines achttägigen Aufenthaltes gab, fam §r. ßifjt 
vorigen ©onnabenb in 2)re£ben an. Äaum mag er irgenbwo fehn* 
lieber erwartet worben fein als in ber 9teftbenj, wo Etaüierfpiel unb 
©famermuftf toor SlQem geliebt wirb. SKontag* gab er ©oncert; ber 
@aat war glänjenb unb üon ben SSorneljmften ber ©cfcHfc^aft, auch 
t)on mehreren äRitgticbern ber f öniglidfjen gamitie befud^t. SlUe SBIicfe 
hafteten auf ber Xljür, wo ber Äünftler eintreten fotlte. Qwax fein 
93ilb ift vielfach verbreitet unb baS Don Äriehuber, ber fein Supiter* 
profit am fdjärfften gefaxt, ein ^öd^ft trcffIid}eS; aber ber Sitpüer* 
jüngling felbft intereffirt bodfj immer noch ganj anberS. 2Ran fpricht 
t>iel öon ber $rofa jefciger Xage, &on §of* unb 9tefibenjluft unb 
(Sifenbahngeift, aber es fomme nur ber fechte, unb wir laufchen an* 
bädfjtig jeher feiner Bewegungen. SBie nun erft bei biefem Mnftter, 
t)on beffen SBunberthaten fchon üor jwanjig fahren berietet würbe, 
beffen SKamen man immer neben ben bebeutenbften ju fyönn gewohnt 
war, Dor bem ftdj wie üor *ßaganini alle Parteien verneigten unb auf 
einen Stugenblicf toerföhnt f^ienen! @o rief ihm benu bie ganje Ser* 
fammtung bei feinem Eintritt begeiftert ju, worauf er anfing ju 
fpielen. ©e^ört hatte ich tö on toorljer;** aber es ift etwas an« 
bcreS, ber Sänftler einem publicum ober ©injetnen gegenüber — aud> 
ber ßünftler ein anberer. 2)ie frönen tyUm SRäume, ber Serjenglanj. 



* ben 16. Sttärä. 

** nämlidj in Bresben, roofjin ©djumamt gereift roar, um StfetS ©efanntidjaft 
madjen. 



Steina fitfot. 335 

bic gefdfjmücfte SSerfammlung, bieS alles erf)5f)t bie Stimmung beS 
©ebenben tute ber ßmpfangenben. SRun rührte ber 5)amon feine Gräfte; 
als ob er baS publicum prüfen wollte, fpieltc er erft gteidftfam mit 
ifyrn, gab ifym bann XieffinnigereS ju tjören, bis er mit feiner Äunft 
gteidfjfam jeben einjetn umfponnen ^atte unb nun baS (Sange t)ob unb 
fd^ob, tüie er eben wollte. 5)iefe Slraft, ein publicum fiel) ju unter* 
jodfjen, eS ju fyeben, tragen unb fallen ju taffen, mag wo§l bei leinem 
Äünftler, sßaganini ausgenommen, in fo l)oljem ©rabe anjutreffen 
fein, ©in SBtener ©dOriftfteller* tyatßifjt in einem ©ebid)t befungen, 
baS aus nichts als aus ben einjelnen 33udf)ftaben beS SlamenS ange* 
Ijängten ^Beiwörtern befielt; baS ©ebidfjt, gefd&macfloS an fidfj, l)at 
aber fein 9lic§tigeS; wie aus einem 2Börterbud)e, in bem wir blättern, 
rauften uns wie bort bie 33ud)ftaben unb SBegriffe, fo I)ier bie Xöne 
unb ©mpfinbungen baju entgegen. Stt ©ecunbenfrift wed&felt Qattti, 
ÄüljneS, ShiftigeS, XoHeS: baS 3nftrument glät^t unb fprül)t unter 
feinem SÄeifter. Ueber alles biefeS ift fd)on ^unbert SRale gefprod)en 
worben, unb bie Sßiener namentlich l»aben bem äbler auf alle mögliche 
SBeife beijulommen oerfudjjt, burcf| SRad&fliegen, mit ©triefen unb £eu* 
gabeln unb ©ebicfyten. Slbet man mufe baS l)ören unb audfj feljen, 
Sifjt bürfte burdfjauS nidf)t t)inter ben ßoutiffen fpielen; ein grofteS 
(2tficf *ßoefie ginge baburdj Verloren. 

@r fpiette unb aecompagnirte baS ßoncert Dom Anfang bis jum 
©d|jlu& ganj allein. StBie 9KenbelSfot)n einmal bie Sbee geljabt Ijaben 
foll, ein ganjeS ßoncert ju componiren mit Duüertüre, ©efangftücfen 
unb anberem 3ubet)ör (man fann bie Sbee getroft üeröffenttic^en jur 
Senulung), fo giebt auc§ Sifjt fein ßoncert jiemli^ immer allein. 
Ulur SKab. ©d(jröber<2)e&rient trat nodE) auf, weit unb breit woljt bie 
©injige, bie in fold)er SKal)e ftdj ju behaupten wei&. ßS war ber 
ßrttönig unb einige Meine Sieber &on ©djubert, bie fie im Vereine 
fangen unb fpielten. 

S3om ßinbruefe ju fpredjen, ben ber aufeerorbentlidfje Äünftler in 
Bresben gemalt t)at, fo fenne icf) ben JBeifaöSt^ermometer beS borti* 
gen ?ßublicumS nicf)t genug, um barüber entf Reiben ju fönnen. 2)er 
ßntt)ufiaSmuS würbe ein aufterorbentltdOer genannt ; freiließ ber SBiener 
fdjont feine §änbe unter allen ©eutfeljen wol)l am wenigften unb f)ebt 
fid^ in Abgötterei wol)l gar ben gefdfjlifcten fcanbfdjulj auf, mit bem 
er Sifjt jugeflatft^t. 3n ftorbbeutfd)lanb, wie gefagt, ift baS anberS. 

* 3. g. ©oftclii (Sicitcr aügem. muf. feiger 1839, ©. 252.. 



236 



3rcma Stfet. 



5)ienftag früh reifte Sifjt nach Seipjig. SSon feinem Stuftreten 
bafelbft baS nädtfte ÜJtal. 

9t. ©. 

IL 

SBermödjt' ich es, Entfernten unb gremben unb barunter tootjl 
SDfcanchen, bie nie Hoffnung Mafien, biefen Slünftler in 2Btrflid}feit ju 
fehen unb nun nadj jebem SBorte fuchen, baS über if)n gefprodjen 
wirb — bertnöcht' ich es, ihnen ein 33ilb bes ^erüorragenben SKanneS 
ju geben! Stber es h°t feine ©djttrierigfeiten. Slm leid)teften licfee 
fich noch über feine äußere ©rfdjeinung fpred)en. 2Ran §at fie bereits 
Metfach ju fdfjilbern gefugt, ber Sopf beS ÄünftterS ©chiüerifcf), auch 
Napoleonifdfj genannt, unb toie alle aufcerorbenttichen SKenfc^en einen 
#ug gemein ju ^aben f feinen, namentlich ben ber Snergie unb 
SBitlenSftärle um 8tug' unb SDiunb, f o treffen audj jene aSergleid^c jum 
Xt)cil. Namentlich gleicht er Napoleon, tüte nur biefen als jungen 
©enerat oft abgebilbet fehen — bleich, §a$tt, bebeutenb im Profil, 
ben StuSbrudf ber ©eftalt mehr nach bem ©Heitel h^^ufgebrängt. 
Sluffaflenb ift auch bie Sle^nlid^feit ÄifjtS mit bem oerftorbenen ßubttrig 
©chunfe, bie fich auch ^ e f er au f ü) re äunft erftrecft, fo bafc ich oft 
bei SifjtS ©piel fdjon früher ©et)5rteS toieber ju hören glaubte. Slm 
fdjtoierigften aber läfct fidE) über biefe Siunft felbft fprechen. ©S ift 
nicht mehr Stamerfpiet biefer ober jener Slrt, fonbem SluSfprache eines 
!ühnen SharafterS überhaupt, bem ju f)ttrfd)tti, ju fiegen baS ©efdjicf 
einmal ftatt gefährlichen SBerf jeugS baS friebliche ber Äimft jugetheilt. 
SSäie t)iete unb bebeutenbe Äünftler in ben testen fahren an uns bor* 
übergegangen finb, ttrie biete ttrir felbft befifcen, bie Sifjt in mancher 
SBeife gleidfjftehen, an (Energie unb Kühnheit müffen fie ihm alle 
fammt unb fonberS »eichen. Namentlich Xhatberg t)at man gern mit 
ihm in bie ©djranten fteHen, beibe mit einanber dergleichen wollen. 
3n ber Xhat braucht man nur beiber Sföpfe ju betrachten, um ben 
®$tufj ju jiehen. 3df) erinnere mich beS StuSfprud}S eines betannten 
äBiener Zeichners, ber ben $opf feines SanbSmannS nicht uneben mit 
bem „einer frönen Somtefc mit einer -äRännernafe" berglich, toährenb er 
bon SifjtS Äopfe fagte, bafe er jebem SJtaler §u einem griechifchen 
(Sott fifceu fönne. (Sin ähnlicher Unterfd^ieb gilt etwa bon ihrer ihtnft. 
Näher an Sifjt fteht fchon Shopin als Spieler, ber ihm toenigftenS 
an feenhafter ßartheit un & ®wjic nichts nachgiebt; am nädfjften roof)I 



237 



$aganini unb als SBeib bic Sttalibran, toon benen beibcn Sifjt auch 
baS SDicifte genügt ju höben befennt. 

Sifjt mag jefct gegen 30 %afyv alt fein. 2Bie er fdjon als Slinb 
ein SBunber genannt, wie er frtthjeitig in bie grembe öerfchtagen 
würbe, wie fpäter fein 9iame gtänjenb ^ier unb bort neben ben be* 
rütjmteften auftauchte, oft aud} wieber auf längere $eit toerfcholl, bis 
bann Sßagamni erfreu, ber ben Säugling ju neuem ©treben auf* 
ftadjelte, wie er plöfclich toor jwei Sauren in SBten auftrat unb bie 
fiaiferftabt enthufiaSmtrte — bieS unb anbereS ift belannt. ©ett 
ihrem Söeftehen t)at bie ßeitfe^rift bem Äünftter ju folgen gefud&t, f)at 
nichts verheimlicht, was für unb mtber ihn laut würbe, obwohl fid) 
bei SBeitem bie meiften Stimmen unb namentlich aller großen SJünftler 
jum £obe feines eminenten Talentes öereinigten. ©o fam er benn 
öor fötrjem ju uns, mit ben ^bd^ften Shren, bie nur einem Äünftler 
roiberfaf)ren lönnen, bereits gefchmücft unb feftftefjenb im Sftuhme; üon 
jenen ihm neue ju bereiten, biefen erfjöljen ju wollen, war fd&wer; 
leidster war eS, baran rütteln ju wollen , wie es ja ju allen Reiten 
Sßebanten unb ©djelme gegeben. Stuch baS Severe würbe fytx öer* 
fu(^t. ^lic^t burdj ßtfjts ©d)ulb war baS publicum burdfj bie 33or* 
ausoerfünbigungen unruhig, burch %ü)Ut im Soncertarrangement Der* 
ftimmt worben. ©in als SßaSquillant belannter äftann* machte ftch 
baS ju Siufee, anonym gegen ben Äünftler aufjuhefcen, unb „wie Sifjt 
nur ju uns gelommen wäre, feine unerfättUdfje Habgier ju beliebigen*, 
©ebenlen wir ber Unwürbigleit nicht weiter. 48 

2)aS erfte Soncert am 17ten [äRärj] bot einen fonberbaren Sin* 
blief. 3n fraufer güHe ftanb bie 2Jtenge burdjeinanber. S)er ©aal 
festen ein ganj anberer. 3)aS Drd)efter war ju Sßtäfcen für bie $u* 
horer benufet. Stojwifdfjen nun fiifjt. 

Sr fing mit bem ©cfjerjo unb bem ginate ber ^aftoralf^mphonie 
öon SBeethotoen an. S)ie Sßaht war launifch genug unb nicht gtücf* 
lief) aus Dielen ©rünben. 3m Bimmer, unter mer Stugen, mag bie 
fonft h&<hf* forgfame Uebertragung baS Drchefter öergeffen laffen; im 
gröfeern ©aal aber, an berfelben ©teile, wo wir bie ©tjmpliome 
oft unb öollenbet fd&on Dom Drdfjefter gehört, trat bie ©c$wäct)e beS 
SnftrumenteS um fo fühlbarer hert>or, unb um fo mehr, je mehr bie 
Uebertragung auch bit SWaffcn in ihrer ©tärf e wieberjugeben berfucht ; 
ein einfacheres Arrangement, ein Anbeuten 1)<xtit h ier vielleicht fogar 



238 



mef)r gewirft, ftennodj , oerftef)t eg fidf} , fjatte man bcn üJiciftcr auf 
bem Snftrumente §crau^get)&rt; man war aufrieben; man ^attc Upi 
wenigfteng bic 2Äät)nen fd£|ütteln gefetyen. 3m 83ilb ju bleiben, fo 
jeigte fic§ balb ber 2öwe gewaltiger. 25ieg in einer Sßtjantafie über 
I§ema3 &on Sßacini, bic er in aufjerorbenttidfjer SSeife fpielte. 816er 
alle bie erftaunlicf(e verwegene 93rabour, bie er l)ier jeigte, möchte id) 
uodj opfern für bie jauberljafte 3 a ^eit, wie fic ft<f) in ber fotgenben 
©tübe augfprad). £f)opin auggenommen, wüfete idj, wie gefagt, 9tie< 
manben, ber it)m t)ierin g!eidC|fäme. ®r fdfjlofc mit bem befannteu 
cfjromatifdfjen ©alopp unb fptelte, atg ber SSeifatt nid}t enben wollte, 
nodj feinen öefannten Sraüourwatjer. 

@rfdf)öpfung unb Unwoljlfeitt gelten ben Äünftter ab, bag Xageg 
barauf toerfprodfjene ©oncert ju geben. Sinftweilen war if)tn ein mu* 
fifalifdjeg geft bereitet worben, bag Sifet felbft, wie aflen Slnwefenben, 
wol)t ein unt>ergef$lic§eg bleiben wirb. 3)er geftgeber* fyatte lauter 
bem (Safte noti) unbelannte ßompofitionen jur Sluffü^rung gewählt: 
bie ©tjmp^onie oon granj Schubert, ben Sßfalm „wie ber $irfdj fdjreit", 
bie Dubertüre „9Reere3ftiHe unb gtücflicfie %afyxt m , brei Sf)öre au* 
^Sauluö, unb jum ©dfjlufc bag DmolbSoncert für brei ©faüiere öon 
©ebaftiau Sadf). 2efctere$ fpielten Sifjt, 2Äenbelgfot)n unb Ritter, 63 
fdjten alleg wie aug bem Slugenblicfe l)erborgewac§fen, tttd^td üorbe* 
reitet; brei gfücfltdje SDlufifftunben waren'g, wie fie fonft %cfyxt ntdjt 
bringen. ßum ©d&lufc fpielte audj Sifjt nodO allein, unb wunberüott 
genug. 3to freubigfter ©rregung trennte fiel) bie 93erfammlung, unb 
ber ®tanj unb bie $eiterfeit, bie ftdE> in Silier Äugen fpiegelte, möge 
bem ©eber ein ©an! fein für bie Jpulbigung, bie er bem berühmten 
Äunfttalente eineg Stnberen an jenem Slbenbe barbrad&te. 

$ie genialfte Seiftung Sifjtg aber ftanb ung nodjbe&or: äBeberg 
Soncertftücf , mit bem er in feinem jwetten ßoncert** anfing. SEBie 
benn an biefem Sbenb SSirtuofe wie publicum in befonberg frifd>er 
Stimmung fd&ienen, fo überftieg ber Sntljufiagmug wäfprenb beg ©pie< 
(eng unb jum ©dfjtufc audf) beinahe alleg l|ier Srlebte. SJBic Sifjt 
gleid) bag ©tüd anfaßt, mit einer ©tärfe unb ©rojs^ett im Äugbrucf, 
als gälte eg eben einen 3ug auf ben Äampfplafc, fo fütyrt er eg oon 
äWinute ju äRtnute fteigenb fort big ju jener ©teile, wo er fidO wie 
an bie ©pi&e beg Dr^efterg ftellt unb eg jubelnb felbft anführt. 

* 3. 9Kenbel$jof)n. [3d>. 1652.] 
** bcn 24. g^ärj. 



grana Stf jt. 



23» 



©cf>ien er an biefcr ©teile bodj jener getbtyerr jetbft, bem wir ü)n an 
äußerer ®eftatt vergli<$en, unb ber SBeifatt baranf an ihraft nid^t un* 
tyntiti) einem „Vive Tempereur". 2)er Äünftfer gab nodj eine 
Sßljantafie über Xt)ema« au« ben Hugenotten, ba« Slve ättaria, ©tänb* 
djen unb, auf Verlangen be« publicum«, nocl) ben ©rttönig von 
Säubert. 2)a« ©oncertftücf aber war unb blieb bie Ärone feiner 
Seiftungen. 

S3on wem ber ®eban!e beS 33Iumengefc§enfe« ausgegangen, ba« 
if)tn nad^ bem ©d&tufc be« ßoncerte« burdf) bie §anb einer beliebten 
©angerin* überreizt worben war, weifc idj nid&t; unverbient war ber 
Äranj gewifj ntdfjt. SBie viel enge« unb I)ämifcf)e« SBefen gehört baju, 
fotd^e freunbti<f)e Stufmerffamfeit befrittetn ju wollen, wie e« in einer 
Söemerfung eine« tyiefigen Statte« gefeiten ift, ?tn bie greuben, bie 
eud| ber Äünftter bereitet, t>at er fein Äeben gefefct; von ben SWü^en, 
bie if)m feine Äunft getoftet, erfahrt it)r nicljt«; er giebt eudj ba& 
Sefte, wa« er t)at, bie SBIüt^c feine« Seben«, ba« SBoltenbete; unb 
wir wollten if)m bann nid^t einen einfachen SBIumenfranj gönnen? 
Sifjt blieb audj nid&t« fdjutbig. 3n ficf)ttic§er greube über ben feu* 
rigen Smpfang, ber it)m im jweiten ©oncerte geworben war, jeigte er 
ftdj fd^nett bereit, nodf) ein britte« ju geben für irgenb eine milbe 
Stiftung, beren SCÖafjI er ber SBeftimmung ©infidfjtiger überliefe, ©o 
fpiette er am vergangenen SKontag** nodfj einmal jum SBeften be«» 
Sßenfion«fonb« für Iranfe unb alte SKufifer, nadfjbem er ben Xag vor* 
fyer ebenfalls für bie Strmen ein ©oncert in 3)re«ben gegeben tjatte. 
2)er ©aat war gebrängt voll; ber $wd, bem e« galt, bie 2Bat)I ber 
©tüde, ba« SDiitwirten unferer au«gejeic^netften Sängerinnen,*** unb 
vor SWem Sifjt« fetbft, Ratten bie Xljeilnat)me an bem Soncert ert)öt)t. 
9lotf( erfdjöpft von ber Steife, öon bem bieten Soncertfpieten in ben vo* 
rigen Xagen, fam Sifjt be« SDlorgen« an unb ging balb barauf in 
bie Sßrobe, fo bafj ifym bi« gur ©oncertftunbe nur wenig Qtit übrij 
blieb. 9tut)e gönnte er fid) gar leine. 3$ barf bie« ntdfjt unerwähnt 
laffen; ein SRenfcf) ift fein (Sott, unb bie fid)ttidf)e SSfaftrengung, mit 
ber fiifjt be« Slbenb« fpielte, war nur bie natürlid)e golge fo vieler 
vorangegangenen. 3n freunbttdjer ©efinnung Ijatte er fic§ ju feinem 
Soncerte von Sompofitionen breier tyier anwefenber ©omponiften ge* 
wäl)ft, von 2Renbet«f of)n , $ifler unb von mir: von 9Wenbet«fo^it 

* 3ftl. fiouife 8cf>tegcl. 
** ben 30. mt%. 

*** grau 93rünau*®rabau, gil 3tf)fegel unb grf. Sopfu'e &ö){q% 



240 



beffen ncufteö ©oncert [Dmoll], öon Ritter Stüben, bon mir mehrere* 
Stummem aus einem älteren SBerfe, Sarna&at geheimen* ßum @r* 
ftaunen mancher fchüdjternen SBirtuofen mög' eä h ier ftehen: Sifjt 
fpiette faft fämmtiidje Sompofitionen t>om Statt. Die Stäben unb 
ben Santasal I)atte er ftü^tig wot)I fdjon früher gefannt, 9Jtatbet3* 
fotjnä ©ompofition aber erft wenige Xage &or bem Soncerte lennen 
gelernt; metfad) angefprodjen, ^atte er aber jum eigentlichen Stubireu 
in fo furjer grift unmöglich Qtit finben fönnen* äftetnem leifeu 
Zweifel, ob überhaupt fo rhapfobifdjeS ßarnatoalleben auf eine SJJienge 
Sinbrud machen fönne, begegnete er burdf) feine fefte 3Ketnung, er 
l^offe e$. Dennodf) glaub' idf), h at er fM& getäufdijt. Stur einige 
SBorte über bie ßompofition, bie ihre ©ntfteljung einem 3ufall öer * 
banlt. 35er Üftame eines StäbtdhenS ,** wo mir eine mufitatifd&e S8e^ 
fanntjdjaft lebte, enthielt lauter 83udf)ftaben ber Xonleiter, bie gerabe 
auch toeld)e meines StamenS waren; fo entftanb eine jener Spielereien, 
wie fie feit 83adf)S Vorgang nid^tg SteueS mehr finb. ©in Stüd warb 
nach bem anbern fertig unb bieS gerabe jur SarnatoalSjeit 1835, über* 
bieg in ernfter Stimmung unb eigenen SSerhältniffen. $)en Stüden 
gab id) fpäter Ueberfdjriften unb nannte bie ©ammlung Catnaual. 
SUiag manches barin ben unb jenen reiben, fo Weddeln bodj auch bie 
mufifalifchen Stimmungen ju rafch, als bafc ein ganjeS publicum 
folgen fönnte, baS nicht äße Minuten aufgefcheudjt fein Witt. 2)ieS 
hatte mein tiebenSwürbiger greunb, wie gefagt, nicht berüdtfichtigt, unb 
mit \o großem Stntheit, fo geniatifd) er fpiette, ber Sinjetne war biet* 
leidet bamit ju treffen, bie ganje SJtaffe aber nidf)t ju heben. 49 SlnberS 
war eS fchon mit ben Stuben &on Ritter, bie in eine befanntere gorm 
einf dalagen; eine in Desdur unb eine in Emoll, beibe fehr jart unb 
djarafteriftifch, erwarben fidf) warme Xheilnahme. 2)aS Soncert öon 
SWenbetefohn war bereits burch ben ßomponiften fetbft befannt in 
feiner ruhigen SJietfterftarheit. Sifjt fpiette, wie gefagt, bie Stüde 
betnahe bom Statt @S tjjut itjm bieS Sftiemanb fo leicht nach. 3m 
motten ®lanje feiner SSirtuofität geigte er fidfj noch im Sdfjtufcftüd, 
bem ^ejameron, einem 93ariationenct)ftuS bon Xhatberg, $ij:iS, §erj, 
[ßjernt), ©hopin] ßifst fetbft. 3Ran mufc es bewunberu, wo 
Sifjt nodh bie Äraft h^nahm, baS ^ejameron jur Jpatfte jit wieber* 
holen, unb bann nod) ben ©atopp jur greube beS sßublicumS. ©o 



** Slfdj in SBitymen. 



Ritter, $ie 3erftörung 3erufalem3. 



241 



gern f|ätte idj genuinfdjt, baß er aud) wn Chopins ßompofitionen, 
bie er un&ergfetdjlicf) unb mit größter Siebe fpielt, öffentlich toorge* 
tragen tyätte. Stuf feinem ßimmer giebt er freunblic§ alles, roaä man 
t>on SRufil t)on i^m ju pren ttmnfdjt. SSBie oft t)ab' id) ifjm ba mit 
33enmnberung juge^brt ! 50 

©ienftag Stbenb oerfieß er und. 



„Die 3er(törttttj} 3erttfalem*" 

Oratorium toou ftcrbtuanb filier,* 

@rfte s Xuffül)rung in Seidig >en 2. Styril]. 

5Da3 Urtfjeil über ein fo großartige«, compttcirteS SBerf naef) ein* 
inatigem §ören fann nur ein anbeutenbeS fein. S)ie 2luffüt)rung fanb 
jum Seften ber fyiefigen Strmen geftem Stbenb unter ber perforieren 
Seitung be3 Somponiften ftatt. ß^or unb Drdjefter waren reid) be* 
fefct. SSon ben frühem Seiftungen gerbinanb §iöer3 f)at bie ßeitfd&rift 
in immertoätirenber großer Xt)eilnaljme an feinem bebeutenben Streben 
öon ict>er getreulidj berietet. !Rad)bem toir mehrere 3al)re, bie ber 
©ompomft in Stalten berlebte, nichts öon ifjrn toeroommen, tritt er in 
nmrbigfter SEÖeife mit einem SBerfe auf, ba8 be$ 9tu8gejeid)neten unb 
(Sigentpmlic^en fo oiel enthält, baß toir mit greuben beffen balbigfter 
SBeroffentlidjung entgegenfeilen. 2lm meiften baran erfreut uns ba» 
fräftige Solorit, ber ©ruft unb bie geftigfeit beS ©titö, im ©injelnen 
ba« SReijtootte, SKalerifc^e unb $I)antaftifcf)e. gtalien, ba3 uns unfere 
3ünger fonft immer mit t>erfe()rten Slnfid^ten jurüdfgefd&idft, §at in feine 
äßufif nur meljr 2lnmutf) unb SBeidjfyeit gebraut, ifjm ntdjte öon feiner 
beutfcfjen $raft genommen; man fann e3 ni<f)t genug rühmen. S)er 
Xejt (üon Dr. ©teintjeim) ift jiemlicf) einfad^, bie §anbfung eine ge« 
fannte.** SSon ^erfonen treten auf: ^ebefta, Äönig in Suba, 

* »gl. ben foäteren 2(rtifel aus bem 9faf)re 1841. [©dj. 1852.] 
** $a$ Oratorium toar urjprünglidj Seremia benannt. 2>er $)idjter be$ 
5£ejte$ erftärte foftter (1842, XVI, 84), bie flutotföaft ablehnen ju muffen, ba ber 
<£omj>onift nur einige Strophen bcffelben ju ber „3erftörung 3erufalem$" benufet 
unb fclbft btefe mit SBiöKtrliä^feit burdjeinanber gewürfelt fyabe. 

Sdiumann, @ef ©djriften. IL 16 



242 



SJhiftfteben in Seidig toftfjrenb be$ SBmterS 1839—1840. 



Shamitat, beffen SDtutter, SeremiaS, Sichtcam unb beffcn ©d&wefter, unb 
einige untergeorbnete. 2)ie 3eid)nung ber ©haraftere ift fdjarf, na* 
mentlich ber ber ©hamital. 2)en Seremiaä wünfcf)ten wir vom Sinter 
energifdjer gehalten; bie SRufif mufcte natürlich junäd^ft bem Xejte 
folgen. SBorjüglichftea unb in mufifalifdjem SBetradjt ba8 Xüdjttgfte 
unb Äunfivoöfte enthalten bie S^bre, bie färnrntlicf) mit großem 9tn* 
ttjeil gehört würben; unter btefen ragen namentlich Ijer&or: „©ine 
©eete tief gebeuget", bie betben ber S)iener ßebefiaS, ber ©djlufjchor 
be8 erften XtyilM, ber ber Sfraeltten „bu ®ott ber Äangmuth" unb 
„wir jietjn gebeugt". 93om ,$5aulu3" unterfdjeibet fid) bie« Oratorium 
wefenttief); e3 neigt fid) mehr nach ber ßufunft ^in. SBir werben 
fpäter bei 93eröffentlicf)ung bed SBerfea barauf jurücffommen. S)ie 
Aufführung unter be8 ©omponiften ruhiger unb fidfjerer Seitung war 
eine ganj auSgejeichnete. 12. 



Jlttftfleben in Mm waljrenb Des «Vinters 1839—1840. 

2Ran wirb eS jugeben müffen, in biefem von ber ÜWatur fo [tief* 
mütterlich behanbelten Seipjtg blitzt bie beutfdje 3Kuftt, bafj e8 fid), 
ohne für unbef Reiben ju gelten, neben ben reidjften unb größten 
grudjt* unb Stütfjengärten anberer ©täbte fehen laffen barf. SBelche 
SUienge ausgezeichneter Äunftwerfe würbe uns aud) im vergangenen 
SBinter wieber vorgeführt, wie viele bebeutenbe Äünftler erfreuten uns 
mit i^rer Shtnft! Unb wenn ftd) biefe Slnerfennung regften 9Rufifleben8 
namentlich auf bie ^iefigen ©oncertinftitute bejief)t, fo geflieht bod) 
im SSerhäItni§ ju anbern ©täbten auch in anbern Stiftungen ©rfreu* 
lidjeä. $)a3 Xheater verforgt uns, wie eine gute SKobehanbtung, 
wenigftenä immer mit bem teuften aus SßariS unb jählt unter feinen 
SKttgliebern einige feljr fdjafcenSwerthe* Slud) bie Sirdje feiert nicht, 
wenn freilich mit ben vorhanbenen SDiittetn auch ^ oc h 9 a «i Stnbereä 
erreicht werben fömtte. STuf glänjenbfter ©tufe aber, wie gefagt, fteht 
bie ©oncertmufü. ©3 ift befannt, wie in ben jefct balb ein l^aI6e^ 
Sahrhunbert alten ©ewanbhauäconcerten vor ädern ber beutfehen 
3Kufif ein gebiegener §eerb gegrünbet ift, unb wie von biefem 3nfti* 
tute in ber $h öt m § x a ^ i e flelciftet wirb, ©inen berühmten SDietfter 
an ber ©pifce, h*t fich in ben legten Sohren ^tö Drd&efter in feiner 



Auftrieben in tfeipjtg toityrenb be$ SBtnterS 1839—1840. 243 

SBirtuofität noch immer t>ert>ollfommnet. 3m Vortrage bcr ©tympho* 
nteen namentlich finbet e« unter ben beutfchen wof)t !aum feine« 
®Ieicf)en, wie fich in ihm audfj auf ben einjelnen Snftrumenten tüchtige 
äReifter befinben. Sluch waren in biefem SBinter üon ber ©irection 
®efangtalente gewonnen worben, bie un« ben SBerluft ber in ben Der* 
gangenen engagirten auSgejeidjneten englifchen Sängerinnen !aum 
fühlbar matten, ©o war man immer auf äbwedjfelung bebaut, wag 
bie gewählten Sompofitionen wie bie auftretenben fremben unb etnhei* 
mifchen ihinftler betrifft. SJon ben erfteren, at« bem Sieibenben, 
juerft gu fprecf>en, fo ftellte fich, wie früher fo auch h cucr , in ber 
2Baf)l ber jur Aufführung gebrauten SBerfe ber ®ef.cf|macf für bie 
ältere claffifche ©chule auf ba« ®ntfd>iebenfte tytatä. 93eetfjo&en« 
Kamen finben wir am häufigfien auf ben ßoncertjettetn, ihm juuächft 
SRojart unb §at)bn- 2Rit SSorliebe waren SBeber, ß^erubini unb 
Spot)r bebaut. 89ad}, §änbel unb ®Iucf tarnen jeber einmal toor, 
roie öfter bie bei ©ängern un&ermeiblichen (Sjtreme Sftoffini, SeHini 
unb S5onigetti. Slufjerbem würben un« jtemlich üon allen bebeuten* 
bereu beutfchen äReiftem ber ®egenwart Sompofitionen vorgeführt, 
mie üon SWarfchner, ©cfjueiber, Dn«low, ÄaHiwoba iu a. ©änjlidj 
öermiffen wir Sachner unb ßoewe, wa« ber 3\i\a\l gemalt, ©nblich 
(am auc^ öon Gompofitionen nodfj unbefannter Äünftler einige« ju 
©ehor, unb biefe, wie bie biefen SBinter hier in Setyjig jum erftenmal 
aufgeführten SBerfe, fycfom wir hier t>or$ug«weife ju beforechen, — 
tme e« aber nach einmaligem Sinteren unb bei bem Dielen SÄateriat 
nicht anber« geforbert werben barf, nur anbeutenb unb in Äürje. 

3uerft ber oberften ©attung ber 3nftrumentalmufü , ber ©9m* 
Phonie, ju erwähnen, fo waren es brei, bie wir jum erftenmal gehört: 
t>on fiinbblab, Sittl unb Salliwoba, von benen fich bie erfte 
ben wenigften, bie legte ben meiften JBetfaU erwarb. ®er ©omponift 
ber erfteren, auch fä 0 * gebrucften ©tjmphonie [Cdur] ift ein ©df)webe 
unb bereit« al« ßiebercomponift in biefen SBlättero mit Stuäjeichnung 
genannt, ©ein SBerf hätte ich öor htm ipören fchon lennen mögen; 
e« ftedtt mel Arbeit, Sßlan unb ©ebanfe barin, unb e« h a * a ^ e i ene 
befcheibenen SSorjüge, von benen ba« publicum nicht« wiffen will. 
35ie Xheilnahme ber Senner ^at fich ber 2lu«länber mit feiner @^m* 
phonie gewifc gewonnen; fich be« publicum« ju erwerben, gewähre 
er ihm f)te unb ba, ohne fich von feiner Shtnft ju »ergeben, wa« bei 
gtüdElidher (Sinftcht gar wohl ju Bereinigen ftet)t Sebtjaftere«, fangui* 
nifdhere« Xemperament jeigt bie Sagbfomphonie be« ipm. Äittl, eine« 

16* 



244 9Äuftfle6en in Seidig todljrenb beS SBmtetS 1839—1840. 

noch jungen fraget XonfefcerS; fie ^atte fo ju fagen einen succös 
populaire, ber fidö mit jebem ber ©ä|e fteigerte, bie fid^ in fidf) fetbft 
auch fteigerten. 2)er erfte ©afc ift Aufruf unb Seginn ber Sagb" 
überfcfjrieben ; baS Slnbante bilbet ein ©afc „Sagbare", baS ©cherjo 
einer „(Setage* genannt, bem fich bann ber „33efcf)lu& ber Sagb" an* 
fchliefet. SBie eS ber SBorwurf mit ftdj braute, fo h&tte bie Sföufif 
einen burdjauS fröhlichen Stnftrich unb bie $örner erschallten oft waib* 
männifch genug. 2)en Eomponiften uns werther ju machen, öerriett) 
fie aber auch fcf)on eine ©ttteigentljümftd&feit, wie fie ©^mp^onieen' 
fdfjreiber jungen SllterS nur auSnahmSweife befifcen, fo bafe wir mit 
^teube auf feine fpäteren ©^mp^onieen auffehen, wie wir bann bem 
muntern 3äger einmal in anberer ®efühl3fpt)äre ju begegnen tjoffen, 
wenn eS anberS feiner SKatur nicht juwiber läuft. 2)ie ©t)mpt)onie 
wirb übrigens biefer Xage im 2)rucf erfcheinen. 

Ueber bie ©^m^onie toon ßaltiwoba, feine fünfte [Hmoll], 
berichteten wir fchon in einer Weinen SJiotij, wie fie uns innig wohl* 
gefallen h&be; fie ift eine ganj befonbere unb, was bie bom Slnfang 
bis jum ©chlufe fich gleichbleibenbe &ättt unb Siebtidjfeit anlangt, 
wot)l einjig in ber ©tjmpt>onieenwett. §ätte ber Somponift etwa eine 
SJiufif jur „Unbine" geben wollen, fo wären jene ®igenfdf)aften auf baS 
Scid^teftc ju beuten, ba er'S aber nicht gewollt, fo ift feine ©tjm* 
Päonie nur um fo ^ö^er ju fdjäfcen. SBBic fcf)ön h at uns & er ® oms 
ponift mit biefem Sßerfe getäufd)t! (Staubten wir if)n, ber in einem 
entlegenen Keinen Drte wohnt, wohl gar gegen fein Xatent gleichgül* 
tiger geworben unb ber 9tuf)e geniefeenb, wätjrenb bie ©gmpljonie na* 
mentlidfj in §infic$t ber Suftrumentation ben immer fortgefdfjrittenen 
ÜKctfter belunbet unb nur, wie gefagt, in eine jener feltenen ©eifteS* 
regionen führt, ber bie oben genannte <$ee entfprungen ift! ©aju 
fchliefeen fich bie öier ©äfce fo jart in einanber, bafj fie wie an einem 
Xage gef Raffen f drehten; wie bie ©^mp^onie aud^ funftreidjerer, feiner 
gewirfter $üge t>oü ift, wie fie bie ätteifterhanb oft erft bem Dfyre ju 
verbergen weife, bis biefeS bann burdf) baS Stuge barauf aufmerff am 
gemalt wirb, ©o begrüben wir benn in Saöiwoba einen noch immer 
grünen tebenSfrifchen ©tamm im beutfcf)en 2Rufifer*$tchterwatb unb 
hoffen it)n balb wieber auf biefem gelbe ju treffen, wo er ftdf) fd^on 
fünfmal mit Qfyvtn behauptet f)al SBie er auch ein befcheibener Sföeifter 
ift, möge für feinen tünftigen 85iograpt>cn noch bemerft fein burch fol* 
genben 3ug, ben ich ni^t verbürgen will, obwohl er ihm ganj ähnlich 
fieht. @S fam ihm nämlich erft toor einigen 3ahren noch in ben 



3Kufttte6en in Seidig tod^renb be3 SBinterS 1839—1840. 245 

©tun, ba£ er wohl noch nicht genug wiffe unb fönne, we«halb er 
ftd} bann an einen Xonfefcer in Sßrag* wanbte, bei iljm Unterricht ju 
nehmen im boppetten ßontrapunft, in ber $uge :c. $offt man triel* 
leicht, ber $rager Sunftbruber t>abe ihm barauf geantwortet: „lehre 
mic^ erft fold^e ©ijmphomeen wie bie beinigen machen, al«bann nimm 
färlieb mit bem, wa« id^ habe" — fo irrt man. Der 93ruber in Slpoö, 
wie S3eett|ot)en oft feine greunbe unter ben ©apellmetftern nannte, 
wollte fid) gern barauf einlaffen, verlangte aber ein fo enorme« ipo* 
norar, bafj ber trefflid^c EapeHmeifter, ber übrigen« fcfjon Keine auf* 
jietjt, mit großem Sftcd^tc gar nicht barauf einging unb lieber wie früher 
fortcomponirte. Die ©efdfjidjte ift artig unb mag, wie gefagt, öon 
bem jufünftigen SebenSbef Treiber nicht überfein werben. 

Die« waren benn bie brei neuen ©ijmphonieen; eine gleiche Sin* 
jat)l Nörten wir auch öon Dutoertüren: jur Dper „ber ßigeunerin 
SBarnung" öon 3. SBenebut, jur „©enueferin 1 ' üon Sinbpatntner, 
unb eine öon Suliu« 3Hefc in Düffetborf. Die beiben erften finb 
bereit« gebrueft, im Uebrigen tfeine Äunftwerle erften fftange« fonbern 
eben Xheaterou&ertüren, wie e« beren ju Dujjenben giebt, unb auf 
ben SBcifaU hin gefdf)rieben. ©ehr bebeutenb festen mir bagegen bie 
britte, eine burdj unb burch beutfdje, lunftreiche, im Detail noch ettü a« 
überlabene Sirbett, bie nach einmaligem Stnhören laum ganj ju er* 
grünben war; bem ßhataftet na $ e * ne Dtchefterno&elle, mit ber man 
eben gut ein ©hafefpearefdfje« Suft* ober ©djaufpiet eröffnen lönnte. 
Der Xitel („Soncertoubertüre") befagte nicht, ob fie gu einem befonberen 
©ujet gebaut fei; wie gefagt, wir hätten SSerbadfjt auf ©halefpeare. 
SWochte fie bodj balb veröffentlicht werben; fie öerbient ebenfo gut, 
wie ihre jwei erft genannten 9tamen«fchweftern, ja im SSerhältnifc ju 
biefen auf SBelin gebrueft ju werben.** 

Dafe wir an einem ber @ewanbhau«concertabenbe auch fämmtliche 
Cuoertüren, bie SBeethoben ju feinem gibetio gef ^rieben, ju h ö * en 
befamen, ift fdfjon früher angejeigt worben, sugteich mit freubiger Sin* 
erfennung biefer großen Setftung feiten« be« Drchefter«. 51 Den ßefer 
über biefe toier Duöertüren unb ihr SSerhattnifc ju einanber auf jttflären, 
mag hier golgenbe« bemerft fein: Die an jenem Slbenbe al« 9tr. 1 
aufgeführte ift bereit« bei §a«linger in SBien in Partitur erfchienen 
mit bem93eifafc auf bem Xitel ,,au« bem SRachlafc''; fie geht au«Cdur 



* Xomafdjef. f@d). 1852.1 

** (53 ift bie jeitbem gebwefte in Adur. [<§cf}. 1852.] 



246 Sttuftfleben in Seidig toöfjrcnb be3 SBtnterä 1839—1840. 

unb ift wofjl bie crftc überhaupt, bic S3eetf)ot)en ju feiner Dper fdjrieb, 
unb bie bei ifyrer erften 9tuffütyrung wenig gefallen ^aben fott. Sie 
. atS 9tr. 2 gefpiette befinbet fidj nodf) int SKanutyxipt im SBefifce ber 
SSrcitfopf unb gärtet gef|t ebenfalls aus C unb ift offenbar baS 
Original, nad) weitem 33eetf)ot>en fpäter bie betannte grofce, bei 33rcit* 
lopf unb Härtel in Sßartihtr erfdfjienene arbeitete; bie merte enblid) ift 
jene letztere in Edur, bie man gewöf)ntid£) in ben Sweatern t)brt. 
9Ködf)ten fid) bodj bie öerfcfjiebenen Verleger bereinigen ju einer 8tuS* 
gäbe fämmttid&er mer Du&ertfiren in einem Söanb; für Söietfter unb 
©dfjüler wäre foldj ein SBerf ein benlwürbigeS 3eugnife einesteils beS 
gteifceS unb ber ®ewiffeni)afttg!eit, anberntfjeils ber wie im ©piet 
fdfjaffenben unb jerftörenben ©rfinbungSfraft biefeS SSect^otJcn, in ben 
bie Statur nun einmal tjerfdfjwenberifdj niebergetegt, woju fie fonft tau* 
fenb ®efäfce brauet* Dem großen Raufen freüidj gilt es gleich , ob 
SBeettyoöen ju einer Dper mer Du&ertüren fc§rieb, unb ob j. 83. 9fcof* 
fini ju trier Dpern eine Dutoertüre. 5Der Slünftler aber fott alle ©puren 
verfolgen, bie jur geheimem Slrbeitswerlftatt beS SJJieifterS führen, unb 
bafc eS tfjm erleichtert werbe, ber nidE>t gleidf) ein if>m alle trier Du&er* 
türen fpietenbeS Drdjefter finbet, möge man an eine ©efammtauSgabe 
jener Dut>ertüren benlen, Weidjen SBunfdfj wir nidfjt vergebens auSge* 
fprodfjen ^aben möchten* 

$af$ aufeer älteren unb neueren ©t)mpf)onieen unb Duüertüren 
in ben Slbonnementconcerten audj größere (SnfembleS aus Dpern, geift* 
tid(je S^bre unb Stef)nIidfjeS aufgeführt werben, weife man aus früheren 
93eridf)ten- Sludf) t)ier erhielten wir intereffanteS SReueS- ßuerft &on 
ber ©ompofition beS §rn. SapettmeifterS ©Ijelarb bie Du&ertüre, ben 
jweiten Stet unb baS ginale feiner Dper „bie §ermannSfdfjIad)t". Dt)ne 
Stnftrengung lonnte t)ier ein Unwiffenber erraten, bafc bie ÜJiufif leine 
für ben ßoncertfaal gefdfjriebene, unb bafe if)r ©ffect üon ber SBütyne 
jjerab beregnet war. S)ie 3ttftrumente unb ©timmen erftieften fidf> 
faft in biefen engeren Räumen unb ber jarte ßoncertfaat fdjien etwa 
wie ein altes ©itbermannfdf)eS Statrier unter ben Rauben eines Sifjt. 
SBie gefagt, im Xtyeater wirb bie Dper wirfen wie fie fott, unb i)at 
eS audf), wie frühere 93eridf)te aus 3Kündf)en, wo bie Dper ganj ge* 
geben würbe, bereits gemetbet tyaben* $)er 33itbungSgang beS (Som* 
poniften mag übrigens ein intereffanter fein; er ift ein umgefetyrtcr 
Söle^erbeer, ein auf beutfdfjen S3oben umgefefcter franjöfifdjer äRufiler, 



* 3ft feitbem geföelfen. [@dj. 1852.] 



SKuftf leben in ßeip$tg nmfjrenb be$ 39&tnter$ 1839—1840. 247 

mit un&erfennbarem Streben nadf) tieferer ßfjaratterifttl , bei entfdjte* 
benem Xatente befonberS jur Snftrumentirung , wie jene 93rurf)ftiicfe 
beutlic§ bartf)aten. SRamentltcf) enthielt bie Du&ertüre öiel ©igentijüm* 
lidfjeS nnb ©d&öneS. Der ßomponift birigirte fclbft nnb würbe toom 
publicum mit öfterem SöeifaU begrübt. Durc§ feine Berufung an 
Rummels ©teile nnferer ©egenb nä^er gelommen, wirb uns tyoffent* 
lid) ber liebenSwürbige Äünftler balb ©elegenljeit ju toielfeitigerer S5e* 
fanntfd^aft mit feinen SBerfen geben. 

©ine onbere SJteuigfett mar ein ©ebet Verteil) uns ^rieben 
gnäbigttdj" narf) SBorten t>on Sutf)er toon SöienbelSfofyn, baS am 
SSorabenbe beS SfteformationSfefteS l)ter junt erftenmal gehört mürbe; 
eine einjig fd&öne ©ompofition, &on beren SBirfung man fidj nadf) bem 
blo&en Slnblicf ber Sßartitur wol)l fanm SBorfteUnng machen fann. 
Der ©omponift fd&rieb fie mä^renb feine« 8tufentl)atteS in Sftom, bem 
mir audfj einige anbere feiner Äirdfjencompofitionen öerbanlen. 2Bie 
wünfcfjte idjj bod>, nnfer ©ottföalf SBebel l|ätte baS „©ebet" gehört! 
fein Stuffafe über „Umgeftaltung ber $irdf>enmufif"* märe ein anberer 
geworben. Das Keine ©tüdf toerbient eine SSeltberütimt^eit nnb wirb 
fie in ber 3"tunft erlangen; SRabonnen Don 9lapl)aet unb SRurillo 
fonnen nidfjt lange verborgen bleiben. 

9todj gab uns berfelbe SKeifter am 9teujat)rStage einen neuen, 
eben üoßenbeten größeren $falm nac§ ben SBorten beS H4ten „Da 
Sfrael ans ©gljpten jog" jn Jjören. SBer toiel nnb rafd) nad^einanber 
in berfelben ©attnng fcljreibt, fe&t ftd> um fo efjer SBergleid)ungen aus. 
©o war eS aucf| tyier. Der öftere föftlicf)e Sßfalm Don 2JienbelSfol)n 
„Sßie ber §irfd& fd&reit" lebte norf) bei Sitten in frifd&em Stnbenfen. ©S 
entftanb aReinungStterfd&tebentyeit, welche Arbeit wol)l bie bebeutenbere 
fei, unb bie größere änjalil ber Stimmen fdjieu fidf) ber alteren ju* 
juwenben. Sßir führen bieS jugleidj als einen JöewetS an, wie baS 
^iefige publicum, tro| feiner SBereljrung für ben ©omponiften, fidO it)m 
bodfj auä) nidjt blinb ljingiebt lieber bie fpeciellen ©d&öntjeiten beS 
neuen SßfatmeS lann aber wo§t SRiemanb im ßweifel fein, wenn id> 
auti) nid&t leugne, bafc er, was griffe ber ©rfinbung anlangt (na* 
menttidj) in ber legten Jpalfte), gegen ben älteren jurüdEjufte^en fdjeint 
unb audfj an fdjon öon SRenbetSfo^n ©etjörtes erinnert. 

©nbtidf) braute uns norf) baS te|te ©oncert als SReuigfeit bie 



* $er ?Tufjat (1839, XI, 145) eifert gegen bie Sfawenbimg beS Ord)efter3 in' 
ber ßirdje. 



24S SRufifleben in üeipjig ttmfjrenb be$ SBinterS 1839—1640. 

Duöertüre, ©erid)tsfcene uttb ginale aus ben „Slbenceragen* Dort 
Stjerubini, bic id) ju t)ören toerljinbert war. SDie SKufif foH l)err* 
lief) gewefen fein, was für bic, bic biefcn SÄeifter fcnncn, wol)l faum 
einer 93erfid£)erung bebarf. 

SRodf) müffen wir banfenb ber einzelnen Äünftler unb Sünfilerinneit 
erwähnen, bie bic ®ewanbl)auSconcerte mit iljren 3?orträgen üerfcpnten. 
2ÜS etfte Sängerin war grl. ©life SÄeerti aus Slntwerpen, als 
jtüctte grl. ©opl)te ©dfjlofe aus ßöln engagirt. ®ie Xl^eilnafpne 
beS *(5ubIicumS für bie erftgenannte fteigerte fid) mit jebem Äbenbe 
jufeljenbS; fie gehört eben nidfjt ju jenen glänjenben 33ratoourtalenten, 
bie fidj fdjon beim erften Auftreten il)r publicum ju erobern wiffen; 
iljre SSorjüge erfannte man erft atfatätylidE), wie fie fie audj erft nad> 
unb nadj in aß' ii)rer ßiebenSwürbigfeit entfaltete. Seiber tonnte fie 
in ber erften Qtit ^ reS ©iwftinB nod) ju wenig Deutfd^, um uns in 
unferer ©prad£)e ju fingen, unb fo war es benn meift Stalienifd&eS unb 
2)eutfd^*franjöfifd^eg (©pontini, SUietyerbeer, S)effauer), was wir ju 
Ij&ren befamen. @rft in tfjrem 8tbfd£)iebSconcert fang fie ein beutfdieS 
Sieb üon SWenbelSfoljn,* baS in uns wentgftenS länger fortflmgt als 
all' baS Sttnbcre, aus auefj fo innigem ©emütl) fdfjien es ju fommen; 
wie fie benn in ©ttmme unb Vortrag etwas öorjüglid) ©bleS unb 
©ittfameS an fiefj f)at. ©nbe Sanuar üerliefe fie uns fdfjon, wirb aber, 
wie wir mit Vergnügen t)bren, nädfjften SBinter jurücffeljrcn. 9tad) 
iljrem gortgange würbe benn auef) bie anbere ©ängerin, grl. ©dfjloft, 
meljr befdEjäftigt, bie bie SRäfje ber SReerti wie baS itjr frembe publicum 
woljl auef) befangen gemadtjt Ratten. Sftun aber otyne 9flebenbut)lerin, 
übrigens im S3efifc einer wahren S3ratoour* unb Soncertftimme, jeigte fte in 
furjer Qtit faft unglaubliche gortfdjritte. 3ntonation, früher 
fdjwanfenb, fcf)ien bei jebeSmaligem Sluftreten an ©idjerljeit, bie So* 
loratur an ©auberfeit unb bie ganje ©timme an Sraft gewonnen ju 
Ijabeu, fo bafe baS publicum fie mit immer wärmerer Xf)eilnal)me auf* 
natjm unb bie frühere 3urücffefeung öollfommeu wieber gut madjtc. 
Sie Sängerin, nodt) jung, fleißig, überbieS ftarf unb fräftig gebaut, 
t)at eine fd)öne ßufuuft üor f^' ^orin wir uns [nid^t ju tauften 
glauben, ©ine nidfjt minber glänjenbe bürfen wir einem anbern %a* 
lente öerfpredjen , bem aufeerorbentlidjften für SBirtuofität, baS uns 
feit lange begegnet ift, einem SBiolijifpieler SftamenS &f)rifiopl) &tlf, 
ber ftdf) gleichfalls in ben Slbonnementconcerten jweimal ^ören liefe. 



* ift beftimtnt in ©otte§ föatfj" 



SDtuftffeben in ßet^tg toäljrenb be« SBinterS 1839—1840. 



249 



©chon anbete Slätter ^aben berietet, tüte er, aus bem ©töbtehen 
©Ifter im fädjftfcfyen SSoigttanbe gebürtig unb feiner Sßrofeffion nach 
ein Seinweber, früher jahrelang jum Xanje in ©Renten *c. borgefpiett; 
enbtich toor ungefähr anberttjalb Sauren, Don unwiberftehticher Siebe 
jur äJhtjtf getrieben, bie SSioIine auf bem 3Rücfeu, fid) nach Setpjtg 
aufmalte, was ihm wot)t fdjon feit ber Ätnbf)eit als teucfjtenbeS ßiel 
feiner äBanberfchaft toorgefchwebt I)aben mochte, ©o !am er tyier an, 
rot) unb unbehauen wie ein SRarmorbtocf, unb ber S)inge wartenb, 
bie über il)n ergeben fotitett* ®r geriet!) in bie beften §änbe, in bie 
unfereS ©oncertmeifterS S)airib, ber benn balb erfannte, bafc bie inneren 
Schönheiten biefeS mertwürbigen XatenteS fyetavL&iufixbtvn, eS nur ber 
gortf Raffung ber groben §ütte bebürfe, unb bafc, um nirgenbs ju 
befchabigen, felbft hierin toorfid&tig ju SBerfe gegangen werben müfete. 
Snt fiebenten Goucerte tiefe er benn feinen ©chüler in bie ©iegeS* 
rennbaljn. S)er ©tücf liehe! oon ber gurcht anberer angehenber unb 
einge^enber SBirtuofen, bie fpieten, als fc^tuebe ein 2)amofte3'@chwert 
über ihren ipäuptern, fdjien er nichts ju fpüren; er verliefe fich auf 
feine gute ©eige, bie ihm fcfjon bis je|t burch bie SBett geholfen unb 
hoffentlich noch toe ^ t)elfcn würbe; er fpiette nicht etwa bie Koten* 
rotte toor fich aufgefchtagen, fonbern frei hinaus tnS publicum, wie eS 
fich BQtemt. 2)a3 füfclidje ©oncert öon 83iriot war eS, unb ber 
Gimmel weife, bie ©ompofttion fdfjien unter feinen marligen Jpänben 
orbentlich ©aft unb Sraft gu betommen, jum grofeen (Srgöjjen aller 
ßuhörer. §unberte giebt eS üietteicht, bie baS Soncert galanter unb 
pariferifcher vortragen mögen; aber biefe originale $rifche, M c f e Mai* 
toetat, biefen lebensvollen Xon im Vortrag $aV ich no $ totmq gehört. 
§at er latent jur Sompofition, fo wirb er batb weit unb breit öon 
fich fptechen machen. S<h glaube, er müffe auf baS eigene (Srfinben 
falten, ba feinen gertigteiten bie öorhanbenen Gompofitionen faum 
lange mehr genügen fönnen. 3n einem fpateren Soncerte fpiette er 
Variationen Don 2)at>ib mit berfetben SSirtuofttät, mit bemfetben gtan* 
jenben 85eifatt. 

SBir waren bem großen Xatente beS übrigens unbemittelten 
SWanneS biefe ausführliche Sefprechung fdjutbig. Ueber anbere fd&on 
befannte Sünftter, bie noch in ben äbonnementconcerten auftraten, 
bürfen wir uns fürjer faffen. 

SSon auswärtigen waren eS: §r. *ßrume, SRab. Samitta 
Riegel, $r, Sapettmeifter Sattiwoba, $r. g. Ä. tummer, 
SStotoncetlift ber S)reSbener Sapetle, bie fämmtticf) fchon mehrfach in 



250 



SRufifleben in Seidig toityrenb be$ Linters 1839—1840. 



biefen Stättern befprocfjen finb. 2)ie Xretbar unb SRelirttdj, 
jener braunfd()ttmgifcl)er, biefer preufctfd&er Äammermufifer, jeigten fid) 
als üorjüglicfje ©larinettfpieler ; bie §au8mann aus ipannoaer 
unb 33ernt)arb ©d&neiber aus $)effau, testetet ©ol)n be3 ©apeH* 
meifterä griebrief) ©4, als roaefere SSioloncettiften, $r. $au8mann 
aud^ at8 fetjr talentvoller ©omponift für fein Snftrument; tote ber 
fd&on über 60 3at)re alte fädfrfifdje ßammermufifer ®. Kummer 
als nod) fräftiger SWeifter auf bemgagott. Diefe fätnmtttc^en Äünft* 
ler ertoarben fid£) »armen S3eifaU unb bie brei juerft genannten enttju* 
fiaftifdtjen. ©in au$ SBeimar Ijerübergefommener SSiolinfpieler emutytrte 
bagegen. Äudj traten einige auswärtige ©ängerinnen auf, SKab. 
Soljanna ©dEjmibt au8 §alle, bereu Stamen bie 3eitfcfjtift fdjon 
öfter« mit Sob genannt, %xl. ü. Xreffj aus SBien, %xl Sugufte 
ßoroe unb %xl 6a Spart aus SJerltn, tum benen %xl Xreffe bie 
meifte mufifalifetye Begabung, grl. Sötte bie befte Stimme üerrietl), 
wenn anberä naefj ein* ober jtoeimatigem §ören ein beftimmtefc Urteil 
gefällt toerben !ann. 

Von einfieumfcfjen ober jefct t)ier anroefenben Äünfilern liefen fid& 
aufeer 2Äab. ©dtjmibt, (Sattin unfereS Xenoriften am X^eater, in 
meiftertjaften Vorträgen nod) t)Bren: juerft §r. SWS). SJlenbelS* 
fo^n 83artI)oIbt) mit feinem Gmoll*ßoncerte, §r. gerbinanb 
filier mit ©rfterem jufammen in bem I)ier nvä) ni<f)t gehörten ßon< 
certe für jfoei ^Jtanofortc üon SÄojart unb im »Hommage k Haendel» 
von 2ftofdjeIe8, §x. ©oncertmeifter ®at>ib einmal in Variationen, 
bann in einem ßoncerte, fobann jtoeimal ber obengenannte S. §ilf, 
einmal §r. ©. ©efert au$ Verlin, ©cpler toon SWenbel8fot)n unb 
©atrib, in einem mit ^leift unb Xalent componirten Violinconcert, 
fonrie bie auägejeidjnetften SKitgtieber beS Drd&efter8, bte§§. Ctueifcer 
($ofaune), Utjlrid^ (Biotine), ©renfer (glöte), £aafe (glote), 
©einje (Klarinette), Orabau (Violoncello) , 5E)tct^e (Jpoboe) unb 
^f au ($oru). Su mehreren ©efangSenfembleä toirften audfj bie 
Sßögner, Slnfdfjüjj unb SBeiSte mit. 

3)a8 ©oncert flir ben SnftitutfonbS für alte unb franfe SKufifer 
braute, ttrie immer, audfj in biefem SBinter befouberS anjie^enb ©e* 
roäf)fte8, u. a. eine ©^mp^onie Don SBeber, eine erft jefct öeröffent* 
lichte frifc^e unb Kare Sugenbarbeit be8 3Äeifter8. ©egaubernb fpielte 
ben Stbcnb auc^) aRenbetSfo^n feine ©erenabe unb Slttegro, toie mit 
befonberer anima aud^ bie anbern 9Äittüirfenben, §r. Daoib, SWab. 
S3ünau, bie grt«. SWeerti unb ©dE)Ioi 



SOhiftHeben in Seidig »äljrenb be$ 2Binter$ 1839—1840. 



251 



3m ßoncert für bic t)iefigen Armen fam, tüte fdtjon gemetbet, g. 
§iller3 Oratorium „bie ß^ftörung 3erufalem3" jur Aufführung. 

93ei nochmaliger SBergteidfjwtg ber in ben Abonnementconcerten 
gehörten Drchefter* unb ©efangtoerfe ftetlt fidf) tyrnui, toie bic Direc* 
tion jur Ausfüllung itjrcö Repertoires jumeift nadf) Steilerem unb fdfjon 
©erörtern greifen mußte; fie mußte e8, tüeil offenbarer SKangel an 
neuen, für baä Soucert paffenben Gompofitionen, namentlich ©tymptjo* 
nieen unb ©efangftüdEen mit Drcfjefter, ba ift 2)a8 ©ebürfniß aber 
nach folgen SBerfen toirb immer bringenber. ajlödjten fich unfere 
ßomponiften bieS nicht umfonft gefagt fein laffen. ©imjlich oermiffen 
toir auf bem Repertoire noch SBerlioj. finb jtoar nur einige 
Duoertüren üon ihm gebrueft ; genriß aber toürbe e8 nicht fchtoer fallen, 
auch üon feinen ©t)mpf)onieen ju ermatten unb baju nur ber Anregung 
bebürfen, gelten aber foHte er nicht langer, ber, tote er auch fein möge, 
burclj Uebergeljen in ber ®efdf)id£)te ber SDlufif ebenfo toenig oergeffen 
gemalt toerben toirb, toie burch bloßes Ueberfchlagen ein factum ber 
SBeltgef dachte, unb jur ^Beurteilung be3 ©ntnricfelungSgangeS ber 
neueren SJiufil boch immer oon JBebeutung ift. ®ie großen Sftittel, 
bie feine Sompofitionen oerlangen, ließen ftch gerabe oon bem Snftitute 
ber @etüanbf)au8concerte l)erbeif Raffen, ober auch, too fie ans gar ju 
Abenteuerliche grenjen, mit Umficht oereinfad^en, baß man fie toenig* 
ftenS in ber Jpauptfacfje feunen lernte. 

9K5d^te aud£) bie frühere Sbee, in ^iftorifd^en Soncerten Ueberblidfe 
über bie oerfd^iebenen ©pochen ju geben, im fünftigen 3a^re wieber 
aufgenommen toerbetu 

t 2)a8 jtoeite bebeutenbe Snftitut für Goncertmufif in unferer ©tabt 
ift bie ©efeUfdfjaft „(Suterpe*, ein in feiner ©ntftef)ung, ©nttoidelung 
uttb jefeigen SBerfaffung oieüeid^t einzig baftetjenber SSerein, bem toir 
ben toof)lthätigften ©inftuß auf ben SKufifgefchmadE, namentlich ber 
mittleren ©täube, jufd^reiben müffen. ©r jerfättt in jtoei ©ectionen. 
35ie erfte befielt auä gegen 40 SRitgliebern — nur SKufifern, bie jur 
SWittoirfung an ben alle 14 Xage ftattfinbenben ©oncerten ftch Oer* 
pflid)ten; bie anbere aus orbenttid£)en SDlitgliebern, benen auch Rieht* 
SWuftter beitreten bürfen, unb au§ ©hrenmitgttebero,* auswärtigen toie 
eitttjeimifd^en, bie bie erfte ©ection im engeren Ausfluß aKjä^rlid^ 
nmhlt. $>te erfte ©ection gab im oergangenen SBinter jetjn ßoncerte 
im großen ©aale ber 83ud£)hänbterbörfe. $)ie SRittel ber ©siftenj 



* 3" tynen gehörte Schumann fett bem 24. $ecember 1S37. 



252 SÄitfiMcBcn in Seipjig toaljrenb be$ SButterS 1839—1840. 

fiebert ber ©efeflfdjaft baS reid^ pftrömenbe, wenn auch geringe 
Abonnement; im Uebrigen muß man anerfennen, ftet)t bie Aufopferung 
an $eit uub 9Rüh e ' bie bie $erfteüung ber ©oncerte ben SUiitgliebent 
beS SBereinS foftet, mit ber Meinen ©ntfdjäbtgung in einem 93erhältniß, 
baß wir ihrer Siebe jur ©ad)e nicht genug Äob fpenben bürfen. Sben 
fo uneigennüfcig wirf ten mehrere Sängerinnen mit, unter biefen nament* 
lieh bie beliebte jugenblicf)e grl. Souife ©Riegel, bie $rls. 
Augufte unb (Smma SBerner, wie benn fcorjügltdj ber Dirigent 
beS mufifalifc^en Xtjeilg, $r. 3. 3- SSerljulft, wie bie beS mehr 
gefdf)öftltd£)en, §r. Abüocat JpermSborf unb §r. ©enfal Sd)ü&, 
ihren Seiftanb aus wahrem Äunftintereffe unb mit warmer Eingebung 
ihrer guten Sache angebeif)en laffen. ©o t)at fid) ber Sßerein in feiner 
allmählichen (Entfaltung ju einem ßieblingSiufiitute ber ©tabt empor- 
gehoben, unb auch ohne manche jufättige SRebenumftönbe, bie ifjrn bie 
Xt)eilnat)me beS SßublicumS gefiebert, würbe baS Streben, baS er 
mufifalifcherfeits befunbet, baS Sntereffe ber gebilbeten Äunftfreunbe 
in Slnfprud^ nehmen müffen. Sie Sluptjrung ber Drdjefterftücfe giebt 
ber im ©ewanbtjauSfaale an griffe nichts nach; bie SBa^t ift bie 
befte. 3n jebem Soncerte fommen regelmäßig eine Symphonie unb 
jwet Duüertüren üor, jwtfchenburcfj Soloüorträge t>on Sängerinnen 
wie ben obengenannten, üon SWitgliebern ber ©efeHfctjaft wie üon 
anbern 2Kufifern. Aufführung größerer (Snfembleftücfe, wie §erbei* 
jiefjung auswärtiger Äünftler liegen außer ben Qmdtn beS SBereinS. 

S)ie im legten Söinter aufgeführten ßompofitionen waren faft ohne 
Ausnahme beutfdje. Auch hier ift SBeethoüen ber mit SBorliebe gegebene 
Sföeifter; üon ihm würben fünf Stjmphonieen gefpielt, üon äftojart 
unb §at|bn je eine, toon ßafliwoba jwei (bie jweite währenb 
beS Aufenthalts beS Somponiften in Seipjig). Sine neue Stjmphonie 
braute $t. Dberorganifi Abolph §ef f e aus JBreSlau mit unb birigirte 
fie felbft; fie ift bie fünfte feiner Arbeit [Cmoll] unb ein abfichtlidjeS 
SoSringen üon feinem äRcifter unb SBorbilb (Spohr) barin unüerfenn* 
bar, beffen ©influß fich in ben früheren Sompofitionen §rn, JpeffeS 
namentlich in ber §armonieführung unb 2öed)felung äußerte. 3ui 
Uebrigen gab auch biefe Symphonie üon ber tüchtigen SMlbung beS 
Eomponiften Beugniß, inSbefonbere was gormenabrunbuug, contra* 
punftifche Arbeit unb reid)flingenbe 3uftrumentirung anlangt; fie er* 
fcheint in Wenigen SBochen im 2)rucf unb wir werben fie fpäter auS* 
führlidjer befprechen. 

9Jon Duüertüren brachte bie Suterpe in meift guter Ausführung 



9RuftHeben in iiei^ig toäfjrenb be$ 28inter8 1839— 1S4U. 



253 



au&er befannten SWeiftertoerfen aon SKojart, SBeet^oben , äBeber, 
3RenbeISfol)n u. a., aud) bic unuerbient weniger befannte ju „©fyafe* 
fpeare" oon Äu^Iau, bie uns ein in tootlfter S3Iütt)e ber Sftraft ge* 
fd)riebeneS SBerf, wenn aud& eines SünftlerS üorn Reiten 9lange, ju 
fein fdfjeint, eine fdjon früher gehörte »on SSer^ulft (9ir. 3), unb 
bann tuet neue, nämlidj t>on 33 er Ii oj ju „2Ba&erlet)\ fcon ©mbaefj, 
einem fyoöänbifcfjen (Somponiften, SEBolbemar geller aus Bresben 
unb ®. fieon^arb aus ßeipjig, öon benen bie Don JBerlioj (bereits 
gebrudft) in ber 3 eit f3>rif* aIg ein öic * pf)antaftifd)eS, feltfam inftru* 
mentirteS Gljarafterftüd fdfjon früher ernannt ttmrbe unb großes 3n* 
tereffe erregte. S)ie üon (Smbadfj üerrietf) nichts @enialifd£)eS, fonft 
aber Xüdjtigfett unb SRoutine in Slntoenbung gefälliger üJiittel, iljr 
ätjnlicl) bie öon SB. geller gefunbe SRatürlid&feit unb freuublidjcn 
©inn, tnätirenb bie beS jungen Seipjiger Somponiften nadj dfjarafte* 
riftif euerer Sebeutung auf 93eet§otoenfcf)em SBege ftrebte, xoo nur bie 
©rajien ausgeblieben toaren, bie im Xriumptuuge 83eett)0t)enfdf>er @e* 
banfentneife bodfj nie ganj fehlen. ®S fann naef) einmaligem $5ren 
nur Don Xotaleinbrücfen bie SRcbe fein, tüte mir fie tyier einfaef) aus* 
gefprodjen fyaben. 

S)er Sölufifbirector beS SßereinS gab uns in ben ßoncerten ber 
©uterpe fetbft nichts SReueS, tt>of)l aber in feinem 33enefijconcert, t>on 
bem wir fdjon früher berichteten , bafe es eine Xfjeilnaljme fanb ber 
Ärt, ba& fid) bie ©efettfefjaft jum 33efifc biefeS lebenbigen, umfid&tigen, 
urtljeilSgefunben jungen ÄünftlerS nur ©lücf tnünfd^en fann unb ifyn 
fo lange toie möglicf) feftjuijalten fief) angelegen fein laffe. 

3n freunblicfjfter SBeife untersten, toie fdjon ermähnt, bie brei 
jungen (Sängerinnen, Don benen noef) feine baS jtnanjigfte 3tof)r über* 
fdjritten, mehrfach bie Soncerte, aufterbem in mef)r ober minber bebeu* 
tenber SBeife bie Ut)Irid^, als l)ödjft fertiger, reiner, fräftiger 
unb gefcfjmadfoofler SSiolinfpieler befannt, ber aud) noc$ immer fort* 
f freitet, — bie ©rabau unb 333 int er, beibe SMoloncellfpieter, 
S. Singer unb «Ifreb SDörffel, eiabierfpieler, SBeiffenborn, 
gagottift, ©ofebrud), glötift, Snten, SBiolinift, $einje jmu, 
ßlarinettift, gaulmann, §oboeb!äfer, unb ber befannte alte Warfen* 
fpieler $rinj, beffen befd&eibener, toielfacf) interef fanter Äünftler* 
dEjarafter unter ben Rauben eines §offmann ober Xie<f eine anjieljenbe 
SRo&ellenfigur abgeben müßte, f 

t 5)er auf (Bette 251 beginnenbe ©ertt^t über bie (Snterpc mar geftric^en. 



254 äJhififleben in Seidig mityrenb be$ SBinterS 1839—1840. 

Sturer ben @ewanbf)au8* unb @uterpe*§oncerten Ratten wir in 
ber jweiten §älfte be8 SBinterS noch fed)8 öon ber 2)irection ber @e* 
tüanb^auSconcertc öeranftaltete Stbenbunterhaltungen, bic bie 
©teile ber früher 9ftatthäijcf)en, bann 3)aöibfcf)en Quartette ausfüllten. 
3m gewiffen Sinöerftänbnift mit ben 2Bünfd£)en be8 SßubticumS ^atte 
man bic frühem ©renjen ba^in erweitert, bafc in biefen ©oireen aud) 
größere ©nfembleftüde wie ©oloöorträge gut StuSführung tarnen. äud> 
war jum SSortljeit ber SUiufit wie ber ftüfyim ber fleine SJorfaal, in 
bem früher bie Quartette ftattfanben, öerlaffen unb in ben großen 
Soncertfaat gebogen worben. S5ie auf ben Soncertjetteln öerfprochenen 
9Ketftercompofitionen unb Vorträge Ratten immer ein auSerlefeneä unb 
jahlreidEjeS publicum ^erbeigelocft; man tann nidjt leidet Xrefflid)ere3 
in trefflicherer SluSfüljrung hören. S5ie im Quartett SÄitwirfenben 
waren bie Soncertmeifter $)aöib, Stengel, ®<f ert unb SBitt* 
mann; bie gefpielten Sluartette öon SRojart, §a*)bn, 33eetl)oöen, 
Sherubini, granj Säubert unb 2Kenbel$fohn. äufterbem würben 
noch Sonett unb ©oppelquartett öon ©pof)r, Dctett Don SRenbetSfohn, 
Quintett öon DnSlow, XrioS öon 83eett)oöen, SKenbetefohn unb §itter, 
2)oppelfonate unb biefer Slrt SerwanbteS öon SÄojart, 83eethoöen unb 
©pofjr gegeben. SBon biefen ©lüden waren neu ober fjict noch nic^t 
öffentlich gehört ein Xrio öon SKenbelSfohn für Sßianoforte, Sio- 
line unb SBiolonceUo [Dmoll], ba8 mit wärmftem Söeif ad aufgenommen 
würbe, ein Xrio öon Ritter [Bdur, 28erf 6], eine intereff ante Sugenb« 
arbeit §iQer3, bie früher fdjon in ber ß^tfehrift befprodjen ift, unb 
ein SRonbo alla Spagnuola für SSioline unb Staöier öon ©pohr, ein 
feljr jarteS, fd)Wungt)afte3 3Riniaturftüd. Sluch fpielte SRenbeU* 
fof)n in feiner immerfrifchen SKeifterf^aft bie djromatifdje *ßh ans 
tafie unb guge unb bie fünfftimmige in Cismoll öon 3. ©. SJadj, 
unb §r. Soncertmeifter S)aüib in auSgejeichnetfter SBeife, unb öon 
9Wenbel3fohn begleitet, jwei als Sompofitionen unfehäfebare Stüde 
aus ben ©onaten für ^Biotine allein öon 33adj, benfelben, öon benen 
früher behauptet worben ift, „e3 tiefte fich ju ihnen feine anbete 
©timme beuten* — wa« benn SftenbelSfohn in fd£)önfter $rt wiber* 
legte, inbem er ba£ Original mit aüerhanb Stimmen umfpielte, bafc 
e3 eine Suft war ju fyöxtTt. 52 

2Bie wir hoffen, werben bie fo mit wahrem Äünftlergeifte geleiteten 
Äbenbunterhaltungen auch in fünftigen 3ah*en fortgefefet werben, @e* 
fang war bieSmal auSgefchloffen. Sßon Qzit ä u &ü ein xonxbt 
mit S)anf gehört werben. 



t>. ^erjberg unb 3. ©djnetber, ©taötcrftücfc. 



255 



Uebcrfc^Iägt man nun bic Seiftungen ber vergebenen unferer 
fiunft gewibmeten Slnftalten, bie wir befifcen, rennet man I)inju bie 
beS XtyeaterS, bie ber Sird^e unb bie vieler anbeten SJercittc, tüte ber vom 
§rn. $of)tenj geleiteten ©ingaf abemie, be8 unter §ru- 

Drganift © eitler» Seitung ftefjenben DrpfyeuS, ber Siebertafel, 
be3 SßautinergefangvereinS u. a., fo wirb man vielleid&t mit beut 
übereinftimmen, loa« wir ju 5tnfang biefeä Sluffa^cö jagten: bafc in 
biefem Heilten Seipjig bie SKufit, vor Stßem bie gute beutfdje, blüt)e, 
bafc e$ fief) ungefdjeut neben bie reichten ©täbte beS SluSlanbeS ftellen 
barf. ©0 wolle ber muftfalifd&e ©eniuS nodj lange fegnenb über 
biefer ©rbfdfjolle wadjen, bie früher ber ÜRame 33ac£)3 geweift, jefct ber 
eine* berühmten jungen äReifierS, welcher teuere , wie Slfle, bie iljm 
nalje ftet)en, jum ©ebenen wahrer Shtnft noef) viele Satire unter uns 
verweilen möge! ©. 



Mtjttt Studie für >)tanoforte. 

* 81. V. $erjfcera, 3*ei <S<fjer}od* SBetf 10. 

SSon fo Meinen ©tücfen verlang' id) vor Stiem, baß fie möglid&ft 
reijenb unb pifant feien. S)ie erfte (Sigenfcfjaft fel)It ben obigen 
SdjerjoS metjr als bie jweite. ©ie finb augenfdjeinlidj von einem 
guten Spieler, claviergemäfe unb bis auf ganjSBenigeS correct unbreinlidfj 
gef ^rieben ; bodf) mangelt iljnen eben ber feinere ©djmelj, bie ©eele. 
3m ©cfjwaße äfynlicf)er ßompofttionen mödE)t' iti) fie immerhin als be* 
beutenber bejeidjnen, weldjen 2luSfprud() ber junge talentvolle Sompo* 
nift buref) größere fotgenbe Sßerfe nod) meljr betätige, 

3* ©djiteiber, Drei »otttttnoS. »er! 1. 

(Sin SBerf 1, baS wie viele anbere nid&t t)ätte gebrueft werben 
f ollen. 35er ©omponift, mutf)mafctid} aud& nod) jung, verlangt vom 
©pieler nid)t 2ftinbereS als etwa §enfelt, wofür er iljm aber, ftatt wie 
biefer SBlumen, eine Jpanb Voll |>eu in bie §anb brüdft SBottte er 
als Somponift vorwärtSfd&reiten, würben wir iljm ratljen, im Umfang 
öon vielleid&t vier Dctaven ju componiren unb bie §änbe nicf)t 



! 
1 



256 



3. SebeSco unb & Sacombc, ©latoietftücfe. 



unnötig über eine einzige auäjufpannen* 3Rutf)et un$ j. 93, Sfjopin 
ju, nadjbem er uns ein ©tücf tjinburef) mg geuer gebraut jum ©djlufc 
noef) ju fpiclcn : 



1? — - — : 






IN 















fo t^un wir'S gern; nid)t aber wenn e8 uns §r. ©d&neiber t>orfdf)reibt. 
Umfonft will fid& 9tiemanb anftrengen, unb wer tuet »erlangt, mufc 
öiel geben. 2)ie SRotturnoS f)aben übrigens Ueberfdfjriften: — Slbenb* 
ticfje SBaff erfahrt, 3d£) benfe 2)ein, Slbenbgrufe an ©ie — entbehren 
aber aller feineren &f)arafteriftit. (Sinige weictylidje 9Kelobientraft 
wollen wir bem ©omponiften nid&t ganj abfpred£|en, beren ©enufi 
aber, wie gefagt, toom Spieler mit Aufbietung feiner ganjen SeibeS* 
fräfte treuer genug erfauft werben muß. Stuf biefem SEBege fd&reite er 
nicf)t weiter. 

3gna) SebeSco, Serettabe. SBcrf 8. 

SXud^ ber Somponift biefeS ©tücfeS, brächt' er e3 un3 öieHei^t 
als Sbenbmufif, bürfte leiner großen ßobrebe bafür gewärtig fein, 
unb idfj würbe bon oben tyerab etwa fotgenbermaften banfen: „bie&uf* 
merffamfeit toerbient alle Stnerfennung, wer aber fein SJhtfifer ift, 
foflte nicf)t muficiren, unb wer ©erenaben bringen will, mufj feiner 
©ad^e gewift fein, bamit man nicf)t bie genfter fd&liefte ftatt gewünfd)* 
termafjen öffne", womit id£) aud& bie meinigen fdfjltefjen würbe, ben 
©erenabenmann allen guten ©eiftern empfef)lenb. äRit anbern Sßor* 
ten: audj biefeS ©tücf t)ätte ungebrueft bleiben foHen, unb eS ift 
waljrljaft fcf)abe um bie &erfd£|wenberifcf)e Xitefyradfjt, bie ber 2$er* 
leger baran gefegt. 

£out£ fiacombe, (Saprice. SBerf 2. 

©o fe^r wir ©I|arafteriftifc^eS lieben, fo fäf)en wir üon mannen 
jungen Somponiften bei SBeitem lieber, ba£ fie uns oierftimmige £f>o« 
rale brauten jur SRecenfion als Xonmalereien, bie obenbrein nur ber 



28. »on (Stoetze uub 9t. fteäca, S(at>ier)tücfe, 



257 



Xitel fcerljeißt. Sie Saprice Reifet nämlich wunberlid£)ermaßen : Les 
Adieux ä la patrie, wo man mit SMUigfeit auf etwas 9tbagiomäßigeS, 
©tegifcheS ^offen barf, ftatt beffen uns ber junge ©omponift eine wilb* 
fpringenbe ©tübe in Emoll t)intt>irft. Unter feinen Ringern (er ift 
ein auSgejeichneter Spieler) mag fie eine Sßeite tauften; aber (fagt 
©oetl)e), o wie traurig fietjt es fdjwarj auf weiß fid) an. ®in ge* 
wiffeS mufifatifdf)eS ©efüht wollen wir bem ßomponiften jugefiehen, 
eS bebürfte aber ber forgfältigften Pflege; jefct fdjwanft eS noch jwt* 
fe^en allen ©tilen unb ©chulen fjerum unb töft fid£) jutefet in ^o|len 
©dE)üterpathoS auf. könnte man bod), toie wir fdijon anbeuteten, beim 
SBunbeStage bewirten, baß lein Verleger eher bon jungen Somponiften 
bruefte, ehe fie einen S3anb orbentlid^er üierftimmiger Choräle borge* 
legt; mir würben bann auch beffere Sapricen haben* 

SBaUljer ©oetfje, »Jlegro, ©erf 2, 

(Sin großer 9lame ift eine gefährliche ©rbfdfjaft, wie fdjon oft ge* 
äußert worben. 2Bir begrüßen in obengenanntem Somponiften einen 
Snfel ©oet^eS, ber if>n als Äinb nod) fcherjweife feinen „SÄufifer" 
nannte, mit feinem prophetifchen ©eifte vielleicht toorherfetjenb, baß fich 
SBatther einmal ganj ber äRufif wibmen würbe, für bie er fdjon in 
früheften Satiren Anlage jeigte. Db nun ©oethefdjeS SBlut in ihm 
fließt, läßt fid) nach einer fo Meinen Strbeit freiließ nid^t ermeffen. 
3)a8 ÄUegro §at ^Bewegung, bie im Verlauf fogar etwas XaujartigeS 
annimmt; erfreulich baran ift befonberS bie natürliche Haltung, ber 
leichte melobifche gluß. ®er ßomponift, nid)t Diel über 20 Satire 
jählenb, ^at aber bereits fid) auch ™ größeren Sßerfen, fogar in ber 
Oper üerfucht, unb wie er fleißig ift, weiß ©Treiber biefer Beilen 
auch, fo baß wir benn, (Erfreuliches erwartenb, balb mehr Don feinen 
ßeiftungen berichten ju fönnen hoffen. 

Sllccattbcr fteSca, 3^ei Notturnos, SBerf 5, 
„ 2>m ©alonftätfe, SBetrl 7. 

X)ie erften Arbeiten, bie uns üon biefem trielüerfprechenben Xa* 
lente ju ®efid>t fommen. X>er Somponift ift, wie wir hören, ein ©oljn 
beS üerftorbenen liebenSwürbigen 9RufiferS geSca unb h*t unter 
f oldfjer Slufficht üieöei^t frühzeitig fcf)on üon ben SSortheilen angeeig* 
ttet, bie fid) anbere, burch t^re ©eburt weniger Söegünftigte erft fpäter 

©#umann, ©ef. griffen. II. 17 



258 



3- ©aroni^abalcabö, ^antafteftürfc. 



ertoerben. Die toorliegenben Sompofitionen, wenn aud) nicfjt überall 
eigentümliche Sraft unb Äunftanftdf)t üerrattyenb, tragen bocf) alle einen 
frifdfjen SebenSfeim in fidf) nnb laffen uns oft in ein toemt audj nod(j 
betjerrfcfjteS, bocty reidje* muftfattfd&e^ ©emütf) blicfen. S)ie ©titmnun* 
gen, bie fie au&fprectyen, finb öorfierrfd&enb ItyrifdE); in ben ©alon* 
ftücfen l)at fie ber ßomponift burdf) Ueberfd&riften aus Oebidfjten t>on 
©einriß ©d)üfc genauer bejeicfjnet. 3 U & en Notturnos beburfte e8 
leiner 28orte; fie f c&lagen burd&auS ben alten befannten Xon an, ber 
uns t)on gielb Ijer noef) lieb ift. 3n beiben ßompofitionS^eften er* 
innert üieleS an Jpenfelt; bie ©alonftücfe finb öom ßomponiften felbft 
Sonvenir k Henselt genannt, tooburef) er ben SBerbadjt einer abfielt* 
liefen Xäuföung t)on toomtyerein entfernt. S)ie Keime jum erften 
finbet man, bis auf ben Unterfdjieb ber Tonarten, beinahe wörtlich 
in einem früher iA unfern ^Beilagen gegebenen Smpromptu tum §en* 
feit in Cmoll. 2)od) fc^eint ber Komponift audE) anbern SJorbilbern 
nad&jueifern, fo SKenbelSfotyn; aud) 83ennettS (Sompofttionen f djeinen 
ifirn nidfjt unbelannt; ein ©efdfjmadt, ben wir audf) nimmer tabetntool* 
len. SBie bem fei unb loie triel frembe Sinflüffe ben audfj noefj jungen 
Äünftler beljerrfdfjen mögen, eS bleibt behnoef) genug übrig, um barauS 
fd&öne Hoffnungen für feine Sufunft ju fd&öpfen. 2lud& ftnb neuer* 
inngS fetyon umfangreichere SBerfe, fo julefet ein ©ejtett, üon i^m er» 
fdfjienen, unb ba& eine größere Oper* in 58raunfdfjtt>eig bemnäd)ft jur 
Aufführung fommen fott, melbete bie $eitfcf)rift fd&on früher, ©o 
machen toir benn mit greube auf ben jungen ßomponiften aufmert* 
fam, ber fd£)on ben SBort^eil eines betannten unb gefegten SRamenS 
mit auf bie SBelt gebraut, ben er mit ®f)ren ju führen berufen fdfjeint. 

3nHc »ott Lebenau, geb. ftaxonudaüaUabo, ^antafteftftrfc, 993er! 25,** 

®er frühere SJtame ber verehrten grau l«R fd) 0 * 1 öfters in ber 
ßeitfdjrift üor. Sf)re glüdflid^en mufifalifdfjen Anlagen t)at fie nament* 
lief) in bielen Siebern geltenb gemalt, beinahe ben beften, bie uns 
neuerer ßeit föriferftabt geliefert, obwohl bort anbere an ber 
XageSorbnung finb. StudE) als 3uftrumentaIcomponiftin gebührt iljr 
ein SRang in ben SBorberrei^en ber Somponiftinuen. ©in SKufifftüdf 
gut anjutegen unb abjurunben, üerfte^t fie toor allen ; fie fc^reibt eine 
getoäf)Ite Harmonie, elegant, oft jart; ii)re SUietobieen finb innig, 



* „$ie grattjofen in ©pamen." 
[ * ©djumamt getoibtnet 



<£. ©. SicM, Sfdjler »über. 



259 



manchmal an ttalicnifd^e SBeidje anflingenb. üftan ^at componirenbe 
Damen oft in SSerbadjt, bafc fic fid) anberwörts 9tatl)3 erholen unb 
bic le|te geile einer anbem ipanb übertaffen. Der Schreiber biefer 
geilen wei§ genau, wie alles, was bie Somponifttn giebt, auch it}t 
alleiniges ©igenthum ift, wenn fdjon if»r früherer ßehrer, betanntlidj 
ÜÄojartS ©ohn, noch je|t in ihrer Umgebung lebt. Das §eft, baS 
mir üortiegt, befielt aus jwei ausgeführten größeren ©äfcen, beren 
einer V Adieu, ber anbere le Retour überfdjrieben ift. Sie Ueber* 
fünften fcheinen fpäter ^injugefommen unb treffen ben ©harafter ber 
Sftufif nur im Slttgemeinften. Sine (Erinnerung an 83eethooenS be* 
launte tynlity genannte ©onate ift babei nicht im ©piel. Seibe ©afee 
aber finb eigentümlich, djarafteriftifd) unb faum ju vergreifen. 2Bir 
wünfehen oft (Gelegenheit ju haben, Don ben Arbeiten ber mufifootten 
Dilettantin berieten ju tönnen. 

<£• ®. fiirft, 3frf)kr »über. 9Rii $t<fjtimgen »on Seltne* 3Bct! 57. 

Der ©omponift, als ßehrer unb Xonfefcer in SBien belannt unb 
gefd|äfct, $at h^ fed^ö feljr artige, anmutige Sbgllen geliefert, bie, 
junädift burd) eine ber reijenbften ©egenben DefterreidjS h eröor 9 e * 
rufen, auch ^er bie ©renjen fetueS SBaterlanbeS hinaus auf freunb« 
lid)e Aufnahme rennen bürfen. Die einjelnen Kummern finb burd) 
©ebidjte oon ©epljine eingeleitet unb tote biefe jart unb finnig, babei 
einfach unb ohne Stnfprüche. Die Sompofitionen fommen aus bem 
$erjen unb fcheinen fämmtlich mit Suft in froher ©tunbe geschaffen. 
9Son fd^lagenber Originalität jeugt bie SRufit nicht unb folgt eben ben 
Dichtungen; aber btegbee, ©ebtdjten felbftänbige 9Äufi! unterzulegen, 
eine Steide ju finben unb fie artig jum ©anjen ju fdjliefcen, ift eine 
feltenere unb nachahmungSwerthe. 8118 Ela&ierftücfe inSbefonbere jeigen 
fie eine grünbliche 33ilbung, bie auch öon Beuern benufct, wie benn 
aus ihnen befonbere Sßertrautheit mit granj ©djubert unb beffen lieber* 
tragung burd) Sifjt tjertjorleuc^tet. Semenben mögen bie SbtjHen mit 
Sßufcen unb gewifc ju ihrer greube in bie $änbe gegeben werben; nicht 
fd)tüieriger als &jernt)fche unb $üntenfd}e ©ad}en, fyahtn fie ungleich 
mehr ©ehalt unb geiftigen SReij. Die lefete Kummer „3lm Safoarien* 
berg" ift biefelbe, bie Sifjt in einem feiner SBiener Soncerte öffentlich 
gefpielt, obwohl id), foQte ich einer rittjeltten ber 3bi)Qen ben SSorjug 
geben, mich für bie erfte „Slm SBolfgangfee" entfeheiben würbe, bie mir 
im ©anjen wie im Detail bie jartefte, frifdjefte unb gelungenfte fd)eint. 

17* 



260 28- $. S3eit unb (£. grcmcf, ©latuctftücfc. 



38. $cü, «otturtto. SBerf 6. 
„ „ „ Ginleitung imb ^olouatfc, SBerf 11. 

93on biefem jungen fraget Xonfefcer waren bisher nur SBiolin* 
quartette befannt unb gefegt; eS h at fein (SuteS, toenn fich ber 6om< 
ponift in mögtid£)ft öielen fächern oerfudf(t, tote für if)n fetbft fo für 
baS publicum. X£)ut er'S nicht, fo öerfäHt er oft in ftereotype gor* 
men, in SWanier, tote eS noch lebenbe 93eifpiele giebt. SBir fiuben 
$rn- Sßeit auch auf ber Staoiatur 100hl bezaubert unb untertjaltenb ; 
er f djreibt leicht, bequem, gefällig, red^t nach Slrt ber Söhnten unb 
für baS 33öhmerlanb, too SKufif fo biel gepflegt unb gehört toirb, tute 
benn feine §auptftabt *ßrag in neuerer Qdt eine 9Reuge junger talent* 
ooöer ßomponiften aufjutoeifen h&t, ba§ fie fich ungefcheut rootjl mit 
bem größeren SBien meffen lann. 3n ben beiben angejeigten ©tüdten 
erhält man genau, toaS bie Xitel anlünbigen, ein Notturno 00Q na* 
türtichen ©efangeS, baS fich ooUtommen abfchliefct; eine Sßolonaife mit 
entern Xanafcfjritt, burd&auS freunblicfjen, behaglichen 6t)arafter§. SSir 
wüßten an beiben nichts ju änbern ; ber ßomponift leiftete eben, toaS 
er wollte, maS er fonnte, unb wer bieS oermag, auef} im flehten Greife, 
hat immer auf Stnerfennung ju rennen. 

(Sbuarb $ran<f, <£apric«o, 2Berl 2* 

„ „ 2>rci Sljaralterftöifc. SBerf 3. 

®as erfte SBerf btefeS gleichfalls noch jungen Komponiften, jwei 
£efte ©tubien, befprach 3 ei tf^ ri ft fcfjon früher unb wies auf ihn 
als einen ber fleifcigften unb weitgebieljenften Schüler SDienbelSfohnS, 
als ben er fi<h uns, nur in h&h crem ®tabe, and) in feinen beiben 
neuften SBerfen jeigt. Ueberaö nämlich fieht man ihn auch biefen 
bie Stiftung beS Selkers mit fo oiel Eingebung oerfolgen, bafc ftd^ 
manche ©äfce mit welchen aus ber 3ugenbjeit ober nötiger Änabenjeit 
SDienbelSfohnS üerwechfeln liefen; babei giebt er aber auch (Eigenes 
genug, bafc fich gewifc annehmen läfct, er werbe fich nach unb nach 
immer mehr oon feinem SBorbilbe loSlöfen, fo weit bieS bei manchem 
angebornen SBerwanbten möglich ift. ®ieS angebome Sehnliche jeigt 
fich m öorherrfchenb SBerftänbigen unb ©ruften bei einer fef)r fcharfen 
GombinationSgabe. ©ewiffe, nicht eben ungewöhnliche ©ebanfen burd} 



(£. grcmtf, ©loötcrftücfe. 



261 



bie ted&mfdje 93M)<robIung, burch Reinheiten in bcr Harmonie :c. in* 
tereffant ju machen, öerftc^t er fd&on vortrefflich. 2Ber bieg in jungen 
3af)ren gelernt fyat, wirb fpäter mit feinem ®ut um fo freier ju fchat* 
ten wiffen, unb befommt bann auch wieber baS ©emütt), baS in ben 
2etyrjaf)ren beS ÄünftterS fich fo oft jurüefbrängen mufj, feinen Sin* 
tyeü am SBerfe, fo wirb ber ©omponift, tote er jefet SBerftanb unb 
Seift erfreut, fobann auch ben übrigen SJienfchen ju intereffiren üer< 
mögen. SKöge bie uächfte 3uhinft biefe Hoffnungen verwirf lidjen ! 
3Rit greube h at bie 3eitfd£)rift immer ben tüchtigen unter ben jüngern 
Sünfitern nachgefpäht, mufcte oft lange fud&en, ehe fie reben unb auf* 
muntern burfte; mit greube macht fie nochmals auf biefen jungen 
Sünftler aufmerffam, ber ihr fo viel ©runb jur SluSjeichnung giebt. 
SSom ©injelnen feiner legten Sompofitionen ju fprechen, fo ift eS 
namentlich bie erfte Kaprice in SEBcrf 3, ber wir ein vorzügliches ßob 
fpenben bürfen. 3n ber Stnlage an SRenbelSfohu erinnernb, ift fie 
bod) eigenthümlid) in ihren wechfelnben ai^t^men, mit fidlerer teder 
§anb jum ©cf)lufe geführt, im SBefonberen burch feltnere tjarmonif^e 
Sange reijenb; fie namentlich giebt auch üom ©tubium Sachs ein 
3eugni§. 3u folcf)' funtetnbeS, geiftreicheS giguren* ober ©ruppen* 
fpiel, wie es fich in ber ©aprice 1)\n unb wieber bewegt, weift nun 
freilief) 9JienbelSfohn 5. 95., wie auch erobere SKeifter, oft einen jarten 
melobifcfjeu ©ebanfen ju werfen 5c. 2)ieS ift es, was ber ©omponift, 
wenn es anberS ju lernen ift, noch lernen möge: eine jarte 9Äittet* 
figur anbringen, eine ruhenbe gleichfam, um bie bie anbern fich winben 
unb freifen. 3Kit SBorten läfct fich b\t$ fo fchwer auSfpredfjen, boch 
wirb uns ber Eomponift fidler verstehen« immerhin Wirft bie Saprice, 
aud) to™ tf c bafteht, unb gefpielt, wie fie fofl, fogar bebeutenb. Sud) 
bie jweite §at fünftterifchen SBerth, SinjetneS ift vortrefflich ; boch 
fliegt ber ©chlufc ju aßgemein unb im $ergebradjten. S)ie lefcte ®a* 
price ift ein 3 u flenfa^, beinahe in ©änbelfcher Slrt, mit einem fdjarf 
geprägten %tyma, baS ju manchen feinen SBenbungen Stnlag giebt, 
ein fet)r werthvolles ©tüdt bis auf einzelne gewöhnlichere ©änge. Die 
größere ßaprice enbtidf), bie eine befonbere DpuSjahl führt, theilt bie 
Sorjüge, bie wir bem ßomponiften fchon jufpradjen, in allen 2Je* 
jiehungen. SDiatter fchetnt mir nur bie Einleitung, bie Dielleicht nach 
Sottenbung beS raffen ©afceS erft hrosugetommen. 3m Uebrigen 
erinnert fie, wenn nicht im Sinjelnen, boch ™ fl^njen 3 u f<h n * tte an 
beS ßomponiften SReifter. SGöir bebauern, ba§ fie nicht mit SBeglei* 
tung beS CrdfjefierS gefdfjrieben ift, was bei einiger Ausbreitung ber 



262 £>. öon fiitoenfftolb, Glaöierftfitfe. 

gönnen leidet ju madjen war. Die iparmoniefolge ©iite 8, bic jwet 
lefcten ©ijfteme, nacty A rnib Fis fffl^renb, ift tüfjn; wir §aben nichts 
bagegen. Den ©d&lufc wirb fiel) mand£)er Spieler banfbarer unb 6ril» 
lauter wünfdjen; er log fogar nä^er. 2Ba8 gebrudtt ift, täfct fid^ nun 
nidfjt änbern, weStjalb wir bem jungen tüchtigen Äünftler unfer Sob 
nur nod) einmal fummartfcfj au3fpredf)en wollen. 

♦ * 

SBir wüßten ben £t)flu3 nicfyt beffer ju befdjtieften als mit einigen 
SBorten über einen nodfj wenig genannten ßomponiften, ber uns üor 
^urjem mit öier merf)änbigen ©d&erjoS überrafd&t, bei Sßeitem bie aus* 
gejeicf)netften, bie in biefer (Gattung neuerbingS gefd£)rieben finb. Der 
Xitel ift in* Deutfd&e überfefct: 

^ermann tjon fiötoenfftolb, Ster cfiarafterifKfdje 3mprompfct$ 
tu Sorm *ou Scfjerjo** SBerf 8. 

Steint unfre Sunft bod£) balb in allen Deutfd&lanb naf)e gelegc* 
nen Säubern äBurjet ju faffen, jefct aucf) in ben nörblidjeren. Der 
ßomponifi ift, feinem Kamen nad£) ju urteilen, ein ©cfjwebe. (Sin 
Drio, baS benfelben Stauten auf bem Xitel führte, befprac^en wir früher 
fd&ou; wir wiffen nidjt, ob e$ aud) berfetbe Eomponift, jebenfatts aber 
einer, ben wir mit Sichtung begrüben müffen. 3ft er Dilettant, fo 
würben wir tf)tn jebenfaös, nadf) biefen ©ctyerjoS allein, ben erften 
SRang unter allen für baS Stamer componirenben anWeifen; ift er 
Äünftter, fo mögen ifjn feine Oenoffen als einen ebenbürtigen oljne 
SßeitereS in iljre Steigen aufnehmen, ©eit lange ift mir teine ©ompo* 
fition fcorgefommen, mit ber idfj faft burdfjgefyenbS fo einöerftanben 
bin, bie midt) fo intereffirt, mir wiebertyolt fo wol)tgetl)an als biefe. 
@3 finb feine äßmtberftücfe unb wollen' 3 nictyt fein; aber biefen gebit* 
beten SluSbrucf, biefeS SRafj, biefen 28ol)llaut, biefe gute Ärt ju com* 
poniren mit einem SBorte, finbet man nic^t aller Orten. §ier unb 
ba mödfjte man auf SÄofctyeleS als ben SBerfaffer ratzen unb bieS na* 
mentlicfj manche« Sßifanten falber; bocf) Ijaben fie nodf> meljr ©emütt)* 
lidjeS, Unbefangenes. Dies Ijeifct componiren, wenn aud£) im kleinen: 
t)ter ift SSorbergrunb ba, Sßerfpecttoe, ©intergrunb, unb baS ©anje 
gefällig wirfenb. 3RödE)te ber, wie gefagt, uns gänjlid^ unbelannte 
Siünftler*®belmann ficfj im ©röfeeren üben, für Drc^efter fd&reiben; er 
ljat bie aKittel bagu; bie, benen bic ©tüdte nocf) unbefannt geblieben, 



SüeEtS Sboff. 263 

[motten] fic ftdf) je e^er je lieber anfeuert. Dbenbrein fe^It e3 für 
fie^rer tote für Sernenbe an guten mittelfd&toeren t)ier^önbigen Stücfen, 
fo bafe auch toeniger StuSgejeidfjneteS auf SSerbreitung rennen bürfte, 
um tote tuet mehr biefe, oon benen toir mit bem £roft, bafe e8 ^ter 
unb bort nodfj treffliche 2Kuft!menfchett giebt, auf ba3 SlchtungSooflfte 
Äbfchieb nehmen. 

12. 



Vieris ftif. 

2)er Somponift ber berühmten ruffifchen S3olf3ht)ntne tote anberer 
SBerfe, bie nodj ber SSeröffentlichung entgegenfeljen, $r. Dbrift Stle^ia 
Sooff, Sttbjutant ©r. 3Jt. be3 ÄaiferS oon SRufelanb, toar oor einigen 
Xagen f)itt eingetroffen, ©ein Sßirlen, toenn auch oorjugStoeife bem 
hohen Äreife jugetoenbet, in beffen SR&lje ihn feine Stellung gebraut, 
hat trojjbem einen beinahe europäifdfjen Sftuf befommen, fo bafe toir 
nicht mifcoerftanben ju toerben fürchten, toenn auch toir an öffentlicher 
©teile ein befd&eibeneä Statt in feinen Sorbeerfranj einjuflechten un3 
oergbnnen. S)er öerehrung&tofirbige ®aft gab nämlich einem fleinen 
Äreife ©elegenheit, feine befonbere Äunft als SSiolinfpieler fennen ju 
lernen. ©Treiber biefer SSorte jählt bie ©tunbe ju ben fdjönften, 
bie ihm je bie SRufif unb ihre Ättnftler gefd&affen. Ipr. ßooff ift 
ein fo merftofirbtger, feltener ©pieler, bafe er ben erften Sünftlern 
überhaupt an bie Seite ju ftellen ift; eine ©rfcfjeinung einmal toie 
aus anberer Sphäre, ber 9Jiufif toie in ihrer inner ften Steinzeit, ent* 
ftrömt; Söiuftf, fo neu, fo eigentümlich fo frifch in jebem Xon, bafe 
man feftgebannt nur immer l)ören unb f)5ren möchte. SBerliert bod) 
letber ber ffiünftler oon Jpanbtoer! fo oft im ©etoüljle ber Sßelt jene 
ttnfcfjäfcbaren ©fiter, jene Unfdfjulb, Unbefangenheit unb $eiterfett ber 
Äunftfraft, mufe er fic boch leiber fo oft ben nieberen Slnforberungen 
ber SRaffe aufopfern, bis fie enblich in ben ®etoo^nt)eiten bc§ Ättnft* 
lerlebenä gänjlidfj untergeben. 3)aran toirb mancher auch grofee 
Äünftler erinnert toerben, toenn er jenen freilich burd) ein günftigeä 
©efehief auc^ fdkn gefteflten SWann ju h&*en belommt, unb toie e3 
bod) noch ettoaS 3lnbere3 ift, bie 9Reifterfd)aft oon unb jene, bie 
uitä neben bem ©enufc großer Äunftfertigfeit auch ben eines gangen, 
frönen, innen frifdfj gebliebenen 2Renfd£>en gewährt. Unb bie« alle« 



264 3f. 8dm&ert, S^öre. 

fag iß nur naß bcm Slnljören j Weier Quartette, eines &on SWojart 
unb eines &on 3KenbelSfof)n, in benen §r, 2&off bie erfte ^Biotine 
fpielte. Der ©omponift' war felbft gegenwärtig: er moßte, wie alles 
üerrietf), feine SRufif wof)l faum je fßöner gehört l)abem 53 ®S mar 
ein SSottgenufc. ©iebt eS in ber rufftfßeu Äaiferftabt noß met)r fol* 
ßer Dilettanten, fo bürfte mancher Äünfiler bort wof)l mefjr ju lernen 
als ju lefjren finben. kommen biefe ßeiten bem Ijoßöereljrten SBtanne 
einmal fpäter ju ©efißt, fo möchten fie ßm ben Danf SSieler aus* 
fpreßen, bie er an jenem Slbenb erweitert, bie feinen Slamen ben ge* 
feiertften beijcßlen, öon benen bie neuere ®unft berietet. 
[Scipjig, ben 17. guni 1S40.] 



* Jxati} Säubert, 

SDtc §rn. Diabelli u. Komp, in SBien l|aben wieber einige beben* 
tenbe Sompofitionen aus ©Huberts Sftaßlafe üeröffentlißt, auf bie wir 
namentlich ®efangüereine :c. aufmerffam machen. ©S finb: 

Cp. 134: „Wafytjtttt" ö. g. ®. ©eibl, für Xenorfolo unb öierftimmigen 

Sßännerdjor mit ^ianoforte. 
£>p. 135: „Stänbdjen" ö. ©riflparjer, für ftltfolo unb toierftimmigen 

grauenefjor mit Sßianoforte. 
£>p. 136: „9)tirjam3 ©iegeSgefang" b. GJriüparaer, für ©opranjofo unb 

(£f)or mit Begleitung be3 Sßianoforte. 
£>p. 139: „©ebet" öon bc fa 2Rotte gouque für Sopran, 9üt, fcenor unb 

Bafc mit Begleitung be$ $ianoforte. 

Die beiben erften müffen reijenb wirfen ; fie finb aufeerft jart unb 
ßaraftertftifß. Das einförmige Kolorit ju fyeben, in baS ber rein 
merftimmige SDiännergefang n?of)l ober übel oft öerfäflt, fjat ©Hubert 
ßm eine ©oloftimme eingeflößten unb baS Slaöier jur ^Begleitung 
beigegeben. Die 3bee ift glücfliß, wenn baburß freilief) ben Üfftanner* 
gefangquartetten , bie lein 3nftrument in ber SRiße Ijaben, bie 8luS- 
fißrung unmögliß gemaßt ift; benn baS Klarier ift wefentliß unb 
barf nißt fehlen. Dann aber, im SSerein Silier, wirb auß ber ®e* 
nuft ein boppelter fein. Das „©tänbßen" f)at eine gleiße gorm wie 
bie „SßaßßeHe", nur bafc eS für grauenftimmen gefßrieben ift; öon 
fßöuen Stimmen vorgetragen unb gut einftubirt mufc eS öon wunberöollet 



3f. @djubert, Sljöre. 



265 



Sßirfung fein, toenn auch ein oon grauen gebrautes ©tänbdjen in 
bcr SBirflidjteit fchtoerlidf) oorfommen möchte-* Sluch im „©täubten" 
ift baS ßlatrier luefentlidj unb trägt bic Harmonie. Schuberts be* 
lanntc 9Jtanier, einen Stl^ttjmuS, eine SBegleituitgSfigur oom Slnfang 
big jum ©chlufc f eftsut>altcn # trifft man auch in biefen ©efängen 
toieber. 3)afc fie fdf)ön für bie ©timme gefdfjrieben finb, barf man 
glauben, auch ftnb fie nirgenbS verfänglich fchtoer. — „SRirjamS 
©iegeSgefang" tft eine Sompofttion grbfceren UmfangeS, eine Slrt San* 
täte, bie tool)l urfprünglich mit ^Begleitung beS DrchefterS gefchrieben 
ift ; ift baS lefcte ber galt, tote wir beinah überjeugt ftnb, f o bebauem 
wir fie nur im Arrangement fennen lernen jit fönnen.** 2)od) Oer* 
leugnet bie (Sompofition auch in ber oorliegenben ©eftalt tf)re SDStr* 
hing nidjt; ber ©runbton ift eigen altertümlich , alt religiös, faft 
biblifd). SluS auberen ©ompofitionen ©Huberts toeifc man, mit tote 
glüdlidher $f)antafte er bie frembartigften ©toffe ju bct)crrfd^en Oer* 
fteht. Der %om nach altertümlich ju fdjreiben, fann man lernen; 
aber ben ©eift alter ßeit luxe in leibhafter Klarheit ^rauf jubefd^tobren, 
bagu gehört ein Dichter. 2Bir treffen übrigens fogar auf eine ?$uge; 
fie ift geiftreid) genug* $)aS ©anje fdfjliefjt, tote eS begonnen $at. 
Reiter unb glänjenb. 3m „®ebet" nun fprtdijt fidf) ber moberne gläubige 
Steift mS unb §m mit ganjer Snnigleit unb Äraft ; bieg finb unfere 
^aleftrinagefänge, fo fpricht pdf) bie neue Sunft im ©ebet aus, bul* 
benb unb oertrauenb, aber auch thatfräfttg unb jum §anbeln bereit» 
ÜJlan toirb ben ©efang nicht ohne innigen 2tntheil hören lönnen. 

©o blüht benn ber Sorbeerlranj um Schuberts Stirn immer 
ootler. Sßer fy&itt oon bem ßiebercomponiften gebadfjt, baft er noch 
folgen 9ieichthum in fidf> barg, toie eS jefct immer flarer toirb. 
üRödjten fich bodj auch freunbliche §änbe balb jur Verausgabe feiner 
anberen ©efangStoerfe, ber Dpent unb ber großen Steffen üerbinben. 
SEBien ^at noch im Stugenblicf feine größeren muftfalifd^en ©d^ä^e im 
93efifc als biefe. 12. 



* $a$ ©tänbefien ift urfprüngtid) für SHtfirio tmtSKännercf>or componirt 
unb erft foäter (auf SBunfd) Don ©rittyaräerS greunbin Slnna gröf)lief)) für grauen* 
djor eingerichtet toorben. 

** Später haben fr Sadjner unb aucf> 3. 31. öan <£nfen eine Orcfjefterbegleitung 
baju gefegt. 



266 



©utenbergfeft in ^ctpjig. 



(Rtttettberjjfefl in fettig, 

8lud& unfere Sunft t)at ba§ %t\t öerfyerrlidfjen Reifen, tute fie ja 
in %tmV unb Seib ftdE) wunberlräftig jeigt, ben ©injelnen wie bie 
grofee SJtaffe ju t)cben öerftetjt. ®afe im Slugenbltcf gcrabc jwei ©om* 
poniften in unserer SÄitte leben, t)on benen ber eine burdfj glücfiidfjeS 
©Raffen in feinem Äreife fid) in ganj 3)eutfdf)lanb bereite befannt ge* 
madjt, ber anbere europäifdjen 9tuf fyat, unb bie für bie %titt ju in* 
tereffiren e8 nur einer Anregung beburfte, mag als ein freunblidfjer 
#ufafl betrautet werben, ©ctoig ift ber mufttatifd&e XtyU beS 
gefteS nid&t ber geringfte unb in biefem ©inne war audfj aßeS ange* 
orbnet worben* 

Sur Vorfeier, SMenftag Stbcnb, * Ijatte §r. Sttber t ßörfcing 
eine neue famifelje Oper JpanS ©adf>S" gefd&rieben , bie bie früheren 
beffelben ©omponiften au griffe, Seid&tigfeit unb Sieblid&feit nodd 
übertreffen fofl. 3df) felbft fonnte ber SSorfteHung nid&t beiwohnen. 
3)ie Sluffüljrmtg foll aber ljbdffft erfreulidf) gewefen fein unb f)at bem 
©omponiften reiben Sotjn gebraut. SKe^rere Hummern würben ba Sapo 
verlangt, unb SBeifaß burdf) ßränjewerfen unb iperborruf blieb ntd&t 
aus. ©S ftetyt uns in ben nädfjften lagen eine jweite Sluffüf)rung 
beöor. Qux eigentlichen %t\tt, ber ©ntt)üöwtg ber arbeitenben treffe 
unb ber ©utenbergftatue, welcher früt> 8 tt^r eine ftrd&liclje, burdf) eine 
©elcgettfjettöcantatc beS ©irectorS beS 3ittauer ©änger&ereinS $m. 
Sftidjter eingeleitet, vorangegangen war, t)atte £r. Dr. gelij 9Ken« 
belSfot)n SSartJjotb^ eine ©antäte für jwei SÄämtercIjöre mit 83e* 
gleitung von Sßofaunen k., nad) Sßorten beS Jprn. M. sßrölfe in grei* 
berg, componirt, bie äRittwodf) frfif) auf offenem SDlarfte gejungen 
würbe. Der erft unfreunblidEje Gimmel Ijatte fidf) aufgeftärt; es mar 
ein erljebenber Slnblid. S)en einen ©ljor birigirte §r. Dr. SDienbelS* 
foljn, ben anberen Ipr. ©oncertmeifter 2)at>ib. 2Bie fd£)Wer 9Ruftf unter 
freiem Gimmel wirft, weife Seber. §unbert Stimmen mel)r ober 
Weniger bringen laum eine ©df)attirung meljr ober weniger l)ert>or. 
SMe ©ompofition , fo freubig unb dfjaraftertftifdf) an fidf), £>ättc auf 
folgern Staunte aus wenigftenS taufenb ®ef)len Hingen müffen. ©ieS 
finb aber füf)ne 3ßünfd£)e, bie man l)öd)ftenS auSfpredfjen, nidfjt forbern 



* ben 23. Sunt. 



©utenbergfeft in Seidig. 



267 



barf. 2Bo aber SDiufi! am meiften ergriffen fabelt würbe, im SJtoment 
nach ber ©nthüflung, bo fehlte fic ; bieS ^atte man fid) entgegen laffen. 
3)aS SSotf war in biefem Slugenblid auf ber §öf)e ber Aufregung; 
eine einfaßenbe SDtuftI, trietteicht gerabe nach ber SRelobie „ein' fefte 
S3urg", bie fpäter gefungen würbe, müftte fytx I>errlid^ getoirft haben, 
2)er übrige Xag verging unter ben geftlidjfeiten , über bie anbere 
bff entließe SSIättcr berieten werben. 

©eftern SRadjmittag* fanb nun bie eigentliche grofee ÜRufifauf* 
fü^rung in ber Zfyomtötixty ftatt, an ber ©teile, wo ©ebaftian 33adf> 
fo oft feine I)of)e Äunft ausgeübt §at, bie jejjt fein geliebtefter unb 
liebenbfter Bogling, Me 9 r ^§en SDiaffen mit energifdjer $anb leitenb, 
eingenommen ^atte. S)ie Sluffü^rung war hödfjft glänjenb, alle SRäume 
ber Slirdfje gefüllt. 6f)or unb Drdf>efter motten über 500 ftarf fein» 
S)ie aufgeführten SRufilwerfe waren bie gubelouöertüre toon 2Beber, 
am ©chlufe im God save the king burd) bie £>rgel begleitet, ba$ 
S)ettinger Tedeum &on Raubet, unb ein „Sobgefang" t)on SÄen* 
bel&fohn. lieber bie beiben erften, weltbefannten Sompofitionen 
brausen wir nicht» S u f a 9 en - ^ c festere ^ar neu Utt ^ «B* 18 
ju bem gefte toon bem Söieifter tjollctibet worben; einige SSSorte barüber 
bürften feinen fernen 3Seref)rern willfommenfeuu DerSomponift, ber feine 
SEßerfe immer fo treffenb ju bezeichnen weife, ljat fie fetbft „Sobgefang"** 
genannt. S)em eigentlichen ©efange gingen aber brei ^mp^omftifd^c 
Drchefterfäjje &orau3, fo bafe bie gorm ber neunten SBeethoöenfchen 
€>t)mp$onie ju dergleichen ift, bi8 auf ben h^röorjuhebenben Unter* 
fdjieb, ber im S^mphoniftifd^en noch nicht öerfudfjt ift, bafe fich bie 
brei Drdjefterfä|e ohne Raufen an einanber fchliefjen. Die gorm be8 
©anjen fonnte für biefen ßweef nid)t glüeflicher gefunben werben.*** 



* ben 25. Quitt. 

** $ie ©eaeidjmmg aU „@ttmj)f)onie* ©antäte" naljm er auf ©. ftlingemamtS 
93orfd)lag an. 

*** ©eftridjen: „$ie gorm be$ ©anjen fonnte für biejengtoeef mcfjt gfüdlidjer 
gefunben »erben, toenn toxi aufy jwetfeln, ob e3 urfarüngftd) fo gebaut ift, unb 
beinahe überzeugt finb, bafi jene Ordjefterfäfce, fdjon bor einiger Seit gef abrieben, 
Xfjetfe einer tüirfltdjen S^ntp^onie toaren, ber er ben Sobgefang, ber mir burdjauS 
neu fdjeint, für ben befonbern 8»ecf ber ftuffü^rung jefet anfötoß. 2Bie beut jet, 
bic ©ontpofirion toirfte enttjufiaftifdj, unb bte$ gerabe burdj bie innere unb äußere 
(Steigerung. ®er Sobgefang toar ber ©tyfet, §u bem ba$ ßrdjefter bura) bie 9Ren* 
feftenftimmen gleicffjant emporgetragen »urbe, unb aud) bie £)rget fe^tte nidjt ^ur 
^öc^ften ^raft beö ©djtuffeS. Sßertnutf|en totr anber^ richtig, baß bie ©tjtn^onie* 
fä^e früher unabhängig öon beut Sobgejange beftanben, fo mödjten toir beibe SBerfe 
aud) lieber in getrennter SBeije beröffentlidjt je^cn, jum offenbaren %oxti)til beiber 



268 



3. & fiartmann, 2>er SRabe. Cper. 



©nthufiaftifch toirftc baS ®anje unb gctoiß ift baS SBerf, namentlich 
in ben &ho*fäjjen, feinen frifcheften, reijenbften beijujählen. 2BaS bieS 
nach fo großen Seiftungen Ijeijjen »iß, mag fid^ Seber, ber bem (Sange 
feiner Schöpfungen jugefehen, felbft fagen. ©injelneS t)eben wir nicht 
her∨ b o — jenen mit Sljor unterbrochenen Bweigefang Ijatretc 
beS §errn", nach bem fid) ein ^lüftern in ber ganzen SBerfammlung 
erhob, baS in ber Sirene mehr gilt als ber laute SeifallSruf im Eon* 
certfaal. ®S war wie ein SBlicf in einen §immel SRapljaelfc^er 9fta* 
bonnenaugen. ©o t)at benn bie grojje (Srfinbung beS ÄidjtS, beren 
freier wir begingen, aud) ein SBer! beS SidjtS ^eroorgerufen, für baS 
wir alle feinem Schöpfer unfern neuen S)anf auSfpredjen muffen, ©o 
la§t uns, wie ber Sünftler bie SBorte fo tyxtüty componirt, immer 
mefjr „ablegen bie SSJerfe ber ginfternifj unb anlegen bie Sßaffen beS 
Sid)tr! 12. 



Danifdje ©per. 

$cr SRabe. Dpcr in bret STcten tum 3. ffi. $artmamu SBcrf 12. 

3)er SJZufilüereiu in Kopenhagen fäf)rt, gleich wie bie nieberlän* 
bifd)e ©efeQfchaft, in bem rühmlichen 93eftreben fort, burch §erauS* 
gäbe größerer äBerfe einheimifche Xalente aufzumuntern unb befannt 
ju machen. $wei oon bem nämlichen SBerein früher ebirte Dpern: 
„Stbelljeib" Don Bühlau unb „gtoribella" öon SBetjfe, befprad&eu wir 
fchon in älteren Jahrgängen. SDieSmal ^at bie Sßahl eine Dper beS 
§rn. § artmann getroffen, eines gleichfalls in biefen blättern fcf)on 
mehrmals genannten jungen Sfopenhagner Somponiften, beffen tüchtiges 
Streben es oerbient, ba| ihm auch beutfehe Sunftöerwanbte Slufmerf* 
famfeit fdjenfen. 



s #artieen beS SBerfeS. $te 8nmphontefä|3e enthielten fieser an fid) au&erorbentlich 
Schönes, ber erfte @afc, wie namentlich baS OTegretto; &ur geierlichfeit unb $räa> 
tigfett beS SobgejangeS {dn'enen fie mir aber $u jart unb fein gewirft unb eher einen 
^eiteren (Schlug ju verlangen, ähnlich etwa wie bie B dur*<§nmphonie bon 93eet* 
hoben, mit ber fie auch bie Eonart theiten. SSie nun bie brei Säfce, öon einem ginale 
befcfjloffeu, eine boßftänbige (Sömphonie für baS (Soncert abgeben würben,.fo fteht auch 
ber Sobgefang an fich als einzelnes SBerf ba, nnb nach meiner Meinung fogar als 
eines ber trefflichften öon SttenbelSfofm, ber frifcheften, reijenbften, genialften. 2BaS 
bieS nach 1° Qro&en Seiftungen :c" — wie oben. 54 



3. <E. $mrtmann, $er SRabe. Oper. 



269 



Sobenb muffen toir öor Sttlem beS XefteS ertoäf)nen. $)er ®id)ter* 
hat eine gauberoper gegeben, aber leine finbifche, tolle, tote bcutjdjc 
fo oft bem Somponiften anbieten, fonbern eine, bie ©inn unb SSerftanb 
hat nnb überbieS poetifdfjen ©ehalt ÜRan finbet beS beften 2)tcf)terS 
toürbige ©ebanfen barin, überhaupt eigentümliches Seben; auch ber 
2)iatog, fo feiten er toorlommt, ift mit ©eift unb Sßifc getrieben. 

SDie $anbtung beS ©tücfeS ift einfach- prft SKillo ^at ben 
SieblingSraben beS ßaubererS SRoranbo getöbtet, ber, unbarmherzig 
genug, if)n beShalb toerbammt, fein Seben „in SBahnfinn, Slngft unb 
©djmerjen" fo lange jujubringen, big er ein SBeib finbet, baS genauer 
betrieben toirb. äRitto ^at einen Sruber Sennaro; fie lieben ftch 
auf baS Snnigfte. S)a ber gluch anfängt in ©rfüHung ju gehen, fo 
bemüht fich Sennaro, baS SBeib ju finben, baS feinen 93ruber üom 
ftlucf) befreien !ann, unb erfennt, öou einem alten SDianne aufmerffam 
gemalt, biefeS in Strmilla, bie gerabe bie lodjter beS 3a\xhtm& 
ift. 3113 Kaufmann toerfteibet, locft er fie auf fein ©djiff unb will 
fie nun feinem SSruber ^führen. Stuf bie klagen SlrmillaS entbeeft 
il)r Sennaro ben ©runb ber (Entführung, toorauf ihm 9trmiHa Der* 
jei^t, it)n aber auch öor ber Stäche if)reS SBaterS toamt. Sennaro, 
nicht aufrieben, feinen ©ruber burdfj ein SBeib öon feiner Sranl^eit ju 
erlöfen, toill if)n auch burdf) baS ©efchenf eines Stoffes unb eines 
galfen erfreuen, bie fd)5nften X^iere, bie er je gefeljen. 35a fteigen 
aber balb bie SJteertoeiber auf unb fingen: Sftofe, f$alfe unb SBeib 
roürben feinem Stoiber ben Xob bringen; fobalb er (Sennaro) bieS 
aber öerriethe, toürbe er ju ©tein öertoanbelt. Sennaro, um feinen 
S3ruber ju retten, tobtet ben galten unb baS 9to&; fein angftüolleS 
SBefen fällt inbefe SDiillo auf, ber nun 9trmilla gefeljen, fie feurig liebt 
unb t>on it>r toieber geliebt toirb. SRadf) unb nad) fteigert fid) ber 
S3erbad)t in SWiHo, bafc am ®nbe Sennaro felbft ÄrmiHa liebe. 
Sruberfchmerj, SSeritoeiflung. Sennaro toiH nun auch öerhüten, baft 
baS Jpochjeitsfeft bem Seben feines SBruberS gefährlich toerbe, unb 
ftürjt, auf einem unterirbifdfjen ©ange in baS ©dfjlafgemadf) feines 
SBruberS gefommen unb betoaffnet, auf bie Sam^re, bie ftch fdjon 
um baS SBett beS fd|lafenben SWiHo tterfammelt höben. ®r vertreibt 
fie. SRillo, aufwachenb, nimmt bieS für einen Singriff auf fein Seben 
aus Siferfudjt unb toill Sennaro bafür beftrafen. äuf baS 2teufeerftc 
gebracht unb um feine Unfdfjulb barjuthun, gefteht nun Sennaro, roaS 



* & fllnberfcn. 



270 



3. @. # artmann, $er föabe. Oper, 



ihm bic äReerweiber oerfünbet. Äaum hat er fein ©eftänbniß beenbigt, 
als er auch jur SSitbfäuIe oermanbelt wirb. Storanbo lommt je|t 
wieber jmn SBorfchetn unb fagt bem untröftlichen 9RtUo: im Sd)i<f* 
fal3budf)e fei ber gluch gef djrieben, „be$ 9taben lob, Slrmitta» Sftaub, 
2RiUo8 Schmers unb feiner (9toranbo3) eigenen SRadjfudjt wohfoer* 
biente Strafe", Sennaro aber werbe ertbft, fobalb 9Kißo feine SBraut 
felbft töbte. 2Mo weigert fid) beffen, Witt lieber felbft fterben. 
Slrmifla tritt herein, erfährt was vorgegangen, unb will, um Sennaro 
ju befreien, fidf) felbft ben lob geben* 3m Slugenblitf, wo fie baju 
anfe|t, entreißt tf)r SRoranbo ben 3)olch; im ÄugenblidE wirb auch 
Sennaro ttrieber lebenb. S)er Sdfjidfalfpruch ift erfällt. 35er SSater 
üerfö^nt fich* SDa3 §od)jeiföfeft wirb mit Subel begangen, 

2)er dichter alfo §at in märchenhaftem ©ewanbe ba3 83ilb einer 
ibealen @efdf)wifterliebe aufftetten wollen unb ber ©ompomft ihn üer* 
ftanben. Sennaro ift bic fd|önfte unb banfbarfte SRoIIe ber Dper ge* 
worben, bie be3 SRitto unb ber Slrmitta bieten nicht minber intereffante 
Seiten. ©inige Siebenfiguren bringen Slbwechfelung , wie man benn 
ber oerftänbigen , ruhigen Slnorbnung be£ ©anjen, wie gefagt, nur 
SöetfaH fpenben fann. 

©in junger Somponift nun, bem e8 jum erftenmal in ben Sinn 
fommt, für bie SBüfjne ju fdfjreiben, i)at oorjüglich zweierlei im Äuge, 
einmal feine gange Äunft anjubringen, bann auch J u Birten, ju ge* 
fallen. 2>a8 ©rftere wirb nid)t fetten bie flippe be3 Settern- SBie 
öiet, wa3 man gelernt fjöt, Wa8 man fann, muß man verleugnen, 
wegwerfen, wenn e3 bie ^Belebung unb ©ntflammung beä SßublicumS 
gilt! §r. §artmanu fd&rieb bisher nur für bie Cammer; irren wir 
nicht, fo oerwaltet er fogar eine Drganiftenfteüe, unb jwifdfjen Drgel 
unb Xtyatn ttegt freilich eine große ©treefe* 28ie nun fdjon bie 
Ausführung jeber größeren Sirbett , gefd^ähe fie auch mit geringeren 
Gräften, und Sichtung ab jwingt, fo noch mehr biefe, ju bereu Sott* 
enbung wenn auch Wh* ©enienfräfte ihre f$lügel herliefen, f° 
jene §ebel beitrugen, wie fie angeborneS burd) Sleiß unb ©tubium 
gefräftigteS Xalent fo fidler unterftellt. ©3 ift feine Slehrigfeit, eine 
£>per. Üölan fteüe ben beften SDlufiler auf ba8 Xheater : er wirb hun» 
berterlei öerfehrt machen; er barf nidf)t ju oiel geben; bie Stimmen 
müffen ruhen; ba3 Drdjefter muß feine Raufen höben. Schon baS 
Delonomifd^e, ba3 ^Bühnengerechte, welche Ueberlegung, welche ©rfalj* 
rung erforbert e»! ©he ber SRufifer ju gtänjen anfangen fann, will 
erft ber Xheaterbirector befriebigt fein. 2Bie oiel fdjöne 9Rufif muß 



3. % & $artmatm, $er iRabe. Oper. 



271 



oft geopfert werben, wenn ber ©omponift über bie 9Kuftf bie 
S3üf)ne oergafe, für bie er fdjrieb! Unb fo brauet e» oft noch 
lange 8rbeit, ehe bie fertige SDtufif in» wirfliche Seben öor ba» ?ßuBIi* 
cum treten fann. 

35er einfache, toerftänbige Xejrt tarn bem ©omponiften nun fef)r ju 
§ülfe. Die ©tiaraftere finb Dorn Dichter mit f efter §anb au»geprägt; 
bie Aufgabe, ein innige», brüberttche» SBerhältnif* ju fchilbem, mochte 
ben ßomponiften befonber» anjieljen. Unb fo liegt bie Oper fertig ba, 
unb, wie fie e» ift, möge noch mit einigen SBorten verfolgt werben. 

Die Ouvertüre ift finntootl, tüchtig, ben 3nhatt ber $anbtung in 
lurjen 3%* öorjetchnenb. Die SKottoe finb ber Oper entlehnt, ba» 
erfte ben auffteigenben 33erbacf)t ÜJiitto» , ba» jweite bie SSerf öhnung 
unb ben trieben nach fo fielen Prüfungen au»fprechenb. D^ne 
ftenntnifj ber Oper würbe inbefe ber DuDertäre feine grofce SBirfung 
jujufpred^en fein, wie bie» ja meiften» ber gatt ift. 

Die ßaf)l ber SRufifftücf e ber ganjen Dper beträgt irierjefin ; man 
fielet, ba§ fie ntc^t lange fpielt; ein SSorjug, ben fie mit wenigen an* 
berer junger (unb alter) ©omponiften tf)eilt. Die furje, [Heine ftorm 
ber meiften tinjelnen Sftummern ift fogar auffattenb. äBir wollen e» 
ef|cr einer äengftüdjfeit be» ©omponiften auftreiben al» irgenb anbe» 
rem; aber namentlich fcfjeinen mir gleich bie erften fünf SRummern, 
wa» ben muftfalifd)en S3au betrifft, fammtlich ju furj geraden, fo bafe 
nach ihnen feine ruhige unb befriedigte mufifalifd)e Stimmung auf* 
fommt; man verlangt überall noch etwa» mehr. Dagegen finb bie 
finale» otter Stete breit auSeinanbergelegt unb werben fo fidler auch 
ba» S^rige auf ber S3üf)ne wirfen. Die» äBenige über bie gorm, 
3Ba» nun ben S^arafter ber SRufif im ©anjen anlangt, fo ift er ein 
entfdjieben beutfdjer, norbifcher. (Sine SSorliebe für Sßeber fpric^t ftch 
oft au»; auch ©potp tiefte fid> al» ein Siebting be» ßomponiften er» 
fennen, f)ier unb ba auch 9Rarfchner, ba» lefetere öieHeidjt gegen ben 
SBiHen be» ßomponiften in ber ©teile, wo bie SSamp^re auftreten, 
eigentümlich ift bem ©ompomften eine oft gar ju fc^nett wechfelnbe 
^armonieführung, bie wir nicht bunt ober unflar nennen fönnen, bie 
toir aber, wie gefagt, weniger unruhig, oft aud) natürlidjer wünfehten. 
5Da» Streben, al» $armonifer auch im Äleinften intereffant ju er* 
f feinen, fann namentlich in ber Dper feljr gefährlich werben; im 
complicirten (Snfemble läfct fich jener fchnelle, fünftlich gewobene, oft 
enhetrmontfehe 9tccorbenwed)fel noch am meiften anwenben. Der ©hör 
afcer will nid^t ju öiel Sreuje unb See; er fingt fonft ungern unb 



272 



3. (£. £artmcum, $cr 9iabe. Dper. 



falfdE) obenbrein; ebenfo wenig braucht eS jum einfachen Siebe fo jaf)t* 
reicher Uebergänge, tote fie ber Somponift oft anbringt ohne SBirfung. 
2Ba3 wirft ein ausgehaltener ©reiflang oft, aus ber SKenfchenbruft frei 
herauSgefungen! Süße Äunft ©pohrfdfjer (Snharmonif mufj fidj Der* 
fteefen öor einem §änbelfchen auSftrömenben ©reiflange, Datjor alfo 
hat fidf) ber ©omponift üor Slßem ju hüten, in ber Harmonie nidf)t ju 
üiel ju geben; fdjon im Snftrumentalfajje fann foldE) Meines chroma* 
tifd&eS ©ewirre in ben 9Jtittelftimmen fdjäblich werben, gefdf)weige benn, 
wo bie ©timmen fidf) jeigen foflen unb fingen wollen. 

Xrofcbem finb ber ßompofition auch manche melobifdfje ©chön* 
heiten nidfjt abjufprechen , namentlich ber Stoße beS Sennaro nid^t, 
ber oft recht innig, wie ein rechter SBruber fingt. Slrmißa bagegen 
wirb unter ben Sängerinnen ftd) wenig greunbinnen erwerben ober 
nur unter hochftimtmgen. 9tuch in ben (Spören bewegen fidf) bie ©ttra* 
men oft in ben anftrengenbften Ijoljen Sagen, namentlich bie ©oprane. 
S)ie (Erfahrung wirb mefleicht jefet fdjon, wo ber ßomponift feine 
Dper, wenn wir nicht irren, in öffentlicher Aufführung gehört t»at, 
ihn barauf aufmerffam gemalt haben, wie wenig ben Spören unb ben 
Sinjelnen in biefer ipinficht jujumut^en ift, mit wie toieler 9tüdEfid)t, 
wie einfach bie ©timmen ju befjanbeln finb, wenn fte mit Suft unb 
Siebe fingen f ollen. 5)ie Stoße beS SJtiflo verlangt ebenfaßs einen 
umf angreifen Sariton; fie ift im KtamerauSjug in tterfdfjiebenen 
©cfflüffeln gefdffrieben, was auffaßt. 9?oranbo, ber ßauberer, ift 93afe, 
verlangt aber auch jiemtid^e §&I)e. 

SSon ben einzelnen Stummem noch einige auszeichnen, fo finb 
eS im erften 8lct baS artige Sieb beS Pantaleone unb bie (Saoatine 
beS Sennaro. S)er ©efang ber SDteerweiber wirb mit einer d^arafte* 
riftifd^en SBafefigur burchflocljten, bie t)on gutem Sffecte fein mag. S)aS 
piü lento in bemfelben ginate „©onberbar hebt fidf) bie SBruft" tritt 
befonberS jart heroor. 

2)aS im ©ebicljt fef)r finnige erfte Sieb beS jweiten Slcteö wünfef)* 
ten wir origineßer, unb boch einfacher. Sie Sttrie beS Sttißo, beren 
SKotto fdjon in ber Duöertüre toorfommt, mag guten SBüf)neneffect 
machen. Das SJiotiü erinnert übrigens an manches üon Sinbpaintner, 
Saßiwoba *c. — ©cfjön unb bebeutenb ift ber furje ©efang beS Sennaro : 

©ort burrf) bie ^irdjenfenfier Rar — 

hier jeigt fich ber Drganift, aber gefd£)macföofl, fogar poetifdf). 2)aS 
fomifche Sntermejjo beS Xartagtia wirft belebenb unb ftef)t an guter 



SRenbetöjoImS Drgelconcert. 



27$ 



©teile. 2)er folgenbe SWarfd} f)at bagegen etwas befannt SBetlinifd^ed. 
2)cr Äct fcfjließt glänjeub. 

3m britten jeidjnet fich bcr unifone 6^or ber S3ampt)re aus mit 
feinem unheimlichen ©olo. @S finb tooJjl Xenöre; h&h e / fpifee ©tim* 
men müßten fytx bon noch graufigerem Sffecte fein. 3m äftelobrama, 
bie ©cene, wo 3ennaro fein ©cljeimniß enthüllt, geben wahrscheinlich 
Snftrumentation unb ©ecoration ben SluSfchlag; auf bem ßlaüier wirft 
beriet immer nüchtern. 3)ie ©teile, wo 3ennaro wieber aus bem ©tein 
auflebt, muß ebenfalls üom Drcfjefter gehört werben; auch ^ er wirft 
baS Klaoier wohl nur bie §ätfte. ®aS ©anje {fließt, wie gefagt, 
beruhigenb unb glücflich* 

S)er SlamerauSjug ift übrigens mit großer Sorgfalt unb üon 
einem guten Spieler (bem ßomponiften felbft) gemacht; wir ftnb feit 
langer fttit feinem befferen begegnet. Sluch bie beutfche Ueberfejjung 
ift gut. 

So macht benu baS SBerf feinem Sßerfaffer alle @hre, wie bem 
SBeretue, ber es an ben Xag geförbert l)Qt. SBie es rjon ber 93üf)ne 
herab wirft, werben wir freilich in Deutfchlanb fcfjwerlich erfahren. 
S)ie fid; aber im ©tiHen üon bem in allen 2)eutfcf)lanb umliegenben 
Säubern fortfchreitenbeu SDtufifgeifte überzeugen wollen, werben ben 
SlatrierauSjug ficher mit ber freubigeu Ueberrafchung aus ber §anb 
legen, baß unfere beutfche Äunft auch aufwärts immer mehr SBurjel 
faßt, unb mit ber Hoffnung, baß eine gute SRücfwirfung auf baS eigene 
SBaterlanb mit ber 3eit nicht ausbleiben wirb. 

91. S. 



9Kit golbnen Settern möcht' ich ben geftrigeu Slbenb in biefen 
SJlättern aufjeichnen fönnen. ®S war ein Soncert für SKänner ein* 
mal, ein gutes ©anjeS rjom Slnfaug bis (Snbe. SBieberum fiel mir 

* ©dwmannS ?Infünbigung beff elben — 00m 29. Qult — lautet : „25 en 6. ftug., 
SIbenbS 6 Uf>r, wirb #err 9tt$. Dr. SRenbelSfofjn 93artl)olbt) in bcr %i)o* 
tnaSfiraje ein Drgelconcert geben. $>ic ©innafjme ift 511 einem 3)enfftein für 
Sodann ©ebafttan $8adj beftimmt, ber ifym in ber 9ftUje feiner ehemaligen 
SBo^nung gefegt »erben fofl. (Sin alter SBunjdj, gewiß Unflätiger, gefjt fomit in 
(Erfüllung, nnb tt)ir tuiffen unjere greube über biefen 3ug fct)önfünft(erifcr)er Pietät 



<3$umann, ©ff. ©Stiften. II. 



IS 



274 



SttenbetöfofjuS Drgelconcert. 



ein, tote mau mit SBad) bodj niemals fertig, wie er immer tiefer wirb, 
je meljr man it)u tjört. 58on ßelter unb fpäter oon 3)Jarj ift barüber 
Xrefflid)eS nnb XreffenbeS genug gefagt worben, unb bod), t)ört man 
bann, fo Witt e* wieber fdEjeinen, als ließe fidf) tt)m mit bem bloßen 
2Bortoerftanb nur üon SBeitem beifommeu. $)ie befte 33erfimtlic$ung 
unb ©rflärung feiner SSerfe bleibt nun immer bie lebenbige burcf) bie 
9Jiittel ber Sfftufif felbft, unb öon wem bürfte man ba eine treuere 
unb wärmere erwarten als üon bem, ber fie uns geftern gab, ber bie 
meiften ©tunben feines SebenS gerabe biefem üDieifter jugewanbt, ber 
ber Srfte war, ber mit aller Sraft ber 93egeifterung baS Stnbenfen an 
93ad^ in 2)eutfd)lanb auffrifdf)te/ jefct aud) wieber ben erften 3mpulS 
giebt, baß fein 33ilb aud) burdf) ein äußeres 3eid£)en bem Stuge ber 
Mitwelt näfier gebraut werbe. Rimbert 3at)re finb fd£)on vergangen, 
ef)e bieg öon Slnbern üerfud)t, fotten melleid£)t nod) ljunbert öergeljen, 
baß eS jur SluSfüljrung fommt? SS ift nid)f unfere Slbfidjt, burdf) 
einen förmlichen Stufruf ju einem 2)eutmal für 83adE) etwa ju bitten; 
bie für äRojart unb 93ect£)oüen finb nod£) nid£)t fertig unb eS bürfte 
fdjon bamit nod£) eine ßeit währen. Stber fjier unb ba anregen 
möchte bie Sbee, bie jc^t üon t)ier ausgegangen, namentlidj) in ben 
©täbten, bie fiel) in neuerer $eit um Sluffütprung S8adf)fd)er SSerfe be* 
fonberS öerbient gemalt, SSerltn unb SBreSlau, in beuen eS SSiete geben 
wirb, bie wiffeu, was bie Shtnft S3a<f) fdE)ulbet; eS ift im Keinen 
Greife ber üöhtfif faum weniger, als was eine Religion ifjrem Stifter. 
äJtenbelSfoljn tyridfjt fid) felbft in feinem baS Eoncert anfünbigenben 
Kircutar in Haren, einfachen SBorten barüber auS: „33iS jejjt befun* 
bet fein äußeres Qtityn in Seipjig baS lebenbige SKnbenfen an ben 
größten Äüuftler, ben biefe ©tabt je befeffen. (Sinem feiner SRadjfol* 
ger** ift bereits bie @f)rc eines $)enfmats in ber 9?äf)e ber £t>omaS* 
fdjule ju Xf)eil geworben, bie S3adj tior allen Slnbern gebührt; ba 



Iflum in SBorten au^ubrüefen. 2öo fid) aber ein foldjer Siünftter an bie Stifte 
fieflt, foHten ba nidjt Diele folgen, foflte ber ©ebanle nidjt audj in ber gerne an- 
fingen? könnte aus bem £enfftetn nidjt ein $enfmal werben? 3#m, bem (£in* 
äigen, (Ewigen ein SJlonument p fejjen, baS fidj würbig an bie $u ©f)ren Starts 
unb 33eetJ)ODenö anredete, baju wäre bie 3eit ba, ba$u foüten fia) bie $änbe aller 
Äünftler unb tatftfrennbe oerbinben, bieg mürbe unferm Seitalter aI3 ein 93ewet£ 
feineö aufgeflärten ÄunftfinnS in ber Sufunft angerechnet werben. Ueber ben (Er* 
folg be3 erften Anfangs hoffen wir balb ettoaS mitjurtjeilen ; möchten biefe einfadjen 
Sporte baju beitragen, baß Wir e$ aua) balb über anbere fönnten! 12." 
* S)urc^ bie SUtffüfjrung ber 3Kattpu§^affion 1829 in ©erlin. 
** 3of>. ^Ibarn Ritter. 



SttenbeteJoIjnS Crgetconcert. 



275 



aber in ber jefcigeu ßeit fein (Seift unb feine 2öerfe mit neuer ffraft 
fjercortreten, unb bie £t|eilnaf)me bafür in ben ^erjen aller wahren 
ÜJtufüfreunbe nie oerlöfdEjen wirb, fo ift ju tfoffen, bafj e Y in foldjes 
Unternehmen bei' ben 3}ewo£jnern Seipjigg Stnflaug unb SBeförberung 
finben möge" :c. «:c. 

2>a§ nun ber öon foldjer fiünftlerfjanb geleitete Slnfang ein wür* 
biger war, unb ba§ itju ein ben Qxotd reid) unterftüfcenber Srfolg 
fronte, war ju erwqjrten. SBie ÜJienbetäfoljn baä föniglid|e Snftrument 
33ad}3 ju t)anbt)af>en oerftefjt ift fdjou anberweitig befannt; unb bann 
waren e3 lauter fpftfidje Äleinobien, bie er geftern üorlegte, unb jwar 
in f)errlid)fter 3lbwed)felung unb Steigerung, bie er nur ju Anfang 
gleidjfam befürwortete unb jum @nbe mit einer Sßfjantafie befdjfoft. 
SRadf) einer furjen (Sinleitung fpielte er eine guge in Es dnr, eine gar 
prächtige auf brei fid} über einanber aufbauenbe (Sebanfen, tjierauf 
eine ?ßt)antafie über ben Gfjoral „Sdjmüde bid), o liebe 8eele", ein 
unfdjä|bare3, feeletitieffted ÜRufifftücf, toic e$ irgenb einem Äünftler* 
gemütt) entfprungen, fobann ein grofcbrittanteS sßrätubtum mit guge 
in A moll. beibe fefir fdjwierig audj für SKeifter auf ber Crget. 9Rad} 
einer Sßaufe folgte bie ^affecaitte in C moll, 21 83ariationen, geniatifd) 
genug in einanber genmnben, baft man nur immer erftaunen mufj, 
aud) tjon SDlenbetefofjn oortrefflid) in ben Siegiftern beljanbelt, nadj 
biefen eine ^aftoretta in F dur, wie nur irgenb ein ÜDiufifftüd biefe<8 
5f)arafter3 in tieffter tiefe gebaut werben fann, ber fid) bann eine 
loccata in Amoll mit 93ad)if d) * tjumoriftifdjem ^ßrälubium anfdilofc. 
£en Sd)Iuf3 machte eine <ßf)autafie 9Jienbel3fot)n3, worin er fid) benn 
jeigte in Dotier Siünftlerglorie ; fie war auf einen &f)orat, irr' id) nid)t, 
auf ben Zt^t „0 öaupt oott Stut unb SSunben" bafirt, in ben er 
fpäter ben tarnen 33adj unb einen $ugenfafc einfloßt, unb runbete 
ftd} ju einem fo Haren, meifterf)aften ©anjen, ba§ eä gebrudt ein fer* 
tigeä Sunftwerf gäbe, ©in fd)öner ©ommerabenb glänjte ju ben $ir* 
djenfenftern herein; aufcen im freien wirb nod) ÜÄand)er ben wunber* 
baren klängen nadjgefonnen tjaben, unb wie e3 bod) in ber SRufil 
nichts ©röftereS giebt afä jenen ®enu§ ber Doppefmeifterfdjaft, wenn 
ber SJieifter ben äReifter au3fprid(t. SRufjm unb ®t)re bem atten wie 
bem hingen!* 

12. 



* XaS 33ad)*2enftnal tourbe am 23. Wpril 1S43 enthüllt. 



18* 



276 



93. ©. WÜPP, £no. 



£riö6 für JJiatwforte mit ßegleitung. 

®S finb Sa^rc öerfloffen, feitbem wir jum lefetenmal über 6om* 
pofitionen obiger ©attung berietet ; öieHeidEjt erinnert fief} ber fiefer 
nod| eines GtyfluS üon Äritifen, in bem alle feit etwa je^n Sauren 
erfdjienenen XrioS ausführlich befprod£)en würben. Ällem nen ®rfd)ei* 
nenben nadfjfpäljenb, müffen wir uns nmnbern, wie wenig in ben Up 
ten jwei bid brei Sauren SBerfe obiger ©attung &eröffentlidf)t worben 
finb — getrieben? wof)l mef)r. SBer weife baS! ®S liegen im 9tugen* 
bliefe nur öier XrioS öor uns. §ür erfdfjöpfenb fbnnen wir aber un* 
fer Urteil barüber nidjt auggeben, ba wir nur eines baoon aufführen 
gehört. Denn wie baS innere ©eljör baS feinere mufifalifdje ift, ber 
©eift ber Ausführung tjat audj fein SRedf)t, ber IjeHe lebenbige filang 
feine befonberen Sßirfungen, über bie fidd felbft ber gute SKufifer, ber 
juerft gleicfjfam burdf) baS Sluge t>om Rapier f)ört, tauften fann. 
Seid^ter fdfjon wirb eS ju urteilen, wo Partituren vorliegen, wie eS 
bei Verausgabe öon (Snfembleftücfen jefct löbliche ©itte geworben; wo 
aber biefe fehlen, barf ber Äritifer nidjt gefdfjolten werben, wenn er 
nur en gros berietet. SSon bem erften ber ju befprecfjenben XrioS 
liegt uns in ber ßlaoierftimme jugleidf) bie Partitur oor; eS ift oon 
SB. ®. Philipp [SBerl 33]. 2)er 9iame beS in »reSlau lebenben 
XonfefcerS fam in ber ßeitf^rift fcljon öfters üor. SJtit feinem Xrio 
tritt er, irren wir nidjt, jum erftenmal mit einem größeren ©nfemble* 
ftücf auf. ®S getjt in Fmoll unb weicht in ber gorm t>on anbern 
nur barin ab, ba§ eS fein ©djergo bringt. 3m Uebrigen Ijat eS ben 
redeten Xrio*£f)arafter, b. I)- lein 3nftrument tynfät oor unb jebeS 
l>at etwas ju fagen. $)ie Stimmung ift öorf)errfdfjenb tyrifcf); jwar 
im legten ©a| möchte einiges auf eine bramatifd)e 3tbficf)t beS Som* 
poniften fdjliefeen taffen, ber ©runbton bleibt aber tyrifdE). 8tm fdjneü* 
ften wirf fam fdjeint ber erfte ©afc, er f|at glufe unb runbet fiel), ßur 
gröfjern Sßirfung fef)It iljm nur ein bebeutenber energifdjer ©d)Utfj; 
wie er ift, füt)lt man, ber Somponift war am Snbe unb bie Sßfjantafie 
gab nichts meljr aus. Stnmert)in gilt er uns als ber gelungenfte beS 
XrioS. SBenig fagt uns baS Slbagio ju: bie erften ad^t lade ber 
ßantilene finb melobifd) gut erfunben, obwohl an baS Slbagio in 
83eetf)ooenS F moll*@onate ertnnernb ; bie folgenben aber fjaben feinen 
mufifalifdjen Sortgang, wie uns audj ber 9Jiittelfafe in Bmoll farg 



(Sari £et)fet, Zxio. 



277 



unb reijloS bünft. Der lefete ©afj, ginale, fdjlie&t fidf) bem Slbagio 
gut an unb nimmt einen füfjnen Slnlauf. Die erften Xacte beS SlttegroS 
gleiten freiließ feljr in ^Bewegung unb Sfjarafter bem beS legten ©afceS 
ber eis moll**ßf)antafie üon SSect^otien ; wenn baburd) bie SBirfung 
gefcfjmälert wirb, fo öerföf)itt uns balb ber fet)r gute unb mclobifcfj* 
fdfjwungüotte ©efang im Dur ber großen Uuterterj, ber bann fpäter, 
naef) t)erfömmltd)er gorm, im Dur ber Jpaupttonart wieber erfdjeint. 
©ine ©teile beS SlbagioS liebt fid) furj oor bem ©d£)lu§ noef) einmal 
tjeroor, wir wiffen nidE)t, ob mit SBirfung. ®3 f)at mit fold&en fogc* 
nannten „9iüdEblicIen" fein ®ef äf)rlidf)eS ; wo es nid|t (tote j. SB. im 
ginate ber C moll*©t}mpt)onie, tt)o baS ©d)erjo wieber auftaucht) im 
freieften glug ber 5ßt)antafie gefdjieljt, fo bafc wir uns fagen müffen: 
es fann nicfjt anberS fein, — fiefjt eS leidet gezwungen unb gemacht 
auS; immerhin t)at fdjon bie Intention etwas ©inniges unb nur be* 
gegnen if)r immer gern. 3n ©umma, baS Irio wirb benen, bie nidjt 
immer t)bdjfteS 9Jieifterlid)eS motten, in üielen Sßartieen jufagen; baS 
Streben beS Somponiften mar ein unöerlennbar gutes, unb fo wüu* 
fcfjen mir, bafc er ju äfjnlidjen SSerfen größeren UmfangS aud& immer 
bereite Verleger finbe wie ben feines XrioS, ber eS freigebig auSge* 
ftattet. Daö Xrio ift Slbolpf) ipenfelt jugeeignet. 

lieber ein Xrio üon Sari Segler vermögen mir nid)t metjr ju 
fagen, als was uns eine ftumme Sluffüfjrung nad) ben ljerumgelegten 
einjelnen ©timmen eingiebt. (SS fd£)eint übrigens flar genug, um eine 
Partitur [nid)t] ju oermiffen, unb ergebt fidE) anfd^einenb nidf)t über jenen 
mittleren ©ebanfenflug, ber immer einige SDtinuten im üorauS ju er* 
ratzen, fo ba& id} mir in ben Raufen ber Efamerftimme bie güttung 
ber anbern Snftrumeute audf) meift ganj gut benfen fonnte. Der £f)a* 
rafter beS ©tücfeS ift mobern, gefällig, bürgerlich; SMobie l)at es, 
wenn aud) Meine unb befannte; bie Harmonie ift leidet, aud) ridfjtig. 
Der ßompouift fd£)eint, allen Slnjeid^en nadf), ein junger unb ftreb* 
famer. 3n einer grofjen ©tabt, wie SBien, auf tüchtigen SBegen ju 
Bleiben, geprt freiließ boppelte Straft baju* publicum bort, mie 23er* 
leger motten t)or Slttem 2eid)teS, UntertjaltenbeS, unb ein geuerroerfer 
gilt tynen met)r als ein rüftiger ©labiator. ©o fam eS oft, bafc, bie 
baS nid)t begriffen unb wiber ben ©trom wollten, einfam unb beifatt* 
loS ifjren 28eg fortfefcen mußten, wät)renb, bie fiefj aecomobirten, balb 
üon tjöljerem ©treben ablaffenb, mit ben l(unbert Slnbern im ©trome 
mitfd^mammen unb fpurloS öerfcfywanben. SGBir münfe^en bem jungen 
Gomponiften SluSbauer genug, nid)t ber legten Staffe ju verfallen. 



278 



«. geäca, Grfles %xio. 



3ßa£ ift aller 33eifalt beS 3Jiobef)aufett§ gegen ben ftiüercn be§ edjten 
ftünftler^! 2>a3 publicum ift nie ju fättigen, wäljrenb ba§ fleißig 
gearbeitete, \fyön gelungene Sunftwerf Sat)rsef)nte lang nachhält. 2Bir 
finb in biefen moralifchen Xon verfallen, weil wir eben wiffen, tute 
oft gut anfangenbe Talente au§ ÜDianget an Stufmunterung in großen 
©täbten e$ auch nur bei ben Slnfangen bewenben tieften. 2>a§ „premier 
Trio" möge benn nur ber Vorläufer ber föftlichften fpäteren fein unb 
ber ßompouift fortfahren, an großen formen feine ®raft ju ftärfen 
unb ju meiftern. 

Sin bie Xrioä ber unb ©etjter fchtieften fidf) neu er* 

fdf)ienen noch brei an, t>on 9t. gcSca, 3. $ii'i£ unb äßen* 
beläfohn Sarthotbij. 

2)e3 KompofitionStalenteS be$ erfteren warb fdfjon früher in ber 
ßeitfdjrift ©rwähnung getrau. 9Kan fiet)t, eä gef)t if)m leicht öon ber 
§aub; eine SDtenge aud) größerer SSerfe feiner ßompofition ift neuer* 
bingä im 2)rud erfd)ienen. 2)a§ Xrio [ L S2Berf 11, Bdur] Ijat eine 
©chmetterlingänatur, wo nidjt ber ganje Somponift; er foftet unb 
nafdf)t noc^ in ber Äunft, aber mit Suft unb Siebe, unb bieg nimmt 
für if)n ein. ©ern i)ängt er fidf) auch an t)5l)ere Sunftgeuoffen. SWcn* 
beläfohn, ^enfelt, K aud) Ihlberg finb mit wenig SDZühe wieber ju 
fiuben. 2)ie 2eidf)tigfeit unb Stnmuti) aber, mit ber er fid) anfdfjtieftt, 
fofjnt fdjnell wieber aus. £>aS immer berbere beutfd&e ©lement abge* 
rennet, fönnte man ben jungen ©omponiften am ridf)tigften bem fran* 
jöfifchen SBertini dergleichen. £>b il)m felbft biefer SSergleidE) gefalle, 
wiffen wir nicht; bod), fcheint e8, hat er baä $eug, ^ n junic^te ju 
machen, fidE) l)bf)er hinaufjuarbeiten ju ©ruft unb männlicherem §lu$* 
brudE. So Hingt ba$ Xrio, wie ein 33ertinifd)es, burdfjauS hübfdfj 
unb gefältig. üftadfj ©rammatif, felbft nach Dctaüen, Quinten (wenig« 
ftenä für ba§ Stuge) wirb nicht tuet gefragt; wa§ ihm wohlftingt, 
fdfjreibt er hin, ba8 Cht gilt ihm ber oberfte dichter, SBir haben 
nidf)t§ gegen biefen ©runbfafc. 2Ba§ fchön flingt, fpottet alter ©ram* 
matif, wie wa$ fdf)ön ift, aller Slefthetif. üftadfj alle bem ©efagten 
wirb ber fiunftfreunb wiffen, wa£ er ungefähr öom £rio ju erwarten 
hat; e3 fteht öermittelnb jwifdf)en Sünftler unb Dilettanten unb wirb 
Stilen behagen, bie nicht immer nach §öcf)ftem verlangen. 3m 83efon* 
beren ift noch ju erwähnen, baft ba§ ganje Xrio ohne Slbfa^ fyntet* 
einanber gefpiett werben foH. innigere SJerbinbung unb Sejiehung 
haben bie einzelnen ©ä|e inbeß nicht, man fann ebenfo gut nach 
jebem eine $aufe einhalten. S)aS Glaüier t)errfd^t t)or, boch nicht 



3. *ß. $i£i3, 3edjfteS Xrio; 9Kenbel§fol)n, (SrfteS $rio. 279 

fo, bcife fidf) nicht auch bie anbcrcn Snftrumente gut jeigeit fönnten, 
wie bertn bic Klarheit in Stnorbnung be$ ©anjen nur auszeichnen 
ift, boppelt an einem jungen Sftinftter, tüte eS ber Gomponift noch 
fein foÖ. 

2)a8 £rio toou 3. ?ßi£t ö ift bereit« baS fechfte beS Gompo* 
niften [SBerf 139, Fismoir unb nadf) langer ßeit wieber baS erfte 
bebeutenbe SEBcrf, baS t)on ihm erfdf)ienen. ©eljört in üoUftänbiger 
Sefefcung t)abe ich eS noch nicht; vielleicht, bafj eS mir fonft auch 
weniger unflar, weniger jerftücfelt erfcf)iene. S)er Stnfang ift eigen. 
2)aS Glamer beginnt mit einer wilben 2H9 ur > w bic bie 93äffe ben 
!pauptgebanfen beS erften ©a$eS hineinwerfen; wilb fdEjeint ber erfte 
©afc überhaupt, fo feljr eS nämlich ein Gomponift fein fann, ber nidfjt 
gerabe ein 33eetf)ot)en ift, ber, in ©icilien an ber ©eite einer gefeier* 
ten £ocf)ter unter immergrünen Xriumpf)bogen mitwanbelnb, nicht eben 
©runb ^aben mag, fidf) über baS Seben ju beflagen. Sern angemeffen 
enbigt auch ber ©a$. 2)aS Kapriccio, an ber ©teile beS ©cherjoS, 
föeint fetjr pifant unb getftreidf), toie benn SßijiS in folgen fleinen 
©adjen immer glüdElidf) ift. 3)a8 Slbagio, fentimentalen GfjarafterS, 
wä^rt beinahe fo lange wie bie brei übrigen ©äfce jufammengenom* 
men, unb wohl ju lange; eS ift hier eine SJienge Harmonie an einen 
gewöhnlichen melobifchen ©ebanfen öerfdfjwenbet, bie vereinfacht unb 
verringert baffelbe gewirft haben würbe. Reicheres Seben bringt ber 
©chtußfajj, wie ber erfte in ber feltenen Xonart Fismoll gefchrieben 
unb befdfjtoffen. £)er ©djlufj erinnert übrigeng an ein ©tücf aus 
StoffiniS Soireen, wie bie Dctavenfprünge in ber Hauptfigur an bie 
Raufen im ©djerjo ber D moll*@t)mphome von 33eetf)oven. 2)aS ©anje 
ift gtänjenb unb fchwierig, bodf) auch banfbar. 2)arf man ihm auch 
nicht, wie einem SReifterwerfe, eine nachhaltigere Sßirfung, eine große 
SebenSbauer jufprechen, fo ragt eS als ©lanj« unb SBirtuofitätSftücf 
boch immer als ein bebeutenbeS unb eigentümliches tyxüox, baS mehr 
will als bloße gertigfeit beS ©pielerS, bloßes Slmufement beS ßu* 
hörerS. 

®S bleibt noch übrig, über SDienbetSfohnS Xrio [SBerl 49, 
Dmoir etwas ju fageu — weniges nur, ba eS fich gewiß fdfjon in 
Älter Rauben befinbet. GS ift baS 2Keiftertrio ber ©egenwart, wie eS 
ihrer ßeit bie von Beethoven in B unb D, baS von granj ©chubert 
in Es waren; eine gar fdf)öne Gompofition, bie nach Stohren noch 
©nfel unb Urenfel erfreuen wirb. 3)er ©türm ber legten 3af)re fängt 
allmählich fich 5 U ^9en an unb, geftehen wir es, h at W) 0 * 1 manche 



2S0 



fö. 'öitrgntufler, lieber. 



s $erle ans Ufer geworfen. 9Wenbef8fof)n, oBfd^on weniger alg Slnbere 
üon \t)m gepaeft, bleibt bodf) immer auef) ein ©of)n ber Qtit, l)at aud> 
ringen müffen, fjat eg audfj oft anhören müffen bag ®efd)Wäj& einiger 
bornirter ©df)rif tfteüer , „bie eigentliche 33Iütf)ejeit ber Söhtfif fei hinter 
ung", unb tjat fiefj emporgerungen, bafe wir eg wotjl fagen bürfen: 
er ift ber SRojart beg neunjelinten 3af)rljunbert8, ber tjedfte SRufifer, 
ber bie 2Siberfprücf)e ber $tit am flarften burdfjfd&aut nnb juerft üer* 
fötjnt. Unb er wirb aud) nicfjt ber lejjte Äünftler fein. SRadfj SKojart 
fam ein S5eetf)üt)en ; bem nenen SDlojart wirb ein nener Seetfyooen 
folgen, ja er ift melleidf)t fd&on geboren. Sßag foll id) noef) über bieg 
Xrio fagen, was fid) nidE)t Seber, ber eg gehört fdjon felbft gefagt? 
2lm glüdlid)ften freiließ bie eg öom ©djöpfer felbft gehört. S)enn 
wenn eS audfj fütjnere SSirtuofen geben mag, in fo jauberifcfyer %t\\ä)t 
weift faum ein Slnberer SDlenbelSfoljng SBerfe wieberjugeben alg er felbft. 
gg jdjrecfe bieg SKiemanben ab, bag Xrio aud) ju fpielen; eg tjat fo* 
gar im 33ergleidE) ju anbern, wie j. 85. jn ben ©cfyubertg, weniger 
©djwierigfeiteu, wie benn biefe bei ft'uuftwerfen erften SRaugeg mit ber 
äöirfung immer im 93erf)ältnifj fielen, unb je größer jene, je gefteiger* 
ter biefe ift. 2)afj baS Xrio übrigeng feines für ben Slamerfpieler 
allein ift, baf$ audf) bie anberen lebenbig einzugreifen tjaben unb auf 
©euuft unb 35anf redfjnen fbnnen, brauet faum einer Srwäfynung. 
@o wirfe benn baS neue 2Berf nach aßen Seiten, wie eg foll, unb 
fei ung ein neueg äeugnifc ber Äuuftfraft feineg ©dfjöpferg, bie jefct 
beinahe in ifjrer l)öd)ften S5Iütf)e ju ftefyen fdfjeiut, 

12. 



Drei gute £tei>erl)efte. 

Sludj ben t)artl)erjigfteu Slritifer wanbett einmal bie Suft ju loben 
an. „SßaS fjilft eg — fagte id) mir — leibliche Anfänger in ber ®e* 
faugeompofition paffabel aufjumuntern, ober mittelmäßigen ©freiem 
bie ®ef)le üerftopfen ju wollen, ßieber fefc' idf) mir einen ganjen ©to§ 
neuer Sieber t)er unb rufje nicf)t ef)er, alg id) einige gute gefunbeu, 
um einmal nadj §erjenSluft nidfjtS alg loben ju fönnen." Sange 
fudjte idj unter ben etwa 50 heften, ©nblid) l)atte idf) glüdlidj bret 
bei einanber, bie midf) in SobeSatljem bradjten, bie midfj anfyaltenb 



9J. SöurflmuHer, Sieber. 



281 



erfreut, ertoärmt. 2>ie IWamen bcr Eomponiften finb SB ei t , © f f c r 
unb Norbert SJurgmüller, bie erften noch lebenb mtb totrtenb, 
ber teuere fdf)on geftorben. 

?lu»einanberfe$en, roa» ein fchbne» Sieb, teilt ich nicht. ©» ift 
fo fchtoer unb leicht, al» ein fcfjöne» @ebicf)t. „9tur ein Jpaudj fei'»", 
fagt ©oetlje. Norbert 33urgmüller nmfcte bon ben brei ©enannten 
bieg am beften. SDa» ®ebttf)t mit feinen flcinftcn ßügen im feineren 
mufifalifdjen ©toffe nadjjutüirfen, gilt ihm ba» $öchfte, tote e» Sitten 
gelten fotlte. SRur feiten, bafe ihm ein $ug entgeht, ober bafc er if)tn, 
roo er if)n gefaxt, mifeglücft. 9Jtenf deiche» freilich überfällt auch bie 
©rotten in unbewachtem Slugenblicf. 

2)a» ßieberljeft, ba» ich meine, ift fein brüte» unb mit SBerf 10 
bezeichnet. ®» bringt ein Sieb nach S33altt)er ö. b. SBogeltoeibe r- 
bon Urlaub ©Reiben unb äßeiben, ©tänbcfjcn unb ?lbreife — t>on 
einem Ungenannten ein ,,§offnung»lo»". S)er Ungenannte ift, loie t>er* 
mutzet roirb, ber ©omponift felbft. 9Jian t>erglctd^c bie 33iograpf)ie, 
bie früher biefe 33lätter brachten, * in ber auch ber erfte 33er» be» ®e* 
bid)te»** mitgctJjeilt luar. S)ie Sompofition ift in fdjmerjfidfjer $eit 
entftanben, tiefmelandEjolifcf}, aber jur innigften X^eilnaljme anregenb, 
unb toat)r. Sßahr — gittert eud) nicht euer Meine» $erj, Eompo* 
niften, toenn itjr biefe» SBort hört? 33ettet euch immer meidfjer in eure 
fdjönen ©efange»tügen, tf)r bringt'» bod) nicht höher, al» öon einigen 
anbern 3uba»lippen gefungen ju merben, öietleicht oerführerifd) genug. 
2lber tritt bann ttrieber einmal ein wahrhaftiger ©änger unter euch, fo 
flüchtet mit eurer erheuchelten Äunft ober lernt Sßal)rf)eit , wenn e» 
noch möglich ift. SBSatjr ift benn auch SBurgmütter buref) unb burdf); 
noc^ mehr, er giebt bie SBa^eit auch meiften» in f tönern ©emanb. 
Öebte er noch, fo mürbe idfj bittenb fjinjufcfeen : er gebe fie auch, m 
e» ba» ©ebidjt will, manchmal in reicherem. ®r begnügt fich oft mit 
bem allereinfachften. 33. klein trieb biefe 2iebe»einfachh«t, bafe man 
il)tt al» ©onberling berfchrie. Sind) gegen biefe» ©jtrem fdfjüfce fich 
ber Sünftler. Sin 33eifpiel baju au» 33urgmütter» Siebern. ©» ift 
ba3 oft unb mehrentheil» nicht übel componirte „©tanbehen" bon 
Urlaub, mo ba» nach unb nach hinüberfd^lummernbe Sinb berüRutter 



* ft. 3. 1S40, XII, 1 u. ff.* 5 

'* Siebe, bie fonft nur mit 9ttnrten frönet, 

ipiillt in büftre Sdjtoermutf) meinen Sinn, 
MrmeS £erj, ba8 ftdj nad) 9ht^e feinet, 
.ftoffe nicfjt, — fie ift für bid) baijin! 



2S2 



fö. £. «eit, Stcber. 



üon „füßen SUängen" erjähtt, bie eS wedten, uub baß eS „feine irbifdf)e 
Sötufif" fei, fonbern „©nget mit ©efang, bie eS riefen". 2)aS Sieb ift 
fieser eine8 ber trefftichften ber Sammlung, vielleicht bie trefflidjfte 
Sompofition beS ©ebid)tS überhaupt, bie ba ift. S)odj jener Stuf 
„üon brüben", gefiel)' id), Hingt mir bod) ju bürftig. Sngel, mein' 
ich, riefen boef) nod) anberS; aber freilich, wer fjat folcfje Stimmen 
gehört, unb, wer in einjeluen weit öon einauber liegenben SRinuteu 
beS SebenS eS Ijat, fliege nidf)t lieber barüber! SSStc idj aber fd|on 
fagte, baS Sieb bleibt neben bem „hoffnungslos" baS fd)önfte ber 
Sammlung. SBortrefflidf) in ber getroffenen mißmütbigen Orunbftim* 
mung nenn' idf) auch bie „9tbreife". 9tur ben ©djluß, wo ber 2öan* 
berer, bem eS gleichgültig, baß man ifjn ofjne befonbere SlbfdfjiebSqualen 
feine Strafe J)at jieEjext laffen, wehmütig t)injufe^t: „toon ©iner aber 
tf)ut mir'S tuef)*" — wünfcfjte idf) nidf)t über bie SÖtelobie ber früheren 
SBerfe gelegt, uub neu componirt uub bebeutenber, wie eS beim auch 
im S3orI)ergef)enben einige fleine SeclamationSfünben ju rügen gäbe. 

3n biefen brei Stummem liegt benu ber^Schafc beS §efteS. 
„©Reiben unb Siteiben" unb baS altbeutfdje Sieb, wie fie immerhin 
auch einem echten ^id^terljerjen entfprungen, finb anipruchslofer. * 

SDer gtoettc Siebercomponift, ben bie ß^tfd^rift fjeute ifjren Sefern 
als einen „guten" empfiehlt, ift SB. SBcit, ber junge böfymifdje 
Xonfejjer, öon bem fie fd)on öfters ®uteS uermelbet. Schwierige Stuf^ 
gaben für feine SrfinbungSfraft fteßt er fid) nid)t in bem $eft£, öou 
bem wir fpredfjen [SBerf 15^; ja eS genügen ifjm felbft ®ebid)te ge* 
ringeren ©etjalteS. §aben wir benn etwa Sötangel an guten? ©in 
„3a" jur Antwort wäre ein Unrecht, baS wir ben ^oeten träten. 2Sie 
ütet StuSbeute geben nod) bie älteren beittfd&en ßlaffifer, wie üiel bie 
®pod)e nac^ ®oetf)e, wie manches bie neufte, wie meteS enblid) auch 
baS SluSlanb! SSeSfjalb alfo nach mittelmäßigen ®ebicf)ten [greifen, 
was fid} immer an ber STOufif rächen muß? ©inen Äranj Don SDtufif 
um ein wahres SMchterljaupt fchlingen — nichts <Sd)önereS; aber il)n 
au ein StfltagSgefidjt üerfd)wenben, woju bie 2Wühe? — S)aS Xalent 
berläßt unfern ßomponiften nun auch bei Sompofition fold)er 
fchwächeren ®ebicf)te nicht; reicher unb frifetjer äußert eS fic£> aber 
gewiß in jenen befferen, wie &on §eine unb 2Wofen; ber Gomponift 
wirb eS felbft geftefjen, baß er h^ aud) mit größerer Siebe fchrieb. 

* Gin „5rüf)Itng$ticb'' oon 3t. 93urgmü(Iev üeröffentftcfjte Schümann halb 
nadjlier im 12. §cft ber muftfattjeften Einlagen $ur 3eit|^rift. 



©tfer, lieber. 



283 



Slndf) SSctt wenbet auf bie Sßahrfjeit be* muftfalifdfjen Sluäbrucfä 
in SBiebergabe ber SBorte bie treufte Sorgfalt. 2)ie8 Sob get)t über 
jcbeS anbere. ©efeHt ftd) folgern Streben noch ein jiemticher Sdf)aj3 
flarer, gefunber Sföelobie bei, fo barf ber Sünftler boppelten SobeS 
getoig fein. @3 ift f)ier fo unb guter (Sefang in jebem ber Sieber ju 
finben. Sin f leinen, feinen SBenbungen in ber Begleitung fehlt e8 
gleichfalls nicht, tüte freilich auch nid^t an Heinen 5)eclamation$fehlern, 
fo Hein, bafc nrir fie Schülern nachfähen, an gebilbetern Xalenten grofc 
genug, um fie nicht wohlwollend barauf aufmerffam ju machen (fo 
M 6. 3 S^ft. 3 S. 2, baS „bu" S. 15 ©gft. 3 X. 5). 2Äe* 
lobiöfe $eiterfeit jeid^net im Uebrigen faft alle Sieber be8 §efte§ aus, 
baä mir benn überhaupt gegen ein früher gefcf)riebene8 [333erf 8] al§ 
einen erfreulichen Sortfdfjritt jur äßeifterfchaft betrauten müffen. 

©in Sieberheft enbtich t)on §. Sffer [SBerf 4], einem bis jefct 
noch wenig genannten Sft^einlänbifc^en Somponiften, befdjliefje biefe 
fröf)lid}e Ärttif. 2)ie Xejte finb jur einen §ätfte toon 9iücfert, bem 
geliebten SMdfjter, ber, großer SDiufiter in SSorten unb ©ebanfen, bem 
wirtlichen leiber oft gar nichts hinjujutf)un übrig läfct, — jur anbern 
Öalfte t)on weniger gelaunten ©intern. S)ie ßompofitionen werben 
auf ba3 2Bohltf)uenbfte überrafdjen; wie freut e3, bieS öon einem 
SBerf 4 fagen jubürfen! Harmonie: rein unb gewählt, — SDMobie: 
Mar, nid)t ohne ®tgentt)ümlichfett, leicht fangbar, — Begleitung : na* 
türlich, tybtnb, — SBat)t ber Xefte: finnig, ernft, — verlangt man 
einen befferen $afc in „3D?ufifer3 Sanbe"? SSorliebe für granj Schubert, 
boef) nur wie fie erlaubt, fpür' ich uamentlidf) im britten unb fünften 
ber Sieber; eine auffallenb ftarfe 9iemini§cenj an SBeber („Arabien, 
mein $eünathlanb") im vierten. Sttbef* ftört bei fo tuet ©igenem, bei 
fo offenbarem inneren Sßohlftanb ein trieHetcht unwiffenb entlehnter 
3ug nur wenig ober gar nicht. So gehe ber ©omponift, ber %$txh 
nähme üerbient, biefen SBeg weiter; ift er noch jung, fo freuen wir 
un§ um fo mehr feiner ßufuuft. 

2)ie8 wäre eine treue Schitberung bes Meinen fritifdjen Sieber* 
fefteS, ba3 ich ^ eute i u begehen vorgenommen, ba$ idf) recht oft 
wieber ju begehen SSeranlaffung finben möchte. 

SR. S. 



284 



$ie Mbonnemeutconcerte in l'eipjig üon 1S40 — 1S41. 



Die 3lbottnemetttcott«rte in £eip*uj von 1840 — 1841. 

(£rfte£ Mbonuementconeert, ben 4. October. 

ßuüertüre jum SSampijr üon 9Rar)cf)ner. — s 2frie öon Fellini. — ©oncert für 
Violine [Einoll] üon g. $aüib. — 9(rte üon ©elünt. — $erotfd)e 8t)m* 
pfjonie üon SBeetljoüen. 

$)ie SEaljl gerabe ber furiöfen S8ampt)r<Duüertüre ju Slnfang beS 
ganjen StyfluS »tonnte befremben; eine etwa üon ©lud fjätte audfj uns 
beffer -gefallen. 3nbefc jäf)lt jene t)on SJiarfc^ncr nod) immer it)te 
$reunbe, felbft greunbinnen im publicum unb bleibt trofe ber heftigen 
Slnflänge an äßeber ein frtfcfjeS effectüoüeS SDiufifftüd. UeberbieS war 
bie 2(u3füf)rung eine fo ausgezeichnete, wie fie je gehört worben. Die 
beiben Slrien üon 93eHini aus ben Puritanern unb aus SRorma fang 
grl. SopljteSdf)loj3, bie uns biefen Sßinter baS jweitemal befugt; 
it)re Stimme ift frifdfj unb ftarf wie früher unb madjte fief) namentlich 
in ber erften Strie geltenb- lieber bie SBa^I gerabe jener 93ettinifd)en 
Strien ju Anfang eines erften SoncertS ließe fidj ebenfalls regten. 
§aben wir teiber feinen Ueberflufc an beutfe^en ßoncertftüden für ben 
®efang, fo bod) noch genug, um jener ganj entbehren 511 muffen, JU* 
mal in einem erften Goncert. Unb fdjüfct man üor, SRojart, SBeber 
unb Spoljr feien fdEjon fo oft gehört worben, nun fo getje man weiter 
jurüd. 3n §änbelS Oratorien, in ®luds Dpern liegen noch genug 
Sdjäfee, jit beren &ebung eS gerabe einer fo ftarfen, gefunben Stimme 
bebarf, wie fie bie genannte Sängerin befifet. — Gben Ijören wir, 
baß fie eheftenS aus ber 3pl)igenie fingen wirb, was ihr nur jur G^re 
wie un§ jur $reube gereichen fann. — 3n bem SJiolinconcert geigte 
fidj^r. Uf)lric^ wieber allen fiobeS würbig; fein Spiel §at üon 3af)r 
iu 3a^r an Sicherheit, Feinheit u:tb ©efdjmad angenommen unb wirft 
burchauS wohlthuenb. SSon ber Gompofition fagte uns namentlich ber 
iefete Safe ju; im Streben, auch bie Drd^efterpartie intereffant ju 
machen, ttjut aber ber Eomponift wof)l f)ier unb ba $u Diel, was 
inbefj nicht abhalten fann, bem Streben an fid) gegenüber ber faben 
83egleitungSweife anberer SJiolincomponiften üollen 93eifaQ ju fcheufen. 
3n ber Symphonie üon 93eett)oüen enblid) fühlten wir uns wieber 
im alten Seipjiger Soncertf aale , ber fdjon fo oft üon it)r erjittert. 



$ie Slbonnementconcerte in üeipjtQ öon 1S40— 1841. 



285 



Xai Drc^cfter war trefflief}. §r. SSR. $at)ib ftanb an ber ©pifce, 
ba §r. 9J13). 2Kenbel3fof)n üon feiner Steife nacf| ©nglanb npd( nid)t 
Suriicf war. 13. 

3ttette£ 9(6onncmctttconcert f bett 11. Dctobcr. 

Ciiüertüre 3U ©uroantlje öon SSeber. — 9lrie oon 3>ont5etti. — (Sonccrttno für 
löaßpofaune öon ©. ©. SMIIer. — Wrte öon SB eil in i. — §tjmpf)onie Bdur; 
öon ©eetljoöen. 

©er ©irigent würbe bei feinem Sßortreten mit 93etfatt begrüfet, 
worin wir öon §erjen einftimmten. Stuf SBeberS Eompofttionen .ift 
fett 2ß$). SWenbelSfoijnS 3)irection in Seipjig befonberer gleife t>er* 
wenbet worben, unb bem Drdfjefter gefdjietjt barnadf) immer bie Stire, 
bie SBirtuofen wie größere auäfüijrenbe äftaffen immer am liebften 
wnnfcfyen unb am ungemften gewähren, bie be3 5)acapo*9tufe3. 9Iu$ 
fyeute fehlte wenig, unb meHeid)t tjielt baöon nur bie ©pannung auf 
bie folgenbe Kummer ab. Sine junge Sängerin war angefünbigt, ber 
ber 5Ruf groger @df)önl)eit unb fd)on bebeutenber SJunftbilbung ooran* 
gegangen war: grl. ©life Sift. 2lu3 einer l)ödf)ft achtbaren gamilie 
abftammenb, t)at fie fdf)on afö Stnb ben anbern Sßelttfjeil gefeljen, 
braute barauf einige 3a^e in Seipjig ju, wo if)r SBater,* norbame* 
rifanifcfyer SonfuI fjierfelbft, fidf) namentlich um bie Srridjtung ber 
©ifenbafyt ba3 l)öd£)fte SBerbieuft erworben, unb fam uns julefet üon 
Sßariä jurücf, wo fie bie legten 3>at)re toerlebt f)atte. (53 mufete bie$ 
alle« baä Sntereffe an ber anmutigen ©rfdfjeinung erl)öt)en. Sljre 83e* 
fangenl)eit war grofj; bie 3 e ^f^rift erwähnte bereits früfjer, eä war 
il)r erfteS Stuftreten. Sin ber ©df)önt)eit ber Stimme, wie fie audf) 
burd| bie 3lengftlitf)feit umflort fd&ien, tonnte SRiemanb jweifeln, ber 
nur einige £acte gehört, ebenfo wenig über bie gute Schule, in ber 
fie gebilbet ift,** fo bafe man beutlidO falj, bie Sängerin wollte nidjtö, 
al£ was fie fidjer fonnte. Slber freilief), was man unter üier Slugen 
auf baS Xreffli^fte fann, lann man unter taufenben nodj nidfjt jur 
Hälfte fo gut, unb geljt bieS bebeutenben Äünftlern unb äWännern fo, 
um wie triel met)r einer Clotri jtn, einem ad^tjef)njät)rigen 9Jiäbdf}en. 
9lux JRo^eit fann bieg überfein. Sichtung t)or unferm publicum, 
baä bie fd^öne fd)üdf)terne Sungfrau auf bai 2BoI)lwotIenbfte aufnahm; 
unb fanben fidf) bie getäufdjt, benen leeres Sßaffagen* unb Xrillerwerf 

* $er befannte töationatöfonom griebrid) £tft. 
** bei 2äblaty unb 93orbognt 



280 $k Wbomtementconcerte in Seidig öon 1S40 — 1S41. 

über bie 2lu3)pracf|e eines fjödfjft eblen CrganS gefjt, fo giebt eä bodj 
in unferer gebilbeten Stabt nodj genug, bie 2)ufcenbtalente öon ori* 
ginalen ©rfdfjeinungen ju unterfdfjeiben wiffen, unb ben testeten bürfen 
wir bie junge Sängerin mit Ueberjeugung beijäfjlen. 2Ba3 fie nodj 
nicfjt fyat, läfjt fid) erwerben, wa& fie aber f)at, erwirbt fid) mdf)t. 
2)aran fjalte fie feft unb gefje bie begonnene Sa§n mit SÄutt) weiter. 
iJtadj if)r Ijörten wir einen 2Jieifter, ber freilid) fdjon fyunbertmal unb 
öfter im geuer geftanben: §rn. üueifcer, ben Sßofauniften . ber 
ebenfalls gleid) bei feinem Stuftreten mit Seifall empfangen würbe, 
©eine 3Keifterfcf|aft fdjeint fidj jafprairä jahrein gleid) ju bleiben unb 
madf)t in ifjrer Unfef)lbarfeit oft einen granbioä luftigen (Sinbrud. '3 um 
atlerfdf)önfteu fdjlofj bie Bdur*St)mpt)onie mit ber SBirfung, bie alle 
Seetf)ot)enfd)en machen: [ob benn nämlid^ bie eben gehörte ntdjt audj 
feine fdjönfte fei. Son Steuern würben wir nadf) ber Sijmpt)onie öon 
einem SDieifter ber Äunft auf ben Sdjlufc be8 erften Safee3 aufmerffam 
gemacht; e3 ift f)ier offenbar einXact jn Diel. 9Äan t)ergleidf)e bie 
Partitur S. 64 l Iact 2, 3, 4. Sei ber üottfommenen 9lel)nlidf)teit in 
afleu Stimmen ift ein Srrtfjum öon Seiten beg (Eopiften, felbft be§ 
ßomponiften, feljr leidet möglid). Seetljoüen modjte fid) aud), nadjbem 
er ein SSerf üoflenbet, um ba§ golgenbe nid&t weiter fümmern. 2Ber 
bie - Criginafpartitur befifct, fefje ber Sadfye ju Siebe nadj; an fie 
muffen wir un8 natürlich juerft galten.* 13. 

$rittc3 2(6onncmcntconccrt f ben 22. Cctober. 

Snmpljonie (Eschir* ton attojart. — 9lrU öon $ontsetti. — (Soncert für 
Violine [Ddur] öon g. ^aöib. — Duüertüre jum 33erggeift öon 2. Spofjr. 
— 2(rie öon 5ö a I f c. — „ft fange aus Dften", Cuüertüre, Siebet unb ©fjöre 
oon SJlar j cf>ner. 

S)ie Sijmpl)onie ift befannt, namentlich ba8 Slnbahte, ba$, ein* 
mal gehört, fidf) nidfjt teicfjt wieber bergifct; aud) erhielt biefer Safe 
ben meiften S3eifaII, bie anberen gingen ftiller vorüber. Sie Slrie öon 
2)onijetti, ein brillante^ Stücf, braute ber Sängerin %xL Sd)lof$ 
ben raufdjenbften Seif all; fie fang fertig, fefjr forgfam, unb mit einer 
Stimmenlraft, wie fie jur ßeit feine anbere Sängerin t)ier befifeen 
mag. 2)er Spieler be§ SoncerteS würbe mit lautem ©rufe empfangen; 
er war jugleid) ber Somponift, bie ßompofition übrigens eine neue 



* #g(. ben 9(uf{a6: „lieber einige mutfjmafjlid) corrumpirte Stetten" 3. 344. 
[@dj. 1S52.] 



$te Mfeomtcntentconcerte in £eij>äig öon 1S40— 1641. 2S7 

unb jum erftenmal üou i£)in öffentlid; gefpielt unb gehört. ©etüi§ tft 
eä einer freunbltdjen Slnerfennung wertf), tüte jperr S)aoib baS 
©ewanbljauSpublicum jeben SSinter mit etwas Beuern erfreut; es jeugt 
bieS immer oon einer Stuf merffamf eit , wie fie, bie einmal in itjrem 
Simte feftfteljen, nidjt überall beftfcen. 2fn Xenbenj unb ©efjalt reifet 
fid) bie Gompofttion übrigen« äf)ulidjen früheren genau an, b, f). ber 
SSirtuoS will jeigen, baß er aud) ju componiren weift, unb umgelegt 
ber ©omponift aud) ben SBirtuofen glänzen laffen. 3eneS 3 uüie ^ in 
ber ^Begleitung, baS toir fdjon neulich bemerlten, fiel aud) in biefer 
Gompofttion wieber auf, wie aud) bieSmal ber lefcte Safc ber gelun* 
genfte unb wirfungSüollfte erfdjieu. $aS publicum rief ben Äünftler 
nad) bem Sdjluffe nod) einmal l)eröor, was f)ter immer als eine Sei« 
tenljeit anjufefjen. $ie Duoertüre öon Spot)r machte wenig Sinbrud; 
bie ju Seffonba f)at ungleid) mefyr greunbe, audj bie ju gauft wünfdjten 
wir wof)l einmal wieber im ©ewaubljauS ju l)5ren. — 5Die 3lrie nennt 
uns einen fjier nod) nid)t üorgefommenen tarnen, ber in ©otteS tarnen 
aud} fernerhin ausbleiben mag; eS ift gewäfferter SRoffiui, ber 6om* 
ponift übrigens ein Snglänber, beffen Cpern in ©nglanb ©lüd ge* 
mad)t fjaben. 3 um Sfjcil an ber mittelmäßigen Sompofttion, jum 
Xtjeil aud) au ber nod) immer großen ^Befangenheit ber Sängerin* 
lag eS, baß bie 9iummer fein ©lüd machte. ©S tf)ut uns leib um 
baS junge ausgezeichnete Xalent, baS beShalb bie f djiefften Urteile 
erfahren mußte. S)ie Slngft, wie man Weiß, ift namentlich ben f)öf)crcn 
Xöneu gefäfjrlid) unb eS mißlang ber Sängerin einigemal ein (Sinfafc, 
wie eS fd)on taufenb anberen Stnfangerinnen öor it)r gefd)el)en. £>eS* 
fjatb woßen wir aber bocf> nid)t bie wunberreine Intonation im ©anjen 
oergeffen, bie bie Sängerin gerabe auszeichnet, aud) nid)t ben Sd)melj 
ber Stimme, ber nod) burd) alle Slengftlidjfeit woljlt^uenb t)tnburcf>* 
bringt, ein Sdjmelj, ber an baS Organ ber Sßauline ©arcia erinnert. 
^Dagegen möchten wir um etwas Slnberen willen in bie Sängerin 
bringen: fie nimmt burdjgehenbS ju langfame XempoS; fie berfud)e 
fid) fdjneller, eS wirb iljr gelingen. Selbftbertrauen unb SDiutf) finb 
befonbere fünfte in ber Äunft, fie übe fid) aud) barin- 3n feinen toier 
SBäuben foll ber Äünftfer befdjeiben gegen fid) fein, fleißig auf baS 
©ewiffenhaftefte ; bem publicum gegenüber jeige er aber SUiutl), felbft 
ein Wenig fröf)lid|e Äedfjeit, unb ber Siebling ift fertig. 

ßum Schluß beS SlbenbS Nörten wir noch eine Sompofttion (nod) 



* grl. miic Cift. 



288 



$ie Stbonnemeutconcerte in Seidig öon 1840—1841. 



SDfanufcript) öon SDiarfchner; fie t»erl)ic§ ettoaä ganj 9leue8 unb 
gab eä auch in ber gorm. „Klänge aus Dften" xoax ftc genannt unb 
brachte eine Duüertüre, Bieber unb ßfjöre, bie fich ohne Unterbrechung 
an einanber reiften. 33erlioj in $ari8 fcfjetnt in feiner le$ten @t)m* 
ptjonie ettoaä 2lehnlicf)e3 genoßt ju fyabtxt, nur bafc er fie auf ein 
meltbefannteS $)rama (Sftomeo unb Sulie) ftüfcte. $)a3 ©ebidjt jur 
SÄarfd^nerfd^en Sompofition beruht auf einem orientalifchen £iebe$t>er< 
hältniffe, ba3 inbeft toom dichter jiemlidf) profaifdj unb allgemein ge* 
galten. $u§er bem SiebeSpaar tritt noch ein Sßaljrfager auf, beffen 
anfänglidjeä ©rfd)eineu man fich fpäter vielleicht motiüirt roünfchte, ein 
SSoIfö* unb ein Siäuberdjor. 2Bie gefagt, l)ätte vielleicht ein Stücfert 
bem Eomponiften bie §anb jum SEBerfe geliehen, e§ wäre etroaS tiefer 
SBirfenbeä ju Xage gefommen. 3mmert)in müffen wir ben Slnfang 
loben, ju bem fich ber Eomponift ermutigt füllte, ben Slnbere nur 
weiterjufüf)ren brauchen, um ben ßoncertfaal mit einer neuen ©attung 
SDtufif ju bereichern. SDie ßompofition §at viel reijenbe ^artieen; 
bie« gilt im CSinjelnen von ber Ouvertüre, bie im ©anjen burch Äürjung 
gewinnen mürbe. S)er §auptrl)t)thmu$ ift ein namentlich für orienta* 
lifd&e $uftänbe fd)on öfter gebrauster; bod) erfdjeint er einmal von 
einem SSiolingange burchtmmben, toa§ fich auf ba3 Sctyönfte aufnahm. 
?lm ©djluffe ift ju viel ßärm. $)er 3i9 euner Ö c f a ^ t 8 9 e ft e I wit ber 
hinaufjiehenben grofjen Xerj am Schluß mehr noch bas ©tänbcfjen, 
ba8 von allen Hummern bie meifte orientalifrfje gärbung tjatte, auch 
üKaifuneS Sieb fpradh an > & cr unbeholfenen Sßoefie jum Xrofc. 2)er 
SRäuberchor, fchien eä, tourbe nicht gleich von Sitten verftanben; er 
toar eigentümlich- 3u ber ©chlufjnummer jeichneten fid) befonberS 
bie SBorte: „»ffat, roo bift bu" burch fronen ©efang aus. 2)a8 
®anje, baS wir fpäter einmal tuieberljolt roünfchten, erhielt lebhaften 
öeifall. 13. 

Sierted 5(6ouncracntconcert, ben 29. October. 

gntrobuetton unb erftc <Sceuc aus gptjigenia in XauriS üon ©lucf. — ©oncert« 
ouüertüre [Adur, SBcrf 7] öon Julius SRiefc. — 9trie mit dtjoi Don 91 o^ 
jini. — $iöertiffement für glöte öon ftallirooba. — Sieber öon Sranj 
©Hubert unb g. SttenbelSfofyn. — St)m^I)onie [Cdur] öon 3f™na 
©Hubert. 

„®in fd^öneg Eoncert" hi^B allgemein na^ bem @d)luffe. Sin 
manchen SKufiftagen giebt e§ gar fein publicum mehr unb eS fd^eint 
nur bie raufcfjenbe Schleppe, bie jeber SBemegung ber öoranfehreitenben 



$ie Slbonnemeniconcerte in fietyjig öon 1840—1841. 



289 



£ünftler*Siörper unb *@eifter gefchmeibig nachfolgt, wäljrenb an an* 
beten e8 ihnen förmltdfj tote bepetjt unb bepanjert gegenüberftellt unb 
nichts einläßt. 2)er 29fte war einer oon jenen äßufiftagen. ©ewtfc 
trug bie SMufif einiget baju bei. gür ©lud fd^Iägt noch manches 
§erj, wenn er auch im Eoncertfaal üerliert. S)ie ©ängerin tljat if)r 
SefteS jumöelingen: grl. ©dfjlofj, bie wir immer oormärtS freiten- 
fe^en. 2)ie Dutoertüre t)on 9iie$ trat bieSmal in ihren feinen ©effeinS 
noch beutlicher l)eröor als bei einer früheren Aufführung. SBurbe ihr 
fcf)on bamals in biefen 93lätteru ein bebeutenber 6t)renpla| eingeräumt, 
fo fdf)eint bieS Urtfjctl jefct auch üon ©eiten beS *ßublicumS Seftätt* 
gung ju finben; fie würbe mit einer Xfyeilnatjme aufgenommen, bie 
ben ©omponiften, war' er anwefenb gewefen, ju neuen Sßerfen an* 
feuern müßte, ©o wirfe ber 93eifaH auch auf ben ®ntf ernten! Seb* 
haften 93eifaH gewann ftd} auch bie folgenbe Kummer burdf) ben an* 
mutagen SBortrag beS grt. Sift; ihre ShiStyradfje beS Stalienifdfjen 
ift fc^r ju rühmen* 3n ben Siebern begleitete fie fid} felbft am 
ßlaüter; eS h at bieS befanntlich einen eigentümlichen &avfotx, & er 
auc^ ^ er gewann. Die Sieber waren ber „SBanberer" unb „9luf glügeln 
beS ©efangeS". 2)aS erfte fang fie oorjügtid) fc^ön ; baS anbere nahm 
fie ein wenig ju langfam, bod) h örtc e $ ftd) noch immer lieblich genug 
an. 5)aS gtötenftücf war ein altes, baS wir uns fdfjon oor jeljn 
3af)ren gehört gu t)d>en erinnern, ber ©pieler ein als trefflich be* 
fannter, Jpr. ©renfer, erfter $lötift im Drdfjefter. ©o waren wir 
benn unter erf)ebenbem unb fiterem ©enuffe bis jur ©tjmph 01 ™* 
gelangt, ber Ärone beS ÄbenbS. Xaufenb §änbe hoben baran. Jpatte 
es @dfjubert mit feinen eigenen Slugen feljen fbnneu, er müßte fidfj ein 
reifer fiönig gebünft hoben, ©o fd)ieben wir trunfen oou all ben 
fdjonen ©ebilben, bie in manchen ©eelen ftd) noch lange nachgeftnegelt 
haben mögen. 13. 



g-ünfteS ä6ouncraentconccrt f ben 5. Woöcmbcr. 

Sgmjrfjome (Gdurj öon §a^bn. — Slrie üon SWo^art. — ©ajmccio für $iono- 
forte mit Drd)efter öon gerbinanb ftufferatlj. — Strie öon 3)onijctti. 
— 3»ci Outertüren (*ftr. 1 unb 2) gu fieonore öon S8eetJ)oöeit — $rei 
(Stuben für panoforte üon ft. uf f er atty. — fcuett öon SR off in i. 

S)ie ©^mphonie E)at, mehr als anbere §at)bnfcf|e, etwas 3°Pfifl e 3' 
bie 3anitjcharenmufif barin fogar etwas $ftnbifd)eS unb ©ejchmadlofe«, 
tt>aö wir uns bei aller Siebe für ben ÜKeifter, ber er überall bleibt, 

Schümann, @ef. Schriften. II. 19 



290 



3)ic Slbonnementconcerte in ßet^ig öon 1840—1841. 



bodj nimmermehr öerleugnen follten. 2)aS ©cherjo, unferer 9Reinung 
nach ber ©afc, bcr unferer ßeit am nächften liegt, würbe fonberbarer* 
weife gerabe nicht applaubirt, übrigens alle. 3)ie Slrie war bie ber 
©röftn aus gigaro, bie ©ängerin, $rl. Sift, bie baS SRecitatiö fo 
nobel unb fein gefangen, leiber nur am ©dfjluffe nicht glücflidf) bamit. 
2)aS publicum ^ätt fid^ aber immer an baS Kächfte, alfo an ben 
©djlufi; gelingt ber, fo h Qt baS ©anje geftegt. Seiber mufcte bieS 
heute bie ©ängerin füllen unb über bem einjigen nicf)t gelungenen 
©df)lu& bie fcf)öngetungene erfte $alfte ihrer Seiftung aergeffen feljen. 
3n ber folgenben Kummer trat ein junger, je|t ^ier lebenber ©om* 
ponift unb ©latrierfpieler, §r. g. Kufferath aus Äöln, jum erfteu* 
male unb auf baS StdfjtungSwerthefte auf. ©eine ©ompofttionen jeugten 
mm entfdfjiebenem Xalente unb tum einer ebeln {Richtung, auf bie 
bewuftt ober unbewußt ein uns nahe lebenber Söieifter eingewirft ju 
haben fchetnt. ©in förmlicher ©cf)üter äWenb'elSfohnS ift er aber nicht, 
wie man ^ier unb ba f)örte. 3m Kapriccio gefiel uns namentlich bie 
©tnleitung ; baS SlHegro hatte feine ganj glücflidf)e gorm, eS fehlte iljm 
eine SWittelpartie; tote benn auch bie XrauSpofition ber erft brillanten 
*ßaffagen nach ber ÜÄoHtonart am ©d^luffe nid)t unb überhaupt feiten 
toirfen famu S)aS Drd&efter war gefcf)tcft, oft fein, oft auch p t)iel 
unb ftarl bebaut. S)er fet)r ausgezeichnete Spieler fjaüt nach bem 
©apriccio einen succös d'estime, ber fid) inbefe nach ben ©tüben ju 
einem häßlicheren mit §erüorruf erhob, obwohl und felbft bie ©tüben 
in ber ßompofition weniger eigentümlich fd^tencn, namentlich was bie 
eigentliche ©runbfraft ber SMobie anlangt. 3n jebem gatte war es 
ein fo ehrenvolles £)ebut, bafc wir bem jungen fehr fleißigen Äünftler 
eine glücflitf) fichembe 3 u * un f* beinahe üerfpred^en bürfen. — grl. 
©djlofe war bei prachtiger ©timme unb fang mit einer SBratwur, ba& 
fie baS publicum in SlHarm üerfefcte unb da capo fingen mufete. — 
35te aufgeführten beiben 2eonoren*£>uüertüren waren beibe in C, bie 
eine, wahrf cimlich bie erfte überhaupt, bie SBeettioben ju Seonore ge* 
fdf)rieben, bei öaSlinger in Partitur erfreuen, — bie aubere, jeben* 
falls bie S5organgerin ber großen gebrueften in C, noch SRanufcript 
im 33efifce ber 33reitfopf unb Härtel. S)ie ßeitfehrift ^richtete 
fchon früher über biefeS SSierouöertüren^h änomen ! ö fll- ®- 224 
unb 245 f.). Sluch h eute f<h* u 9 jumal bie jweite mäcfjtiglich in bie 
üKaffe ein. 2Bie fommt eS, bafc bie 33efifcer ber Partitur fo lange 
mit ber Verausgabe jurüdfhalten ? Sßir wünfdfjten gern alle 2Belt 
biefer $reube theilhaftig. 13. 



$te $bonnementconcerte in Seidig öon 1840—1841. 



291 



@ed)ftc£ Slbonncmenteonceri, bett 12. ÜRotoeuiber. 

Cuöertüre (bie aBatbnamplje! öon 23. ©tcrnbale 93 en nett. — Slrie öon (5. 2R. 
oon 2Bcbcr. — Solo für SBiolonceU öon 23. Homberg. — ßaöatine öon 
SOlojart. — *ßf)antafte für 2$ioIonceft öon Summer. — SRecttatiö unb 
<3cf>lu&d>or au$ bcr Schöpfung öon #aöbn. — ©ömpljome Adur) oon 23c et* 
fjoöen. 

33ennettS reijenbe Cuöertüre eröffnete ben 2l6enb ; wer fic nocf) 
nicfjt gehört, mag fie fidE) einftweüen als einen 33lumenftrau& benfen: 
Spoijr gab SBlumen bagu, audj Sßeber unb 3ÄenbetSfot)n, bie nteiften 
aber ©ennett felbft, unb wie er fie nun mit jarter §anb georbnet unb 
geftettt jum ©anjen, gehört xf)m üollenbs eigen. 2)aS £)rd)efter trug 
mit Siebe bei, bafj nichts baran beriefet würbe, — Sit ber 3reifdf)üfc' 
Slrie (SBie naijte mir ber ©djtummer) briHirte grl. ©cfjfofe unb gefiel 
jeljr, ebenfo in ber 3Rojartfdf)en aus gigaro. SJian fieijt, bie ©än* 
gerin ftrebt immer üorwärtS unb aucf) nadj SBielfeitigfeit. — 2)ie 
SJioloncettftücfe fpielte ein ®aft, $err ßammermufüuS ©riebe! aus 
53erlin. 2)aS erfte warf einen 3 an ^ a Pf^ wS publicum. 9lad) bem 
@d)Iuffe liefe fidE) nämlidj burdf) baS itlatfdjen Ijinburdfj and) ftifävx 
fjören, was woljl jumeift ber 3Bal)t ber Sompofition galt, einer überaus 
langweiligen in ber £ljat. ©o entfpann fid) benn ein jiemlidf) t)art» 
nädiger ftampf jwifdfjen §änben unb Sippen, in bem inbefe bie erfteren 
ben ©ieg bat)on trugen. Offenbar animirte bieS ben Spieler, ber bann 
aud) fein jweiteS ©tüd unangefochten, fogar mit raufdjenbem Seifall 
ju 6nbe braute. S)ie Äunftleiftung an fidE) war teine aufcergemöiin* 
lidEje, immer aber fdjäfeenS* unb gewife feines 3ifdj en $ Wert!). 3)ie 
dummem aus ber ©dtjbpfung, ber alten tjerrlidjen, werben immer mit 
greube gehört; ber Xenor war ein neuer, §r. Stelle, ber $off* 
nungen giebt, bie anbem ©oloftimmen grl. ©cfylofe unb §r. SßeiSfe. 
ßum ©diluft bie ©ijmpfyonie in A, über bie wir nidfjt wieberfjolen 
wollen, was Sitte wiffeiu 13. 

Siebentel Sftottnementconcert, ben 26. Siotoembcr. 

©gmpljonie (Hmoll) öon ftalltrooba. — 9lrie öon $onijetti. — ^bantope 
für Klarinette öon 81 ei feig er. — Cuöertüre $u bem greijdjüfc 2Beber. 
— (Soncertino für Biotine öon Sttatjjeber. — (Scene mit (Ifjor öonSRoffini. 



19* 



292 



Sie Slbonncmentconccrte in Seidig üon 1640—1841. 



ßonccrt für ben SnftitutSfottbS für alte unb franfe SDtitftfer, 
bett 3. $ccember. 

Subelouttertüre öon SBeber. — ^Ärie oon SRojart. — Sßfyantafie für Sßianofortc, 
(Etyor unb Drdjeftcr üon SBeetijoüen. — Sobgejang, eine ©^m^ontecariate 
oon g. 3Kenbel£fol)n 93artt)olbg. 

3m fiebenten Slbonnementconcert t) orten toir wieber ÄalliwobaS 
neufte ©tjmpljonie, bie ber ßomponift im öorigen ga^re f(tcr jum 
erftenmal felbft aufführte. ©cf)on bamalS berichtete bte 3eitfdf)rift oom 
befonbern Xon, ber in if)t wel)t, tüte oon ber jarten Snftrumentirung, 
bie ben immer öorfdf)reitenben SJlufifer befunbe. 2tucf> heute wirfte bie 
©tjmphonie auf baS Slnmuthigfte , wenn auch nicht fo feurig, woju 
bamalS fieser bie perjönliche Seitung beS Somponiften beitrug; gefpielt 
unb geleitet würbe fie übrigens auf baS SBorjüglicfjfte. 2)aS SCBerf ift 
oor Äurjem im S)rucf erfdf)ienen unb liegt uuS jur genauem Sefpredjung 
t)or. Sie übrigen Hummern beS EoncertS boten weniger neues 3n* 
tereffe. S)ie S)onijettifd^e Strie war gänjlich mufiltoS, tourbe toon ber 
©ängerin auch nicht mit bem (Slücf unb bem SIppIauS gefungen toie 
anbereS 3talienifd)e. ©et)r gut blies §r. $einje fein ©larinettftüdf ; 
er wie auch ber SBiolinfpieler §r. ©achfe mit feinem $)ebut würben 
freunblid) aufgenommen. S)ie greifcf)ü$ont)ertitre fd)Iug toie gewöhn* 
lid) burdj; ebenfo baS ginale aus ©emiramiS bei bem italienifd^en 
Xt)eil beS ^ublicumS. — 

SluSgejeid^neteS oon fünfter Eompofition unb Ausführung brachte 
baS geftrige Eoncert für ben 3nftitutSfonbS. 3)aS SMrectionSpult toar 
mit Slumenfränjen gefdjmücft ; eine §ulbigung jur beften ©tunbe für 
ben üKeifter, ber fo oft öon biefer ©teile gewirft jum greife wahrer 
Jhmft, ber auch f)eute jur SSerf)errlid^ung beS SoncertS mit einem 
eigenen SBerfe beigetragen. SBie er bann auftrat, erhob fid) baS ganje 
publicum unb Drdfjefter in SBegeifterung, bafc eS eine greube roar ju 
fefjen unb ju f)ören. 2)ie Subelouoertüre toar nur bie Ueberfefcung 
biefer Stimmung in 9Kufif; ber Subel wollte nicht cnben. ©oldj' 
freubigeS mufüalifd^eS Seben auf ber §öhe ju erhalten, wäre vielleicht 
nur einer SüKalibran, einer SDeorient möglich gewefen. f$rf- ©djlofj 
fang gut, bodfj etwas nüchtern; man füllte eS wohl allgemein. Sludj 
§r. Kufferath fpielte nicht energifdfj genug, obwohl immer mufifa* 
Kfd) unb als guter Äünftler. ®erabe biefe aufterorbentlidfje Eompo* 
fition S3eetl)ooenS , in ber ber ©pieler faum mehr als ein jwifdfjen 
grofte SBolfSmaffen gefteQter SRebner ift, oerlangt — im Silbe ju 
bleiben — gute Sungen, um auch ™ l Steinen burch baS ©anje 



$>ie M&orniementconcette in Seidig bon 1840—1841. 



293 



hinburdf) öerftanben ju »erben. Die Xotafarirfung xoax erhebenb. S3 
folgte baä §auptftücf be8 2lbenb$, 2RenbelSfohn3 fiobgefang, ber, 
fd^ott jitr ©utenbergfeier fytt aufgeführt, für ba3 heutige (Soncert öom 
Somponiften mit erf)öt)ter SBirfung an einigen ©teilen, ttrie nrir glauben, 
öeränbert toar.* 5KIIe8 Sob über bie tjerrtid&e Sompojttion, nrie fie toar 
unb nrie fie nun ift! ©dfjon früher f prägen tmr e8 au8* 2Ba3 ben 
ÜÄenfcIjen beglücft unb abelt, finben nrir fytx beifammen, fromme ®e* 
fimtung, SSenmfitfein ber Shraft, ihre freifte, natürlichfte Steuerung; 
bie mufifalifd^e Jhinft beä 3Keifter§, bie SBegeifterung , mit ber er 
gerabe an biefem Sßerfe arbeitete, namentlich ba, roo ber 2Renfd)end)or 
bie ipauptrolle befommt, nicht weiter in änfd^lag ju bringen* SBir 
bürfen bieg Sob nicht ohne eines für fämmtliche SKitttrirf enbe bef djliefcen, 
namentlich auch für bie ©oloftimmen, grau Dr. grege, grl. ©cljlofj 
unb §rn. ©chmibt. SJtur ein ©ebanfe, bem Äünftler für feine %t* 
beit ju banfen unb ju vergelten burch forglichfte Siebe in ber Dar* 
ftettung, fcf|ien Sitte ju befeelen. Das ©nbe be3 SoncertS toar nur 
ber Anfang ; e3 fehlte nur, bafj man bie SBIumenfränje abgeriffen unb 
bem SReifter um bie Schlafe gef Ölungen ptte. 13. 

Sbfjteä 3tbonnententconcert, ben 10* $ecetnber. 

©tympfjome iin F) öon SBeetljoben. — $bagio unb SRonbo für $ianof orte [SB. 5] 
t>on $f)aIocrg. — ginafe au£ SB. %cü oon SR o f f i n i. — Dubertüre [außc* 
boiäfa] öon (Styeruoini. — fttüti (£tüben für Sßianoforte öon #enfelt unb 
(Sfyop in. — ©nfemMc au$ ©ortej öon ©pontini. 

9Son ben 93eetfjot>enf<f)en ©tjmphonieen tturb bie in F toot)l am 
roenigften gefpielt unb gebort; fetbft in ßeipjig, too fie fämmtlich fo 
tjeünifct), faft populär finb, hegt man SBorurtheil gerabe gegen 
biefe, ber bodfj an humoriftifcher Xiefe faum eine anbere SSeetljoöenS 
gleidfjfommt. Steigerungen, wie gegen ben ©c$Ui& bc£ testen ©afce3 
hin, finb auch im 95cctt|ot)cn feiten, unb jum StUegrctto in B fann 
man auch td^ti a ^ — fKtl fein unb gtücflich. Da3 ßrdfjefter gab 
ein 9Reifterftücf; fetbft ba8 verfängliche Xrio mit ber fonberbar 
trbftenben traurigen §ornmetobie ging gut öon ftatten. — Dag Sla* 
ütcrftüdE fpirfte, unb jtoar jum erftenmal an biefer ©teile, %xL 81 malte 
9t ief f c I aus Flensburg, ein junge«, faum achtzehnjähriges SÖiäbcfjen. 
Utad) ih^em erften Auftreten fich einen ©cfjluft auf ihre ganje Sunft* 
fertigfeit ju bilben, ttmrbe ber jungen Äünftlerin wohl felbft am un* 
licbften fein, fo aufmunternb auch ber große SBeifatl für fie getoefen 
fein muß, ben fie namentlich nach bem ©tüdt von Xh a ^erg erhielt. 

* 2*ier dummem roaren nodj Ijinjucontponirt. 



294 



S5ic #bonnementconcerte in Seidig öon 1840— 1S41. 



©ie Iciftct aber bei äßeitem mehr, wie ber SBerichterftatter privatim er* 
fahren f)at\ i^rc gertigfeit ift fefjr grofc, i^r SBortrag eigentümlich, 
oft poetifcf), wie fie benn ifjre Suuft überhaupt mit ganjer Eingebung 
verfolgt unb mit einem eifernen SBiUen, ber ihr trofc eines beinahe 
ungtftümen KünftlertemperamentS eigen geblieben» 93on lefcterem jeigte 
wof)t am meiften if)r ©piel ber ©tüben, bie fie in unerhörter ©djnel* 
ligfett naf)m, wobei beim freiließ mandjeS oerloren ging. S)er SBeifatt 
blieb jwar auch nach ben Stüben nicht auS; bod^ war er nach bem 
ßoncertftüdt {ebenfalls allgemeiner unb f)erjlic§er. 2)aS lefctemal ift eS 
gewifc nicht, bafe ifjr 9tame in biefen SMättem toorfommen wirb; fie 
hat noc^ eine reiche 3 u f un f* öor fr*)- — Weber bie größeren @nfemble* 
ftücfe öon SRoffini unb ©pontini h a & en wir, als über befannte 
©ompofitionen, nidfjt3 ju ermähnen. 9iur bei ber Dut>ertüre öon Sh* s 
rubini fiel uns wieber ein, ob benn biefer gvofee SJtann unb ÜKeiftcr 
nic^t noch ju wenig gefannt unb gefdjäfct ift unb ob es nicht gerabe 
jefct, wo baS SBerftänbnifc feiner ßompofitionen burch ben SBeg, ben 
bie neue beffere SKufif genommen, uns um toieleS näher gebraut ift, 
an ber 3eit wäre, wieber mehr h^orjufudhen, ber ju 93eetf)Oüen& 
ßebseiten gewift ber jweite SReifter ber neueren Xonfunft, nach Mf en 
Xobe wohl als ber erfte ber lebenben ju betrachten ift. 13. 

ÜWeunteS SHonnementconccrt, ben 16. Secembcr. 

Cuöertürc ju Dberon t>on SBeber. — Strie aus gigaro bonSRojart. — ©onate 
für $ianoforte unb SBioline bon $eetljoben. — Üobgefang üon 2r. SRenbcIö* 
jo^n 93artt)olbtj. 

S)er Serichterftatter weife über baS ßoncert nur wenig mitju» 
theilen; fchon lange toor bem Slnfange war fein Sßfa^ ju befommen. 
Um furj ju fein, ©. 9K. ber König oon ©adjfeu hatte fidf) als 93c* 
fudfjer beS KoncertS angemetbet. ©ritnb genug, baS S3efte toorjuführen. 
®S war ein wahres fönigticf)eS Soncert. £)ie Sttrie fang grl. ©chtofe; 
bie ©onate, bie grofee in A, fpietten §r. 3JienbelSf ohn unb 
§r. 25at)ib. SGBie uns berichtet würbe, fprad) ©. SJiajeftät ber 
König gegen bie Künftler perfönlidf) feinen S)anf aus, ben er jum 
©chlufc beS SobgefangeS, an baS Drcfjefter tretenb, bem Somponiften 
auf baS §uüwottfte wieberholte. (SS war ein ßorbeer auberer Slrt, 
ber ben t)oh cn ®eber wie ben empfangenben Künftler gleichviel fdf)mücft. 
SDaS publicum verhielt fid) währenb beS ganjen SlbenbS in adf)tungS* 
votier ©titte, bie nur beim (Sintritte beS SRegenten burch einen jubelnben 
ßtttuf , wie nach bem Sobgefang burd) eine freubig banfenbe Segrüfeung 
beS SBerfeS unterbrochen würbe. 13. 



1841. 



Die Monntmtnitonttxtt in feipjtg tum 1840— 184 L 



3cf}nteS Sbonnementcotscert, ben 1« Januar 1841. 

ÄrönungS *$t)mnt öon §anbel. — Dubertüre üon SWojart. — Variationen für 
Violine öon Vi euj tempS. — „SKeereSftitle unb glücflidje gaf)rt" öon 
Veetfyoben. — Solo für Violine t>on Veriot. — Variationen für giötc 
oon Völjm. — ©t)m^onie (Cmoll) oon Veetfyotoen. 

§änbel3 frohen, feierlichen klängen fei Stilen benn ein 
w glücflid)e3 neues S^r" jugerufen; bie Stätte, wo fie erflaugen, bleibe 
auc^ fernerhin ber toasten Sunft ein treuer §eerb, unb bie ihr oor* 
fteljen, nod) lange ihre warmen SBcfd^üfecr! 2)af$ fie mit §änbel ein* 
geweif/t mürbe, fei uns ein gutes Dmen; unb auch ber Anwuchs jün* 
gerer Sänftler fei öon iljr nicht auSgefdjloffen, im Sinne beS Sltt* 
meifterS, ber, wie jeber wahre, feinen oom Slltare jurüdweifen würbe, 
ber ein reines Streben mitbringt. 9htr baS §äf$lid)e fei wie ber ewige 
3ube, bem fid) nirgenbS ein gaftlid^eS Xljor erfdjtiefet. 

S)em £i)mnuS folgte bie Dubertüre jur ßauberflöte, bie wol)l 
qu^ nad) 3ah r *) u nberten erflingen unb entjücfen, jenes fpielenbe 
feiige SüBunberfinb, baS, £id)t unb grenbe fpenbenb, immer wo wieber 
auftauten wirb trofc 9iebet unb ginfternifc. Stud) fjeute wirfte fie fo. 
3)er Seifall fam wie aus einem Jperjen. 

Ueber ben SSiolinfpteler §ilf, ber bie folgenben Variationen 
fpielte, feinen merfwürbigeu SebenSlauf, berichtete bieS SBIatt fdjon 
früher;* er ^at fich toom §anbwerfer jum fiünftler emporgearbeitet, 
wä^renb eS bei anbern umgefe^rt ift unb leiber im metaphorifd)en 
Sinn, ©d^on im öorigen 3at)re mit großer Xheilnahme aufgenommen, 



* Vgl Seite 24S f. ;3d). 1852.] 



298 9lbonnementconcerte in Seidig toon 1840—1841. 

beftätigt er immer me^r bie Srmartungen, bie man fidj fcon ifjm 
gemalt, näfjert er fid} immer metjr ber 3Jieifterfcf)aft.* ©ein (Spiel, 
nodj fo frifdf) mie früher, t)at aud) an ßartljeit gemonnen. 3m 
Uebrigen mar bie 2Bat)l ber Stüde, bie unä nodf) Dom ©piel ber Gom« 
poniften t)cr in (Srinnerung, allerbingS eine gemagte, 2)aä publicum 
fpenbete inbeft reic^ften S5eifaH unb mit gerechtem ©inne; benn audj 
ber 33itbung3gang beä SfünftlerS mufe Ijier in 93etradf)t fommen. Statt 
ber erft angefünbigten Slrie aus gibelio mar ber 93eetf)o&enfcf|e Ef)or 
untergestellt — t>ielleid)t ofjne *ßrobe, benn er ging nicf)t ganj gut. 
(Sin jmeiteS Smpromptu erfdjien, ein artiger Sinabe mit ber glöte in 
ber §anb, 9tamen£ Jpeinbl; faum über jmolf 3al)r alt, fpielt er 
fein Snftrument mit einer 3Keifterfcf|aft, bie auf biefem Snftrumeutc 
audf) nid)t ba$ Unnatürliche Ijat mie j. 95. bie SRidjarb 2emt)£ auf bem 
§orne. 9Jian gebe it)m fpäter audj anbere Snftrumente in bie §anb; 
fein ©piel toerratf) mel)r al§ gute Sungen unb blofteS SSirtuofentalent. 
@3 märe fdfjabe um ben mufifalifdjen Änaben. ©eine gamilie ftammt 
übrigens auä SBürjburg unb fott noef) eine 9Renge mufifalifdjer junger 
Xalente in iljrer 2Kitte befi^en. 

S)ie Cmoll*©gmpf)onie toon 85 cct£) ot)cn befd)lofj. ©djtoei' 
gen mir barüber! ©o oft gehört im öffentlichen ©aal mie im Snitc* 
ren, übt fie unoeränbert itjre 2Racf)t auf aüe 2eben§alter aus, gleid) 
mie manche grofce @rf Meinungen in ber Statur, bie, fo oft fie autf) 
mieberfel)ren, uns mit $urcf)t unb SSemunberttng erfüllen. 2tuc^ biefc 
©t)mpt)ome mirb nadf) 3a^rt)unberten nod) mieberlltngen, ja gemijj fo j 
lange e3 eine Sßelt unb SJtufif giebt. 

13. 

SlfteS Sbonnementconcert, ben 7. Januar 1841. 

Duoertüre t>on 93eetrjot>en. — Wrte t>on ^No^art. — ©oncertmo für SSiofonceü , 
tum Sinbner. — 3cene unb Wrie oon s Jttet)erbcer. — ©apriccio für $ic- j 
loncett üon Homberg. — ^iftorifdje Sijmpfyonte öon Spofjr. 

Sie intereffantefte Kummer be£ Concerteä mar unftreitig bie lerne i 
unb baä ganje publicum barauf gefpannt. S)er ßettel nannte fie: I 
„$iftorifcf)e ©tjmpfjonie im ©til uub ©efdjmad oier oerfrfjiebencr 3m ? 
abfcfjnitte. ©rfter ©afc: SSadj^änbelfdje ^eriobe, 1720. Stbagio. 



* „9lu§ aüer Söelt Gnben wollen fie jefct fjerfommen unb Stunbc bei mir 
nefjmen, weil fie £ilfc bei mir fudjen", fd)er§te $at>ib, .ötffS £e()rer, einmal gegen 
SKenbetejofm. 



$te Slbomtementconcerie in geizig toon 1840—1641. 



299 



^btt'aRojartfdje, 1780, ©dEjerjo: $8eethoüenfcf)e, 1810. ginale: 
atlerneufte Sßeriobe, 1840." 2)iefe neue Symphonie ©poljrS ift, irren 
wir nicht, für baS Sonboner pI|iIt)armonifd^e Soncert getrieben, bort 
auch junt erftenmat öor etwa Safjre^frift gegeben unb, müffen toir 
flinjufefcen, auch in ©nglanb fdjon ftarf angegriffen worben. 2Bir 
fürchten, auch in 2)eutfcf|lanb werben tyarte Urtfjeile barüber fallen. 
(Sine merfwürbige ©rfd^einung bleibt eS gewifj, bafc in unferer 3eit 
fd)on mehrere SJerfudje gemalt mürben, uns bie alte üorjuführen. 
©o gab toor brei Sauren £). Nicolai in 2Bien ein ßoncert, in bem er 
gleichfalls eine SReifje „im ©tit unb ®efcf)macfe anberer 3<if)tf)unberte" 
gefc^ricbcncr Sompofitionen aufführte. SKofcheleS fdjrieb ein ©tücf ju 
§anbels ®h*en unb in feiner SBeife. Xaubert gab neuerbingS eine 
„Suite* heraus, ebenfalls auf alte formen hinjumeifen u. bgl. mehr. 
Selbft ©pofjr ^atte feiner ©tjmphonie fd)on ein SSiolinconcert w ©onft 
unb 3efcf vorausgehen laffen, in bem er etwas SlehnlidjeS beabfid)tigt 
roie in jener. 9Kan fann nichts bagegen f)ahtxi\ bie SBerfudje mögen 
als ©tubien gelten, wie ja bie (Segenwart neuerbingS ein äBoljlgefal* 
len am 5Roccoco*@efchmacI jeigt.* Stber baß gerabe ©poljr auf bie 
3bee fällt, ©poljr, ber fertige abgefdfjloffene Sffteifter, er, ber nie etwas 
über bie Sippen gebraut, was nicht feinem eigenften §erjcn ent* 
fprungen, unb ber immer beim erften Xone ju erfennen, — bieS mnfe 
wohl Stilen intereffant erf feinen, ©o fyat er benn auch bie Slufgabe 
gelöft, wie wir es beinahe erwarteten; er §at fich in baS Steuere, 
bie gorm öerfdjiebener ©tile ju fügen getieft ; im Uebrigen bleibt er 
ber SKeifter, wie wir ihn lange fennen unb lieben; ja es fjebt gerabe 
bie ungewohnte gorm feine @igenthümlicf)feit noch fchreienber tyitiox, 
wie benn etwa ein irgenb oon ber Statur SüuSgejeichneter fich nirgenbS 
leichter toerrätf), als wenn er fich maSfirt. ©o ging Napoleon einft* 
mals auf einen SDiaSfenbatt unb war faum einige Slugenblicfe ba, als 
er fdjon — bie 2lrme ineinanberfchlug. SBie ein Lauffeuer ging es 
burdj ben ©aal: „ber SJaifer!" Sleljulid) tonnte man bei ber ©gm* 
phonie in jebem SBinfel beS ©aaleS ben SluSruf „©pofjr" unb wieber 
„Spohr" työmx. Stm beften, fchien es mir, »erftellte er fi<h noch in 
ber SiKoiart^ahbnfcheu ÜJiaSfe; ber 83ach<$änbelfchen fehlte bagegen 
öiel toon ber nermgen ®ebrungenl)eit ber Driginalgefidjter; ber SBeet* 
hoüenfd^en aber wohl alles. 911* toottigen 9JiiBgriff mödjte ich a & cr 

* fcier unb in ben folgenbeu tuerjefjn getten finb ein paar SluSbrücfe nadj 
bem (Sität geänbert morben, ba3 Stfmmamt au3 freiem (Soncertberidjt in bie 93e* 
Ipredjung ber gebrneften Snmpfjoitie 3af)rg. 1^13 einfloßt. 



300 Mbonnementconcerte in öcip^tg Don 1840 — 1S41. 

gar bcn legten ©ajj bejeidfjnen. 3)ieS mag fiärm fein, tote wir iljn 
wot)l oft Don Sluber, Sföetjerbeer unb äl)nlid)en l)ören; aber eS giebt 
aucJ> SBeffereS, SßürbtgereS, jene ©uiftüffc SßarafyfirenbeS genug, bafc 
wir bie bittere 8lbfidfjt jenes legten ©afceS nid)t eütjufel)en Dermögen. 
3a ©po^r felbft barf ftdE| nidf)t über 9?id)t*21nerfennung beflagen. 2Bo 
gute Flamen Hingen, Hingt aud) feiner mit, unb bieS gefdE|ief)t uoef) 
an taufenb ©teilen täglidf|. 3m Uebrigen, Derftefjt fiel), ift ber 93au 
ber einseinen ©afce, ben legten etwa ausgenommen, ausgezeichnet, unb 
namentlich bie 3uftrumentation, bereu Shtnft ju entwicfeln bie 3bee 
beS ©anjen gewifc audjj feljr günftig, beS SReifterS würbig. Stuf 
baS ®anje beS *ßublicumS machte, toic eS fdfjien, bie ©tjmpliouie fei* 
nen, wenn nidf)t einen ungefälligen (Sinbrucf. 25a fie übrigens et)e* 
ftenS im SJrudte erfcfjeint, wirb balb 3eber fein Urteil über baS 
©uriofum, baS eS ift unb bleibt feftfteUen fönnen. 56 — 3)enfetben 
Stbenb fam audf) eine fet)r feiten gehörte unb noef) weniger Derftanbene 
DuDertüre, 2Berf 115, Don SBeetljoDen jur 2Iuffül)rung, für bie wir 
befonberS banfbar fein müffen. 2)aS war Dom ecfjteften 83eetf)ODen, 
tote er freiließ nie in eine Ijiftorifd^e ©Dmpljonie ju bannen fein wirb. 
— $wei SSirtuojengäfte Don auswärts gaben aufeerbem nodfj ©olo* 
Sümmern : grt. SKarj:, §offangerin aus ©reiben, unb §r. 2inb* 
uer, Äammermufifer aus §annoDer : beibe neu für uns. 3)ie Srftere 
jeigte fief) als entfd)ieben talentvolle ©ängerin, fd^on aud) mit fdf)öner 
Siunft* unb ©timmbilbung, unb erwarb fidfj großen Seifall, bafi fie 
über baS SBerfprodjene unb da capo fingen muftte* Unter weniger 
gutem ©tern fpielte ber SSioloncellift ; er tjätte beffere ©ompofitionen 
wählen follen; im Uebrigen jeigte er fid) als ein ganj tüdfjtiger 
SSirtuoS. 

13. 

3tttflfte$ Sttotmementroncert, bcn 14. ftaimar. 

Duoertüre Don SBeber. — STrie oon äRercabante. — $tbertiffement für §oboe 
öou SHetlje. — Slrte t>on 93eetl)Ot>en. — (Soncert [Gdur] für ^ianoforte 
üon Seet^oben. — ©qmpljonie iDmoll) öon g. £adjtter. 

2>ie DuDertüre war bie reijenbe ju Sßreciofa. Sin* für allemat 
wirb Dom 3tef. bemerft, baft, wo nicfjt befonbere SSemerfungen ge* 
macljt finb, es fidf) Don felbft Derfteljt, bafe bie Aufführungen üott 
Seiten beS DrdfjefterS immer trefflidfj Don ftatten gel)en, ja meiftenS 
bie ©lanjpunfte beS StbenbS bilben. 3)aS weife baS Cr^efter audE) 



®ic Slbonnementconcerte in ^etpgtg bon 1840—1841. 



301 



fdjon unb hält ficf) banad). fflebauern müffen mir nur ben SBerluft 
beS früheren Käufers, eines toasten gelben auf feinem 3nftrumente, 
ber fidj jum jefcigen unb ju anberen wie baS ©enie ju bloßen Xalen* 
ten Derf)ält SStetlei^t wirb er bem Goncertfaale wieber jurüderftat* 
tet.* ©ein ÜBirbel in ber B dur*©gmphonie, einige ©teilen in 2Ren* 
betSfohnjdjen Duüertüreu u. f. w. finb big jefct fchwerlid) übertroff ene 
SJieifterftüde, wie man fie faum in SßariS unb 9tewt)orf hören fann. 
ÜJian taffe if)n nid)t auger ftunfi — S)ie Sßerle beS tjeutigen Goncer* 
tcS war baS 33eetf)oi)enf<f)e Goncert. §r. 2RS). SRenbelSfohu 93ar* 
thotbty fpielte eä. 2Bie benn burdj it)n t>tele öon ber 33ornirtheit 
überfeljene SEBerfe it)r SluferftehuttgSfeft feiern, fo tjat er jejjt wieber 
biefe Gompofition ans £id)t gebraut, SBeethobenS vielleicht größtes 
Glamerconcert, baS in feinem ber brei ©äfce bem befannten in Es dur 
nachfteht. 3)ie toon -UtenbelSfohn in beiben ©äjjen eingeflod)tenen 
Gabenjen waren, wie immer, befonbere SReifterftüde im äReifterftüde, 
bie SRüdgänge jum £)rd)efter beibemal überrafchenb gart unb neu. 
£)aS publicum ftürmte fef)r nach bem Goncert. — grl. ©tfjlofe er* 
freute uns namentlich in ber gar ^errlic^en Slric aus ^ibeüo" mit 
ber £öruerbegleitung. — iperr 2) i et he fpielte ein eigenem mehr Gom< 
pofttionStiebe als SSirtuofeneitelfeit öerratljenbeS ©toertiffemeni, was 
wir 'gar nidjt tabeln wollen. — S)ie ©gmphome öon %. Sadjner, 
feine britte, warb üom publicum bei SBeitem günftiger aufgenommen 
als frühere Gompofitionen beffelben, wie fie benn autf) uns fein befteS 
fomphoniftifcheS SBerf fc^eint; fie ift fdjon lange gebrudt unb bereits 
auSfä^rtic^er befprodjen.** 

SDie nadjften Goncerte werben fogenannte hiftorifdje fein unb be* 
ginnen mit 3ol). ©eb. 33 ad) unb §änbel; wir werben barüber in 
einem befonberen Ärtitel berichten. 

13. 

$rei}efjnte£ bis fedj^efjntcg Slbonnentconcert 

[bcn 21. u. 28. Januar, ben 4. u. 11. gebruar]. 

33aS breijetjnte unb bie brei folgenben Goncerte brauten nur 
SBerfe beutfd)er Gomponiften unb jwar unferer größten: §3 ad), 



* $er Käufer (£. Sßfunbt fear feines SßoftenS im £)rd>efrer aeinueUig enthoben 
roorben; bom SBinter 1841/42 an ttmrbe er für immer in feine $l)ätigfeit wieber 
eingefegt. 

** »gl. (Seite 75 ff. [@dj. 1852.] 



302 



$>te 9(bonncmentcouccrte in ^eipjig öon 1840—1841. 



$änbel, §at)bn, SDiogart mtb 33eetfjo&en. 83ad( unb $änbel 
fußten einen Slbenb, bie anberen jeber einen. Da§ bie 9tu§wal)I [innig, 
bafe jeber bcr SCReifter burd) bejetdjnenbe ßompofitionen üertreten war, 
fann man glauben, wo ein SKeifter gewählt fyatte, ber, wie äRenbelS» 
fofjn, itjrc 2Berfe fo burd) unb burd) fennt, wie meHeidjt SKiemanb ber 
geitgenoffen weiter, ber woljl im ©taube wäre, alles an jenen frönen 
Stbenben Vorgeführte au§ bem ®ebäd)tntffe in Partitur ju fdjreiben. 

SSon einer ftrttif, toon 2ob uub Xabel ber ©ompofüionen fann 
im Uebrigen wol)l feine 9?ebe fein; bodj mag, tüte bie 2lu§wal)l ge* 
troffen war, manchem auswärtigen Äunftfreunbe öon Sntereffe fein 
unb toom ©efdjmade, mit bem jene ßoncerte georbnet waren, ein 3 eu 9 s 
uife geben. 

®aä 83ad)*£)änbelfd)e Soncert braute im erften X^eile: 
3)ie d(romatifd)e $ljantafie, öon g. ÜÄenbeI§fol)n gefpielt, 
bie boppeldjörige äßotette: ,,3d) laffe bid) nid)t", 
ß^acoune für Violine allein, t>on %. 3)aoib gefpielt, unb 
ba8 Crucifixus, Resurrexit unb Sanctus aus ber großen SReffe 
in Hmoll, 

alles toon 95 ad), unb faft ju t)iel be§ §errlid)en. ®en tiefften Sin* 
brud machte metteidjt ba$ Crucifixus, aber aud) ein ©tüd, baä nur 
mit anbern 93ac§fd)en ju üerglcidjcn ift, eines, &or bem fidj alle 9Rei* 
fter aller ßeiten in ©Ijrfurc^t öerneigen müffen. ®te 9ftotette w 3d) 
laffe bid) nidjt" ift mtfyx befannt; 57 in fo öoUenbeter Sluffüt)rung war 
fie inbefc fyet nod) nidjt gehört worben, baß fie in biefer griffe unb 
Älarljeit eine ganj anbere fdjien. ®ic ©oloftüde brauten ben ©pie* 
lern feurigen Seifall, was wir jum Veweife anführen, bafe maii mit 
Vadjfdjen ßompofitionen aud) im Goncertfaale nod) eutljufiaSmiren 
fönne. SBie freilief) 9Jtenbel3fof)n 93ad)fdje Sompofitiouen fpielt, muß 
man l)ören. £)amb fpielte bie Sfjaconne nidjt minber meifterlid) unb 
mit ber feinen Segleitung 9Renbel3fol)n3, oon ber wir fd)on früher 
einmal berichteten. 2)en jweiteu Xfjeil be3 SoncertS füllte § anbei. 
SBäf e3 fein Verftofc gewefen, fo Ratten wir if)n üor 33ad) ju fjören 
gewünfdjt. 9tac§ if)m wirft er minber tief. £>ie gewählten ©tüde 
waren : 
Dut>ertüre jum SReffiaS, 

fRecitattt» unb Slrie mit 6l)or ebenbaf)er, toon %xL ©d)lof$ gefungen, 
Xtyma mit Variationen für Slamer [Edur], öon 3ftenbel8fof)n ge» 

fpielt, unb 
Vier 2)oppeldjöre au§ Sfrael in (Sgtjpten. 



$ie Slbonnementconcerte in Seidig öon 1840—1941. 



303 



9teit baöon war bie brüte Plummer, unter 2Reubeföfo$nS 
<pänben öon retjenb naiöer Sßirfung. 3n biefen toic in ben 93ad)* 
fdjen Spören, fowte in ben fpäteren brei ßoncerten, wirfte übrigens 
eine bebeutenbe 2lnjaI)I ^Dilettanten mit, was einer banfbaren (Srwäl)* 
nung bebarf. 

3)aS ßoncert beS 28. 3anuar war £at)bn gewibmet. ©o 
2Rannid)faltigeS baS Programm enthielt, fo mag bod) äRandjen ber 
Slbenb ermübet I)aben, unb natürlidj: benn ipatybnfcfye SJiufil ift I)ier 
immer toiel gefpielt worben, man fann nidfjtS SReueS met)r Don it)m 
erfahren; er ift tute ein gewohnter JpauSfreunb, ber immer gern unb 
achtungsvoll empfangen wirb; tieferes Sntereffe aber Ijat er für bie 
Sefctjeit nidjjt meljr. 5)ie aufgeführten Stüde waren: 
Sinleitung, Siecitatiö, Slrie unb 6f)or aus ber ©ctyöpfung, bie ©olo* 

partie Don grl. ©dfjloft gefungen, 
Quartett (®ott ermatte granj ben SJaifer) für ©treid)inftrumente, 
öon ben 3)amb, Klengel, ©djulj unb SBittmann öor* 
getragen, 

9Äotette „3)u biff 8, beut Sftuljm unb ©£)re gebühret", 

©tymptjonie in Bdur, unb bie 

3agb unb SEBeintefe aus ben SfahreSjeiteu. 
28ie nod) «Her Jperjen an SRojart Rängen, batoon gab baS 
folgenbe ©oncert einen 33eweiS. Drc^efter unb ©otofpieler jeigten ftdfj 
aber aud) im t)öd)ften ©lanje; eS war ein ßoncert, in bem wir ganj 
$)eutfd)lanb gegenwärtig gewünfdEjt Ratten, in ben 3ubel etnjuftimmen, 
ben fein großer Äünftler an jenem Slbenb erregte. Sft eS ntd)t, als 
würben SKojartS äßerfe immer frifdfjer, je mel)r man fie prte! SKud) 
einige feiner fiieber ^atte man t>er^orgefud^t ; wie junge 3Seildf|en buf* 
teten fie noef). golge t)ier anftatt aller SBefdfjreibung nod) baS aus* 
gefugt fd^bne Programm: 

Duöertüre ju XituS, 

SRecitatb unb Slrie mit obligater SBtoline, vorgetragen üon grl. 

©d)Ioj3 unb §rn. 2)amb, 
Soncert in Dmoll für Sßianoforte, gefpielt üon g. 9JienbelSfol)u, 
Qmi 2ieber, gefungen von grl. ©cfjlofc, 
©^mptjonie in Cdur (Supiter). 
Siner ber reiften SKufifabenbe aber, wie er tuelleidfjt fetten in 
ber 2Belt ju ^ören, war ber beS 11. gebr., ber nur 83eetljoöenfd)eS 
brachte. Sludf} fdfjien uns ber ©aal gtemjenber als je gefüllt; baS 
Drdjefter, gebröngt t)oIl öon Sing* unb ©pielluftigen, gewährte einen 



304 



$ie 5lbomtementconcerte in fieipjig öon 1840—1841. 



frönen Slnblicf. Unter bett (Säften warb balb audf| bie geniale ftünft* 
lerin entbeeft, bie 33eett)o&en felbft ju einer fetner größten Schöpfungen, 
jum gibetio, gefeffen ju t)aben fcfjeint: SKab. ©dfjröber *2)etment, bie 
ber Stfaü ju günftiger ©tunbe gerabe nadf) Seipjig geführt ^atte. 
©o waren benn eble Sunftnaturen genug bei einanber, um 33eetl)ot)en 
in würbigfter SEBeife ju Vertreten. Slucl) ber junge SRuffe ©ulomty barf 
nidfjt unerwähnt bleiben, ber, nodE| wenig gefannt, burdj baS ©piet 
be3 SBiolinconcerteS in Ddur fidf) 2W)tung erwarb unb fie toerbiente. 
2)aS Soncert braute benn 

bie Ouvertüre ju fieonore in Cdur [9lr. 3], 

Sfyrie unb ©loria aus ber SWeffe in C, Sßerf 86, 

baä erwähnte SBiolinconcert, 

Slbelaibe, unb jum Schluß 

bie neunte ©gmpljonie. 
S)ie Dutoertüre würbe da capo «erlangt unb auef) gefpielt. 2)a£ 
legte wunberte uns beinahe, ba nodjj fo üiclcö oom Drdjefter ju leiften 
war. 2)a8 Ät)rie unb ©loria nadE) biefem jweimal gehörten Stiefenftücfe 
wirfte fd)Wäc§er. Den 9iamen be§ Spielers beä SBiolinfajjeS nannten 
wir eben. 3)ie Gompofition gehört ju S3eetl)oöenS fdfjönften unb ift, 
waä ©rfinbung anlangt, toot)I in gleiten SRang mit feinen früheren 
©t)mpf)onien ju fteHen. Äm ©piele be§ SBirtuofen Ratten wir mancf)e§ 
jarter, fingenber, beutfdjer gewünfät; in ben feurigen ©teilen tiefe e$ 
nidfjts ju wünfcfjen übrig. 3)ie eingeflodjtenen Kabenjen waren nicf(t 
toon SSeetljoüen, wie fcfjnell genug ju bemerfen. 3 um Vortrag ber 
Slbelaibe — wen l)ätte man fidE| lieber tjerbei wünfd&en mögen, als bie 
e£ fang: 2Rab. ©djröber*3)em:ient, bie fidf| auf ÜKenbetSfoljnS Sitte 
fcf)neQ bereit jeigte. 2)a§ publicum geriet^ in eine 2lrt Schwärmerei, 
als fie ^eröortrat, unb wäre eine ßünftlerin burdfj norf) fo große Xri* 
umpt)e öerwöf)nt, ein fotdjer S3eifaH müßte fie immer erfreuen unb t)at 
e3 gewiß au^. 9lodE| ftanb un$ bie neunte ©tjmpfjonie beüor. ©djjeint 
e& bodfj, als finge man an enblicfi einjufet)en, baß in it)r ber große 
SKann fein ©rößteä mebergelegt t)at. @o feurig erinnere idfj midE) nie, 
baß fie früher aufgenommen worben wäre, 2Jitt biefem 8lu3fprudE|e 
wollen wir mel weniger bem SEBerfe als bem publicum ein Sob fagen, 
benn jenes ftefjt über aUeS; fo oft ift bieS fdijon in unferen ^Blättern 
ausgesprochen worben, baß wir nichts weiter barüber ju fagen t)aben. 
Die 3lu8füf)rung war ganj üorjüglic^i lebenbig. Stu ©d^erjo Nörten 
wir einen Xon, beffen Sebeutung 9KenbelSfol)n§ ©lief auf baä ©d^ärffte 
gefaßt, ben wir frütjer nie fo bebeutenb ^erüortreten gehört; ba^ 



®ie Slbonnementconcerte in Setyjig toon 1840—1841. 



305 



einzige d einer Saßpofaune macht bort eine erftauntiche äßirfung unb 
giebt ber ©teile ein ganj neues Seben; man vergleiche bie Partitur 
Seite 66 Xact 3, ©ehe 75, Xact 8. 13. 



Siebentes itnb arfjtjeijitteg abonnementconcert 

Iben 18. unb 25. gebruar]. 

3)aS ficbjc£)Tite Slbonnementconcert würbe mit einer neuen (ber 
fedfjften) Symphonie von Äalliwoba [Gmoll] eröffnet, bie er, burd( 
bie Aufnahme, bie feine fünfte gefunben, meßeidfjt ermuntert, in fefjr 
furjer 3 e ^ gearbeitet tjaben mag. 3)aS SBerf fdjeint eben mehr burch 
äußere Anregung entftanben ju fein als aus innerem fchöpferifdjjen 
©ränge, fdfjeint gefugter, mühfamer, nnb ber SBeifall, ben bie ©t)m* 
Päonie im SSerhältniß jur fünften fanb, ftanb aud) im richtigen SJer* 
hältntffe ju bem äßerthe ber beiben. Qum Sftacljtheile beS äBerfeS traf 
eS ftd) auch, was freiließ nicht immer ju änbero ift, baß eS ben 8ln* 
fang beS EoncerteS machte. 2)ie 3nftrumente, bie SKufifer felbft finb 
ba oft noch nicht recht warm, baS publicum ^at fid) noch nidE)t ju* 
rechte gefeffen :c, 3Äag ber ©runb ber weniger warmen Aufnahme 
nun in äußeren Umftänben ober im SBerfe felbft liegen, es möge bieS 
ben I)ocf)gefd)ät>ten Somponiften nicht abgalten, auf feiner rühmlichen 
JBa^n fortjufaljren. 2Bo wäre ber SKeifter, ber fidE) immer fteigem 
fönnte! 9lur wenn er ftd) verwürfe, feinen beutfdfjen Urfprung ganj 
unb gar verleugnete, foü bie Stitif eingreifen. SSleibt er fich aber 
treu in gleiß unb ©efinnung, fo bürfen wir ifjm wegen eines weniger 
glücklichen SBurfeS nicht gleich baS Spiel verberben wollen. S)er 
fiebenten Symphonie beS ItebenSWürbigen 2KeifterS fei benn im voraus 
ein SBittfommen angerufen. 

©tatt grl. Schloß, bie Reifer geworben, fang eine früher nicht 
genannte Sängerin, grl. Souife ©rünberg, eine Schülerin beS als 
©efangleljrer unb Somponift, namentlich für äßämtergef ang , wohl* 
befannten ßöflner, unb überrafcfjte baS publicum burch i^r tlangvolleS, 
fc^miegfameS Organ wie Durch bie naive Sicherheit, mit ber fie von 
Slnfang bis @nbe ihre Stric (eine SRojartfche) ausführte. S)er @rfolg 
ihres erften Auftretens muß uns, ba fie ein einhcimifcheS Xalent, woljl 
boppelt erfreuen. 2Btr müßten lügen, wenn wir uns unferer vielen 
fdjönen Stimmen unb (Sefangtalente rühmen wollten; eS ift barin bei 
uns nicht beffer als überall. 

@d|UDiap, ©cf. Sdpriften. II. 20 



306 $ie Slbonnementconcerte in Seidig t>on 1640—1841. 

$r. ©utomt) fpielte in bemfelben Soncerte ein Goncert Don 
SiptnSfi unb SSartattoncn üon 9JioIique, unb namentlich ba8 erfte leben* 
big unb mit ©eift, baß fidf) ber Gomponift, öon bem wir e£ früher 
gebort, barüber gefreut Ijaben müßte, wär' er anwefenb gewefen. 

2)er britte an bemfelben Slbenb auftretenbe ©otift war £r. §aafe, 
neben §m. ©renfer ber auSgejeidfjnetfte glötift unferer ©tabt. 

9locf| fang ein ja^Ireic^er SRännerdjor G. 2R. to. 2Beber3 .©ebet 
üor ber ©d&lad&t" öon Xf). Börner unb 3Renbel£fol)n8 wunber* 
fyerrlicfjeS Duartett mit ipörnerbegleitung: „ber 3äger Slbfdfjieb* üon 
@icf)enborff. — 

S)ie SKufifftüde be8 adjtjet)nten GoncerteS waren jiemlid) ge* 
mifd)ter 8lrt. (Sine neue ©tjmpljonie öon ß. SJiaurer, nodfj 2Ranu« 
feript, begann, §at fidf) feine erfte triele greunbe erworben, fo wirb 
e$ and) biefe jweite, bie jener an Seidjtigleit unb Sebenbigfeit nidjjtö 
nad^giebt» 2ln ber 3nftrumentation erfennt man ben im Drd^efter groß* 
geworbenen SRufifer; er fpielt mit ben Snftrumenten wie ein ©aufler 
mit feinen SSäUeu. 3)a3 Slbagio, feljr jart erfunben, besagte uns 
neben bem erften ©ajje am meiften, SlnbereS, franjöfifd^ unb lärmenb, 
Weniger. 

2113 ©aft trat ein §r. ©♦ ©etti aus Neapel auf, ein fräftiger 
wo^ßlingenber SSariton, ber fidf) balb al§ edfjter itatienifdfjer ©änger 
bocumentirte. 3m SBerein mit §rn. Rogner fang er aucf| jum 
großen ©efatten unferer Settinianer ein 25uett aus ben Puritanern. 
Stielten und audf) bie Italiener einen Senoriften wieber! Sin SSäffen 
feljlt e3 uns weniger. 

2Rit großem SBeifaH fang $rl. ©rünberg bie ÜRetyerbeerfdje 
Strie „SRobert, mein ©eliebter", bie nie einen gewiffen ©ffect üerfetjlt, 
bie ber Gomponift gewiß felbft für eine feiner fcfjönften Hummern 
Ijält. 2ln ber ©ängerin wollten ©efangteljrer bie SRunböffnung tabelti ; 
es ift nur ein äßinf, aud) barauf Slldfjt ju Ijaben. 3m Uebrigen geigte 
fie audf) in biefem Vortrage Seruf unb Xalent. 

(Sine wenig gefannte Ouvertüre üon DnStow jur Dper: ber 
2ltfalbe, gefiel; ebenfo $r. SBittmann in SBtoloncettoariationen Don 
SRerf, unb §r. Sßeiffenborn in folgen für gagott toon SB. $aafe, 
beibe ausgezeichnete 9Jiitglieber unfereS DrcfjefterS, toon benen ber erftere 
audj ein fdfjöneS Gompofitionätatent befifcen foH; er ift ein SBiener unb 
©dfjüler öon 9Kerf, 



S>ie 9Ibonnementconcerte in Seidig bon 1S40 — 1841. 



307 



SReitttjefjnteS Stiomtemcnlconccrt [ben 4* SRfirj].* 

Goncert*£)ubertüre bon 28. SS e i t (2ftanufcrtyt). — 9lrie bon SRe^crb c er grl. 
©djlofj). — 'Sögerg Cuaf, Sieb bon ©. Seibl, für Xenor mit $ianoforte, 
Klarinette, ^om, ßeHo unb (Sontrabafc bon (5. $Reid>arb (£r. (Sdunibt). — 
Variationen für Violine über 8cf)iibert3 „2ob ber Xljräncn" componirt unb 
gezielt bom (Soncertmftr. $abib (9ttanufcript). — „2ln bie ferne ©eliebte", 
SieberfreiS bon Veetfyoben, — ©nmptyonie (Ddur) bon 93eetf)oben. 

5)ie Dutoertüre bot wenig SleueS unb Scf)lagenbeS ; fie mödjte 
ben 9Rufifftücfen beijujäfiten fein, bic ben 9Rangel an ©nergie ber ®e* 
banfen burd& üppiges Steuere weniger füfjlbar ju machen wiffen. — 
%it Sdjtoft tnie immer: ntf)ig unb ot)nc §erjflopfen laffen wir bie 
SBetie itjrc^ ©efangeS über uns weggteiten. S)ie Slrte toon Süieijerbeer, 
obgleidf) bereite ein tobmübeS SRofe, will noef) immer nidfjt öom Sßarabe* 
ptafce öerfdfjwinben. — 2)aS Sieb oon SReidjarb ift nidf|t ot)ne Sin* 
tnutf); aber aus feiner regten £iefe quetlenb, entbehrt eS üor Sltlem 
ber lebensvollen SBärme. 83ei fo t>erfcf)wenberifdf) aufgewenbeten 2Rit* 
tetn ift eS ju wenig, was t)ier erreicht worben. Stm Sdf)luffe oermifc 
ten wir bie Steigerung, fo feJ)r fie auef) burdf) baS ®ebidf)t geboten 
erfdfjeint; btefe Sabung t)ätte ber ßomponift bem müben ipörer nidf)t 
toorentfjatten follcit. S)ie 9tuSfüt)rung war üorjüglidj. — Sin bie 
©djubertfcfje 2Mobie mit itjrer ftiHen $eimlidf)feit fo öiet $erauS* 
forbernbeS anjufnüpfen, wie in ben Variationen üon £)amb gefdjeljen, 
möchten wir als einen wenig glüdlicf)en ©ebanfen Bejeid^nen. geben* 
falls ift bie Stimmung, in bie ber finnige §orer baburdjj toerfejjt wirb, 
feine woljltljuenbe. — S)er ©cfjmucf unb bie ^5crlc beS SlbenbS war 
ber *2ieberfreiS üan SBeetfjotoenS, Siebeslieber, wie fie in fold)' reinen 
Ulaturtönen, foldjer tjerjinnigen Xiefe nie wieber laut geworben, ©ie 
ju fingen, bebarf eS weniger beS ©ängerS als beS *ßoeteu. §r. ©dfjmibt 
trug fie mit großer Sorgfalt, aber mit faft ju toiel äußerlichem Stuf* 
wanb toor. 9ftenbelSfo!juS SSortrag beS SlccompagnemcntS buftete bie 
^rifcfje beS Originals. — 3fn ber @t)inpI)onie machte fid} bieSmal ein 
uns frember Jpornbläfer bemerfbar; feine Unfid)erf)eit warf einige 
bunfle Streifen auf baS leudjtenbe ®anje. 



* $em 19. (Sonccrt wofiutc SRef. nidjt bei. $er Verität ift bon anberer ©anb. 



20* 



308 



$ie Slbonnementconcerte in Sctpjig öon 1840—1841. 



3wau^tgftcö 96ottttemeutcottcert r bett 18. SWfirj. 

*ßaftoralfömj>fjonie öon Söeettyoüen. — Slrie öon SJlojart. — Soncert für Vio- 
line öon ©poljr. — finale an$ XitnS öon Stto$art. — Duöertürc öon 
SttenbelSfoIjn. — $uett unb ^crjett aus ber Oper ,,§einrid) unb grleurette" 
öon £>. ©djmibt. — La M&ancolie öon grünte. — fiicber öon g. ©dju* 
bert, G. 9K. öon SSeber unb SttenbelSfoIjn. 

2Kit befonberem 8tntf)eil gebenfen totr biefe§ SoncerteS, ba3 unä 
be3 Xreff liehen fo triel bot, jugteid) als be3 legten be3 feurigen mit 
if)tn würbig befdjtoffcncn ©hftu8. Die 5ßaftotaIfompf)oriie brang tief 
wieber einmal in Slüer ^erjen ; bie SluSfüf)rung war ganj ^errlid^, toie 
fie fid) ber SKeifter in ber SSeiheftunbe gebaut haben mod&te. Daffelbe 
gilt öon SüienbelafohnS pljantafiercid^er fd&öner Duöertüre „SDteereS» 
ftiöe unb glüdlidje gahrt", bie man wot)I nirgenbS in ber SBelt in 
folget 33oUfommenf)eit hören lann. Sine SJleuigfeit war ba3 Duett 
unb Xerjett aus ber fdfjon öollenbeten größeren Dper unfereS ©ängerS 

©chmibt, eines ©ängerg, ber an mufifalifcher SMlbung; unb 
@efdE)mad3richtung woht öielen mit berühmten SRamen jum SJorbilbe 
bienen fönnte. SllS ©omponift ^at er nur erft wenig veröffentlicht. 
2Ba8 wir an biefem Slbenbe ju hören befamen, jeugte aber burchweg 
öon einem ©treben nach bem SBefferen, öom SBerftänbnifc ber Stufgabe, 
bie er fich gefefct. Der ©efaug war mit ©orgfalt geschrieben ^ bie 
3nftrumentation gefdjidt unb ftangöoü. Die SBreite mannet SBieber* 
holungen mad)t fich öietteidfjt im Ztyattx weniger fühlbar, toie e3 benn 
meiftenS unbanfbar für ben ©omponiften ift, einjelne ©tüde au* 
einem SBerfe öor ber 3tuffüf)rung be3 ®anjen in bie Deffentli^Ieit ju 
bringen, unb immer ju fatfehen Urteilen Slnlafc giebt Doch wirb 
gefagt, bafc bie ganje Dper öielleicht bei un& balb in ©cene geht, wo 
bann mehr berietet werben foü. Die anbem in ben jwei Stummem 
SKitwirfenben waren grl. ©chlofc unb §r. Sin b ermann, erftere 
toie immer gewanbt unb fertig, lefcterer mit einer fehr frönen ©timme 
begabt, bie, toie fie nur erHingt, für ben ©anger einnimmt. Der 
(Spieler ber SSiolinftüde toat $r. K. £ilf, öon bem toir fd)on öfter 
fpradf)en. Sluch h cute ä^9 te er & cr 9^o§en Xt)etlnahme toürbig, bie 
man fich, öon feinem erften ©intreten in bie Äünftlecbafjn an, öon 
i^m gemacht, unb würbe wie immer mit raufd^enbftem SBeifaU ent* 
laffen. SBenn wir öon ber $erle beS SlbenbS julejjt fpredjen, fo ge* 
flieht e§ nidf)t ohne ©runb. äJiit wenigen SBorten: SKab. ©d^rö* 
ber^Deorient fang. SEBa§ menfehttd} am SRenfd^en unb Äünftler, 



3f. £ifler3 „Serftöruitö 3erufalem3". 



309 



unterliegt audf) ber Qtit unb itprett Sinflüffen, fo bie Stimme, bic 
©dfjbnfyeit beS Steufceren. 2Ba3 aber barüber ift, bic ©eete, btc Sßoefie 
erhalt fidfj in ben Wieblingen beä §immel3 gleich frifc^ alle fiebcnäalter 
Ijinburdfj, unb fo ttrirb un& biefe Äünftlerin unb 2)icfjterin immer ent* 
jüdfen, fo lange fie nod) einen Xon in $erj unb ße^Ie f)at 2)a8 
publicum tjörte tote gebannt, unb als fie gum ©djtufc 5Dlenbetefol)n8 
mit ben SCBotten „auf SBiebetfeljn 4 ' enbigenbefc SBolfSlieb fang, ftimmten 
9tfle in freubiger 3 u f* immuit S e ^ n - ® uc § & cm Eomponiften, ber be* 
gleitete, galt fie woljl; benn e3 toar ba3 Internal an biefer ©teile, 
bafc feine wunberbefd&wingten Ringer bie Saften meifterten, 58 SBoÖcn 
wir benn audf| nid)t unterfudE)en, wem ber Sorbeer galt, ber unoerfeljenS 
fid) im Drdfjefter fef)en lieft, ob bem ÜReifter ober ber oerel)rten grem* 
ben, unb nur nodE) Stilen, bie in unfern ÜRufifabenben gegeben unb 
genoffen, ein fjoffenbeS „auf SEBteberfetjen" prüfen! « 



/erbtnanb filier: 

Sie 3crftörung Seruf atetttS, 

Oratorium nadj ber ^eiligen ©djrift Don Dr. ©teinfjeun. SBerl 24. 

SSon ber Sluffä^rung biefe» SJBerfeS in Seidig, rjon bem gfinftigen 
Srfolge, ben fie gehabt, berichtete bie ßeitfdjrift fdjon unb fprad) ben 
Sßunfd) naä) balbiger SBeröffentlic^ung auä, ber balb barauf in @r* 
füHung gegangen. Sinnen Äurjcm foll auef) nod) bic Partitur folgen. 

SDie auffaüenbe ©rf Meinung , baft fid) in neufter ßeit rjiele jfin* 
gere Somponiften ber Sird&enmufil mit SSorliebe juwenben, ift fd&on 
öon Slnberen bemerft worben. 2)er ©rfolg, ben 9ftenbel3foljn8 SßauluS 
gehabt, fdjeint grofte Urfadje baran ju ^aben. Siele, ja bie 2Reiften 
werben fid) freilidj täuben in ityren Hoffnungen auf gleidje ober nur 
al)nlidje ©iege. Sßoljl mdE)t bie Särd&e, nidjt bie Sttrt ber bal)inge* 
porigen Shtnftgattuug l)at it)n errungen, eine (Sattung, bereu SBlütlje 
fd)on längft Vorüber, fonbern bie I)olje Äunft be3 einzelnen ÄünftlerS, 
bem im $aulu$ ein ÜKeifterwerl gelungen. SBiel tiefer wurjelt j. 85. 
ba8 Sebürfnift naef) einer neuen beutfd^en Dper; oieHei^t, bafc auc§ 
balb Ijierin ein ftarfer Sünftler oorangeljt unb SRad&eiferung unb 3Rut^ 
erweeft, wie e3 2Kenbel3fot)n8 SßauluS für bie Äirdfjenmufif getljan. 



310 3- Ritters „Serftörwtß SerufalemS". 

SÖie bcm fei , wir muffen jebem Streben nach fo ernftem &id unfere 
innigfte Slufmerffamfeit juwenben. SBaö bem Sünftler, ber für bie 
Ätrd£)e arbeitet unb fich in ben ftrengen gormen, bie itjre ÜJtuftf er* 
t)ctfct)t, bewegen mu{3, aud) t>om SBeifaHc be3 großen §aufen3 abgeben 
möge, e3 fommt if)m auf anbere Sßeife für feine Äunft unb ^unbert* 
faltig ju gute. SBer Äircfjen bauen fann, bcm finb bann bic Käufer 
ein 2eidE)te& ; wer ein Oratorium ju Stanbe gebraut, bem wirb eä in 
anberen formen bann fpielenb gelingen. 

©3 giebt SBaumeifter, bie wiffen, was fie bauen; gefdE)icfte praf* 
tifdje S0iänner, bie fid) ftreng nach bem 9lif$ galten, ber fid) ihnen 
fchon oft jroecfbienltdj erwiefen ; nid^tö ift ba toergeffen, bie Äir<hentt)ür 
an guter ©teile, ber ®Iocfentf)urm an feiner, ©in foldjer ift ber alte 
35effauer SJietfter.* ©8 giebt anbere, bie wiffen e3 aud). Slber ef)e 
fie beginnen, beten fie einen frommen Spruch, if»r ©cfd^äft gilt ihnen 
ein Zeitiges. SSon ber gewöhnlichen SSauart metleicht abweichenb, 
finnen fie wof)I auch au f SReuc»; fleiue ©apeßen entfielen an ben Seiten, 
2Ruttergotte3bilber werben angebracht unb öerftedfter tieffinniger 
gierrat. (Sin folcher ift ber SReifter be§ ^auluS, nach foldjer SDteifterfchaft 
ringt auch \™ greunb gerbinanb Ritter. -ättit greube mu& man e3 
bemerfen: e§ fcheint unter einer Slnjahl jüngerer Sünftler wie eine 
ftittfdjweigenbe Uebereinfunft ju beftehen, bem alten Schienbrian mit 
grünblichen Xhaten entgegenjutreten , ein Sünbnifc gegen eine gewiffe 
Stoffe üon §anbwerf3muftfern, bie nach ber ©He componiren, tyntz 
eine Sirchenmufil unb morgen für ben Xanjfaal. Oerabe unter ben 
Sirdjencomponiften finb einige ju 9iuf unb Kamen gefommen, wa& 
ber Fachwelt, wenn fie vergleicht, baf$ jur felben ßeit h- ®- noc & 
Seethooen lebte unb für bie S?irdE)e fcfjnf, unbegreiflich erfcheinen mufh 
gerabe in ber Jfircfjenmufif h atte tfd) e w füfeK^ fentimentaler Slu&* 
bruef eingefdfjlichen, ber eher jum Xempel hinauftrieb, al* jur Slnbacht 
erweefte. Slnbere, immerhin aber beffete, wie 35. Älein, oerfuhrert 
lieber ju trappiftifch, al3 bafe fie ©influfc gewinnen tonnten. 3Jien* 
bel3fof)n aber f)at unter ben 9lorbbeutfdf)en juerft wieber auf bie wahre 
Spur hingelenft, auf Jpänbel unb 83acf), bie über bie weichen Süb* 
beutfehen SOtojart unb §at}bn etwas in SSergeffenheit gerathen waren, 
auf bie wahren ®lauben3helben unferer ßunft. Sluch JpiUer finb biefe 
SBorbilber wofjlbefannt, unb laßt fid) bieS nicht im ©injelnen nadj* 
weifen, fo boch an ber ganjen würbigen Haltung feines SBerfeS; 



* griebrief) 6cf>neiber. 



5. $ifler3 „3erftörung 3erujalem$". 



311 



fein Streben nad) fräftigftem 9tu«brucf, nad) Uebereinftimmung 
jtoifd)en SSort unb Xon, mit einem SBorte: nadE) 2Bat)rf)eit fetner 
äßufif fpricf)t bafür. — Qtye wir ju einer furjen Slnaltyfe be« mufifa* 
üfd)en Xf)eil« be« SBerfe« übergeben, fei nod) eeft mit einigen SBorten 
be« Xejrte« gebaut. 

©« ift befannt, bafc audj So eine ein Oratorium gleiten Flamen« 
componirte; erinnere id) micJ) aber redjt, fo Gilbert bie« bie fpätere 
ßerftörung Setufalem« burc^ bie SRömer. §iöer« ift bie attteftament* 
lidje burdj öabtjlon, ber Dieter fyat ben ©toff äufcerft einfadf) ange* 
legt unb gehalten, Sit« £auptperfon t>cbt fidf) Seremia«, ber *ßro* 
pfjet, ber&or, ber bem König öon 3uba, Qtidia, ben gatt feine« 
Seidje« ptoptjejeit. 3eremia« wirb be«l)alb in ba« ®efangni§ gebraut, 
3uba aber fpater erobert. 3eremia« fommt wieber jum SBorfdjein: 
„bodj un&erloren bleibt Sefjotoal)« SBofl"; ber ©d&lufcdjor ift eine Sin* 
rufung be« $errn aller SSöIlcr* Die« ift im Siurjen ber ®ang ber 
@efcf)idf)te. SetemiaS gegenüber, al« frtoote« Sßrinjip, ftet)t ßlja* 
mital, bie SKutter be« König«. Der König felbft ift eine fd&wadje 
ftigur, bie fief) furdjtfam jwifdfien ber ÜRutter unb bem Sßropljeten an* 
Hämmert SeremiaS jur Seite fielen noä) jwei jarte Nebenfiguren, 
Äc^icam unb Ipanna. Diefe fünf finb bie einjelnen Sßerfonen be« 
Oratorium«. 

Der £I)or jerfatlt in brei üerf c^iebene , in ben ber S^aeliten, 
ber Diener fttbttitö unb ber SBabtylonier. Der erfte repräfentirt ba« 
i«raetitifd)e 93olf im SlUgemeinen unb jeigt fid), burdj 3eremta« $*o* 
pf)ejeiung geangftigt, ebenfo fromm wie fd&wad) unb leibenb. Diefem 
gegenüber fte^t fingenb unb jubelnb ber ber Dienet ftzbztitö, bie trofc 
Seremia« in ifyrem Sßanbel beharren. Der britte enblicf) ift ber feinb» 
lid^e ber gröberer. 

Die« Sßenige genüge, wm ©anjen, feinen Steilen, feinen ®egeu* 
fäfcen fid) ein SBilb ju machen. Der iejt felbft ift meiften« nad| 
SBorten ber {(eiligen ©djrift jufammengefefct. 

folgen wir nun bem ßomponiften in fein SBerf. SBßir wiffen, er 
tjatte ein 3a^r üor SBoüenbung biefer Slrbeit eine Oper* auf ber 9Jlat* 
länber ©cala aufführen laffen. Der Sprung üom Xt)eater in ba« 
alte Xeftament fdf)ien gewagt genug. Sßie er it)m gegtücft, jeigt fidjer 
oon großer ®ewanbtf)eit unb ®eifte«frifcf)e. SKan würbe fid) Oer* 
geben« müfyen, im Oratorium etwa« ju finben, wa« nur entfernt wie 



* SRomilba. 



312 



5. §ifler$ „Serftörung gerufatemä". 



itaüenifd£)e SKufif ait^fä^c. ©S ift ein burd&auS beutfdjeS SBerl, toerrätl) 
überall bie guten SDlufter, bie bem ©omponiften geläufig, überall 83il* 
bung, gleiß unb ®ewiffent)aftigfeit. @ett>ät>rt fdfjon ber ©lamerauSjug 
großes Sutereffe, fo nod) met)r bie Partitur, in ber fiefj ber ©omponift 
auef) als gewanbter, geiftreidfjer 3nftrumentator gezeigt, ©o begrüßen 
wir iljn benn oorweg als einen feiner Aufgabe gewadjfenen, tüchtigen 
unb ad&tttngSwertt)en Sünftler. 

3n feinen einzelnen Steilen beftet)t baS Dratorium aus Spören, 
Duetten unb Strien, bie buref) bie tjerfömmlicfyen recitatimfdEfen ©äfce 
toerbunben finb: jufammen aus 47 SKummern. Der Choral, als 
eine 3bee beS ßl)riftentf)umS, ift mit 9lecf)t nid&t angewanbt. ©ine 
Dutjertüre feljtt, wogegen nichts einjuwenben; bie erfte Stummer be< 
ginnt gleidE) mit einem ©f)or; unter Biel fd)öner SKufif gelangen wir 
balb in bie ÜHitte ber ^Begebenheiten. SKadj Jeremias' erftem Auftreten 
feffelt uns furj barauf ber fd^önc ftagenbe Gf)or: „eine ©eele tief ge» 
beuget", bem mit lebhafter SBirfung gleich ber raufd&enbe ber Diener 
ßebefiaS folgt. Sttud) ber geftmarfcfi oerbtent wegen feines eigenen 
Kolorits f)ert)orgef)oben ju werben» ©er Äbnig erfcfjetnt, fdOwermutf)* 
Boll, bie nädftfte Sufunft fürd^tenb. Daju überaß treffenbe SKufif. 
SeremiaS' SBarnungen machen nur auf ben ©E)or SBirfung: „wir gittern 
ob beS ©efjerS Dräuen \" eine Slrie ber §anna fpridjt trbftenb ju. Der 
folgenbe ß^or „3Srael bleibt feinem ®otte angetraut" füfjrt biefe ©tim* 
mung in ber SDtufif weiter auS; fo fcpfcbar er als SäJiufifftücf, fo f)ätte 
er jur rafd&eren Äufeinanberfotge wirffamer wegfallen fönnen. 3e|t 
wirb ber geinb angefünbigt, 9lebufabnejar, ber immer nat)er lommt. 
$ier greift jum erftenmal ßtjamital ein, oom ©omponiften mit befon* 
berer Siebe gegeietynet, unb reijt jum SBiberftanb. ©in wilber ßt)or 
bringt auf 3eremiaS ein unb brof)t iljm mit bem Xobe. ©eine greunbe 
flogen in einem weisen Duett nad) bem S3i6eltejte : „D war mein 
$aupt eine Xtjränenquetle". ©ine Slnrufung beS $öd)ften in einem 
feierlichen ©f)° r befcfyließt ben erften Zfyit 

Die erfte Plummer beS jweiten XljeileS fd^ilbert bie 3Sraeliten 
furd^tfam genug oor bem 5lat)en beS geinbeS. ©fjamital läßt fiel} beS* 
halb nicht abgalten, bem SBaal bie üblichen Dpfer ju bringen; eS ift 
biefe Slrie (9lr. 20) mit bem fpater bajutretenben ©hör eine ber 
frifcheften SRummern, 3eremiaS, jefct im ©efängniß, flagt über fein 
unb feines ßanbeS ©chicffal, in etwas mobemer SBeife, bie im ©in* 
jelnen an ein befannteS SKotiö oon SRarfchner erinnert. Der folgenbe 
Gt)or (9lr. 35), mit fef)r glänjenber Drd^efterbegleitung, l)offt noch auf 



5. fciflerd „Berftörung gerafalemS". 



313 



SRettung. Bebefia will fid^ 3eremiaS in bie Slrmc werfen; bodf) ju 
fpät. „(SS gc^ct über £ion hin ber Sßflug", antwortet SeremiaS. „2Hit 
feinem Raupte büfce er feinen gBa$moife"* fprid^t ßhamital, worauf 
SeremiaS : „nun bin ich gar bahin". S3on ben legten äBorten erwartete 
ich mehr in ber 3Ruftf , tute benn überhaupt gegen baS ®nbe ber Arbeit 
hin eine gewiffe (Site ftch betnertbar macht, als fürchte ber Eomponift, 
ju lang ju werben. 9ludf} in ben fpäteren SRecitatfoen jetgt fid) bieS. 
©d>on ift ber ßf)or „o ©ott ber ßangtnuth", erinnert aber fc^r an einen 
im SßauluS (in Es dar). Die ©efatyr wirb immer brofjenber, bie 
SSrgeliten finb gefchlagen. SlUgemeine $tucf)t im witben ®f)or. Die 
Stobtytonier treten auf ; ber Eomponift h<*t fie jiemlich unltebenSwürbig 
gemalt; ber SRarfc^ erinnert etwas an ben wttften ber Satljolifen in 
ben Hugenotten". Sluch 3eremiaS' Älagelieb fagt mir. nicht ju unb 
erweeft wenig X^etlna^me. Slufregenb, frifch ift wieber ber (Sfjor ber 
SJabtjlonier „heh, wir höben fie öertilgt"; nur baS unangenehme Jf)eh" 
wünfd£)te id) in einen anberen ©pottlaut öerwanbelt. Sin auSgejeich* 
neteS SDiuftfftüd bringt uns bann tt>ieber ber Sfjor ber fortjieljenben 
SSraeliten. SS folgen bie vielleicht bebeutenbften SBorte beS ©anjen 
aus SetemiaS' SOtunbe: 

„8 ur Ic fc ten 8 c ü ©otteS $auS h ö h er ftet>en benn ade SBerge 

unb ergaben über alle $ügel!" — 
boch ^at fie ber ©omponift ju leidet behanbelt, bie er fid) gerabe für 
feine glüdlichfte, fraftigfte ©tunbe hätte aufbewahren müffen. Dagegen 
fd) liefet ein &)ox in würbigfter SBeife baS ©an je ab. 

3$iel, ja ftunbenlang lie&e fid) über ein fo umfangreiches, mufif* 
fdtjwereS 2Berf — fpredfjen. 28aS aber bem SKufifer am meiften ge» 
fällt, ihm auch am meiften nüfct, 33efprechung beS 9ieinmufüalifchen 
bi« ins Detail ber gormen, nimmt fich fo wenig gut auf bem Rapier 
aus unb intereffirt nur bie, bie baS SBerl fd&on genauer fennen. ©o 
mögen benn biefe $t\ltrt, bie nicht erfdjöpfen wollen, jum wenigften 
Slnbere jur Durchficht beS äBerfeS reijen, baS bis jefct bie größte 
Arbeit beS jungen Eomponiften, neben allen ähnlidhen in neuerer ßeit 
entftanbenen feinen felbftänbigen $lafc behauptet. 

22. 



314 



SB. ftÜngenberg, ©onate. 



Heue Sonaten für pianoforte. 

Unfere lefcte ©onatenfdEjau fdE)fofc im ©ecember 1839. 9lur 
weniges in biefe eb£c (Sattung (SinfdjtagenbeS ift feitbem erf<f)ienen, 
unb freiließ, fdjeint e§, t)at fie mit brei ftarfen geinben ju fampfen 
— bem publicum, ben Verlegern unb ben Somponiften felbft. $a* 
publicum fauft fdjwer, ber Verleger brudft fd^toer unb bic Soraponifien 
Ratten atterfjanb, üietteid)t aud) innere ©rürbe ab, bergleidf)en &lu 
mobifc^cö ju ^reiben. S)ie es trofcbem tfjuu, f ollen un3 boppelt 
wertf) fein. (Sä folgen tjier bic SWamen ber Somponiften, bie uns 
neuerbingä ©onaten gegeben: SB. Älingenberg, 3. 8t. Secerf, 
3- ©enifdjta, SB. Xaubert unb g. ®t)Opin; fie ftefjen nad) ber 
Steide be* Sutereffe, ba§ fie uns ju ^aben f<f)einen, 

2)ie erftgenannte üon Stingenberg [SBerf 14] tjeifct ^antafie^ 
fonate. SBäre ber SBitle bie Xt)at, man müfcte fie gut feigen; ein 
SRingen, ftdE) üom alten ©d^lenbrian loäjumadjen, ift barin untjerf cnnbar, 
überhaupt ein ©treben, ©elbftänbigeä ju leiften. Stber bie firäfte 
reiben ntdfjt au8; e$ fel)tt fogar an öoQer SBfoSbilbung ber unteren, 
xoofym nur j. 83, ©ajjreinljeit u. f. w. rennen» ©o ift bemt aus 
biefem 9)M^t>crt>äItni§ ber ftraft jum ©treben ein fonberbareS, Oer* 
fd£)robene3, gefcfjmacflofeä ©tili geworben, ba3 fogar Ijier unb ba 
jierlid) unb galant fein möd)te. Unb baS ift baä Unglttcf, wenn muft* 
falifcf)e Äleinftabtbewofjner fid} auf einmal mobifdf) Sßariferifdj bewegen 
wollen, ein Ungtücf, ba8 leiber bei uns in 2)eutfd)laub met|r als 
irgenbwo ju £aufe ift. ©peciett ju belegen, wa3 wir f)ier angeführt, 
würbe SBogen füllen fömten. ©in Outmufifatifd^er muß nadf) ben erften 
©eiten fdjon über bie ßompofition im Älaren fein, öielleicf)t ber Com* 
ponift je|t felbft, angenommen, bafc er jefct fein SBerf um einige Safpe 
überwarfen. SBer iljn übrigens jum 3faru§ffag herleitet, fdjeint flar; 
e§ ift SSeetfjoüen mit feiner Sonata quasi fantasia. SBer liebte benn 
biefe nicf)t? Slber freiließ auef) ba§ Sopiren »erlangt Uebung unb 
gertigfeit. SBielteidfjt giebt un8 ber ßomponift balb eine neue ^ßrobe 
feiner ßunft, bie nidfjt ju fdf)Wad) gegen baä Original abftidfjt. 

®ä giebt eine (Haffe üon ©onaten, über bie fiel) am fdf)wierigfien 
reben täfct; e3 finb jene ridEjtiggefefcten, e^rlic^en, wohlgemeinten, wie 
fie bie äRojart*$at)bnjdje ©djute ju t)unberten $ert>orrief, üon benen 
nod^ jefct f)ier unb ba gjremplare jum SSorfcfjein lommen. Säbelte 



fiecerf, ©entfdjta unb Xaubert, (Sonaten. 



315 



man fie, man müßte ben gefunben SKenfchenoerftanb tabeln, bcr fie 
gemalt; fic Mafien natürlichen 3uf ammenhang , wohlanftänbige §al* 
tung. StOc biefe Xugenben jeichnen auch bic Sonate be3 jweitgenannten 
SScrf affer« [2Berf 21] aus. Slber freilich, heutigen XageS auf juf aßen, 
ja nur ju gefallen, baju gehört mehr als bloß ehrlich fein. Unb 
fiattc benn SBeethooen fo umfonft gelebt? SGBer lefen fann, ber t>ält 
ftch nicht mehr bei bem Sudjftabiren auf; wer ©Ijafefpeare t>cr* 
fteht, ifi über ben Stobinfon hinüber; furj, ber Sonatenftil oon 
1790 ift nidjt ber oon 1840: bie «nfprüdje an gorm unb 3nf)alt 
finb überaß geftiegen. Dag Sob be§ gleißeS, beS ©trebenS 
nac^ ®utem bleibt aber bem ©omponiften auch Mcfer ©onate trofc* 
bem unoerfümmert, unb fo erfüße fie it>rc SBeftimmung, im großen 
ßeitenftrome eine SWinute lang aufgetaucht ju fein unb auch lieber 
ju oerfchwinben. 

Such bie folgenbe Sonate öon ©enifdfjta [SBerf 9] erinnert im 
2Bef entlichen an eine vergangene Sßeriobe, boch tritt uns in ihr eine 
eigentümliche $ßerfönlicf)teit entgegen. SBir berichteten mit SBergnugen 
fdjon oor einigen 3^hren oon einer ©onate für Slatner unb SBiolon* 
ceßo beffetben (Somponiften. Die SSorjüge, bie wir bort auszeichneten, 
tedjnifche ftertigfeit, Älarheit, Stnfprucfjlofigfeit beS £f)arafterS, finben 
wir auch : Me8 namentlich in ben fet>r gut gerunbeten beiben erften 
©äfcen. ^öljer aber fteht noch & cr ^ e fe tc ' & er me !) r 93eetf)ot)enfcher 
SCrt nähert, obgleich burch bie äußere Aufregung überaß ein freunblich 
ruhiges ©efidjt burchblicft. ©anj auf Härt eS ftd) ooßenbs im 2Rit* 
telfaj} im Dur mit feinem eigentümlichen Drgelpunft im ©opran ; eS 
ift bieg bie §auptfteße ber ganjen ©onate unb feierlich überfehen. 
Der Schluß bringt nichts ?lußerorbentlicheS-; aber toir fdfeiben befrie* 
bigt, erheitert, mit aßer Sichtung, bie toir einem gebilbeten SJünftler 
fdjulbig. Der ßomponift foß ein $ole fein. 

9Son ber ©onate öon SB. Xaubert [SBerf 35], feiner fünften, 
ben ßefem einen S3egriff ju geben, möchte fd)toer fein; fie ift abfon* 
berticher 8lrt, man muß fie fiefj felbft anfehen unb jtoar öfter. 3ch 
möchte fie hWochonbrifdj) nennen; ber Somponift hängt fich eigenfinnig 
an ein paar ©ebanfen, bie er gergliebert, toieber jufammenfefct, toieber 
wegwirft, bis er fich bann burch eine SBolfSmetobie aus ber toenig er* 
quicflidjen Stimmung h^uSreißen möchte, unb julefct, ba ihm bieS 
nicht glüeft, fich gar auf baS ©ebiet ber guge flüchtet, too er erft recht 
orbentlidf) ju grübeln anfängt. Sich ein publicum ju gewinnen, 
barauf geht fie gewiß nicht auS; eS ift eine ©onate, oom Somponiften 



316 8r. (S^opm, ©onate in Bmoll. 

gleicJjfam nur für fid) getrieben, t>ietleid)t in befonberen SebenSöer* 
Ijältniffen entftanben. 2Rit letzter 9Rüt|e l)ätte er auef) ein Quartett 
barauS machen fBnnen, aber nein — ber ßomponift toollte eben nur 
feine tner Sßänbe ju 3itl)örern; eS fteeft etroaS oon 9Kenftf|em ja mel= 
leidet oon ÜJiufifüberbrujs in biefer SMufif. @o toirfte bie ©onate baS 
erftemat, als id) fie fpielte, auf mid), fo fpäter, als id> fie toieberljolt 
las. ©. 2R. üon SBeber l)at eine audE) in ber Xonart (Emoll) ätjn* 
lidje, fe^r eigentümliche gefcf)rieben, an bie idE) burd( bie Don Xaubert 
toieber erinnert nmrbe, nur bafc, tüte gefagt, bie SKelancfyolie ber 
erfteren in ber anberen in §t)pod£|onbrie üertöltct erfd&eint. 2)ennocf} 
übt bie SJiufif audj ^ier iljre eigene oerfd&önenbe ©ctoalt aus, unb fo 
feffelt uns in ber Shtnft, wie fo oft, was uns im Seben abftöfet. 
2)odf) genug ber grübetnben Sßorte, bie fetbft nur ein SßiberfjaQ jener 
■ättuftf ju fein fdjeinen ; möchten fie SDtandfje jur SDurd^fid^t reiben, benn 
als ÜRufifer jeigt ftdf) ber Somponift tool)l immer als ein adjtungStoertljer. 

S)ie erften Xacte ber julefct genannten ©onate fid) anfeilen unb 
nod) jtoeifeln ju fönnen, üon toem fie fei, wäre eirteS guten Senner* 
augeS toenig toürbig. ©o fängt nur Efjopin an unb fo fctyliefjt nur 
er: mit ©iffonanjen burd) S)iffonanjen in ©iffonanjen* Unb bod), 
tüte Diel ©d)öneS birgt aud) biefeS ©tüdl* 2)af$ er eS „©onate" nannte, 
möchte man et)er eine Kaprice fyeifjen, toenn nidf)t einen Uebermutf), 
bafc er gerabe t)ier feiner toüften Äinber jufammenltoppelte, fie unter 
biefem SRamen tneHeid&t an Drte eingufc^toärjen, tool)in fie fonft nic^t 
gebrungen toären. SDlan neunte j. SB. an, irgenb ein Kantor Dorn 
Sanbe fommt in eine SÄufifftabt, ba Äunfteinfäufe ju machen — man 
legt if)m ÜKeufteS &or — oon nidjtS toitt er nriffen — enblidE) fy&lt 
iljm ein ©erlauf opf eine „Sonate* entgegen — ja, fprid)t er entjücft, baS 
ift für mid) unb nod| ein ©tücf aus ber guten alten Seit — unb lauft 
unb l)at fie. $u £ au fc angelommen, fällt er t)er über baS ©tücf — 
aber feljr irren müfcf id& mid), toenn er nid)t, nod) et)e er bie erfte 
©ette mül)jam abgehaspelt, bei allen ^eiligen SKufifgeiftern barauf 
fdjtoöre, ob baS orbentlidjer ©onatenftil unb nid£)t üielmetjr toaljrljaft 
gottloser. Slber Chopin £)at bodfj erreicht, toaS er toollte: er befinbet 
fidfj im Santorat, unb toer fann benn nriffen, ob nidjt in berfelben 
83el)aufung, melleidjt nadfj %äf)im erft, einmal ein romantif euerer @nfel 
geboren totrb unb aufn>äd)ft, bie ©onate abftäubt unb fpielt unb für 
fiel) beult: „ber SKann hatte bod) fo Unredjt nid£)t\ 



* SBerf 35, Bmoll. 



fr $$opin r ©onate in Bmoll. 



317 



SJtit allen biefem ift fdfjou oorweg ein §alb& Urteil abgegeben* 
Qfyop'm treibt fd>on gar nicht« mehr, wa8 man bei Anbeten ebenfo 
gut haben lönnte; er bleibt fidE) treu unb fyat ©runb baju. 

®S tft ju bebauern, bafc bie meiften ©lamerfpielenben, felbft ©ebil* 
bete barunter, nicht über ba3 ^inau^fe^en unb urteilen fönnen, was 
fie nicht mit ihren eigenen gingem bewältigen fönnen. Slnftatt fo 
fchwierige ©tücfe erft ju überblicfen, frümmen unb bohren fie fich tact* 
»cije fort; unb finb fie bann faum über bie gröbften förmlichen 33er* 
hältniffe im Slaren, legen fie' 3 weg unb bann Reifet e3 „bijarr, Oer* 
worren" k. ©erabe Ehoptn fyai (wie etwa Sean Sßaul) feine £äfel* 
perioben unb Sßarenthefen, bei benen man ftdf) beim erften Durd^lefen 
eben nicht lange aufhalten barf, um nicht bie ©pur ju verlieren. 
$luf foldje ©teilen ftöfjt man benn auch in ber ©onate faft auf jeber 
©eite, unb ©fjoptnö oft wiUfürliche unb wilbe Stccorbfdjreibung macht 
ba8 £erau3finben noch fdjwieriger. 6r liebt nämlich nicht ju enf)ar* 
monifiren, wenn ich mich fo auäbrüden barf, unb fo erhält man oft 
jehn* unb mehrfach beheujte Xacte unb Xonarten, bie wir alle nur 
in wid)tigften gäHen lieben. Dft tyat er barin Siecht, oft aber oer* 
wirrt er auch ohne ©runb unb, wie gejagt, entfernt fich baburdf) einen 
guten Xljeil be3 Sßub ItcumS, ba3 (meint e8) nid)t unaufhörlich ge* 
foppt unb in bie (Snge getrieben fein will, ©o l)at benn auch bie 
©onate fünf Bee ober Bmoll jur SSorjeid^nung, eine Xonart, bie fid) 
gewtfc leiner befonberen Popularität rühmen lann. 5E)er Anfang heifft 
nämlich : 

Grave. 









- — Pf 


r i \)r* rrp;-^— r 






_Jr&> 





SRach biefem hinlänglich ©^opinfd^en Anfange folgt einer jener 
ftürmifchen leibenf^oftli^en ©äfce, wie wir bereu Don S^opin f<f)on 
mehrere lernten. SJian mufc bieg öfter, unb gut gefpielt hören. Slber 
auch frönen ©efang bringt biefer erfte Xfjeil be8 SßerfeS; ja e8 fd^eint, 
als t>erfd)Wänbe ber nationelle polnifche 5Beigefd)mad, ber ben meiften 
ber früheren ©hopinf^en ÜRelobieen anhing, mit ber ßeit immer mehr, 
al$ neige er fid) (über 2)eutfchlanb h^öber) gar man<hmal gtalien &u. 



318 @. Dolberg. 

SRati tocife, bafc S5cHtni unb Chopin befreunbet waren, bafc fie, bie fic§ 
oft ifjre Sompofitiouen mitteilten, wofjt aud) nidf)t of)ne fünftlerifcfyeu 
Sinftufc auf einanber geblieben. Slber, wie gefagt, nur ein leifeö <pin* 
neigen nadj f üblicher SBeife ift e§; fobalb ber ©efang geenbet, blifct 
wieber ber ganje ©armate in feiner trofcigen Originalität au§ ben 
Slängen heraus, ©ine Slccorbentoetfledjtung wenigftenä, tote totr fie nac§ 
Stbfcfjlufc beS erften ©afceS t>om jweiten Xtyeil antreffen, f)at SSeQini 
nie gewagt unb fonnte fie nie wagen, ©o enbigt aud) ber ganje ©a| 
wenig italienifdf), — wobei mir Sifjtä treffenbeS 2Bort einfaßt, ber ein* 
mal fagte, 9toffini unb ©onf orten fdpffen immer mit einem »votre 
tr£s humble serviteura; — auberS aber Chopin, beffen ©d£)lüffe etjer 
ba§ ©egentljeil auSbrüden. — ®er jweite ©afc ift nur bie gortfefcung 
biefer Stimmung, füt)n, geiftreidf), pf)antaftifd(, ba8 Xxio jart, träume* 
rifdf), ganj in Chopins SBeife: ©djerjo nur bem SRamen nadf), wie 
toielc 83eetfjoöen8. @3 folgt, nod) büfterer, ein Xrauermarfd), ber fo* 
gar manches Sttbftoftenbe t)at ; an feiner ©teile ein Slbagio, etwa in 
Des, würbe ungleich ferner gewirft fjaben. S)enn wa§ wir im ©cfylufc 
fafce unter ber 21uffdf}rift „güiate" erhalten, gleidfjt etjer einem ©pott 
al$ irgenb SRufif. Unb bodj geftefie man e3 ftd), audlj aus biefem 
melobie* unb freubelofen ©afcc wel)t un§ ein eigener graufiger (Seift 
an, ber, wag fid) gegen tfm auflehnen möchte, mit überlegener %a\x\t 
nieber^ält, bafc wir wie gebannt unb o^ne ju murren big jum ©df)luffe 
jul)orcf|en — aber audf) ofyne ju loben: benn SDtufif ift ba§ nidjt. ©o 
fcfytiefjt bie ©onate, wie fie angefangen, rätljfelljaft, einer ©p^inj gleich 
mit fpöttifdjem Säbeln. 12. 



«S. Balberg. 

(ßoncert für ben *ßenfion3fonb§ ber SJhiftfer am 8. gebruar.) 

Sluf feinem Durd^ftuge \)at ber ÜUeifter audfj ^icr feine ©Owingen 
gerührt, unb e3 finb, wie Don ben klügeln jenes SngelS in einem 
SRüdertfdjen ©ebidjte, SRubine unb anbere§ (Sbelgeftein herabgefallen — 
unb baju nodj in bebürftige Jpänbe, wie es ber SÖleifter beftimmt tfatte. 
(Sinem wie il)m, ber fdf)on fo mit ßob überfdjüttet worben, SKeueS fagen 
ju wollen, ift fd&wer. SineS f)5rt aber jeher ftrebenbe SBirtuoS nodj 
immer gern: bag nämlic^, bafc er fortgefd^ritten ift, feitbem er un8 jum 



ßiiHaf, 3»et (Soncerietüben. 



319 



lefctenmal mit feiner fiunft erfreut, unb biefeS ©d£)önfte bürfen wir 
aud) Xljalberg fpenben, ber feit ben legten jwei Sauren, ba wir ifyn 
nidjt gehört, nodj Srftaunlid&eS jugelernt, fid) womöglich nod) freier, 
anmutiger, füt)ner bewegt, ©o fdE)ien fein ©piel aud) auf Sitte in 
gleichem 9Raße ju wirfen, ba§ glüdElid)e 93et)agen, ba3 er vielleicht 
felbft babei empfinben mag, ficf> Sitten tnitjutf>eilen. (Semiß, wahre 
Sirtuofität giebt mehr al£ bloße gertigfeit unb fünfte; auch fie ver* 
mag e$, ben SDlenfdjen abjufpiegeln, fo baß e3 uns bei XtyatbergS 
Spiel recht flar wirb, er gehört ju ben Vom ©d&icffal SSorgejogenen, 
SBegünftigten : er ftef)t in SReichthum unb ©lanj. ©o begann er feine 
23at)it, fo hat er fie bis jefct jurüdf gelegt, fo wirb er fie befdjließen, 
überall vom ©lüdf begleitet unb Olücf verbreitenb. SDer ganje geftrige 
Stbenb, jebc Plummer, bie er fpielte, gab ben 33ewei8 baju. 2)a$ 
publicum fd&ien gar nid)t ba ju fein, um ju urteilen, nur um ju 
genießen; man war feiner ©adfje fo fidler, wie ber SÄeifter feiner Sunft. 
Sie Sompofitioneu waren färnrntltd) neue, eine ©erenabe unb SKenuet 
auä S)on 3uan, eine ^J^antafie über italienifc^e XtjemaS, eine große 
Stübe unb ein Sapriccio über StiemaS au§ ber ©omnambula: fämmt* 
ltdj l)öd)ft wirfungävoüe Umfchreibungen ber ßriginalmelobieen, bie, 
wie fie auch von Xonleitern unb Strpeggien umfponnen waren, überall 
freunblidtj hetvorfaf)en. §bchft fünftlidj war namentlich bie Bearbeitung 
ber 55on 3uan*Xl)emen unb it>r Sßortrag überrafd&enb fd^ön. SK13 
Sompofition bie werttjvollfte fdfjien uns bieGtübe,* ber ein reijenbeS, 
wie im ttalienifcJ>ett SSolf§ton gehaltenes I^ema jum ®runbe lag; bie 
lefcte Variation mit ben bebenben Xriolen wirb wohl Sitten unvergeßlich 
fein, ihm von SRiemanb in folcher jauberifdEjen SSoüenbung nadfjgefpielt 
werben. @hre ihm benn nochmals für ben Slbenb, an bem er ftch 
als 9Kenfd& wie als ßünftler ein inniges Slnbenlcn gefiebert, unb fe^rc 
er feinen SSereljrern balb wieber einmal jurücf! 13. 



(Etöben für JJianoforte. 

Sljcobor SiiHaf, 3wct ßoucertetüben. SBerl 2, 

SDer ßomponift, ein junger jebenfallS, fünbigt fid& mit ben erften 
Xacten als ein mit bem neuften ©lavierfpiet vertrauter an. Die ©tüben 



* Amoil, SBcrf 45. 



320 



föofenijam imb <g. SBolff, Stuben. 



finb fdjwer unb toerratljen überaß namentlich 33efanntfchaft mit lpenfelt§ 
nnb Xf)aI6erg3 SIrbeiten. S)em SBirtuofen gegenüber Ijaben wir nichts 
gegen biefe 9ücf)tung nnb SSortiebe. Dem ©omponiften aber, wenn er 
ein tüdjtiger werben wiß, motten wir baöon abraten. 3m ©ebiete 
ber me<$anifcf)en (Kombinationen ift jejjt faum mehr ju erretten, alä 
bie SBirtuofen ber nenften tyit wirflich erreicht f^ben. Stuf ba3 SSer« 
fchränfen ber $änbe, ob e3 f° ober fo, anf bie Slccorbenmaffe, ob fic 
etwa$ mehr ober weniger Doli, barauf fommt jefct nichts mehr an; ttrir 
ijaben barin in §enfelt3, ßifjtS, Xt)alberg§ Arbeiten tooöauf genug. 
S)ie 9iachfotgenben müffen, wenn fie 33ebeutung gewinnen wollen, ben 
nmgef ehrten SBeg einklagen, ben jur ©infad^Jjett, jnr frönen, orb* 
nungööolten gorm, unb barauf entwidfele ftdj bann auch ba§ Gom* 
plicirtere. S)er SBeg liegt flar toorgejeichnet. SBer ihn nicht ftef)t, wirb 
umfonft arbeiten. 

3, SRofcnljaitt, 24 melobtfdjc dtäbeti. 2Berf 20. 

»Invita Minerva« l;ätte ber Eomponift barauf Schreiben f ollen. 
S)ie ©tüben feinen mit großer Unluft getrieben ju fein, &ielleid)t 
auf Änrathen beä — urfprünglidj fraftjöftfdjen — Verlegers. 2>afj 
für fd^ wachere, Heinere ©pieler burch ©tüben geforgt wirb, ift getuifc 
gut. 2>och trägt, als ßomponift wenigftenä, §r. SRofenhain, tme im* 
fcheint, nur wenig S3eruf baju in fidE). 3cf) wüfcte feit lange fein SBerf, 
ba3 mir in jebem 93ejug fo entfchieben mißfallen hätte. 9itdf)t3 wirflitff 
ätomuthigeS im ganjen Sßerfe, Don SMobie faum eine ©pur; cinjclne 
Stüben gänjlidj mifjratheu in ber Sonn, trieleS uncorrect unb unge* 
fällig in ber Harmonie. Unb baju nun noch bie SBemerfungen über 
jeber einjelnen Stummer, wie biefe werthlofen ©tücfe am beften üop 
jutragen feien. SBahrljaftig, ba fcfjreibt Sertini wie ein Sngel bagegen. 
Sleibe man alfo, bis nicht etwas 93effere3 fommt, jungen Oemüthem 
burch Uebungen £uft gur SKufif ju machen, bei Sertini. $r. SRojeii* 
hain ift bieämal ba§ SBiberfpiel feinet SftamenS unb bie jarten ginger 
würben fich wunb greifen an feinen ©tüben. 

(Sbuarb SSolff, 24 Stuben, SBerl 20. 

Der Somponift ift ein junger, jefct in SßariS lebenber Sßole, unb 
feine Slnhänglid^feit an Shopin um fo leichter ju erflären. S8or 50 
3af)ren würbe man (Stüben wie bie SBolfffchen gerabeju für öerrücft 



(L Solcher, @e<$3 Stuben. 



321 



erflärt l)aben, tjeutc gelten fie nur nodf) als „fätotT". Seiber aber ift 
©cf|ttrierigfeit iljr eigentl)ümlidjfteS SKerfmat, unb eS ftccft in mandjer 
El)opinfdE)en SKajurfa mel)r SBlufif als in aßen biefen 24 ffitüben. 
Segriffen eS bodE) bie jungen ßomponiften immer jeitig genug, bafc bie 
SRufit nidf)t ber Ringer megen ba ift, fonbern umgelegt, unb bafc man, 
um ein guter SBirtuoS ju Werben, nie ein fdjled)ter SJlufiter fein bürfe. 
$rn. Sßolff gerabeju ju ben leiteten ju jaulen, märe inbeft ungerecht. 
SS feljlt i^m nidjt an ^antafie, unb er meifc eine Stimmung and) 
gnberS als burdj) blofce ^ingereffecte Ijertoorjurufen unb fefijuljalten; 
baju übt jeber melanc^olifdfie ©jarafter, mie aud) ber feinige ift, 3n» 
tereffe auf uns, namentlich auf Süngere. Seiber aber treffen mir in 
biefer ©iübenfammlung audf) auf gar ju XrurialeS, gerabeju SSer* 
merflidfjeS, mie eS in 2)eutfd)lanb lein Sefyrer feinen ©dritter auffdjreiben, 
gefämeige bruefen tiefte, unb, bem ©omponiften jura Doppelf droben, 
gerabe auf ben erften Seiten feines SßerfeS; benn 9ftandf>er mirb fidf> 
baburdj abgalten laffen, im 3)idftd)t meiter öorjubringen. Srft auf ber 
14ten Seite, ber f elften Stübe in Hmoll, ftofcen mir auf eine an» 
* jieljenbere; I)ier erreicht ber Somponift mit menigen SKittetn metyr als 
twrljer mit fo fielen, unb man fieljt, er tann mof)I aud& einfacher fein, 
menn er miß. Äudf) bie jmei barauf folgenben Sümmern gehören ju 
ben gelungeneren, unb nadE) biefen bie jefjnte (Cismoll), bie ad^tje^nte 
(Gmoll) unb bie jmeiunbjmanjigfte (Fmoll). Sie fibrigbleibenben 
^aben meift nur als mec^anifdje ©ombinationen für ttebenbe Sntereffe; 
manche ber ßufammenfteQungen finb barin neu — f djön feiten. 2)aS 
djromatifd&e Stuf* unb SKieberjiel)en burd| fcerminberte ©eptimenaecorbe 
in ben tterjmitfteften Sagen unb Doppelgriffen gehört mie ju ben Sieb* 
lingSjügen aller jüngeren SBirtuofen, fo audj ju ben feinigen. SRan 
finbet einen folgen ©ang faft in jeber ber ©tüben. Db baS SBerf 
bereits in 35eutfd£)Ianb gebrudEt, miffen mir nid&t;* mir mürben bann 
für eine ÄuStoaljl ftimmen, bie bem Gomponiften met)r jur @f(re ge* 
teidjen mürbe als tooßftänbiger Äbbrucf. 

Sari SRa*>er, <Sed>$ (Stuben. 3öcrf 55. 

©pielt man biefe Stäben nadj ben vorigen, fo glaubt man fid) 
ttie auS finfterem, ftmppidjtem 2BalbeSbicfid)t auf eine grüne glatte 
9tafenfIädE)e öerfejjt greunblidi finb biefe ©tüben genug, mie faft alle 
©ompofitionen biefeS Somponiften ; aber man Ijatte nad) mannen feiner 



* (£3 lag in ber franjöfi^en Ausgabe box. 
©cfjumann, @ef. ©Stiften. II. 



21 



322 



6t £efler, (Stuben. 



früheren erwartet, er würbe fid) ju einer eigentümlichen Stutorit&t 
heraufbilben ; eine Srwartung, in ber wir getaufdjt finb. ©eine Sßht}' 
fiognomie hat an Schärfe unb Slu8brucf triet verloren ; man möchte if)n 
jefet oft für einen jungen Salonfpieler galten, ber mit Xtyafberg unb 
§enfelt rtoalifiren wollte, unb bieS an einem älteren SJünftler ju be* 
merten, fönnte beinahe traurig ftimmen, wenn anbererfeit* ba8 Dor* 
liegenbe SBerf nicht fo manche» ©innehmenbe an fid£j l)ätte, fo baß man 
barfiber toergißt, was ber ßomponift unter anberen SBerhältniffen ^atte 
leiften müffen. Die ^Befürchtung aber, baß er ftd) im Oanjen verflacht, 
ftüfct fich junächft auf obige (Stäben; wer aber weiß, wa» er vielleicht 
nodE) im SSorratf) f>at? Unb gehen große Oenien woljl einmal einige 
SDtinuten rüdwärtö, um wie viel eher fann e8 Sfoberen gef drehen. Die 
(Stüben werben, wie gefagt, gern gefpielt unb gehört werben; ba3 erfterc 
namentlich, weil fie fo fehr leidet in bie Ringer fallen, baß mittlere 
©vieler faft nirgenbs fehlzugreifen ju fürchten brausen, bis in ber 
legten, einer Etübe in Sprüngen, „Souvenir k Thalberg" genannt, 
bie wir ihm gern erlaffen hätten: benn e§ ift nichts leidster, als ber* 
gleiten ju Dufeenben ju fd^reiben. 33efonberS anmutig ift fobann 
bie jweite in Asdur. Die britte in Fismoll wünf<f)ten wir bagegen 
gänjlich ungebrudt, ba fie fich gegen IpenfeltS „Po&ne d'amour" wie 
ein fchwadfjer Schattenriß augnimmt, ßomponiften fefcen folgen Cor« 
würfen oft ben ©inwanb entgegen, „fte hätten ben fogenannten Schattenriß 
eher componirt als baS vermeintliche Original fein Stttcf* je. ; aber 
auch & aTtn bürfen fie'S nid)t bruden laffen; bie @tübe ift an fidj ju 
wenig bebeutenb. Die anbem mögen fich Äße, bie ben ©omponiften 
toon früherer liebgewonnen, felbft anfehen unb felbft urteilen, wo 
er fich treu geblieben, wo nicht. 

(Stephen fetter, 24 Stäben. 2Ber! 16. 

Die ßeitfchrtft E|at fdljon öfter auf tiefen jungen geift* unb phan» 
tafieüoöen Jfünftler aufmerffam gemacht. 6r lebt feit etwa jwei 3ahrett 
in SßariS, wo fein Xalent als ßomponift unb S3irtuo3 gleichfalls fd)on 
rühmliche Änerlennung gefunben. Die (Stttben finb fein größte« big 
jefct erfchieneneS SBerf. Drbentlid^e (Stübenfpieler irren aber, wenn fie 
barin auf redete fjingerarbeit ju treffen troffen; fie finben mehr, ©ha* 
rafterftüdfe nämlich in bunter Steihe, barunter einige öon auSgejeicf}» 
netem Sßerthe, fammtlich aber einen mufifalifch*regen ©eift toerrathenb, 
an bern nur ju bebauern, baß er feinen Steichtljum in fo Meinen formen 
jerfpliitert. Stnbere t>au^E>äIterif(^ere ©omponiften würben aus manchen 



©obolewsfi, „$er (grlöfer'% Oratorium. 



323 



(Srunbgebanfen ber Stüben gange ßoncerte unb ©onaten aufgebaut 
haben; unfer ßompontft gieht e3 öor, nur anjubeuten unb flüchtig 
anzuregen; fein überwiegenber Jpumor will e3 fo, unb auch ber 
©djattenrifj ift witlfommen. 88 lieft fich bie ©tübenfammlung etwa 
wie ein Xagebudjj. SKannigfaltige SKeinungen finb hier neben ein* 
anber ausgebrochen, bittere 33emerfungen fehlen nid&t, auch nicht liebe 
©rinnerungen. 2)er Äünftler, ber ^ilofop^, ber greunb läftt fi<h 
barin gehen, als fa^e i^m fein SRenfdjenauge gu, als gäbe eS feine 
9üecenfenten. SSielen wirb bieS offne ^ingebenbe SEBcfen gefallen, 
Sfobem (Stoff jur ^Befürchtung geben, ob biefe heitere greigebigfeit fich 
nicht ettoa in ber ßufunft räche, im Sllter, wo man oft mit Sßenigem 
auSfommen mu& unb oft gegen feinen 2BiQen. SBie ber ©omponift 
nur anbeutete, fo beutet auch, ber barüber fd&reibt, nur an unb meint 
ber junge Äünftler oerfdfjwenbe nicht gu triel im kleinen. 33iele, bie 
flerabe baoon nüjjen, werben if>m banfbar fein. 3m Stngefidfjte ber 
Shinft aber gilt eS ©onfequenj, (Snergie, ÄraftauSfpruch burch grofee 
Arbeiten, unauSgefefcteS Streben nach SSerebetung. 3Röge bie Seit 
nicht fommen, too ber, ber biefe Seilen hervorgerufen, fie nur ungern 
wieber in bie §anb nähme! S)ie frönen Seime, bie audjj biefeS fein 
lefcteS SBerf in großer Qcfyl enthält, geben inbefe auf fernere ©off* 
nungen Änfpruch, unb bieg ift fd^on einer fdfjärferen SluSgeichnung 
toertf), bereu er benn auch im h&h en ®rabe würbig. Dies wirb hin* 
reiben, auf bie ©tüben als auf etwa« nicht (Gewöhnliches aufmerffam 
ju machen unb baS Änbenfen an ben ©omponiften bei feinen fianbs* 
leuten wieber aufjufrifdjen. ©ein intereffantefteS unb liebenSWürbigfteS 
(Stübenftücf* ftet)t übrigens in biefer Sammlung nicht, fonbem in 
ber SKofcheleS'gftiS'fchen ©chute, auf bie wir balb gu fpred^en fommen 
werben, i o 



(Elmart ^obolewski: 

©er ©rlöfer, 

Oratorium nad) SBortcn ber ^eiligen <sd>rift. ©laöierauSjug. 

23er bie grofce ?lngat)I getftlicher Eompofitionen, bie oor uns 
liegt, anfäfje unb nocf> gweifeln wollte, ob fich nicf>t auch auf bem 

* „La chasse", SBerf 29, 

21* 



324 ©oboletoSfi, „®er ©döier", Oratorium. 

©ebiete ber Äird&enmufif ein erfreuIid^eS Streben ber ©egenwart jeigte, 
müfcte blinb ober ungerecht genannt »erben. äJian möchte etjer fra* 
gen, wo bieg alles im Meinen beutfdjen SBaterlanb Ijin foH, unb wie 
eS »erarbeitet werben fann. ©rfreulidj nnb bebeutfam bleibt aber bie je 
wieber erwad&enbe SBorliebe für bie Sftrcijenmufif immer. SBir fpracf|en 
unfere ©ebanfen barüber fcf|on bei SSfajeige beS §iHerfdf)en DratoriumS 
„bie ßttftöning 3erufalemS" aus.* ©ine würbige Stiftung jeigt fidj 
aucf) in obengenanntem, baS ben tarnen eines bisfjer mel)r als mufi* 
falif djer ©cf|riftfteller benn als ßomponift befannten SRanneS anf bem 
Xitel nennt, ©S fommt aus Königsberg, einer in religiöfer 33ejiet)ung 
neuerbingS oft genannten ©tabt. 2)er Umftanb fdjeint nidjt ganj ju 
überfein jn fein. 3)ie 2uft, in ber mir atfjmen, burd&bringt nnn 
einmal audj ben ganjen innern Sftenfdfjen, nnb wollen wir bem £)ra* 
torinm audfj nicf|t einen burd^auS mtjftifdfjen ©tjarafter beilegen, fo 
neigt eS bodt) anffallenb ins ®rübferifcf|e nnb Sanftere. 93ietteid(}t, 
bafe mandfjeS burdj ben SReij einer frönen 3ttftrumentation, bie ju 
beurteilen uns tjerfagt ift, gemilbert erfd^eint, aber ber ©latrierauS* 
jug giebt junädfjft jenen ©inbrucf, woju meHeid£)t audj baS ginftere 
ber SluSftattung etwas beitragen mag. 

S)er Xejt jum Oratorium ift jiemlid^ lofe aneinanber gereift unb 
fd^eint ftüdEroeife in toerfdfjiebenen ßeiten entftanben. SSier Slbttieilun* 
gen: bie Sßerlünbigung, bie ^eilige 9lad£)t, 3ot)anneS ber Xäufer unb 
3ot)anniS ©ntljauptung bilben baS ©anje. ©S fe^lt iljm jebocf) ein 
SRittelpunft, eine Hauptfigur, bie Sntereffe erwedtte, um bie ficf) bie 
$anbtung bewegte. Äurj, baS 33udE| leibet an Sonfufion. 2)ieS 
tonnte bem ©omponiften freiließ nur fdjjäblidE) werben; ba bie $anb* 
lung nid)t fortreißt, üermodjte ber ©omponift ftd) aud£) nicfjt ju ftei» 
gern, unb biefer SUlangel ber Steigerung, innerer wie äußerer, wirb 
bem ©efallen unb ber SBirfung beS SßerfeS am meiften ©intrag ttiun. 
Sollten wir überhaupt irren, wenn wir bie beiben erften Slbttjeilwtgen 
beS Oratoriums für fpäter gefdjjrieben glauben als bie jwei legten? 
$tudt) bie Debication bringt auf biefen ©ebanfen; bie beiben erften 
Xtieile finb nämlidt) bem jefet regierenben König Don Sßreuften, bie 
fpäteren ebenbemfelben, aber als Kronprinz jugeetgnet, was benn leidet 
unfere 9tadE|fommcn irre machen fönnte. 2Bie bem fein mag, ber erfte 
Xl)eil beS SBerfeS, wie es uns jefct vorliegt, fd^eint ben anbern an 
©eljatt unb Sunftwertt) ju übertreffen unb t)or Willem an flarer 



* Seite 309. 



(Sobolewsfi, „3>er ©rlöjer", Oratorium. 



325 



9tunbung unb ®int)cit ber einjelnen äJiuftfftüdte. SBermag nun baS ©anje 
nicht unfer 3ntcrcffc bis jutn ©chluffe feftjuhatten imb ju erhöhen, 
fo finb bie meiftcn bcr cinjclncn ©tücfe, für fich betrachtet, mit 9luS> 
jeidjinung ju nennen. GineS, um es gleich fcorauSjufchicfcn, öermiffen 
wir aber in allen : recht natürlichen ©efang. SBie flimmert bodj felbft 
in ben funftoottft oerfchlungenen ©ebilben ©eb. 33ad}S eine geheime 
SWelobie hwburcfj, wie in allen 33eethot)enS ! 2)ie8 weift ber geift* 
reit^e Gomponift auch fclbft, aber freilich jwifdjjen SBiffen unb ©Raffen 
liegt nod) eine ungeheuere Stuft, jwifcfjen benen fidj oft erft nach 
garten kämpfen eine öermittelnbe 33rücfe aufbaut, darauf fd^eint 
mir benn ber Gomponift Dorjüglid) achten jumttffen: auf beftimmterc 
unb natürlichere Slu^fprac^c ber SDielobie, bic auch in ber üSirdjje ihr 
Sftccht Witt, cbenfo wie bie 2tnmutf) ber ©eftalt in bcr firchlidfjwt 
äßalerei. 3n Ijannonifcher $infidjt giebt er uns bagegen triet 3uteref* 
fanteS, wenn auch manches ©elünftette. S)afc aber funftüotterc gor* 
men überhaupt im firchlichen ©til angewanbt werben, fann nur ßu* 
ftimmung erhalten. 2Bir finben batoon eine SKenge. $)oppelcanonS, 
©oppelfugen u. f. w. geben oom $leifc unb bcr Silbung beS Gompo* 
niften an rieten ©teilen ein rühmliches deugnifi; auch zeichnen fich 
bie Xhcmen oft burdf) Gigenthümlichleit unb Sefonberheit aus. SKach 
Stnhören beS äöerfeS in feiner urfprünglichen ©eftattung, b. h- m ^ 
Drchefterbegleitung, treten feine SSorjüge rietteicht noch entfehiebener 
hctDor. (Sin GlarierauSjug, fo forgfältig auch bcr üorliegcnbc aus* 
gearbeitet ift,* bleibt immer ein bürftiger SKothbehelf, bcr bem Gom* 
poniften fein bottftänbigeS Siecht bei bcr Äritif nie giebt unb geben 
fann. ©o gut es unter biefen Umftänben möglich, öerfuchen wir noch 
Don einjelnen Kümmern ber erften unb, wie wir glauben, bebeuten* 
beren §älfte beS Oratoriums eine Anficht gu geben. 

S)ie Duoertüre hat ben Gharafter ber Einleitung unb ift fein ab* 
gcrunbcteS SRufifftücf. ®aS fugenartige 2tttegro erinnert an §änbetfche 
Sßeife; fchon I)icr fängt ber Gomponift an, S3eifpiclc toon fünftlidjjerer 
Strbcit, wie Umfehrung ber Xhcmen u. f. w. ju geben. S)ic erftc 
©cfangnummer enthält eine SBegrüfeung an bic Sungfrau SRaria; bie 
gorm ift bic beS $)oppetcanonS im Gt)or, We Haltung würbig unb 
angcmefjcn. 9lr. 3 bietet nichts §crüorfted^enbcS. dagegen fagt uns 
9ir. 4, eine Slrie für ©opran, burch größere Sunigfcit bcS ©efangeS 
bejonberS ju. 3n SRr. 5 fällt ©eite 8, lefcteS ©Aftern, Xact 3 bie fich 



* öon 93ertf)a ©oboletoäfa gc6. 5)orn. 



326 



©o&oIetoSfi, „$)er Srlöjer", Ototorium. 



plöfclid) toeränbernbe Semegung auf, fiber bic ftd) Director unb Sljor 
nur mit SWüfje toerftänbigen mödjjten. Die folgenbe fjuge geljort toie* 
bcr ju einer Selteneren ©attung : fic ift motu contrario, ba« Hjema 
übrigen« ein glücfliclje«. 

Die jmeite Slbttjeilung be« erften Xf)eüe3 beginnt mit einem £op< 
petdjjor ber §irten unb £irtenfnaben, beffen erftere §5lfte namentlich 
t)on fd£)öner SBirlung fein mufe. Die SBorte: „D fel)t, £>err tröfte wt§* 
unb ben fi<$ auf einmal toeranbernben (£f)arafter be« Sljore« öerfte^ett 
mir ni^t ju faffen. Die folgenbe Ältarie Hart nur t)alb auf, bie unä 
audE| als äJtufifftüdt ju furj geraten fd&eint SSortrefflidje SBirtung 
mag aber in ber Stirpe ber folgenbe ß^or ber Sngel unb §irten Ijer* 
vorbringen. Der ber lefcteren nimmt ben anbem immer im pp, tote 
im ®df)o auf. Die SRelobie be8 6f)orate ift fd&ön. ©3 folgt ein furjer 
^ugenfafc mit einem etma« fonberbaren Xljema. 9ta<ty U)m tritt jum 
erftenmale ein SRecitattofafc auf. Simeon fingt in einer furjen Ärie: 
„§err, meine Singen l)aben ben Jpeitanb gefef)en", bie un« im G^arat* 
ter feljr mof)l gefällt, aber als 2Ruftfftücl ebenfalls ber fdjönen gorm 
unb SRunbung entbehrt. Slbermal« folgt ein Doppelcanon unb bic* 
fem ber ©cljlu&d&or mit Doppelfuge. 9tud(j btefe ©äfce pnben mir ju 
furj; ber (£t y or fann nidfjt redfjt in« geuer fommen, unb namentlidj 
ftrömt ber ©d)luf$ nid&t fräftig genug au«, als ©d)tufc eine« ganjen 
Xf)eil*. 

Sftadj biefen lurjen Slnbeutungen mag man etma auf bie anbere 
Jpälfte be« Oratorium« fdE|lief$en. Ueberall tritt un« ber Somponiji 
al« ein ©tarfmoDenber entgegen, ber immer maljrf)aft SBürbige« unb 
babei ©igeue« geben möchte* Oft toerläfet if)u bie firaft be3 SKeifters; 
aber fdjeint er bann felbft fleinmüttjiger, fo finft er bodj nirgend 
jum leicfytfinnigen ipanbmerfer t)erab. SSiel f>at il)m ber Xejt gefdjabet, 
beffen Sßtanlofigfeit mir fdjon rügten, ©emifc aber bejeidjnet ba« 
Oratorium im S3ilbung«gange be« Somponiften einen bebeutenben 
Stritt üormärt«, unb er ftörfe ftct> in biefem 33emuf$tfeiu balb ju 
neuen größeren STrbeiten, mie mir benn feinen SRamen fd)on jefct benen 
ber ebler ©trebenben unter ben gegenmärtigen lebenben tmterlänbifdjen 
Äünftlern anreihen müffen. 

12. 



St. £. ©ponfalfc, ^ontaftcbilbcr; 3. fr mttf, ©djerjoS. 327 



Außere SiüÄe für pianofortt. 

». <5*iml)*H?, $f»attiaftcbübcr. Söerf 10« 

@3 ift nur billig, jungen ungcfannten Somponiften mit SKaddficfjt 
entgegenkommen. S)er obengenannte, beffen Flamen tt»ir jum elften* 
mal begegnen, tritt inbefe anfprudjSüofler auf. ©r t)at feine ©ompo* 
fition granj Sifjt angeeignet unb fie auf bent Xitel mit bem ?lu3* 
brudEe ,$l)antaftebtlber* belegt, was beibeS Erwartungen erregt. 3m 
3nnern finbet man bie jwei ©tüdfe nodj genauer burcf| „SRaftlofeS 
©treben" nnb burdE| „©eelenfrieben" bejeicfinek 2)a3 erftere lonnen 
wir an einem jungen Äünftler nur löblidj finben, nur öerwedEifele eS 
pdf) nid^t mit einem „jietlofen", toic wir ba$ ©tüdE treffenber nennen 
möchten. Der ©omponift fd^eint nodE| nid^t einig mit fid) ju fein, ju 
weiter Saline er fdE|Wören foH; bei bem beften 2BiQen, gut ®eftaltete3 
ju liefern, mbdjte er audj genial ungebunben erfdjeinen, unb er wäre 
ja audj wirflidf) ein SWeifter, wenn it)m bied gelungen. 2)odj ift fein 
©tüdt nid^t einmal tedjnijdj fertig, unb fo ftürjt wie au3 einem man* 
gel^aften ®efäfc ber 3nf>alt, ber etwa ba ift, aus allen Seiten heraus. 
SDlit bem „©eelenfrieben" Wunen wir uns aber nodj weniger befreun* 
ben; ber t)ief$e beffer etwa Etüde k la Thalberg; auf biefem SBege 
glaube ber junge ©omponift nichts ju erreichen; au8 folgern Seelen* 
frieben mu§ if)n bie Ärttif ernft^aft heranzubringen fud£>en. Xrofc 
ber mannen Zustellungen, bie wir an bem SBerfe biefes SJtotoijen ju 
machen haben, wollen wir ihm aber feineswegfc mufifafifdje« Xalent 
abfpredfjen, eine Änerfennung, bie einem jungen SJünftler ja immer bie 
erfreuliche fein mufc, bereu er fidj jebodj erft bann wahrhaft erfreuen 
fann, wenn er fid) aud) be3 feften Streben«, e3 fleißig auSjubilben, 
bewufct ift. 

3f. Stittr r 2>rei Scherls. SBerl 6. 

3)er Somponift ber fröljlidtien „Sagbfomphonie" jeigt fi<h auch in 
biefen ©djerjo» Don ber fröhlichen Seite. 2Ba3 wir fdjon an früheren 
(Sompofitionen ebenbeffelben tjerüor^oben, müfien wir au<$ an ben 
©djerjoS wieber: einmal bie grofte Sinfadjheit unb bann eine öftere 
Unflarljeit bed ffityjthmuft ber 5ßeriobeu, ber 8lrt, bafc un3 namentlich 
an ben ©d)lüffen mancher Xljeile etwa« ju t)iel ober ju wenig ju fein 



328 



g. g. SBilfing, (Saprice. 



biittft. ßorrigiren unb änbern läßt fid) in folgen gäflen t)on Sfobe* 
ren nur jelten, ebenfo wenig, tote wir ben unregelmäßigen SßulSfchlag 
eines Slnberen ju reguliren oermödjten, 2)od) ift es immer juläffig, 
ben ßompouifteu wenigftenS auf fofdje Irregularitäten aufmerfjam ju 
machen, bamit er fid) fünftighüt nid)t ju fe^r gehen laffe. 2BaS aber 
an ben ©djerjoS unbebingt erfreut, ift ber fettere, nafoe ©inn, ber 
aus jebem ber ©tücfe ^eröorblidEt, fo baß toir toermutfjen, ber Kompo* 
nift ^ege eine befonbere Sßorliebe für Jpatjbn. Stur im jweiten ©djerja 
öerfuc^t er fid) einer teibenfdjafttidjeren ©timmung ju entlebigen, boch 
fällt er im Xrio balb wieber in ben behaglichen G^arafter jurüd, ber 
i^m natürlich fcheint. 3n jenem leibenfdjaftticher bewegten ©tüde ift 
ihm auch © e ^ tc 6 ®9ft. 4 Xact 5 ju 6 eine Buinte entfdjlüpft, bie 
toir ihm jur ©ünbe anjuredjnen weit entfernt finb. 3m Uebrigen ift 
bie Schreibart, wenn nicht meifterhaft, boch burchgängig reinlid) unb 
correct. Solcher angeborenen wie erlangten Sßorjüge bereits theil* 
haftig, wirb ber junge Somponift, wie wir hoffen, immer Xüd)tigereS 
ju Xage förbern unb in ber Sfteihe ber Xonfefeer beS mufifalifchen 
33öhmenlanbeS ehrenooll mitwählen. 

9« «. ®tlfm 0f Caprice. SBer! 6. 

©in fd)ä|en8wertheS ©tüd, etwas falt unb fteif, boch überall 
eine tüchtige ©efinnung, ein bereite fruchtbares Streben oerratljenb. 
®S will uns fcheinen, ber ©omponift i)abt fid) fdjon frühjeitig öor ber 
tärmenben (Gegenwart abgefd)loffen, fei über ihre üerberblidjen Sinffüffe 
hinaus unb gehe nun, unbefümmert, ob feine Sßerfe in ber 9Jiaffe 
anflingen, feinen eigenen Sßeg. ©oId>e ©haraftere finb immer ehren* 
Werth, unb wirfen fie nid)t als ©podjenmänner, fo nüfeen fie in Heine* 
ren ifreifen jum SJeften ber Swift. 2Bir wüßten an ber Kaprice faum 
etwas ju tabeln; in ber gorm ift fie auSgejeidjnet, baß fief) faum 
etwas hinjuthun ober wegnehmen läßt; bie Schreibart ift gefunb, ge* 
brungen, burdjauS Aar, Stuf eine befonbere 3 u ^ e iS un 9 b& ©ompo* 
niften ju irgenb einem SDleifter läßt fich nad) feinem Stüde nidjt 
fließen, eS müßte benn JB. Älein fein. SBenigftenS trifft, wie bie 
Eompofitionen beS leiteten fo bie toorliegenbe ber Vorwurf, baß ein 
höherer Sluffchwung barin noch »ermißt, baß er burch bie geffeln einer 
etwas engen Xtyoxit ^ er un & & a gehemmt wirb. ÄtS üRetfter fyat 
aber no.d) SRiemanb angefangen, unb baS tiefere ©eheimniß unferer 
Äunft, baß fie allmächtig bie Sperren beherrfche, geht audj ben 



geSca, (Salonfrwfe; 6. ©trübe, Sieber ofjne SBorte. 329 

gäl)igften oft erft im fpäteren älter auf. 5DurdE) redf)t freubigeS ©ingen 
fommt man ü)tn nod) am bälbeftett auf bie ©pur. ©er Somponift 
möge uns oerfteljen, bie toir im tooliltooQenbften ©inne ju il)m ge* 
fprocljen. 

3t* $c£ca, Seine de Bai. Morcean de Salon« Oe. 14. 
„ „ La Mälancolie. Piice caracttoistiqne. Oe. 15. 

Sott biefem Somponiften Regten toir bisher gute Hoffnungen, bie 
aber nicf|t in Srfüttung ju gelten fd&emen : er fdfjreibt mel unb leidet, 
felbft anmutig, met)r aber lann man an feinem Streben nidjt loben. 
2)aS 9)?eifte lann man in 31. JpenfeltS Sompofitionen je^nmal beffer 
tjaben. Söci feinem Xalente fönnte er aber ungleicf) meljr leiften. (SS 
fdjeint jebocfi, baS Sob, baS man it)m an Dielen Drten gefpenbet, 
madje il)n als ©omponiften immer flatter* unb ftujjerljafter. §ält er 
uns trieHeid)t entgegen, man fotte it)n bod) nidjjt naä) fo Keinen 
©tücfen beurteilen, fo müffen toir it)m entgegnen, ber Äünftler foH fid) 
nie ettoaS »ergeben, fobalb er eS mit ber Deffentlidjfeit ju tf)un" §at 
3n unfern trier SBänben einmal trioial fein, mag Ijtngeljen; oor ber 
SBelt aber bringt'S ©d)aben. 2BaS glaubt §r. geSca ju erreichen, 
toenn er fo fortf treibt? 2Bir tootten eS if(m fagen: man wirb iljn 
am 6nbe feiner fiaufba^n trietteidjt einen Salfbrenner ben QxotiUn neu* 
nen. 2Bir fjaben nichts gegen biefen 9iut)m, aber ber Ijödjjfte ift er 
feineStoegS. Senfe er alfo nodjj ein, too eS xioä) Seit ift» Mtynt er 
eS ernft^after mit ficf| unb mit ber Äunft. S5iS je$t Ijat er nur um 
ben SeifaH beS SßublicumS gebuhlt; toitt er aber ju einem Urteil 
über fid) felbft fommen, fo öertiefe er fidjj bodf) ju ™ 
SQScrfc eines SReifterS, ettoa SeetljotoenS, unb gefaßt er fidO auefy bann 
in feinem Streben nodj, fo müffen toir üjn freiließ Verloren geben. 
ÜJiad)e er unfere SBefürdjjtungen junidjte; feinem latente finb toir 
greunbe, feinem ©treben nid)t. SS liegt an iljm, unfere ©efinnung 
über i^n ju änbem. 

S. Stntbe, Sieker ofae SBorte. äöetf 16. 

Offen gefagt, bie 3RenbelSfot)nfcI|en finb uns lieber, toie toir benn 
ÜRiemanben um ben (Sinfatt beneiben, nadf) iljm toeld^e ju ebiren. ©od) 
^aben bie beS §rn. ©trabe ettoaS abtoeid&enbeS , Ueberfdf)riften 
nämtidf): Slage einer ficilianifdfjen gifdEjerin (nad) XI). SKoore), 



330 



3. ©djäffer, Siebet ofrte SBorte. 



©cljlummerlieb, ©ef)nf ucf|t, ©ottoertrauen. Das jtocitc unb ütcrtc Sieb fagett 
uns am meiften ju, baS brüte weniger; gegen bie »Silage" aber utüffen 
wir energifch proteftiren; fo flagt feine beutfdje, gefd&weige eine ficitia* 
nifdEfe gifdfjerin, unb gäbe eS unter unferen Seferinnen welche, fic füll- 
ten es uns bejeugen. S)o<h Ueberfchriften finb nur Siebenfache« §aU 
ten wir uns an ben rein mufifaltfchen ©ehalt; ber ift nicht fchledfjt 
SRichtigfeit beS ©afceS wirb bei ber Stellung, bie ber Somponift fjat 
(er ift Drganift), oorauSgefefct, auch runben ficf| bie ©tücfe jiemlidj 
leicht ab, bie toir ihrem Sfjarafter nach fdjlicht unb gutmütig bejeidj* 
neu möchten. SSiet mehr läfct fich über baS DpuSculum nicht fagen. 
©in gewöhnliches SBilb ju gebrauten — eS h öt c ™er i cner Heineren 
©angtoögel ber 9lad)tigall naefftufingen üerfud^t unb auch 8aunfönige 
mufc eS geben! 



Sttlitt* ©Raffer, 2>rei Siebet ohne SBorte. S3erf 4.> 

„Unb auch ßauntönige muß eS geben !* 2Rit biefen SBorten 
fdtfofc unfere lefete Slnjeige über ein ähnlich genanntes $eft eines 
anbern ßomponiften. Jfud} auf baS toorliegenbe liefen fich jene an* 
wenben; boch finb eS werth&ollere SRadjbilbungen, als wir meifthüt 
unter jenem allgemein geworbenen Xitel erhalten. S)er Somponift 
fcheint jung unb noch ttn erften S3ruttrieb ju f Raffen; wer wirb ba 
gleich nach bem üRafjftabe meffen wollen, nach bem man SReifter be* 
urtheilt. gährt er aber fort, wie er angefangen, arbeitet er fich nac h 
unb nach auch sur ©elbftänbigfeit hittauf, fo bürfen wir noch (Srfreu* 
licheS oon ihm erwarten» SBaS uns ju biefer Hoffnung toorjüglid} 
berechtigt, ift ber feelenoottere ßug, ber biefe Sieber toor anbern ihres* 
gleichen auszeichnet, unb erfcheinen fie auch tu ber SluSführung noch 
nicht überaß fertig, fo wirb bem ber gleifj nachhalf en unb ein fort* 
gefegtes reges ©Raffen ber £anb eine größere Seichtigfeit unb geftig* 
feit geben. Äud) biefe „Sieber ohne SBorte* haben Ueberfchriften; fie 
wären unfrer SReinung nach beffer weggeblieben. ®S giebt geheime 
©eelenjuftänbe, wo eine Stnbeutung beS ©omponiften burdjj SBorte ju 
fchneüerem SBerftänbnifc führen fann unb banfbar angenommen werben 
muß; unfer Somponift giebt aber befannte, für welche Söejeichnungen 
Wie: „äKeereSftiüe — Xräum' ich? nein, ich *° ac h e — Schwermut!)" 
ju preciöS erfcheinen, bie jweite finben wir fogar gefchmacfloS. 35ie 
©tücfe einzeln betrachtet, fo fagt uns baS britte am meiften ju. 



Äefeler, SBotjer; SÄontag, 2Mobteen. 



331 



obwohl fid) gerabe in tt)m baS SBorbilb beS ffiomponiften am beut* 
lidjjften Denrath- 

3. <L Segler, Sieben SBaljer für ^tanofortc. 

92ad^ einer SReifje oon 3at)ren erwähnen wir biefen ©ompomften, 
anf ben wir früher Hoffnungen gefegt, Ijeute jum erftenmal lieber. 
SBir glaubten, er würbe fein langes ©d&weigen burdj ein größere« 
2Berf unterbrechen; bod) fd^eint es, fyabt er feinem Xalente baS, was 
man feinen Anfängen nach baoon erwartete, nicht abgewinnen fönneu, 
als f>abe er es t>on felbft aufgegeben, tf)m Eingang unb ©eltung ju 
toerfdjaffen. Äeiber! fefcen wir t)in}u; benn er hatte baSSeug, etwas 
ju werben. 2fad) biefe SEalger beft&tigen bieg wieberum; fo flüchtig 
fie auc^ Eingeworfen finb, fo at^men fie bod) überall Sieben unb 
Snmuth. (Sin leifer »nflug öon ©chwermuth mad)t fie nur ansehen* 
ber. SKöchte ber begabte (Somponift ftc^ balb ju gröfcern Arbeiten 
ermannen ! 



* <£. 9Rontag, 2>rei SRelobieen, äöer! 4, 

@S oerrat^en biefe ©tücfe ein bebeutenbeS Streben, baS auch im 
Steinen SBoHfommeneS unb ÄunftwürbigeS geben möchte. Jßieber of)ne 
SBorte* finb es nicht wie äJtancher bem Ittel nadfj toermuthen fönnte, 
boef) aud) feine M&odies (baS lefete etwa aufgenommen) fonbern 
eljer Impromptus &erfcf|iebenen ßt)ara!terS. 3)aS erfte fc^eint mir ju 
furj geraden unb will beSf)atb feine warme Xf)eilnaf)me erweefen; 
eS liegt wof)l aud) an ber etwas monotonen melobifdjen Hauptfigur, 
auf bie baS ganje ©tüd aufgebaut ift. 3)ur(h einen (Segenfafc in 
einer 9JloQtonart ober ein Xrio in einer toerwanbten würbe eS t>ict- 
leidjt gewonnen fjaben. $>aS jweite ©tüd ift ein eigentliches 3m* 
promptu unb mit gleifc, faft etwas ängftltch behanbelt; im 6 /s 
gefd&rieben würbe eS fid} wof)l auch natürlicher ausgenommen fyabtn. 
S)aS legte ber ©tücfe f)at einen warmen Xon unb fagt uns auch als 
(SanjeS am meiften ju; bie Steigerung tor bem 9Südgang wirft 
beim erftenmal ipören etwas fyzth, was fich burch öfteres inbeft 
milbert. Sßir fyabtn ber Slnjeige biefer fleinen ©tücfe mehr Sßlafc 
eingeräumt wie gewöhnlich, weit fie, wie gefagt, ein höchft ad^tungS* 
wertheS ©treben bejeugen, baS mit ber &t\t f tc *j er imm * r fd&önere 



332 H. $regfd)0(f, ^fjantafie; (5. 2Mff, 9tfjatfobieen. 

grücf)te tragen raufe. öS jeigt fidf} jene« Streben in anbern fo eben 
erschienenen ßompofitionen beS jungen ÄünftlerS, in (Stüben unb 
fiiebern, noch beutlicf)er; toir werben unter ben befonbern SRubrifen, 
bie bie „Stäbe" unb baS „Sieb" in ber S^'f^f* galten, barauf 
jurücffommen. 

SUeganber 2»ret)frf)ocf f (Stoße $ljantafie* SBerl 12. 

DaS erfte größere SBerf beS jungen Slatrierljelben, ber bie ßei* 
tungen fo üiel üon fich fpredjen mad£jt. ©eftc^cn ttrir eS leiber, eS 
ift uns feit lange fo etwas StbgefcfjmacfteS nicht öorgefommen. 2Md>e 
Slrmuth an ^ß^antafie unb 2Jtelobie, roeldfjer 3luftt>anb, mit bem uns 
^ier bie Xalentloftgfeit imponiren möchte, toelcheS ©djönthun auf ben 
trimalften ©emeinpläfcen ! §at ber junge SSirtuoS gar leinen f5 reuu i> 
um fid), ber im bie S33at)r^cit fagte, SRiemanben, ber, feine Ringer* 
fünfteteien überfehenb, if)n auf baS ©eelenlofe, Nichtige folget SKufif 
aufmerffam machte? ©S gef)t privatim baS ©erüdjt, ber SBirtuoS fei 
ein abgefagter geinb 33eetf)obenS unb er fyaltz gar nichts Don i^m; 
wir nriffen'S nicht, aber feine ßompofitionen machen fo eine Sipprehen» 
fion met)r als tuahrfcheinlich. ©tubire er nur immerhin 33eethoöen, 
ja nicht einmal baS braucht'S, er fann toon ÜDieiftem britten unb 
merten SRangeS lernen, oon ©traufe unb Sanner. Seiber fürchten 
ttrir mit unferm guten 9tatf)e nicht einmal tjerftanben ju »erben, benn 
bie „*ßh an tafie" oerräth nicht fotoohl ein fdjülerhafteS Xalent als 
ttrirflid&eS augeborneS Unvermögen jum ©Raffen. 3)ieS fönnte bei* 
nahe mtlber ftimmen; aber too bie Smpotenj fo gar pretentiöS auf* 
tritt, fann man unmöglich ruhig jufehen* 2BaS §r. 2)ret)fdhocf als 
SSirtuoS leiftet, ift jeine ©ache für fid}; feine ©prünge, feine Stuuft* 
griffe, bie SBratoour, mit ber er alles ausführt, fönnen tüo^I eine 
SBeife ergoßen. Slber eS lommt bie ßeit, too auch Wefc fünfte im 
greife finfen roerben, unb roaS bleibt bann biefer Strt SSirtuofen 
noch übrig? — 

<£bttarb SBolff, S?ier 9lt|apfobtecit. 23erf 29. 

3ln einer größeren ©tübenfammlung beffelben Eomponiften, bie 
bie ßeitfdfjrift oor einiger ßeit befpradf), fonnte ber SJeridEjterftatter 
leiber nicht mehr loben als baS heröorfted£)enbere Xalent, baS fich im 



g. 2B. SJtorhill, (Sfjarafterftfide. 



333 



allgemeinen barin jeigte. Wlit Vergnügen madfjen wir baljer auf 
bicfe 3W)apfobieen aufmerffam, bic überall einen gortfdjritt beS &om* 
poniften beurfunben; fie finb leistet, faft waljerartiger Statut, aber 
bei SBeitem fauberer in ©rfinbung unb SlnSfüf)rung als bie (Stüben, 
babei pifant, felbft geiftreid^. 2ln Chopin wirb man oft erinnert, 
bod) mel)r an ben Glaöierfpieter, an beffen B^^S^nge, int Sinjelnen 
wot)l aud) an einige §armoniewenbungen; im Uebrigen aber b lieft 
ein lebenSlufttgeS, finnlid(eS (Slement aus ben ©tüden, fo bafc fie 
fid) leidet (Singang aud) auf beutfd&en Statuieren üerfd&affen bürften. 
aBäx 1 eS baS »übe SßariS nidf)t, wo ber Eomponift lebt wir würben 
feiner 3 u * u ^f* a ^ Äünftler ein gutes Sßrognoftifon fteHen, fo aber 
tnüffen wir abwarten, ob er aud> Äraft f)aben wirb, ben 9Scrfüt>* 
rungen ju wiberfteljen, beren Opfer bort fd&on fo manche glänjenbe 
Xalente geworben. Sfabererfeitö bleibt es wieber waljr, baS ©efättig« 
©on&erfationette, baS aud§ biefe SRfjapfobieen auSjeicf|net, öermag nur 
eine ©tabt wie SßariS ju geben; unb 2)eutfd)e, bie 8lef)nlid£)eS wollen, 
neunten fi<$ meift ungefdjicft unb tebern auS; wir wüßten (Xtjalberg 
ausgenommen) faum einen beutfd^en ßomponiften, ber fo brillante 
©alonftüde ju ©taube bringen f bunte, aber freilidf) aud) toiele, bie 
SeffereS fönnen. 2Bie gefagt, wir Ratten nichts bagegen, wenn wir 
aud) bie beffern 3Kobejac|en nidjt aus SßariS ;u begießen brausten; 
aber ber Deutfd^e ift nun einmal überall mef)r SJiobe als ju £aufe. 
9tod) etwas ©pecieöereS über bie ©tücfe ju fagen, bie biefe ßeilen 
fceranlajjt, fo finb es namentlich bie brittc unb üierte SR^apfobie, bie 
uns toorjugsweife im ©inne geiftreidjer Unterhaltung jugefagt Qum 
begriff ,9M)apfotrte" fet)lt itjnen eigentlich baS SR^apfobifd^e, bem wir 
felbft nodf) metjr ^rei^eit als bem ©d&erjo jugefteljen; bodfj iffS eben 
ein SBort, für bie ©ad^e Ratten wir felbft lein paffenbereS ju wählen 
toerftanben. 

Db bie leiste §anb übrigens, bie fie gef Raffen, fid) audj beim 
Slnfaffen fdf)Wereter formen als eine fräftige bewährt, wirb bie golge 
jeigen. ^ebenfalls fcerbient ber ©omponift für bie freunblidjje ®abe 
freunbltdjen 2)anf. 

* 2». StarfuH, 8ter (SljaraftcrjHiife, ©er! 2. 

S^aracterftüde in ber Zfyat tro| beS fentimentalen SRottoS : „Unb 
was umfonft bie SBorte motten fagen, baS bürfen Xöne auSju« 
fpred^en wagen". 2öir tjaben fie mit greube gelefen unb gehört; eS 



334 



(£.©. ßicfl, ©oftcincr SHütfjen. 



finb gefunbe hoffnungsvolle Äeime, unb bcr Somponift geigt $er$ 
unb Serftanb* 28aS in bcr fjorm noch mangelhaft, wirb bic $eit 
bringen; wir finben bieS 3Rangelt>aftere namentlich im erften ©tüd, 
Wo eS gegen baS (Snbe ^in plöfclich na<h Gmoll fid) wenbet, bann 
im jweiten, wo ber §auptgefang (erft in Bdur) nicht fdjön in Edur 
fid^ wieberholt. Der Somponift, ber überall ©efchmad unb Silbung 
toerräth, wirb uns toerftehen, wenn wir nur anbeuten* 35er ®runb* 
ton ber Stüde ift bagegen in allen ein fo fräftiger unb erfreulicher, 
Wie man eS in jweiten SBerfen nur feiten antrifft. S)aS origtneöfte 
fcheint uns baS jweite mit ber baüabenfifinftdjen SWetobie in ber Iinfen 
§anb ; in ben anberen finbet man t)ier unb ba Slnf länge an SKenbelS» 
fot)n, wohl auc^ ^>cttfclt, boch nirgenbs, bafe eS tute matte ©opte aus- 
fege. SBir ^offen bem ©omponiften balb wieber ju begegnen ; er Der* 
bient Ztyilncfymt unb SluSjeichnung. 

* <£. ©. Sidl, „©aftemer »Ifit^ctt JJ r &tf)n «Ijatfobieem ©crl 59. 

Die .Sfdjler Silber* beffelben Gomponiften fyabm im publicum 
wie bei ber Sfritif fo freunblidje Aufnahme gefunben, baß er ihnen 
eine ä^nlidhe SReit)c Xonftüde folgen läfct, benen wir gleichfalls Ztyil 
nähme besprechen bürfen. 2Bie bie Sfdjler Silber, fo fyabtn auch 
tiefe Xonftücfe Ueberfchriften unb SäJiottoS ; bie SDtuftf an fid) bebürfte 
fie faum, bodj h at ^ er Somponift mit ©inn unb ©efdjmad gewählt. 
Die htt*orfted|enbe % ax ^ ganjen Sammlung ift überhaupt ein 
gemütliches ©lau; nur feiten nimmt er grellere, grauere ju feinen 
©chilberungen. ©harafterifiren ft e & ur 3) SRittheitung ber lieber* 
f chriften, bie bie 10 üerfd)iebenen SJtummern tragen, noch genauer, — 
fie heifcen: Die Schwermut!), Der 9tuberfd)lag, DaS SRachfmnen, 
Sßafferringe, DreifaltigfeitSblümchen, Stuf bem SJlafcfelb, Stuf bem grieb* 
hof ju St. SRicoIa, Sllpenrofen, Sei ber Sennin, 8(n ber (Safteiner 
$ld)e. Sin Slbwechfelung fehlt eS mithin nicht im befcheibenen Slüthen* 
fcanj, unb erhalten wir nicht immer Originales unb SiefeS, fo bodj 
greunbltcheS, äBohtfltngenbeS ; wir möchten biefe fieiftungen mit benen 
einiger öfterreidjifcher Dichter (Seibl, Sogl) in Sergleich ftellen. 3n mu« 
fifalifd^em Setradjt erinnern fie junächft an bie ©djubert'Sifctfchen 
Stüde, wie wir fcfjon an ben Sfdjler Silbern bemerken. Um ©injelneS 
hertoorjuljeben, fo finben wir gleich bie Einleitung jur ganjen ©amm< 
lung fehr artig unb wie eine SBibmung jart unb auf baS golgenbe 
hiubeutenb, trofc einer ftarfen SReminiScenj an bie Gmoll<Saflabe 



9t SRüller, Poösies musicales. 



335 



Don 6f)opin; audj bic erftc Stummer (Sdjwermutf)) Ijat einen £f)opin> 
fd)en Jfaftricf). Sn ber jweiten fann fidj ber Somponift nid)t üon 
einer Harmonie trennen, ber audt| wir fc^r tjolb ftnb; fie erfc^cint 
inbefc wof)t ju oft.* S)a3 Stüd Reifet : ber 3tuberfd)Iag, unb ftcHt 
ftd) als djarafteriftifd) jefjon bem Huge bar. 9lo<$ meleä liege fid^ 
über bie einjelnen Stüde jagen; fummiren wir unfer Urteil in ba» 
©eftänbnife, bafe biefe ßompofitionen gu ben bemerfen8wertl)eften ge* 
Ipren, bie uns bie Siaiferftabt in neufter $eit gebraut, unb l)öngt 
audf) ifjnen nod) toiel SirtuofifdfjeS an, fo überwiegt boefj ber gute 
(Sefdjmad bei SBeitem, unb eS ift ju hoffen, ber fo wadfere ßom* 
ponift läutere fid& immer mef)r unb mef)r. ©treibe er bod} audf) für 
©efang; feine ßlatriercompofittonen toerrattyen aud) tyttju glüdlid)e 
S3efäl)igung. 

* «obert 3RöÖer r Poesie« musicales. SBcrf 5. 

©o ml wir wiffen, ift ber ffiomponift ein Sdjotte, trojj feine» 
ed)t beutfdfjen Flamen», ©eine Stüde &erratt)en inbefe nit^t« öon 
feiner auSlanbifd^en Slbftammung; nadj i^nen gu urteilen ift er mit 
Seib unb ©eele ein X^atbergianer unb IBeHini fein SRebengott. 3Wu» 
ftfer wiffen fonad), wa8 fie &on ben Eompofitionen ju erwarten 
Ijaben: ein ©emifc§ Don Sentimentalität unb Slatoierpaffage, wie e& 
namentlich in Salon« gefdfjäfct wirb. Uns besagt bergleidfjen inbefc 
nur wenig, unb man weife erft, wa8 man an Xfjalberg unb JBettini 
$at, wenn man iljre Schüler baneben fjätt. 2Bie mattljerjig baS 
alle« ift; man begreift nidjt, wie e3 bem ßomponiften nur felbft ge* 
fallen mag. Die Ueberf driften, bie bie Stüde l»aben, machen bie 
©adjje nidf)t beffer. 55a« erfte „la cloebe de soir" fönnte eben fo 
gut bie SWorgenglode tjeifjen, ba& jweite Fadieu eben fo gut le re- 
tour, Wie ba8 britte le retour fid) t>om Tadieu nur blutwenig 



336 SB. ö. ©oetye, BSvenes; Xfj. ftutta!,- Reve. 

unterbleibet. SWefyr üennögen wir leiber aus ben ©tücfen nid)t tyerauS* 
jufinben. ©er ßomponift fdjeint fettiger Slaüierfpieler; toerwenbe er 
feinen gleiß auf baS 3nftrument; als ßomponift wirb er fdf)Werüd[) 
reuffiren. 

* aBaltljer Don ©oetlje, Reveries. SBerf 4» 

SSCuc^ ein berühmter SRame, audj 9RottoS; eS blieft eine gewiffe 
fet)nfü^tige ©df>affenSluft aus biefen ©tücfen, babei ein fdfjlidjteS, 
fanfteS SBefen, baS uns für ben Somponiften einnimmt. §reittd> 
ftetyt er nocf| nidjt auf feften güfjen; eine überwiegenbe SBorliebe für 
italienifd&e SKelobif will uns feine Stiftung fogar etwas toerbädjtig 
machen» Snbefc er ift jung, tragt einen geweiften Sftamen; wir wollen 
baS Sefte toon feinen 33eftrebungen erwarten. 3 U tw* m btx ©tücfe 
fet)lt unö übrigeng ber ©djtüffel; eS Reifet „föaoul". S3a8 foU baS 
fein? ©S gefällt uns übrigens am beften. 



* 21>. Suttal r „R8ve", Piice de Salon. SBerf 4, 

(SbenfattS ein fentimentalcS ©alonftücf, baS inbefc ©efdf)icf unb 
Xalent, {ebenfalls einen guten ßlamerfpieler toerrätt). S)er alte SBad> 
würbe wot)l geftufct tyaben bei einem Anfange wie biefem: 

^^^^^^^^ 



3nbefc Hingt er gut unb bie $olge ift nid&t ftfjlimmer, baS Slnbante 
fogar fetjr eittnet)menb für ben Gomponiften. Stuf $rauenbeifaH fdjeint 
er eS junädfjft abgefetjen ju f)aben unb er fann ber jarten Slleinigfeit 
aud& nidjt ausbleiben. Smmer^in befjerjige ber junge SBittuoS, was 
ifjm bie ßeitföttft bei einer früheren 33efpred£)ung einer feiner Som* 
pofitionen (@. 319) ans §erj legte: fud^' er fidfj audj bei SJiännern 
in SRefpect ju fefcen! 



$. o. Söüenffiolb, gmpromptuä. 



337 



^ermcmu Mit Sitaettffiolb, Ster Impromptus ju 4 #äubcn. SBerf 11* 

Sei bem großen äfiangel an merffiutbigen ©tücfen fann bie Sbee, 
für biefe fdjöne ©attung ber Slatnercompofition ju arbeiten, nur 
glüdtidj genannt Kerben. ©3 ift aud£) nicf)t baS erftemal, baß fidjj 
ber genannte ßomponift barin oerfucf|t ; wir erinnern uns mit greube 
einer ätynlidjen (Sammlung ©d&erjoS, bie bie 3eitfd£)rift fdjon t)or 
jwei 3ttt»ren befprodjjen unb mit warmftem 2obe begrüßt. SBielleidjt, 
baß ber 33eifaH, ben wir bamals gejoHt, ben jungen, talentvollen 
SRufifer anreijte, nod) mef)r ©erartigeS ju fdjaffen; wir oermutf)en 
eS, bie neuen ©tücfe feinen uns abfidjtSüoIIer, gefugter, als wolle 
ber Somponift bie früheren überbieten* 2)ieS Streben müßte an fid) 
nur löblid) genannt werben; afcer bie Slbftdjt btitft burd), unb fie 
allein fiebert, wie befannt, nidjt immer baS (gelingen. 2Bie bem fei, 
als ein talentvoller Sünftler betätigt fidO §r. ü. fiöoenffiotb aud(j in 
biefem neuften Sßerfe, unb oft bauert es uns nur, baß er fid^ für 
feine ©ebanfen feines größeren 9iaf)menS, gerabeju beS DrdjefterS 
bebient, wo fie ftc$ oft fd^ärfer unb effectooüer f)erauSftellen würben. 
2Rit SSorliebe fd&eint er no<$ an einem ©omponiften ju Rängen, ber, 
fo würbig unb eigentümlich er baftefjt, nur fe^r wenig nadjgeaf)mt 
toorben ift, an DnSlom namlid). 2Bir fjaben nichts bagegen; es ift 
ein Seitenweg jum leeren #iet f aber fein falber; mit ben Weddeln* 
ben Sauren (ber (Somponift jöf)It faum 25) werben audj bie SSor* 
ötlber wedjfeln; wir muffen eS wünfd)en, benn ein junger Äünftler, 
ber feine S5ilbung allein aus DnSfow Ijolen wollte, würbe es nid&t 
f)od) bringen unb jule^t ganj juruef bleiben. Stber auef) fjoffen bürfen 
tirir'S; ein junger, aufgewedter ÜUtufiffopf, wie ber unferS Sompo* 
niften, fann unmöglich lange in btefer Slidjtung beharren. S)ann 
aber, bilbet unb übt er fid) oielfeitiger, wirb er gewiß in feinen Sßerfen 
mandjeS tilgen ober audj gar nidf)t f^reiben, was wo!)l flingt unb 
richtig aber mufifalifd^ bod( audfj ju geringfügig ift, um es einen 
©ebanfen nennen ju fönnen. ©o gleich ber Anfang beS erften 3m* 
promptuS; ber Somponift madjt im Verfolg barauS, was ju machen, 
unb ein SJleifter fönnte nidjtS 33effereS herausbringen; im ©runb bleibt 
jebod> ber ©ewinn nur immer gering: eS liegt eben in ber urfprüng* 
lidjen geringen ©rfinbung, bie feine Äunft ju abeln oermag. SQSir 
nahmen bieS f leine S5eifpiel; eS finbet ftd& nodfj 31ef)nIicf|eS in ben 
©tücfen, baneben aber aud^ fo oiel wirflidj gut SrfunbeneS unb in 

@ diu mann, @ef. Schriften. II. 22 



6. Balberg, <£t<ttuerftü<fe. 



bcr 8ltt8füt)rung ©elungene«, bafe wir auch bicfc ©ompofitionen bcr 
SBeachtung aßer folibcn Spieler empfehlen müffen. SBeim erften ©urdj* 
fpielen toirb ber ©enufc freüidj nod^ farg, unb ftc wollen auf ba£ 
©enauefte unb SBefte jufammenftubirt fein. ©t)er aber foD man über- 
haupt nicht urteilen, ehe man nid^t ein Stüd in feiner Dottfommen* 
ften 9tu8füf)rung ftd) beuten fann ober e& fo gehört hat. SBir freuen 
uns, balb auch Don anbern ßompofttionen be3 intereffanten jungen 
Säuen berieten ju fönnen. 

C. Ihlberg, @d>erjo (iti A). SSerf 31. 
„ „ ®t. Koctnroo (in Fis). SBerl 35. 
rr tt La Cadence. ^mprom^tu in Sorot einer Stäbe. 

(Amoll). SSerf 36. 
tt „ Souvenir de Beethoven, ftantafte (Amoll). SBerf 39. 

Heber biefen, wie über bie ©omponiften ber fotgenben Stüde §at 
bie ßeitfd^rift fcf)on fo oft gebrochen, bie öffentliche SReinung wie 
bie ber Sritif ftefjt über fie fo feft bereit«, ba§ fid) nur wenige« fyn* 
jufügen täfct, e3 wäre benn, ba§ fte fetbft anbere ^Richtungen ein* 
fdf)Iügen. ZfyalbtxQ jum wenigften nicht; er bleibt fid) and) in beit 
erwähnten Sompofitionen treu, ßunächft, wie man weife, fdjreibt er 
für fid) unb feine Soncerte; er will juerft gefallen, gtänjen, bie 
©ompofition ift Siebenfache. 93ti|te nicht h* er juweilen ein 

eblerer Straf)l f)ttt*ox, unb fäf)e man in einjelnen Sßartieen nicht 
einen forglicheren fjteife in ber Aufarbeitung, feine ©ompofitionen 
wären ohne SBeitereS ben taufenb anbem SSittuofenmachwerfen bei* 
juiäf)len, wie fie jahraus jahrein jum SSorfd^ein fommen, um balb 
wieber gu Derfchwinben. 3ene8 eblere ©treben jeigt ftch namentlich 
in bem erftgenannten ©dfjerjo, unb e& bauert un$ ber manchen guten 
(Sebanfen wegen, bie e8 enthält, boppelt, bafe fein Dottfommen ab* 
gerunbeteS Söiufifftüd barau« geworben. $>ie Sßängel liegen in ben 
SRittelpartieen, bie, auch in & cr ®rfinbung fchwäd&er, fich nicht ge* 
fdjidt genug in ba« ®anje einfügen, ©teilen wie auf Seite 4 ©tjft 3, 
Dom testen Xact an, fann SRef. wenigftenä nicht anberS al8 mit 
„mufifloS* bezeichnen ; fie finb mit SRühe bem 3nftrument abgerungen, 
bie ©eele ^at feinen Sttntljeit baran. SSlaä) Slnlage unb Sharafter 
be3 Stüde» gehört e« aber, wie gefagt, ju Xf)alberg8 beften Sachen. 
2)a8 Notturno weidet in Xon unb Haltung Don ber befannten, 
burch (Styopin etwa« mobificirten SBeife nur wenig ab. SRamentlich 



g. £ iiier, ^ntprontphi, Kapricen unb Rävertes. 



339 



biefeS Sßotturno toitb fidj grcunbc erwerben, unb nod() meljr greun* 
binnen. @d|}t XfjalbergifdE) ift baS mit la Cadence aufgeführte ©tüd, 
ein $äbf$e8 Xf)enta, bei ber SBieberljolung caprtcciomäfcig oariirt, 
brillant unb fe^r effectüofl. SSicI ©predfjen ^at baS Souvenir de 
Beethoven Don fid) gemalt; wir müffen eS tnbefc als einen großen 
SRi&griff bejeid&nen unb gefielen unfere Sßebanterie in biefem Sßunft. 
S3eetf)Otoen »erträgt einmal feine öirtuofifdfje ffle^anblung; toir bürfen 
nidjt bulben, bafc finbifd^e §änbe an i^m jerren unb rütteln. 3a 
toir möchten eS gerabeju als eine SldjtungSlofigfeit X^albergS, ein 
©ar*nid}t*feunen öon S3eetf)ooenS ©r&fce anfeljen, toenn eS nidjt eben 
anberS wäre. SßariS hat bie ©djutb an ber unglüdlid)en 3bee; Seet* 
hooen ift bort 3Robe; fd&on SJfciot lieft fid) baS nidf)t entgegen, %$al* 
berg folgte unb — fei er aud) ber tefcte! SS ift nidjt gut, mit Sötten 
fpafeen wollen. 

%. §iütx, %mpvomptn (in E), 
ff ff 5>rei ©africen* 2Berf 20* 
f t t9 8ter Rfeveries. 28er! 21. 

©eit ber lefeten Sefpred^ung $iHerfdf)er Slamercompofitionen finb 
wir aßefammt beinahe um fieben 3a^re älter geworben. SBiefletdjt 
erinnert fidf) nodf). mandjer unferer Sefer einiger größerer, im 3. 1835 
getriebener Sluffä&e, unb welches §oroffop wir bamals bem jungen 
Äünftler fteflten. 6r ^at feitbem als Etaoiercompontft nur wenig 
geliefert unb fief) in größeren (Sattungen, in ber Dper unb bem £)ra* 
torium, öerfud)t ©ein Oratorium namentlich begrüßten wir als 
einen 3rortfdfjritt jur 3Jteifterfd)aft, unb gef)t tf)m auch jene fiegenbe 
©ewalt ab, ber wir wie in anbern SJteifterwerfen nicht wiberfte^en 
tonnen, fo offenbart eS bod> ein fo entfd>ieben flareS SBoflen bei fo 
fielen anbern mufifalifd&en SBorjügen, bafc wir üjm freubig juriefen, 
auf folgern äöege fort ju beharren, ©eine neuften ©laoierftücfe 
§aben uns wieber über baS ßiel beS Komponiften etwas irre gemacht 
s SieUeid^t finb fie aus früherer ^eit, triefleid)t in nid&t günftiger ©tunbe 
gefchrieben; fie mifefaßen uns faft ganj unb gar. ®S ift bamit, als 
toenn man in einen S?orb reifer unb unreifer burdjeinanber geworfener 
f5rüd)te griffe; man fann ju feinem regten ©enufc lommen. Äm 
toemgften liefee fid& baS oon bem erwähnten Smpromptu fagen, baS 
imreh frönen SSortrag fogar eine anmutige SBirlung ^eroorbrtngen 
unb burdE) ein befonbereS bis jum ©df)Iuf$ feftgehalteneS Solorit ju 

22* 



340 



g. Ritter, gmpromptu, Kapricen unb Reveries. 



fcffcln oermag; eS gefaßt uns, fo Hein eS ift, öon aßen oben ge* 
nannten ©ompofitionen am beften. 2Äit ben Sfteoerieen nnb nod) 
weniger ben ©apricen oermögen wir uns aber nidjt ju befreunben. 
©S fteljt fjur fo oiel XrioialeS nnb gorcirteS neben einzelnem ©eift* 
reiben nnb audf) wirflidE) ©Ijarafteriftifdjen, bafj toir fte in einer 
früheren Sßertobe beS Somponiften entftanben glauben; ja ©iujelneS 
finben toir fo §wer*3Re9erbeertfd) nnb abfdjeulid), bafc uns wunbert, 
tote er eS nnr brnefen laffen fonnte: fo in ben SReoerieen ©• 5 ber 
Uebergang oon Bmoll nadj Amoll, ®. 6 bie Harmonie oon Des dur 
naclj bem ©e^taecorb auf H, ©. 11 oon Eis ober Fdur gleid) nadj 
Hdur je. k. SBir toiffen gar toot)t, eS finb bieg gerabe jene ©teilen, 
bie j. 83- in Sßarifer ©alonS baS ©lücf eines ganjen ©tütfeS madfjen, 
toie fie |namentlidf) SKe^erbeer liebt unb in ©djtoung gebraut; auf 
gute beutfdje 9Jiufifer ift inbeg bamit fein ©inbruef fieroorjubringen, 
unb toir wünfdjten fie, too fie f|ingel)ören, ins Sßfefferlanb. Ueber* 
f>aupt ringt, nad& biefen ©lüden ju urteilen, in Ritter nodf) immer 
ber ©taoierfpieler mit bem ©omponiften; eS ^ängt tljm woljl oon 
früher an, too er fiel) ber Bewegung ber neuften ßlaoiermufifepod}e 
mit Sntereffe anfcf)lo&; gebe er inbefc eines ober baS anbere auf, 
fd&reibe er ganj als SBtrtuoS für SSirtuofen ober ganj als Äünftler. 
©eratfjen ift bieS freiließ leichter als getrau; eS fd^eint uns aber, als 
wäre bieS bie Silippe, toogegen er ju toarnen: er tooße weniger ©ffect 
machen, bann toirb erS, auf bie Äünftter wenigftenS. ©ießeidjt 
nehmen toir eS aud) ju ftreng, oielleidjt legt ber Somponift, ber in 
grö&eren formen fid) fdfjon Ijeroorgetljan, felbft fein @ewidf)t auf feine 
fleineren ©rjeugniffe ; aber bie Qtit ift foftbar, ein ernfter Sßinf fjfitte 
fdjon manclj' oertome erfpareu fönnen, 'unb eS bleibt immer beffer, 
bie föanftjeit beim Kamen [ju nennen, als fronen ju wollen. 9tur 
eine Kummer enthalten bie 9teoerieen, too fid^ ber ©omponift ber 
©inmifd^ung oon SSirtuofenbeitoerf faft gänjlid) enthält, bie jweite, 
ein feines ©enrebilb, unb uns bie tiebfte im Jpefte. 8tm toenigften 
aber fönnen toir uns, toie gefagt, mit ben ©apricen befreunben; man 
finbet oieleS barin, fflraoourpartieen , einjelneS fleijjig ©earbeitete, 
leidet fangbare ©antilene, oft intereffante ljarmonifcf)e ©änge, oon 
allem etwas, als .wolle eS ber ©omponift Sitten redtjt machen, unb 
bod) ober eben beSljalb fein ÄunftganjeS, feinen ©til. 3Jiag aud) 
bie 93ejeidf)nung „©apriccio" oieleS in ©djujj nehmen, eS ftefjt Ijier ju 
oiel ©d&teS unb Unechtes, ©igeneS unb ©ntleljnteS nebeneinanber, 
als bafc eS gefallen fönnte. ©ine ßerglieberung toürbe ju weit 



2B. Xcmbert, Kojobe unb ©uite. 



341 



fügten; möchten fie Stnbere vornehmen unb bann unfer Urteil be* 
(tätigen. S)teS atleS fagen wir aber nur * im SBemufctfetn beS be* 
beutenberen XalenteS, baS uns fytr gegenüber ftetjt; einem geringeren, 
ungebilbeteren müffen wir manches jum Sobe anrennen, was wir bei 
einem vorgefchrittenen nur natürlich finben. 3n ben gefteigerten Sin* 
fyrütfien an bie lefcteren aber liegt fdEjon eine Slnerfennung, bie bem 
redeten Äünftler mehr gilt als wohlwotlenbe SJtacf)ficf)t, bie ber, von 
Welchem wir fprecljen, auf feine SBeife verbient. 



SB. Sanbert, La Najade. Piece concertante (in F). 893er! 49. 
„ „ Saite: Prelude, Ballata, Gigue, Toccata* SBerl 50. 

$wei feljr verfdfjiebene ©ompofitionen , bie ju mannigfachen S5e* 
trachtungen Slnlafc geben fönnen. Äudj Xaubert ift öon ben Gin* 
flüffen ber mobemen SBirtuofttät nidjt unberührt geblieben, unb blidt 
auch immer feine grünblidje S5ilbung burd) feine berartigen für ben 
©oncertfaal beregneten Sompofitionen hinburdf), fo fdf)ien eS bod), als 
habe er fich mand&eS angeeignet, was nicht ganj feiner Sftatur gemäß 
mar. Sr ftanb ju mannen SBirtuofen, bie gern ©rünblicheS geben 
möchten, gewiffermafjen in einem umgefe^rten SBerhältniffe ; er befifct, 
was jene ntdjt haben, unb wollte bocf) aud) nicht jurücfbleiben t)inter 
ber allgemeinen ^Bewegung, wie fie burd& bie ©rfotge ber neuften 
Glavterfpieler hervorgerufen war. Xheitroeife gehört auch bit „SWajabe" 
biefer mobernen SRichtung an. Da wirb plöfelicf) in Ujm eine anbere 
©aite wad) ; er giebt uns ein §eft, auf bem bie alten luftigen SWamen 
©uite, *ßritube, ®igue prangen, unb barin föfttidjen 3ut)ftlt. 
©eftehen toir, toir gießen fte feinen Sravourftücfen bei SBeitem vor, 
aud) ber „SWajabe", bie uns für eine foldfje bod) nicht leicht, nicht na* 
türlich genug vorfommt, — nicht an SBennettS ©ompofition gleichen 
SRamenS ju gebenlen, ber freilich auch $löten unb §oboen, furj ein 
ganjeS Drdjefter jn feinem ©emälbe nahm. Slber bie ©uite müffen 
wir auf baS SOBärtnftc hervorheben. 3Ran fürchte ftd) nicht vor bem 
SRamen; unter bem lünftlichen SRococo fd)lägt ein friftheS warmes fterj, 
baS fich mit Siebe einmal in bie Vergangenheit gefenft unb wie eS 
um fein eignes fteht, babei boch auch ntd^t verleugnen fann. SBaS 
fich & CT Somponift bei feinen altertümlichen ©ebtlben gebaut, wollen 
wir nicht einjeln ju erftären verfugen. GS fteeft aber fo viel 3*onie 
unb SBehmuth in feiner s JKufif, bafc wir fie verftanben ju haben glauben. 



342 



g. tycpin, Notturnos, Stoflabe unb SSal^er. 



SBir finb einig mit ifjm. (Strebet oortoärts, toottte er fagen, aber ge* 
benft ber Sitten jumetlen. (Senüge bieS SSBentge, baß fidf) red&t SSiele 
ba$ intereffaute $eft anfetyen. 

6lj0*tn, 3»ei »ottitrtto* (GmoII unb Gdur). SBerl 37. 
f f „ »attabe (in F). SSerl 38. 
„ SBotjer (in As). SBerl 42. 

ßf)opm fönnte jefct alles oljne feinen Sßamen herausgeben, man 
toürbe if)n boef) gteief) erfennen. ©arin liegt Sob unb Xabet jugleidE) 
— jene« für fein Xalent, biefeS für fein Streben. 3)enn fid&erlid> 
tüoljnt iljm jene bebeutenbe Driginalfraft tnne, bie, fobalb jte fid} geigt, 
feineu 3»eifel über ben tarnen be3 2Jieifter3 juläßt; babei bringt er 
and) eine $ütte neuer gormen, bie in iljrer ßarttjeit unb Äüljntieit ju* 
gleich Setounberung oerbienen. 9ieu unb erftnberifdj immer im Äeufcer* 
liefen, in ber (Seftattung feiner Xonftüde, in befonberen Snftrument* 
effecten , bleibt er ftdj aber im 3nuerlid)en gteidf) , bafc tote fürchten, 
er bringe e3 tiid^t !jöt)er, als er e3 bis jefct gebraut. Unb ift bieg 
Ijodf) genug, feinen Kamen ben unoergänglidjen in ber neueren Äunft* 
gefegte anjureit)en, fo befcf)ränft fidf) feine Sßirffamfeit bodj nur auf 
ben Meinem ßreiä ber etaöiermufif, unb er hätte mit feinen Äraften 
bocf> nod) öiel §öl)ere8 erreichen unb (Sinflufj auf bie gortbitbung 
unferer Äunft im Allgemeinen gemimten müffen. SSegnttgen mir un$ 
tnbefc. ©r fyat fo tuet §errlidEje§ gef djaffen, giebt uns nod(j jc^t fo 
tuet, bafj mir aufrieben fein bürfen unb jeben Sünftler, ber nur bie 
#älfte geleiftet nrie er, beglüdmünfd^en müßten. Sin Dieter ju tjeifjen, 
braudjt'3 ja audf) nidf)t bidteibiger 33änbe; burdf) ein, jroei (Sebtdjte 
tannft bu bir ben Kamen oerbienen, unb Sfyojrin ^)at fotdje gefdfjrteben. 
äfadj bie SJtotturnoS, bie oben ernannt finb, gehören ^ier^er; fie 
unterfd&eiben fiel) &on feinen früheren mefenttid^ burclj einfacheren 
©d^mutf, buref) ftittere ©ragte. 9Ran meifc, wie S^opin fonft fidfj trug, 
ganj tote mit glitter, ©otbtanb unb perlen überfäet. Sr ift fdjon 
anberg unb älter geworben ; nod) liebt er ben ©djmucf , aber e§ ift ber 
finnigere, Ijtnter bem ber Abel ber Sichtung um fo liebensmürbiger 
burd)f dämmert; ja ®efdE)macf, feinften, mufc man ihm laffen, — für 
©eneralbaffiften ift ba8 freitith nicht, bie fudfjen nur nad) Quinten, 
unb jebe fehlenbe fann fie erbosen. 5tber noch mand)e3 fönnten fie 
t)on (£t)opin lernen, unb ba8 duintenmadjen oor Stflem. 28ir ^aben 
no^ ber SB alt ab e als eineg merfwürbigen ©tücfeS ju erwähnen. 



SRenbetefoI>n, ßieber o^nc 2Bortc $eft 4. 



343 



(Shopin §at unter bemfelben SRamen fdfjon eine getrieben [Ginoll], 
eine feiner wilbeften eigenthümlichften Sompofitionen; bie neue ift 
anberä, afe SJunftwerf unter jener erften ftefjenb, boch nicht weniger 
ph<*ntaftifch unb geiftreid). S)ie Icibenfd^aftlid^cn ßnrifctyenfäfee flehten 
erft fpäter tiinjugefornmen ju fein; ich erinnere mich fet)r gut, als 
<J^opin bie SBaHabe ^ter fpielte unb in Fdur fdjloß; jefct fchließt fie 
in Amoll. @r fpratfj bamate auch baoon, baß er ju feinen Sattaben 
burdf) einige ©ebid^te oon SDlidCietöicj angeregt worben fei. Umgefehrt 
würbe ein Siebter ju feiner Sttufif Wteber fetjr leicht SBorte finben 
lönnen; fie rührt ba8 gnnerfte auf. 59 ®er äBaljer enblid) ift, tote 
feine früheren, ein ©alonftücf ber nobelften Strt; foHte er ihn jum 
%ani oorfptelen, meinte gloreftan, fo müßten unter ben Xänjerinnen 
bie gute §älfte wentgftenS ©omteffen fein, ©r I)at Sftedjt, ber SBaljer 
ift ariftofratifcf) burdf) unb burch. 

SRenbelSfoljtt »artljolbij, @ed>* Sieber of>ne SBorte. $eft 4. 993. 53. 

©nblidf) ein §eft echter „Steber ohne SBorte". ©ie unterfd&eiben 
fid^ öon 3Benbel8foljn$ früheren nur wenig, wenn nicht burch größere 
(Einfachheit unb in melobifdfjem SBetrad&t burch ihre leichteren, oft oolf$* 
tf)ümltchen ©efangWeifen. S)ie8 gilt namentlich oon bem Siebe, ba3 
ber ©omponift felbft als „SSolf Blieb" bejeichnet; e3 ift bieS au8 bem* 
felben JBronnen gefommen, aus bem etwa (Jidfjenborff einige feiner 
ttmnberooHften ®ebid)te, Sefftng feine „eifettanbfdjaft" gefdjöpft. 3Ban 
fann fief) nid^t fatt baran ^ören. ®er oolfsthümliche ßug, ber fid) 
überhaupt in oielen Sompofitionen ber jüngeren Sünftler ju jeigen 
anfängt, ftimmt ju erfreulichen ^Betrachtungen für bie näd^fte ßufunft; 
er lag einem offenen äfage übrigen« in 33eetf)OOen8 legten Arbeiten 
fdf>on angebeutet, was SÄanchen freilich wunberbar genug Hingen mag. 
@inen oolföthümlichen Xon, obwohl nicht ben beä ©hor8, h at auc h 
baä britte Sieb in Gmoll; e3 ftingt mehr wie oierftimmiger ®efang. 
SRan bemerle übrigen«, toie SÄenbetefohn in feinen Siebern ohne SBorte 
t)om einfachen Sieb burch ba« S)uett bis jum SKehrftimmigen unt 
©hurtigen toorgefdjritten. ©o iffS mit bem wahren, erfinbenben 
Äünftler; wo man oft glauben möchte, er fönne nicht weiter, h at cr 
unoermuthet fdjon einen Schritt oorwärts gethan, neuen ©oben ge* 
Wonnen. SfobereS in biefem oierten §efte erinnert freilich wieber an 
ältere aus ben anbem §eften; gewiffe SBenbungen, SBieberholungen 
feinen fogar Spanier ju werben. S)ocf) if* btö ein SSorwurf, ben 



344 Heber einige mufymafelicf) cormmjrirte ©teilen in SBadj jc. 

fjunbert Slnbere mit Dpfero erlaufen würben, ber nämlich, an ge» 
wiffen ©ängen erfannt ju werben, baß man barauf fd&wören motzte. 
©el)en mir benn mit greuben noch öielen Sammlungen entgegen! 

22. 



Weber einige muttjmaßlt^ rorrumptde Stellen in Haiden, 
Ülojarlfdjcn an) ßtttymnfätn Werken. 

SBüßte man alle, fo Keßen ficlj meHetcht golianten barüber 
f treiben; ja ich glaube, bie äReifter müffen jenfeit» manchmal lächeln, 
wenn t>on ihren SBerlen einige mit aßen ben geljlera Ijinüberflingen, 
wie fie $t\t unb ©ewohnljeit, wohl auch ängftlidEje Sßietät l)at fteljen 
laffen* @8 war tättgft mein SBorfafc, einige in befannteren SBerfen ber 
obengenannten SWeifter jur Sprache ju bringen, mit ber SBitte an alle 
Sünftler unb Slunftfreunbe, fie ju prüfen, womöglich burdE) SSergleichung 
mit ben DriginalJjanbfdjriften feftjufteHen. Dft irren freiließ auch 
biefe, lein (Somponift fann barauf fchwören, baß fein SWanufcript ganj 
fehlerfrei wäre. SBie natürlich auch, baß fich unter ben f)unberttaufenb 
hüpfenben fünften, wie er fie oft in unglaublich furjer $z\i fd&reibt, 
ein 2)ufcenb ju h^h ober ju tief gefommener einfdjleichen müffen: ja 
bie tottften iparmonieen fcf)reibt ein ©omponift juweilen. 

3mmerhüt bleibt bie Driginalf)anbfd(jrift bie Autorität, bie am 
erften gefragt werben muß. SRbd^ten baher Sllle, bie bie ju befpred&enben 
toerbädjtigen ©teilen in ben §anbfcf)riften ber ©omponiften befifcen, 
ba3 ©ebruefte mit bem ©efthriebeneu dergleichen unb ba8 SRefultat mit» 
jutheilen fo freunblich fein. Qux geftfteßung einiger baöon bebarf eä 
wo^I nicht einmal ber §erbeifchaffung be8 Originals, fo beutlich fpringt 
ber 3rrthum in bie Slugen. 

3)ie meiften fehler finben fief) wohl in ben StuSgaben 85 achter 
SBerfe, namentlich in ben älterem @3 wäre eine öerbienftlidje , aber 
freilich fef)r jeitraubenbe Slrbeit, übernähme eä ein mit S3ad^ DoHig 
oertrauter äßufif fenner, alle« bisher irrig ©ebruefte ju berichtigen, 
©inen fdjBnen Slnfang h at SßeterSfche SRufifhanblung in Seipjig 
gemacht; er befcf)ränft fich aber junächft auf bie Slaoiercompofitionen. 
©ine ßritif allein be§ mohltemperirten Sla&ierS mit Stngabe ber t>er» 
fchtebenen SeSarten (23adE) foll felbft oiel geänbert hoben) Würbe ein 



Heber einige mutfjma&Udj corrumpirte (Stellen in $a$ ic. 345 

ganjeS SBudf) füllen lönnen. 60 Seien juerft f)in einige anbete ftäfle 
erwähnt. 

3n ber groften tjerrlidfjen Xoccata mit fjuge für Drgel* be* 
wegen fid) bie beiben Stimmen im SWanual über bem Drgefyunft in 
ftreng canonifdjer golge. ©oUte man für möglidj galten, baft bteS 
00m Sorrector fiberfetjen werben fonnte? (Sr ^at eine SRenge Utoten 
ftetjen laffen, bie ftdf> aus bem ©anon als falfd^ erflären, 3m 9Scr* 
laufe beS Stüdes bei ber sßaraHelfteHe auf S. 4 unb 5 fommen äljn* 
lidEje 83erfet)en t>or. SBenn fidj bieS mit leidster SRü^e corrigiren liefe, 
fo mochte bie Äufflärung einer anbem Stelle in bemfelben Stüde Don 
größerer ©dfjwierigteit fein. SRan erinnert fidf) woI)l beS granbiofen 
SßebalfoloS ; bei einer 33ergleid)ung mit ber SßaraßetfteHe in ber Unter* 
quart ergiebt fidj iubefc, baft ftdf) Ijier eine SRenge geiler eingefd)Iid)en, 
©. 4 jwifd|j|en Xact 3 unb 4 festen jwei Xacte gänjlidE), bie bei ber 
XranSpofttion ©. 5 @i)ft. 6 im jweiten unb brüten Xacte ftetjen jc. 
§ter lönnte nur bie Driginalt)anbfc^rift ben 8luSfdf)lag geben. 33efifct 
fie toiefleid&t §r. Käufer in SEBien, fo fei er um eine SSergteidjung ge* 
beten. S)af$ man aber ein fo aufterorbentIid|j)eS ©tüd, wie biefe ©om« 
pofition, in feiner ed)teften ®eftalt ju befifcen wttnfdjjt, möge bodf> 
SRtemanb als gering adjten. ©S wäre wie ein SRifi in einem Silbe, 
ttue ein fel)lenbeS Slatt in einem ÄieblingSbudje, wenn wir'S l|inget)en 
tieften. 

Sin anberer fonberbarer gall, über ben ebenfalls nur 93ad)S 
ipanbfdjrift Äuffdjlufj geben fönnte, finbet fid) in ber Äunft ber 
guge. 2)ie ganje XIVte mer ©eiten lange guge lommt nämlid) fd>on 
in ber Xten einmal t>or; &gl. bie $eterSfd(je Ausgabe ©. 30 ©tyft. 5, 
00m jweiten Xact an. SBie ging bieS nun ju? 33ad) wirb bod) un« 
möglich in einem unb bemfelben SBerfe öter ©eiten lang SWote für 
9lote abgef ^rieben tjaben! 3n ber Siägelifdfjen Partitur ftefjen bie 
beiben %VL$m übrigens ebenfalls fo abgebrudt, unb eS ift nur aus ber 
Oleidjljeit ber Xonart ainb beS XI)emaS, bie burdf) baS ganje Sßerf 



* Toccate et Fngue pour FOrgne (Leipzig, Peters) mit bem Anfange: 



346 Ueber einige mutljmafjlid} cormmpirte ©teilen in 58ad) ic. 



gel)t, ju erflären, bafc bie SBieberljolung fo lange unbemerft bleiben 
tonnte. 

Sßer aber, toenn er in Sachfdfjen §armonieen fd&töelgt, benft auch 
immer an alles unb an geiler? ©o habe ich einen jahrelang nid^t 
gemerft in einer mir fef|r belannten Sachfdjen guge, bi3 mich ein 
SKeifter, ber freilich au<h ein Slblerauge hat,* barauf aufmerffam machte. 
3)ie ift in Emoll über ein ttmnberboUeä Xljema unb fteljt in ber 
§a£lingerf$en Ausgabe als fed^fte. 3Ban fchalte bort jtoifchen bem 
brüten unb vierten Xact bie einzige Sftote 



ein, alsbann ttrirb'S ridfjtig. §ier ift wohl fein 3 We *fel. 

2Bir fommen jefct auf einige ben ßefern vielleicht noch intercffantere 
götte in SBerfen, bie fie tootjl unjähligemal gehört unb gefpielt, ohne 
Serrath ju merfen. 3<h bitte fie aber, bie Partituren in bie $anb 311 
nehmen, ba bie ©teilen ganj abbrucfen ju laffen, ju triel $la| weg* 
nehmen, ein Urteil aber ohne bie genauefte Gtnfid&t in bie ©teilen 
felbft nid)t möglich fein würbe. 

S)ie erfte üerbädfjtige ift in aftojartS GmolhS^mp^onie, 
einem SBerf, in bem jebe 9iote ftare8 ©olb, jeber ©afc ein ©djafc ift, 
unb bod), foflte man eä glauben, ^aben fidf) im Stnbante vier ganje 
Xacte eingefchlichen, bie nach meiner feften Ueberjeugung nicht hinein 
gehören. Som neununbjtoanjigften Xacte an (ba$ Ädfjtet Äuftact un« 
geregnet) fommt nämlich eine mertaettge von Desdur nach Bmoll 
hinteitenbe Sßeriobe, bie in ben f olgenben trier Xacten nur mit herein* 
f achter Snftrumentation toieberholt wirb; e8 fann nicht fein, ba§ 
SDlojart bieö gewollt hat. Äm erften erhellt bieä au§ ber gimjltch 
un*3Kojartfchen, ja unmeifterhaften Serbinbung be3 jweiunbbreifcigften 
mit bem breiunbbreifcigften Xact, bie gennfc aud) jeben Sßufifer nur 
bei oberflächlichem Änhören frappirt hat. fragt fidj nun, welche 
ber t)iertactigen Sßerioben wäre auSjufcheiben — bie erfte ober bie 
jweite? — Sei flüchtigem Slnblide möchte man fid) vielleicht für Sei* 
betjaltung ber erften ertlären: ba8 aßmä^tid^e §injutreten ber SlaS* 
inftrumente, bie fich bis jum gorte fteigem, ift nid^t ohne fünftlerifchcn 
©inn. Siel natürlicher aber in ber ©timmenführung, flarer, einfacher, 
unb boch auch nicht ohne Steigerung, fcfjeint mir bie anbere Se8art, 




* 3Kenbet§fofnt. 



Ue&er einige mutfjma&Ud) cotrumjnrte Stellen in $ad) :c. 347 



nadj ber ber neunuubäwanjigfte bis mit bem jweiunbbreifcigften aus* 
fielen, wo bann alle Snftrumente in ftarcr Steigerung fid) im Sorte 
oereinigen, ©iefelben oier Xacte juoiel finben fief) nun audfj bei ber 
2Btebert|olung im jweiten Xljeile, wo bann ber adjtunboierjigfte bis 
mit bem einunbfünfjigften Xacte biefeS XfpileS ausfallen müßten. SBie 
fid} nun biefer geiler eingefdfjwärjt, müfete audf) bie Driginafyartttur 
nadEjwetfen, bie fid) woljl in ben Rauben be« $m. $ofratf) Wxbxi 
befinbet* 5Ba8 ffia^rfdjeinlidftfte ift, bafc SWojart bie ©teile erft ge* 
Ijabt, wie wir glauben, bafc fie fein müffe — bafj er fie bann ooller 
inftrumentirt in bie Partitur eingetragen — bafj er aber fpäter, wieber 
ju feinem erften (Sebanfen jurüdtgeljenb, oergeffen fjat, bie jweite Se8art 
ju ftreid&en. 3Wödf)ten fid) bod) audf) anbere SRufifer über biefe widf)* 
tige ©teile auSfpredfjen unb nad) allgemeiner Uebereinlunft baju bei* 
tragen, bafj bafc Änbante bann immer in ber angebeuteten SBeife überall 
aufgeführt Werbe, ©ie Verleger aber würben wir bitten, bie oier 
Xacte in ber Partitur einjuflammem unb ben ®runb, warum, in einer 
furjen S3emerfung beijufügen. SWan fjat mir übrigen» gefagt, bafj 
ba8 Stnbante im Sßarifer Sonferoatoire mit beibeömaliger ÄuSlaffung 
ber oier Xaäe gefoielt wirb. Slud) 2Renbel3fol»n ^at fid) ISngft bafür 
ausgebrochen. 

Snblidf) erwähne idfj nodf) einige ©teilen in Seetfjoöenfdjen 
©^mp^onieen, bie fid) faft auf ben erften ÄnblidC als geiler bed 60* 
piften ergeben. Sie eine erwähnte icf) fd&on früher einmal; fie fteljt 
jum ©d&luf$ be8 erften ©afce« ber B dur*@t)mpt)onie; oon ben 
brei Xacten ff (adfjt Xacte oor bem Snbe) ift offenbar einer juoieL 
X)a^ Serfe^en war wegen ber oollfommenen Stctjnlic^fcit ber SWoten in 
allen Stimmen leidjt ju begeben. JBeet^ooenJfönnte e8 fogar felbft 
begangen Ijaben. 

S)af$ wir aber in ber Sßaftoratftjmptionie jahraus jahrein 
folgenbe ©teile, wie fie audf) in ber Partitur ftet)t, mit angehört, ohne 
itidflt l)ell auf juf afjren , wäre faum ju erflären, wenn nid)t baburdO, 
bai uns ja ber 3*uber 83eetf)ooenfcl)er Sßufif fo umftrieft, bafc wir 
35enfen unb $ören babei oergeffen fönnen- 

3m erften ®afc (Partitur ©. 35 oon Xact 3 an) Reifet e3 ge< 
nau fo: 



348 Heber einige mutljmafjttdj corrumpirte ©teilen in 8ad> jc. 
Viol. I. 



i 



Viol. IL 



dim. 




Viola. 



dim. 



Vcelli. 



dim. 



(Hflc aitberen pauftrm V 




9i 



1 



SBie nun, wenn wir ftatt ber ptö^lid^en Raufen in ben erften 
SBioltnen Simili^eicljen (^) matten? Stänge bicS nidE)t beffer unb 
anberS ? ©rgiebt fic§ bieS nid£)t fcljon au« ber Umfefyrung öon Xact 5 
an, wo bie SBratfdjen tjaben, was erft in ben erften SSioIinen lag? 
©ewifc, e$ ift fo. ©er !Hotenfcf)retber Ijat bie Simili'ßetdjen für 
Raufen genommen ober irgenb ein necfifdEjer Äobolb war im ©piel. 
SftieS erjagt, wie 39eett}ot>en einmal wütljenb geworben über eine ©teile 
in ber t)eroifd£)en ©l)mpI)onie, bie SRieS in befter Meinung geänbert 
Ijatte. 3d) glaube, Ijätte ffleetljoöen jene ©teile in ber Sßaftoratfom* 
Päonie einmal wirflidf) gehört, e« würbe bem Drcf)efter ober bem 2)iri< 
genten nidjt beffer als Stieg ergangen fein. 

gür bieSmal genug ; möchten obige gäfle t>on red^t Sielen in 39e* 
trad&t genommen werben! 2Bie fönnten wir unfere SJere^rung für 
unfere grofjen äßeifter beffer betätigen, als bafe wir aus if)ren Sßerfen 
ju entfernen trauten, was 3rrtf)um ober Q\x\aU baran befcJjäbigt? 
Sftur in biefem ©inne würben biefe QtxUn gefd&rieben. 61 

91. ©cf)umann. 



1842. 



* flretstrfo (Dmoll) 

fflr ^ioMforie, Stoltae mtb StoloRceKo Hon 3« G. Sonid SBolf. 

Referent E)at obigeä Xrto nur einmal gehört: e3 ift inbefc fo 
flar unb einfad}, bafc ein einmaliges 8lnf)ören fdfjon ljutjureidEjen fd^eint, 
über bie Sompofition ein Urtljeil ju fällen. 

S)er Kamen ber §m. SßreiSridjter erinnere td(j midf) nidfjt meljr 
genau;* {ebenfalls aber Ijaben fie ein Xalent auSgefpätjt, baS Stuf* 
munterung Derbient unb, glaubt es ftc!) nicf)t etwa fcljon fertig, genuft 
nod) SebeutenbeS ju Xage bringen wirb. 2)afür fpridEjt bie erfreu* 
fidfje 8ti<f|tung, bie fidj im Allgemeinen im Xrio jeigt, bie ungefün* 
ftelte «rt beS 8luSbrucfS, bie bereite erlangte gertigfeit in §anbljqbung 
ber gorm. JBerbiente fo ber talentvolle Äünftler ein ßob, fo bod) faum 
einen SßreiS. (SS wäre fd&limm, wenn unter ben jur 9Wannt)eimer 
SßreiSauSfd&rribung eingefanbten XrioS nidjt foenigftenS ein fünftel 
bem S. Sßolffdjen gleidfföuadjtenber ©tüdCe fiel) gefunben t)ätte, — ober 
bie ©infenber müßten äße einen fonberbaren Segriff öon preiStoür* 
bigen XrioS fjaben, — unb fo arm finb nur in $eutfcf)tanb nod) nidjt, 
bafc wir bem erften beften ben Sorbeer nadfoutragen brausten. ®od> 
fireiten wir nid)t um baS (Slücf, bäS ber gefrbnte ©omponift gehabt; 
aud) ®lücf gehört jur Shmft, unb boppett benetbenStoertf) ber Äünft* 
ler, bem eS fdjon im Anfange fetner Saufba^n lächelt, aber auc!} bop* 
pelt beranttoorttidf), wenn er ben liebevollen (Srtoartungen, bie man 
öon iljm gehegt, nid)t SBort Ijält, wenn er, eitet geworben burdf) ben 
augenblidEKd&en ©rfolg, fidE) gar vertoirft. SMe Sßerfon beS ©ompo* 
niften ift mir übrigens nidjt befannt ; idE) toetfc nidjt, ift er jung ober 



* (£3 maren Spoty, ftaflitooba unb 3ofep1j ©traufj ((SarlSnxfje). 



352 



alt, 9iorb* ober ©ttblftnber. ©ine» aber, wie gefagt, gef)t au» feinem 
Xrto hert>or, bafj er fchöne Gräfte jum SBettftreit mitgebracht unb bafj 
bie 3 u fanft au f ^ n a ^ au f e * nen tüftigen Kämpfer jätjlen barf. SBir 
fügen noch einige» über bie ©ontpofition felbft bei, bamit man Hüffe, 
wa» man t>on ihr ungefähr ju erwarten hat. ©ie gorm ift bie ge* 
wohnliche im ©anjen wie in ben einzelnen ©afcen, bie Slnlage mitt* 
lerer ©röfce; ju ben fogenannten „großen* Xrio» gehört bie ©ompo* 
fition nicht. (Sine entfehiebene ©igenthümlichfeit fpridjt fie ebenfo 
wenig au» wie eine SJorliebe für ben ober jenen ÜJteifter, wenn nid^t 
etwa für ©. 3Jt. t>. SEBeber. ©er @afc ift rein, mobern*einfad), bie 
3tu»füf)rung nicht fchwierig, ©inen wirflief) bebeutenben Gfjarafter ^at 
feiner ber ©äfce, wot)l aber äße eine anmutige ?ß^fiognomie. 2tm 
wenigften besagte mir ba» Anbaute mit feinen attmobifdjen SBariatio* 
neu, am meiften ba» ©cherjo. ©er lefcte ©afc ^at ein gar ju wof|I* 
feile» X^ema; ber jweite ©efang ift mufifalifcfjer, 9ieue», geine» in 
ber Harmonie, im^affagenwerf :c. enthält ba» Xrio wenig ober gar 
nicht», bagegen aud) nicht» gerabeju Xriöiale». ©iefe einjelnen 3 s fl e 
mögen bem Sefer einen Ümri§ t>on ber ©ompofitton geben. ©rfreulich 
ift e» noc^ ju bemerfen, bafj ein in biefer ßeitfdjrift frü^r aufgefteCU 
ter $u»foruch „bafj bei fünftlerifchen SBettfäntpfen meiften» einfjeimifdje 
Ättnftler ben $rei» baoontrügen", auf biefe $ßrei»compofition nicht an* 
juwenben, ba ber ©teger, wie wir hören, in Sßien lebt weft&e ©tabt, 
Wie Diele» Unfraut boc!} auch toudjem mag, un» benn boch t>on &it 
ju 3^t aud) ein gute» Xalent fenbet, al» ba» wir ben ©omponiften 
normal» bejeichnen ntüffen. 

12. 



(Höben für ks ptanoforic. 

9L ©Vonljoty, SctfjS d>araftertftifd>e @tübeu. SBerf 9. 

©er SSerfaffer ift Drganift, man mufj ba» wiffen, um fein ©tTe» 
ben mehr fehlen ju lernen. ©» brängt unb treibt ihn in bie §öhe, 
er möchte bie ganje SBelt mit feiner Äunft beglüefen. Silber bie Strafte 
finb noch unentwief elt ; e» fehlt fogar bie Sicherheit im Xechnifdjen, 
Urtheil unb ©efehmaef. 3n jeber ber ©tüben wirb ein guter äßufifer 
etwa» ober tnel au»jufe|en höben, namentlich in ber mobulatorifchen 



(£. äRontag unb (£. SBittmcmn, (Stäben. 



353 



gorm. 2Ber wirb j. 85. in einem Keinen jwei Seiten langen ©tücf 
aus G moll fid) gleidO aus bem Sattel nnb nad£| E dur werfen laffen, 
wie in ber erften Stube? So öermag ber SBerfaffer faft in leiner bie 
Xonart feftjul|alten, was an einem Drganiften, ber bodf) feinen 3- Seb. 
S3a<$ lernten mufc, boppelt wunbert. ©S enthalten bie ©tücfe aber 
aud) manches ©mpfunbene; jo ljebt fid) plö|lid£j auf ©eite 13 ein 
ferner träumerifdfjer ©efang f)ert)or. SBie er aber borten gefommen, 
begreift man audfj nid)t red)t; er pafet Weber jum Anfang noefj jum 
SSerlauf beS Stüdes, ftctjt überhaupt ifolirt in ber gangen Sammlung. 
StädOft biefem gragment fdfjeint uns bie le$te ©tübe trielteidOt bie be* 
fcfjeibenfte, bodf) aud) bie fertigfte. ©tttben finb eS übrigens nid&t, 
fonbern ©fijjen. 2Sir galten aber bafür, ber ßomponift müffe, um 
weiter ju tommen, biefe rl)apfobifd)e gorm aufgeben, unb eS würbe 
unS ein §eft woljlgefefeter gugen bei ber nädffften ^Begegnung meljr 
erfreuen als ein jweiteS t>oßt Sfijjen. ?ln feinem fönigtid^en 3nftru* 
mente mufc er ja ben SBertlj ausgeprägter Shmftform, wie fie JBacfy 
im ©röfcten unb S?leinften giebt, ju würbigen gelernt §aben. 

& äRotttag, 3*et dtflbett. ©er! 3. 

©in ebleS Streben fpriefft audf) aus biefem SDBcrfd^en beS ßompo* 
niften, auf ben wir nod) t>or Äurjem aufmerffam gemalt. Dodf), 
fd()eint uns, grübelt er ju öiel unb öerwidelt fidf) oft. Dagegen fdfjüfet 
am erften Arbeiten für ©efaugftimmen. $)aS Snftrument oerfü^rt nur 
ju oft jum ©jperimentiren, bie Stimme leitet wieber jur SJlatur jurücf . 

3war er wollte ©tüben fdOreiben, aber gewife audO met)r als baS, 
unb oor Sltlem -äftufif. ©injelneS erfdfjeint gelungen ; eine Xotalwir* 
hing üermiffen wir aber nodf), unb bieS lommt wof)t jum Xt)eil t>on 
ber fd^wierigen Aufgabe, für Silbung ber §anb forgen unb audfj muft* 
falifdf) feelen&oll erf feinen ju woflen. SRur wenigen ausgezeichneten 
Xalenten ift bieS ju bereinigen gelungen. 3m ßfjarafter treffen bie 
beiben ©tüben im fd(jwermütt)igen Xone stammen, bodf) ift bie jweite 
lebhafter, bie erfte finnenber. S)er cauomfd)e Sd)lufjfafc ber jweiten 
^ebt bie SBirlung beS 9Sort|erget|enben beinahe ganj auf; wir tyätten 
iljn lieber ganj unterbrfidt. 

* Sari ÄMttmann f <Sedj* Stäben. 8Bcrf 6. 

5Die SluSftattung ift prächtig, ber Stid) öorjüglidE), — aber bie 
Sompofitton! Sie rüt)rt wof)t üon einem Dilettanten ^er, einem 

Sdjumann, @cf. Schriften. II. 23 



354 



2K. (S. <£&ertoeht, (Stöben. 



Söiufifer wäre fie faum jujutrauen, noch weniger ju vergeben. Sin 
gewiffe gärten unb offenbare ©chnifcer, tüte fie baS SBerf jeigt, wür* 
ben toir uns am ©nbe noch weniger ftofecn als an bie gange fdjale 
Dichtung, bie es get)t, jenes füßlid£je, fentimentale SBefen, baS ttalie* 
nifch fein will, jenes virtuofifcfje ßofettiren, baS nur auf SBeifatt 
verliebter grauen ausgeht. 2lber, wie gefagt, wir Vermuten einen 
Dilettanten hinter bem SSerfaffer, einen von jenen vielen, bie „Xfyah 
berg" fpielen fönnen unb äWojart veraltet nennen. Silber er laffe baS 
©omponiren. ®S giebt 10,000 beffere ©ompofitionen in $)eutfd)Ianb 
ate bie feinigen — bie boefj nicht gebrueft ju werben verbienen. äBoju 
noch bie Sßacutatur vermehren? 

SR. <£. diertoeut* Sech« Stfiben. 

©er SSerfaffer ift ein ©oljn beS SBeimarfdjen SKufifbirectorS. ©r 
hat, irren wir nicfjt, außer im väterlichen §aufe audO bei Rummel 
Unterricht gehabt unb jog fpäter nach ^^ri«, wo er fidj namentlich 
ate Sehrer einen SBSirfungSfrciS gebilbet. 

$)ie verfütjrerifchen ©ireijenftimmen jener @tabt f)aim feinen 
Ohren übrigens vergebens gefdjmeichelt. Äein äWenfch würbe bie ©tüben 
einem granjofen jutrauen, überall fieht ber f djlichte ehrliche 2)eutfd}e 
heraus. Slußer burch ©orrectljeit beS ©a$eS unb gute gorm jeichnen 
fich bie ©tüben auch ^ urc ^ ^ re Seid^tigfeit aus, fie werben ben meiften 
(Spielern mittlerer Sfraft gar leine mehr fein. ®ieS ift ein SSorjug 
vor vielen, bie als ©ompofitionen auch nicht größern SBerth §c&tn> 
Sßenn bei ben SSorjügen, bie mithin bie ©tüben befifcen, vorauSju* 
fefcen ift, baß fie in ber unmittelbaren Umgebung beS ßomponiften, 
ber zugleich Sehrer ift, 9lufeen ftiften werben, fo glauben wir b och 
nicht baß fie barüber hinaus bringen. 2)aju fehlt eS ihnen an Dri* 
ginalität, ©chwung ber ?ß^atttafte, $raft, unb auch att i ener ©rojie, 
bie oft noch größere ©iege erringt als bie Äraft. 9ludj bie ©tübe 
fott höheren 3wecfen bienen als bloS mechanifdjen. 2)ieS wußte fdjon 
ßramer, unb wie h^ben fich bie Qtiitn unb äftenfehen feitbem noch 
geänbert! ©tüben j. 58. wie bie erfte, müßten gar nicht mehr gebrueft 
werben ; bergleichen fyabtn wir fchon in h^nberterlei gönnen gehabt. 
S)aS ift aber eben ihre fchwächfte Seite, baß fie nichts ÜReueS, Söefon* 
bereS geben. Soben aber, wie gefagt, muß man überall jenen ein» 
fachen unverfteüten SluSbrud, wie er ber §ummelfchen ©d)ule über* 
haupt eigen. SSieHeicht, baß in ben fpäteren §eften, bie ber ßomponift 



g. ftujferattj, <Soncert*(£tübeiu 355 

auf bem Xitel ücrfprid^t, er aitdj einen fyityttn Äuffchmung nimmt* 
35ie 3eitfd)rift wirb über bie gortfefcung berieten. (Sinftweilen tootlen 
wir nodfj auf bie ©tüben fünf unb fecha, ate bie muftfaltfch intereffan* 
teften, aufmerlfam gemalt haben; namentlich fchlägt Sit. 6 einen un3 
toon 58ad} her liebgemorbenen Xon an. 

ft. Sufferatt) f <Sedj* (Soncert-ffitfiben. äßet! 2, 

S3 jtnb biefe Stüben ohne $weifel & ie cmSgejeichnetften, bie in 
legtet $eit erfdjiencn, fo fchöne Sigenfchaften fiuben fid) in ihnen öer* 
einigt, freilich bid jur Drigtnatität ift ber junge Sfünftler auch nodfj 
nicht burchgebrochen; er befunbet aber eine fo folibe SBilbung, fo ge* 
funben natürlichen ®efd)ma<J, ber fidf) auch Sefte toom Sßeuften 
mit ®t\ä)id angeeignet, bafe mir auf if)n als auf .einen tüchtigen &ta* 
mercomponiften ber $utunft rennen fönnen. Um fo freubiger fprechen 
wir bieg au8, ba mir im SlugenbtidEe eben nicht reich an guter ßlaüier« 
mufi! finb. SKad) ber ftürmifdfjen Stjoptnfd^cn Spodje, bie in £enfelt, 
Sifjt unb %1)äti)tx$ ^ re & re * Snbpunfte erreicht, fcheint jefct ein ©tili* 
ftanb eintreten ju wollen. SMe äWedjanif mar bi8 jur äufcerften $öf)e 
getrieben, e$ mußte eine ©rfchöpfung eintreten, ©djon aber regt fid) 
neues ßeben. ®er ^olbe ©efang, t)on frönen formen getragen, will 
feine Siechte wieber, mit ©hrfurdfjt erinnert man fid) wieber älterer 
Flamen. 3)ie folgen mirb bie nächfte ß^tunft jeigen. S)iefe S3etrach* 
tungen tnüpfen wir gerabe an ben Flamen beS jungen ÄünftlerS, ben 
wir eben nannten, weil auch ihn bie tefete ©poche nicht unberührt ge* 
laffen. äber biegluthjeit ^at ihn an ein fixeres Ufer geworfen; bie 
Erfahrungen, bie er gemacht, werben ihm nur heilfam fein, unb mit 
ben 3ahren Äraft unb ©elbftänbigfeit warfen. 3n feinen Stüben 
fieht man jene 3eit ber (Srregung nodfj beutlich nachwogen; fie gleichen 
etwa jenen ruhigeren SSßafferringen, wie fie nach heftigem ©türme bem 
Ufer jueiten. Sehen wir fie etwas genauer an! ©leid) bie erfte (Stäbe 
nimmt für ben ©omponiften ein, weniger burdj ©igenthümlichfeit als 
burch SBohllaut. ©ie erfdjeint wie ein ßwiegefang, ber fich julefct ju 
einer SKelobie toerfchmiljt, nicht unähnlich jenem SiebeSbuett 9Men* 
betefohnä in feinen Siebern ohne SBorte. 2>er ©inbruef be« ©anjen ift 
wohtthuenb, wenn auch, ro* e gefagt, nicht neu wirfenb. ©ehr fagt uns 
bie jweite ©tttbe ju, bie in ihrer Sleganj, ihrer feinen Gattung an 
SRofdjeleS erinnern möchte; fie besagt un§ burchauS; wir wünfd&ten 
nicht« jugefefct noch weggenommen» 5Die britte (Amoll) fänbigt fich 

23* 



356 



Stfet, ©raöourfhibten nad) $aganini. 



im Sfjarafter als ^umoriftifc^cr an; ber SDitttelfafc, namentlich im ®e* 
fange in Asdur, bleibt aber hinter ben (Srmartungen jurücf, man 
erwartete eine geiftreidjere Verarbeitung. $)ie legten lacte wttnf d)ten 
wir gang geftridfjen. £>aS grajiöfefte ©tücf ber Sammlung ift ohne 
3»eifel baS folgenbe, ein recht jarteS SiebeSgebidfjt, in gorm unb §al» 
tung üorjüglich gelungen. Stoß ber (Somponift auch Sljopin !ennt unb 
liebt, jeigt bie fünfte (Stube; fie fängt feljr nrilb an, lenft aber balb 
in einen ruhigen Sßittetfaj}, ber inbeß wenig SlnjiehenbeS h at - 3)aS 
®anje fd^eint uns mißwadfjfen. (SS ift ein ©tüdf, an bem ber Eom* 
ponift t>iel geänbert ^aben mag. 2)ie (Sinleitung jur fechften 9him* 
mer erinnert offenbar an 33eethot>enS Cis molKSonate, wirft aber anify 
im Abglanz; bie eigentliche (Stäbe folgt erft; fie gehört ju ben briHan* 
ten gigurenetüben, wie wir beren mehrere t>on $enfelt haben. Siament* 
lieh biefe fdjeint ben Xitel ju rechtfertigen, würbe and), wenn wir 
nid)t irren, in einem t)icfigen (Soncerte üon bem (Somponiften gefpielh 
jj ü 8faS bem Dbigen flcijt man, baß fich ber SBertlj ber öerfdjiebenen 
(Stöben nicht gang gleich ift, unb baß gerabe jene bie fdjwädEjeren, wo 
ein SSorbilb beS ©omponiften erfichtlich war, 2)ieS giebt aber um fo 
mehr ber Hoffnung SRaum, ber (Somponift befi|e ein eigentümliches 
vollgültiges Xalent, baS fich mit ber $eit noch tioQfräftiger heraus* 
bilben werbe. ®o fehen wir benn mit greuben feiner femern (Snt* 
widtelung entgegen. 

& ßifji, Sratiourftttbicn nach $aganuti3 Gapricett 
für baS ^ianoforte bearbeitet. (3wei Abteilungen.) 

2)a8 Driginalwerl Ijttßt • 24 Capricci per il Violino solo com- 
posti e dedicati agli artisti da N. Paganini. Opera 1. (Sine 33ecu> 
beitung t>on jwölf t>on ihnen burch Stöbert Schumann erfdf)ien in jwei 
§eften bereite in ben 3a!jren 1833 nnb 35. Such in $ariS erfd&ien 
ein Arrangement einjelner, beS SRamenS beS Bearbeiters erinnert fich 
SRef. nicht mehr. $)ie Sifjtfd^e Sammlung enthält fünf SRummern 
aus ben Sapricci, bie fechfte ift eine Bearbeitung beS befannten ®löcf » 
djenronboS* (SS !ann fytt t>on leiner pebantifchen SJlacfjbilbung, einer . 
bloß h^nnonifchen Ausfüllung ber SBiolinftimme bie 5Rebe fein; baS 
(Slatrier wirft burch anbere SWittel als bie Biotine. 

(gleiche (Sffecte, burch welche Sölittel audl), h^orjubringen, war 
hier bie wichtigste Aufgabe für ben Bearbeiter. Stoß fich 2tfjt aber 
auf bie Littel unb Effecte feines SnftrumentS oerfteht, weiß Seber, 



ßifet, ©ratoourftubien nac§ Sßaganini. 



357 



bcr ihn gehört. ©8 muß atfo gewiß toom ^öc^ften Sntereffe fein, bie 
(Sompofittonen beS, was füllte Braoour anbetrifft, größten Biolin* 
Birtuofen beS SahrhunbertS, Sßaganini, burd) ben fünften ©latrier* 
Birtuofen ber gefttgeit, Sif gt, ausgelegt gu ermatten. ©in Blicf in 
btc Sammlung, auf baS wunberliche tüte umgeftürgte SRotengebälfe 
barin, genügt bem Äuge, fich gu übergeugen, baß eS fich fytt um 
nichts Seid^teS ^anbelt @S ift, als ob ßifgt in beut SBerfe alle feine 
Erfahrungen nieberlegen, bie ©c^eimniffe feine« ©pieleS ber SRadjwelt 
überliefern wollte; er tonnte feine Bereljrung für ben großen öerftor* 
fienen Sünftler nid)t fcfjöner betätigen als burefj biefe bis ins Sileinfte 
Sorgfältig gearbeitete, wie ben ©eift beS Originals auf baS Sreuefte 
toieberfpiegelnbe ^Übertragung. SBenn bie ©chumannfehe Bearbeitung 
mehr bie poetifche Seite ber Sompofition gur Sfafdjauung bringen 
wollte, fo ^ebt ßifgt, aber ohne jene öerfannt gu §<xbm, mehr bie 
trirtuofifdfje tyrtoot', er begeidfjnet bie ©tücfe gang richtig mit „Braoour* 
©tubien", toie man fie wohl auch, öffentlich bamit ju glängen, fpielt* 
freilich werben'S ihrer SBenige fein, bie fie gu bewältigen öerftänben, 
vielleicht nicht trier bis fünf auf ber gangen weiten äöelt. 2)ieS fann 
aber nicht abhalten,* bie ©a<he gu bef)aribetn, als ejiftire fie nicht» 
®en h B ^lf tett ©pi|en ber Birtuofität freut man fidl) toohl auch ™ 
einiger (Entfernung nahe gu fein. Betrachten wir manches in biefer 
©ammlung (Enthaltene freilich genauer, fo ift fein ßtoeifet, *> a ß ber 
mufifalifdfje ®runbgef)alt mit ben mechanifdfjen ©djwierigfeiten oft in 
feinem Berhältniffe fteht. $ier aber nimmt baS SBort „©tubie" trieleS 
in @chufc. 3h T fottt euch eben üben, gleichviel um welchen SßreiS- 

Sprechen wir eS alfo aus, baß biefe ©ammlung oielleidfjt baS 
©chwierigfte ift, was für Slatrier je gefd^rieben, ebenfo wie baS Dri* 
<jinal baS ©chwierigfte, was für Biotine, Sßaganiui wollte bieS wohl 
auch mit fä ner furgen 5Debication „agli artisti" auSbrücfen, 

b. h- nur für Äünftler bin ich gugänglidf). Unb fo ift eS auch m ^ 
ber Statrierftimme ßifgtS; Birtuofen oon gach unb SRang allein wirb 
fie einleuchten. 5DieS ber ©tanbpunft, öon bem biefe ©ammlung gu 
beurteilen ift» ®ine gergliebembe Unterfuchung übrigens beS Dri* 
ginals mit ber Bearbeitung müffen wir uns oerfagen, fie würbe gu 
triel 9taum foften. Beibe in ben §änben geht eS am beften. Sn* 
tereffant ift bie Bergleichung ber erften (Stübe mit ebenberfelben nach 
ber ©djumannfcljen Bearbeitung, gu ber ßifgt felbft burch Stbbrucf ber 



* äetuegen 



358 



3. Sdjajrfer, SßreUqitartett. 



teueren, %ad für Xact, finnig aufforbert. 3n ber italicuif^en 
Sluägabe ift e8 bie fedfifte ©aprice. S)ic tefcte Stummer bringt bie SBaria* 
tionen, bie audf) bic Originalausgabe befdjliefcen, biefelben, bic 2B. 
©rnft ju feinem „SBenejianifd&en ©arnatoal* angeregt fjaben mögen; bie 
2if jtfdje ^Bearbeitung galten toxi für ba3 mufifalifdj Sfltereffantefie be3 
ganjen 23erfe3 ; aber and) $ier finben fidfj, oft .im fleinften Sftaume 
oon einigen Xacten, ©d&toierigfeiten .ber immenfeften 8rt, ber Ärt, 
bafc too^I Sifjt felbft baran ju ftubiren ^aben mag. SBer biefe SSa« 
riationen bewältigt unb ^war in ber leisten neefenben SBeife, bafc fie, 
wie eä fein fott, gleich einzelnen ©cenen eine« Sßuppenfpiet« an un§ 
Dorübergteiten, ber mag getroft bie SGBctt bereifen, nm mit golbnen 
fiorbeeren ein jroeiter $aganini*2ifjt jnrücfjufommen.j 

39. 



preisquartett tum 3\ü\m 5djoj>Ur. 

SBa^aft beutfd&e3 Sßed)! Söniglidjeg Sßedj! SDlan fd&reibt ein 
SßreiSquartett au«, man finbet eine« ^erauS, man brueft bie Partitur — 
unb gleich auf bem Xitel im ÜRamen be8 ©efrönten felbft bleibt ein 
fcrucffetjler fielen! ©d&abler ftatt wie oben ftet)t. «ber e8 t^ut nidjt* 
jur ©ac^e. ßoben wir lieber für« erfte bie 9li<f)ter,* bie bieSmal ein 
me^r als b.lofc gute«, ttadfj %oxm nnb ©d&ulgefefc richtige« ©tüd f>er< 
auSgefunben, bann ben ©erieffteten, ber aber aud) meljr als eine btofc 
gute Sompofition lieferte, ©dfjon ber ©ebanfe ber $rei3au3fdf)reiber, 
gerabe auf ein Quartett, war gut. einmal, ba bie ©attung an fidj 
eine fo eble ift, eine työljere 83ilbung ber Äämpfenben üorauSfefct, bann, 
ba in tyr ein bebenHidfer ©tiflftanb eingetreten toar. §atjbn$, SRo* 
jartS, 5Beetf)0ben8 Quartette, wer fennte fte nid|t, »er bürfte einen 
©tein auf fie werfen? 3ft e* flctoi§ ba« fpred&enbfte 3 c ^9 ni 6 
unjerftörbaren SebenSfrifdje itjrcr Schöpfungen, bafc fie nodj nad> einem 
halben Sa^unbert Silier §erjen erfreuen, fo bodj gewtfe fein gutes 
für bie fpätere Sünftlergeneration, bafj fie in fo langem ßeitraume 
nic$t3 jenen SBergleidjbareS ju fd^affen vermochte. DnSlow allein fanb 
Slnflang unb fpäter 9Jienbel8fof)n, beffen arift ofr atif * p oetif c^cm Stja* 
rafter biefe ©attung auch befonberä jufagen mu|. Äufjerbem liegen 



* Äaflitooba, ßinbpaintner, teigiger, Spoljr unb 2. ©traug. 



3. ©djapler, $ret*quartett. 



359 



noch in ben fpäteren JBcctf^oDcnfd^en Quartetten ©df)äfce, bie bic SSBelt 
faum femtt, an bencn fic noch 3af)tc lang ju heben ^at. 

©o finb toir $)eutfche bcnn feineSwegS ann; aber- eS waren bod> 
nnr SBenige, bic baS ßapital wirflidf) mehrten. Soben wir benn ben 
©ebanfen beS äRannheimer SMufifoereinS, bafc er fjier anregte, unb 
freuen unS, bafc fein ©ebanfe erfreuliche Frucht getragen. S)er Ur* 
t^eile über baS ©df)aplerfche Quartett finb oerfchiebene unb abweichenbt 
gefällt; barin aber fatnen fie überein, bafc eS etwas SSefonbereS, 
baS fid^ nicht gleich auf ben erften JBIicf ju erfennen gäbe. 

äBer bie f^äteren Arbeiten SBeethooenS fennt, wirb anberS fprecfjen. 
Der romantifdfje §umor bie f er namentlich $at auf ben jungen Äünft* 
ler gewirft, unb ba er felbft auSgejeidf)neter ©pieler unb Äenner ber 
Snftrumente, für bie er fchrieb, war er wenigftenS oon einer ©eite 
bor gänzlichem SRifjtingen ober Sjtraoaganj gefichert. Sliemanb 
leugne oor SlHem bem Duartett baS Streben nach fd^öner gorm ab. 
3m erften ©afce erfdjeint fie ganj rein unb feft, im jmeiten in Ijumo* 
riftifd^en SSerhättniffen, bodf} feineSwegS öerjerrt. 2>aS Slbagio h at 
etwas blaffere Umriffe. 3)er lefcte ©afc entfpridjt aber bis auf. ben 
etoaö übereilten SRücfgang bem erfteren an ©djärfe unb SRegelmäfeig* 
feit. S)ie gorm ift alfo im Duartett baS weniger SBefrembenbe a(S 
baS ©eiftige. §ier fpricht ein anberer SRenfdj ju uns als bie fjunbert 
gewöhnlichen, bteS füijtt man gleich- 5Der ^ilifter freilief) wirft atteS 
burdjeinanber; was it)m nicht War, nennt er romantifch; was er toer* 
fteht, flöfet ihm Hoffnung einer wieberfehrenben 3°PfS cit ein *> bann 
muntert er auf. Unb bies freut am DuartettpreiSgericht, bafe eS ein- 
mal einen fich.anberS unb neu auSfpredf)enben Äünftler entbeefte, bafc 
es an ben tf)eilweife ungeftümen S^aralter ber Sompofition fein fctyul* 
meifterltcheS SRafc anlegte. ' 

©et)ört ^abe ich baS duartett [Emoll] leiber nid^t. (£S ^at mir 
aber innerlich wiebergef lungen , ich roüfete Wne bunfte ©tette. einen 
ber ©fifce befonberS oorjiehen möchte ich ni^t ; fie fteljen auch 
einem inneren ßufammenhange. £>en ßharafter in furjen SBorten ju 
bejeichnen: eine anfangs trübe elegifcfje ©timmung fteigert fich burdj 
§umor unb ruhigeren betrachtenben (Sruft ju fühner energifdfjer Xhaten* 
luft. 3)ie SRufif höt fchon Sehnliches unb jwar in berfelben ftolge 
ausgebrochen, unb namentlich tiefte fich im Seethooenfchen Duar* 
tett in Amoll nadjweifen. ®in bebeutenbeS Xalent fpricht eS aber 
hier in feiner SBeife aus, unb eS ift wohl ber SWühe Werth, mit biefer 
Xrt unb SBeife fich oertrauter ju machen. SBegrüfeen wir benn baS 



360 §irfd)6a$ unb Ser^utft, Streichquartette. 

SBerf als ein eigentümliches, geifttJoHeS, unb weifen beutfdje Quartett* 
vereine barauf t)in. S)er Äünftler aber ftetye nidf)t ftttt unb gebe balb 
wieber SBctoetfc ber tfiatfräftigen Stimmung, in ber wir iljn julefct 
verließen. „®en SßreiS beS SßettlaufS ju gewinnen, barf man nid)t 
ftetyn unb fiefj befinnen" §at er fid^ felbft jum SRotto gefefet, unb eS 
giebt nodj anbete unb l)öt(ere Sßettläufe. $)a8 ©lücf §at tt)m fd£)on ein« 
mal freunblidEi jur Seite geftanben; er oerftelje unb benufce ben SBinf. 

ftloreftan. 



«Streichquartette« 

4?. §irfd)bad), Sebenäbttber in einem ©gfluS fcon Duartetten für jtoei Violinen, 

$iota unb Violoncello. <£rfte3 Quartett [Emoll], jß&erl 1. 
3. 3- £• $er$ulft, S»ei Quartette für »toline :c. [Dmoll unb Asdur.] 3Berf6. 

ßwei ber obigen Quartette finb fdjon oor geraumer 3 e ^ (f- 
©eite 115 f. unb 125 ff.) als SRanufcripte erwähnt worben. Sßir 
begrüßten fie, jebeS in oerfdjiebener äBeife, als bie erften größeren 
Stefuftate talentreidEjer SBeftrebung, unb bezeichneten namentlich baS 
latent beS ©rftgenannten als ein eigentümliches poetifdjeS, wäljrenb 
und baS lebhafte bilbungSfäljige SRatureD beS jungen §o(länber8 mit 
nicht minberer Xf)eilnaf)me erfüllte. 

©eitbem mögen beibe junge Äünftler noch fleißig fortgearbettet 
haben; oon bem einen ift es belannt, als äWufitbtrector eine« ©on* 
certoeretnS* brang fein 9lame fd^neUer in [bie Deffentlichleit. $>er 
anbere ^atte einen fdfjwereren ©tanb; was lümmert fidf) bie SBelt 
um ein ®tchterftübdhen, wenn eS nicht gerabe auf ber offenen fronte 
eines SßalafteS gelegen? ©o erfd^ien benn oon feinen ßompofitionen 
bis jefct nur bie eine, baS erfte eines (StjfluS oon Quartetten, bie 
er felbft „ßebenSbilber" nannte unb mit äRottoS aus ©oet^eS gauft 
iiberfd^rieb. 

SDlan fottte meinen, oiele unferer ßefer müßten begierig nad} bem 
erften SQScrfe eines jungen SWanneS greifen, ber in biefer Seüfärift 
fd)on manchmal ju ihnen gebrochen, ber ihnen befannt fein muß 
burrf) manche füf)ne Steußerung. äRan wirb baS $öcf)fte oon ihm 
oerlangen, man wirb ifjn mit bem üRaße meffen, mit bem er ge< 



* $er ©uterpe in Seidig. 



§itfdj6adj, (Streichquartett. 



361 



meffen. 2Ber bic^ vornimmt, wirb freilidl) an üjm auSjufefcen finbcn 
unb mcl. Xrennt er aber ben fritifdfjen äßenfdjen öom probuettoen, 
fo wirb er biefem bie X^eilnat)me nid^t öerfagen fönnen, bie wir 
jebetn jollen müffen, ber fich mit eigner gauft eigne SBaljuen fudjt. 
©djmeicheln unb gefatten will er nicht; fagt er'S boch gleich in ben 
SKottoS {elbft, wa« er will: „(SS möchte fein §unb fo länger leben" 
unb „3ch grüfee bid), bu einjige tyfydlt, bie ich mit Stnbacht nun 
herunterhole, in bir toerehr' ich 3Renfd£jenwt| unb Jhmft". £>ieS ift 
aufrichtig genug. 3nbe§ fchaubere man nicht ju fc^r t>or feiner SJlufif 
jurücf als üor einer menfehen« unb lebenSfeinblichen, grabe ihr auch 
nicht ju tief nach, ob fie ben ©inn ber gauftfcfjen Sieben budttftäblich 
wiebergiebt. Srren wir nicht, fo finb bie Ueberfdjriften erft fpäter 
hinjugefommen, als bie ©ompofition beenbigt war. . $>er ©omponift 
fanb in ihnen etwas feiner ausgekrochenen Stimmung im Äflgepteinen 
SBerwanbteS, unb fie paffen auch jumeift nur auf ben ©hötafter 
erften ©afceS ; bie anbern ©äfee, obwohl auch rthfi i^gen ein weniger 
fd)wermüthtg wilbeS ©efich.t unb galten bie befannten charalteriftifcfjen 
ßeichen foldjer ©äfce im ©anjen feft. 

©ewifc, ber ßomponift fchrieb aus feiner ©eele; ein heftiger 
©rang jum ©Raffen fpricfjt , fid) in aßen Stummem frineS Quartetts 
unoerfennbar aus. 5Den flüchtigen ©eftrebungen anberer jungen 6om* 
poniften gegenüber f)ahtn bie feinigen {ebenfalls etwas ©rofcartigeS 
unb SlchtunggebietenbeS. äJian fieht eS, er will ein dichter genannt 
fein, er möchte fidl) überall ber ftereottjpen gorm entjiehen; SBeethooenS 
tejjte Quartette gelten ihm erft als Anfänge einer neuen poetifchen 
Slera, in biefer will er fortwirfen; §ai)bn unb SWojart liegen ihm 
weit jurüdf. ©o ^at er in ber Zfyat manches mit bem frangöfifdjen 
JöerUoj gemein : fähne ©chafftuft, Vorliebe für grofce formen, poetifche 
Anlage, theilweife Verachtung beS Sitten — unb auch t> a 3/ b ö fe er, 
wie jener in früheren fahren äRebiciner, erft im jwanjigften fich ganj 
ber Söiufif wibmete. 3)er te|tere Umftanb ift erwähnungSWertlj. 2Ber 
früh Jpcmbwerf lernt, wirb früh *ta SRrifter, unb gerabe bie 
Sugenb ift ber (Sntwicfelung gewiffer gertigfeiten am günftigften. 
S5aS ©lücf aber einer frühzeitigen richtigen Seitung fcheint unfer 
Äunftjünger nicht genoffen ju fyabtn. dagegen brachte er freilich 
anbere Gräfte mit jum SDienfte ber SRufen, benen er fich km ergeben, 
eine überhaupt üielfeitigere Sitbung, wie man bei ber Safte fonft 
nicht finbet. @r ift ber @efd)ichte öertraut, er fennt bie Srtdfjter aller 
Sänber, bie Kämpfe ber ©egenwart in oerfchiebenen Sejiehungen finb 



362 



Serfjuljt, ©tretdfquartette. 



it)m nic^t fremb geblieben. 2BaS SBunber, wenn ein in artbern Dingen 
fo weit uorgefdjrittener 3üngling nun audO in ber SRufif nidf)t mit 
bem 8193© anfangen, wenn er gleid) frei reben unb bieten will. 3m 
erften frifd&en Slnlauf gelingt audf) üietcö ; l)in unb wieber bricht aber 
bodf) bie lücfenfyafte SSilbung als SWufifer f)inburcf), unb man t)at 
bann ungefähr baS ©efüfjt wie nadf) einem ortf)ograpI)ifd£)en Sd)ni|jer 
in einem fonft geiftreidE) gefdf)riebenen S3riefe. 8Cef)nIicf)em, unb nur 
nodfj öfter, begegnet man in 33erIiojfdf)en Kompofitionen. SBir wollen 
bie einzelnen Stellen im Duartett nidfjt anführen, bem jeber äftufifer 
bie nodj unauSgebitbete §anb anmerft. 2)er ßfiarafter beS ©anjen, 
baS barin toorwaltenb beutfdf)e ©epräge fteljt I)öf>er. 6s ift Sinn 
unb 2Bal)tf)eit in biefem ßebenSbilbe, unb was tf)tn an Sßeifterfdfjaft 
abgebt, jeigen üietteid^t fdfjon bie fpäteren, bie ben St)lluS öoHenben 
follen. Sinftweilen glaube er uns nur nodfj biefcS : wir lieben baS 
fingen ber 3ugenb nadfj Steuern, unb SJeetljotoen, ber big jum legten 
Slt^emjuge rang, ftefyt uriS als ein l»ol)eS SRufter menfdjlidfjer ©röße 
ba ; aber in ben grudf)tgärten üJtojattö . unb $at)bnS fielen auef) 
fdjwerbelabene SSäume, über bie fidfj nid)t fo leicht f)inwegfef)en läßt, 
ober man überlebt fidfj eines üerebelnben ©enuffeS ju feinem SdEjaben 
fo lange, bis man, nadfj anberen umfonft in ber SBett umfjerfudjenb, 
enbftdfj bodf) wieber auf jene jurädtfornrnt, aber bann gu fpät unb oft 
mit einem erlalteten ^erjen, baS nidfjt meljr ju genießen, ober mit 
gittemben $änben, bie ntdf}t metjr ju bilben toerftet)en. 62 

3n jene grudfjtgärten Ijat ber anbere junge Äünftter, ben wir 
oben genannt, bei SBeitem met)r t)ineingefdfjaut ; man merft eS iljm 
an, er fül)It fidf) glüdttidf) in feinem SBerufe, SRufiler ju fein; er will 
toor SttHem SRufü, frönen Älang; gauftfd&e SWebengebanfen fjegt er 
nidf>t. Sd&on bei 83efpredf>ung einer feiner Duüertüren (Seite 176 ff.) 
bejeid&neten wir . bie Strt feines XalenteS unb bie it)m entfpredfjenbe 
tRid^tung ; wir wüßten bem. bort ©efagten faum etwas fjinjujufügen. 
8HS Duartettftilift im JBefonberen jeigt er eine entfdjiebene 83efät)igung 
audjjubiefer ©attung; er ^atitjren wahren ßfjaralter gefaßt, jebe Stimme 
fudfjt fict> felbftänbig ju galten, fie winben unb freujen fidj oft tnter* 
effant genug; .nur manchmal überfällt if)n eine Slrt fompljomftifdfjer 
guror, too er ben befdfjeibenen SBieren Drdfjefterwtrfungen abjwingen 
mödfjte. ©er ßeitfolge nadj ift baS mit SRr. 2 bezeichnete Duartett baS 
juerft entftanbene. (SS gel)t aus einer im Duartett xoo\)l nodf) unge* 
brausten Xonart, ber in Asdur, unb l)at feine Sd&wierigfeiten. Su^orm 
unb fjolge ber Sä$e ftrebt es fidf) ben alteren oben genannten SWeiftern 



SSerljulft, «Streichquartette. 



attjiif fließen. 3m 6f)arafter tjerrfd()t §eiterfeit unb 2eben$Iuft vor, nur 
an einzelnen ©teilen von Sleufcerungen finnigeren (SrnfteS burd&brodjen. 
Die metobifcfye güfyrung §at tfod^ fein entfd£)ieben originelles @e* 
präge; einzelne lebhafte 8(u8brüd)e erinnern an 3Wenbel8fol)nfd(je$. 
Durd&weg ju räumen ift aber bie Steinzeit beS ©a^eS in feinen oft 
fünftlidfen Serfledjtungen. ©o fann bäm-b'aS (Stange-, gut einftubirt 
unb vorgetragen, nur einen günftigert (Sinbrud hervorbringen. Der 
be3 jweiten Quartetts, baS in D moll gefdpiebtn, ift ein vielleicht nod) 
günftigerer. Da beibe fürs nadj einanber gef daneben f djetnen, fo finben 
fidf) tüot)l einzelne Sehnlidjfeiteft ; jcbcnfaUg btfvegt ficf) aber ber (£om< 
ponift im jweiten noch leidster unb gefdf)tdter, woju auch bie letztere 
Xbnart beigetragen. Der erfte ©a| raufest flüchtig vorbei; ber jweite 
§aaptgefang, ber faft einen Sßarentljefend&arafter fyat, fönnte bebeu* 
tenber fein, unb wo er tranSponirt wieberfehrt, wunbert bie veränberte 
weniger gute Harmonie. Den ©chtufc wünfdfjten wir ebenfalls bebeu* 
tenber; er bricht ju furj ab, als ^ätte ber Somponift bie ßuft an feiner 
ärbeit verloren gehabt. 3m Slbagio erhebt er fid) aber wieber einer er* 
freulic^en §öt)c ber©timmung. Der britte unb vierteXact erinnern wof)t 
an ein SRojartfcheS Xhema im Don 3uan ; baS ©tücf burdfoietyt aber 
im Uebrigen eine fo frifdje (Smpfinbung, wie fie nur ber 3ügenb eigen ; 
genriffe f leine ^armonifc^e Xäufchungen machen eS ganj befonberS an* 
jieljenb. . DaS ©d^erjo benimmt fich munter, aufgeräumt tro| ber SRott* 
tonart; je feder ber Vortrag, je mehr es wirfen wirb* Der lefcte ©afc 
fängt mit bem testen ber heroifchen ©tymphonte an, beinahe büchftäbtich. 
3ft baS bem ßomponiften entgangen? SBenn nicht, warum liefe er es 
fte^en? SSatb aber t)üpft ein eigener ©ebanfe t»ervor; ©eflo unb 
S3ratf dfje fangen fidf) ju neden an unb baS luftige ©ptet geljt hübfdij 
von ftatten. Der Snäul verwidelt fich mehr unb mehr unb broht fich 
ju verwirren. Dod) IBft fidf) baS ®anje noch gefd)idt unb fdf)lief$t im 
hellen Dur etwas bombaftifd), bod) nid^t, bafe man bem ©omponiften 
beShalb gram werben bürfte. 

©o feien benn bie Seftrebungen biefeS jungen fiünftterS ber SBett 
auf T baS 2ebf)aftefte empfohlen. Der eigentliche SebenSpünlt eines SßerleS 
läßt fid) nie mit SÖJorten nachweifen ; barum fpiele unb Ijöre man felbft 
Der tünftter aber jeige fich balb wieber auf einem Xerrain, auf bem 
gufe ju faffen freilich nidjtS Seilte« ift; über bem äufeerlidfjen @rf otg 
ftef)t aber ber innere ©ewinn, ben jebc Kraftübung im ©d^wierigen 
bavonträgt, unb beffen folgen fidf) ber ganjen übrigen äöirffamleit 
beS Äünftlerä lieitfam mitteilen- 12. 



361 



SBeetljotoenS ßeonoren*£)utoertüren. 



Die ttOMttn-tonntiüxtn nn JteetyraoL 

3Rit greuben nrirb fidj äRancher jenes ?tbenba erinnern, als baS 
Setygiger Drchefter unter SRenbetefohnS ßeitung uns alle trier Duöer* 
tüten ju ßeonore nach ehtembet tyiun liefe. 2)ie 3citfd^rtft berichtete 
fdjon früher barüber.* SSBir fommen harte mieber barauf gurücf, ba 
foeben bie vierte ber Duöertüren (ber ©ntftehung nach bie jtoeite) im 
©tid) erfc^ienen ift, tior ber §anb nur in Stimmen, benen aber balb 
bie Partitur folgen wirb. 

Ueber bie ^Reihenfolge, in ber Seethoöen bie Ouvertüren fd)rieb, 
tann taunt ein 3 we ^f c t fcta. SSteQei^t bafe Mancher bie eben erfcfjienene 
für bie erfte halten fönnte, bie Seethoöen überhaupt ju feiner Dptx 
entworfen, ba fie ganj ben Sharafter eines tüfjnen erften StnlaufS %at, 
xok in ber fräftigften greube über ba8 üoflenbete SBerf gefchrteben 
fdjeint, baS in ben §auptjügen fie im Heineren SRaum imeberfpiegelt. 
2>en 3toeifeI befeitigt aber ©chinbter« SBudj {©. 58) auf baS SJoUftän* 
bigfte. SRadj beffen beftimmter 33erficherung oert)ä!t eS fid) folgenber* 
mafeen bamit. SSeetljoöen fdjrieb erft bie Dutoertüre, bie ftröter bei 
%. Haslinger afö SBerf 138 nad) S3eethot>en8 lobe erfc^ien; fie 
tourbe in 2Sien nur üor einer Meinen Sennerfchaar gefpielt aber ein* 
ftimmig für „ju leidet" befunben. a3eetf)0öen, gereigt, fdjrieb je|t bie 
Duöertüre, bie fo eben bei SSreitfopf unb gärtet erf djienen, änberte 
aber auch ^ ie f e / toorau» bie befannte in Cdur als SRr. 3 ju be* 
geichnenbe entftanb. SDie öierte Duöertüre enbtich in Edur fchrieb 
JBeethoüen erft im %a\)it 1815, alsgibelio toieber auf ba8 ^Repertoire 
gebracht würbe.** 

2)afc bie brüte ber Duöertüren bie tt>irIung3t>ollfte unb fünftlerifch 
toottenbetfte, barin ftimmen faft alle SRufifer überein. Schlage man 
aber auch bie erfte nid)t ju gering an; fie ift big auf eine matte ©teile 
(Sßart. ©. 18) ein fdjöneS frifdjeS SKufifftücf unb »eethotoenä gar 
wohl roürbig. (Einleitung, Uebergang ins Stttcgro, baS erfte %tyma, 
bie Srinnerung an gfareftanfc Ärie, baS ©refeenbo am ©djtufj — baS 
reiche ©emüth be§ SReifterS büeft aus allem biefem. Sntereffanter fmb 
freilich bie SBejiehungen , in benen bie gtoeite jur britten fteht. §ier 

* 6. 224 unb 245. 

** $ieje unnötigen Angaben in ©djinbletS ©cet^oöen-Siogra^ic Ijat SRotteboljm 
in ©^ri)fanber§ aUgem. muf. gtg. öon 1870 toerbeffert. #gl. Hnm. 51. 



SBeetfjotoenS Sconorcn*Dut>ertürcn. 



365 



tä&t fich ber iHinftler recht beutKch in feiner SBerfftatt belauften. 
SEBie er änberte, tote er öerwarf, ©ebanlen nnb 3nftrumentation, wie 
er ftch in fetner üon fetner gloreftanfchen Strie losmachen f ann , wie 
ftd) bie brei ÄnfangStacte biefer Ärie burdf) baS gange ©tücf tjinjiefjen, 
wie er auch ben Xrompetenruf hinter ber ©cene nicht aufgeben fann, 
itin in ber brüten Duöertüre noch weit fd^öner anbringt als in ber 
gweiten, wie er nicht ruht unb raftet, bafe fein SBerf gu ber Soll* 
enbung gelange, wie wir es in ber brüten bewunbem, — bieg gu 
beobachten unb gu dergleichen, gehört gu bem Stüereffanteften unb 
SBilbenbften, was ber Äunftjünger vornehmen, für fich benufcen fann. 
2Bie gern motten wir bie beiben 2Ber!e ©cljritt für ©dfjritt verfolgen. 
Dies gelingt mit ben Partituren in ber §anb mit ®enufe weit beffer 
als mit SBudOftaben auf bem Rapier, weSljatb wir nur in Äurgem bie 
wefentlichen Ünterfdjiebe berührten. SRoch eine« UmftanbeS müffen 
wir gebenfen. 3n ber Partitur, bie fich im Setffc ber Sreütopf 
unb gärtet befanb, fehlten leiber gum ©chtufe einige SMätter. ßum 
3wecf ber Äugführung in ben ^teftgen Soncerten würbe biefe ßücfe 
burdj eine entfprechenbe ©teile aus ber brüten Cuöertüre ergangt* 
unb biefe in ber gebauten SluSgabe burdj ©temchen bezeichnet. 
SebenfallS war bie» baS eingigj ©Eidliche, baS fich thun liefe. Der 
Dirigent f^at nun aber freilich gu thun, baS Drdjefter fo angutreiben, 
bafc bie ©teöe 



(21 lade Bor bem ©djlufe) nicht gu langfam gegen ben Anfang beS 
Sßrefto 



hinterher fomme. Der Uebelftanb wäre öermieben worben, wenn man 
nach bem Xacte 




8va 





366 ' & Scrßcr, ©efammette SBerfc. ; 

ber aweiten Cuöertüre (erfte SBioltnfttmme, neuntes. ©Aftern, lefeter 
Xact) öietleicht gleicfj mit bem j^F ber ^tociten £)üt)ertüre auf ©. 68 
ber Sßartttur fortgefahren wäre, ©er SBerluft ber Meinen Varianten in 
ber gnftrumentation, ben baS gänjlidlje Aufgeben beS Sßrcfto nach ber 
erften SeSart mit fich braute, fdjeint uns lein grofcer.- SfabererfeitS 
mufc man freiließ bie <ßietat gelten taffen, bie feinen Xact opfern 
wollte, ©ottte fid) aber in ber Sßelt leine jweite Äbfchrift ber 
Dutoertüre toorfinben, bie auch ben öollftänbigen ©chlufc enthielte?* 

39, 



£. ßergers gesammelte Werke. 

2Bir wünfdfjten t)orauSfe|en ju fönnen, ber Ulame beS obenge* 
nannten ÄünftterS wäre ben Steiften ein nicht nur bem Kamen nach, 
fonbern auch burch feine SBerfe befannter. Xem ift aber nicht fo. 
Xrofc allen faft wöchentlich wieberljoIten SobeSefliebungen , bie baS 
SRufifblatt 3riS enthielt, trofe ber 93ortreffIid)feit ber ßompofitionen 
felbft, ift 2. SJergerS Somponiftenruf nur wenig in Xeutfdjlanb toer* 
breitet. ©S laftt fich bieö nur burch bie eigene ß^aralterorganifation 
beS ÄünftlerS unb burd) bie äußern SBerhältniffe, in benen er lebte, 
erflären. (Sr war, wie man fagt, ein bis jum §9pod}onber ängft* 
lieber SÜünftler, ber 3af)re lang an einzelnen SBerfen feilte, ohue fid£j 
jur Verausgabe entfchliefcen ju fönnen. Sein $ureben btv greunbe 
half ; je mef)r man in ihn brang, je tiefer uergrübelte er fid). ©o er* 
fd)ienen benn währenb feines SebenS nur wenige Eompofitionen. Xiefe 
wenigen reichten aHerbingS 1)in, eine bebeutenbe poetifdje SRatur, mit 
einem SBort einen ßünftler in ihm erfennen ju (offen. 9lbcr jum 
.SRuljm gehört mehr. SBerger fpielte nur in feinen 3ungliug8jahren 
öffentlich; fpäter f)tett if)n üom öffentlichen Stuftreten biefelbe Äengft* 
Itd^fcit ab, bie ihn an ber Verausgabe feiner Sompofitionen tjtnfaerte. 
Sin Sünftler aber, ber feine Sompofitionen nicht felbft bem publicum 
öorfttljren fann, brauet bie $älfte ßeit mefjr, um 9luf ju ertaugen. 
Xer SluSnafjmen giebt eS nur fehr wenige* ©o fam es, bafe fid} 
SBerger immer mehr üon ber SBett abfd&ieb, nur im Stillen als Seljrer 

* 27. Januar 1853 würbe bie Duberture jum erften 2Me tioflftaitbig, 
nad) einer iteuerlidj toorgefünbenen .ftanbfdjrift im ©ewanb^aufe aufgeführt. 



8.' Eerger, ©efammelte SBerfe. 



367 



• fortwirlenb, babei aber aud) fleißig fd&affenb unb feilenb. @r ftarb, 
t>om ©djtage getroffen, als er gerabe eine Schülerin unterrichtete, in 
jtemtidj h°h em Sllter am 16. gebruar 1839. 3n feinem Xeftamente 
fanb man toerorbnet, baft eine SluSwaf)! feiner nachgetaffenen ©ompo* 
fitionen burdj bie Herren Subwig SRettftab unb SBilhelm Xaubert t>er* 
anftaltet werben möge, bie, ©d)üler unb greunbe beS Verewigten, fid) 
beS ehrenvollen Auftrages mit ©ifer entlebigten. §err gr. §ofmeifter 
übernahm ben Verlag, unb bie ©ammtung ift, bie Sieber nid)t mit 
geregnet, fchon ju fünf ftarlen ßaljierS angewachfen* 

Sin folcheS Unternehmen, ben ÜÄanen eines wenig gelaunten 
ÄünftlerS ju ®h ren ausgeführt , tjerbient fchon an ftd) eine auSjeich* 
nenbe ©rwahnung, boppelt, wo eS auch & er ^ un f* S ut ®^ re gleicht, 
SBergerS ftärffte ©eite War freilich baS Sieb ; an mehreren Orten in ber 
ßeitfehrift würbe fchon barauf ^ingetoiefen. $)och auch unter feinen 
ßlamercompofttionen befinbet ftdj beS Xrefflidjen triel; baS ©emeine 
lag feiner SKatur überhaupt fern, 2ftit einigen SBorten ben 3nf)alt 
ber fünf $efte ausbeuten: fie geben außer einigen fchon älteren SBerlen, 
wie bie ©onate, bie 12 ©tüben, bie SSariattonen über „fchöne SRinfa", 
auch toiele juüor noch nicht gebrudE te # wie 18 Variationen über „ah, 
vons dirai-je, Maman", baS auf bem £itel ber ßomponift felbft als 
fein „befteS SBert* bezeichnete, unb ein ganjeS ©tabier * ßoncert. 2Rit 
biefen fünf Ipeften ift aber bie ©ammlung wohl noch feineSwegS ab* 
gef dfloffen ; fie genügen inbeft öoHf ommen jur ^Rechtfertigung beS ÄuS* 
fprudjS ber Herausgeber, wie burch fie S. VergerS ßünftleroame nur 
gehoben werben fönne, wie ihm fraft ihrer eine ©hrenfteüe neben ben 
claffifdjen SReiftem ber legten ©poch* gebühre. 2. VergerS erfteS 
Vorbilb war offenbar äRojart felbft, baS nur erft fp&ter burdj Söeet« 
hotjenS ©rfcheinen etwas in ben ^intergrunb getreten fein mochte. 
Stuf feinen ©lamerftit inSbefonbere hatte aufcerbem Slementi, S. SSergerS 
erfter Seljrer, bann auch gielb, fein Söiitfchüler, ßSinflufe gehabt. @r* 
innerungen an btefe feine SReifter unb greunbe finben fi$h überaß. 
2)amit foU aber feineSmegS gefagt werben, als ob 2. Serger ein 9ladj' 
ahmer biefer gewefen. 3m (Segentheil, was geniale ©chöpferfraft an» 
langt, ftef)t er fowohl über ©lementi als über gielb, unb bewies eS 
namentlich im Siebe, in bem er ganj ohne SSorbitb arbeitete, beffen 
©rengen er weit über bie bamals contoentioneHen hinauSrüdte. §atte 
er fich mehr oom ©tarier ab*, mit feiner gangen Äraft mehr noch bem 
©efange, bem Drchefter ober ber Dper jugewenbet, f)ixttt er fich auch 
ganj t>om aufreibenben ©tunbengeben losmachen fbnnen, wer wetfc, 



368 



2. ©erger, ©efammelte SBerfe. 



wad und Serger hätte werben fömten. S)ocfj Ratten mir und an bad, 
wad er gegeben. Ätd fein bebeutenbfted, glüdtichfted Slatrierwerf gilt 
und auch jefet, wo wir Sßeuered bon ihm fennen gelernt, nodj immer 
feine erfte (Stübenfammlung. Ueberhaupt, fcfjeint und, war er in Heinen 
formen gtücflicfjer ald in größeren, wie bied oft bei ejeentrifd^en 9ta* 
turen ber gatt, bie ftetd i^r SSefted, Xieffted, Snnigfted geben möchten, 
©daläge man foldje Heine Stüde nicht ju gering an. Sine gewiffe 
breite Unterlage, ein bequemed Aufbauen unb Stbfcfjließen mag mancher 
Seiftung jum Sobe gereichen. @d giebt aber XonbidEjter , bie, wojn 
Stnbere Stunben gebrauchen, in SÄinuten audjufpred^en wiffen; jur 
2)arfteUung wie jum ©enießen foldfjer geiftig concentrirter ©ompofi* 
tionen gehört aber freiließ audfj eine gefteigerte ffiraft bed 5)arfteHenben 
wie ber Sttufneffmenben unb bann audf) bie rechte ©tunbe unb $eit; 
benn fdjöne, bequeme gorm läßt fiefj immer genießen unb auslegen, 
tiefer ©ehalt wirb aber nicht ju jeber Qtit toerftanben. Daß 2. SBerger 
auch größerer formen SKeifter war, ^at er in feinen ©onaten, feinen 
Eoncerten bemiefen; femedwegd aber geben wir für biefe eben jene 
Heineren genialeren Arbeiten Ijin, wie jene (Stuben, einige feiner SSa* 
riationen, unb toor Slttem feine fiieber. Sticht gauj einftimmen möchten 
wir inbeß in bad ©elbfturttjeit bed Slünftlerd über jene 18 Variationen, 
bie er felbft ald fein befted SBerf bejeid^net, bie und jene frühem 
Variationen über „fdjöne SRinfa* nidfjt aufjuwiegen f feinen, fiünftler, 
wie manche SKütter, lieben oft bie ihrer Äinber am metften, bie ihnen 
bie meiften Sd)mer§en gemalt. 2Bir glauben, jfened Variationenwerf 
Vergerd war ein foldEjed Sdfjmerjendf inb ; er foß 3af>re lang an ihm 
gebilbet unb geglättet haben. Stgenb ein fein ftinftlerifdjer Qvlq, oft 
in ber Heinen Spanne einiget Xacte, finbet fidfj aber fonft auf jeber 
©eite einer Vergerfdjen Sompofition. Oft auch feilen wir ihn in glücf* 
lieber Stimmung plöfelid) wie unterbrochen, unb baran mag wol>l fein 
Sehreramt Sdjulb haben. Sßie mancher fdjöner ©ebanfe mag und fdjon 
geraubt worben fein burdj bad unjeitige ©intreten eined Heinen Scalen* 
ritterd, wie manched fchöne fdhaffenbe Xalent ift burch Unterridhtgeben 
ju ©runbe gegangen! S)en ©ijarafter einer mühfamen Slrbeit, fo 
lünftlerifch fdjBn fie fidh auch i u verhüllen üerfteht, h at * m ©anjen 
auch Vergerd (Soncert. $mt, wir hoben ed nicht mit Drchefter ge- 
hört; bie Slaöierftimme aber l)at und nur wenig Sutereffe gewährt* 
Offenbar wollte Serger auch banfbar für ben Spieler f ^reiben, bied 
hat ihn in Sonflict mit feinem poetifd^en SDtenfdhen gebracht, ber bodj 
überall feine glügelfpifeen herüorftedEt. 



SSoIIweiler, Seontjarb unb $artmann, ^retejonaten. 



369 



StuSgejeidfjneteS enthält bic ©ammlung nodj in einigen gtajiös 
einfachen SRonboS, von benen wir namentlich baS inDdurim jweiten 
©at)ier anführen. 

3)ie jweite gto&e ©ammlung (Stüben ift in ben big jejjt erfdjie* 
nenen ,§eften noch nid^t triebet abgebtudt; wit befptadfjen fie fchon 
bei iljtem Stfcfjeinen. 

3)ie Siebet etf^einen gettennt von biefet §auptauSgabe feinet 
SBcrfc, in einjetnen §eften. 9iamentlidfj bieje werben feinen Flamen 
bet fetnen 3 u * un ft galten. 

©ei benn baS einem ed)t beutfd)en ßünftlet in feinen SBetfen ge* 
fefcte S)enfmat bet liebeüoHen SBead^tung bet 3 c ^9 eno ff cn nochmals 
empfohlen« 

39. 



Drei prets|onaten für Hs ptanoforte 

componirt »ott @. Softweiler in ^Petersburg, 3. <£♦ Seon^atb in 
Sanban, 3. <£♦ £artmattn in ftopetthagen* 

©efrönt öom ^retätnftitut be3 9torbbeutfcf)eit 2Euftföerem3 in Hamburg. 

Dbige 2Berfe taffen fidf) fügtief) auf jwei ©eftdjtspunften be* 
trauten : als ?ßteiSfonaten, — als ©onaten übetljaupt, 3)ief e fönnten 
allenfalls Setfudje fein unb fie wütben fdfjon bet wütbigen gotm 
halbet, in bet fie auftteten, bie ©ijmpathieen beS JftitifetS füt fidfj 
haben; an jene fteöt man f)öl)ete 9tnfptüche, wie etwa an geftönte 
Rauptet felbft, bie bem SSotfe tootangef)en f ollen in allet 2ltt. ^freilich 
in bet föunft giebt eS fein ©tbtedE)t; i^te Ätonen wollen betbient fein, 
unb an bem Sotbeet, ct>c et auf einem S)icfjterf)aupte feft fifet, Jetten 
oft taufenb $änbe unb nid&t in bet beften Stbfidfjt. Sünftletifdfje SBett* 
lämpfe finb benn gut baju, Xalente fdjnellet ju etfotfehen unb bet 
SBelt belannt ju machen. 3 war & cr fwb be^alb nodfj nicht 
entzogen , abet bet SWaffe imponitt ein ^ßteiScollegium immet, wie ben 
Sünfttetn felbft, bie fidh ihm ja fonft nicht untetwotfen haben wütben. 
©afc abet offenbat ©cfjledfjtem von ausgewählten 9tichtetn ein Stanj 
jugefptochen würbe, wäte beifpieltoS, S3etbienftlicfjeS mag benn auch 
butdE) ben testen SBettfampf einiges etjiett wotben fein. 

SSon ben btei ©iegetn wat bem publicum vielleicht nut bet btitte 
betannt; bie jwei anbetn hatten vielleicht noch lange atbeiten unb Watten 

Schumann, ®cf« Stiften. II. 24 



370 



SMtoetfer, SßteiSfonate. 



müffen, ehe if>rc Stamen bcr öffentlichen Slufmerffamfeit für Werth be* 
funben worben. 9Jian weife, ber SRuf ift jejjt nicht mehr fo wohlfeil 
als fonft; fie werben atfo bie ®unft SlpoHS ju würbigen berftehen. 
©ehen wir je$t ab oon aßen äußerlichen 3ntereffen unb bie ©ompo* 
fitionen felbft etwas genauer an. 

Die erfte ©onate geht aus Gmoll. 5£>ic golge ber ©äfce ift bie 
gewöhnlidfje, SßaS fie mufifatifch auSfprid&t, ift nidjt neu, alles auch 
nid^t SKufif. Der ßomponift fteljt einigermaßen nod> unter ber §err* 
fdEjaft beS Sttirtuofen, boch bringt er nirgenbs .gerabeju inhaltlofeS 
sßaffagenwerf. §ier unb ba blieft Rummel als Sorbilb burdj, auch 
jüngere ©omponiften fdjeint er ju fennen unb ju lieben. Das 3n* 
ftrument ift wirfungS&oH, in moberner SBeife betjanbelt, wie benn ber 
Gomponift überhaupt ein brillanter Spieler fdjeint. ©id) als lederen 
ju jeigen, giebt bie ©onate vielfache ©elegenheit; beShalb fpielt fie 
auc^ oft in bie ©oncertform hinüber. Damit ift jugleicfj gefagt, bafc 
ihr nicht jener auSbauernb innige feelenüoHe &§axatta innewohne wie 
j. SB. 33eetf)iwenfchen ©onaten, namentlich ber legten ©poche. 2Bo 
wäre aber auch ®Iet($c8 ober nur Sehnliches gu finben? — SBon ben 
einjelnen ©äfcen fcheint uns ber erfte, wenn audfj nidf)t öon meifter* 
lichem ©ufc, boch ber frifchefte unb fräftigfte« Die Partie, wo fidj 
ber SDteifter am ficherften erprobt, bie Durchführung in ber SWitte beS 
©tücfeS bis jum Stücfgang, ift nidht unintereffant, bodj etwas fdjwer* 
fällig; ber Somponift hatte fidfj nach Gesdur (öon Gmoll auS) üerirrt, 
ba gab es benn einen fchweren Stüdftoeg; ber ©pieler ^at babei gewiß 
biefelbe ©mpfiubung, wie ber ©omponift fyaüt, währenb er fd^rieb. 
©inige triviale ©teilen finben fich wie fdjon im erften Xheile beS 
erften ©afeeS, fo auch im SRittelfafce biefeS (fo ©. 5 ©gft. 2 Don Xact 
4 an, @. 7 ©ijft. 4 unb 5, @. 9 ©ijft. 6). Dagegen gefällt uns ber 
©chlufc üon ©. 14 ©tjft. 4 an üorjüglidfj; bie (Sittführung beS erften 
XljemaS geflieht h^r leicht, frei unb wohltljuenb. @S folgt ein ©d&erjo 
im 2 / 4 Xact, in berfelben Xonart ; eS ift artig unb ^at ein anmutiges 
Xrio. ©teilen wie ©. 19 ©tjft. 2 Don Xact 5 an fcheinen uns aber 
ju wohlfeit unb gehören am wenigften in eine SßreiSfonate. 3u ber 
Soba fagt uns bis auf einige Verbrauchte SBieberholungen wieber ber 
Schluß fefjr ju. Das Änbantino beginnt mit einem innigen ©efang, 
ber an ein SDtotiü beS erften ©ageS anflingt; wir wünfdhten eS in 
biefem ©harafter f eftgehalten. ©. 23 geräth aber ber ©omponift in 
einen unbegreiflichen &Qtn, & ct ^ oft bei ©lamerfpielem, in 
maffigen Dctaüengängen ausläßt. Diefe ©teile verleibet uns ben ©afc. 



Seonfjarb, *ßreiafonate. 



371 



®a3 ginale wirb burdfj ein paar UebergangStacte mit bcm Slnbantino 
toerbunben; wir müffen ihn leiber für ben getjaltlofeftcn ©afc bcr 
©onate erftären, er ift nicht einmal in ber gorm geraten unb Doli 
toon ©emeinplä|en, wie wir fie wohl in SBirtuofenftttcfen entfdfjnlbigen, 
nidf)t aber in ßomponiftenleiftungen. SS thut uns leib, bieSDteinung 
ber ?ßreiSric^tcr* hier nid^t Reiten ju tonnen. SDaS Xalent, ba3 
ftch in ben üorberen ©ä|en auSfpridfjt, h a * fie offenbar bie Schwachen 
beS legten überfein taffen. 

3Btr lommen jur jweiten ©onate [Fmoll], Dorn ©omponiften 
Sonata quasi Fantasia genannt; fie ift mehr fonberbar als fdjön, in 
gewiffer Ärt originell* S)er ßomponift hat ftch nämtidfj barauf capri* 
cirt, bie ©onate, fogar in ihren SKebentheiten, über ein £f)ema ju 
ma^en. SBelcfje brücfenbe geffel er fid} bamit angelegt, wirb er felbft 
am beften Hüffen ; immerhin öerbient aber eine f olche ©elbftbefchranfung 
ein gewiffefc Sob, baS wir um fo lieber fpenben, je mehr wir über* 
jeugt finb, bafj e$ ihm Stnbere, bie toon ber ©dhwierigfeit einer folgen 
Arbeit leinen SSegriff haben, nidfjt fpenben werben. Stenn freilich — 
was f)at er erreicht burch biefe ©onberbarfeit? ©ein ©tücf leibet an 
einer faft abmattenben Sinförmigteit, unb bie Äunft erfeftt nidfjt, wo 
bie SRatur mangelt. 2Bir wiffen wol)l oon SBadj) unb anbern »er» 
widfelt combinirenben Äünftlern, wie fie auf wenige Xacte, oft SRoten, 
ganj wunberfam gefügte ©tüdfe gegrünbet, burd) bie fid^ jene StnfangS* 
Knien in ungä^Iigen 33erfd)lingungen f)inburd^äie^en , öon Sünfttern, 
beren inneres DJ>r fo bewunbernSwürbig fein fd>uf, bafc baS äußere 
bie Äunft erft mit §ilfe beS SlugeS gewahr wirb. Stber fie waren 
SMeifter ber erften Drbnung, benen in Saune gelang, was bem 3ünger 
@cf)Weifetropfen foftet. 3h™ tiefe Ijarmonifdfje Jhinft gewährte wenig* 
ftenS öon biefer ©eite ein 3ntereffe. 2)er obigen ©onate unb ihrem 
©omponiften wollen wir ben beften Sßitten unb baS ernfte Streben, 
auSSßenigem triel I)ert)orjUjaubern, nicht abfpredjen; aber ber ©inbruc! 
feiner Sompofition fpridf)t bafür, bafj er mit fetner Arbeit etwas lln* 
bantbareS unternommen, baft er feine Strafte in einer unnatürlichen 
Spannung öerfudfjt, bie auch & em wot)lwollenben 33efcf|auer ein SKijs* 
behagen üerurfadfjen mufc. SKoch baju ift baS ©runbthema nid^t ein* 
mal fein eigen unb unterfdEjeibet fich nur rht)tl)mi[ch öom erften Xljema 
ber Seethoöenfchen Amoll<©onate für Sßianoforte unb SSioline, ober, 



* $rei$rid)ter waren: <L Sh:eb3 (<ßräfeS>, %. SB. @runb, (£. SRarjjcn, 3. fr 
©djtoenfe, ß. <5pof)t. 

24* 



372 



% @. £artntann, SßreiSfonate. 



gefjt man nod) weiter gurücf, öon ber guge in Gmoll au3 bem xoofy* 
temperirten ©laöier toon 33adE). SnbererfeitS erinnert bie Ärt feine* 
Sttuftreten» an bie lefcte gro|e ©onate in Cmoll toon Seet^oöen. 2)at>on 
abgefetyen, fo Ijat ber ©omponift aus if)tn gemalt, xotö eä nur irgenb 
ljergab. @3 erfdfjeint in xooty 50 berfd&iebenen ©eftalten, als SÄetabie, 
ate 33af$, ate SWittelftimme, per augmentationem simplicem unb 
duplicem, beSgleidfjen per dimhmtionem, toof)l audfj in (Sngfätjrun* 
gen ic. :c. 3m erften ©afce intereffirt ba3 nod). beginnt aber baä 
Slbagio toieber mit ber gtgur, bann ba3 ©d^erjo unb bann baS finale 
unb, wie gejagt , nidjjt allein in bem $aupt* fonbern audfj in ben 
Uiebentljemaä, fo mödjte fidE) ba3 Dljr apartjifdj abtnenben, baS fo un* 
batmEjerjig üon bem 



verfolgt ttrirb. 2)ie3 ift baä3ut)iel ber $urdjfüf>rung, baS nalje an 
unfünftlerifdfje Stbfidjt grenjt; ftatt lebenbiger Ifjat trodene gormel. 
Äber aud) biefer Strt ber ©ompofttion tootten mir nidjt entgegentreten, 
fobatb fie fidfj giebt ate toa3 fie ift ate ©tubie für ben jungen ®om* 
poniften felbft. gür eine Sßretefonate aber, um bie fidj ein eben erteilter 
Sorbeer anfdfjmiegt, galten toir bie ©ad)e für jn gemalt. 3m Uebrigen 
finb wir, to'xt gefagt, toeit entfernt, bem ©omponiften ein fdfjäfcenS* 
toert^eS Xalent, ba$ bei guten äRuftern in bie ©djule gegangen, abju* 
fpredjen. @r null nur toieHeidjt ju üiet unb tobtet am Snbe ben SReft 
ÜRatoetät, ber nodj in iljm fein mag* ©agt üjm ba3 nie eine innere 
©timme? Ober ift er fdjon glüdtid) an jenem Äreujtoeg vorüber, too 
fief) Statur unb Slffectation trennen? 

S)ie britte ©onate [Dmoll] liegt uns nod) üor, biefetbe, Jbie ben 
legten Sßrete baöou getragen. S)a blieft uns benn gleich ein finnige» 
©emütl) entgegen; im frönen bluffe ber ©ebanfen beioegt fidfj bie 
(Sompofttion oortoärtS; neue treten f)inju, bie alten tauten roieber 
auf; fie umfdjtingen ftd), trennen fid) nneber, 28ie eine fdjöne ©ruppe 
löft fidf) baä ©anje unb tjerfdfjroinbet leidjt unb anmutig, wie e3 be* 
gönnen* 9iadf> biefem ©tüde füljlt man ben 2)rud einer Äünftlerljanb; 
nur einer folgen lonnte ba3 gelingen. Sine SRomanje Ijebt an, nad) 
•einem ettoaä gerben SSorfpiele biefe felbft; mit milbem ©ruft tnirb un& 
*ttt>a8 erjäljlt, ba3 nrir fdjon gehört ju Ijaben glauben. S)a8 ©anje 
feffelt nod^ immer, wenn e8 uns aud^ nid^t ben erften ©ajj üergeffen 
mad^t. (Sin ©djjerjo folgt ber pbf(§eften Slrt, in anmutiger Solge 




£. g. ßufferaty, Sieber. 



373 



Weddeln ftarfc unb leife ©timmen unb nabelt unb fliegen; baS Xri» 
erftingt lote bie üJia^nung eines greunbeS; aber baS Sieden ber erfteren 
beginnt toon Steuern* 2)aS ginate weidet toom früheren anjiel)enben 
Sftotoettend&arafter ber ©onate etwas ab unb greift ju ftärferen färben, 
gleich als f)ätte ber ©omponift ein Drdjjefterftüd bamit erje|en wollen. 
@S gefällt uns an ber ©onate am wenigften; immer aber gewahrt man 
aud& an ttjm bie tüchtige §anb eines SföufiferS, ber mit Slbfid&t etwas 
ÄünftlidfjereS liefern wollte. SDiefer toor'atlen, Hang eS nadfj ber 
©onate in uns, gebüfjrt ein SßreiS, unb in i^r wieber toor ben anbern 
bem erften ©afce. Sßenn wir in ber erften (Don SSottweiler) einen 
Statoierfpieler erfannten, ber fidfj mitXalent audj ber Eompofition 
jugewenbet, in ber anbern (Don Seonljarb) einen ÜÄufiler, ber fid> 
ben SEBcg jur SBoQenbung burdfj SBerftanbeSfpiete in etwas ju erfd&weren 
fdfjeint, fo fpridf)t aus ber toon 3. @. Jpartmann ber Jfünftler 
ju uns, ber uns öerfirt>nt .burdj bie I)armonifd)e StuSbilbung feiner 
Ärafte, ber, iperr ber gorm, lein ©etat) feiner ©efüljte, uns überall 
ju rfitjren unb feffeln öerfteljt. 

SDieS ift unfere 9Äeinung, unb meiert fte einigermaßen Don ber 
ber SßreiSridjter ab, fo fei bamit in feinem gaße i^r guter SQBiHc in 
3toeifeI gesogen, baS Sßerbienft nadj SBfirben ju belohnen. 9tber eS 
ift fdEjwieriger, aus] fünfjig ÜJienfdfjen ben beften IjerauSjuftnben als 
aus breien. Unb bann — aud) wir fönnen irren, unfere SKbfidjt aber 
war bie befte. 

©c$. 



Cieberfctjau. 

$. 3r. fiufferatf), ©ed)3 Steber »on 8L Sunt* mit Segleümtg 
be* ^tanoforte, SBerl 3. 

SBuruS ift ber SieblingSbictyter ber jefeigen jungen Somponiften« 
©ewifc t>at ber poetifdje ,$flüger Don SDumfrieS" eS nie toermutljet, 
baß feine Sieber, ju benen er meiftenS burd) alte SSoIfSmelobieen an* 
geregt würbe, nad) beinahe ^unbert 3*f)ren fo oiele anbere äBeifen 
erweden würben, aud) jenfeits beS SanalS. 3n $errn Sufferatf) tyat 
er einen fetyr begabten ©önger gefunben. Der Xon ber Sieber ift 
glüdlidi unb attjmet fd&ottifdfjen Gfjarafter. (Sine gewiffe Sinförmigleit 



374 



G. Söttner, Sieber. 



bcr SMobieen erfcheint fytz afö untoertneiblich ; ftc gleiten ftd) alle 
feljr, namentlidfj im erften unb vierten Siebe, bie jugleich an ba3 unter 
bem Xitel »Michelemma« belannte italienifdfje SBoEfölieb erinnern. 
3m Uebrigen jeigt ber junge Eomponift in allen Xatent unb ©efchmad, 
in bieten einjelnen ßügen auch bie feinere 33ilbung beS mobernen 
ÄünftlerS, fo bafj bieS fein erfteS @ef angwerf bem SRufifer tote bem 
Saien gleich wittfommen fein mufc. SJlocfj ^aben bie Sieber faft burd)* 
gängig ba3 33efonbere, bafc bie Slamerbegleitung meift mit ber SMelobie 
jufammengeht, fo bafe jene auch ohne ©efang felbftänbig befielen 
lönnte. @3 ift bieS gerabe lein SBorjug einer Siebercompofition unb 
namentlich für ben ©änger beengenb; wir begegnen Stehnlichem aber 
bei allen jungen Komponiften, bie fid^ toorjugsweife früher mit 3n* 
ftrumentalcompofition befdjjäftigten. 3)ie3 tjinbert aber nicht, ben 
Siebern be3 unfrigen innertidfjen ©efanggehatt aussprechen, Wie fte ftdj 
benn audj feljr leicht fingen unb rafdfj anllingen. 2)er Gomponift jeige 
fid) noc§ oft auf bem ©ebiete, auf bem er fo glüdlidfj unb auf» 
munterungSwerth bgonnen. 

Sari 33Uner f SiebeSfrüljltttg tum & KStfert. 

s Jteun Steber mit Begleitung be$ Sßianoforte. 

SDiefe Sieber ergeben ftch weit über bie Sßittetmäftigfeit, wie pe in 
neufter ßeit im Sieberfach wahrhaft entfefcenb überhanb genommen. 
2Bir machen boppett aufmerffam auf fie, bie im Anfange fd^Iic^t, wohl 
gar etwa» profaifefj erfcheinenb, bei genauerer Söelanntfd^aft immer mehr 
gewinnen müffen unb einen wahren ©efangSmenfdfjen öerrathen, wie 
wir unter Jpunberten nur ju einjelnen finben. Sene Schlichtheit geht 
namentlich bie ^Begleitung an, bie, umgefehrt wie bei ben öorf)er an» 
gejeigten Siebern t)on Kufferath, ohne ©efang beinahe bärftig unb be< 
beutungSloS ju nennen wäre. 3n benen oon ßötfoer Hegt bie Äraft 
in ber SKelobie ber ®ef angftimme ; fie eben in ihrer ganjen Snnigfeit 
ju würbigen, baju gehört ein ©änger, ber auch S u frechen berfteht, 
unb wie fie jeber Bewegung be3 ©ebichte» liebenb nadjfolgt, fo wollen 
wir e3 auch burch ben ©änger wieber empfinben. 2Bie oft wirb uns 
ba8 geboten? ©ute Sieberfänger finb faft noch f eltener als gute Sieber* 
componiften. 2)ie 3 ö Hixcri|^en ©efänge grabeju ju entfallen, würbe 
jwar nur toöllige Xalentlofigfeit vermögen, fie finb bagu ju natürlich 
unb ftimmredjt; fie aber gegen oberflächliche Sluffaffung unb bornet)mc 
©eringfehäfcung ju wahren, baju lann ein öffentliches SBort wohl 



3. 8. fcortmann, Siebet. 



375 



bettragen. SDBtr möchten fo bie Siebet einem eblett ©eftetn toergleidfjen, wie 
eS fid^ oft unter unf<f)einbaret ©rbrinbe verbirgt; eS gehört gleife unb 
Siebe baju, eS tyU ans XageStidfjt ju förbenu SDann aber gewifi wirb 
man fich beS eckten reinen ©lanjeS erfreuen, ben fie auSftraf)ten. 
SRüdfert, ber SDeutfche burch unb burch — nur bon „Bftttd^en Stofen" 
juweiten überftra^It — war auch gerabe ber 2)idE)ter, ber bem Som* 
poniften befonberS jufagen muffte. 3m „SiebeSfrühKng" fteljt SBIüthe 
an 33Itttf)e, bie beutfdfjen Eomponiften finb erft feit Äurjem baf)tnter 
getommen. 2)er fünften Xejrte einige t>at fic£> auch 3 ö D^ cr Abwählt. 
3)en *ßrriS als ©ompofition joHen wir toor 2tHem bem JD tuet) beS 
©cheibenS"; f|ier ift bie (Einfachheit jugteich Xiefe, baS ©ebidfjt leib* 
haftige 9Äufif geworben; eS ift ein fd^öneS Sieb unb würbe einem 
S$eett)o&en nicht jur Unehre gereichen. Stach ibiefem feffett uns baS 
„äBenn bie Sftofen aufgeblüht" burdfj inniges SSerftäitbrnfs beS ©ebidfjteS, 
baS nidfjt leidet ju componiren war. $ie erfte §älfte, bie recitatioifd^e 
SBenbung, fcheint und ausgezeichnet, ber ©chlujjj nur erinnert an 
SBeber. Vortrefflich aufgefaßt, im altbeutfd) poetifdfjen Xone, ift auch 
baS ©nett „©eligfter SBunfcfT unb namentlidfj ber ©dfjluft bon rüh< 
renber 3nnigfeit. S)aS „SÄein ©eljnen, mein W)ntn* ift aus bem 
§erjen gefungen, ähnelt aber in etwas einer ättarfdfjnerfchen Strie aus 
£anS Meiling, wie benn SBeethotoen, SBeber unb äÄarfchner untoerfemt* 
bare SSorbilber beS ©omponiften fein mögen. 3m Siebe „SBarum wiflft 
bu anbere fragen" gefällt uns entfdfjieben bie jweite $älfte bis auf ben 
tremulirenben Schluß für ben wir lieber einfach auShattenbe äecorbe 
gefefct wünfehten. Str. 6 hat einen innigen ©runbton, ber fid^ aber 
in ber SKitte beS Siebes etwas trübt burdfj einige müh [ante SHobula» 
ttonen; auch ber jweite Xact, obwohl melobifdE) gut gefungen, auf bem 
SBorte „SBufen" gefällt uns nicht; er fcheint uns für bie Sraut, bie 
Sftücfert meint, nicht jungfräulich, nicht feufch genug. S3on ben jwei 
SSotfSliebem fagt unS baS erfte ju; eS will !gut gefungen unb ge< 
fprodjen fein. 3)aS anbere ift baS am wenigften bebeutenbe beS §efteS, 
welches wir benn nach treuefter Ueberjeugung Stöen empfehlen, bie mehr 
als fingen, bie aud£> beulen unb fprechen wollen, jur nachhaltigen 
gteube ihrer wie Slnberer. 12. 

* 3. «• 4>artmauti, Sed>S Siebet mit »egleihmg be« $fte. SB. 35, 

SDiefe Sieber toerbienen eine tobenbe SfoSjeidfjnung. 2)er treffe 
liehe SDtufifer fpricht aus jebem einjelnen, wenn wir auch mit 



376 



3- & $artm<mn, Stcbcr. 



Sluffaffung einiger nidEjt ganj übereinftimmen. Diefe juerft JU fennen: 
eg ftnb bag „§üttd&en" öon ©leim, bag uns in Xonart unb #armo* 
nifirung jum fdfjlidjten left ju gefugt, nidjt einfadfj genug fcfjeint, 
obwohl eg fi$ alg SKufitftücf an fidf) runbet unb abfd£)lie|t. 2)ag 
„Slbenblieb" trifft melleid£)t ber entgegen gefegte Vorwurf; bieg, wie eS 
unS bünft, ift für bag naef) 9tut)e toerlangenbe §erj, bag fidf) l)ier 
augfprid£)t, ju ru^ig unb monoton gehalten. SBenn nid&t toerfeljlt, fo 
bodf) audf) nid&t getroffen, ift bag ipeinefdje JäDtein Siebten, nrir fafcen 
beifammen" (mit bem fomifdEjen [2>rucffe$ler am ©d&lufj: „toxi aber 
fdjwammen vorüber troftlog auf meinem SReer, ftatt weitem). 5E)aS 
fcämmrige, garte beg ©ebidjteg wirb l)ier burdf) bie SRuftf ni(^t nälier 
gebracht. 2)er Uebergang nadj Fismoll in ber SRitte besagt ung nid)t 
einmal im mufifalifd^en 33etradfjt, wo fonft bem ßomponiften nidfjtg 
angaben ift. gür eine ni^t leidjte Aufgabe für ßompofition galten 
wir bag 2Bacfernagelfdf)e ©ebidjt „2)er Xropfen"; eg fpridfjt in an fidE> 
gelungener 2)id£)terweife eine SKoral in einem SBergleidje aug; beibeg, 
moratiftifdEje unb bilblid£)e Xenbeujen, liegen ber SRufif fem. $)abon 
abgefe^en l)at Ifidt) ber ßomponift bemüht, ben ©inn beg lejteg big 
auf bag einzelne 2Bort genau in ber SRufif augjuprägen unb eg ift 
x\)vx gelungen, toenn aud£| ber ©efang eine entfdEjiebene SBirfung nidjjt 
madf)t. Ueberf>aupt ift jdjon bie gäljigfett beg Sünftlerg, ben ©inn 
eineg ©ebidfjteg ju faffen, eg ^u beljerrfdfjen, ber SRebc wert!) in einer 
Seit, too im flieberwefen fo öiel t)5df)ft 2RitteImäfcigeg erfd)eint, wo bie 
meiften felbft beliebteren ßomponiften iljre ©ebidjte gar nidjt burdO* 
gelefen L ju ^aben fd&einen, in foldt) toerfeljrtem 23erf}ältnifc fte^t i^re 
SRufil oft jum ©ebidjt, unb meifteng [taugt jene aud& an fitf) nur 
wenig. ©o!d£)eg fdjülerljafte ©eftammle benn in ben $artmannfdE)en 
Siebern uid£)t anzutreffen, bürfen Wir t>erfidf)ern, unb wir müffen nod> 
ber jwei gelungenften ber ©ammlung gebenfen, bie wir abfidfjtlitf) big 
jum ©cfjlufc auffparten: fie finb bag (erfte unb lefcte, bag originelle 
@ebid£)t üon SRörife „Sägerlieb" mit bem Anfang: „3ierlid& ift beg 
SSogelg Stritt im ©d^nee*, einfach , aber lebenbig unb originell auc§ 
toom ßomponiften gefaxt, unb bag lefcte „2>ie ^eiligen brei fiönige* üon 
ipeine, bieg fonberbare ©tücf ©ebitf)t, !jumoriftifd)*fird&lid&, Wenn man 
fo fagen barf, in ber SWufif wiebergegeben, in ber wir nur öielIeidE)t eine 
feinere §ert)orf)ebung beg „©terneg" wünfdfjten, auf ben im ©ebi^t 
alleg anfommt. 

SBir ^aben ben Somponiften nad^ ^öfierem 3Ra§ftabe gemeffen, 
ba er auf SRad^fid^t StnfprudE) ju tjaben ein t>iel ju weit üorgerüdfter 



<£. ©and, SDtorienKeber. 



377 



unb gebiegener Äütiftlcr ift. SSerglcic^cti wir biefe neueren Eompo* 
fitionen mit früheren bon ihm, fo ergiebt fidj aufcerbem ein großer 
gortfehritt, namentlich was ©ejehmad in ber Harmonie unb ßantabilität 
anlangt. 3n jener tfjat er früher ju Diel, in biefer ju wenig. S)ie 
9J?eifterfdf)aft ift ihm bei SBeitem näher gerüdt; wir bürfen immer 
reichere unb fdjönere ©aben Don ihm erwarten. 

* Sari 8antf f „SRartcnltcber". 

SBaflfatjrt jur ^cirigen attabomta, gebietet bon D. fi. 93. SBolff, für eine (Sing* 
ftimme mit ^Begleitung be3 Sßianoforte. Sßerf 39. 

2Bir geftehen, toon $m. 83andS Siebern öor biefen nur wenige 
gefannt, in bem guten ©lauben an ihn als einen trefflichen ©efangS* 
componiften gelebt ju haben, baS lefctere, ba wir iriel in öffentlichen 
^Blättern baräber gelefen unb mehr, als man fonft über Siebercompo* 
fitionen gebrudt finbet« SDWt ben beften ©ebanlen gingen wir benn 
an biefe „äKarienlteber\ ©d)on baS erfte Sieb machte uns ftufcig ; ba 
inbefc bie ©ache nicht beffer würbe, Don ©eite ju Seite, nach unferm 
SSegriff Wenigstens, äWittelmä&igfeit unb Slafirtheit ifidf) ju.ftetgern 
fchtenen, fo legten wir bie Sieber wieber bei ©eite, in ber SÄeinung, 
bafc wir felbft triefleidfjt bei ungünftiger Stimmung, unter ber wir ben 
Gomponiften nidf)t leiben laffen wollten. SBir nahmen fie benn, beS 
frühem SinbrucfS beinahe nicht mehr gebenfenb, fpäter wieber öor; 
bie Sieber famen uns immer feidfjter unb fchülerljafter, im ^Betracht jur 
§öf)e beS ©toffeS (Sieber an bie ^eilige Sungfrau) gerabeju fehlest 
t*OT. (SS mag fein, in Stalien fingt man ©Ott unb bie ^eiligen in 
oft wunberlichen Sßeifen an, unb man f)M ba in Kirchen, bei ?ßro* 
ceffionen ganje SBeflinifcfje ©tüde :c„ wie befannt ift. Stuf biefen 
©tanbpunft mufc fidfj ber Somponift öerfefct h°ben, als er feine 
JäWarienlieber* fchrieb. 3n ©eutfdfjlanb aber madf)t man anbere $fo* 
fprüdje; rietet bodj jebeS Sanb nadf) feinen ©itten — warum nicht 
auch b a 3' in bem SBach, SBeethoüen unb Stnbere lebten I SSon biefem 
©tanbpunft aus müffen Wir benn biefe Sieber als fo tooflfommen nich* 
tig bejeidfjuen, wie wir'S mit gutem ©ewiffen feit lange nicht tonnten, 
$af$ baS Sieb, wie jebe Gompofition, eine Äunftfonn hoben, ba| eS 
im ftleinen ein ©anjeS barftellen müffe in finnigen, wo möglich immer 
neuen SSerhaltniffen, bafc eS eben eine h&h ere 3° rm beS Siebes giebt, 
baoon müffen wir fürs (Srfte bei JBeurtheilung biefer ganj abfehen. 
2Bir möchten fie Xanjlieber nennen; fie winben fich toon 8 ju 8 Xacten 



378 



G. S3an<f, 3Äartenüeber. 



tueitcr mit ben befannten 2Kobulationen , tote fie fett ©traufc unb 
Sanner nicf)t8 SKeueS mehr finb; bie jweiten SSerfe finb meift wörtliche 
3®iebert)olungen ber erften mit ganj unbebeutenben S3arianten in ber 
^Begleitung / mtb fo ift benn ein Sogen balb ooÖgefd)rieben. Äber 
bie gemeine pljUtfter^afte gorm, in ber fidf) fämmtlidE)e Sieber egal be* 
toegen, möchten wir noef) hinnehmen, wenn wenigftenS f)ier unb ba 
ein echter mufifatifdher ©eljalt aus ihnen fieroorbticfte, ja toenn fie nur 
einen überhaupt getoanbten Xe<f)nifer oerriertjen- Sßa8 nun jenen, ben 
©ehalt betrifft unb was il)n bebtngt: ©jarafter, Stuffaffung be3 
$id£)ter8, ((öderer bedamatorifdjer 3lu3brucf :c, fo ift laum barüber 
ein SBort ju verlieren. 3 war ^ e ©ebid^tc finb, obwohl leidet unb 
fliefcenb gemalt, ohne tiefere Sebeutung; aber ber ©omponift §at fie 
too möglich nodfj trioialifirt, fo bafj uns ber fd)öne SRame w 9Rarien* 
lieber nur bauert, ben eine gänjlich gemüth* unb weifjelofe SDtufif an 
ber ©tirn trägt 2)a8 finb Katharinen*, Suifen* unb atleä anbre als 
üHariemSieber. D ja — toir lieben audfj bie italienifc^en üHabonnen* 
bilber, bie Siap^aelfd^en jumal, unb audfj toie man fie mit ©turnen 
fchmüdft an feftlidf)en Xagen, aber nidjt jene wädfjfernen, an benen man 
bequem güfje unb Slrme abnehmen unb toieber anfefcen fann, nid)t 
jenen fallen ©Bfcen* unb Jpeiligenbtenft in SEunft unb Seben, darüber 
lächle, toer will. üHit ^eud^lerifc^er Unjulänglichteit wirb nidfjtS 
erlangt» SBir müßten Sieb für Sieb burdjgehen, wa3 Sogen füllen 
toürbe, wollten toir ein tooöftanbtgeS 93tlb atter SBlöfeen geben, bie 
hier aufjubedEen wären. S)amit würben wir aber bem Dpuä eine 5Be* 
beutung jugeftehen, bie e3 fidjerlid) nid}t hat, bie it>m ber ©omponift 
trieHeidjt felbft gar nidjt beimißt 3a, biefe wohlfeile Stachfuht gegen 
fidj fetbft, biefeS ©id&*83erufen auf ba3 Sticht* beffer* machen* w ollen, 
biefe SSertröftung auf baS einftige Seffermad^en* werben, ba« ift'8 
eben, wag nicht weiter bringt, unb fommt baju eine ©efallfudjt, bie 
fidj entfdjjabigt glaubt, wenn fie wenigftenS bei Dilettanten unb Warfen* 
mäbd&en burdjbringt, fo ift** üoüenbS aus. SBir bejeid&nen bamit 
nidfjt §rn. 83and, als [oielmeffr] eine ganje Slaffe. Stebercomponiften, 
über bie unter Äünftlern fdfjon längft ber ©tab gebrochen ift, 833er 
für §arfenmäbdf)en f^reibt, wirb julefct oon ihnen »erführt. 3)ie$ ift 
ber ©ang in Äunft unb SBelt unb bie falfd)e Popularität» 

SBir ^aben nun nod(j ben Xechnifer ju betrauten, bon bem wir 
jweifelten, ob er ein gewanbter fei. ©ewifc, wir waren'S oorher über* 
jeugt; aber wir Wnnen auch fytx fein Sob fpenben. SSon ber be? 
quemen, wenig Senntni| oon ben oor^anbenen Sieberfdfjafcen anberer 



(S. SBancf, attartenfteber. 



379 



SDtetfter berratf)enben ßoupletform bcr Sieber fpradfjen wir fd>on." 68 
gerätl) £rn. SBand aber nidfjt einmal biefe immer, ©o fet)lt iljm j. SB. 
öfter eine ©übe, imb nun nimmt er ju jenem faft fomifd)en §ftcf '3g 
feine 3uffad)t, fo im erften Siebe: „S)urdj ber fdjweren Sßolfe ©djauer 
bricht bu, fjeifjer SiebeSftraf)!, Sa!' 7 , ober im inerten: „@o wie ein 
©ternbitb f»cll unb rein, ja tyü unb rein", ober (befonberS fomifdj) 
in eben bemfetben: „2)eu regten SfaSbrucf finb' id) nie, ja finb' idj 
nie". SJieiftern, bie bie gorm beljerrfdfjen, paffirt baS nid£)t. 

©in guter Xed^nifer jeid&net fid) bann aus burdfj gute Söffe, gute 
aWittelftimmen , überhaupt correcte Jparmonte. Sudfj Ijier fe^tt jur 
SWeiftcrfd^aft bie gute §äffte. 2)ie JBSffe liegen meiftenS träumerifdE) 
auf einem Xone BradE), ober e3 lommt ein ©ang wie biefer im erften 
Siebe: 

rinfz. 



dual 



PP 



lesato 



etc. 



ober wie im f elften: 

rinfz. 



8* 



!o * betfoflftbu 
ff col canto 



fein! 
rfz dim. 



nur 



toä * reit 



i 



etc. 



3= 



* P 

SXuf SKittelftimmen t»at e8 ber ßomponift offenbar gar nidfjt ab* 
gefefyen ; fie würben ber Sßoputarität nur ©intrag ttjun, wir f onnen fie 
übergeben. 2Ba8 bie ßorreetljeit ber Harmonie überhaupt anbetrifft, 
fo ift e3 eine jur 9lotf)burft; aber freiließ toerfteigt fie fidf) aud£| nidjjt 
über aötägtid) ju ^örenbeS, unb wo ber Eomponift, wie in obigen 
Jöafjbeifpielen, Originelles geben möchte, öerläfct it)n aucf> jene mufi* 
falifd) commune ©idfjerfieit. 

Sine eigentümliche 3ugabe 5 U b^fa 1 Siebern unb, wie wir t)ören, 
ju allen anbern be§ §rn. JBandE audE), ift bie ungeheure Sßerfdjwenbung 



380 



(L Wand, SRartenlieber. 



toon italienifcfien SSortragSbejeicfjmingen. @S ftnbet fid) in ifjnen faft 
fein Xact, ber nidf)t feinen §afen, {ein ©tidjwort, feinen Kommentar 
tjätte. Dft trifft bieS bie unfcfjulbigften SBorte: fo ftet)t auf einem 
bemütljig fein follenben ,,i<f)" im jweiten Siebe ein f, ein rfz unb ein 
con afflizione auf einmal, fo im brüten auf einem ganj beöoten „bitte 
für wt3" auf !bem uns ein rffz, ein tenuto unb ein SDiefer 
SBortbaHaft Ijat uns immer ein fcfjlimmeS Seidjen gefd&ienen. ©ewife, 
jeber ©omponift mufc wünfd)en, baft man feine ©adEjen gut unb in 
feinem ©inne vorträgt. SBoUte aber ein S)i<f)ter, j. 35. in bramattf<f)en 
©ebidjjten, jebeS gewöhnliche „@uten Xag" unb „®uten Slbenb" mit 
einem „im fanften Xone" k. begleiten, fo erfdfjeint baS prätentiös, baS 
fjeifet bie 2Kenfcf)I)eit wie Heine Äinber beljanbeln. $er Somponift 
mufc wiffen, was er giebt. §rn. 33ancfS Sieber bebfirfen für SWufi* 
falifd&e wenigftenS gar feiner S3ortrag3bejeicf|uung; fie würben ba« 
buref), nadE) unferer Slnficfjt, fogar gewinnen* £)enn Riefte fidt) ein 
©änger bucf)ftäblicf| an feine 93efet)Ie, es müßte ein wahres ©eljeule 
fierauSfommen. 

93iel Ijaben wir nun in ben Dielen SBericfjten, bie über $rn. 83and§ 
Sieber namentlidfj ju einer ßeit einmal erfdjienen, tton bem befonbern 
Steij gelefen, ber feinen üHelobieen inwoljne, unb bafe §err SBancf 
längere $tit Statten gelebt, wo er bie [menfd&lidfje ©timme genau 
ftubirt tjaBe. $at er bie grüßte biefer ©tubien t>ieHeicf)t in früheren 
SEBerfen niebergelegt/ wir wiffen'S nid)t; in ben „■äRarienliebern", wir 
gcftcf)cn e3 ungern, fonnten wir nidfjts baüon entbeefen. 3ft baS 
äMobie, fo f>at j. 83. 93eetf)oöen, üHenbelSfoIjn feine. SRein, baS 
finb melobifd£)e ©äuge, ©efangbroefen, ju einzelnen SBorten einzelne 
aufgetefene SKoten, bie fief) leidet fingen, wot)t audfj gefallen fönnen; 
aber aus ber äWeifterbruft queQenber ©efang flingt anberS. 2Bo finb 
fie t)in, bie ÜRefobieen jener gefeierten italienifc^en SÄeifter bis 
Stofftni, bie nod) baju an Äenntniffen unb ©enie allen je|t lebenben 
überlegen waren? SRödjtet itjr fie eintauf djen gegen beutf<f)e, gegen 
üHojartfdfje, 33eetf)ooenf<f)e, bie jefct erft red)t aufjublüf)en anfangen, 
bie freilidfj aud) in tieferen ©egenben entftanben als in ber Stimm* 
rifce, b. f). in ber mufifalif d)en ©ruft eines beutfdfjen ©eniuS, wo 
alles 2Kufif ift! Unb it)r fpredfjt nodf) immer Don Italien, Don 
Sellini unb bem Sanbe beS ©efangeS? SBann enblidj wirb 
jener Söfjlerglaube aufhören, wir f bunten im ©efange öon bort^er 
lernen? SllS ob ©efang unb 9Wufif jweierlei wäre? SllS ob fdf)led)te 
SRufif burdf) guten ©efang öergeffen gemalt werben fönnte? SllS ob 



§. $earfon, Steber. 



381 



mau beS ©efangeS wegen erft ein fdjledjter SKujtfer werben müfcte? 
SRein, nein ! baS f önnen wir näher unb beffer haben. Äudj f>icr trifft 
es ein, baS alte SBort: aus Stom fommt nichts ®uteS. Unb nodf) 
einmal]: nicht alles, was fid(j leidjt fingt, ift SMobie; eS ift ein 
Unterfd>ieb jwifdfjen SMobie unb SÄelobieen. SBer SMobie hat, f)at 
SÄetobieen; wer aber SÄelobieen, nicht immer jene; baS Äinb fingt 
fidj fdEjon feine SMobieen, SDtetobie aber entwidelt ftdj erftfpäter. 3n 
ben jwei erften Slccorben j. 33. ber ^eroifdjen @^mpt)onie liegt met>r 
SDtetobie; als in jeljn Seöinif^en 3Mobieen, S)en mufifatifchen 
Ultramontanen ift baS freilich nidf)t begreiflich ju machen. 3 ur @ ac § c 
alfo jurücf ju! ommen : §m. SBancfS Sieber fingen ftdj leicht; eS ift 
offenbar fein $auptbeftreben, munbgerecht ju haften. 2)amit ift aber 
in melobifdfjem SJejug auch alles gefagt. 

2)ieS waren bie Sftefuttate, bie wir aus einer für uns fo gut wie 
neuen Sefanntfdjaft gebogen, auf bie wir uns gefreut Ratten. ®S ift 
fein ßroeifel, trüge baS DpuS bie Qafyl 1 ober 2, ftünbe auf bem 
Xitel ber SKame eine« gänjKcf) Unbefannten, wir .würben fdjneller 
barüber Eingegangen fein, oielleidfjt mitber geurtheilt f)aben. @o aber 
galt eS bie SBeleudjtung eines burd^ auffaöenb reich gefpenbeteS öffent* 
lidjeS Sob f)ier unb ba befannt geworbenen ©omponiften, in bem wir 
un« auf baS SJollfommenfte unb fo fef)r (getäufdjt haben, baft wir 
nichts oerfdjtoeigen, nid&tS bemänteln wollten. 3Bir ftnb auf Sßiber* 
fprudfj gefaxt, werben aber nidf)t eher antworten, als bis §err S3ancC 
fein Xalent unb feinen änfpruch auf eine mit ausführlichen 33elegen 
ju unterftüfcenbe fünftlerifche SBürbigung burch fchönere, reinere groben 
betätigt hat. ©S wäre ©ünbe, über 3ftittelmä|igfeit fo toiel SBorte 
ju machen, wo fo rnete teudfjtenbe SBeftrebungen einer helfenben fritifchen 
§anb bebürfen, wo eine neue junge Sera ber SDtufif in ©eutfdjlanb 
ju bämmem beginnt, beren Sofung jene brei äBorte finb, toon benen 
in ben „üHarienliebern" faum eine leife ©pur anjutreffen ift: Äraft, 
Statur, 2Baf)rheit. jg q 

^enri) $ugh $earfon, @ed)3 Stcber t>on Stöbert SurnS für eine 
Smgfttmmc mit ^tanoforte. SBer! 7. 

©in eigentümlicher ®eift weht uns aus biefen ©efängen an, nid^t 
ber eines StteifterS, aber ber einer intereffanten auSlänbifchen ^erfbn* 
lid&feit. 3)ie Sieber leiben faft fämmtlich noch an einer gewiffen Ueber* 
fülle, wie fie tljeilS Unficherheit im Xedjnifdjen, theilS bie äbfidfjt, alles 



382 §• ^earion, lieber. 

glcid^ möglid)ft gut machen ju wollen, in jungen Komponisten oft er* 
jeugen« 93eibeS, 1) offen nur, wirb fid) mit bem reiferen Sllter burd) 
Uebung unb ©elbfterfenntnifc milbem. Um es furj ju fagen, eS 
fd^eint uns ju Diel Stuftoanb gerabe an biefe Sejrte t>erfd)Wenbet; eS 
finb ju öiel SRoten ju ben einfachen Sßorten. Das Sob beS gleifeeS 
foGC bamit bem jungen Äünftler in feiner SQBctfe t>orentf)alten fein; 
gerabe bie warnte, liebeüofle SBeljanbtung, bie aus ben einjelnen fiiebern 
fpridjjt, nimmt uns für iljn ein; aber er tljat ju biet unb fehlte äftf)e* 
tifdj, wätirenb er freilidf) überaß baS SBefte woflte. Die S3urnSf<f>en 
@ebidf(te lehnen üon üornljerein, jum größten Xljeile wenigftenS, jene 
breitere gorm ber SBe^anbtung ab, wie fie in ber Sompofition erfidjt* 
lidf) ift; es finb woljl ©rgüffe einer wahrhaften Didfjterftimmung, aber 
immer fdf)lid)t, furj unb bünbig; barum lieben if)it bie Somponiften 
aucf( fo feljr, barum fügen ftd) feine SBorte wie öon felbft jum Siebe 
unb am natürlichen in jene %oxm, wie fie bem wirftidjen SSotfSliebe 
eigen ift. Der Eomponift wollte aber meljr als biefeS; er giebt 
meiftenS grofce ausgeführte ©tüdfe, bie wof)l einen ftrebfamen SRufifer 
tterratljen, mit ber natoen gorm ber ©ebidfjte aber im SBiberfprud) 
ftetien ; oft Ijat feine SDtufil f ogar einen bramatifd&en ober tt>eatralifd>en 
Stnftridf), unb ^ier fd^eint er am weiteften toom ßiete ja f^n. galten 
wir alfo bie Suffaffung ber ©ebidjte für jum Xfjeil t>erfel)lt, unb 
namenttidfj baS erfte, britte unb fünfte Sieb für öiet ju anfprud^Süott 
unb fetywerfäflig, fo müffen wir bodj aud£| in biefen manches ©igen* 
tljümlidje anerfenuen unb t>or Slßem ein djarafteriftifdjeS StwaS, eine 
fräftige ebelmännifdfje ©efinnung, wie wir fie an fo Dielen feiner SanbS* 
leute ju finben gewohnt finb. Dies tä&t fidfj nic^t mit Sßorten nadj* 
weifen, bieS mufj 3ebem fympatf>ifd(j aus feiner üHufil entgegen wetjen. 
3ebem fräftigeren männtid&en SttuSbrudf, wenn er freilid) wie ffier aud) 
nodj nid&t ganj gebilbet erfd&eint, müffen wir aber baS Sßort reben 
in ber mufilalifdjen ©egenwart, bie fidj fo überwiegenb unb gerabe in 
ityren beliebteren 9Äeiftern jum ©ntgegengefefcten neigt, als ob nidjjt 
nodfj t>or Surjem ein 33eetf)oöen gelebt, ber es fogar in SBorten aus* 
gefprodjjen: »bem äßann mu§ SJiufif geuer aus bem ©eift fdjlagen; 
Sftü^rung pafct nur für grauenjtmmer". Daran aber benfen bie 
SBenigften unb finnen gerabe auf ftarffte Störung. SÄan foßte fie 
jur ©träfe fämmtlidf) in SBeibertleiber fteden. Sllfo ©djludfjjen unb 
SBeinen ift bie ©ad|e unfereS SnglänberS nidjt; er giebt marfigere 
SKelobieen, als man fie gemeinhin in beutfdfjen 2iebert)eften finbet, unb 
bieS mad)t iljn uns wertf). ©oflten wir einzelne ber Äieber ljer&orl)eben, 



geSca, Xrio*. 



383 



bie un& am meifien jugefagt, fo finb e$ „3of) n Slnberfon" unb ba$ 
„©olbatenlieb"; jenes ift ganj oon bem wehmütigen Xone burchbrungen, 
ber ba§ @ebtrf)t in fo t)of)em ©rabe befeeft, unb ^at trofcbem charafte* 
riftifche föaft; im „©olbaienlteb" umfpiett und ein Slnttang an baS 
SRarlboroughlieb mit eignem romantifchen SReij, bafe toir und in bie 
fchotttfdjen Jpodjlanbe t>erfe|t filmen. 2)ie Sieber finb wof)l urfprfingtich 
auf baS ©nglifd^e componirt; bodj fielen aud) beutfdje SBorte babei. 

SB. 3- 



Srtos für JJfonoforte, tfiolute unb Violoncello. 

»Ic^auber fteSca, 3toette* große* Srio (Emoll), SBerf 12. 

$ritte£ großes Srto (Gmoll)* „ 23» 

Seiber liegen und toon biefen tote ben meiften fpäter ju befpre* 
djenben XrioS feine Partituren t>or; auf Snfattibitttftt beS UrtheilS 
madjen bie folgenben &t\Un baf)er feinen Slnfpruch unb mbgen mehr 
als ein §inweiS auf bie neuen ©rfc^einungen im ©ebiete ber Xrio* 
compofition benn als fritifdjeS ©ptegelbilb gelten. UeberbieS finb 
bie einzelnen SSerfaffer befannt genug, fo bafe 3ebermann weife, was 
er ungefähr toon ihnen ju erwarten f)at, was nid)t. 

©ad erfte Xrio beS obengenannten jungen Somponiften befprad) 
bie Seitfchrift fdjon *>or längerer Seit unb fagte bort, „es f)abe eine 
©d)metterlingSnatur, wo nicht ber ganje (Eomponift felbff . Diefer 
ÄuSfprud), gut wie fcf)Iimm ju beuten, finbet aud) auf feine jwei 
fpäteren XrioS Änwenbung. SBie jenes, jeidjnet offenbar aud) biefe 
ein rafd)eS, flüchtiges Siefen aus, wie eS und wol)l auf Hugenbüde 
gefallen fann. ©in ganjeS Sünftlerleben aber fd)metterlingSartig burdj* 
jubringen, fdjeint uns biefeS benn bod) ju furj. SBir wiffen nid)t, 
ob |§r. geSca bieg im ©inne ^at; aber bie Anlage gef)t tf)m baju 
nid)t ab* (5r hüte fid) alfo. 3)ie giftigen ©turnen finb l)ier ber Sei* 
fall Des gewöhnlichen §aufenS, gewiffe 93licfe fentimentaler grauen. 
SDer wa^re JKinftler gebetet aber nur anberSwie — in ber Sinfamfeit 
ober im Umgange mit ifünftlera, unb nid)tS entnerot mehr als ber 
SJetfaQ äRittelmäfctger. Xiefe fann ftd) freilich SHemanb geben, aber 
lernen unb ftreben foQ man immer. 8Btr wiffen in ber Z^at an bei» 
ben XrtoS nichts au8jufe|en als bie mittelmäßige ©tufe, bie fie 



384 



2B. ffleuting, Xrio. 



überhaupt einnehmen; auf biefer Iciftct ber (Somponift getoiff ermaßen 
fdjon SBolItommeneS, bic gorm wirb if)m leicht, eS fehlt iljm nicht an 
hübfdjen SMobieen, er treibt banlbar für ben ©pieler; eine getoiffe 
jugenbftdje Offenheit fteljt if)m ganj befonberS an. 816er bie gorm 
ift aud^ bequem unb gewöhnlich, ben SKelobieen fehlt eS an mannig* 
faltigem 3lu3brucf, unb »ergebend würbe man in beiben Sßerfen nach 
eigentümlicherem, tjö^erem Slufftug, ja nur nadj bem SBißen baju 
fudjen. 3Rit einem äßorte, ber Somponift fdjeint mit feinem Xalent, 
mit bem, was er bis je|t gelernt, aufrieben, unb glaubt bamit für 
fein Seben auSjufommen, was wir mehr wttnfchen als glauben mödj* 
ten. 3)odj fürchten wir auch nicht ju mel! §at bodj jebeS Äünftler* 
leben feine gerienjeiten, wo eS fidj bequem fdjaufeln möchte auf ber 
©egenwart; bie iljn bann ju neuer Slrbeit ruft, bie Stimme wirb nicht 
ausbleiben. 3)er S)eutfd)e Ijat fo grofee SSorbilber hoh cr 3Känntid)teit ; 
an biefe blicfe ber jünger juweilen hinauf, wie an 33adj, ber äße 
feine oor bem breifttgften 3af)re gefdjriebenen SBerfe als für nicht eji* 
ftirenb erllärte, an 95eett)Oöen, ber nod) in feinen legten Sauren einen 
„(ShtiftuS am Oelberg* nicht toerwinben fonnte. SBirb eS euch, junge 
Äünftler, ba manchmal nid}t bange, was nad) etwa 50 Sauren ifjr 
über eure ©ompofitionen befd) tieften werbet? 8C6er freilich, was Könige 
wegwerfen, baS öerfdjlingen bie fiarrner noch gierig genug, ©ewift, 
iljr verbrennt feines eurer unfterblidjen Sßerfe, unb fo erfreut euch benn 
eures furjen SebenS, aber fdjeltet bie Bulunft auch nid^t, ro^n fl* 
öergeffen fyat 

(Sin Xotalurtheil über bie neuem SBerle beS £rn. geSca liegt in 
bem SBorigen ringefdjloffen; im detail mögen fte gewifc nach manches 
enthalten, was eines befonberen ÄobeS wert!) wäre, baS uns wegen 
äÄangelS einer Partitur entgangen. 3n ber äfoffaffung beS ganjen 
ÄttnfttercharafterS glauben wir aber nicht fehlgeurtheilt ju haben, unb 
fo wollen wir uns unb Slnbere in ber 3 u hmft bie alles Mar macht, 
wieber an biefe QtiUn einmal erinnern.! 

3S. SRcuHng, ®rofeeS Srto (Dmoll)- SBerl 75. 

S)ie SBerfjahl läfct fdjlieften, bafc wir eS tytt mit einem gefdjicf* 
ten SWuftfer ju thun haben. <3o fdjeint eS auch ™$ & cr ßlatrier* 
ftimme unb ttjeilweifen SBergteidjung ber anberen Stimmen mit biefer, 
was uns ben Sföangel einer Partitur erfefcen muffte. 2)er Somponift ift 
überbieS einer ber Sapetlmeifter am SMrnthnerthortheater in SBien, ber 



SB. Heuling, Xrio. 



385 



fi<$ noef) jüngft burd| eine Dper* befannt gemalt. 28ir f)aben e8 
mithin in feinem gaH mit einem SKomjen ju tljun. 3rren wir nid^t, 
fo würbe iljm Bei 8lupf)rung feiner Dper jum §auptüorwurf gemalt 
fein ©dEjwanfen jwifdE)en beutfdf)er unb italienifdjer ©djule, fo bafc 
feine ber Parteien, wie fie in äöien auf baä ©djrofffte fi$ gegenüber 
fielen, fid| mit bem Sßerte befriebigt erflärte. §unbert anberen SBie* 
ner Eomponiften ift fdjon ba8 SKämlidje mit bem nämlicfjen ©rfolge 
gefagt worben; fie wollen ba3 Sine unb fönnen baS Slnbere nid)t 
laffen, wollen Sünftter fein unb auef) bem SßlebS gefallen. 2)a3 fjun* 
bertfältige 9Kiftlingen foldjjer SSeftrebungen, ljat e3 iljnen noef) nidjt 
bie Äugen geöffnet bafe auf biefem SBege nief)t$ ju erreichen ift, bafe 
nur einer jum QkU fütyrt, ber: nur feine Sßflidjt gegen fidj als Äünft* 
ler unb bie Sunft ju erfüllen? 

3Btr fnüpfen biefen SBorwurf an biefeS £rio, baS, obgleich tuel* 
leidet im fdjwäef)eren ©rabe afö jene Dper, eine äf)nlicf)e Xenbenj, wie 
fie in jener Slnftc^t au&gefprodjen, ju »erfolgen fcf)eint. 2Bie gefagt, 
wir glauben, ba§ ba§ beutfdEje Äünftterelement in bem Eomponiften jur 
3eit nod) überwiege; aber ber entfefjiebene gortfcf)ritt beginnt erft mit 
bem entfdjie